Jericoacoara 

17 – 24 Oktober 2016

Tag 1: Anreise und Ankommen

Nach mehreren Stunden im Reisebus steigen wir am Nachmittag um in einen Geländewagen, da die letzte Strecke aufgrund der sandigen Straßen nur so bewältigt werden kann. Als alles Gepäck verstaut und gesichert ist, geht es in Kollone los und das Gelände wird Minute um Minute sandiger und holpriger. Ich verstehe sofort, warum nur solche Autos hier klarkommen und amüsiere mich noch über die Touristen im Wagen vor uns als sich plötzlich eine Ebene vor uns auftut und ich das Gefühl habe eine andere Welt zu betreten: weit und breit nur Sand – Ich hab so was noch nie gesehen!

On the way to Jericoacoara

Ich bin sprachlos. Mitten in den Dünen halten wir an um Fotos zu machen. Wir steigen hinauf, der Wind haut mich fast um und man versteht kaum sein eigenes Wort. Glücksgefühl pur- dass ich das erleben darf!

Nach zwanzig Minuten kommen wir nach Jericoacoara, kurz Jeri: im ganzen Ort gibt es nur Straßen aus Sand, überall kleine Cafés, Restaurants, Surferläden, street food.

Straßen aus Sand – eine Woche barfuß!

Ich checke mit Roman und Maich im Hostel ein- scheint gut zu sein- wir gehen direkt an den Strand. Der ist erst mal ziemlich unspektakulär und die teuren Hotels, die sich hier aneinander reihen, wirken etwas entzaubernd. Dass die Wellen nicht zum Strand sondern von rechts nach links laufen, ist ein ungewohnter Anblick.Später schauen wir uns den Sonnenuntergang auf der Düne links neben dem Strand an. Das ist jeden Abend eine Völkerwanderung und mir muss mal jemand erklären, warum: mega windig da oben, man bekommt durch den Sand kaum die Augen auf und dann klatscht die Menge auch noch, wenn die Sonne untergeht – ernsthaft? Interessiert doch die Sonne nicht! Schlimmer als im Flieger und zerstört den Moment total. Wir gehen essen, ich bekomme zum ersten Mal einen richtigen Salat. Im Hostel schlafe ich in der Hängematte ein und wandere mitten in der Nacht ins Bett.

Tag 2 und 3: Chillen und Kitesurfing 
Am Dienstag sind die Jungs beim Kitesurf-Unterricht und ich gehe den Tag gemütlich an. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Saulius, 31 aus Litauen. Sehr entspannter angenehmer Typ, sieht aus wie 25, Kitesurfer, hat eine eigene Baufirma in London und richtet hauptsächlich neue Geschäfte ein. Reist soviel er kann, entweder zum Surfen oder Backpacking. Nach zehn Minuten mit mir steht für ihn fest: you’ll be travelling longer! Ab dann erzählt er jedem, der mich fragt, nach einem kurzen schmunzelnden Blick, dass ich für zwei Jahre reise.

Mittags skype ich mit Marina, meiner Schwägerin und Freundin. Ihren schwangeren Bauch zu sehen, berührt mich sehr.

Reisen ist wunderbar und erfüllt mich auf neue Art und Weise. Nicht am Leben meiner Menschen zuhause teilhaben zu können, birgt etwas Trauriges. Gleichzeitig weiß ich, dass diese tiefen Bindungen immer bestehen werden. Loslassen befreit.

Im Hostel hängt einer den kompletten Tag vorm Fernseher und schaut Netflix. Wir fragen uns zwei Tage lang, ob er hier nichts besseres zu tun hat, bis sich herausstellt, dass er sich am Rücken verletzt hat. Den Spitznamen bekommt er von mir aber trotzdem und witzigerweise übernehmen ihn alle. So wird jeder durch Herkunft, Aussehen oder Angewohnheit benannt, denn alle Namen kennt und merkt sich keiner: Roman wird zum the big German guy, Maich – the pharmacist/ the Mexican, den Israeli nennen wir David, einfach weil der Name zu ihm passt. Keine Ahnung, was man sich für mich ausgedacht hat.

Den Sonnenuntergang schaue ich mit Maich heute von der anderen Seite an, mit Blick auf die bevölkerte Düne- von weitem sieht die doch eh viel schöner aus. Ewig lange Wellen von rechts nach links tragen die Surfer an uns vorbei, was beruhigend wirkt und etwas Meditatives hat.

Livemusik gibt es eigentlich dauernd in Cafés und Restaurants. Gegen halb11 machen wir uns auf zur Party des Abends am Rande von Jeri mit Bühne im Freien, Band und Tanzfläche. Irgendwann sind wir auch mitten unter den Tanzenden, allerdings ohne den brasilianischen Hüftschwung. Gefällt mir, wie hier noch als Paar getanzt wird, könnte bei uns auch mal wieder mehr in Mode kommen.

Maich verabschiedet sich als erstes Richtung Hostel und ich folge wenig später- genug getanzt und ich will Roman nicht die Tour vermasseln, die Chica neben ihm scheint interessiert. 

Am Mittwoch begleite ich die Jungs beim Surfkurs, außer Kitesurfer auf dem Wasser gibt es allerdings nichts. Ich nehme es entspannt: muss nirgendwo sonst sein, keine Arbeit, die auf mich wartet…


Tag 4: Buggyfahrt mit Maich
Wir mieten uns ein Quad, um durch die Sanddünen zu brettern und dabei noch bekannte Strände und Felsen zu sehen. Ich kann ja nicht jeden Tag nur in der Hängematte, am Pool und am Strand abhängen. Maich scheint etwas tollpatschig zu sein: er hat sich vor zwei Tagen am Zeh verletzt und einen Kite kaputt gemacht. Erinnert mich irgendwie an meine Schwester Anne. Und jetzt mit ihm Quad fahren- aber wird schon gutgehen.

Wir halten an einer bekannten Felsformation, Maich humpelt hinter mir her, sein Zeh ändert übrigens gerade jeden Tag die Farbe, dann zwei Strände. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht so aussieht wie auf den Bildern- liegt unter anderem daran, dass manche Lagunen momentan kaum Wasser haben. Der zweite Strand ist der totale Touristenstrand, nicht mein Ding. 

Wo ist das berühmte kristallklare Wasser?

Schön, aber zu viele Touristen

Wir wechseln uns ab am Steuer- macht richtig Spaß! In einem kleinen Restaurant direkt am Strand auf der Holzterrasse machen wir halt zum Essen. Fischliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten- ich muss zugeben, sieht echt gut aus. Für mich gibt’s frittierte Maniok, die mir noch am nächsten Tag schwer im Magen liegen, Salat, Reis mit Bohnen und ein paar Pommes. Frittiertes Zeug hake ich danach auch endgültig ab. Wir unterhalten uns über das Bildungssystem in Deutschland und Brasilien und wieder einmal scheint es so, dass die Wohlhabenden die bessere Ausbildung genießen. Den ganzen Tag über höre ich so Einiges über brasilianische Kultur, Sprache und Traditionen. Maich erzählt geduldig und so verbringen wir einen weiteren entspannten Tag gemeinsam.

Am Ende stoppen wir noch am Baum, der mit dem Wind gewachsen ist, machen dort ein paar Faxen und fahren anschließend am Strand entlang in den Sonnenuntergang.

Tag 5 – 7: Tiefenentspannung tritt ein
Die nächsten Tage beginnen weiterhin mit ausgiebigem Frühstück, währenddessen ich jedes Mal schon so viel lache wie manchmal den ganzen Tag nicht. Diejenigen, die am Abend vorher am spätesten im Bett waren, werden am nächsten Morgen außerdem gnadenlos ausgefragt, bei wem sie gelandet sind. Nur heiße Geschichten werden akzeptiert und dann Ruhe gegeben – armer Roman! Dann am Pool sonnen, Hängematte, spätes Lunch.

Man beachte die Dame rechts am Pool- perfekter Bikiniabdruck!

Ich habe tolle Gespräche mit interessanten Menschen, gehe jeden Tag mit Roman trainieren, wir liegen ohne Handtuch auf dem nassen Sand- der gehört jetzt ganz natürlich auf die Haut. Abends geht es meist ins Fischrestaurant, wo man sich den Fisch oder Hummer aussucht, bevor er zubereitet wird.

Party im Hostel, nachts kann man die Milchstraße sehen, habe erstmals wieder, wenn auch nur wenige Tage, Ruhe vom Ex. Jeri hat definitiv etwas Magisches- besonders am Abend.

Beer pong! Netflix und Saulius haben’s drauf!

Am Samstag wache ich mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit auf. Mit Fernando bin ich seit Pipa in Kontakt, seine positive Einstellung und Energie tun gut und decken sich mit meinem Lebensgefühl. Wir wollen uns im Süden wiedersehen. 

Später erlebe ich den perfekten Abend – mit dabei sind: 

  • Aela: 23, Französin, studiert gerade ein Jahr in Rio und
  • Adrien: 23, halb Deutscher, besucht Aela gerade, die beiden leben in Paris, waren mal ein Paar und sind beste Freunde (will erst mal keiner glauben), haben neben ihrer französischen Seite auch etwas ganz Untypisches, was sie für alle anderen noch sympathischer macht.
  • Fabian: 28 aus Köln, arbeitet im Startup Kerbholz, stellen Brillen und Uhren aus Holz her (Böhmermann hat auch schon eine im Fernsehen von ihnen getragen). Fabian ist neugierig, aufgeschlossen, kocht gerne und wird immer nervös, wenn’s ans Essen geht, er kann manchmal selbst kaum glauben, dass er schon fast 30 ist.
  • Ikamar alias ‚David‘: Ende 20, Israeli, reist ein Jahr durch Südamerika, er führt uns für den Sonnenuntergang links hinter der Düne vorbei und hat uns den Ort als den für ihn bis jetzt schönsten in Brasilien angekündigt.
  • Tobias, der den halben Tag lebhaft über das Pantanal-Gebiet und die Tiere dort erzählt und etwas überwältigt von seiner ersten Backpacker-Reise zu sein scheint.
  • Eine weitere Französin, hab nicht mit ihr gesprochen
Unbekannte Französin, Itamar, Adrien, Fabian, Tobias, myself, Aela

Wir laufen eine Viertelstunde bis wir an eine Art Oase mitten in den Dünen kommen. Allein dieser Anblick ist traumhaft. 

Diese Oase bezeichnen wir später als Abenteuerspielplatz, denn wir finden Pferde, Wildschweine, Slacklines, ein Seil, mit dem man sich über den See schwingen kann, ein Trampolin, Hängematte, Boxsack und hier scheinen ein paar Hippies zu leben. Wir sind wie Kinder, die einen neuen Spielplatz entdecken und verweilen uns eine halbe Stunde, dann treibt David uns weiter, damit wir auch rechtzeitig zum Sonnenuntergang kommen. 

Vorbei an einem alten Wasserturm und einer Wasserpumpe verlassen wir die Oase und steigen die Düne dahinter hinauf. Was sich vor uns auftut, ist einfach unbeschreiblich und Bilder sagen hier mehr als tausend Worte…

Als ich das erste Mal über die Kante der Düne blicke, ist es als würde sich eine neue Welt vor uns auftun…

Dann kommt der spaßige Teil:

Auf halber Höhe setzen wir uns in die Düne. Hier ist es auf einmal vollkommen windstill und man spürt die Sonne auf der Haut. In der Ebene grasen Pferde, der Himmel färbt sich langsam rötlich, das ist nicht von dieser Welt. Fabian hat chillige Elektromusik dabei. Wir genießen den Moment – jeder für sich und doch gemeinsam. Innere Ruhe, Frieden, Dankbarkeit – ich hab selten so erfüllende Momente erlebt, geeint mit meiner Umgebung.

Nachdem die Sonne hinten am Horizont verschwunden ist, steigen wir noch einmal kurz die Düne hinauf – man hat fast schon vergessen wie windig es da oben ist, der Kontrast ist enorm. In fast kompletter Dunkelheit laufen wir zurück unter klarem Sternenhimmel und Milchstraße.

Der letzte Tag in Jeri bricht an. Roman ist schon etwas wehmütig, da wir alle am gleichen Tag gehen werden und er alleine zurückbleibt. Er geht heute wieder Surfen, ich chille mit Fabian am Pool, Netflix organisiert Lunch für alle.

Weil es so schön war, gehen wir nochmal in die andere Welt zum Sonnenuntergang. Dieses Mal übernimmt Fabian die Rolle des Reiseführers und es ist amüsant, wie sehr er darin aufgeht. „Ach, es ist doch immer wieder schön hier.“ Der Zauber lässt nicht nach und ist Balsam für die Seele.

Abends geht’s natürlich nochmal ins Fischrestaurant. Wir unterhalten uns darüber, inwiefern man mehr man selbst ist beim Reisen, da man weniger in bestimmte Rollen gepresst wird. Dessert in einer Eisdiele zum dahinschmelzen.

Mein Herz nimmt Tag für Tag mehr Raum ein. Ich lerne, Menschen vom ersten Tag an zu lieben.

Als wir zurück ins Hostel kommen, checke ich kurz meine mails und kann nicht glauben, was ich lese: mein Ex hat doch echt nen Flug gebucht und will mich finden – what??? Ich kanns nicht fassen und empfinde Wut. Das ist nicht, was ich möchte. Er ist nicht Teil meiner Reise und das soll auch so bleiben. zudem ist das langsam krankhaft- Seelenverwandtschaft und der ganze Quatsch- ich kanns nicht mehr hören! (Ich meine das nicht abwertend, aber es reicht!) Da meine kleine Jeri-Familie hier meine Geschichte kennt und ich das Bedürfnis habe zu sprechen, erzähle ich von der email. Saulius, Fabian, Aela, Adrien und zwei weitere Mädels sammeln sich um mich (Roman ist unterwegs). Ich werde nochmals gebeten, doch bitte ein Buch zu schreiben, jeder schätzt die Situation ein und Saulius sagt am Ende im Stillen ganz treffend zu mir: „don’t think too much about it. It doesn’t change anything.“ Wir sitzen und liegen noch bis spät in die Nacht zusammen, spielen „tell one lie and one truth“ und lernen uns so auf interessante und lustige Weise noch besser kennen. Ich genieße diese Stunden, wir kennen uns so kurz und sind uns doch so nah- einfach nur schön und ich fühle mich sehr gut aufgehoben in dieser Runde. (Das mit dem Flug hat sich übrigens zwei Tage später wieder erledigt, er hängt in einer Dauerschleife. Jetzt wird alles komplett ignoriert und nicht mehr gelesen.)

Am nächsen Morgen heißt es Abschied nehmen von Roman. Ich bin mir sicher, wir sehen uns nochmal wieder. Fabian bleibt noch einen Tag, dann Amazonas – auch ihn werde ich nicht vergessen. Mit Saulius, Aela und Adrien beginnt dann der Roadtrip nach Fortaleza. Saulius wird in der Nähe weiter kitesurfen, die anderen beiden begleiten mich nach Canoa Quebrada. Auf der Fahrt umreißt Saulius seinen Lebensweg und ich bin tief beeindruckt und berührt. Er ist das lebende Beispiel dafür, dass auch ohne viel Schule alles möglich ist: mit 15 von der Schule geflogen, jobt hier und da, geht nach Dublin und fängt da auf dem Bau an. Zwei Jahre später wagt er mit einem Freund den Neuanfang in London und lebt dort erst mal unter Hippies in einem verlassenen Gebäude. Wieder auf dem Bau, harte Zeit, aber ihm liegt die Arbeit mit den Händen. Ihm wird geraten sich selbständig zu machen. Jetzt hat er eine eigene Firma, lebt mitten in London, nimmt nur sieben Monate im Jahr Aufträge an und reist das restliche Jahr. Er überlegt momentan, ein Surferhostel zu eröffnen – mal was anderes für ein paar Jahre. Verdammt angenehmer Mensch!

Goodbye Jericoacoara and thank you for the amazing time – hope to see you again!

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