Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

01 – 28 Februar 2018

Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten den Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und die Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
Markttag!

Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
Fotoshooting und Rezeptrecherche

Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich harmonisch und ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

mit Olga im Sushi Restaurant
Spaziergang am Hafen

Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, ich bin zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s