Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

01 – 28 Februar 2018

Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten unseren Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und unsere Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
Markttag!

Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
Fotoshooting und Rezeptrecherche

Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich überaus harmonisch und sie bringt mich täglich zum Lachen. Die Erfahrung einer so entspannten und gleichzeitig inspirierenden Beziehung ist neu für mich. Ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

mit Olga im Sushi Restaurant
Spaziergang am Hafen

Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, wir sind zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

Dartmouth, Nova Scotia – vertraute Umgebung und neue Herausforderungen

12 – 31 Januar 2018

Zurück in Nova Scotia – hier erst mal ein paar interessante Fakten:

  • Die Provinz liegt an der Ostküste und ist fast komplett vom Atlantik umgeben; kein Ort liegt mehr als sechzig Kilometer vom Meer entfernt, überall Wälder und Seen.
  • Die Hauptstadt Halifax ist wichtiger internationaler Seehafen (der weltweit zweitgrößte natürliche eisfreie Hafen nach Sydney in Australien), Transportzentrum und ökonomischer und kultureller Mittelpunkt der Region.
  • Die Halifax Explosion im Jahr 1917 war vor Hiroshima die weltweit größte von Menschen verursachte: das französische Frachtschiff SS Mont Blanc, beladen mit Sprengstoffen aus Kriegszeiten, stieß mit einem leeren norwegischen Schiff zusammen, fing Feuer und explodierte 25min später; folgender Tsunami und Druckwelle forderten ca 2000 Tote und 9000 Verletzte.
  • Nova Scotia (lateinisch für Neu Schottland) zählt knapp eine Million Einwohner, Halifax hat dreimal soviel Studenten als der nationale Durchschnitt und somit angeblich mehr Bars pro Kopf als jede andere Stadt in Canada.
  • Halifax liegt näher an Dublin, Irland als an Victoria, BC im Westen des Landes.
  • man findet hier milderes Klima als im Inland, mit vier Jahreszeiten für mich verdammt ähnlich zu unserem Wetter in Deutschland: im Winter kommt und geht der Schnee, aber es gibt mehr und er bleibt länger, etwas kälter wird es auch, aber immerhin richtiger Winter und nicht dieser graue Matsch. Die Sonne verschwindet zuweilen allerdings auch für Tage hinter einer dichten Wolkendecke.

See MicMac – Teil meines 9km Laufs
Heimweg vom Supermarkt entlang am See Banook

Das Gefühl, das sich schon in Florida anbahnte, verstärkt sich nun von Tag zu Tag und ich bin sicher ziemlich unerträglich: zu allem, was Robyn sagt, habe ich Widerworte, werde abweisend, bin besserwisserisch, genervt und kritisierend, kann mich so selbst nicht leiden. Sie ist nach wie vor einfühlsam und freut sich jeden Tag riesig, dass ich hier bei ihr bin.

Warum also mein borstiges Verhalten? Ich fühle mich eingeengt, schlafe schlecht, bin es nicht gewohnt, soviel Zeit nonstop mit der gleichen Person zu verbringen, brauche mehr Zeit nur für mich, kann mich nirgends wirklich zurückziehen. Sie arbeitet von zuhause, meine Jobsuche läuft schleppend. Außerdem vermisse ich meinen sozialen Kreis, wie ich es für mich nenne. In Deutschland habe ich es geschafft, neben unserer Großfamilie mit all meinen unterschiedlichen Freunden Kontakt zu halten. Der krasse Kontrast hier steht in keinem Verhältnis.

Die Situation spitzt sich zu als wir drei Nächte bei Olga und Lynette in Terence Bay verbringen, um Haus und Tiere zu hüten – mitten in der Natur, direkt an der Küste.

Als wir ankommen, fällt es übrigens erst schwer, nicht zum Glas Wein zu greifen, dann ist der Moment allerdings auch schnell verflogen und ich bin zufrieden mit Wasser und Tee. Dieses Mal bleibe ich konstant!

Wir verbringen die Tage mit Spaziergängen, besuchen Robyn’s Freunde, die in der Nähe wohnen und ich genieße die Anwesenheit von zwei schmusigen Katzen.

Spaziergang mit Robyn, Hund Ella und Freundin Emily

Aussichtspunkt erklommen!

Da Olga und Lynette erst nach der ersten Nacht aufbrechen, komme ich in den Genuss, auf dem Sofa zu schlafen – alleine – wie ich das genieße! Studien belegen, dass die Hälfte der Personen, die ihr Bett mit jemandem teilen, schlechter schlafen, da sie durch die Bewegungen und Geräusche des anderen gestört werden – zu dieser Hälfte zähle ich mich ganz klar auch, komischerweise schlafe ich allerdings immer einwandfrei neben meinen Geschwistern – ob es dazu auch Studien gibt?

In der zweiten Nacht will ich zunächst auf dem Sofa bleiben, aber das Bett ist so überzeugend riesig und hat zwei separate Matratzen, dass ich bereit bin, umzuziehen. Doch es liegt eine Spannung in der Luft, ich versuche mich zu erklären als ich mich auf einmal in einem Gefühl wiederfinde, das ich so nur aus einer Situation vor knapp zwei Jahren mit meinem damaligen Freund Eric kenne: ich fühlte mich nach einer Diskussion wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen, geschweige denn irgend etwas zu entgegnen. Mein Herz schmerzt, ich betrachte mich selbst wie von außen und spüre einen unendlichen Druck.

Später suche ich nach Parallelen zwischen den beiden Situationen: die Erwartungshaltung meines Gegenübers, die Gefahr den anderen zu verletzen, meine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment, Wahrung der Harmonie, persönliches Wollen verklärt. Ich beschreibe Robyn mein Gefühl ansatzweise, entschuldige mich für mein abweisendes Verhalten, unterm Strich brauche ich Freiraum! Am dritten Tag sind wir in Dartmouth einkaufen und ich nutze die Gelegenheit, bleibe hier, genieße die Stunden allein und schlafe seit langem mal wieder hervorragend. Nach weiteren Gesprächen finden wir Wege, mir den Raum zu geben, den ich brauche und ganz schnell bin ich wieder nahbar und aufgeschlossen.

Sometimes I like to be alone. I enjoy the freedom and solitude. In those moments, I remember who I am and what I want.

Ich blicke auf die Zeit mit Eric zurück: vieles nahm ich damals wie hinter einem Schleier wahr, er gab alles um mir entgegen zu kommen, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, ich dagegen verspürte irgendwann nur noch Druck. Rückblickend war ich nicht bereit, eine so bedeutende und tiefe Verbindung einzugehen, sah nur die Verpflichtung, die Verantwortung, für jemand anderen da zu sein. Die Beziehung zu ihm war ein Zugeständnis, dass ich nicht bereit war zu machen. Ich hatte einen Traum, den ich nur allein verwirklichen konnte.

Jetzt mit Robyn fühle ich mich frei, da sie ohne Zukunftserwartung jeden Tag mit Freude annimmt. Ich verstehe, was es bedeutet, einen Verbündeten im Leben zu haben. Ich möchte Ruhe finden in mir, mit meinen Entscheidungen im Frieden sein, nicht immer alles in Frage stellen. Ich kämpfe zum ersten Mal mit dem Gefühl von Heimweh, gleichzeitig ist da nach wie vor die Sehnsucht, wieder auf Reisen zu sein und neue Begegnungen zu machen, meine Freunde fehlen mir.

Was ist der Plan für die nächsten Monate? Wie immer hab ich nicht wirklich einen und so lange das nächste Ziel nicht klar ist, will ich das Jetzt und Hier voll und ganz annehmen, mir Zeit nehmen, in mich hinein zu hören.

Die Tage ziehen dahin, Jobsuche fällt schwer, denn die Gastronomie sucht erst wieder für die Sommermonate. Eines Tages schlägt Robyn vor, ich soll doch den Versuch wagen, auf dem lokalen Markt hier in Dartmouth zu verkaufen. Der Gedanke gefällt mir, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, wie meine Koch- und Backkünste bei der Allgemeinheit ankommen. Kaum eingewilligt, buchen wir einen Tisch für den nächsten Samstag, laut Robyn’s Bruder Willy ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einzusteigen, denn im Sommer bekommt man kaum einen Platz (seine Frau verkauft schon seit zwei Jahren dort). Dann geht es an die Planung und Organisation: Produkte auswählen, Zutatenliste, Preise vergleichen, Verpackung, Label, Arbeitsmaterial – die Liste nimmt kein Ende! Robyn ist super engagiert und hat tolle Ideen, wir arbeiten kreativ und produktiv zusammen. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Am 20.Januar ist es soweit und wir treten unseren ersten Markttag an, der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens.

Selfie muss laut Robyn sein, bevor es losgeht

Fürs erste Mal an einem ruhigen Samstag läuft es gut: 157 Dollar Einnahmen, unsere Ausgaben waren natürlich um einiges höher. Eine erfahrene Verkäuferin gibt mir ein paar nützliche Tipps und ich will es ein paar Wochen laufen lassen.

erster Markttag mit Hafercookies, Früchtebrot und Granola
in den ersten Wochen alles handgeschrieben, klettern durch die Küche

Mit dem Blog komme ich kaum hinterher, denn meine Tage sind gefüllt mit Rezeptrecherche, Preiskalkulation, Einkaufen (Robyns Schränke sind schnell ausgelastet), Backen, Ideensammlung für unseren Geschäftsnamen, Visitenkarten, und und und. Robyn kümmert sich außerdem um alles, was mit Internetpräsenz zu tun hat, ohne läuft heutzutage ja nichts mehr. Nach zwei Wochen steht unser Name: „Holder is vegan“. Das Ganze macht Spaß, bereits in der zweiten Woche kommen schon Leute wieder von letzter Woche. Es dauert wohl ein paar Monate bis man sich etabliert und ich stecke jetzt somit einiges an Geld und Zeit in das neue Projekt, bin neugierig, wohin das Ganze laufen wird. Beim Joggen um die Seen im Schnee bekomme ich den Kopf frei, teste jeden Tag neue Rezepte und wir genießen exquisite Dinner.

Ach ja, meine Beurlaubung ist übrigens genehmigt bis Juli 2020, noch Fragen?!

Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.

Anna Maria Island, Florida

04 – 12 Januar 2018

Taxi, Zug, Flieger, Mietwagen – in zweiundzwanzig Stunden von Ludwigshafen nach Anna Maria Island! Mit dem gemieteten Cadillac, der neben Navi mit jeglichem Schnickschnack ausgestattet ist, finde ich vom Flughafen in Orlando ohne Umwege zu Robyn und ihrer Mutter Janet, Ankunft 23Uhr Ortszeit.

Robyn begrüßt mich stürmisch und kann kaum glauben, dass ich da bin; Auch ihre Mutter strahlt, als sie mich sieht. Ich freue mich hier zu sein und es fühlt sich gut an so willkommen zu sein. Ein Glas Wein muss sein, wir erzählen ein wenig, dann lacht mich aber auch schon das Bett an, ich bin ziemlich erledigt.

Die beiden wohnen in einem Trailer, eine Art Mobilheim, welches mit Sommerhausfeeling besticht und mit allem ausgestattet ist, was man braucht. Janet hütet die Bleibe für einen Freund und verbringt somit wie viele andere sogenannte „snow birds“ die Wintermonate in Florida, um dem kalten Wetter in Kanada zu entfliehen; Robyn’s Arbeit lässt es dieses Jahr zu, insgesamt einen Monat hier zu genießen. In die kleine Wohnanlage Sandpiper Beach kann man sich nur mit Mindestalter von 55 Jahren einkaufen. Kein Wunder also, dass die Uhren hier etwas langsamer ticken und alle so tiefenentspannt wirken – Rentnerparadies ist das erste, was mir dazu einfällt. Die Lage direkt an der Küstenwasserstraße ist besonders und wird sicher von vielen Nachbarn beneidet.

Sonnenuntergang direkt vor der Haustür

Bei einem Spaziergang am Strand zeigt Robyn mir die Umgebung – süße kleine Häuschen, eine lange Hauptstraße, die am Meer entlangführt, es ist Nebensaison, daher ziemlich ruhig und kaum was los am Strand; unerwartet kalt ist es! Im Norden Floridas hat es zum ersten Mal seit 29 Jahren geschneit, wir sind zum Glück etwas südlicher. Aber die Temperaturen sind gar nicht so wichtig, denn die Sonne scheint, wir sind am Meer, Sand, Möwen, Urlaubsstimmung – was brauche ich mehr?

Spaziergang am Bradenton Beach

Anna Maria Island ist eine kleine bisher noch relativ unbekannte Insel vor der Westküste Floridas am Golf von Mexiko, ca 90km von Tampa entfernt. Unendlich lange Strände mit viel Platz, klares Wasser, es gibt keine Hochhäuser (Obergrenze von 20,5m ist gesetzlich geregelt), somit keine abturnenden Hotelketten, die jedem Strand ihren Charme nehmen, ebenso findet man kaum Fast-Food-Restaurants. Dafür kleine Hotels, Apartments und Restaurants mit typisch amerikanischem Flair entweder direkt am Strand oder nur wenige Straßen entfernt. Ein kostenloser Bus, hier Trolley genannt, macht ein Auto auf der Insel überflüssig.

Bradenton Beach
Sandpiper Resort – das kleine Rentnerparadies

Da ich am letzten Abend in der Heimat noch mit den Nachwirkungen des Weins zu kämpfen hatte, war der Abschied von Deutschland nicht so tränenreich wie befürchtet und ich ermahne mich regelmäßig im Hier und Jetzt zu bleiben um mich nicht unnötig zu stressen; im Moment ist alles gut wie es ist. Wie es sich gehört für Strandurlaube leben wir einfach in den Tag hinein: gemütliche Vormittage, ich bin fürs Essen zuständig, wir spielen Karten und Robyn bringt mir das Spiel Cribbage bei, Spaziergänge am Strand, auch Sonnenbaden lässt das Wetter drei Tage zu, wir betrachten den Sonnenuntergang, sehen Delfine, spielen Frisbee und testen die Fahrräder hinterm Haus, die sich schnell als zu verrostet herausstellen, kommen aber ein paar Tage später trotzdem in die Gelegenheit einer kleinen Fahrradtour, zu der uns ein Nachbar einlädt.

Abends schaut Janet Jeopardy und Glücksrad – das ist fest in ihren Tagesablauf integriert.

Ich bin zunächst etwas träge, aber Robyn motiviert mich, am Strand joggen zu gehen, was mich so vitalisiert, dass ich die übrigen Tage mit einem Lauf direkt am Meer kurz nach Sonnenaufgang beginne: Frühnebel, Stille des Morgens, den Geruch des Ozeans in der Nase, Meeresrauschen, Vögel folgen den Wasserbewegungen mit trippelnden schnellen Schritten und picken ihr Futter aus dem Sand, das knirschende Geräusch der Schuhe, kleine Muscheln überall. Abgerundet wird die morgendliche Routine mit einem Sprung ins eiskalte Wasser, das einem fast den Atem nimmt, gefolgt von Meditation.

An diesem kleinen Fleck der Erde kommt man zur Ruhe, keinerlei Stress spürbar, dementsprechend entschleunigt scheint alles, genug Zeit zum Nachdenken… Hier und jetzt.

Ich lerne Robyns Cousin Don kennen, der in der Nähe lebt und wir verbringen einen Abend gemeinsam: nach dem ersten Cocktail wechseln wir zu einem Pizzaplace, anschließend will sich Don richtig mit uns besaufen, aber ich lehne ab – auf das Gefühl habe ich mal überhaupt keine Lust. Trotzdem fühle ich mich am nächsten Tag verkatert – zu viel Zucker in den Getränken. Ich beschließe, bis zu meinem Geburtstag im Februar Alkohol und Zucker zu streichen. Mal sehen wie standhaft ich dieses Mal bin.

Flaniermeile am North End
Drinks mit Robyn und Don

Übrigens gehe ich jetzt in die Vollen und habe zwei weitere Jahre Beurlaubung beantragt. Keine Ahnung, wie ich mich finanziere, aber nach wie vor bin ich auf der Suche, will mehr entdecken und bin nicht bereit heimzukehren. Ich vertraue dem Leben, den Gelegenheiten, die mir begegnen werden. Kommt Zeit, kommt Rat.

Eines Morgens wache ich mit einem unzufriedenen Gefühl auf, was sich durch den ganzen Tag zieht und ich kann zunächst nicht genau greifen, woher es kommt. Auch der Lauf am Strand hilft dieses Mal nicht. Mir fehlen meine Menschen von zu Hause, mein sozialer Kreis, Rainer und Vera schreiben mir, dass sie mich vermissen, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genossen haben, geht mir genauso. Nicht an dem Leben meiner Freunde und Familie teilhaben zu können, fällg gerade besonders schwer.

Unsere Zeit ist so begrenzt, dass wir sie doch mit Menschen verbringen sollten, die uns ein Lachen ins Gesicht zaubern und uns Liebe entgegen bringen.

Robyn ist wie immer zuckersüß und freut sich über jeden Moment mit mir. Ich dagegen habe eine Art Lagerkoller, brauche Stunden für mich, einen Ort um mich zurückzuziehen. Dieses Gefühl wird sich in den nächsten Tagen noch verstärken, doch letztendlich finde ich mithilfe Robyn’s einfühlsamer Art einen Weg mir Freiraum zu verschaffen.

Nach acht Tagen auf der Insel packe ich ein weiteres Mal meinen Rucksack. Wohin es geht? Ich habe beschlossen, mit Robyn zurück nach Kanada zu fliegen. Sie tut mir gut und in den letzten sechzehn Monaten bin ich zu oft aufgebrochen, obwohl ich mich wohlfühlte. Zudem bietet Kanada die Möglichkeit, mit meinem Visum vielleicht doch noch etwas Geld zu verdienen. Also ab in die Kälte – dass ich mal freiwillig in den Winter reise, wer hätte das gedacht.

Don bringt uns zum Flughafen, wo dieses Bild zustande kommt und mich in typischer Pose in all diesen Monaten zeigt; meinen Rucksack nenne ich auch liebevoll ‚mein Haus‘. Wenn ich sie auch ab und zu schief anblicke, weil sie von allem und jedem Fotos schießt, muss ich Robyn schon rechtgeben, dass ich dankbar für die vielen Bilder bin.

mit Hab und Gut beim Check-in

Ein geplanter Weg ist wie eine Mauer vor perfekten Momenten. – Hans Kruppa

Good old Germany – Teil 2: Weihnachten und Kurztrip nach Österreich 

23 Dez 2017 – 04 Jan 2018

Noch ein Tag bis Weihnachten! Nach einem gemütlichen Frühstück mit Vera, Rainer und Paul fahre ich mit Vera noch kurz nach Mannheim in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Wir laufen über den Markt mit der Ausschau nach ein paar schönen Blumen, sind aber spät dran, also ist die Auswahl begrenzt. Vera kennt noch einen Blumenladen in der Nähe der Fressgasse. Das Konzept dort ist interessant und mittlerweile öfter anzutreffen: zwei Serviceanbieter in einem, hier Blumenladen kombiniert mit Friseur.

Scherenschnitt Calandi in Mannheim

Am Nachmittag mache ich mich auf zu meinen Eltern nach Dühren, vier Nächte werde ich dort bleiben. Vera winkt mir aus dem Fenster hinterher – goldig, berührt mich!

Mama ist am Kochen, es herrscht gute Stimmung, nach und nach trudelt einer nach dem anderen ein, die letzten kommen morgen an. Um acht abends hole ich Ellen vom Bahnhof in Sinsheim ab, vor fast einem Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen als sie und Anne mich in Argentinien besucht haben.

Ellen, Anne und ich in Uruguay

Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt joggen im Dührener Wald – Heimat pur! Als wir zurückkommen, schwingt Minh schon den Kochlöffel. Mama hat einiges vorbereitet, aber Minh kocht seit ein paar Jahren auch immer mindestens ein Gericht. Als Oma noch lebte, gab es traditionell immer Würstchen und Kartoffelsalat, danach hatten wir schon die wildesten Weihnachtsessen. So gab es in einem Jahr asiatische Sommerrollen von Minh – Anne und Ellen schwärmen heute noch davon und versuchen dieses Gericht jede Weihnachten wieder durchzusetzen. Auch der Weihnachtsgottesdienst war eigentlich immer obligatorisch, doch nach und nach hatten wir fast alle keine Lust mehr, was nicht zuletzt an der eintönigen Gestaltung in der Kirche lag. Gläubig im herkömmlichen Sinn sind wir auch nicht, haben aber die komplette Kirchenschule hinter uns, was definitiv gut für die Allgemeinbildung war. Da unsere Nichte Soraya dieses Jahr Konfirmandin ist und das Krippenspiel mitgestaltet, lassen wir uns breitschlagen, zum Gottesdienst zu gehen. Alla hop, auf die guten alten Zeiten nochmal.

Wir sind früher zurück als Mama uns erwartet hat und das Essen ist noch nicht fertig, was aber gar nicht schlimm ist: wer will, bekommt ein Glas Wein von mir in die Hand, wir quatschen, albern rum, und genießen es einfach zusammen zu sein. Heute sind wir siebzehn Personen. Neben dem großen Kern sind noch Diemy’s Schwester und Mann zum Essen da, Mama hat mal wieder noch mehr Leute eingeladen: Hamada, der Mitbewohner unseres Bruders Manuel, ein Syrer, der schon richtig gut Deutsch kann und hier Sport studieren will und Lamin aus Ghana, dem Mama geholfen hat Deutsch zu lernen und der immernoch regelmäßig vorbeikommt. Er taucht letztendlich erst am zweiten Feiertag auf, hat den Bus verpasst. Ich amüsiere mich, als Mama mit Ellen eine Sitzordnung festlegt, die wir eigentlich sonst nie haben: Mama: „der Intelligente (wir kennen den Namen zunächst nicht) sitzt neben Sarah.“ Ich nehme das mal auf mehreren Ebenen als Kompliment.

Wir verbringen unseren Weihnachtsabend wie jedes Jahr: Essen, Weihnachtslieder singen mit Ellen am Klavier (früher war das Mama) und Bescherung: hier werden nie zwei Geschenke gleichzeitig ausgepackt, immer schön der Reihe nach, damit man auch alles mitbekommt. Wir Geschwister wichteln schon seit Jahren untereinander, feste Partner eingeschlossen, da es ein kleines Vermögen kosten würde, für alle etwas zu besorgen und Wichteln macht zudem mehr Spaß!

Nicht fehlen darf nach dem langen Abend der nächtliche Spaziergang durch Dühren. Wir begleiten Manu, unseren ältesten Bruder, und Hamada nach Hause, damit er uns seine WG zeigen kann. Er ist nämlich erst vor kurzem bei Mama und Papa ausgezogen. Wir sind alle total begeistert: ein Fachwerkhaus wie aus dem Bilderbuch! Manu hat das Zimmer unterm Dach, alles bissl schepp, aber gut.

von links nach rechts: Ellen, Manu, Minh, Hamada, ich, Baldi und Diemy

Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die gemütlichen Feiertage gefreut: essen, lesen, laufen, Zeit mit meinen Geschwistern, mit der Familie, tolle Gespräche mit Mama. Am ersten Feiertag kommen David und Marina mit Tochter Sansa vorbei, Nach einem Spaziergang durchs Dorf sitzen wir zusammen bei lecker Essen.

ein ganz normales Abendessen bei den Holders

Am 26. steht wie jedes Jahr Gansessen bei einer Schwester von Papa eine Straße weiter auf dem Programm. Von seinen sieben Geschwistern wohnen fünf im selben Dorf, eine Schwester drei Kilometer weiter und nur ein Bruder weiter entfernt. Dementsprechend ist dies eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Geschätzt haben wir zwanzig Cousins und Cousinen (gezählt habe ich nie), von denen wir mit einigen wie mit besten Freunden aufgewachsen sind. Das Zugehörigkeitsgefühl ist kaum beschreibbar. So viele Menschen, die man von klein auf kennt, sich umarmt, vertraut, Sicherheit und Heimat verspürt.

Am 27. drücke ich Papa, Mama, Ellen und Anne feste mit Tränen in den Augen, könnte sein, dass ich sie nicht mehr sehe bevor ich abreise. Gegen abend bin ich zurück in LU.

Den nächsten Tag nutze ich, um einiges in Mannheim zu erledigen. Allein für den ganzen bürokratischen Kram ist es gut, mal wieder hier zu sein: Bank, Steuer, Versicherungen, die unnötig geworden sind, Verträge stilllegen – da kommt einiges zusammen. Vera kommt aus der Mosel zurück und ich verbringe den Nachmittag gemütlich mit ihr. Als Rainer abends von der Arbeit kommt, koche ich für alle und uns wird bewusst, dass das wahrscheinlich unser letzter gemeinsamer Abend ist, denn morgen bin ich schon wieder unterwegs und wenn ich den Flug nach Florida nehme, den ich entdeckt habe, verpasse ich die beiden, bevor sie wiederum zurück sind – die Zeit rennt! Schwermut… Vera und Rainer waren mir vorher schon so nah und sind jetzt noch fester in meinem Herz verankert. Die Verabschiedung am nächsten Morgen fällt mir alles andere als leicht.

Nach einem kleinen gesunden Frühstück bei meiner Freundin Eva in Schwetzingen treten wir unsere sechsstündige Autofahrt an den Mondsee in Österreich an. Eva hatte mich im November gefragt, ob ich Lust hätte, Silvester mit ihr hier zu verbringen. Das ZENtrum, in dem sie selbst schon zweimal war, bietet einen etwas anderen Jahreswechsel an mit mehr Bewusstsein und viel Meditation – ich überlege nicht lange und sage zu. Mit vielen Geschichten, die uns seit unserer letzten Begegnung bewegt haben, vertreiben wir uns die Fahrzeit. Ich mag Evas ehrliche unverblümte Art.

ca 2013 in einer Bar in Mannheim mit Eva an Franzis Geburtstag

Eva und mich verbindet zum einen unsere Heimat: sie kommt aus dem Nachbardorf Hoffenheim, welches heute durch den Fußball Weltbekanntheitsstatus genießt. Wie das auf dem Land so ist, kennt jeder irgendwie jeden und man hat zumindest eine Idee, welche Familie aus welchem Dorf kommt. Wirklich kennengelernt haben wir uns allerdings erst in einem legendären Frankreichurlaub an der Atlantikküste in Lege-Cap-Ferret mit gemeinsamen Freunden, die dort Familie haben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, sie wohnte auch eine Weile in Mannheim und ist nach sieben Jahren München vor kurzem wieder in die Heimat gezogen. Eva ist also ein unkompliziertes Mädel vom Land wie ich selbst und es ist schön so viel Vergangenheit miteinander zu teilen. Man muss sich nicht erklären, wir können uns gemeinsam an alte Geschichten erinnern und mit ihrer direkten Art bringt sie mich oft ganz ohne Vorwarnung zum lachen.

Eva befindet sich gerade in einer bewegenden Phase ihres Lebens: sie lernt, wieder alleine zu wohnen, sich neu zu definieren, ist auf der Suche nach sich selbst, sehnt sich nach innerer Ruhe. Meditation ist ihr dabei ein hilfreicher Begleiter. Ihr Wesen ist neugierig, direkt, unverblümt. („Sarah, ich hoffe ja mal, wenn wir uns jetzt schon so intensiv mit uns selbst beschäftigen, dass das mit fünzig abgehakt ist, sonst kann ich mir gleich die Kugel geben“) Wenn sie sich da mal nicht täuscht, denn so ganz fertig sind wir ja nie, was das Leben so spannend macht. Sie liebt die Berge, lässt sich gerne begeistern, ist einfühlsam und sensibel.

Gastgeberin Waldtraut steht gerade auf der Straße als wir ankommen. Ich habe über Airbnb ihr Gästezimmer gebucht, denn die Jugendherberge ist unverschämt teuer. Sie empfängt uns mit einem außergewöhnlichen Strahlen im Gesicht. In ihrer Wohnung fühlt man sich sofort wohl. Ich bleibe zunächst einmal ruhig und Eva regelt alles für uns; ist auch mal schön, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Nach kurzem Plausch mit Waldtraut machen wir uns mehr oder weniger gleich auf in den Ort zum Abendessen und entscheiden uns für das Lokal ‚Wirtskultur‘- es gibt sogar indisches Curry für Veganer, aber wenn ich schon mal hier bin, will ich auch was handfeschdes: Sauerkraut und Bratkartoffeln – mmmmh, lecker!

Den nächsten Morgen beginnen wir mit ayurvedischem Porridge im Naturladen Glückskost und fahren auf Waltdrauts Empfehlung hinauf zur Postalm: was für eine traumhafte Winterlandschaft! Ewig habe ich nicht so viel Schnee gesehen. Es knirscht herrlich unter den Stiefeln, wir packen uns warm ein und begeben uns auf einen Rundweg von fünf Kilometern. Weit und breit ist kaum ein Mensch zu sehen, unglaublich wie wenig hier los ist. Eva schwärmt schon ewig von der Magie der Berge und mit ihrer Stille, Weite, Stärke und Kraft umfangen diese mich mit einem gewissen Zauber, was mich überrascht, da ich mich sonst immer mehr dem Meer zuwende.

ayurvedisches Porridge zum Frühstück

Schneewanderung an der Postalm

Auf halbem Weg kehren wir ein in die Huberhütte: Flädlesuppe, Bauernkrapfen, Skiwasser und Glühmost. Dann bei Schneegestöber zurück zum Auto, halb durchgefroren zur Wellnessalm Leopoldhof: Kräutersauna, Ruheraum mit Wasserbetten, Pool, Schwebeliegen – was braucht man mehr.

Beim Frühstück mit Waltdraut am Silvestertag haben wir das erste Mal Zeit für ein längeres Gespräch miteinander und spüren ganz schnell, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Waldtraut ist total offenherzig und so finden wir uns wieder in tiefen Gesprächen über die Liebe, das Leben, Reisen, Schicksalsschläge und was einem so zufällt – fühlt sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist so positiv und neugierig, ihr Strahlen ist immer wieder erfrischend, sie ist locker, vertraut den Menschen, verwöhnt uns wo sie kann und man fühlt sich sofort wohl mit ihr. Ganz begeistert ist sie von meiner Reise und stellt viele Fragen – was für eine tolle Begegnung mit ihr.

mit Eva und Waltdraut am Neujahrstag

Mit Blick auf die Uhr müssen wir uns losreißen, denn um vier beginnt unsere Veranstaltung und es ist schon nach eins. Für einen kurzen Spaziergang zum See mit spektakulärer Aussicht reicht es allerdings noch.

Mondsee

Im ZENtrum finden sich nach und nach alle Teilnehmer ein, bei Tee, Kaffee, Keksen und Obst beschnuppert man sich zunächst. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bernhardt und Marion, die das ZENtrum leiten, folgen Kennenlernrunde, erste Meditation und Gruppenfindung für die nächste Aktivität: Jeder wählt ein Bild, das ihn besonders anspricht und erklärt seine Wahl, die anderen in der Gruppe finden dann eine Assoziation zwischen Bild und Person. Ich bin zunächst etwas nervös, ob mir zu jedem etwas Passendes einfällt und dann ganz erstaunt, wie ich andere spüren kann, einfach eine Verbindung schaffen kann zwischen Bild und Person. Das Spiel gefällt mir: man bekommt etwas über sich gesagt, was überraschend zutreffend ist und hat die Möglichkeit, anderen etwas Schönes mit auf den Weg zu geben.

Gutes Essen und mehr Meditationen, während der zwei Orte meiner Reise von meinem inneren Auge auftauchen: die grüne Lagune und das Elqui Tal, dort fühlte sich mein Herz wohl. Ich unterhalte mich mit ein paar interessanten Frauen mit anziehender Energie. Sie wollen über meine Reise hören, sind fasziniert und bestärken mich in dem, was ich tue. Um halbdrei liegen wir im Bett, ich bin total aufgekratzt.

Am Neujahrsmorgen nochmal gemütliches Frühstück mit Waltdraut, mittags müssen wir dann aber wirklich los, denn wir haben noch ein paar Stunden Heimreise vor uns. Waldtraut schenkt mir zum Abschied das Buch ‚Stille‘ von Erling Kagge, welches ich heute noch bei mir habe.

Nach langem Stau bin ich um kurz vor 9 Uhr abends zuhause bei Rainer und Vera, mann, fühle ich mich wohl hier. Nach kurzem Gespräch mit Paul nehme ich mir ein Glas Wein, ich bin noch ganz aufgedreht von den letzten schönen Tagen. Das Aufbrechen wird schwer fallen.

Da ich Noni (Spitzname für Veronica), Mama und wer sonst noch da ist noch einmal sehen möchte, fahre ich zwei Tage vor meinem Abflug nochmal nach Dühren. Den Mittag verbringe ich mit Ellen, während Papa mit erhöhtem Blutdruck ins Krankenhaus gefahren wird, mit seinem Parkinson gehen wir lieber auf Nummer sicher. Letztendlich nichts wildes, wir bleiben alle ruhig, so wie Mama uns das immer vorgelebt hat. Dann zu Noni, alle sind da und gut drauf. Gegen zehn abends wieder zu Mama, sie ist mit Papa zurück, der jetzt regelmäßig Blutdruck messen muss und erst mal senkende Medikamente nehmen soll. Mama erzählt Ellen und mir von früher und von ihrer Mutter, unserer Oma Elsbeth, wie sie all ihre Kleider früher nähte. So erklärt sich auch ihr ausgefallener geschmackvoller Kleidungsstil heute. Was ein Schatz, den sie damals weggegeben hat! Jetzt heißt es wirklich Abschied nehmen.

Mein letzter Tag bricht an. Ich packe meinen Rucksack, habe ein paar Klamotten ausgetauscht und Winterstiefel dabei, denn nach einem Zwischenstop in Florida geht es zurück nach Kanada. Schon seit ich aus Österreich zurück bin, habe ich ein schweres Herz, Momente, in denen ich am liebsten den Flug canceln würde, fühle mich so wohl hier gerade. Andererseits spüre ich nach wie vor die Getriebenheit in mir. Suche etwas, von dem ich selbst nicht weiß, was es ist.

Bilder sichern, Zeug verstauen, gegen Abend ein letztes Mal Baldi umarmen, dann weiter zu David und Marina, Diana und Meike sind auch da und schon am Essen, ich bin spät. Alle vier sind total goldig, spüren meine Schwermut, hören mir zu. Meike meint, es gibt schon einen Grund, warum ich mit einem bestimmten Gefühl den Flug gebucht habe. Jetzt heißt es hinter der Entscheidung stehen, in dem Gefühl bleiben – recht hat sie. Ich habe einen wunderschönen Abend, trinke zu viel Wein, quatsche noch ewig mit Marina und David, nachdem die Mädels gegangen sind. Genau diese Dinge fehlen mir, diese Momente mit den Menschen, die mir gut tun, die ich liebe und von denen ich geliebt werde.

Das Leben erfüllt dir deine Sehnsucht nach absolutem Halt. Wenn du still wirst und in dich hineinlauschst, dann hörst du eine Stimme. Das ist die Stimme des Lebens und des Vertrauens. Diese Stimme wird dich zu deiner eigenen Mitte führen, da wo du zuhause bist. Und sie wird dich zu deiner Sehnsucht der absoluten Geborgenheit führen. Laß dich einfach fallen. – Afschin Kamrani

Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

06 – 23 Dez 2017

Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

  • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
  • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
  • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
 JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
  • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
  1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
  2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
  3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

meine Schüler nähren das Kind in mir

    • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
    mein geliebtes Mannheim
    • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
    • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
    mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
    Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
    • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
    mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
    Fotofix in Frankfurt

        Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

        • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
        Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
          • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
          mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                You deserve everything there is to give.
                Breakfasts in bed.
                Diamonds on your doorstep.
                Little notes hidden everywhere.
                I want you to have all my secrets
                and all of my demons,
                because you especially deserve
                all the parts of me
                I’m usually too afraid to share.

                Beau Taplin. Demons

                • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                Tag am See, Sommer 2016
                Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre

                Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

                21 November – 05 Dezember 2017

                Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

                Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

                Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

                Queensland Beach

                Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

                Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

                Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

                Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

                Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

                Rainbow Haven

                Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

                Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

                Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

                Clam Harbour

                Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

                In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

                Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

                Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

                Weihnachtself in Aktion

                Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

                Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

                Joggen in den Sonnenuntergang

                Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

                Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

                Tulum, Playa del Carmen, Cancun – Tourihochburg

                14 – 21 November 2017

                Debbie, meine Reisepartnerin in Bolivien, hatte mich noch vorgewarnt: wenn du nach Tulum gehst, sieh zu, dass du nicht alleine bist, sonst ist das ganz schön depri. Als ich am Dienstag Abend durch die Straßen laufe, weiß ich sofort, wovon sie spricht: hier herrscht Party-Stimmung, der Strand am nächsten Tag, zu dem ich in dreißig Minuten mit einem klapprigen Rad vom Hostel gelange, komplettiert das Bild: am Tag wird an der Bräune gearbeitet, abends vergnügt man sich in den Bars. Angereist bin ich ohne Begleitung, wenn sich also hier niemand Passendes findet, sehe ich mich nicht lange bleiben. Als ich am Mittwoch Nachmittag zurück in mein ruhiges Hostel komme, treffe ich auf Fred (26) und Patrick (36), zwei Brüder aus Brasilien. Ich kann mir nicht helfen, der Akzent ist Musik in meinen Ohren! Beide sind ruhige Typen, aber in diesem Moment ziemlich aufgeregt, da sie ein Spiel ihrer Lieblingsfußballmannschaft verfolgen.

                beach Tulum

                Am Donnerstag fahre ich mit Fred und Patrick spontan nach Cabo zu den Ruinen. Fred spricht besser Englisch, Patrick fühlt sich in der spanischen Sprache sicherer und so wechsle ich hin und her, was mittlerweile problemlos klappt. Patrick hat sehr stille und nachdenkliche Momente, dann wieder beteiligt er sich mit leuchtenden Augen an unseren Unterhaltungen. Fred dagegen lächelt immer, ist neugierig, hat etwas Reines und bringt mich mit seiner Art, direkte Fragen zu stellen, ständig zum Lachen.

                Bevor uns der Bus zurück nach Tulum bringt, vertreiben wir uns die Wartezeit mit einem Bier und Fritten.

                Patrick und Fred fahren abends nach Cancun, und bieten mir an, mitzukommen, ich will aber eigentlich noch gar nicht in die Touristenhochburg – die ganzen Erzählungen haben mich ziemlich abgeschreckt. Also verabschieden wir uns, ich fühle mich direkt allein und habe gar keine Lust schon wieder neue Kontakte zu knüpfen. Ohne lange zu überlegen nehme ich den nächsten Bus nach Cancun. Ist doch kacke wieder allein zu sein – mit der richtigen Gesellschaft wird das dort bestimmt halb so schlimm. Patrick holt mich ganz nach südamerikanischer Manier am Busterminal ab und stoppt ein Taxi für uns.

                Am Freitag morgen nehmen wir ein colectivo nach Playa del Carmen – der Hauptstrand ist der absolute Albtraum! Hotelbunker, kein Platz, die Leute liegen nebeneinander wie Sardinen, überall nervige Musik. Puerto Escondido war dagegen ein Paradies.

                Patrick wird im Laufe des Tages immer stiller, strahlt Unzufriedenheit aus, zieht sich zurück. Fred bleibt ein Sonnenschein, also konzentriere ich mich auf ihn. Ich schmeiß mich weg als er ernsthaft meint, alle Deutschen trinken Bier, tragen Trachten wie auf dem Oktoberfest und haltet euch fest: spielen Akkordeon! Patrick fügt hinzu: außerdem hätten sie keinen Humor, sind zu ernst, diszipliniert und wenn was nicht klappt, ist es gleich ein Drama. Im Laufe des Tages schlägt Patricks Stimmung um und als ich am Abend Fred frage, was los ist, meint er, Patrick bräuchte etwas „alone time“, was ich verstehen kann. Dass er es allerdings dann am nächsten Tag vorzieht, im Hostel zu bleiben, macht mich doch etwas stutzig. Jegliches Verständnis verliere ich, als Fred und ich am Morgen alleine aufbrechen und er beim Verabschieden nicht mal von seinem Smartphone aufblickt.

                Mit Fred verbringe ich einen wunderschönen Tag im Fischerdorf Puerto Morelos, welches auf halbem Weg Richtung Playa del Carmen liegt. Der Bus hält an der Hauptstraße und zum Meer laufen wir knapp drei Kilometer, da Fred sich im Gegensatz zu mir nicht traut zu trampen; ihm fehlt das Vertrauen in Fremde – was einem dadurch alles entgeht!

                Am ruhigen Strand haben wir mehr als genug Platz und unterhalten uns wie schon gestern über alles Mögliche sehr ehrlich und offen. Dann kommt seine Frage, ob ich zuhause vermisse. Klar bin ich müde, vermisse tiefergehende Gespräche, meine Familie und Freunde, will nicht andauernd von meine Reise erzählen, immer derselbe Smalltalk; will über Beziehungen sprechen, über Sex,… Die Anregung nimmt er sofort auf und beginnt, sehr intime direkte Fragen zu stellen: Auf was stehst du, was hast du schon ausprobiert, wie fühlt sich dies oder jenes an. Seine herzliche und doch ernsthaft interessierte Art macht es mir unmöglich, nicht auf dieses Gespräch einzugehen. Zudem braucht die Welt mehr gute Lover. So teile ich meine Erfahrung mit ihm, wir lachen, was das Zeug hält – man, tut das gut. Ich kenne Fred erst seit drei Tagen und kann doch so herrlich offen mit ihm sein. Später im Bus fügt er noch hinzu, es sei viel besser mit einer Frau über Sex zu reden, da Männer meistens nur angeben wollen und man keine verlässlichen Informationen bekommt. I’m your girl, Fred!

                When you open yourself up to the world the world opens up to you. 

                Hab keine Angst, dich der Welt zu zeigen. Wir sitzen alle im selben Boot und sehnen uns nach Vertrauen.

                Zurück im Dorf essen wir eine Kleinigkeit und sind dann fast etwas spät dran, aber alles noch im Rahmen, denn Fred und Patrick fliegen heute abend noch nach Mexico City. Dementsprechend unruhig ist Fred als wir die letzten Schritte zum Hostel laufen; wahrscheinlich sorgt er sich um die Reaktion seines Bruders.

                Patrick, den ich nur noch Mr Grumpy nenne, zeigt nach wie vor übelste Laune und würdigt mich auch bei unserer Rückkehr keines Blickes, was ich extrem befremdlich, fast schon unverschämt finde und so noch nie erlebt habe. Was ist an diesem Typ bitte noch brasilianisch und was für ein Problem hat er eigentlich? Fred hetzt unter die Dusche, um Sand und Salz vom Meer loszuwerden. Komplett sprachlos bin ich, als ich selbst aus der Dusche komme und die beiden verschwunden sind. Hat er Fred doch ernsthaft genötigt, sofort Richtung Flughafen aufzubrechen. Ich sende Fred eine Nachricht, bedanke mich für den schönen Tag und wundere mich noch lange über Patrick.

                Am selben Abend wechsle ich das Hostel, was sich als Fehler herausstellt sobald ich das Mehrbettzimmer betrete: dunkel und mit Klimaanlage, Matratzen mit Plastikfolie umwickelt – wie ich das hasse! Man schwitzt und es knistert bei jeder Bewegung! Am liebsten würde ich direkt wieder gehen, bezahlt ist aber schon. Ich fühle mich vollkommen erschöpft, außerdem spielt mein Darm verrückt, kalter Schweiß auf der Stirn und ich frage mich, was ich hier noch zwei Wochen soll – so viel Zeit habe ich nämlich, bis ich einen Flug in Washington DC nehmen muss. Ich treffe eine Entscheidung aus dem Bauch und buche spontan einen Flug, der mich in drei Tagen nach Halifax bringt. Es reicht – ich brauche Geborgenheit und Liebe. Ich vermisse meinen Sport, das Laufen, bin erledigt, mein Körper reagiert. Nach einer kurzen leidenden Nacht mit Krämpfen, Kopf- und Rückenschmerz und arschkalter Klima schultere ich meinen Rucksack auf und laufe zum Hostel Agavero, welches mir schon in Bacalar empfohlen wurde: wäre ich mal besser gleich hierher gekommen! William aus Kolumbien an der Rezeption ist zuckersüß und gibt einem sofort das Gefühl, zuhause zu sein, welches übrigens die einzige und extrem wichtige Regel hier ist: ‚Esta es su casa!‘ Ich kann erst am Nachmittag einchecken, bekomme aber trotzdem schon Frühstück. In der Küche wird an einem großen Tisch serviert, der zur Konversation einlädt. Am Herd steht ein Koch, der jeden verschlafenen Gast einfach bittet, sich zu setzen. Kurz darauf gibt es Orangensaft und er bereitet eine Köstlichkeit zu. Heute gibt es Burritos, für mich in veganer Variante – sehr lecker! Ich fühle mich jetzt schon sauwohl!

                William empfiehlt mir den Strand Playa de Delfines, mit dem Bus kommt man da ganz einfach hin; mach ich doch direkt. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten dauert es, bis das Colectivo die komplette Hotelpromenade abgefahren ist; ich steige aus, überquere die Straße und schaue aufs Meer – nein, ich starre aufs Meer! Die Farben sind unglaublich! Ich brauche ein paar Minuten um zu realisieren, dass das, was ich hier vor mir sehe, wirklich echt ist: kein Farbfilter, keine Bearbeitung, kein Fake – die Blautöne des Wassers fesseln meinen Blick.

                Auf dem feinen Sandstrand suche ich mir einen Platz und mache es mir bequem. Kaum schließe ich die Augen, muss ich sie doch wieder öffnen, um nochmal aufs Meer zu blicken, denn es ist einfach zu schön um nicht hinzusehen.

                Ich winke einen Strandverkäufer zu mir und kaufe Obstschnitze mit Salsa und Limonensaft. Die zwei Männer, die sich nicht weit von mir niedergelassen haben, nutzen den Moment und fragen, ob ich ein Bier zu meinem Obst möchte – da sage ich nicht nein. Ein Wort gibt das andere, wir rücken zusammen und so erfahre ich folgendes: beide sind Mexikaner, haben aber lange in den USA gelebt. Einer der beiden, Zinhuet, musste quasi flüchten und seine Familie zurücklassen, bzw wurde er deportiert, da er ein paar krumme Dinger gedreht hat. Abgeschreckt bin ich davon allerdings nicht, denn ich spüre sein gutes Herz und witzig ist er noch dazu. Sein Freund beantragt gerade seine Papiere für den dauerhaften Aufenthalt in Amerika. Beide fühlen sich mehr dort zuhause, da sie nicht viel Zeit ihres Lebens in Mexiko verbracht haben. Zinhuet gesteht mir, dass er dachte, ich wäre eine reiche Amerikanerin, die hier Urlaub macht. Da muss ich lachen: „Hast du mal meine Sachen genauer angeschaut?“ Er: „Du bist weiß und in Cancun, was denkst denn du!“ Als ich ihm von meiner Reise erzähle, erklärt er mich für verrückt und absolut hardcore. Dass ich meine Annehmlichkeiten in Deutschland dafür aufgegeben habe, kann er nicht nachvollziehen.

                Es wird spät, Regenwolken ziehen auf, einmal springen wir noch ins Wasser und als der große Schauer vorbei ist, begleite ich die beiden noch zum Abendessen in ein Restaurant nicht weit von meinem Hostel. Zinhuet begleitet mich zurück und würde gerne noch mehr Zeit mit mir verbringen, ich lehne dankend ab.

                William zeigt mir mein Bett und ich bin begeistert. Das ist definitiv eines der besten Hostels, in denen ich je war – und wenn ich das sage, könnt ihr mir blind vertrauen! Einladende große Betten mit guten Matratzen und duftenden Leinen, Licht und Steckdose am Bett, dann noch schöne Farbe an den Wänden, hervorragende Situation im Badezimmer, wunderschöne Dachterrasse, Billiardtisch und und und. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht! Meine letzten Tage hätte ich so sicher auch noch gut ausgehalten.

                Hostel Agavero

                Nach veganen Waffeln am Morgen mache ich mich wieder auf an den Strand und treffe dort Leo aus Schweden wieder (Bekanntschaft aus Bacalar). Auch für ihn ist heute der letzte Tag in Mexico, morgen fliegt er nach Brasilien. Als er erzählt, dass er einen Monat in Curitiba verbringen wird, bin ich ganz begeistert, denn die Stadt gehört zu meinen Favoriten.

                Gemeinsam mit seinem Reisebuddy Oscar gehen wir abends gemeinsam essen bei idylischer Atmosphäre am Steg. Mit Leo bleibe ich in Kontakt; drei Wochen später schreibt er mir, dass er schon zurück in Schweden ist: Reisefrust, der fast schon einer Depression glich; ich verstehe sofort, was er meint.

                dinner and sunset

                Zurück zuhause quatsche ich eine Weile mit William, echt schade jetzt, dass ich nicht mehr Zeit habe. Ich verziehe mich früh ins Bett, denn nach wie vor fühle ich mich schlapp und habe meinen ersten Schnupfen von der Klima im vorherigen Hostel. Um vier Uhr morgens teile ich mir mit einer Australierin ein Taxi, mit der ich mir die Zeit am Flughafen vertreibe und erfahre, dass sie auf Privatyachten arbeitet. Sie empfiehlt mir, mich doch auch mal zu bewerben und gibt mir alle Infos. Auf gehts nach Halifax.

                Hör genau hin und geh dahin, wo du dich gut fühlst.