Gewohnter Stopp in Virginia, erfrischendes Nicaragua und Abschluss auf sunny Holbox

29. April – 08 Juni 2019

Meine Reise beginnt wie so oft bei Carola in Virginia.Während ich auf meinen Flug warte, telefoniere ich mit Mama, erzähle ihr von meinen schweren Wochen, meinen Gefühlsschwankungen. Mit ihr zu sprechen, tut gut.

Kaum bei Carola angekommen, ist es unterhaltsam wie immer, wir verstehen uns blind. Das Wetter spielt auch mit: 27 Grad, Sonne, Pool – überragend! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Carola meinte schon vor Jahren zu mir, dass das Klima hier perfekt ist: die Sommer werden schön warm und im Winter gibt es richtig Schnee. Bisher muss ich ihr recht geben.

Die ersten Tage ohne Sherry fühlen sich seltsam an. Unsere Beziehung hat sich aufgebaut aus ständiger physischer Nähe, zusammen leben und arbeiten. Sie fehlt – nach der extremen Nähe nicht verwunderlich.

Ich gehe jeden Morgen laufen und denke viel über mich und meine Beziehung zu Sherry, einer Frau, nach. Ich spüre ein Wir-Gefühl, Vertrauen, fühle mich gut aufgehoben, bin nicht wie so oft vorher in meinem Freiheitsgefühl eingeschränkt, alles läuft ungewohnt harmonisch. Wie man vielleicht vermuten würde, habe ich allerdings nicht plötzlich das Ufer gewechselt. Ich war offen für etwas Neues, Sherry ist eine verdammt coole Frau und so hat sich mehr zwischen uns entwickelt. Carolas Mann reagiert auf meine Zerrissenheit mit folgendem Gedankenanstoß: „Du musst dich fragen, was brauche ich im Leben unbedingt und was hätte ich gerne. Und dann stell sicher, dass du Ersteres hast.“Wie immer genieße ich die Zeit hier mit den Kindern, Payti wird von Tag zu Tag kuscheliger. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch Kinder will, aber jetzt noch dieses Fass aufmachen… Als hätte ich nicht schon genug zu entscheiden. Die Tage vergehen schnell. Ich verbringe den Alltag mit Carolas Familie, wir haben viel Zeit zum Reden und entpflanzen einen toten Baum in deren Garten. Carola weigert sich nämlich, jemanden für die Arbeit zu bezahlen und ein kleines bisschen will sie auch ihrem Mann beweisen, dass wir das alleine hinbekommen. Nach den ersten Hieben mit Hacke und Schaufel regt sich kaum etwas und ich bin etwas entmutigt, doch Carola ist fest entschlossen – unbeirrt hacken, graben, rütteln und schaufeln wir – als das Ding dann endlich nachgibt, sind wir mächtig stolz!

Nach einer knappen Woche ist es Zeit Abschied zu nehmen und ich trete meinen Flug nach Managua an. Zu später Stunde Ortszeit lande ich in der Hauptstadt, nehme ein Taxi zum Hostel und bin überrascht, wie heiß es hier nachts noch ist. Am nächsten Tag gehe ich es langsam an, denn zu sehen gibt es hier eh nichts und mein Körper ist am akklimatisieren, ich bin am Dauerschwitzen. Eine Runde laufe ich aber doch durch die Stadt, um irgendetwas gemacht zu haben. Die Hitze ist pervers.

Fruchtsaft ‚to go‘

Ruth vom Hostel ist gesprächig, gibt mir Tipps für meine Reise und macht mir am Abend veganes Essen. Ich treffe auf Josh (USA) und Tomo (England) und wir gehen ein paar Bier trinken. Am nächsten Morgen nehme ich den Bus nach Leon.

Hier ist es wesentlich bunter und schöner, mehr so wie ich Städte in Lateinamerika gewohnt bin.

Auf dem Dach der Kathedrale von León

Das Hostel ist super schön mit offenem Innenbereich und vielem, was ein gutes Hostel ausmacht: gut ausgestattete Küche, viele Chill-Bereiche, Picknickbänke im Essbereich und komfortable Betten.

Ich nehme an der Walking tour am Nachmittag teil und lerne viel über die Geschehnisse hier letztes Jahr: Demonstrationen wegen einiger Unzufriedenheiten mit der Politik, welche gewaltsam niedergeschlagen werden. Über 800 Menschen wurden bisher getötet, in den ersten zwei Monaten verlassen über 42.000 Menschen das Land. Der alleinige Grund, warum es jetzt ruhig ist, ist Angst – gelöst ist nichts.

Abends koche ich im Hostel, quatsche mit ein paar Leuten.Donnerstag steht Volcano Boarding auf meinem Programm. Ich entscheide mich für eine Organisation, die Geld für Projekte einsetzt, die der Kommune helfen. Heute bin die einzige – auch gut, so habe ich den Guide Luis und den Fahrer für mich alleine und kann mein Spanisch üben.

Luis kommt aus dem Norden des Landes und erzählt, dass er zu Schulzeiten täglich auf seinem eigenen Pferd zur Schule ritt. Zwei Stunden war der Weg einfach, das ergibt vier Stunden auf dem Pferd jeden Tag – ein für mich schönes Beispiel für die unterschiedlichsten Lebenswelten auf unserem Planeten. Ich spreche die beiden auf Probleme im Land an, die ich sehe: Überall Müll, Leute werfen alles unbesorgt auf die Straße oder in die Büsche. Der Fahrer meint, dass bisher wenig Aufklärung stattgefunden hat, ein Bewusstsein für Umweltschutz ist nicht wirklich vorhanden. Um mehr Anbaufläche zu bekommen, werden außerdem illegal Felder abgebrannt, das Feuer gerät außer Kontrolle, kleine Wälder brennen ab.

Nach über eine Stunde Autofahrt erreichen wir den Vulkan; der Wind hier kühlt angenehm.

Der Aufstieg geht relativ schnell. Oben angekommen, bekomme ich eine Art Schutzausrüstung gegen Asche und kleine Steine, kurze Einweisung und wie auf einem Schlitten geht’s den Berg hinunter.

Innerlich vergleiche ich mit dem Vulkan in Chile und der Schlittentellerfahrt und bin nicht sonderlich beeindruckt – zu kurz, zu leicht zu erklimmen. Ich hatte schon geahnt, dass es mir so gehen wird, aber was soll’s. Viel Zeit zum Spanisch üben hatte ich und etwas für einen guten Zweck gegeben.

Obwohl es nicht mega anstrengend war, bin ich ganz schön müde und hungrig als wir zurück in Leon ankommen. Im Cafe ‚Mañana Mañana‘ gönne ich mir erst einen Cappuccino mit Keks.

Dann ziehe ich weiter zum ‚Coco Calala‘, da freue ich mich schon seit Tagen drauf, nur vegane Gerichte auf der Karte.

Frittierter Blumenkohl mit frischem Gemüse in weichen Maisfladen und leckere Dips

Soweit läuft es hier gut. Ich habe nette Gespräche und bin neugierig auf den Rest des Landes. Ab und an hätte ich gerne Sherry bei mir oder einen Freund, um meine Erfahrungen zu teilen. Ich vermisse sie und mache mir viele Gedanken, wie und wo es jetzt eigentlich weitergehen soll.

Ich dachte, ich hätte eine Entscheidung getroffen und jetzt wanke ich doch wieder hin und her. Ich will zu viel, irgendeine Tür muss ich schließen, um vorwärts zu kommen.

Am Freitag laufe ich bepackt mit großem und kleinen Rucksack in der glühenden Hitze 25 Minuten zur Bushaltestelle anstatt für 1$ ein Taxi zu nehmen, der sogenannte Chicken Bus kostet dann 15 Cordoba, was weniger als einem Dollar entspricht, ich bin schweißgebadet. Ziel ist Las Piñetas, ein kleiner Ort direkt am Meer. Der Bus ist voll mit Schulkindern, einer Frau mit Wellensittich und Verkäufern, die ihre Snacks loswerden wollen. Müll wird von klein und groß achtlos aus dem Fenster geworfen.

Zwei Stunden später bin ich im Hostel Mano a Mano. Hier geht endlich wie erhofft ein Wind und die Hitze ist leichter zu ertragen – Bikini an und ab ins Wasser.Als ich aus dem Nass komme, sehe ich eine junge Frau auf einem Liegestuhl sitzen. Wir begrüßen uns und kommen direkt ins Gespräch. Mir fällt sofort ihr britischer Akzent und ihre tiefe Stimme auf. Sehr schön, mag ich doch gleich – Rebecca ist ihr Name. Ich erfahre, dass sie auch erst seit ein paar Tagen in Nicaragua ist. Sie kommt vom Norden und will danach nach Costa Rica. Ich erzähle von meinen Plänen, mir die Karibikküste anzuschauen und sie ist gleich ganz Ohr. Ich denke mir, das könnte ein potenzieller Reisepartner werden, mit den Engländerinnen hatte ich schon zweimal super Erfahrungen – und ich behalte recht: wir wollen das kleine Abenteuer gemeinsam wagen. Zwei Tage chillen wir gemeinsam am Strand. Bier, gemeinsam essen und gute Gespräche.Dann macht sie sich auf zurück nach Leon, ich folge einen Tag später. Rebecca (Becs) ist 27, hat einen Bruder, kommt aus der Nähe von Brighton, lebte drei Jahre in Cambodia und ist jetzt auf sechsmonatiger Reise, hat vor vier Jahren 30 kg abgenommen. Sie weiß noch nicht, was sie genau mit ihrem Leben machen will, aber definitiv viel reisen, keine Kinder.

Der Strand tut gut wie immer, ich fühle mich gut mit der gebräunten Haut. Ich kommuniziere jeden Tag mit Sherry – so bleiben wir uns näher. Sie scheint sich voll in die Arbeit zu stürzen, sowohl in der Küche als auch zu Hause.Am Montag fahre ich also zurück nach Leon und erledige ein paar Dinge wie SIM-Card fürs Handy kaufen und Wäsche waschen. Dann treffe ich mich mit Becs, um die Weiterreise zu planen. Wir trinken Bier auf einer Dachterrasse und bekommen plötzlich ganz ungefragt ein zweites Getränk serviert – von dem Herrn an einem anderen Tisch, lässt uns die Bedienung wissen. Wir rechnen damit, dass er gleich rüber kommt um mit uns zu reden. Doch dann steht er auf, nickt uns nur ganz cool zu und geht. Wow! Kostenloser Drink und wir müssen nicht mal mit ihm sprechen.Am Morgen beginnt dann unsere lange Reise Richtung Osten: local bus zum Terminal, Bus nach Managua, Taxi zum nächsten Terminal, Ankunft dort gegen 4 Uhr nachmittag mit anschließender Wartezeit von fünf Stunden bis der Nachtbus nach Bluefields startet. Kein Wunder, dass nur wenige Backpacker dieses Unternehmen wagen.

Hier treffen wir auf Ali and Andy aus England. Mein erster Eindruck: Langzeitreisende, sehr spartanisch unterwegs, er etwas reserviert, sie sehr offen und kommunikativ. Die beiden vertreiben sich die Zeit mit Karten spielen und rauchen. Ich erfahre: Andy ist Biowissenschaftler, arbeitet für eine Weile und dann reisen sie für 6 bis 24 Monate, und so geht das seit 30 Jahren. Die aktuelle Reise ist auf zwei Jahre angelegt. Später mehr zu den beiden.

Warten am Terminal und Pause in der Nacht

Außerdem machen wir die Bekanntschaft mit Rob und Partnerin (der Name ist mir entfallen), auch aus England, sympathisches junges Paar, 6 Monate Reise. Zu sechst verbringen wir die nächsten 24 Stunden, beginnend mit der ungemütlichsten Busfahrt, die ich je erlebt habe: Becs und ich bekommen die übelsten Sitzplätze ganz hinten im Bus zugewiesen: eine harte, mit Leder überzogene Holzbank. Auf der Straße mit unzähligen Schlaglöchern und null Stoßdämpfern im Bus ist Schlaf kaum möglich. Ankunft in Bluefields gegen 5 Uhr morgens, warten auf die Fähre bis 9 Uhr, dann auf dieser sechs Stunden bis zur Insel; wieder kaum Schlaf und es ist heiß. Aber die Fahrt ist ruhig, wir hatten viel gelesen über die raue Überfahrt und viel Kotzerei, doch all das bleibt uns erspart.15:30Uhr Ankunft auf Big Corn Island.

Becs und ich haben für die erste Nacht online ein Zimmer reserviert, Leonardo, der Vermieter, holt uns ab. Ali und Andy schließen sich uns an. Unsere Zimmer sind sehr einfach, aber sauber und schließen an das bescheidene Heim der Familie an. Wir legen ab, fühlen uns alle ziemlich schmutzig – gehen aber einstimmig erst mal ein Bier trinken und tauschen Reisestories aus. Dann duschen und zusammen Abendessen im Comedor – eine Art Restaurant aus Wellblech zusammengeschustert. Am nächsten Tag erkunden wir nach dem Frühstück, bestehend aus Reis und Bohnen, Brot, Tomaten und Ei (für mich ohne), die Insel.Der schönste Strand ist ganz in der Nähe, mit Becs nehme ich ein Taxi um den Norden der Insel zu sehen. Alles ziemlich ruhig hier, die Nebensaison hat gerade begonnen.Am zweiten Abend kochen wir Reis mit Currygemüse und spielen Karten mit Ali und Andy.

Mehr gibt es hier nicht zu sehen und so begeben wir uns am Freitag per Speedboot nach Little Corn, unserem eigentlichen Ziel.

Bereit für die kleine Insel: neben mir Ali, Andy und Becs

Hier gibt es keine motorisierten Fahrzeuge, dementsprechend alles seht idyllisch, saftig grün und friedlich. Becs und ich haben zwei Nächte im Osten der Insel gebucht. Sehr einfach die Unterkunft, Küche kaum brauchbar. Also essen wir auswärts und wechseln am Sonntag ins Hostel zu Ali und Andy. Andy schlägt für uns außerdem einen super Deal raus, somit zahlen wir gerade mal $10 fürs Doppelzimmer pro Nacht. Hier zeigt sich mal wieder, dass die neue Art des Backpackers, alles im voraus zu reservieren zwar sicher, aber nicht unbedingt besser ist.

Mangobäume sind hier so normal wie Apfelbäume in Deutschland

Wir verbringen die Tage hier mit Strand, lesen, Karten spielen und vielen Unterhaltungen. Ich höre Ali and Andy gerne zu. Seit über 30 Jahren reisen sie auf diese Art. Sie arbeiten zwei Jahre und dann geht’s wieder los. Folglich waren sie schon in vielen Ecken der Welt, reisen spartanisch und sind nach wie vor neugierig, Indien hat es ihnen besonders angetan. Ali ist überaus liebevoll, fürsorglich, offenherzig. Die beiden geben ein sehr harmonisches Team ab. Andy ist immer auf der Suche nach dem günstigsten Schnäppchen für Unterkunft, Bier und Rum. Wenn die beiden erzählen, geben sie sich gegenseitig das Wort in die Hand. Seine Stimme ist laut, durchdringend und etwas kratzig, funkelnde Augen, herzhaftes Lachen. Beide haben etwas sehr Entspanntes, keine Kinder (einer ihrer Tipps für eine langjährige gute Beziehung), sie hat die engere Verbindung zu ihrer Familie. Die beiden wissen noch nicht, wie sie ihre Rente bekommen, sehen der Zukunft aber entspannt entgegen.Unser Eindruck von den Inseln: Die Menschen auf dieser Seite des Landes sind freundlicher, das Aussehen karibischer, lockige Haare und helle Augen. Gesprochen wird kreolisches Englisch, was gewöhnungsbedürftig aber sympathisch ist, viele Gerichte werden mit Kokosnuss zubereitet, die kleine Insel ist sehr sauber, nur zweimal die Woche geht die Fähre zum Festland, viele Straßenhunde, die mitunter auch mal zubeissen, Tauchen und Schnorcheln sind die gängigen angebotenen Aktivitäten.Die Sonne tut extrem gut. Gebräunt fühlt man sich einfach viel besser und sieht auch besser aus. Ich vermisse Sherry, weiß jedoch nach wie vor nicht, wie es weitergehen soll. Vielleicht muss ich wirklich eine Lösung finden, die mich regelmäßig länger reisen lässt. Ich sollte eine Liste machen: Was brauche ich, was will ich, auf was kann ich verzichten, wo fühle ich mich wohl und ausgelastet, wo soll meine Basis sein. Wir verbringen die letzten Tage hauptsächlich mit Strand und lesen – vier Personen nebeneinander am Strand, alle am Lesen mit Buch – auch kein gewöhnlicher Anblick heutzutage.Auf einem gemeinsamen Schnorchelausflug mit anderen Gästen des Hostels sehen wir eine Wasserschildkröte, Rochen, kleine Haie, Hummer und viele leuchtend bunte Fische.Es läuft sehr entspannt zwischen uns vieren. Becs ist total goldig, ihr fällt es schwer jegliche Art von Geschenk anzunehmen, egal ob Essen, Sonnencreme etc., sie ist ein kleiner Tollpatsch, was mich an meine Schwester Anne erinnert. Es fühlt sich ein wenig an, wie mit ihr zu reisen, was schön ist. Sie ist lustig, kann über sich selbst lachen, hofft noch auf ein paar Liebschaften in den letzten Wochen ihrer Reise. Sommersprossen, verlegt gerne Dinge, mag wie ich keine brazil nuts, Lieblingszahl 7.Wir freunden uns mit der Schwester des Hostelbesitzers an und sie kocht mit uns an einem Abend das traditionelle Gericht Rondon, bestehend aus Kartoffeln, Yam, Kochbananen und Fisch. Wir sind überrascht von dem intensiven leckeren Geschmack. Eine besondere Erfahrung, denn die Milch der Kokosnuss kommt nicht aus der Dose – wir durchlaufen den natürlichen Herstellungsprozess: Nuss aufhacken, Fleisch entnehmen, raspeln, in Wasser einweichen und Milch rauspressen. Wir lernen: die erste Pressung ist die beste, bis zu dreimal geht, die Raspel werden anschließend an die Hühner verfüttert.

Nach einer Woche verlassen wir die Insel, die Rückreise zum Festland wird etwas entspannter, da wir eine Nacht in Bluefields bleiben.

Stop in Bluefields

Dann die Busfahrt zurück, welche wir aber bei Tag unternehmen, es gibt viel zu sehen und wir stellen sicher, dass wir nicht auf den Kacksitzen landen. Ali und Andy begleiten uns nach Granada, obwohl sie schon dort waren. Sie wollen Vorräte auffüllen (Zigaretten, Rum etc.) Ich überlege, mit den beiden weiter nach Ometepe zu reisen, denn ich genieße ihre Gesellschaft.

So fühle ich mich gerade richtig wohl mit dem Leben zurück als Langzeitreisende und bezweifle, dass ich komplett zurück in feste Strukturen will. Ali und Andy sind inspirierend und in meinem Hinterkopf spüre ich es arbeiten, wie ich das zufriedenstellend hinbekommen könnte. Alle drei Jahre Sabbatjahr? Wirklich zurück ins Lehrerleben? Die vegane Nummer pushen? Was komplett Neues? Dass Sherry und ich gerade so lange getrennt sind, lässt mich nachdenken: unsere Beziehung ist genährt und gewachsen durch physische Nähe. Auf Dauer immer wieder länger getrennt zu sein, kann das funktionieren? Oder ist das genau, was ich brauche, damit es hält? Ich kann definitiv sagen, dass ich mit ihr die bisher beste und gesündeste Beziehung habe: frei und mit viel Lachen, Aufmerksamkeit, Verständnis, liebevoll, lebendig, Überraschungen und mehr.

Der Mai neigt sich langsam dem Ende. Wir bleiben gemeinsam übers Wochenende in Granada: schöne bunte Stadt, Kirchen, Restaurants und Cafés, Markt und großer Supermarkt.Der See ist ziemlich unspektakulär.Am Sonntag regnet es nonstop und wir sitzen im Hostel fest (wollten eigentlich zur Laguna de apoyo). Becs will noch länger hier in der Partystadt bleiben und so ist es Zeit Abschied zu nehmen – wann wir uns wohl wiedersehen? Mit Ali und Andy ziehe ich weiter nach Ometepe, die Insel mit zwei Vulkanen.Auch hier entkommen wir dem Regen nicht. Einen Vulkan zu besteigen macht da wenig Sinn. Wir machen also kurze Spaziergänge, gehen abends im lokalen Comedor essen und zahlen zusammen nicht mal $7 für leckeres traditionelles Essen: Tamales, Eier, Gallo Pinto (Reis und Bohnen) und Salat.Unser Hostel gefällt uns sehr: viel Farbe, verschiedene Ebenen, viele Naturmaterialien verarbeitet, Malereien an den Wänden, geräumige Küche, Billardtisch, viele Rückzugsmöglichkeiten.Ich lerne Ali and Andy immer besser kennen. Ali ist definitiv die Sensible. Sie liebt es die Geschichten anderer Menschen zu hören, ist neugierig und stellt sich dieselben Fragen über Menschen, denen sie begegnet, wie ich selbst. Die beiden sind super gechillt und schwer aufzuregen. Andy wirkte zu Anfang etwas schroff, geht aber sehr respektvoll mit anderen um und erklärt gerne, nimmt sich dabei Zeit, ist wissbegierig und spielt überragend Billard. Die beiden geben sich das Wort in die Hand, wenn sie ihre Geschichten erzählen, wirken sehr harmonisch miteinander und sind ein schönes Beispiel, dass man diese Art zu leben sehr wohl über Jahrzehnte aufrecht erhalten kann. Es ist spannend, wie sie ihr Reisen möglich machen und sie teilen all diese Erlebnisse miteinander.

Mit Sherry spreche ich zweimal die Woche, ansonst texten wir, aber nicht wirklich oft oder viel. Über einen Monat bin ich nun schon unterwegs. Ich vermisse sie, genieße aber gleichzeitig das Reisen. Das Schöne ist, dass sie mich komplett versteht, mich natürlich vermisst aber sich gleichzeitig für mich freut, dass ich mache, was ich liebe.

Hier ist es so verregnet, dass ich die Schnauze voll habe und kurzerhand meine Pläne ändere. Ganz Zentralamerika erlebt gerade Stürme und ungewöhnlich viel Regen. Mir bleiben nicht mehr viel Zeit, bis ich wieder nach Halifax gehe und ich hab genug vom Nass. Also buche ich (vielleicht überstürzt) einen Flug nach Cancun um von dort auf die Insel Holbox zu gelangen. Becs schwärmt von dem idyllischen Ort, zuverlässig Sonnenschein, whale Shark season, kitesurfing, keine Autos, biolumineszierendes Wasser und mehr. Nicht ganz billig dort, aber ich freue mich drauf. Zudem war ich von Anfang an nicht wirklich scharf auf das touristische Costa Rica.

Bei Dauerregen sitzen wir zu dritt im Hostel: Ali am Tagebuch schreiben, Andy am Laptop und ich an meinen Notizen. Unsere dritte 1Liter-Bierflasche ist leer und wir versuchen jeder für sich voranzukommen. Gleichzeitig tauschen uns aus übers Reisen, wie uns das verändert hat und über Menschen, die wir zusammen kennen gelernt haben.

Dann lässt der Regen nach, Becs stößt zu uns und es gibt ein schönes Wiedersehen. Ich zweifle meine Entscheidung an, nach Mexiko zu fliegen – diese Unentschlossenheit, die sich über viele Monate eingeschlichen hat, macht mich langsam wahnsinnig; zu späterem Zeitpunkt mehr hierzu.Nun heißt es endgültig Abschied nehmen von Becs.

Mit Ali und Andy überquere ich via Bus die Grenze nach San José in Costa Rica, nur ein Zwischenstopp für uns drei. Im Hostel angekommen, nehmen Ali und ich an der walking tour teil, Andy liegt mit Erkältung im Bett.Auf dem Rückweg vergessen wir für mich die Buszeiten zu checken, so dass ich noch mal alleine losgehe, zehn Minuten zu Fuß. Auf dem Rückweg, nur 200 Meter vom Hostel, rennt plötzlich ein Typ auf mich zu, greift mich am Hals, reißt meine Kette ab und rennt weiter… Das Ganze passiert innerhalb von zehn Sekunden, ohne einen Laut. Ungläubig und im Schock blicke ich mich um und laufe weiter. Ein Mann läuft wenige Meter hinter mir und reagiert nicht. Zurück im Hostel breche ich in Tränen aus, ärgere mich über mich selbst, die Kette überhaupt mit auf Reisen genommen zu haben (ein Geschenk von Sherry), hätte ich besser wissen sollen. Andererseits wäre ich am nächsten Morgen alleine zum Busbahnhof gelaufen. Wer weiß, was da vielleicht passiert wäre. Ali nimmt mich sofort in den Arm als ich den beiden erzähle, was passiert ist und sie kümmern sich rührend um mich. Es dauert mehrere Tage bis ich den Schock komplett loswerde.

Abends treffe ich mich mit Aurora, unsere Wege kreuzten sich vor zwei Jahren in Buenos Aires. Sie führt mich aus in ein Viertel mit stylischen Bars.Tut gut abgelenkt zu sein und ich bereue ein bisschen, jetzt doch nicht hier zu bleiben, zweifle meine Entscheidung wieder an, ich bin vollkommen durch den Wind. Sie sagt, ich soll doch da bleiben, kann bei ihr unterkommen und übers Wochenende würden wir dann zusammen an den Strand. Letztendlich bleibe ich bei meiner Entscheidung, abzureisen.

Aurora ist Dozentin an einer Uni für Business English. Wir haben viel gemeinsam, sie macht sich viele Gedanken wie ihr Leben weitergehen soll. Mit den Männern klappt es nicht, manchmal verzweifelt sie an der Unentschlossenheit der Männer. Sie hat hohe Ansprüche, will einen gebildeten Mann, gefühlvoll und Spaß, gibt meinem Empfinden nach zuviel auf einen Titel. Folglich konzentriert sie sich auf sich selbst ohne die Erwartung, dass sich etwas ergibt. Sie sucht eine berufliche Herausforderung und zieht möglicherweise nach London für ihren PhD.

Ankunft in Cancun. Es ist heiß und sonnig – schon mal gut. Ich gehe zum selben Hostel wie letztes Mal – hat sich verändert, mehr Party, nicht mehr so neu, fühlt sich nicht mehr genauso an. Mein rastloses Gefühl ist zurück. Mit drei Leuten gehe ich was essen, der eine Typ quatscht am laufenden Band. Ich brauche Ruhe, bin übermüdet und will hier weg. Ich verdrücke mich aufs Zimmer und werfe einen Blick auf den Kalender. Noch 12 Tage hier, erscheint mir gerade ewig. Im August will ich nach Deutschland, davor noch möglichst viel Zeit mit Sherry und in Halifax mit Freunden verbringen, etwas Geld verdienen. Die Zeit ist begrenzt, irgendwo muss ich kürzen, glaube im Moment besser zu Hause in Halifax bei ihr aufgehoben zu sein, dort gibt es mehr für mich zu tun. Der Schock sitzt mir noch in den Knochen. Ich bin innerhalb der 24 Stunden Frist um den Flug zu canceln und buche um. Neuer Termin ist in vier Tagen. Ich checke am Morgen aus und begebe mich auf direktem Weg Richtung Insel Holbox, meine eigentliche Motivation überhaupt diesen irrationalen Flug nach Mexiko gebucht zu haben. Sobald ich mich auf dem Weg zur Insel befinde, wird mein Kopf ruhiger, immerhin gibt es jetzt kein hin und her überlegen mehr.Und die Insel tut gut: viel viel Sonne, Natur, Sonnenuntergänge, klarer Sternenhimmel, eine Kajaktour, es ist wunderschön bunt hier, Spaziergänge am Strand und ein neues Tattoo. Die Gelegenheit mit dem Tätowierer im Hostel war zu gut. Und nachdem mir meine Kette genommen wurde, ein guter Ersatz. Das Hostel bekommt übrigens einen Platz in meiner top ten Liste, hier müssen Reisende mit Erfahrung am Werk gewesen sein.

Hostel Tribu

Mein Eindruck von Holbox: gutes Reiseziel um den Trubel zu entkommen, bunt, heiß, gutes Essen, gesellig, viele Cafés und Bars, gechillt, überall Sand.

Blick von der Dachterrasse des Hostels

Viele Aktivitäten vor Ort: whalesharks, Flamingos, leuchtendes Wasser, Kitesurfen, persönlich aber kein Ort, wo ich leben könnte.Ich brauche Kultur, Nähe zur Stadt, mein Leute, meine Familie – immer wieder komme ich zu demselben Schluss. Bin ich jetzt nach dem Reisen schlauer als vorher? Ja und nein. Die Beziehung zu Sherry ist mir unglaublich wichtig. Doch wie soll es nach dem Sommer weitergehen? Für uns, für mich, mit dem Reisen, mit der Arbeit.

Bei meinem Zwischenstopp am Flughafen in Chicago erlebe ich dann noch eine riesige Überraschung: ich schlendere zum Gate, von dem mein Weiterflug geht, setze mich und denke im nächsten Moment: die Stimme, die da spricht, kenne ich doch! Ich blicke auf und sehe meinen Cousin Bernd drei Meter entfernt stehen – mit seiner Körpergröße unverkennbar. Unsere Familien sind eng verbunden und wir haben in unserer Kindheit viel Zeit miteinander verbracht. In meinem Gesicht macht sich ein Grinsen breit, ich rufe durch den Raum: „Heah, was machschn du hier?“ Er dreht sich um und ist genauso baff wie ich. Was eine schöne Begegnung.Wesentlich beschwingter verläuft der Rest der Reise und wenige Stunden später lande ich in Halifax.

Mehr Heimweh, frische Farbe, innere Unruhe und Reiselust

03 – 29 April 2019

Zurück aus Florida nehmen wir allerlei Veränderungen am Haus vor: verschiedene Töne von Weiß an den Wänden über die Küche bis hin zur Treppe vertreiben das Dunkel im Haus, ein neues Waschbecken im Bad, farbenfrohe Accessoires. Sherry bindet mich in jegliche Entscheidungen ein, damit auch ich mich zuhause fühle. Nach vielen Arbeitsstunden sind wir hochzufrieden mit dem Ergebnis.

Vorher und mittendrin

Nachher

Vorher – Nachher

In unserem gemeinsamen Alltag ist Sherry nach wie vor voller Überraschungen, bringt mich täglich zum Lachen und ist erfrischend spontan.

Nach den letzten Monaten mit viel Heimweh und Fragen, wie es nun weitergeht, treffe ich endlich ein paar Entscheidungen, die zumindest die nächsten Monate betreffen. Die Woche in der Sonne hat gut getan, konnte aber meine schwermütige Stimmung nicht wirklich vertreiben und so bin ich allein schon für mich selbst unerträglich – es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen.

Die Gefühle für Sherry werden von Tag zu Tag stabiler, tiefer, bedingungsloser, ohne einen Gedanken auf ein mögliches Ende. Mit ihr fühle ich mich genauso frei wie zuvor. Natürlich will sie mich gern bei sich haben, betont aber immer wieder, dass ich tun muss, was für mich gut ist. Das Wir-Gefühl mit ihr wird stärker. Sprechen über Gefühle ist nach wie vor schwierig für mich und verursacht bei ihr regelmäßig Frustration, die sie jedoch mit viel Geduld händelt.

Ostern auf dem Wochenmarkt

When you say something out loud it becomes a reality that you can’t deny or take back again.

Tatsächlich sprechen wir aber darüber, wie und vor allem wo es mit uns beiden weitergehen könnte. Ich bin da selbst nicht klar und habe das Bedürfnis, mich eine Weile zurückzuziehen, zu reflektieren, zu fühlen – und mal wieder zu reisen wie ich es gewohnt bin. Ich entscheide mich für Nicaragua, so kann ich zudem mein Spanisch mal wieder auffrischen. Eine ungefähre Idee habe ich, wann ich zurück sein will, lasse den genauen Zeitpunkt jedoch offen. Plan ist, danach den Sommer hier in Halifax ein wenig zu genießen und den Rest der warmen Jahreszeit in Deutschland zu verbringen. Einer meiner Cousins heiratet Ende August, das will ich nicht verpassen, die ganze Großfamilie trifft sich dort. Sherry würde dann für eine Weile dazustoßen.

Und so packe ich ein weiteres Mal meinen Rucksack. In Nicaragua ist nur das Hostel für die erste Nacht geplant, der Rest wird sich ergeben.

Ich weiß nicht, was ich tun soll
und ich weiß nicht, wohin.
Ich hab vergessen, wer ich sein will
und vergessen, wer ich bin.
Ich renn schon so ne Weile
durch die Gegend ohne Ziel –
Es wär so leicht, mich zu entscheiden,
wenn ich wüsste, was ich will.

– Julia Engelmann

Ab nach Florida – eine Woche Sonne tanken!

25 März – 02 April 2019

Sherry’s Vater Fred überwintert seit einigen Jahren immer in Florida, um dem kalten Wetter in Nova Scotia zu entkommen. Sherry und er haben ein gutes Verhältnis und die beiden stehen in regem Kontakt: wenn sie sich nicht gerade bei der Arbeit über den Weg laufen (die Küche befindet sich im selben Gebäude wie seine Büroräume und die ihres Bruders direkt am Binnenkanal), telefonieren sie regelmäßig. Außerdem versorgt sie ihn mit Essen, das er immer mit leuchtenden Augen entgegen nimmt.

Nachdem er von unseren Plänen hört, in die Sonne zu fliegen, schlägt er vor, ihn in Florida zu besuchen. Bei dieser Einladung verwerfen wir ohne überlegen fürs erste unsere vorherigen Ideen, innerhalb einer Woche sind unsere Tickets gebucht und wir verabschieden uns für acht Tage vom Winter.

Orlando ist nicht der näheste Flughafen, doch Fred besteht darauf, dass wir direkt fliegen und holt uns in seinem Bentley vom Flughafen ab. Ca zwei Stunden dauert die Fahrt nach Jupiter. Er wohnt hier in einer sogenannten gated community – eine bewachte Anlage mit mehreren Golfplätzen. Alles sehr nobel, weitläufig, überall schicke Autos, Golfcarts. Sein Haus liegt direkt am Binnenkanal (intercostal).

Mir verschlägt es die Sprache, als er uns im Haus herum führt. Marmorböden, riesiger Wohnbereich, alles verglast, die Fenster sind kugelsicher (das wurde ihm vom Fensterbauer vorgeführt) und halten auch einem Hurricane stand – ein riesiger Pool mit knapp siebzehn Metern, Yamaha Klavier im Wohnbereich (man wollte mal Klavier spielen lernen). Es gibt ein Gästehaus, das wir ganz für uns haben könnten, doch wir wählen das Gästezimmer im Haupthaus, da die Klima hier nicht so kalt wird. Die Dimension des Wohlstands übersteigt meine Vorstellungskraft.

Da Fred meist mit dem Auto anreist, haben wir sein Cabrio aus Halifax für uns während wir hier sind. Ausgestattet mit Empfehlungen für die Gegend von ihm und Sherry’s Schwägerin starten wir in die Woche:

Montag: Fred zeigt uns seinen bevorzugten Gourmet – Supermarkt mit Frischetheke für alles: von Vorspeisen über unzählige Hauptgerichte und Beilagen bis hin zur Kuchentheke werden keine Wünsche offen gelassen – gekocht wird dementsprechend kaum und die noble Küche zuhause wird quasi nie genutzt.

Dienstag: wir suchen einen Strand in der Nähe auf und entdecken auf dem Rückweg eine einladende Beachbar: Guanabanas

Mittwoch: Miami – auf dem Weg dorthin bin ich ziemlich launisch. Einer dieser Tage, in denen ich in dieser Stimmung aufwache (und das trotz Sonne und Strand). Ich bekomme meine Laune allerdings in den Griff, rechtzeitig bevor wir in Miami ankommen. Bei meiner Recherche am Abend vorher habe ich drei interessante Stadtviertel rausgesucht und mit dem Auto sparen wir Zeit, um von A nach B zu gelangen. Wir starten am South Park Beach.

Frühstück an einer Sandwich Bar, die eigentlich nur gut sein kann bei dem Andrang. Unser Sandwich enttäuscht nicht, gestärkt geht’s weiter.

Bayside Spaziergang. Dort stolpern wir über einen Harley Store, und das ausnahmsweise ganz ohne dass Sherry danach gesucht hätte.

Ein ungewöhnliches öffentliches Transportmittel fällt mir hier auf: der Metromover: völlig kostenlos, fast wie eine Art Schwebebahn über den Straßen, alles automatisiert, also kein Fahrer. Gefällt mir.

Wynwood präsentiert sich bunt und supercool mit leuchtenden Graffiti an den Wänden, schicke Bars, stylish, erinnert mich an ein Viertel in New York. Hier legen wir eine Pause für ein Bier ein.

Little Havana: wir finden die Straße mit all den kubanischen Restaurants und Bars, wählen eine Taco Bar und verspeisen mega leckere Tacos und einen Burrito. Der Tag neigt sich dem Ende.

Auf dem Heimweg fährt Sherry über Hollywood. Dort hat sie mit Anfang zwanzig mal mit ihrem ersten Mann gelebt. Muss ein seltsames Gefühl für sie gewesen sein nach all den Jahren wieder hier durch zu fahren.

Donnerstag: Tag am Pool und abends führt uns Fred zum Essen aus im Golfclub. Jeder scheint ihn hier zu kennen. „Good evening, Mister Smithers. How are you, Mr Smithers?“

Freitag: wir checken den Secondhand Store aus, von dem Fred erzählt hat. Hier landen überwiegend Designerstücke – Kleider, die wir uns zum Originalpreis niemals leisten könnten, hier aber zu echten Schnäppchen angeboten werden. Die beiden Damen, die hier arbeiten, erinnern mich an die Verkäuferinnen im Film ‚Pretty Woman‘ – nur mit dem Unterschied, dass sie sehr nett und geschwätzig sind. Sherry’s Vater kennen sie, der kommt hier oft einkaufen. Er scheint sehr angesehen zu sein und ein Headturner (Hingucker) für die Frauen. Shoppen wollte ich ja eigentlich gar nicht, aber das ist doch zu verlockend hier. Danach geht’s zu einem Antikmöbelhaus ‚True Treasures‘ – hier richtet sich also die reiche Welt ein.

Anschließend das Breakers Hotel am Palm Beach. Sowas habe ich noch nicht gesehen – ein Hotel wie ein Schloss. Faszinierend und auf gewisse Art verstörend zugleich – zu viel Geld an einem Ort. Wir laufen durch die Gemächer, die für Besucher begehbar sind und fahren dann entlang am Strand, vorbei an all den Villen. Am Ende der Straße befindet sich Trump’s Anwesen, doch wir biegen vorher rechts ab, durch eine schicki-micki Einkaufsstraße und zurück Richtung Jupiter. Kohle wohin man nur blickt.

Breakers Hotel
Wir halten fürs Foto an diesem kleinen Café

Samstag: eine Runde paddleboarding, nochmal die Bar Guanabanas und zum Abschluss der Restauration Hardware Store – ein riesiges Möbelhaus – bei den Preisen schlackern einem allerdings die Ohren. Im Dachgeschoss befindet sich ein Restaurant, wo wir uns für eine Kleinigkeit (das Günstigste auf der Karte) niederlassen und people watching betreiben.

Sonntag: wir treffen eine Bekannte von Sherry und deren zwei Schwestern an einem Strand weiter nördlich: Jensen Beach auf Hutchington Island. Judy’s Schwester hat eine kleine Wohnung hier für den Winter – es gibt also auch weniger noble Modelle als Fred – und beide Schwestern sind zu Besuch auf Urlaub. Auf der Terrasse eines angesagten Restaurant an einem der vielen Bootshäfen lassen wir den Tag ausklingen.

Am letzten Abend führt uns Fred nochmal aus zu seinem Lieblingsitaliener. Er erzählt viel von früher: wie er als junger Mann für einen Dollar die Stunde arbeitete, die Familie durchbrachte und nach und nach immer erfolgreicher wurde, neue berufliche Herausforderungen annahm. Ich hake nach, wie er eigentlich Sherry’s Mama kennengelernt hat. Dabei kommen für sie bisher unbekannte Details zum Vorschein. Ich freue mich für sie, denn aus eigener Erfahrung weiß ich wie kostbar solche Geschichten sind.

Aufgetankt mit Sommersonne machen wir uns früh am nächsten Morgen auf zum Flughafen.

Die Schattenseiten des Winters, Geburtstag und die Frage, was nun?

17 Januar – 24 März 2019

Vom ersten Moment an hier zurück tue ich mich richtig schwer. Viel Unmut, Traurigkeit, Zweifel, Heimweh und null Bock auf Küche.

Normalerweise zieht mich Sport immer aus der schlechten Laune, aber körperlich verausgaben, so wie ich das gerne hätte, funktioniert bei dem Wetter einfach nicht und zwei Mal die Woche Fitnessstudio reicht mir nicht. Als dann durch das viele Stehen noch Rückenschmerzen hinzukommen, ist meine Stimmung endgültig bei null. Sherry gibt ihr Bestes um mich aufzumuntern, was ihr auch immer wieder gelingt. Ich falle jedoch regelmäßig zurück in miese Stimmung. Eigentlich hatte sie gehofft, dass die Zeit in Deutschland mein Heimweh stillt, aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Ich sehe nicht, wie wir unsere zwei Welten vereinen können, bin einsam, sie ist hier verwurzelt, ihre Arbeitswelt ist und bleibt hier und sie hat sich etwas aufgebaut, was man nicht so einfach aufgibt. Wahrscheinlich wäre sie sogar offen dafür, nach Deutschland zu kommen, aber ich bin mir sicher, dass die Heimat recht schnell rufen würde, so wie ich das gerade erlebe.

Wir müssen reden, haben viele Themen bisher nicht berührt. Wahrscheinlich, da wir beide wissen, dass es keine befriedigende Lösung gibt. Gegeben durch dieses persönliche Dilemma leidet meine Stimmung enorm, es schwingt immer etwas Trauriges mit und ich gehe mit schwerem Herzen durch die kommenden Wochen.

Nichtsdestotrotz tut Sherry mir gut, wächst mir immer mehr ans Herz, wir erleben viele schöne Momente gemeinsam. Ich mag ihre Sicht auf die Dinge, sie ist immer positiv, lässt sich nie entmutigen und findet für alles eine Lösung. Das Erlebnis der Beziehung mit Sherry ist neu. Ich fühle mich in meinem Sein durch sie nicht eingeschränkt, wir geben ein gutes Team ab, ergänzen uns, sind beide leicht im Umgang und flexibel.

An einem Samstag treffen wir uns mit Sherry’s Freunden und gehen Axt-werfen – eine spaßige Angelegenheit.

Nachdem Sherry entgültig entschieden hat, ihr Haus nicht zu verkaufen, nehmen wir uns als erstes ihr dunkelbraunes Bett zum Projekt für Veränderung: abschmirgeln, streichen und dann bekommt das gute Stück einen antiken Touch.

Dabei merke ich, wie es mir fehlt meine eigenen vier Wände einzurichten. Seit dreißig Monaten stelle ich mich auf andere Menschen und ihr Zuhause ein, schlafe in Hostels, bei Freunden, in Nachtbussen, eine Parkbank und ein Einmannzelt zu zweit war auch schon dabei. Ich weiß zwar noch nicht wirklich, wie es von hier aus weitergehen soll, aber der Gedanke, zurück nach Mannheim zu gehen, ist gerade verlockend – mich neu einrichten, eventuell sogar ein neuer Arbeitsplatz. Gleichzeitig habe ich Bammel vor der Routine nach all der Freiheit.

Eine schöne Abwechslung hier ist zur Zeit unsere gemeinsame Freundin Hatfield (eigentlich heißt sie auch Sherry, aber ich hab ihren Nachnamen zum Spitznamen gemacht). Nachdem sie und ihr Mann sich letztes Jahr getrennt haben, bot Sherry ihr an, bei uns zu wohnen bis sie im Februar in ihre neue Wohnung kann. Unsagbar dankbar nimmt sie das Angebot an und zieht kurz vor unserer Abreise nach Deutschland mit ein paar Taschen ein und hütet während unserer Abwesenheit Haus und Hunde. Jetzt zurück verbringen wir ein paar gemeinsame Wochen zu dritt und verstehen uns verdammt gut.

Wie jedes Jahr steht mein Geburtstag am 8.Februar an und präsentiert sich voller Überraschungen: Ich wusste ja, dass Sherry was im Schilde führt und am Abend vorher eröffnet sie mir, dass sie einen Kitesurf-Tag mit Privatlehrer für mich organisiert hat. Ich starre sie ungläubig an – bei dem Wetter? Null Grad und Regen. Sie: „Es gibt doch Neoprenthermoanzüge und du wolltest das doch schon immer hier ausprobieren nach deiner Erfahrung in Brasilien, bist doch gerne draußen.“ Meine Augenbraue zieht sich misstrauisch nach oben, doch je länger sie spricht, desto überzeugender wird sie. Sie zieht alle Register, ich traue mich nicht, mich zu beschweren über das Geschenk und beginne, mich geistig auf den nächsten Tag vorzubereiten. Ich packe also am Morgen meine Tasche, sie macht Geburtstagsfrühstück – veganen French Toast.

Als wir das Haus verlassen, zieht sie ganz demonstrativ ihre Regenjacke an – braucht sie, wenn sie Bilder von mir macht. Hmm… Jaja, schon klar, nicht witzig. Das Wetter ist garstig! Wir halten am Coffeeshop, um etwas Warmes dabei zu haben. Dann zückt sie einen Umschlag und meint, sie hätte vergessen, mir noch was zu geben. Ich öffne verwundert und finde einen Gutschein für das Wellness Spa nebenan. Mehrere Stunden Wellness – von wegen Kitesurfen. Sie lacht, ich schüttel sie – und ich hab ihr den Quatsch auch noch abgekauft! Sie muss jetzt in die Küche, Catering vorbereiten und holt mich später ab. Mit einem Kuss verabschiede ich mich und steige kopfschüttelnd aus.

Für den Abend hat sie einen Tisch im Restaurant Five Fishermen reserviert. Als ich frage, wie schick wir denn ausgehen und ob ich mein gewohntes Outfit tragen soll (nach wie vor habe ich hier nicht viele Klamotten und Schickes schon gar nicht), nimmt sie mich bei der Hand und führt mich ins Schlafzimmer. Auf dem Bett liegt ein komplett neues Outfit, dass sie mir besorgt hat, was auch noch wie angegossen passt. Wir erleben Service vom feinsten, mit Prosecco aufs Haus, veganer Speisekarte, vorzügliches Essen, bekommen zwei Rosen, Dessert und Geburtstagskarte.

Am Samstag darauf ist Markt wie immer und ich gehe davon aus, dass wir danach Pizza essen gehen wie immer. Wir müssen nur kurz nach Hause wegen des Catering Jobs – das Essen wird zu Hause abgeholt, sagt sie. Ich gehe die Stufen zur Haustür voraus, schließe auf und bleibe verdutzt in der Türe stehen: überall Luftballons! Dann höre ich jemanden sagen: „Happy Birthday!“ und sehe Sherry’s Bruder Travis und Frau Diane, Cousine Brenda und Frau Simone, Hatfield – alle stehen sie da und grinsen mich an, alles ist dekoriert. Hat Sherry doch echt eine Party für mich organisiert und ich hatte keinen Schimmer!

Sherry’s Mutter Beverly kommt mit Mike, Freunde Scott und Todd, es gibt eine vegane Geburtstagstorte. In meinem Leben war ich noch selten so baff und noch nie hat jemand so etwas für mich gemacht. Alle haben Geschenke dabei und sind super herzig. Ich bin sehr gerührt. Die letzten Gäste bleiben bis spät in den Abend.

Nach der Party verbringen wir den Sonntag sehr gemütlich zuhause. Ich bin irgendwie immer noch verblüfft, wie sie das alles gemacht hat und sich vor allem so ins Zeug gelegt hat, um mir diese Freude zu bereiten.

Am Donnerstag drauf steht Valentinstag an. Das war ja noch nie mein Fall, wird bei uns im Deutschland eh nicht so wichtig genommen und auch nicht so gehypt wie hier in Nordamerika. Für meine Familie ist es zudem einfach Mamas Geburtstag. Sherry ist ganz erstaunt, dass ich noch nie einen Valentinstag mit allem Drum und Dran erlebt habe und meint deshalb erst, ok dann machen wir nichts – „Let’s do it the German way“.

Letztendlich einigen wir uns allerdings, schick essen zu gehen. Ich fühle mich außerdem dann doch herausgefordert, ihr eine Aufmerksamkeit zu machen. Also besorge ich ihr eine Kleinigkeit und verstecke am Abend vorher Herzen in ihren Stiefeln, in der Sichtblende im Auto, dann in der Küche und habe jedes Mal einen Heidenspaß dabei, wenn sie welche entdeckt. Sie überrascht mich mittags mit Blumen.

Für den Abend haben wir eine Reservierung im Ostrich Club, ein relativ neues Restaurant und Bar hier im Hydrostone-Viertel. Als wir uns fertig machen, hat sie das Bett dekoriert mit Rosenblättern und eine Tüte von LaSensa steht da für mich – feine Unterwäsche. Ich wähle ein Stück, ziehe mich an, Sherry trägt zum ersten Mal seit Jahren ein Kleid. Wir lassen uns ein Fünf-Gänge-Menü kredenzen, heute spielt Geld keine Rolle.

Ostrich Club: food and wine pairing

Zurück zu meinem Gemüt: Abgesehen von den Hoch-Momenten ist meine Stimmung schlechter denn je, geht fast schon ins Depressive. Ich wache oft mit schwerem Herzen aus, es fehlt ein tieferer Sinn in meiner Arbeit, nach wie vor das Heimweh und die Leere, die entstanden ist, da ich mich nach all den Menschen sehne, die mir vertraut sind, die mich zum Lachen bringen, mit denen ich mich jederzeit treffen konnte. Mitte März ist die Sonne zwar schon wieder stärker, aber in der Kälte weicht der Schnee nicht so schnell.

Erstes Sonnen Mitte März auf dem Deck

Ich bin nicht ausgelastet, schlafe schlecht. Eigentlich also eine glasklare Sache: ab nach Hause. Mein Bruder Baldi würde fragen, auf was wartest du noch? Sogar Sherry sagt, sie kann sich das nicht mehr mit ansehen, ich soll doch einen Flug nach Hause buchen. Klar hätte sie mich lieber bei sich, aber „du musst tun, was für dich gut ist!“

Mit ihr ist es mittlerweile so eng geworden, dass ich nicht einfach meine Sachen packen kann und gehen. Sie hat sich getraut und die drei Worte gesagt. Ich kann es nach wie vor nicht, hab generell aus verschiedenen Gründen meine Schwierigkeiten, über Gefühle zu sprechen. Zudem bin mir nicht sicher, was ich genau fühle oder ob ich mich einfach nicht traue, dieses Zugeständnis zu machen.

In der Tiefe unseres Herzens wissen wir immer die Antwort auf die wichtigen Fragen. Doch haben wir den Mut, sie zu hören?

Ganz klar empfinde ich Liebe für sie, aber diese Worte so auszusprechen, ist nochmal ne andere Nummer. Wir beide wollen die Beziehung nicht beenden, doch ich kann das auf Dauer so nicht, will inmitten von Familie und Freunden leben. Sherry versteht und hat wie immer Lösungsvorschläge. Sie ist sich bewusst, dass ich Freiraum brauche, schlägt vor, mich erst mal alle paar Monate zu besuchen. Meine Laune ist auf jeden Fall so nicht mehr lange tragbar, weder für sie, noch für mich oder uns beide. Ich kann mich so nicht ausstehen, kenne mich so gar nicht und bin so auch eigentlich nicht. Inzwischen ist für mich zumindest klar benennbar, was ich brauche, um fröhlich und ausgeglichen zu sein. Die Tage in Halifax scheinen gezählt, jetzt geht es darum, wann ich genau aufbreche, ob ich erst ein bisschen reisen gehe, bevor ich den Sommer zu Hause verbringe. Immerhin bin ich noch über ein Jahr freigestellt. Ein paar Monate reisen sollte ich einplanen um die Zeit voll auszukosten. Sherry ist offen dafür sich anzupassen, was auch immer ich entscheide.

An einem Morgen im März

Wir überlegen, gemeinsam eine Woche ins Warme zu reisen, denn der Winter kann sich hier bis in den Mai ausdehnen. Ich würde von dort aus, wahrscheinlich irgendwo in Mittelamerika, weiterziehen. Da meldet sich ihr Papa…

Besuch in der Heimat – Ich freu mich wie ein Schneekönig!

22 Dezember 2018 – 16 Januar 2019

Schon lange hab ich mich nicht so auf zuhause gefreut wie heute. Mehrere Listen habe ich über die letzten Wochen angelegt: was will ich Sherry zeigen, was muss sie auf jeden Fall sehen und erleben, Freunde, die ich treffen will, Bürokratisches, was erledigt werden muss. Die Listen sind lang und somit einige Tage durchgetaktet. Dabei mit den Freunden abzustimmen, wer wann Zeit hat, ist bei so begrenzter Zeit nicht ganz leicht.

Am Flughafen in Halifax läuft alles reibungslos und während wir auf unseren Abflug warten, stoßen wir mit einem Glas Wein auf den Beginn unserer gemeinsamen Reise an.

Zwölf Stunden später, 7:29 Uhr, Flughafen Frankfurt: Wir rollen unsere Koffer durch die automatischen Schiebetüren und ich erspähe meinen Bruder Baldi sofort unter den wartenden Menschen – er sieht gut aus! Wir fallen uns in die Arme – mein Herz springt, ich hab ihn vermisst. Ich stelle Sherry vor, die beiden haben sich schon ein paar Mal während unserer regelmäßigen Videotelefonate gesehen.

Unser Tag beginnt mit einem Brunch bei Freunden von Baldi in Mannheim: Gutes deutsches Frühstück mit lecker deutschem Brot, veganen Pfannkuchen, Obstsalat, Brotaufstrichen und mehr – nach der langen Reise perfekt. Baldis Freunde sind herzlich und aufgeschlossen, wir erzählen, essen, lernen uns ein bisschen kennen. Jeder bemüht sich, Englisch zu sprechen. Sherry schaut mich immer wieder amüsiert an, wieviel ich esse – bei dem Traum von Frühstück muss ich zuschlagen. Später erzählt sie ihren Freunden, wie erstaunt sie über das riesige Brunch war und die damit verbundene Geselligkeit – das kann sich oft schon mal ein paar Stunden ziehen.

Pappsatt geht es weiter zu unserem Bruder David und Frau Marina. Die beiden und ihre kleine Tochter Sansa zu sehen gibt mir sofort ein warmes Gefühl – genau das hat mir gefehlt. Nach einer kurzen Dusche machen wir uns alle gemeinsam auf nach Deidesheim in der Pfalz. Dort gibt es einen schönen Weihnachtsmarkt und heute ist der letzte Tag – ein deutscher Weihnachtsmarkt ist ein Muss auf der Sightseeing-Liste.

Weihnachtsmarkt Deidesheim

Bevor wir den eigentlichen Markt erreichen, machen wir Halt im Weingut Bassermann und Jordan, David braucht Wein. Der Stop artet zu einer kleinen Weinprobe aus und wir gehen beschwingt weiter, nachdem David sich mit ein paar Flaschen eingedeckt hat. Leider spielt das Wetter nicht mit und der Regen lädt nicht zum Schlendern ein. Nach ein paar Minuten auf den gepflasterten Wegen (wir halten an ein paar typischen Hütten mit Lebkuchen, handgemachten Kerzen und was man hier sonst immer so findet) entscheiden wir daher, im Deidesheimer Hof einzukehren – bei dem Blick auf die Karte muss ich schmunzeln: deutsche Hausmannskost – Sherry bestellt Handkäs.

Deidesheimer Hof: Baldi und David mit der kleinen Sansa

So schön es sich anfühlt im Kreis von Familie, neigt sich der Nachmittag dem Ende und wir müssen weiter: meine Freunde Rainer und Vera auf der Parkinsel in Ludwigshafen erwarten uns, die Basis für meine Besuche in der Heimat. Über die letzten sieben Jahre, so lange kenne ich die beiden ungefähr, hat sich eine tiefe Verbundenheit und bedingungsloses Vertrauen zwischen uns entwickelt. Mit ihnen fühle ich mich immer gut aufgehoben, ich schätze ihre Fürsorge, ihre Einschätzungen und Ansichten, mag die klaren Ansagen und beneide sie um ihre Fähigkeit, geradlinig Entscheidungen zu treffen. Als ich die beiden dann sehe, ihre Stimmen höre, ihnen in die Arme falle, gehts mir rundum gut.

Bevor wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, findet das jährliche Weihnachtskonzert in der naheliegenden Kirche statt. Mittlerweile sind wir schon an die 24 Stunden wach. Die Blasmusik ist gut, hat bei unserem Schlafmangel jedoch eine einschläfernde Wirkung, Sherry nickt mehrmals ein. Der Fußweg nach Hause weckt uns wieder auf, dort warten Paul (Rainers Sohn), Thai-Curry und guter deutscher Wein. Meine Müdigkeit ist komplett verflogen, es gibt zu viel auszutauschen.

Plätzchen, Marzipan, Eierlikör – muss alles gekostet werden

Sherry verabschiedet sich gegen zehn ins Bett, bis jetzt hat sie ganz tapfer durchgehalten (ich muss mir noch lange von vielen Seiten anhören, dass ich ihr für den ersten Tag ein strammes Programm zugemutet habe). Mit Rainer und Vera sitze ich noch eine ganze Weile da, genieße ihre Gegenwart und fühle mich zuhause. Es muss nach Mitternacht sein, als ich neben Sherry unter die Decke schlüpfe und zufrieden in einen tiefen Schlaf falle.

Am nächsten Morgen wache ich gegen neun Uhr auf, heute ist Heiligabend. Im Haus ist es noch still. Freie Morgende sind hier heilig. Vera und Rainer schlafen gerne aus und genießen dann Kaffee und Zeitung im Bett. Nach einem gemütlichen Frühstück fährt Vera uns nach Mannheim, wo wir Davids Schwester Meike und Frau Diana treffen, die beiden stellen mir die ersten zwei Wochen ihr Auto zur Verfügung. Wir umarmen uns innig und ich werde wie gewohnt mehrmals abgeknutscht – meinem Herz gehts gut! Dann geht’s heim zu Mama. Die Autobahnfahrt von Mannheim nach Sinsheim weckt viele Erinnerungen, ich kenne die Strecke in- und auswendig.

Mama mal wieder im Arm zu haben tut richtig gut. Meine Schwester Ellen begrüßt mich stürmisch, Bruder Manu ist auch schon da, nach und nach trudelt der Reist ein. Siebzehn Personen werden wir heute sein, normale Größe bei uns. Für Sherry muss es überwältigend sein so viele für mich wichtige Menschen auf einmal kennenzulernen. Wie die meisten Familien haben auch wir unsere Bräuche, Abläufe und Traditionen an Weihnachten (mehr nachzulesen im Beitrag vom letzten Jahr). Dazu gehört, dass wir nach dem Essen singen.

Schon seit Wochen bereite ich Sherry darauf vor, dass auch sie singen muss – und zwar allein, zumindest eine Strophe. Zugegeben gibt es die Tradition noch nicht sehr lange, aber da wir einen heiden Spaß hatten als mein Exfreund Eric der erste war, dem wir diese Geschichte verkauften, haben wir dran festgehalten: wer das erste Mal Weihnachten mit uns verbringt, muss alleine singen. Dieses Jahr müssen auch Annes Freund Philipp und Onkel Werner ran. Philipp will sich erst rausreden mit der Erklärung, er sei Heide und kenne keine Weihnachtslieder. Ich kommentiere: ganz billige Ausrede und Anne soll mal besser mit ihm üben. Er und Werner wählen jeweils eine Strophe aus ‚Alle Jahre wieder‘, Ellen begleitet am Klavier – sie ist die einzige von uns, die sich wenigstens noch an diesem einen Abend im Jahr an die Tasten wagt.

Ich werde gefragt, was Sherry denn nun singt und muss sagen, ich habe keine Ahnung, denn sie hat nicht damit rausgerückt. So wie ich sie kenne, hat sie sich allerdings wie immer was Spezielles ausgedacht. Zudem muss sie ohne Klavierbegleitung auskommen, da sie Lieder im Sinn hat, die Ellens Repertoire übersteigen. Sie verschwindet kurz nach oben in unser Zimmer und ich meine zu den anderen, es würde mich nicht wundern, wenn sie im Rentierkostüm zurückkommt. Ganz daneben liege ich nicht, denn sie trägt Rentiergeweihe in den Händen! Ganze siebzehn Stück! – und ich frag mich seit Wochen, warum sie sich dauernd vergewissert hat, wie viele Personen wir nun heute abend sein werden; und wie hat sie die bitte alle in den Koffer bekommen?? Jeder muss eins aufsetzen – wir lachen uns schlapp, Mama und Papa sehen zu komisch aus! Mama sagt, Sherry muss gar nicht mehr singen, wir haben so schon Spaß genug.

Aber natürlich zieht sie durch und singt eine abgeänderte Version von „Twelve Days of Christmas“, für den Refrain stimmen alle mit ein, keiner kennt das Lied, hört sich daher etwas holprig an, aber alle machen mit – gelungene Einweihung. Es folgt die Bescherung, die wir jedes Jahr zelebrieren und dann einfach zusammen sitzen und die Anwesenheit aller genießen.

Zuhause zu sein fühlt sich gut an. Die Feiertage verbringen wir gemütlich. Ich stehe dennoch relativ früh auf, genieße die Gespräche am Morgen mit Mama und gehe eine Runde durch die Felder joggen.

Papa hat sieben Geschwister, Mama einen Bruder. Fast alle Onkels und Tanten haben mehrere Kinder und einige davon jetzt auch schon Nachwuchs. Bis auf einen von Papas Brüdern sind alle Familien entweder im selben Dorf wie wir geblieben oder nur wenige Kilometer weiter gezogen, was bedeutet, dass wir mit den meisten unserer Cousins und Cousinen fast geschwisterlich aufgewachsen sind und bis heute ein sehr inniges Verhältnis in der Familie pflegen. Quasi jeden Monat steht irgendein Geburtstag oder Familienfest an. Heute ist mir mehr denn je bewusst, was für ein eingeschweißter Kreis wir sind und wie selten das heutzutage ist. Ganz traditionell findet am zweiten Feiertag ein Gansessen bei einer von Papas Schwestern und Familie statt und ich sehe endlich mal wieder einige unserer Cousins – Familie, die füreinander da ist und sich vertraut. Neben der Gans gibt es Rotkraut und hausgemachte Semmel- und Kartoffelknödel, für Sherry etwas bisher Unbekanntes. Ich bin amüsiert wie meine Tanten ihr in aller Geduld und mit erstaunlich gutem Englisch erklären, wie man Knödel zubereitet. Gerne würde ich noch länger bleiben, doch wir sind zum Abendessen und Übernachtung bei Marina und David verabredet. Meike und Diana müssen kurzfristig absagen, da es Meike nicht gut geht, aber Baldi kommt dazu. Ein gemütlicher Abend rundet Weihnachten ab.

Am 27. sind die Läden wieder geöffnet und wir verbringen ein paar Stunden mit Bummeln in Mannheim. Ich zeige ihr einen Ausschnitt von der Stadt, in der ich vierzehn Jahre lebte bis ich 2016 nach Brasilien aufbrach.

Planken in Mannheim

28.Dezember: Heidelberg muss sein – Altstadt, Schloss, Untere Straße und Melonenschnaps – der schmeckt Sherry so gut, dass sie noch einen zweiten will.

Destille in Heidelberg
auf der Alten Brücke. Schloss Heidelberg im Hintergrund

Gegen Abend fahren wir nach Frankfurt zu meiner Freundin Eva – das Wochenende ist reserviert für sie und Franzi, die beide dort leben. Wir verbringen den ersten Abend zuhause, fühlt sich wieder an als wäre ich kaum weg gewesen.

Den Samstag beginnen wir im Harley Store, Sherry findet ihr Shirt mit Frankfurt- Aufdruck und mehr. Stadtspaziergang mit Eva und Dinner zusammen mit Franzi im Restaurant Ginko.

Franzi kommt mit Sebastian und Sohn Hektor am Sonntag zum Brunch. Meine Freundinnen mit den Kindern zu sehen, hält mir vor Augen wie die Zeit vergeht: ihre Kinder werden größer, das Leben schreitet voran. Ein Gefühl von Traurigkeit überkommt mich: ich habe nicht genug Zeit mit allen. Jeder Abschied ist begleitet vom Bewusstsein, dass der Zeitpunkt des nächsten Wiedersehens ungewiss ist.

Wir machen uns auf den Weg zurück nach Mannheim, ich will mir die neue Kunsthalle anschauen. Danach bei Baldi vorbei in meine Wohnung, die Post der letzten zwölf Monate durchgehen. Dinner im Lido, ein beliebtes Café in der Schwetzinger Vorstadt.

Café Lido

31.Dezember, Silvester: Lunch im Memoires d’indochine.

Lange stand offen, wo wir ins neue Jahr feiern. Je näher der Termin rückte, desto offensichtlicher wurde, dass die meisten meiner Freunde es dieses Jahr ruhig angehen oder verreist sind. Spontan entscheiden wir an einem Abend noch bevor wir in Deutschland sind, unser eigenes Ding zu machen und buchen uns ins Hotel Radisson Blue in Mannheim. Mir gefällt der Gedanke sofort, hier ins neue Jahr zu feiern. Nach gemütlichem Frühstück mit Rainer, Vera und Paul checken wir ein, besorgen Sekt zum Anstoßen und machen es uns dann im Hotel etwas gemütlich bevor wir uns für den Abend rausputzen.

Unser Dinner im Restaurant „Kleiner Rosengarten“ wird zum absoluten Reinfall. Der Service ist so schlecht, um nicht zu sagen nicht existent, dass wir glauben im falschen Film zu sein. Von allein gelassen werden über falsches Essen bis hin zu keine Nachfragen, kein Wein nachschenken – alles dabei. Wir nehmen es mit Humor, ich beschwere mich bevor wir gehen – stößt auf Erstaunen. Im Nachhinein hätten wir einfach gehen sollen ohne zu bezahlen – wir fühlten uns so unsichtbar, das hätte keiner bemerkt. Auf dem Rückweg zum Hotel halten wir im „Café Klatsch“ um zu sehen, was dort los ist – aber alles männlich – ein Getränk und weiter. Wir schnappen den Sekt und begeben uns zum Feuerwerk auf die Dachterrasse. Sherry ist ganz baff, wie lange hier geballert wird.

Happy New Year

Neujahr 2019: Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel machen wir uns auf in die Thermen & Badewelt Sinsheim – eine Wellness-Oase mit tropischem Klima, Glasdach, riesigen Palmen und verschiedenen Themensaunen. Laut Guiness World Records ist die Koi-Sauna die größte der Welt – definitiv einen Besuch wert. Ich bin etwas verkatert, da ist so ein entspannter Tag genau das Richtige. Etwas Vergleichbares gibt es in Kanada meines Wissens nicht und bei meiner Beschreibung ist Sherry geschockt, dass man im Saunabereich keine Kleidung tragen darf – entweder ganz nackt oder mit Handtuch. Je näher der Tag rückt, desto nervöser wird sie. Als wir dann in der Umkleide stehen, wiederholt sie mehrmals: „I can’t believe I’m doing this!“ Wir starten im Poolbereich, wo mein Bruder an der Bar arbeitet und uns einen Cocktail reicht. Nach etwas Planscherei hier führe ich Sherry in den gefürchteten Bereich und komme den ganzen Tag nicht mehr aus dem Grinsen heraus: Ihr Gesichtsausdruck beim Anblick all der nackten Körper lässt mich meinen Kater ganz schnell vergessen. Trotz ihres Unbehagens zieht sie mit und folgt mir, zunächst geklammert an ihr Handtuch, von Dampfbad mit Salzpeeling über verschiedene Themensaunen hin zu Außenbecken und Gemeinschaftsdusche – auf ganz unterschiedliche Weise ein unvergessliches Erlebnis für uns beide.

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Ludwigshafen begeben, halten wir bei meinen Eltern, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen – eine Angewohnheit für den Neujahrstag: entweder ein Anruf oder Besuch bei den Eltern.

02.01: Spaziergang in der Sonne am Rheinufer, meine alte Laufstrecke – Sherry hat Asche ihres verstorbenen Bruders mitgebracht und lässt ein wenig von ihm hier im Fluss.

Rheinufer Mannheim

Am Abend besuchen wir meine Freundin und Englisch-Kollegin Anja. Für Sherry bedeutet das zum ersten Mal perfekte Kommunikation, seit wir hier sind – das tut ihr gut!

Generell macht sie ohne Ausnahme alles ohne Murren mit, zeigt sich in jeder Situation verständlich. Meine Freunde beziehen sie ein so gut es geht, manchmal passiert es aber eben doch, dass wir ins Deutsche wechseln. Da sie bei der Planung unseres Trips direkt erkannte, wie knapp die Zeit für mich sein würde, schlug sie vor, eine Woche alleine auf eigene Faust zu reisen, um mir Freiraum zu geben – und wenn sie schon mal in Europa ist… Sie plant Paris und Nizza. Da wir kaum Zeit zu zweit haben, reservieren wir außerdem drei Tage für uns – ein Kurztrip nur für uns zwei. Wir entscheiden uns für Amsterdam, da ich es dorthin selbst noch nie geschafft habe.

Während meiner Recherche stolpere ich über Haarlem, was oft als klein Amsterdam beschrieben wird. Erfahrungsberichte online lesen sich durchweg positiv und die Nähe zum Meer ist verlockend. Nach Amsterdam kommt man von dort mit dem Zug ganz easy in zwölf Minuten – unsere Wahl ist getroffen. Ganz ohne Navi kommen wir problemlos in Haarlem an und begeben uns nach dem Check-in bei unserem Airbnb-Gastgeber direkt auf Erkundungsspaziergang. Die Stadt macht sofort einen charmanten Eindruck: enge Gassen, Pflasterstein, kleine Cafes, ein Bachlauf umrundet den Stadtkern.

Sonnenuntergang in Haarlem

Wir machen halt in der lokalen Brauerei, die in einer alten Kirche beherbergt ist.

Den nächsten Tag verbringen wir in Amsterdam. Als wir am Gleis auf den Zug warten, fragt Sherry mich, was die Zahlen auf der Anzeige bedeuten – Gleis, Wagennummer und so weiter, scheint ihr alles völlig fremd. Ich frage, bist du noch nie Zug gefahren oder wie? Mit fast hilflosem Blick entgegnet sie: seit ich siebzehn bin, hatte ich mein eigenes Auto. Ich runzle die Stirn: das kann ja heiter werden, du eine Woche allein mit Bus und Bahn!

Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen, steuern die interessantesten Stadtviertel an, Bootsfahrt, Rotlichtviertel und Dinner im veganen Restaurant „Mr & Mrs Watson“. Die vegane Käseplatte enttäuscht nicht.

Tag drei: wir fahren nach Bloemendaal ans Meer. Ich bin überrascht, wie schön der Strand hier ist. Erinnert mich ein bisschen an den Atlantik in Frankreich, dort ist genauso viel Platz. Sherry lässt ein bisschen Luke hier.

Wir halten auf ein Getränk am Strandrestaurant. Shopping in Haarlem, Dinner und Absacker in uriger Kneipe.

Wenn wir alleine sind, zeigt sie sich gewohnt quirlig. Da wir die meisten Abende mit Rainer und Vera verbringen, taut sie mit den beiden am schnellsten auf. Wie nicht anders erwartet, mag sie jeder sofort gern. Ich fühle mich nach wie vor zerrissen, sehe unsere verschiedenen Hintergründe, unsere jeweilige Verbundenheit zur Heimat. Da scheint es schwer auf einen Nenner zu kommen. Sie sieht, dass ich in Halifax nicht glücklich und oft launisch bin, hält sich dementsprechend emotional zurück, warum sollte sie sich auch ganz öffnen, wenn ich so verschlossen bin (was mir oft gar nicht bewusst ist). Ich scheue mich vor einer Entscheidung, habe viel in der Hand, was mich auf gewisse Weise ängstigt.

Nach unserer dritten Nacht in Haarlem ist es soweit und ich setze Sherry am Bahnhof ab, was sich anfühlt wie eine Zehnjährige alleine in den Zug zu setzen. Eine feste Umarmung, ein Kuss und sie geht durchs Drehkreuz, blickt nicht zurück – wird schon alles gutgehen. Alleine begebe ich mich auf den Weg zurück nach Mannheim – komisches Gefühl, wir waren noch nie wirklich getrennt.

In Mannheim halte ich auf einen Kaffee bei Jeannette, meiner früheren Nachbarin. Dann folgen sieben Tage, die ich vollpacke mit vielen schönen Wiedersehen, die mich in viele kleine und große Glücksmomente versetzen. Ich bin nonstop unterwegs und fühle mich unendlich reich all diese tiefen Freundschaften zu haben.

Ich starte die Woche mit meinem Bruder Baldi und einem Besuch in Bayreuth, um unsere verbliebenen leiblichen Verwandten zu treffen. Wir hören mehr Geschichten über unsere leibliche Mutter und die Autofahrt bietet Gelegenheit für tiefsinnige Gespräche zwischen Geschwistern.

Dienstag tagsüber Stadt, abends Treffen mit den Volleyballern. Mittwoch früh Zahnarzt, Nachmittag mit Freund Matthias, Abend bei Freundin Annette. Donnerstag ist Vanessa dran, ich nenne sie auch meine Fitnessfreundin, da wir uns im Fitnessstudio Pfitzenmeier kennenlernten, wie die Wilden zusammen trainierten und schnell eine innige Freundschaft entwickelten. Zum Abend bin ich zurück bei Rainer und Vera und erzähle von unseren Tagen in Holland. Freitag besuche ich meinen ehemaligen Arbeitsplatz und werde wie letztes Jahr herzlich empfangen, später Mädelsabend mit Marina, Meike und Diana. Samstag Stadt mit Rainer, Vera und Steffi, Kaffee bei meiner Heilpraktikerin Esther, abends Heidelberg mit Freunden Franzi und Eva (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Freunden in Frankfurt). Mit den beiden verbinden mich Urlaube in Frankreich, Aufwachsen in derselben Heimat und Leben in Mannheim. Zufällig treffe ich auf einen ehemaligen Schüler, der sich kaum einkriegt, mir hier über den Weg zu laufen, mir gehts ganz genauso.

mit Franzi und Eva im Restaurant „Hans im Glück“

Am Sonntag Schwester Veronica, Mama, ehemalige Schülerin Johanna und ihre Eltern.

So schnell verstreichen sieben Tage und am darauffolgenden Montag hole ich Sherry vom Bahnhof in Mannheim ab. Ihr Bus ist zwei Stunden zu spät und ich werde fast ein wenig nervös. Als ich sie dann erschöpft aus dem Bus steigen sehe, bin ich erleichtert.

Wir kehren bei meinem Lieblingsitaliener ein, besuchen David in seinem Laden und verabschieden uns von Meike und Diana. Einkaufen fürs Abendessen und zurück zu Rainer und Vera. Sherry kocht an diesem letzten Abend ihre berühmten Spaghetti. Außerdem gesellt sich Veras Bruder Micha zu uns, der auf dem Heimweg Richtung Mosel hier einen Stopp über Nacht einlegt und alle Zutaten für verhängnisvolle Rum-Cocktails im Gepäck hat. Ich brauche jetzt endgültig eine Alkoholpause.

Am Dienstag ist es Zeit abzureisen. Innerlich widerwillig packe ich alles zusammen. David holt uns ab, sammelt Marina und Sansa ein und los geht’s nach Frankfurt. Abschied von Marina und David, wir checken ein in unser Hotel in der Nähe des Flughafens für die letzte Nacht. Eigentlich wollte ich an diesem letzten Abend nochmal Franzi und Eva in Frankfurt treffen. Doch vom Hotel in die Stadt zu kommen, ist ein ziemlicher Aufwand und morgen müssen wir um vier Uhr in der Früh aufstehen. Ich sage beiden ab und wir telefonieren stattdessen. Franzi weint am Telefon. Die Entfernung zwischen uns ist für sie schlimmer als mir bewusst war. Eva bringt mich ihrerseits fast zum Weinen mit ihrer treffenden Einschätzung über mich.

Zurück in Halifax. Sherry’s Mutter Beverly holt uns ab und Sherry freut sich, wieder zuhause zu sein. Auf der Heimfahrt vom Flughafen quatschen die beiden und meine Gedanken schweifen ab: ich bin nicht gut drauf und vermisse die Heimat jetzt schon – das schwere Herz ist zurück. Spüre Aufbruch, Lust nach Neuem. Dazu kommt die Müdigkeit von der Reise. Der Kontrast ist extrem und trifft mich hart. Gestern noch umgeben von zig Freunden und Familie, in der Stadt, alles in der Nähe. Jetzt wieder im ruhigeren Halifax und abgesehen von Sherry nicht viel Gesellschaft um mich.

Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz – immer bei dir. – Trude Herr

Der Winter zieht ein – es wird kalt und grau

Oktober – 21 Dezember 2018

Mit der Rückkehr des Winters hier wird es still, die Leute scheinen sich zuhause einzuigeln und verfallen, wie sie selbst sagen, in eine Art Winterschlaf. Konkret bedeutet dies, dass sich Freunde wesentlich weniger treffen, manche komplett von der Bildfläche verschwinden oder aber im Süden (Florida oder Mexico) überwintern. Die Wetterbedingungen erschweren an manchen Tagen die Bewegung im Freien, Gehwege können vereist sein, -10 Grad Celsius fühlen sich mit Wind schnell mal wie über -20 an. Meinerseits führt dies zu mehr einsamen Momenten und einmal mehr spüre ich, wie sehr ich ein großes und enges soziales Umfeld für mein inneres Gleichgewicht brauche. Ich vermisse mein Leben in Mannheim, meine geliebten Orte dort, Cafés, Restaurants, die Entwicklung der Stadt zu erleben; nach wie vor verfolge ich einiges auf Facebook. Mir fehlen meine Routinen, der intensive Sport, Aktivitäten mit Freunden und Familie, Geburtstage oder einfach Zeit mit meinen Geschwistern und Eltern. Jeden Morgen mit dem Aufwachen ist dieses Gefühl präsent. Der Alltag hier hat mich im Griff.

Sherry’s Küche am Hafen. Sundae ist immer mit am Start

Enge Beziehungen wachsen aus gemeinsamen Erfahrungen – gemeinsam lachen und weinen, geteilte Momente. Teil sein des Lebens des anderen.

Auf der anderen Seite ist da Sherry. Alles läuft entspannt natürlich mit ihr. Ihre Gegenwart tut mir gut und ich finde es spannend, sie immer näher kennenzulernen. Wir sprechen über die nächste Zeit und sie schließt mich gedanklich in all ihre Pläne ein. In keinster Weise engt sie mich ein, die Beziehung und Partnerschaft mit ihr ist bereichernd. Ich fühle mich von ihr angezogen, sie bringt eine neue Seite in mir hervor. Sie ist immer positiv, eine Macherin und Alleskönnerin. Mit ihr habe ich das Gefühl, nicht an alles denken zu müssen, kann mich auch mal zurücklehnen. Sie ist so vielseitig und offen für Neues und Veränderung; spontan wie ich selbst, ein großes Herz, unglaublich aufmerksam, sensibel, unkompliziert, nach außen taff aber eigentlich ganz sanft.

Schon als wir uns kennenlernten und sie erfuhr, dass ich aus Deutschland bin, meinte sie sofort, dass ich ihr das Land zeigen muss, da es doch nichts besseres gibt als jemanden zu haben, der sich auskennt, dort wo man reist.

Da momentan weder mein Heimweh nachlässt noch Sherry aufhört zu fragen, wann wir denn nun nach Deutschland gehen, einigen wir uns gemeinsam auf Weihnachten und Silvester. Wann immer Sherry verreist, bedeutet das für sie, keine Geldeinnahmen zu haben. Trotzdem lässt sie sich überraschend einfach von mir überzeugen, mindestens für drei Wochen zu gehen. Als Sherry’s Dad von unseren Plänen hört, ist er ganz begeistert, dass seine Tochter nach Europa gehen wird und kümmert sich kurze Zeit später ganz unerwartet um unsere Flüge – damit hätte ich nie gerechnet. Doch er will, dass wir sicher reisen und so kommen für ihn nur bestimmte Flugzeuge infrage. Unser Datum steht somit fest: wir landen am 22.Dezember in Frankfurt, sodass Sherry gerade noch den berühmten deutschen Weihnachtsmarkt erleben kann und werden 25 Tage bleiben. Mein Herz ist jetzt gar nicht mehr so schwer und ich zähle die Tage bis zu unserem Abflug.

Von Zuhause gibt es Neuigkeiten: Meine Schwägerin Diemy ist schwanger. Ich freue mich riesig für die beiden, da geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schwester Anne zieht mit ihrem Freund zusammen. Bruder Baldi geht’s besser denn je. Nichte Soraya meldet sich regelmäßig, wir telefonieren und ich helfe mit ihren Schulsachen.

Verschiedene Ereignisse in den nächsten Wochen unterbrechen die Routine ein wenig:

Nachdem wir mithilfe der Jungs im Herbst den Garten verschönert hatten, steht nun eine Gartenparty an. Sherry lädt einige Freunde ein und ich die wenigen Personen, die ich abgesehen von Sherry’s Seite bisher Freunde nennen kann oder einfach gern mag. – noch neun Wochen.

Sherry fängt sich eine heftige Erkältung ein, die sich als ziemlich hartnäckig erweist. Ich kümmere mich mit Hausmittelchen um sie so gut ich kann.

Sie öffnet sich mir gegenüber ganz langsam, zeigt mehr Zuneigung. Eines Tages meint sie zu mir, dass ich nicht viel sage, was uns beide angeht. Ich erzähle viel und bin offen, was vergangene Dinge angeht, aber dagegen zurückhaltend in Bezug auf uns. Ich muss zugeben, sie hat recht und es ist nicht das erste Mal, dass ich das höre. Meine Stärke liegt im Handeln, was das angeht.

Sobald etwas laut ausgesprochen ist, wird es real und ich kann es nicht zurücknehmen. Meine Hemmschwelle unsagbar hoch.

31. Oktober – Halloween. Sherry ist da ganz groß und für sie ist vollkommen klar, dass wir an diesem Wochenende verkleidet zum Markt erscheinen. Ich schaue sie erst schräg an – Halloween ist bei uns ja nicht so populär. Zugleich weiß ich aber genau, dass ich aus der Nummer nicht rauskomme und entscheide im Gegenzug, voll mitzuziehen. Eine Woche vorher beginnen wir also in Secondhand- und Kostümläden unser Outfit zusammenzusuchen. Sherry’s Kreativität kennt keine Grenzen und wir haben einen heiden Spaß mit der Vorbereitung. Sie geht als Batwoman, ich als ‚Ingrid from the North’/ wilde Kämpferin. Auf dem Markt bringen wir einige Leute zum Schmunzeln und Staunen, bekommen viele Komplimente und laufen am Nachmittag so auch in unserer Pizzeria auf, Sherry nimmt nicht mal ihre Maske ab. Abends treffen wir ein paar von Sherry’s Freunden auf einer Halloween-Party. Manche Kostüme sind wirklich beeindruckend, hier wird das Thema absolut ernst genommen.

letzte Handgriffe um 4:30 in der Früh vor dem Markt

in action
in unserer Stamm-Pizzeria

Trick or treat – hier ziehen gefühlt alle Kinder los und klopfen an die Haustüren. Sherry lässt mich einen Kürbis aushölen, sie kramt ihre Halloween-Deko fürs Haus raus und gruselige Halloween-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Wir empfangen die Kids als Batman und Joker. – noch sieben Wochen.

Kürbis aushölen muss sein. Auch die Nachbarn dekorieren fleißig

Batman und Joker sind bereit

Mitte November der erste heftige Schneefall:

Die Zeit rast. In knapp sieben Wochen ist Weihnachten. Ich freue mich riesig auf zuhause, auf Familie, Mama, Freunde; habe Träume, die mit meinem Heimweh verbunden sind; denke viel an unsere Familie, wie gut wir aufgewachsen sind, was für ein besonderes und enges Verhältnis wir miteinander haben.

Ein Freund vom Markt, Marcel aus Cuba, verkauft unter der Woche mit seiner Frau kubanisches Essen und spielt in seiner Freizeit in einer Band. Wir kommen zu einem seiner Auftritte in die Weinbar Obladee.

Wir gehen zur sogenannten Reception Party von Sherry’s Freunden John und Cyril, die ich im August auf der Pride Parade kennenlernte. Seitdem haben wir es leider nicht geschafft uns zu treffen. John ist aus England, wohnt aber schon seit über dreizehn Jahren in Kanada. Im Sommer gaben er und Cyril (von hier) sich in Irland das Jawort und feiern jetzt nochmal für die hiesigen Freunde. Zum ersten Mal putzen wir uns gemeinsam richtig raus und nehmen ein Taxi in die Innenstadt ins Irish Pub Old Triangle.

Anfang Dezember: Sherry holt den Plastikweihnachtsbaum aus dem Keller – ja, Plastik! Ich hab ihr auch gesagt, geht gar nicht! Ihre Entschuldigung: der Baum stammt noch aus ihren Zeiten als Restaurantbesitzerin. Jetzt einfach wegwerfen ist auch doof. Mit Beginn der Weihnachtszeit erinnere ich mich an die vielen Bräuche und Gewohnheiten von daheim.

So hat sie noch nie etwas von Adventskranz gehört – ich google und stelle fest, das ist was typisch Deutsches. Spontan entscheide ich, einen für uns zu machen, in moderner Version. – noch vier Wochen.

Außerdem bastle ich ganz heimlich im November einen Adventskalender für Sherry. – noch 21 Tage.

Für den Weihnachtsmarkt Anfang Dezember tun wir uns zusammen, teilen alle Kosten und später den Gewinn. Ein ganzes Wochenende stehen wir von morgens bis abends auf den Beinen und hatten viel Vorarbeit, doch die Schufterei lohnt sich! Außerdem bietet sich Sherry so eine weitere Gelegenheit uns beide in ein Kostüm zu stecken. – noch drei Wochen.

Zwischen uns wird es immer inniger und gleichzeitig fühle ich mich innerlich zerrissen. Ich vermisse Zuhause mehr denn je, weiß andererseits, dass ihr Platz hier ist, zumindest so lange ihre Mum da ist. Das alles sind Gedanken, die ich so noch nicht mit ihr teile. Ein bisschen zögern wir beide, über uns zu sprechen. Denn dann stellt sich die nächste Frage: und was machen wir jetzt damit?

Weihnachts-Cabaret am letzten Samstag vor unserer Abreise, was mich endgültig in Weihnachtsstimmung versetzt.

Und dann ist es soweit: noch einmal schlafen…

Road Trips! PEI (Prince Edward Island) und Cape Breton

24-27 September, 08-11 Oktober 2018

Der Sommer schreitet in großen Schritten dem Ende entgegen. Schon vor einigen Wochen schlug Sherry vor, ein paar Ausflüge zu machen bevor es ganz vorbei ist mit dem warmen Wetter.

Ihre Cousine Brenda und Frau Simone haben auf PEI ein Ferienhaus, hier Cottage genannt, und bieten uns an, die Gelegenheit wahrzunehmen und ein paar Tage auf der Insel zu verbringen. Ich selbst war vor über einem Jahr zum ersten Mal für eine Hochzeit dort, allerdings in einer anderen Ecke und abgesehen von Charlottetown und dem Hochzeitsspott ist mir die Insel noch unbekannt.

Ende September ist es dann soweit: wir schaufeln uns vier Tage frei und Sherry leiht sich das Cabrio ihres Dads, das er momentan nicht braucht. Die Hunde kommen mit, werden auf der Rückbank festgeschnallt und los gehts.

Dude und Sundae sind startklar

Wie erwartet sind die Straßen frei – bisher habe ich hier auch noch nicht einen einzigen Stau erlebt, der vergleichbar wäre mit dem, was man von deutschen Autobahnen kennt. Um auf die Insel zu gelangen, gibt es nach wie vor eine Fähre oder seit über zwanzig Jahren die Confederation Bridge, welche den Tourismus seitdem angekurbelt hat und auch unsere gewählte Route ist.

Gute vier Stunden sind wir unterwegs und erreichen am frühen Nachmittag Charlottetown. Stanhope by the Sea, wo wir eigentlich hinwollen, liegt ca zwanzig Minuten nördlich der Stadt an der Küste, doch das Wetter ist hervorragend und wir entscheiden, jetzt einen Stopp in der Innenstadt einzulegen, da wir uns sowieso mit ein paar Lebensmitteln eindecken müssen. Sundae und Dude lassen wir im offenen Cabrio zurück, den beiden nähert sich so schnell keiner.

In einem angesagten Café trinken wir Cappuccino und bummeln durch die Straßen. Wir lassen uns treiben von dem, was uns spontan anzieht: eine Bildergalerie, kleine Läden mit Einrichtungsdekoration und Schmuck oder das Ufergelände. Zu lange wollen wir die Hunde dann aber doch nicht sich selbst überlassen, halten an einem Supermarkt und steuern dann Stanhope an. Die einzelnen Grundstücke sind weitläufig und über eine Art Feldweg gelangen wir zu unserem Cottage, welches am Ende dessen liegt. Den Schlüssel finden wir wie vereinbart und betreten eine gemütliche feine kleine Oase, die sich sofort wie ein Zuhause anfühlt.

Unser einziges Vorhaben für die Tage hier ist Entspannung.

Dude macht direkt am ersten Abend Bekanntschaft mit einem Stinktier. Mit blinzelnden Augen kommt er aus dem Dunkeln zurück und Sherry weiß gleich, was los ist. Für mich ist der berühmt berüchtigte Geruch neu und ich lerne: wenns dumm läuft, hängt er ewig in den Räumen. Sherry hat Erfahrung und sagt, wir brauchen Tomatensaft, damit bekommt man den Gestank vom Hund. Außerdem vermutet sie, dass Dude einem Jungtier begegnet sein muss, da der Duft noch sehr milde wäre. Ich will mir intensivere Geruchslevel gar nicht erst ausmalen. Über die nächsten Tage wenden wir über Lüften, Kerzen und Kaffeepulver alle Tricks an, um den Geruch aus dem Haus zu treiben. Dude bekommt eine Ladung Tomatensaft verpasst, was er ganz tapfer wegsteckt. Zur Belohnung lassen wir die beiden am Strand rennen – Hunde sind hier eigentlich nicht erlaubt, aber weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

Tomatensaftbehandlung nach Stinktierbegegnung!

Wir verwöhnen uns mit gutem Essen (wie eigentlich immer), erkunden die Umgebung mit dem Golfcart, welches in der Gartenhütte parkt, entzünden ein Lagerfeuer und verbringen einen Regentag gemütlich im Haus.

Golfcart und Drinks – läuft!

Bei einem unserer Strandspaziergänge lasse ich Sherry wissen, wie froh ich bin, sie kennengelernt zu haben. Ich versuche offener mit meinen Gefühlen zu sein und diese auszudrücken – glaube ich zumindest.

In den folgenden Wochen spüre ich, wie wir eine neue Ebene erreichen. Ich will es mit ihr versuchen, bin offen für Neues, sehe zum ersten Mal seit langem wieder einen Weg vor mir, zumindest für die nächsten Monate.

Geh dahin wo du dich lebendig fühlst.

Unser zweiter Road Trip steht schon zehn Tage nach der Insel an: Cape Breton! Der Herbst gehört hier definitiv zur beliebtesten Reisezeit, wenn die Blätter der Laubbäume sich täglich wandeln und ein beeindruckendes Farbenmeer bilden.

Vier Tage und drei Nächte haben wir uns vorgenommen – und zum ersten Mal ohne Hunde! Sundae liefern wir am Morgen bei Sherry’s Neffen ab, dessen drei Töchter sich schon seit Tagen auf den Besuch freuen; um Dude kümmert sich eine alte Freundin.

Die Anreise dauert etwas länger als nach PEI und als wir am späten Nachmittag in Sydney ankommen, gehen wir einen Happen essen und anschließend direkt zurück zu unserer Unterkunft: Pool, Sauna, Whirlpool und ab aufs Zimmer – Sydney kann warten bis morgen.

Am nächsten Morgen ist Punkt eins auf unserem Tagesprogramm der Harley Davidson Store, ein Muss für Sherry. Wann immer sie in der Nähe eines Harley Stores ist, kann sie nicht widerstehen. Sie langt gut zu: zwei T-Shirts, ein Gürtel und Stiefel.

Danach begeben wir uns in den Stadtkern, trinken Kaffee in der belebtesten Straße und kommen erst einmal nicht weit, da der urige Secondhandshop nebenan unsere Aufmerksamkeit weckt. Bis zur Decke ist jeder Winkel des kleinen Ladens ausgenutzt: drei Reihen mit Kleiderständern, durch die man sich drängt, von den Wänden hängen Handtaschen, Gürtel und Schals, wir begutachten allerlei Schuhe, Vitrinen mit Schmuck und mehr. Richtig viel los hier – wenn ich mir die Kunden so anschaue, gehe ich schwer davon aus, dass heute ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat, was sich später bestätigt, als wir an den Hafen kommen. Die Ladenbesitzerin wittert ihre Chance für guten Umsatz und bietet alles zum halben Preis an. Über eine Stunde verbringen wir mit Stöbern und finden einige Schnäppchen.

Als wir uns endlich losreißen können, spazieren wir Richtung Hafen, machen einen kurzen Stopp in einer Kirche, ein Selfie mit der größten Geige der Welt und schlendern über den Markt, der im Innern eines der Hafengebäude stattfindet: viel Schmuck und Kleider, hausgemachte Seifen und mehr. Ich entdecke einen besonderen Ring und kaufe ihn spontan für uns beide. Noch Monate später neckt sie mich damit, dass ich ihr geschickt einen Verlobungsring angesteckt hätte.

Als der Hunger ruft, entscheiden wir uns für das Restaurant ‚Flavour‘. Dort sitzt man entlang bodentiefen Fenstern mit Blick auf den touristischen Hafen.

In einem Irish Pub planen wir unseren Tag auf dem Cabot Trail. Dort gibt es an die dreißig Wanderwege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Entfernungen.

Als es dämmert, brechen wir auf zu Sherry’s Freundin Pam, die beiden waren zu Schulzeiten beste Freundinnen und haben sich vor fünfzehn Jahren das letzte Mal gesehen. Pam wohnt mit ihrem Mann Mark ungefähr eine halbe Stunde außerhalb Sydney. Als wir in die Hofeinfahrt kommen, parken wir vor einem beeindruckenden Anwesen mit Blick aufs Meer. Pam empfängt uns sehr herzlich, sie hat eine aufgeweckte positive Ausstrahlung. Wir stoßen an mit einem Glas Wein, bekommen eine Hausführung und schreiten dann über den Hof Richtung Gästehaus. Nach dem Rundgang im ersten Stock treffen wir unten auf Mark. Das Erdgeschoss wirkt wie eine Garage oder ein Werkraum. Mark führt uns in den Nebenraum: im ersten Moment denke ich an ein Gewächshaus, sehe einen Traktor, rieche Heu… ich blicke nach links und sehe einen Stall mit Pferd. . . . EIN PFERD IM GÄSTEHAUS! Echt jetzt?! Ich traue meinen Augen nicht, bin ganz aus dem Häuschen und fühle mich wie in Pippi Langstrumpf. Sherry amüsiert sich über meine Begeisterung und schlendert dann mit Pam zurück zum Haus. Ich bleibe mit Mark für ein paar Minuten beim Pferd, er bietet mir an, es zu striegeln. Zuhause sind wir mit Pferden aufgewachsen, der Stallgeruch ist angenehm vertraut und weckt viele Kindheitserinnerungen.

Danach kochen wir gemeinsam, Sherry und Pam plaudern von alten Zeiten, Mark erzählt, wie es ihn nach Kanada verschlagen hat. Ursprünglich kommt er aus Holland und wuchs auf einer Farm auf. Heute arbeitet er in der Politik, tatsächlich ist er der Minister of Agriculture. Pam verbringt viel Zeit mit ihren Enkelkindern, von denen es einige gibt. Mir gefällt das Familienfoto, das sie uns zeigt, während sie von den Kindern erzählt: Schwiegerkinder aus Mexiko und Indien. Dementsprechend bunt ist die Familie – kommt mir sehr bekannt vor.

Pam und Mark sind beide angenehm offen und scheinen trotz ihres Wohlstands sehr am Boden geblieben.

Am Mittwoch morgen fällt das Aufstehen nach der kurzen Nacht nicht ganz leicht. Zudem haben die Matratze und die Kissen Memory-Foam, wofür ich in den letzten zwei Jahren eine Vorliebe entwickelt habe – wenn man auf Dauer in fremden Betten schläft, wird man da wohl Experte. In der Küche finden wir ein Frühstück ganz nach unserem Geschmack vor: Müsli aller Art, Soyayogurt, Früchte, Soyamilch und guter Kaffee. Verantwortlich hierfür ist Mark, der an diesem Morgen schon das Pferd auf die Koppel gebracht hat und sich nun zu uns an den Tisch gesellt. Pam taucht wenig später auf und zu viert quatschen wir über dies und das.

Letztendlich brechen Sherry und ich auf zum Cabot Trail: wir haben Glück und die Sonne lässt sich blicken, was die Farben der Laubbäume umwerfend leuchtend macht.

mit hochgefahrener Heizung ist Cabrio kein Problem.

Drei Wanderwege haben wir uns ausgesucht, manche davon sind nur zwanzig Minuten lang, falls ihr euch fragt, wie das in einem Tag zu bewältigen ist. Witzigerweise stoßen wir auf Nigel’s Schwester (ein Freund vom Markt), die gerade mit Partner und Eltern zu Besuch ist. Wie hoch sind die Chancen bitte dafür??

Inverness Beach

Was für ein Ausblick!

Teile eines Wanderweges sind gesperrt wegen ralligen Elchen, mit denen in dieser Verfassung nicht zu spaßen ist. Später sehen wir zwei aus der Ferne an einer Flussmündung.

Unsere Unterkunft für die letzte Nacht ist einfach aber okay. Die Küche hier kann uns Veganern allerdings außer Gemüsebrühe und Kartoffeln nicht wirklich etwas anbieten. Zum Ausgehen sind wir zu müde und so entscheiden wir uns für Dusche, mampfen die letzten Cracker und schauen einen Film. Was für eine kalte Nacht! Sherry fängt sich eine Erkältung ein.

Unser letzter Tag bricht an und wir sind hier am Margaree River, wo Sherry’s verstorbener Bruder oft Fischen war. Nach ihren Erzählungen und den Bildern, die ich gesehen habe, kann ich ihn mir hier genau vorstellen. Wir halten an mehreren Stellen entlang des Flusses, waten ans Flussufer und sie streut seine Asche. Ich spüre, wie ein Teil ihrer Wunde des Verlustes ihres nahestehenden Bruders heilt. Wir machen uns auf den Heimweg.

Sherry schlägt vor, zum Lunch in der Glenora Whiskey Distillery zu halten. Das Anwesen weckt Erinnerungen an Weingüter in der Pfalz und gute Momente mit Freunden.

Am Canso Causeway, die Verbindung zwischen Cape Breton und dem Festland, sehe ich Personen, die aufs Wasser blicken und im nächsten Moment weiß ich, warum: Delfine! Wir wenden und parken, um zu schauen, was hier genau los ist: Hunderte Delfine, die komplett aus dem Wasser springen – wow! So stehen wir eine Weile und betrachten das Schauspiel, bevor wir unsere Heimfahrt fortsetzen, die sich bis in den Abend zieht.

Geh auf Reisen. Entdecke unbekannte Orte. Sammle und teile Momente. Umgebe dich mit guter Energie. Verbinde dich mit Menschen. Lerne Neues.