Jericoacoara 

17 – 24 Oktober 2016

Tag 1: Anreise und Ankommen

Nach mehreren Stunden im Reisebus steigen wir am Nachmittag um in einen Geländewagen, da die letzte Strecke aufgrund der sandigen Straßen nur so bewältigt werden kann. Als alles Gepäck verstaut und gesichert ist, geht es in Kollone los und das Gelände wird Minute um Minute sandiger und holpriger. Ich verstehe sofort, warum nur solche Autos hier klarkommen und amüsiere mich noch über die Touristen im Wagen vor uns als sich plötzlich eine Ebene vor uns auftut und ich das Gefühl habe eine andere Welt zu betreten: weit und breit nur Sand – Ich hab so was noch nie gesehen!

On the way to Jericoacoara

Ich bin sprachlos. Mitten in den Dünen halten wir an um Fotos zu machen. Wir steigen hinauf, der Wind haut mich fast um und man versteht kaum sein eigenes Wort. Glücksgefühl pur- dass ich das erleben darf!

Nach zwanzig Minuten kommen wir nach Jericoacoara, kurz Jeri: im ganzen Ort gibt es nur Straßen aus Sand, überall kleine Cafés, Restaurants, Surferläden, street food.

Straßen aus Sand – eine Woche barfuß!

Ich checke mit Roman und Maich im Hostel ein- scheint gut zu sein- wir gehen direkt an den Strand. Der ist erst mal ziemlich unspektakulär und die teuren Hotels, die sich hier aneinander reihen, wirken etwas entzaubernd. Dass die Wellen nicht zum Strand sondern von rechts nach links laufen, ist ein ungewohnter Anblick.Später schauen wir uns den Sonnenuntergang auf der Düne links neben dem Strand an. Das ist jeden Abend eine Völkerwanderung und mir muss mal jemand erklären, warum: mega windig da oben, man bekommt durch den Sand kaum die Augen auf und dann klatscht die Menge auch noch, wenn die Sonne untergeht – ernsthaft? Interessiert doch die Sonne nicht! Schlimmer als im Flieger und zerstört den Moment total. Wir gehen essen, ich bekomme zum ersten Mal einen richtigen Salat. Im Hostel schlafe ich in der Hängematte ein und wandere mitten in der Nacht ins Bett.

Tag 2 und 3: Chillen und Kitesurfing 
Am Dienstag sind die Jungs beim Kitesurf-Unterricht und ich gehe den Tag gemütlich an. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Saulius, 31 aus Litauen. Sehr entspannter angenehmer Typ, sieht aus wie 25, Kitesurfer, hat eine eigene Baufirma in London und richtet hauptsächlich neue Geschäfte ein. Reist soviel er kann, entweder zum Surfen oder Backpacking. Nach zehn Minuten mit mir steht für ihn fest: you’ll be travelling longer! Ab dann erzählt er jedem, der mich fragt, nach einem kurzen schmunzelnden Blick, dass ich für zwei Jahre reise.

Mittags skype ich mit Marina, meiner Schwägerin und Freundin. Ihren schwangeren Bauch zu sehen, berührt mich sehr.

Reisen ist wunderbar und erfüllt mich auf neue Art und Weise. Nicht am Leben meiner Menschen zuhause teilhaben zu können, birgt etwas Trauriges. Gleichzeitig weiß ich, dass diese tiefen Bindungen immer bestehen werden. Loslassen befreit.

Im Hostel hängt einer den kompletten Tag vorm Fernseher und schaut Netflix. Wir fragen uns zwei Tage lang, ob er hier nichts besseres zu tun hat, bis sich herausstellt, dass er sich am Rücken verletzt hat. Den Spitznamen bekommt er von mir aber trotzdem und witzigerweise übernehmen ihn alle. So wird jeder durch Herkunft, Aussehen oder Angewohnheit benannt, denn alle Namen kennt und merkt sich keiner: Roman wird zum the big German guy, Maich – the pharmacist/ the Mexican, den Israeli nennen wir David, einfach weil der Name zu ihm passt. Keine Ahnung, was man sich für mich ausgedacht hat.

Den Sonnenuntergang schaue ich mit Maich heute von der anderen Seite an, mit Blick auf die bevölkerte Düne- von weitem sieht die doch eh viel schöner aus. Ewig lange Wellen von rechts nach links tragen die Surfer an uns vorbei, was beruhigend wirkt und etwas Meditatives hat.

Livemusik gibt es eigentlich dauernd in Cafés und Restaurants. Gegen halb11 machen wir uns auf zur Party des Abends am Rande von Jeri mit Bühne im Freien, Band und Tanzfläche. Irgendwann sind wir auch mitten unter den Tanzenden, allerdings ohne den brasilianischen Hüftschwung. Gefällt mir, wie hier noch als Paar getanzt wird, könnte bei uns auch mal wieder mehr in Mode kommen.

Maich verabschiedet sich als erstes Richtung Hostel und ich folge wenig später- genug getanzt und ich will Roman nicht die Tour vermasseln, die Chica neben ihm scheint interessiert. 

Am Mittwoch begleite ich die Jungs beim Surfkurs, außer Kitesurfer auf dem Wasser gibt es allerdings nichts. Ich nehme es entspannt: muss nirgendwo sonst sein, keine Arbeit, die auf mich wartet…


Tag 4: Buggyfahrt mit Maich
Wir mieten uns ein Quad, um durch die Sanddünen zu brettern und dabei noch bekannte Strände und Felsen zu sehen. Ich kann ja nicht jeden Tag nur in der Hängematte, am Pool und am Strand abhängen. Maich scheint etwas tollpatschig zu sein: er hat sich vor zwei Tagen am Zeh verletzt und einen Kite kaputt gemacht. Erinnert mich irgendwie an meine Schwester Anne. Und jetzt mit ihm Quad fahren- aber wird schon gutgehen.

Wir halten an einer bekannten Felsformation, Maich humpelt hinter mir her, sein Zeh ändert übrigens gerade jeden Tag die Farbe, dann zwei Strände. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht so aussieht wie auf den Bildern- liegt unter anderem daran, dass manche Lagunen momentan kaum Wasser haben. Der zweite Strand ist der totale Touristenstrand, nicht mein Ding. 

Wo ist das berühmte kristallklare Wasser?

Schön, aber zu viele Touristen

Wir wechseln uns ab am Steuer- macht richtig Spaß! In einem kleinen Restaurant direkt am Strand auf der Holzterrasse machen wir halt zum Essen. Fischliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten- ich muss zugeben, sieht echt gut aus. Für mich gibt’s frittierte Maniok, die mir noch am nächsten Tag schwer im Magen liegen, Salat, Reis mit Bohnen und ein paar Pommes. Frittiertes Zeug hake ich danach auch endgültig ab. Wir unterhalten uns über das Bildungssystem in Deutschland und Brasilien und wieder einmal scheint es so, dass die Wohlhabenden die bessere Ausbildung genießen. Den ganzen Tag über höre ich so Einiges über brasilianische Kultur, Sprache und Traditionen. Maich erzählt geduldig und so verbringen wir einen weiteren entspannten Tag gemeinsam.

Am Ende stoppen wir noch am Baum, der mit dem Wind gewachsen ist, machen dort ein paar Faxen und fahren anschließend am Strand entlang in den Sonnenuntergang.

Tag 5 – 7: Tiefenentspannung tritt ein
Die nächsten Tage beginnen weiterhin mit ausgiebigem Frühstück, währenddessen ich jedes Mal schon so viel lache wie manchmal den ganzen Tag nicht. Diejenigen, die am Abend vorher am spätesten im Bett waren, werden am nächsten Morgen außerdem gnadenlos ausgefragt, bei wem sie gelandet sind. Nur heiße Geschichten werden akzeptiert und dann Ruhe gegeben – armer Roman! Dann am Pool sonnen, Hängematte, spätes Lunch.

Man beachte die Dame rechts am Pool- perfekter Bikiniabdruck!

Ich habe tolle Gespräche mit interessanten Menschen, gehe jeden Tag mit Roman trainieren, wir liegen ohne Handtuch auf dem nassen Sand- der gehört jetzt ganz natürlich auf die Haut. Abends geht es meist ins Fischrestaurant, wo man sich den Fisch oder Hummer aussucht, bevor er zubereitet wird.

Party im Hostel, nachts kann man die Milchstraße sehen, habe erstmals wieder, wenn auch nur wenige Tage, Ruhe vom Ex. Jeri hat definitiv etwas Magisches- besonders am Abend.

Beer pong! Netflix und Saulius haben’s drauf!

Am Samstag wache ich mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit auf. Mit Fernando bin ich seit Pipa in Kontakt, seine positive Einstellung und Energie tun gut und decken sich mit meinem Lebensgefühl. Wir wollen uns im Süden wiedersehen. 

Später erlebe ich den perfekten Abend – mit dabei sind: 

  • Aela: 23, Französin, studiert gerade ein Jahr in Rio und
  • Adrien: 23, halb Deutscher, besucht Aela gerade, die beiden leben in Paris, waren mal ein Paar und sind beste Freunde (will erst mal keiner glauben), haben neben ihrer französischen Seite auch etwas ganz Untypisches, was sie für alle anderen noch sympathischer macht.
  • Fabian: 28 aus Köln, arbeitet im Startup Kerbholz, stellen Brillen und Uhren aus Holz her (Böhmermann hat auch schon eine im Fernsehen von ihnen getragen). Fabian ist neugierig, aufgeschlossen, kocht gerne und wird immer nervös, wenn’s ans Essen geht, er kann manchmal selbst kaum glauben, dass er schon fast 30 ist.
  • Ikamar alias ‚David‘: Ende 20, Israeli, reist ein Jahr durch Südamerika, er führt uns für den Sonnenuntergang links hinter der Düne vorbei und hat uns den Ort als den für ihn bis jetzt schönsten in Brasilien angekündigt.
  • Tobias, der den halben Tag lebhaft über das Pantanal-Gebiet und die Tiere dort erzählt und etwas überwältigt von seiner ersten Backpacker-Reise zu sein scheint.
  • Eine weitere Französin, hab nicht mit ihr gesprochen
Unbekannte Französin, Itamar, Adrien, Fabian, Tobias, myself, Aela

Wir laufen eine Viertelstunde bis wir an eine Art Oase mitten in den Dünen kommen. Allein dieser Anblick ist traumhaft. 

Diese Oase bezeichnen wir später als Abenteuerspielplatz, denn wir finden Pferde, Wildschweine, Slacklines, ein Seil, mit dem man sich über den See schwingen kann, ein Trampolin, Hängematte, Boxsack und hier scheinen ein paar Hippies zu leben. Wir sind wie Kinder, die einen neuen Spielplatz entdecken und verweilen uns eine halbe Stunde, dann treibt David uns weiter, damit wir auch rechtzeitig zum Sonnenuntergang kommen. 

Vorbei an einem alten Wasserturm und einer Wasserpumpe verlassen wir die Oase und steigen die Düne dahinter hinauf. Was sich vor uns auftut, ist einfach unbeschreiblich und Bilder sagen hier mehr als tausend Worte…

Als ich das erste Mal über die Kante der Düne blicke, ist es als würde sich eine neue Welt vor uns auftun…

Dann kommt der spaßige Teil:

Auf halber Höhe setzen wir uns in die Düne. Hier ist es auf einmal vollkommen windstill und man spürt die Sonne auf der Haut. In der Ebene grasen Pferde, der Himmel färbt sich langsam rötlich, das ist nicht von dieser Welt. Fabian hat chillige Elektromusik dabei. Wir genießen den Moment – jeder für sich und doch gemeinsam. Innere Ruhe, Frieden, Dankbarkeit – ich hab selten so erfüllende Momente erlebt, geeint mit meiner Umgebung.

Nachdem die Sonne hinten am Horizont verschwunden ist, steigen wir noch einmal kurz die Düne hinauf – man hat fast schon vergessen wie windig es da oben ist, der Kontrast ist enorm. In fast kompletter Dunkelheit laufen wir zurück unter klarem Sternenhimmel und Milchstraße.

Der letzte Tag in Jeri bricht an. Roman ist schon etwas wehmütig, da wir alle am gleichen Tag gehen werden und er alleine zurückbleibt. Er geht heute wieder Surfen, ich chille mit Fabian am Pool, Netflix organisiert Lunch für alle.

Weil es so schön war, gehen wir nochmal in die andere Welt zum Sonnenuntergang. Dieses Mal übernimmt Fabian die Rolle des Reiseführers und es ist amüsant, wie sehr er darin aufgeht. „Ach, es ist doch immer wieder schön hier.“ Der Zauber lässt nicht nach und ist Balsam für die Seele.

Abends geht’s natürlich nochmal ins Fischrestaurant. Wir unterhalten uns darüber, inwiefern man mehr man selbst ist beim Reisen, da man weniger in bestimmte Rollen gepresst wird. Dessert in einer Eisdiele zum dahinschmelzen.

Mein Herz nimmt Tag für Tag mehr Raum ein. Ich lerne, Menschen vom ersten Tag an zu lieben.

Als wir zurück ins Hostel kommen, checke ich kurz meine mails und kann nicht glauben, was ich lese: mein Ex hat doch echt nen Flug gebucht und will mich finden – what??? Ich kanns nicht fassen und empfinde Wut. Das ist nicht, was ich möchte. Er ist nicht Teil meiner Reise und das soll auch so bleiben. zudem ist das langsam krankhaft- Seelenverwandtschaft und der ganze Quatsch- ich kanns nicht mehr hören! (Ich meine das nicht abwertend, aber es reicht!) Da meine kleine Jeri-Familie hier meine Geschichte kennt und ich das Bedürfnis habe zu sprechen, erzähle ich von der email. Saulius, Fabian, Aela, Adrien und zwei weitere Mädels sammeln sich um mich (Roman ist unterwegs). Ich werde nochmals gebeten, doch bitte ein Buch zu schreiben, jeder schätzt die Situation ein und Saulius sagt am Ende im Stillen ganz treffend zu mir: „don’t think too much about it. It doesn’t change anything.“ Wir sitzen und liegen noch bis spät in die Nacht zusammen, spielen „tell one lie and one truth“ und lernen uns so auf interessante und lustige Weise noch besser kennen. Ich genieße diese Stunden, wir kennen uns so kurz und sind uns doch so nah- einfach nur schön und ich fühle mich sehr gut aufgehoben in dieser Runde. (Das mit dem Flug hat sich übrigens zwei Tage später wieder erledigt, er hängt in einer Dauerschleife. Jetzt wird alles komplett ignoriert und nicht mehr gelesen.)

Am nächsen Morgen heißt es Abschied nehmen von Roman. Ich bin mir sicher, wir sehen uns nochmal wieder. Fabian bleibt noch einen Tag, dann Amazonas – auch ihn werde ich nicht vergessen. Mit Saulius, Aela und Adrien beginnt dann der Roadtrip nach Fortaleza. Saulius wird in der Nähe weiter kitesurfen, die anderen beiden begleiten mich nach Canoa Quebrada. Auf der Fahrt umreißt Saulius seinen Lebensweg und ich bin tief beeindruckt und berührt. Er ist das lebende Beispiel dafür, dass auch ohne viel Schule alles möglich ist: mit 15 von der Schule geflogen, jobt hier und da, geht nach Dublin und fängt da auf dem Bau an. Zwei Jahre später wagt er mit einem Freund den Neuanfang in London und lebt dort erst mal unter Hippies in einem verlassenen Gebäude. Wieder auf dem Bau, harte Zeit, aber ihm liegt die Arbeit mit den Händen. Ihm wird geraten sich selbständig zu machen. Jetzt hat er eine eigene Firma, lebt mitten in London, nimmt nur sieben Monate im Jahr Aufträge an und reist das restliche Jahr. Er überlegt momentan, ein Surferhostel zu eröffnen – mal was anderes für ein paar Jahre. Verdammt angenehmer Mensch!

Goodbye Jericoacoara and thank you for the amazing time – hope to see you again!

Fortaleza

15 -16 Oktober 2016

Der Samstag geht für die Fahrt nach Fortaleza drauf: erst von Pipa nach Natal, dort zwei Stunden Aufenthalt am Busbahnhof, in denen ich Açai natural mit granola finde und ein paar Cashewnüsse. Ansonsten gibt’s da nix Essbares für mich. Zudem hat Fernando mich motiviert noch konsequenter zu sein- will nichts mehr essen, was eigentlich nur krank macht und unser Körper ist unser kostbarstes Gut, nicht wahr… Das durchzuziehen, ist nicht immer ganz einfach, man eckt an und muss auf Reisen Abstriche machen, aber ohne Ideale und Träume kommen wir nicht mal halb so weit.

Um drei mittags geht’s weiter nach Fortaleza- verbringe die Zeit mit Schreiben, Musik und schlafen. Bin ein wenig nervös, weil der Bus erst nach Mitternacht ankommt und man hier wieder gefährliche Pflaster erwarten muss. Hab nicht vor mich hier lange aufzuhalten sondern will lieber gleich nach Jeri. „Wenn du Zeit sparen willst, dann verschwende nicht viel Zeit in der Stadt- da gibt’s nichts Spektakuläres und die Strände sind auch nicht schöner, dann besser mehr Zeit in Jeri!“ Genau so hab ich das vor. Raus aus dem Bus steuere  ich direkt ein Taxi an und lasse mich ans Hostel fahren. Der Nachtwächter ist total goldig und lieb, zeigt mir mein Bett, Bad, wifi Kennwort. Zähne putzen, Linsen raus, Nachrichten checken, Licht aus.

Frühstück am nächsten Morgen ist dürfig: wieder mal nur schlechter Kaffee – das ist echt ein Phänomen: wieso gibt’s nur schlechten Kaffee, wenn der doch von hier kommt -, Papaya, Banane, weiße Brötchen, billiger Käse und sogenannter Schinken, Margarine und komischer Kuchen, außerdem lieblos gemachtes Rührei. Wo kommt bitte die gute Bewertung dafür bei Booking.com her?? Ja, da bleibt nicht viel für mich. Komme mit Maich, 30, aus Rió und Roman, 29 ‚aus de Palz‘ (so wird er ins Handy eingespeichert) ins Gespräch. Aus Neustadt kommt der Gute- wir amüsieren uns über die Nähe in der Ferne und ich lass gleich mal meinen Slang raushängen- verschdehd jo sunnschd kenna!

Die beiden haben den Tag an einem Strand außerhalb geplant, zu dem man für 35RS mit dem Bus gebracht wird. Riecht für mich schwer nach Touritrip und Abzocke, ich überlege aber trotzdem nicht lange und schließe mich an, denn nach Jeri komme ich heute eh nicht mehr und so bin ich in guter Gesellschaft. Kaum sind wir im Bus, komme ich mir vor wie auf einer Kaffeefahrt. Die Tante vorne labert ohne Punkt und Komma, etwas gekünstelt die gute Laune. Dort angekommen, riesige Restaurantanlage am Strand mit Pool und Duschen. Man will uns eine Buggyfahrt schmackhaft machen. Roman hat wie ich keine Lust drauf. 16Uhr ist wieder Treffpunkt, wir laufen am Strand entlang, weg von den Massen. Überall Kitesurfer im Wasser, je weiter wir kommen desto leerer wirds. Allerdings ist weder das Wasser sauberer noch ist es weniger windig; weit und breit kein Café oder Restaurant mehr. 

Nach kurzem Abkühlen im Wasser finden wir ein Stück weiter eine Sitzgelegenheit im Schatten und tauschen uns bei gekühlter Kokosnuss aus, die wir kaufen um hier sitzen zu dürfen. Roman ist Maschinenbauingenieur, arbeitet hier in Brasilien im Bereich Consulting und macht gerade Urlaub. Er reist viel und gerne, trainiert gerade Handstand auf einer Hand und hat drei Geschwister, die er auch als seine besten Freunde bezeichnet. Irgendwann kommt die Frage, warum ich hier bin. Da wir Zeit haben, fange ich in meiner Geschichte etwa vor zwei Jahren an. Er erzählt von seinen letzten Beziehungen und wir sind uns einig, dass wir lieber alleine bleiben als uns zu binden, nur um sich sicher zu fühlen.

Strandpolizei zu Pferd 

Zeit, was zu essen- wir laufen zurück- man, ist das windig! Am Restaurant treffen wir Maich mit den zwei Mädels, die auch aus dem Hostel mitgekommen sind. Die Mädels bestellen Krebs, die Jungs Fisch und ich frittierte Maniok und Salat, bestehend aus ein paar grünen Blättern, Tomaten, Paprika (auch noch die grünen) und einem Haufen Zwiebeln. Am Ende ist ein Krebs von den Mädels übrig. Roman will ihn essen, bevor er weggeschmissen wird, wirkt aber beim Aufklopfen des Panzers ziemlich unbeholfen und bringt uns zum Lachen. Maich zeigt ihm wie’s geht, will aber selbst nichts haben. „You know that they cook them alive – it’s cruel!“ Auf diesen Kommentar hin wirkt Roman plötzlich gar nicht mehr scharf auf den Krebs. Noch dazu sieht das Innere echt ekelhaft aus. Ich muss schmunzeln, weil ich sehe, wie ihm der Appetit vergeht. „Na dann guten Appetit, Roman!“ Er rührt das Tier nicht an.

Erst lacht er noch!

Irgendwie kommt es dazu, dass ich während des Essens meine Lebensgeschichte und die unserer Familie erzähle mit allen einschneidenden Erlebnissen. Die Jungs wirken beeindruckt und etwas sprachlos. How did you turn out so ’normal‘? Ich scherze: well, you don’t know me yet. How do you deal with all that? You seem to be happy. I’ve never heard a story like this.

‚Wie bist du so normal geworden? Wie kommst du mit all dem klar?  Ich hab noch nie so eine Geschichte gehört.‘ (vielleicht sollte ich doch ein Buch schreiben).

Ich konzentrier mich auf die schönen Dinge im Leben. Hab nichts davon, alles, was schlimm war immer wieder zu betrauern. Es gibt Schlimmeres. Was nicht heißt, dass ich es wegdrücke- ich nehme es an als einen Teil von mir, der mich wachsen lässt, andere Menschen besser verstehen lässt.

Am Japanischen Garten

Zurück in der Stadt schlendern wir gegen Abend erst ein bisschen an der Promenade entlang – komische Gestalten unterwegs hier – dann suchen wir uns einen Baum, wo Roman seine Ringe zum Trainieren befestigen kann. Das wird eine etwas abenteuerliche Aufgabe, doch dann lassen wir alle die Muskeln brennen und testen uns auf der slackline. Tut gut und die salzige Haut mischt sich mit Schweiß.

Danach gönnen wir uns die beste Eiscreme der Stadt und setzen uns bei Mondschein an den Strand. Ich bin voll im Jetzt und Hier – toller Moment!

Wir sind begeistert vom Eis, blicken in leere Becher, schauen uns an, müssen lachen…let’s go for a second one. Also schlappen wir zurück, holen uns noch mehr Eis und gehen wieder an den Strand.

Auf dem Heimweg versorgen wir uns noch mit Obst für die Fahrt am nächsten Tag und ich finde Mandelmilch im Supermarkt – geil – die muss mit! 

Praia de Pipa

10 – 15 Oktober 2016

Mittags um halb zwei nehme ich den Bus Richtung Pipa und muss einmal umsteigen in einen dieser uralten VW Busse in weiß: es gibt immer einen Fahrer und der 2.Mann steht hinten drin, schiebt die Tür auf und zu und kassiert das Geld.

Das Hostel ist quasi direkt am Strand, vom Balkon aus kann ich das Meer sehen und es geht immer ein frischer Wind, so dass man die brennende Sonne kaum spürt. Ich richte mich ein im Zimmer ohne Türen und Fenster – wirkt ein bisschen wie ne alte Scheune. Alles offen hier, da wird man früh wach, aber mir gefällt’s – hat was. Nur bin ich die Einzige im Zimmer- hmm…Wollte nicht schon wieder alleine sein.

Am Abend schlender ich durch Pipa und bin angetan von den stilvoll eingerichteten Cafés, Restaurants und Bars.

Wie erwartet wache ich früh auf. Kurz nach 5 geht die Sonne auf und es ist schnell strahlend hell. Der Tag beginnt hier mit der Sonne und die Straßen sind immer direkt belebt. Ich frühstücke, finde aber niemanden, der mit mir den Tag verbringen könnte; nur ein paar Argentinier, die zusammen Urlaub machen. Also Strandtag alleine.

Praia do Amor: absoluter Surfspot, zum Schwimmen nicht ganz ungefährlich. Ich mache ein paar obligatorische Fotos und steige über in den Fels geschlagene Stufen runter zum Strand. Hier reiht sich eine Strandbar an die nächste mit Schirmen, Liegen und Stühlen, Musik dröhnt aus alten riesigen Boxen. Jenseits all dessen suche ich mir einen ruhigen Platz im Sand und hab nur zwei Frauen ein paar Meter weiter neben mir.

Ich verbringe den Tag mit lesen, schreiben, nachdenken, im Wasser abkühlen- richtig schwimmen läuft hier wie gesagt nicht bei dem Wellengang. Gegen Abend sinkt meine Stimmung. Mein Exfreund will nicht akzeptieren, dass ich keinen Kontakt mehr möchte und hält an etwas fest, was so nicht existiert, vielleicht nie da gewesen ist oder ich einfach nicht bereit für bin. Ich bin nicht ganz unschuldig, dass der Kontakt in den letzten Wochen wieder aufgelebt ist, habe ihm gegenüber aber gleich meine Bedenken dazu geäußert. Jetzt merke ich, keine gute Entscheidung. „In so einer Situation musst du ein Arschloch sein, sonst kommst du nicht raus“ hat mein Freund Kai mal schön gesagt. Wir wissen natürlich beide, dass damit einfach klare Ansagen und Konsequenz gemeint sind. Ich lasse mich auf ein Telefonat ein und finde mich wieder, wie ich versuche ihm zu erklären, warum das keinen Sinn macht. Im selben Augenblick denke ich, moment mal – ich muss eigentlich gar nichts mehr erklären, das sind Gefühle und die bedürfen keiner Argumentation. Ich muss noch klarer sein, fühlt sich hart an. Außerdem sollte ich endlich jeden Kontakt meiden.

Das Leben konfrontiert uns so lange mit derselben Situation, bis wir wirklich daraus lernen und nicht mehr denselben Mustern verfallen.

Der Teil in mir, der ihn unglaublich schätzt als Mensch und ihn nicht verletzen will, ist gerade ziemlich laut. Durchs Telefon höre ich: „Sarah, at one point you need to settle down. You can’t do this forever. And you should take this chance“…Nein, ich muss gar nichts! Und wenn es sich richtig anfühlt ohne darüber nachdenken zu müssen, dann passiert das schon von alleine. All das und mehr denke ich, während er redet. Am Ende lege ich auf mit einem endgültigen ‚Goodbye‘ und spüre, wie mich eine Welle von Traurigkeit übermannt, meinen Körper durchströmt und mich schmerzlich weinen lässt. Nach zwanzig Minuten steht der Surfertyp, der wohl zum Hostel gehört und den ganzen Tag bekifft zu sein scheint, wenn er nicht gerade surft, zögerlich im Eingang. Er hat mich wohl gehört – gibt ja keine Wände hier – und fragt, ob alles ok ist. Ich winke entschuldigend ab. Nach viel mehr Tränen schlafe ich erschöpft ein. 

„Ich weiß, dass du eine besondere Vergangenheit hast und es dir manchmal schwer fällt dir selbst zu vertrauen. Du fragst dich, ob deine Distanz und dein nicht verliebt sein darin begründet sind. Aber ich erlebe eine Frau, die eine intime Nähe zu ihren Geschwistern hat, tiefe Freundschaften pflegt und ein Vorbild und Führung für junge Menschen ist. Du kannst fühlen, dich binden und loslassen. Du bist ganz einfach nicht verliebt, ganz ohne tiefere Bedeutung. Egal, ob der Kopf sagt, dass alles passt….es ist einfach so und auch nicht schlimm, auch wenn es vielleicht trotzdem weh tut. Es muss einfach ein Mann sein, den du liebst für das wie er ist, vielleicht sogar herrlich unperfekt.“ – Vanessa (vor 7 Monaten)

Nach dieser Nacht gehe ich es gemütlich an, schreibe weiter am Blog, fühle mich traurig und allein, hab keine Lust aktiv zu sein. Eine Ausrede brauch ich nicht, denn es ist wolkig und regnet immer mal wieder. Passend zu meiner Stimmung hat es in der Nacht heftig gestürmt. Es ist schon mittag, und ich überlege das Hostel zu wechseln – brauche jemanden um mich. Während ich durch Booking.com blättere, höre ich Schritte im Raum, blicke auf und auf einmal steht Fernando vor mir: strahlende Augen, dunkles Haar, entspannte Ausstrahlung, sportlich, aufmerksam, interessiert. Er spricht mich direkt an. Fernando ist 31, kommt aus Venezuela, hat Telekommunikation studiert, schon in China, Irland und auf den karibischen Inseln gearbeitet, den Job gekündigt und reist mit seinem besten Freund auf unbestimmte Zeit durch Brasilien auf der Suche nach einem Ort, der sich gut anfühlt zum Niederlassen und vielleicht ein Hostel zu eröffnen. Wo kommt der denn jetzt bitte her? Ich bin perplex – unverschämt gut sieht er auch noch aus. Er fragt, ob ich schon gegessen habe – natürlich nicht. Wäre aber auch total egal, natürlich komme ich mit!

Beim Essen am Strand finde ich heraus, dass er noch krasser unterwegs ist als ich: keine Milch, kein Brot, kein Reis, kein Zucker, kaum Alkohol. Macht Triathlon und Ironman, geht sehr bewusst mit seinem Körper um und träumt davon sich eines Tages selbst versorgen zu können. Nach dem Essen geht sein Freund José zurück zum Hostel. Er spricht leider nicht viel Englisch und mein Spanisch ist noch nicht gut genug für tiefgründige Gespräche, scheint aber auch ein klasse Typ zu sein. Fernando und ich steigen auf einen der Berge, die das Meer umgeben und tauschen uns über unsere Motivation für die Reise aus – man, hat der schöne strahlende Augen! Und er gibt mir das Gefühl, dass der Gedanke, vielleicht nicht mehr in das sichere Leben gehen zu wollen, vollkommen nachvollziehbar ist. Er nimmt mich in den Arm und wir gehen zurück.

Ich erlebe zwei wunderschöne Tage mit den beiden, in denen wir gemeinsam gesund einkaufen und kochen, an den Strand gehen, auf einen Aussichtspunkt klettern, abends tanzen gehen und ich bis in die Nacht hinein mit Fernando in der Hängematte liege und wir reden und lachen. Ich bin berührt von der Art, wie er mich bei allem einbindet, mir Aufmerksamkeit schenkt, mir zuhört und selbst mit Leidenschaft erzählt. 

Am dritten Morgen begleite ich die zwei noch zum Bus, sie reisen weiter Richtung Süden und werden die nächsten zwei Wochen in einem Hostel aushelfen. Dafür gibt’s Unterkunft und Essen umsonst. Ich bedanke mich für die Zeit, drücke aus, dass er im perfekten Moment aufgetaucht ist und wie gut mir das getan hat.

Den Rest des Tages schaue ich mich unter anderem auf der Plattform für Freiwilligenarbeit genauer um. Angemeldet bin ich schon seit drei Wochen und mein Profil ist jetzt auch aktualisiert. Es gibt Reisende, die so über Jahre von Ort zu Ort kommen ohne viel Geld auszugeben. Gestern hat mich jemand angeschrieben und mir einen Job in einer Pousada an der Nordküste unterhalb von Fortaleza angeboten, die auch ein Café haben mit (kite-) Surfshop und Verleih. Hört sich gut an: soll irgendwelchen Kindern und Mitarbeitern Englisch beibringen und ansonsten anpacken, wo Hilfe gebraucht wird. Sogar Vollverpflegung und ich darf selbst auch surfen. Ich sage zu. In einer Woche soll ich da sein. Das läuft hier grad echt anders als geplant – nicht, dass ich einen hatte, aber ihr wisst schon, was ich meine…Morgen geht’s nach Fortaleza und einen Tag später gleich weiter nach Jerricoacoara – da freue ich mich riesig drauf! Jeder schwärmt von diesem Ort.

Life is a Pandora box.

João Pessoa

07 – 10 Oktober 2016

Eigentlich wollte ich von Salvador direkt nach Natal, dann noch etwas weiter hoch die Küste entlang und danach rüber nach Argentinien. Da ich aber sowieso alle paar Tage meine Pläne ändere, so auch dieses Mal. Mache einen Stop in João Pessoa, da ich dort über einen Freund einen Kontakt habe.

Am Abend vorher nehme ich den Nachtbus und sitze ausgerechnet neben Alex, 25 – wahrscheinlich der einzig weitere Deutsche im Bus. Brauche eine Minute um mich wieder an den Klang der deutschen Sprache zu gewöhnen und dann reden wir ohne Pause stundenlang! Wir sind irgendwie gleich sehr vertraut miteinander und ich bin wieder überrascht wie offen und persönlich ich über mich spreche. Alex ist aber auch ein toller Zuhörer. 

Alex hat drei Geschwister und wie ich einen engen Kontakt mit seiner Familie. Macht den Eindruck als weiß er, was er will, hat schon viel Zeit im Ausland verbracht und hätte am liebsten einmal selbst Familie mit mindestens fünf Kindern. Er studiert Sport und macht ein Auslandssemester in Medellin, Colombia, das geht aber erst im Januar los, bis dahin reist er durch Brasilien. Als wir es uns in den Sitzen gemütlich machen bin ich kurz irritiert, da er gar keine Scheu vor Körperkontakt zeigt, ist wie unter Geschwistern. Find’s aber schön und wir teilen die Erfahrung uns hier beim Reisen manchmal einsam zu fühlen. Alex steigt früh am nächsten Morgen in Maceio aus, wir tauschen noch schnell Nummern aus und wollen uns nochmal treffen. (Bild folgt also noch)

Freitag: In João Pessoa werde ich nach 17Stunden Fahrt von Clelia, Fernando und seinem Schwiegervater herzlich in Empfang genommen.

Am Abend muss Fernando noch arbeiten, ich spaziere mit Clelia am Strand entlang und sie lädt mich zum Essen ein. Ich muss lachen, da sie mich nach Facebook fragt. Diese Frau geht mit der Zeit 🙂 Erster Eindruck: super sauber hier, schöne endlose Strände und mir wird jetzt erst bewusst, wie lang die Küste hier ist- 138km Strand, einer schöner als der andere!

Samstag: Am nächsten Morgen gehe ich um sieben mit Fernando laufen- bzw er geht und ich laufe. Zwischen 5 und 8 morgens sind die großen Avenidas am Meer gesperrt für aktive Menschen mit Rad, Skates oder zu Fuß- wie cool ist das denn! Bewegung und Körperbewusstsein haben hier am Meer einen großen Stellenwert.

Clelia, 69 verwöhnt mich mit viel Obst und frisch gebackenem Kuchen, dann gehe ich mit ihr an den Stadtstrand Tambau. Ohne Sonnenschirm und Strandstühle geht hier übrigens gar nichts. Ich finde die Strandverkäufer übrigens gar nicht mehr lästig sondern hab verstanden, dass das ein Service ist. Man bekommt hier alles, muss sich um nichts kümmern, alle Gelüste werden gestillt – vor allem Getränke und jegliches Essen, mitunter Kleider, Accessoires und was das Herz sonst noch begehrt. Sagt man höflich danke, ziehen sie weiter.

Wir verständigen uns in drei Sprachen und das funktioniert überraschend gut. Wir trinken Bier und ich noch nen Cocktail, essen patatas fritas und sie schenkt mir einen Jumpsuit vom Strandhändler. Seltsames Gefühl, wenn man einfach nur danke sagen kann. Clelia erzählt mir einiges über die Stadt, wir reden über Gott und die Welt.

Clelia 🖒

Ich bin zutiefst dankbar, so gute offenherzige Menschen kennen lernen zu dürfen!

Sonnenuntergang am Praia do Jacaré begleitet von live Saxophonmelodien.

Abschließend gehen wir in ein beliebtes Tapioka-Restaurant. Da alle deftigen Variationen mit Käse sind, nehme ich Cocos und Schokolade- ja, da ist auch Milch drin, ich weiß. Scheiß drauf – muss hier schon genug Abstriche machen.

Tapioka with coconut and chocolate- sugar attack!

Keine Stunde später meldet sich mein Magen- ich vertrags einfach nicht mehr.

João Pessoa facts:

  • Drittälteste Stadt Brasiliens
  • Östlichster Punkt Südamerikas und damit näher an Senegal als an Südbrasilien; nirgendwo sieht man die Sonne früher aufgehen als hier
  • Nach Paris die Stadt mit den meisten Bäumen
  • Ältester FKK Strand Nordbrasiliens

Sonntag: wir fahren raus aus der Stadt zum Praia do Coqueirinho:

Coqueirinho beach

Vorher noch kurzer Abstecher zum Praia do Tambaba:

Tambaba beach

Am Coqueirinho Strand sichern wir uns Schirm und Stühle, trinken Bier, essen Obst und betreiben people watching

Ich entdecke einen Weg, der auf den Berg links führt und entscheide, da will ich auch hoch.

Fernando macht noch Witze, ich nehme mein Handy und will los laufen. Er will mich begleiten, damit auch nichts passiert. Als ich links einschlage, merke ich, dass er dachte, wir spazieren hier nur entlang. „I think its not good without shoes, Sarah“ Ich muss schmunzeln, ignoriere sein Zögern und los geht’s. Die Erde ist heiß und staubig, Sonne knallt runter und Fernando schnauft hinter mir! Aaahaha- aber Blöße gibt er sich keine und zieht tapfer durch, muss sich oben angekommen erst mal sammeln. Belohnt werden wir hiermit:

Gegen halb4 laufen wir am Strand entlang zurück Richtung Auto.

Fernando macht dann mit dem Auto noch nen kleinen Umweg hinter die Hügel am Strand:

Zuhause gibt’s dann erst mal Açai mit granola und wir ruhen uns aus. Frenando fährt zu seiner Freundin, Clelia kümmert sich um mich mit gutem Essen und frisch gebrühtem Kaffee.

Abends gehe ich mit Fernando noch ne Stunde ins nächstgelegene Shopping centre, Clelia braucht ein neues Handy und ich nen Bikini, hab einen in Paraty vergessen. 

Clelia hats echt drauf mit der Technik: Smartphone, Tablet und Laptop. Bei Facebook aktiv und am whatsappen wie meine Nichte (oder ich – lol). Tolle Frau!

Morgen mittag geht’s weiter nach Pipa. Nutze den verbleibenden Vormittag, um den Blog endlich zu aktualisieren.  Dann sind Freunde und Familie endlich zufrieden und ich hoffe, es gefällt euch 🙂

Bin so dankbar, diese Reise zu machen – ist so bereichernd auf jeglichen Ebenen, auch wenn ich manchmal sehr harte, traurige und einsame Momente habe. Einen Monat bin ich unterwegs und manchmal denke ich, in einem Jahr will ich noch nicht heim.

Salvador 2

04 – 06 Oktober 2016

Morgens um 6:30Uhr angekommen. Dann auf den Bus in die Stadt gewartet und wurde von einer Frau abgetippt, mein Handy wegzustecken. Als ich mich genauer umsehe, fällt mir auf, dass kein Mensch hier sein Handy benutzt. Soviel zur Sicherheit. Ist doch kacke, wenn man so aufpassen muss. Auch, dass ich oft überlege, ob ich ein Foto machen soll oder nicht und oft genug zu dem Schluss komme: fuck it, it’s not worth it.

Praia do Forte

Im Hostel in Barra angekommen, welches einen sehr schönen Eindruck macht, frühstücke ich und mach mich dann gleich auf den Weg zu Lynn. Die hat noch drei Leute im Schlepptau: Luis aus Argentinien, Michael aus Deutschland und Charlie, der hier lebt und uns die nächsten zwei Tage herumführt. Ich bin so verpeilt, dass ich weder Bikini noch sonstwas dabei hab. Lynn leiht mir alles- puh…

Luis, Charlie, Lynn, Michael 

Fahrt dauert zwei Stunden in einem Minivan.Der ist am Ende vollgestopft und macht wohl mit bei dem contest ‚How many people fit in this van‘. Ich hab 28 gezählt. Interessant finde ich, dass Leute, die stehen, ihre Tasche einfach bei einem Sitzenden auf den Schoß legen – voll normal, und macht sogar Sinn und ist hilfreich. Gefällt mir!

Dort gibt’s ne richtige Promenade, ziemlich touristisch aber wie gesagt mal ganz schön fürs Auge. Am Wasser angekommen tauchen wir ein bißchen nach Fischen- da gibt’s viele auf einem Fleck, essen gemeinsam Lunch und spazieren dann am Strand entlang.

Zur richtigen Zeit kann man beobachten, wie die geschlüpften Meeresschildkröten ins Wasser laufen. Heute wollte aber keine.

Marker where sea turtles put their eggs
Fresh and salty water side by side

Auf dem Rückweg zum Bus essen wir noch Açai, Lynn besteht drauf.

Tag 2: Feira de Sao Joaquim, Mercado Modelo und Pelourinho 

Wir steuern zuerst den food market an, Charlie führt uns durch die Gassen und wir probieren uns durch Früchte und Nüsse.

Cashew Frucht schmeckt widerlich. Ich muss laut lachen, wie Luis sein Gesicht verzieht, Foto hatte ich leider nicht parat.

Watermelon anyone?

Durch die Fleischabteilung sind wir auch ganz kurz- oh mein Gott! Da liegt das Fleisch offen auf den Tischen und Katzen springen zwischendrin rum… Nein, hab kein Foto, hab geschaut, dass ich da schnell rauskomme.

12:30 in Brazil – time for the first beer of the day. Luis: „soy en vacances.“ Ich: „yo también, pero para un año!“ Aber is ja eh schwächer als bei uns, das Bier 😉 Also weiter zum Cachasa Stand:

Läuft bei uns!

Danach geht’s mit dem Elevador hoch nach Pelourinho:

Second time up here for me but with Charlie I’m seeing different parts, plus better weather and good company!

Erste Capoera Schule in Brasilien – wer hats erfunden? Wir bekommen die Instrumente gezeigt und dürfen dann verbotenerweise noch auf den Platz hinter der Schule!

Very first Capoera school!

Der Argentinier probiert auch alles, was süß ist und Lynn geht ohne ihr Açai nicht heim- aber ich muss zugeben, ich hab mitgegessen. 

El hombre dulce

Ziemlich erschöpft steigen wir in den Bus heimwärts. Als ich ins Hostel komme, läuft mir Felix, 48 über den Weg. Hab mich schon beim Frühstück mit ihm unterhalten: Brasilianer, der in Santiago de Chile lebt, aber durch seine Arbeit oft hier ist. Ruhige, sehr positive Ausstrahlung, lebensfroh. Hatte mich am Morgen lose auf ein Bier verabredet. Er scheint auf dem Sprung zu sein und fragt mich, ob ich Lust auf Fußball hab. „Necesito 5 minutos!“ und dann bin ich dabei. 

Felix, myself and his friend
20.000 visitors tonight

Spannendes Spiel. Fragt mich nicht, wie die Mannschaften heißen, aber Salvador’s Team verliert. Felix genießt die Atmosphäre und den Moment, das seh ich ihm an. Später erzählt er mir noch von seiner Arbeit. Wenn ich das richtig verstanden hab, hat er hidrofit mit gegründet, da geht’s um Fitness im Wasser und gibt unter anderem Kurse mit Aquabikes – hab Videos gesehen- brudaaal, was für ne Maschine! Nach dem Spiel geht’s noch auf ein Bier in eine Bar und so geht ein wunderschöner Tag zuende.

Am nächsten Tag verbringen ich mit Felix und Martin, auch Gast im Hostel, ein paar Stunden am Strand. Martin kommt aus Schweden und hat vor 18Monaten entschieden, sein Leben in Schweden so nicht weiterführen zu wollen. Er sucht noch den richtigen Ort in Südamerika, der sich gut anfühlt zum niederlassen. Fest steht, zurück will er nicht. Vielleicht kommt die Gewissheit auch mit der richtigen Frau, dann ist der Ort gar nicht mehr so wichtig.

Fresh cold coconut- I love it!
Edit
Um 19Uhr muss ich am Busbahnhof sein, da geht mein Nachtbus nach João Pessoa. Mein Rucksack war den Tag über im Kofferraum unseres uber-Taxis, das macht mich jetzt etwas nervös, aber Felix meinte, kein Problem, der holt uns nachher wieder ab. Martin geht zurück ins Hostel und ich warte mit Felix auf unser Taxi- Felix lebt im Moment und fühlt seine glücklichen Momente, wenn sie geschehen- der Name passt, fällt mir aber erst später auf. Würde jetzt gerne länger hier bleiben- Taxi kommt wie abgemacht, am Bahnhof eine letzte Umarmung, wir bleiben in Kontakt.

Lençóis, Chapata Diamantina

30 Sept – 03 Okt 2016

Anreise mit dem Bus- die sind wirklich komfortabel hier, da kann sich Deutschland was abschauen! Viel Beinfreiheit, Lehnen lassen sich weit nach hinten stellen, manchmal auch wifi, wirkt alles sehr gut organisiert. Ist aber auch nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass es hier kein ausgebautes Schienennetz gibt. Südamerika setzt klar auf Busse. 

Komme abends an und bin allein im 8er Zimmer. Eine Frau scheint aber da zu sein und auf einem mehrtägigen Trip. Ihr Shampoo hat deutsche Aufschrift. Ich lerne sie später am Abend kennen: Lynn aus der Schweiz, ca 27, von ihrer dreitägigen Tour zurück. Sehr sympathisch, offen, klar, natürlich. 

Lynn loves her Açai!

Hat für den nächsten Tag schon was vor, wollen aber den Abend zusammen verbringen.

Hostel ist ein Wohlfühlort, nur momentan ziemlich leergefegt. An sich ist es angenehmer nicht in der Hochsaison zu reisen, nur momentan wäre Gesellschaft echt wichtig für mich.

Beim Frühstück hab ich allerdings dennoch ein amüsantes Gegenüber:

Die Dame läuft hier auch unter dem Namen ‚Breakfast Cat‘

Ich mache mich auf zum nächstgelegenen Wasserfall. Dauert ca eine Stunde durch kaum benutzte Wege. Dank maps.me, was auch ohne Internet funktioniert, weiß ich, dass ich richtig bin. 

Natural water slide

Ich genieße die Aussicht, schaue den Kindern beim Spielen zu und mache mich auf den Weg zurück. 

Man hat so viel Zeit zum Denken, Dinge revue passieren zu lassen, zu fühlen. Zuhause ist das unmöglich, auch wenn man frei hat. Ich verarbeite, lerne mich besser kennen, fühle…so wichtig

Am Abend schlender ich mit Lynn durch Lençóis: ein paar schöne Straßen hier, wenn auch touristisch, aber besser als die hässlichen Barracken, die man hier sonst oft findet.

South America is about nature, not cities.

Zurück im Hostel noch ein Bier und wir lernen uns besser kennen: Lynn hat Jura studiert, macht gerade drei Monate Urlaub, danach geht’s im Beruf weiter. Spannend, ihr zuzuhören, ist ein ganz fremdes Gebiet für mich. Wir wollen uns in Salvador wiedersehen.

Ich will unbedingt rauf auf den Berg Pao Inacio – die Aussicht muss überwaltigend sein – und schließe mich daher widerwillig einer geführten Tour mit dem Geländewagen an, die nicht gerade billig ist. Aber alleine könnte ich mich doch verlaufen und so sehe ich mehr an einem Tag, und bin unter Leuten.

Refreshing to swim there

Riesige Tropfsteinhöhle, aber ich bin kein Fan. Tief im Innern haben wir trotzdem ein intensives Erlebnis: alle Lampen werden gelöscht und wir meditieren 10 Minuten – es ist pechschwarz und ich hab selten eine solche Stille erlebt!

You can eat this cactus- tried it. Just another vegetable

Hammer Aussicht! 

Bin den ganzen Tag ziemlich in mich gekehrt und nicht wirklich gut drauf. Bis auf den Tourguide war die Gruppe ziemlich langweilig und viel geredet haben wir nicht. 

Am nächsten Tag ist das Wetter durchwachsen und ich bleibe im Hostel, schreibe die Postkarten, die eine Woche später übrigens immer noch nicht abgeschickt sind. Außerdem Tagebuch aktualisieren, nach Hostels schauen, usw.

Fühle mich einsam und sehne mich nach vertrauten Menschen- no easy day today. Trotzdem merke ich, wie Dinge in mir arbeiten und bin dankbar für die Zeit, die ich habe.

Der einzige andere Gast im Hostel spielt neben mir Gitarre. Am späten Nachmittag ergibt sich dann plötzlich einiges: 

  • meine Freundin Bianca aus NYC plant einen Surfurlaub mit vier Ladies an Weihnachten und Silvester in Punta Hermosa in Perú. Das Luder hat vor, nen heißen Surfer aufzureißen- Plan durchschaut!  Da könnte ich mich anschließen (also beim Urlaub) – gutes Gefühl, in der Zeit jemand Vertrautes um sich haben zu können.
  • Lynn schreibt mir, dass wir morgen zum Praia da Forte bei Salvador gehen – spitze!
  • Der Gitarrist und ich gehen spontan mit zu einer Capoera-Stunde. Hab mich vorher nie damit beschäftigt, sehr interessant.
Kids lesson capoera
Guitarist needs to take part as well 🙂

Um 23:30Uhr  geht mein night bus zurück nach Salvador. So endet der Tag doch schön und ich kann mich auf ein paar schöne Tage freuen. 

Salvador – 1

27-29 September 2016

Anreise: bin geflogen – innerhalb Brasiliens sind die Flüge nicht teuer, wenn man nicht zu kurzfristig bucht. Lohnt sich auf jeden Fall zu vergleichen mit stunden- oder sogar tagelangen Busfahrten. Auf der Karte sieht alles immer so nah aus, und dann stellt man fest: verdammt, das sind hunderte, wenn nicht sogar 1000km.

Erst mal drei Tage hier geplant. Wurde vorher wieder mehrfach gewarnt, vorsichtig und wachsam zu sein und bestimmte Gegenden besonders nachts zu meiden. Beunruhigend finde ich, das immer wieder von Einheimischen zu hören- denn dann ist es wirklich so.

Erkunde die Gegend um mein Hostel – Rio Vermelho – unter anderem wieder um Sojamilch zu kaufen. Hier scheint es sicher zu sein, auch abends allein und als Frau.

Im Hostel abends treffe ich Marco, 28? aus Belo Horizonte. Er will nochmal studieren, Philosophie. Er arbeitet momentan hier und macht die Nachtschicht. Wir unterhalten uns lange und gleich sehr tiefgründig, entdecken Parallelen unserer Lebenssituation: so many options in life: what shall we choose, what let go?

Am nächsten Tag schau ich mir die Altstadt an- wunderschön! Muss an Mama denken, der würde es hier gefallen mit den engen bunten Gassen, den kleinen Läden und ansprechenden Cafés.

Hier kann man relativ unbesorgt schlendern. Allerdings steht auch fast an jeder Ecke Polizei und zeigt Präsenz. 

Kaufe ein paar Postkarten und warte dann in der Post eine geschlagene Stunde, um sechs bescheuerte Briefmarken zu bekommen. Ich ziehe eine Nummer- fünf vor mir. Vier Schalter besetzt, einer zählt aber nicht wirklich, der ist nämlich von zwei alten Damen belagert, das kann dauern. Am nächsten beklebt die gute Frau in aller Ruhe Pakete und gibt Daten in den Rechner ein. Am dritten wuselt die Frau hin und her und benimmt sich, als wäre sie in ihrem Büro und nicht im Kundenservice mit mittlerweile zehn Kunden mit Nummer in der Hand. Juckt die alle nicht. Der einzig hoffnungsvolle Schalter läuft schleppend. Nun gut, als ich endlich dran bin, dauerts 2 Minuten.

Tag 2 hier beginne ich mit einem Lauf entlang der Küste. Bin schon unausgeglichen genug: kein befriedigendes Essen, zu wenig Sport, zu wenig Menschen um mich zum Austauschen, kein Sex 😉 Beim Frühstück begegne ich Anthony, etwas älter als ich, aus Atlanta. Sehr sensibler Mensch, positive Ausstrahlung, great to talk to. Leider reist er noch heute ab sonst hätten wir sicher noch mehr zusammen gemacht. 

Den Tag verbringe ich im Hostel mit Tagebuch schreiben, mit Freunden chatten und weitere Tage planen. Für den Abend verabrede ich mich mit Marco um den Sonnenuntergang in Barra anzuschauen- der einzige Ort in Salvador, wo die Sonne im Meer untergeht.

Der Spaziergang dorthin dauert 45min und wir tauschen Erfahrungen unserer letzten Beziehungen aus. Ich merke, dass ich unglaublich offen erzähle. Tut gut und ist wie Therapie um Vergangenes zu verarbeiten.

Abends gibt mir der Typ an der Rezeption Anthony’s email. Er möchte mit mir in Kontakt bleiben- freut mich sehr!

Gute Menschen ziehen sich gegenseitig an und finden sich – und die Welt ist voll davon!