Letzte Wochen in Montreal, Wendepunkte, Abschiede

08 Juli – 02 August, 09 – 17 August 2017

    Die Arbeit im Restaurant geht mir mittlerweile leicht von der Hand: vier Gäste mit ihren individuellen Wünschen zu bedienen mit Entrée, Hauptgang, Weinempfehlung – behalte ich alles im Kopf, muss nichts notieren. Für ein paar wenige Wochen sind wir ein eingespieltes festes Team, das nicht viele Worte benötigt, wir arbeiten Hand in Hand, unterstützen uns gegenseitig. Doch der Frieden währt nicht lange: extrem verzögerte Bezahlung, die erste Barkeeperin kündigt, der Unmut wächst, Frustration, da wir alle unser Bestes geben; dazu Ausreden, gemischt mit Unehrlichkeit – um es kurz zu machen: ich bin gespalten, was mein Verhältnis zu unserem Chef angeht: spüre auf der einen Seite sein gutes wohlwollendes Herz, auf der anderen scheint er viel Ärger am Hals zu haben und das Vertrauen in ihn schwindet unter seinen Mitarbeitern. Ich kündige an, nach meinem Trip zur Hochzeit relativ schnell Montreal zu verlassen; will er nicht wahrhaben. 

    Ich fühle mich gesegnet ein Leben abseits der Norm führen zu können. Im Restaurant treffe ich viele interessante Menschen, die Gäste strahlen, wenn sie mich sehen, manche wollen mich überzeugen als Barkeeperin zu arbeiten. Ich knüpfe Kontakte, erlebe wie es ist, wenn man wo neu anfängt, Freunde findet, die schönen Ecken einer Stadt für sich entdeckt.

    Für viele Menschen ist Montreal ein Ort, wo sie bleiben möchten. Ich dagegen werde immer unruhiger, verbringe schlaflose Nächte, Insomnia, könnte länger bleiben um mehr Geld zu verdienen, spüre aber, dass mich das nirgends hinführt. Im Hinterkopf arbeitet es pausenlos: 

    Wie will ich mein Leben gestalten? Womit möchte ich mich jeden Tag beschäftigen? Wo gehöre ich hin?

    Es ist definitiv an der Zeit, aufzubrechen – ich habe genug gelernt hier, bin mit Eric im Reinen, blicke neugierig auf die Weiterreise, von Heimweh keine Spur. Endlich buche ich folglich meinen Flug auf Prince Edward Island, wo die Hochzeit stattfindet (dazu mehr im nächsten Beitrag) und außerdem mein Ticket zu Carola nach Virginia. Die letzten Wochen hier in Montreal sind somit gezählt und die Zeit wird knapp, all das noch zu erleben, was und wer mir wichtig ist: 

    • Zwei Wochen vor Kirstens Hochzeit steht die Bachelorette Party an, unser Programm: Nail Salon, Essen bei ihrer Freundin im Hinterhof mit obligatorischem Peniskuchen, Karaoke-Bar, und zum Abschluss Stripclub 281: ich bin ja abgebrüht, aber das sind definitiv zu viele Penisse hier! Diese werden dann auch noch in einer Art präsentiert, als wäre es eine Leistung, die Applaus verdient, das gute Stück zu zeigen. Finde dass plump und vulgär – wo bleibt der Stil, die Vorstellungskraft?
    Bachelorette day
    • An einem Sonntag bin ich zum Lunch mit Luis verabredet: ein älterer Herr, Argentinier, Gast im Restaurant, wir unterhalten uns jedes Mal auf Spanisch, was ich genieße. Er holt mich im Taxi ab, wir spazieren durch die Altstadt, er ist langsam auf den Beinen, dann Essen und Wein im Nelligan Hotel Restaurant. Er erzählt mir seine Lebensgeschichte und was ihn damals nach Canada gebracht hat. Wachsam werde ich, als er mir Komplimente für meine schönen Beine macht. Als wir später an der Straße auf ein Taxi warten, bedankt er sich für den schönen Mittag und würde dies gerne wiederholen – ohne Vorwarnung drückt er mir einen Kuss auf den Mund! Ich bin zu perplex um klarzustellen, dass er hier an der falschen Adresse ist. Zwei weitere Männer, mit denen ich mich hier gut verstehe, geben mir in diesen Wochen eindeutige Zeichen, dass sie mehr Interesse an mir haben – was ist nur los mit den Männern? Kann man nicht auch einfach mal befreundet sein? Ich bin wohl definitiv zu naiv.
    • Mit Many, meiner Bekanntschaft aus dem Club, gibt es keine Missverständnisse: wir verbringen nette Stunden, nicht mehr und nicht weniger. Er verfolgt die Idee für das „zweite Leben“, wie er es nennt, sprich den Ruhestand zu arbeiten – nein, wir zwei kommen nicht auf einen Nenner.
    • Aishah organisiert ein Barbecue für mich, um mich zu verabschieden. Den ganzen Samstag steht sie in der Küche, macht vegane Burger, Salate, Falafel und mehr. Von meiner Seite kommen Housnia und Deepak, die restlichen Gäste sind Aishah’s Freunde und alle auf ihre Art ganz weit weg vom Durchschnittsbürger, was ich total spannend finde. So wie ich beim Reisen nach dem Fremden suche, interessieren mich Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten, anderen Lebensarten und Sichtweisen – das ist genau das, was die Welt so schön bunt macht – und doch teilen wir alle dieselben Emotionen, sind verletzlich und sehnen uns nach Liebe.
      Goodbye Barbecue
    • Benjamin und Brigitte: wir treffen uns in den letzten Wochen noch so oft wie möglich und jedes Mal genieße ich jeden Moment mit den beiden – Wohlfühlfaktor ganz oben! Benjamin’s Blick auf die Welt ist einfach immer wieder inspirierend für mich. Vielleicht reise ich ja gar nicht um etwas zu finden, sondern einfach nur weil es schön ist, because that’s who I am. 
    • An meinem letzten Sonntag besuche ich die beiden zum Lunch und anschließend fahren wir spontan zur momentan angesagtesten Eisdiele Kem Coba im Stadtviertel Mile End. An sonnigen Wochenenden wie heute wartet man da schon mal eine halbe Stunde um dann zu wählen zwischen Sorten wie Himbeer-Lychee mit Rosenwasser, Dulce de leche- Mango oder Coconut-Orange.

      wir stehen Schlange für die beliebteste Eiscreme der Stadt bei Kem Coba

      Danach zeigen mir Benjamin und Brigitte noch die Bäckerei Guillaume um die Ecke. An der Theke liegen aufgeschnittene Teile zum Probieren. Während Brigitte bestellt, machen Benjamin und ich uns über das Tablett her – megalecker! bis Brigitte uns auf die Finger haut – hinter ihrem Rücken schnappen wir uns noch ein letztes Teil und schmunzeln uns verschwörerisch an. Brigitte schüttelt nur noch den Kopf.  

      • Ich lasse mich von den beiden an der Metro absetzen, da Piknic Électronik auf der Insel Jean-Drapeau schon ewig auf meiner Liste steht: eine Elektroparty, die jeden Sonntag Nachmittag stattfindet und Liebhaber der elektronischen Musik finden sich dort zusammen um in den Sonnenuntergang zu tanzen. Quasi wie der Hafenstrand in Mannheim, nur mit wesentlich mehr Platz. 

      Piknic Électronik

      Auch wenn ich jetzt gerne Freunde um mich hätte und der DJ fast einen Tick zu hart für meinen Geschmack auflegt, tanze ich zwei Stunden für mich, schalte ab und als die Sonne schon hinter dem Horizont verschwunden ist, mache ich mich auf den Heimweg.

      • Rubin Goldbaum, mein Zahnarzt hier, den ich mit seiner Frau im Restaurant kennenlernte, lädt mich zum Abendessen ein, was schon länger geplant war. Seine Frau ist leider gerade beruflich unterwegs und kann nicht dabei sein. Rubin ist ein guter Zuhörer und stellt mir wie gewohnt sehr persönliche Fragen, die mich zwingen, laut auszusprechen, was mir in den letzten Wochen durch den Kopf schwirrt: was kommt als nächstes? wo will ich sein? was will ich (nicht) von einem Partner, wenn es dazu kommt? wer interessiert mich? was ist mir wichtig? Er erzählt, dass er jahrelang auch hohe Ansprüche ans Leben hatte, aber irgendwann Frieden gefunden hat und dankbar ist für die Menschen, die ihn umgeben.
      • Eric und ich treffen uns noch ein letztes Mal an einem der letzten Abende auf einer Terrasse – ist mir wichtig, ihn zu sehen, denn trotz all den leidvollen Momenten hat die Erfahrung mit ihm mich geprägt und wachsen lassen. Ich schätze ihn nach wie vor sehr. Er erzählt von seinem neuen Job, den er nächsten Monat beginnt, er blickt positiv in die Zukunft, wirkt geheilt – ich fühle bei dieser Beobachtung einen tiefen Frieden zwischen uns. Als wir dann in dieser lauen Sommernacht an der Straße vor seinem Eingang stehen, umarmen wir uns mehrmals fest. Mit ein paar Tränen in den Augen steige ich auf mein Rad und trete in die Pedale.

      Mein letzter Tag bricht an. Bei der Arbeit haben sich einige von mir abgewendet, weil ich entschieden habe ehrlich zu sein und nicht mitzuspielen bei dem Drama um Heimlichkeiten. Es lohnt nicht wirklich, euch ins Bild zu setzen, denn die Welt hat bedeutendere Themen. Was ich jedoch aus dieser Erfahrung lerne: viele Menschen trauen sich leider nicht, ihre wahren Gefühle zu zeigen, schließen einen aus, wenn man gegen den Strom schwimmt und einfach nur ehrlich ist, verteufeln einzelne Personen, weil es so einfach ist in schwarz und weiß zu denken, sind nicht bereit, die vielen Facetten wahrzunehmen.

      Den Abend verbringe ich mit Aishah bei Wein und indischem Essen, wir drücken beide aus wie dankbar wir für unsere Begegnung sind. 

      Nach wieder einmal tiefsinnigen Gesprächen und einer innigen Umarmung muss ich los zu Benjamin und Brigitte. Meine letzte Nacht in Montreal schlafe ich dort, da Brigitte mir angeboten hat, mich am Morgen zum Flughafen zu bringen. So beginnt und endet meine Zeit in Montreal mit den beiden, was diesem Abschnitt meines Lebens einen schönen Abschluss gibt.

      Fundamentally we all want the same thing: we want to love. we want to be loved and we want to matter. – Hill Harper 

      Im Grunde wollen wir alle dasselbe: lieben und geliebt werden.

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