Arica, Chile

21 – 29 März 2017

Der Nachtbus bringt mich bis an die Grenze zu Chile, weiter geht es im Morgengrauen im Auto mit Fahrer und drei weiteren Personen, der Grenzverkehr wirkt routiniert, keine Ahnung, wie viel hunderte Menschen täglich die Grenze passieren. Am frühen Morgen erreichen wir Arica – es ist heiß und ich hab schon den ersten Blick aufs Meer werfen können.

Ziemlich verschwitzt komme ich an der Pforte meiner Bleibe an. Jose Luis hat den Wohnungsschlüssel für mich hinterlegt. Ich steige die Treppen des Mehrfamilienhauses hinauf, 4.Stock, ganz oben, überraschend saubere und ordentliche Wohnung, ich schaue mich um – sieht so aus als habe ich mein eigenes Zimmer mit einem richtigen Bett, vom Balkon aus kann ich das Meer sehen. Wie gewohnt erledige ich meine ersten Schritte am neuen Ort: einloggen ins wlan, Umgebung auf Google-Maps checken, den nächsten Supermarkt ansteuern. Das Meer ist gerade mal hundert Meter entfernt, genau das, was ich jetzt brauche!

Erster Spaziergang am Strand

Gegen sechs kommt Jose Luis von der Arbeit. Er arbeitet an der Grenze, hat Nacht- und Wochenendschichten. Schon seltsam, wenn man auf eine fremde Person wartet und schon in deren Wohnung ist. Unsere erste Begegnung ist direkt sehr herzlich, er bietet mir Bier an und so quatschen wir ein paar Stunden, bis ich todmüde ins Bett falle – ich schlafe himmlisch und glaube ernsthaft, noch nie in einem so gemütlichen Bett gelegen zu haben, das Kopfkissen einfach perfekt! Später erfahre ich auch, warum: Jose Luis hat sich Betten der Marke ‚Rosen‘ geleistet, nicht ganz billig, aber bezahlbar – ich bin auf jeden Fall überzeugt, hab mich noch nie so gut gebettet gefühlt!

Eine ganze Woche verbringe ich in Arica bei Jose Luis, gehe jeden Tag laufen, esse gesund, höre im Bett das Meer rauschen, genieße das warme Wetter, organisiere meine Bleibe in Lima und die ersten Tage in Toronto. Zunächst steht noch im Raum, mich nochmal mit Felix zu treffen, doch schnell wird klar, das wird nichts, er steckt in Santiago und die Arbeit lässt ihn nicht los. Jose Luis zeigt mir Arica, wir verbringen zwei Nachmittage am Strand, machen einen Spaziergang entlang der Küste, ich begleite ihn zum Barbeque bei Freunden, wo wir ein Fußballländerspiel schauen, er bringt mich zu bekannten Aussichtspunkten, wo ich einmal wieder daran erinnert werde, wie sehr die Chilenen ihre Flagge lieben. Er nimmt mich mit zu seinem Elternhaus, was ein großer Vertrauensbeweis für ihn ist, da er aus armen Verhältnissen kommt.

Kaum angekommen und schon am Strand- das hat mir gefehlt!

Blick auf den Hafen

Jose Luis macht alle Faxen mit
die sanfte Seele…

Einen Abend verbringen wir einfach nur zuhause und Jose Luis erzählt von sich und seiner vergangenen Liebe, die er nicht loslassen kann. Vom ersten Moment an habe ich gespürt, wie sensibel er ist, doch als er vor meinen Augen zusammenbricht und sich weinend in eine Ecke in der Küche setzt, bin ich doch überrascht. Ich setze mich zu ihm, nehme ihn in den Arm und er lässt seinen Tränen freien Lauf. 

Jeder hat seine verborgenen Geschichten und in neuen Begegnungen sollten wir uns bewusst machen, dass es Gründe gibt für unser Verhalten, Erlebnisse, die uns prägen, uns zu dem machen, der wir sind.

Ich rate Jose Luis, loszulassen. Er trägt etwas mit sich herum, dass ihn traurig macht, ihn blockiert und verhindert, ganz offen nach vorne zu gehen. Noch Wochen nach meiner Abreise dankt er mir für meine Hilfe, er fühlt sich endlich frei.

Ein letzter Blick aufs Meer. 

Nach acht Nächten bei Jose Luis nehme ich den Bus nach Tacna, die erste Stadt auf peruanischer Seite, und von dort den Flug nach Lima, Inlandsflüge sind günstiger. Sechs Tage werde ich dort haben, dann fliege ich nach Toronto. Meine Tage in Südamerika sind gezählt – fürs erste – kein gutes Gefühl. Die Frage, warum ich überhaupt hochfliege, poppt immer wieder in meinem Kopf auf. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, jederzeit einen Flug zurück in den Süden buchen zu können.

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