Good old Germany – Teil 2: Weihnachten und Kurztrip nach Österreich 

23 Dez 2017 – 04 Jan 2018

Noch ein Tag bis Weihnachten! Nach einem gemütlichen Frühstück mit Vera, Rainer und Paul fahre ich mit Vera noch kurz nach Mannheim in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Wir laufen über den Markt mit der Ausschau nach ein paar schönen Blumen, sind aber spät dran, also ist die Auswahl begrenzt. Vera kennt noch einen Blumenladen in der Nähe der Fressgasse. Das Konzept dort ist interessant und mittlerweile öfter anzutreffen: zwei Serviceanbieter in einem, hier Blumenladen kombiniert mit Friseur.

Scherenschnitt Calandi in Mannheim

Am Nachmittag mache ich mich auf zu meinen Eltern nach Dühren, vier Nächte werde ich dort bleiben. Vera winkt mir aus dem Fenster hinterher – goldig, berührt mich!

Mama ist am Kochen, es herrscht gute Stimmung, nach und nach trudelt einer nach dem anderen ein, die letzten kommen morgen an. Um acht abends hole ich Ellen vom Bahnhof in Sinsheim ab, vor fast einem Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen als sie und Anne mich in Argentinien besucht haben.

Ellen, Anne und ich in Uruguay

Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt joggen im Dührener Wald – Heimat pur! Als wir zurückkommen, schwingt Minh schon den Kochlöffel. Mama hat einiges vorbereitet, aber Minh kocht seit ein paar Jahren auch immer mindestens ein Gericht. Als Oma noch lebte, gab es traditionell immer Würstchen und Kartoffelsalat, danach hatten wir schon die wildesten Weihnachtsessen. So gab es in einem Jahr asiatische Sommerrollen von Minh – Anne und Ellen schwärmen heute noch davon und versuchen dieses Gericht jede Weihnachten wieder durchzusetzen. Auch der Weihnachtsgottesdienst war eigentlich immer obligatorisch, doch nach und nach hatten wir fast alle keine Lust mehr, was nicht zuletzt an der eintönigen Gestaltung in der Kirche lag. Gläubig im herkömmlichen Sinn sind wir auch nicht, haben aber die komplette Kirchenschule hinter uns, was definitiv gut für die Allgemeinbildung war. Da unsere Nichte Soraya dieses Jahr Konfirmandin ist und das Krippenspiel mitgestaltet, lassen wir uns breitschlagen, zum Gottesdienst zu gehen. Alla hop, auf die guten alten Zeiten nochmal.

Wir sind früher zurück als Mama uns erwartet hat und das Essen ist noch nicht fertig, was aber gar nicht schlimm ist: wer will, bekommt ein Glas Wein von mir in die Hand, wir quatschen, albern rum, und genießen es einfach zusammen zu sein. Heute sind wir siebzehn Personen. Neben dem großen Kern sind noch Diemy’s Schwester und Mann zum Essen da, Mama hat mal wieder noch mehr Leute eingeladen: Hamada, der Mitbewohner unseres Bruders Manuel, ein Syrer, der schon richtig gut Deutsch kann und hier Sport studieren will und Lamin aus Ghana, dem Mama geholfen hat Deutsch zu lernen und der immernoch regelmäßig vorbeikommt. Er taucht letztendlich erst am zweiten Feiertag auf, hat den Bus verpasst. Ich amüsiere mich, als Mama mit Ellen eine Sitzordnung festlegt, die wir eigentlich sonst nie haben: Mama: „der Intelligente (wir kennen den Namen zunächst nicht) sitzt neben Sarah.“ Ich nehme das mal auf mehreren Ebenen als Kompliment.

Wir verbringen unseren Weihnachtsabend wie jedes Jahr: Essen, Weihnachtslieder singen mit Ellen am Klavier (früher war das Mama) und Bescherung: hier werden nie zwei Geschenke gleichzeitig ausgepackt, immer schön der Reihe nach, damit man auch alles mitbekommt. Wir Geschwister wichteln schon seit Jahren untereinander, feste Partner eingeschlossen, da es ein kleines Vermögen kosten würde, für alle etwas zu besorgen und Wichteln macht zudem mehr Spaß!

Nicht fehlen darf nach dem langen Abend der nächtliche Spaziergang durch Dühren. Wir begleiten Manu, unseren ältesten Bruder, und Hamada nach Hause, damit er uns seine WG zeigen kann. Er ist nämlich erst vor kurzem bei Mama und Papa ausgezogen. Wir sind alle total begeistert: ein Fachwerkhaus wie aus dem Bilderbuch! Manu hat das Zimmer unterm Dach, alles bissl schepp, aber gut.

von links nach rechts: Ellen, Manu, Minh, Hamada, ich, Baldi und Diemy

Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die gemütlichen Feiertage gefreut: essen, lesen, laufen, Zeit mit meinen Geschwistern, mit der Familie, tolle Gespräche mit Mama. Am ersten Feiertag kommen David und Marina mit Tochter Sansa vorbei, Nach einem Spaziergang durchs Dorf sitzen wir zusammen bei lecker Essen.

ein ganz normales Abendessen bei den Holders

Am 26. steht wie jedes Jahr Gansessen bei einer Schwester von Papa eine Straße weiter auf dem Programm. Von seinen sieben Geschwistern wohnen fünf im selben Dorf, eine Schwester drei Kilometer weiter und nur ein Bruder weiter entfernt. Dementsprechend ist dies eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Geschätzt haben wir zwanzig Cousins und Cousinen (gezählt habe ich nie), von denen wir mit einigen wie mit besten Freunden aufgewachsen sind. Das Zugehörigkeitsgefühl ist kaum beschreibbar. So viele Menschen, die man von klein auf kennt, sich umarmt, vertraut, Sicherheit und Heimat verspürt.

Am 27. drücke ich Papa, Mama, Ellen und Anne feste mit Tränen in den Augen, könnte sein, dass ich sie nicht mehr sehe bevor ich abreise. Gegen abend bin ich zurück in LU.

Den nächsten Tag nutze ich, um einiges in Mannheim zu erledigen. Allein für den ganzen bürokratischen Kram ist es gut, mal wieder hier zu sein: Bank, Steuer, Versicherungen, die unnötig geworden sind, Verträge stilllegen – da kommt einiges zusammen. Vera kommt aus der Mosel zurück und ich verbringe den Nachmittag gemütlich mit ihr. Als Rainer abends von der Arbeit kommt, koche ich für alle und uns wird bewusst, dass das wahrscheinlich unser letzter gemeinsamer Abend ist, denn morgen bin ich schon wieder unterwegs und wenn ich den Flug nach Florida nehme, den ich entdeckt habe, verpasse ich die beiden, bevor sie wiederum zurück sind – die Zeit rennt! Schwermut… Vera und Rainer waren mir vorher schon so nah und sind jetzt noch fester in meinem Herz verankert. Die Verabschiedung am nächsten Morgen fällt mir alles andere als leicht.

Nach einem kleinen gesunden Frühstück bei meiner Freundin Eva in Schwetzingen treten wir unsere sechsstündige Autofahrt an den Mondsee in Österreich an. Eva hatte mich im November gefragt, ob ich Lust hätte, Silvester mit ihr hier zu verbringen. Das ZENtrum, in dem sie selbst schon zweimal war, bietet einen etwas anderen Jahreswechsel an mit mehr Bewusstsein und viel Meditation – ich überlege nicht lange und sage zu. Mit vielen Geschichten, die uns seit unserer letzten Begegnung bewegt haben, vertreiben wir uns die Fahrzeit. Ich mag Evas ehrliche unverblümte Art.

ca 2013 in einer Bar in Mannheim mit Eva an Franzis Geburtstag

Eva und mich verbindet zum einen unsere Heimat: sie kommt aus dem Nachbardorf Hoffenheim, welches heute durch den Fußball Weltbekanntheitsstatus genießt. Wie das auf dem Land so ist, kennt jeder irgendwie jeden und man hat zumindest eine Idee, welche Familie aus welchem Dorf kommt. Wirklich kennengelernt haben wir uns allerdings erst in einem legendären Frankreichurlaub an der Atlantikküste in Lege-Cap-Ferret mit gemeinsamen Freunden, die dort Familie haben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, sie wohnte auch eine Weile in Mannheim und ist nach sieben Jahren München vor kurzem wieder in die Heimat gezogen. Eva ist also ein unkompliziertes Mädel vom Land wie ich selbst und es ist schön so viel Vergangenheit miteinander zu teilen. Man muss sich nicht erklären, wir können uns gemeinsam an alte Geschichten erinnern und mit ihrer direkten Art bringt sie mich oft ganz ohne Vorwarnung zum lachen.

Eva befindet sich gerade in einer bewegenden Phase ihres Lebens: sie lernt, wieder alleine zu wohnen, sich neu zu definieren, ist auf der Suche nach sich selbst, sehnt sich nach innerer Ruhe. Meditation ist ihr dabei ein hilfreicher Begleiter. Ihr Wesen ist neugierig, direkt, unverblümt. („Sarah, ich hoffe ja mal, wenn wir uns jetzt schon so intensiv mit uns selbst beschäftigen, dass das mit fünzig abgehakt ist, sonst kann ich mir gleich die Kugel geben“) Wenn sie sich da mal nicht täuscht, denn so ganz fertig sind wir ja nie, was das Leben so spannend macht. Sie liebt die Berge, lässt sich gerne begeistern, ist einfühlsam und sensibel.

Gastgeberin Waldtraut steht gerade auf der Straße als wir ankommen. Ich habe über Airbnb ihr Gästezimmer gebucht, denn die Jugendherberge ist unverschämt teuer. Sie empfängt uns mit einem außergewöhnlichen Strahlen im Gesicht. In ihrer Wohnung fühlt man sich sofort wohl. Ich bleibe zunächst einmal ruhig und Eva regelt alles für uns; ist auch mal schön, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Nach kurzem Plausch mit Waldtraut machen wir uns mehr oder weniger gleich auf in den Ort zum Abendessen und entscheiden uns für das Lokal ‚Wirtskultur‘- es gibt sogar indisches Curry für Veganer, aber wenn ich schon mal hier bin, will ich auch was handfeschdes: Sauerkraut und Bratkartoffeln – mmmmh, lecker!

Den nächsten Morgen beginnen wir mit ayurvedischem Porridge im Naturladen Glückskost und fahren auf Waltdrauts Empfehlung hinauf zur Postalm: was für eine traumhafte Winterlandschaft! Ewig habe ich nicht so viel Schnee gesehen. Es knirscht herrlich unter den Stiefeln, wir packen uns warm ein und begeben uns auf einen Rundweg von fünf Kilometern. Weit und breit ist kaum ein Mensch zu sehen, unglaublich wie wenig hier los ist. Eva schwärmt schon ewig von der Magie der Berge und mit ihrer Stille, Weite, Stärke und Kraft umfangen diese mich mit einem gewissen Zauber, was mich überrascht, da ich mich sonst immer mehr dem Meer zuwende.

ayurvedisches Porridge zum Frühstück

Schneewanderung an der Postalm

Auf halbem Weg kehren wir ein in die Huberhütte: Flädlesuppe, Bauernkrapfen, Skiwasser und Glühmost. Dann bei Schneegestöber zurück zum Auto, halb durchgefroren zur Wellnessalm Leopoldhof: Kräutersauna, Ruheraum mit Wasserbetten, Pool, Schwebeliegen – was braucht man mehr.

Beim Frühstück mit Waltdraut am Silvestertag haben wir das erste Mal Zeit für ein längeres Gespräch miteinander und spüren ganz schnell, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Waldtraut ist total offenherzig und so finden wir uns wieder in tiefen Gesprächen über die Liebe, das Leben, Reisen, Schicksalsschläge und was einem so zufällt – fühlt sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist so positiv und neugierig, ihr Strahlen ist immer wieder erfrischend, sie ist locker, vertraut den Menschen, verwöhnt uns wo sie kann und man fühlt sich sofort wohl mit ihr. Ganz begeistert ist sie von meiner Reise und stellt viele Fragen – was für eine tolle Begegnung mit ihr.

mit Eva und Waltdraut am Neujahrstag

Mit Blick auf die Uhr müssen wir uns losreißen, denn um vier beginnt unsere Veranstaltung und es ist schon nach eins. Für einen kurzen Spaziergang zum See mit spektakulärer Aussicht reicht es allerdings noch.

Mondsee

Im ZENtrum finden sich nach und nach alle Teilnehmer ein, bei Tee, Kaffee, Keksen und Obst beschnuppert man sich zunächst. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bernhardt und Marion, die das ZENtrum leiten, folgen Kennenlernrunde, erste Meditation und Gruppenfindung für die nächste Aktivität: Jeder wählt ein Bild, das ihn besonders anspricht und erklärt seine Wahl, die anderen in der Gruppe finden dann eine Assoziation zwischen Bild und Person. Ich bin zunächst etwas nervös, ob mir zu jedem etwas Passendes einfällt und dann ganz erstaunt, wie ich andere spüren kann, einfach eine Verbindung schaffen kann zwischen Bild und Person. Das Spiel gefällt mir: man bekommt etwas über sich gesagt, was überraschend zutreffend ist und hat die Möglichkeit, anderen etwas Schönes mit auf den Weg zu geben.

Gutes Essen und mehr Meditationen, während der zwei Orte meiner Reise von meinem inneren Auge auftauchen: die grüne Lagune und das Elqui Tal, dort fühlte sich mein Herz wohl. Ich unterhalte mich mit ein paar interessanten Frauen mit anziehender Energie. Sie wollen über meine Reise hören, sind fasziniert und bestärken mich in dem, was ich tue. Um halbdrei liegen wir im Bett, ich bin total aufgekratzt.

Am Neujahrsmorgen nochmal gemütliches Frühstück mit Waltdraut, mittags müssen wir dann aber wirklich los, denn wir haben noch ein paar Stunden Heimreise vor uns. Waldtraut schenkt mir zum Abschied das Buch ‚Stille‘ von Erling Kagge, welches ich heute noch bei mir habe.

Nach langem Stau bin ich um kurz vor 9 Uhr abends zuhause bei Rainer und Vera, mann, fühle ich mich wohl hier. Nach kurzem Gespräch mit Paul nehme ich mir ein Glas Wein, ich bin noch ganz aufgedreht von den letzten schönen Tagen. Das Aufbrechen wird schwer fallen.

Da ich Noni (Spitzname für Veronica), Mama und wer sonst noch da ist noch einmal sehen möchte, fahre ich zwei Tage vor meinem Abflug nochmal nach Dühren. Den Mittag verbringe ich mit Ellen, während Papa mit erhöhtem Blutdruck ins Krankenhaus gefahren wird, mit seinem Parkinson gehen wir lieber auf Nummer sicher. Letztendlich nichts wildes, wir bleiben alle ruhig, so wie Mama uns das immer vorgelebt hat. Dann zu Noni, alle sind da und gut drauf. Gegen zehn abends wieder zu Mama, sie ist mit Papa zurück, der jetzt regelmäßig Blutdruck messen muss und erst mal senkende Medikamente nehmen soll. Mama erzählt Ellen und mir von früher und von ihrer Mutter, unserer Oma Elsbeth, wie sie all ihre Kleider früher nähte. So erklärt sich auch ihr ausgefallener geschmackvoller Kleidungsstil heute. Was ein Schatz, den sie damals weggegeben hat! Jetzt heißt es wirklich Abschied nehmen.

Mein letzter Tag bricht an. Ich packe meinen Rucksack, habe ein paar Klamotten ausgetauscht und Winterstiefel dabei, denn nach einem Zwischenstop in Florida geht es zurück nach Kanada. Schon seit ich aus Österreich zurück bin, habe ich ein schweres Herz, Momente, in denen ich am liebsten den Flug canceln würde, fühle mich so wohl hier gerade. Andererseits spüre ich nach wie vor die Getriebenheit in mir. Suche etwas, von dem ich selbst nicht weiß, was es ist.

Bilder sichern, Zeug verstauen, gegen Abend ein letztes Mal Baldi umarmen, dann weiter zu David und Marina, Diana und Meike sind auch da und schon am Essen, ich bin spät. Alle vier sind total goldig, spüren meine Schwermut, hören mir zu. Meike meint, es gibt schon einen Grund, warum ich mit einem bestimmten Gefühl den Flug gebucht habe. Jetzt heißt es hinter der Entscheidung stehen, in dem Gefühl bleiben – recht hat sie. Ich habe einen wunderschönen Abend, trinke zu viel Wein, quatsche noch ewig mit Marina und David, nachdem die Mädels gegangen sind. Genau diese Dinge fehlen mir, diese Momente mit den Menschen, die mir gut tun, die ich liebe und von denen ich geliebt werde.

Das Leben erfüllt dir deine Sehnsucht nach absolutem Halt. Wenn du still wirst und in dich hineinlauschst, dann hörst du eine Stimme. Das ist die Stimme des Lebens und des Vertrauens. Diese Stimme wird dich zu deiner eigenen Mitte führen, da wo du zuhause bist. Und sie wird dich zu deiner Sehnsucht der absoluten Geborgenheit führen. Laß dich einfach fallen. – Afschin Kamrani

Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

06 – 23 Dez 2017

Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

  • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
  • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
  • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
 JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
  • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
  1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
  2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
  3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

meine Schüler nähren das Kind in mir

    • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
    mein geliebtes Mannheim
    • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
    • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
    mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
    Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
    • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
    mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
    Fotofix in Frankfurt

        Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

        • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
        Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
          • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
          mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                You deserve everything there is to give.
                Breakfasts in bed.
                Diamonds on your doorstep.
                Little notes hidden everywhere.
                I want you to have all my secrets
                and all of my demons,
                because you especially deserve
                all the parts of me
                I’m usually too afraid to share.

                Beau Taplin. Demons

                • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                Tag am See, Sommer 2016
                Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre

                Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

                21 November – 05 Dezember 2017

                Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

                Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

                Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

                Queensland Beach

                Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

                Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

                Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

                Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

                Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

                Rainbow Haven

                Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

                Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

                Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

                Clam Harbour

                Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

                In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

                Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

                Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

                Weihnachtself in Aktion

                Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

                Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

                Joggen in den Sonnenuntergang

                Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

                Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

                Tulum, Playa del Carmen, Cancun – Tourihochburg

                14 – 21 November 2017

                Debbie, meine Reisepartnerin in Bolivien, hatte mich noch vorgewarnt: wenn du nach Tulum gehst, sieh zu, dass du nicht alleine bist, sonst ist das ganz schön depri. Als ich am Dienstag Abend durch die Straßen laufe, weiß ich sofort, wovon sie spricht: hier herrscht Party-Stimmung, der Strand am nächsten Tag, zu dem ich in dreißig Minuten mit einem klapprigen Rad vom Hostel gelange, komplettiert das Bild: am Tag wird an der Bräune gearbeitet, abends vergnügt man sich in den Bars. Angereist bin ich ohne Begleitung, wenn sich also hier niemand Passendes findet, sehe ich mich nicht lange bleiben. Als ich am Mittwoch Nachmittag zurück in mein ruhiges Hostel komme, treffe ich auf Fred (26) und Patrick (36), zwei Brüder aus Brasilien. Ich kann mir nicht helfen, der Akzent ist Musik in meinen Ohren! Beide sind ruhige Typen, aber in diesem Moment ziemlich aufgeregt, da sie ein Spiel ihrer Lieblingsfußballmannschaft verfolgen.

                beach Tulum

                Am Donnerstag fahre ich mit Fred und Patrick spontan nach Cabo zu den Ruinen. Fred spricht besser Englisch, Patrick fühlt sich in der spanischen Sprache sicherer und so wechsle ich hin und her, was mittlerweile problemlos klappt. Patrick hat sehr stille und nachdenkliche Momente, dann wieder beteiligt er sich mit leuchtenden Augen an unseren Unterhaltungen. Fred dagegen lächelt immer, ist neugierig, hat etwas Reines und bringt mich mit seiner Art, direkte Fragen zu stellen, ständig zum Lachen.

                Bevor uns der Bus zurück nach Tulum bringt, vertreiben wir uns die Wartezeit mit einem Bier und Fritten.

                Patrick und Fred fahren abends nach Cancun, und bieten mir an, mitzukommen, ich will aber eigentlich noch gar nicht in die Touristenhochburg – die ganzen Erzählungen haben mich ziemlich abgeschreckt. Also verabschieden wir uns, ich fühle mich direkt allein und habe gar keine Lust schon wieder neue Kontakte zu knüpfen. Ohne lange zu überlegen nehme ich den nächsten Bus nach Cancun. Ist doch kacke wieder allein zu sein – mit der richtigen Gesellschaft wird das dort bestimmt halb so schlimm. Patrick holt mich ganz nach südamerikanischer Manier am Busterminal ab und stoppt ein Taxi für uns.

                Am Freitag morgen nehmen wir ein colectivo nach Playa del Carmen – der Hauptstrand ist der absolute Albtraum! Hotelbunker, kein Platz, die Leute liegen nebeneinander wie Sardinen, überall nervige Musik. Puerto Escondido war dagegen ein Paradies.

                Patrick wird im Laufe des Tages immer stiller, strahlt Unzufriedenheit aus, zieht sich zurück. Fred bleibt ein Sonnenschein, also konzentriere ich mich auf ihn. Ich schmeiß mich weg als er ernsthaft meint, alle Deutschen trinken Bier, tragen Trachten wie auf dem Oktoberfest und haltet euch fest: spielen Akkordeon! Patrick fügt hinzu: außerdem hätten sie keinen Humor, sind zu ernst, diszipliniert und wenn was nicht klappt, ist es gleich ein Drama. Im Laufe des Tages schlägt Patricks Stimmung um und als ich am Abend Fred frage, was los ist, meint er, Patrick bräuchte etwas „alone time“, was ich verstehen kann. Dass er es allerdings dann am nächsten Tag vorzieht, im Hostel zu bleiben, macht mich doch etwas stutzig. Jegliches Verständnis verliere ich, als Fred und ich am Morgen alleine aufbrechen und er beim Verabschieden nicht mal von seinem Smartphone aufblickt.

                Mit Fred verbringe ich einen wunderschönen Tag im Fischerdorf Puerto Morelos, welches auf halbem Weg Richtung Playa del Carmen liegt. Der Bus hält an der Hauptstraße und zum Meer laufen wir knapp drei Kilometer, da Fred sich im Gegensatz zu mir nicht traut zu trampen; ihm fehlt das Vertrauen in Fremde – was einem dadurch alles entgeht!

                Am ruhigen Strand haben wir mehr als genug Platz und unterhalten uns wie schon gestern über alles Mögliche sehr ehrlich und offen. Dann kommt seine Frage, ob ich zuhause vermisse. Klar bin ich müde, vermisse tiefergehende Gespräche, meine Familie und Freunde, will nicht andauernd von meine Reise erzählen, immer derselbe Smalltalk; will über Beziehungen sprechen, über Sex,… Die Anregung nimmt er sofort auf und beginnt, sehr intime direkte Fragen zu stellen: Auf was stehst du, was hast du schon ausprobiert, wie fühlt sich dies oder jenes an. Seine herzliche und doch ernsthaft interessierte Art macht es mir unmöglich, nicht auf dieses Gespräch einzugehen. Zudem braucht die Welt mehr gute Lover. So teile ich meine Erfahrung mit ihm, wir lachen, was das Zeug hält – man, tut das gut. Ich kenne Fred erst seit drei Tagen und kann doch so herrlich offen mit ihm sein. Später im Bus fügt er noch hinzu, es sei viel besser mit einer Frau über Sex zu reden, da Männer meistens nur angeben wollen und man keine verlässlichen Informationen bekommt. I’m your girl, Fred!

                When you open yourself up to the world the world opens up to you. 

                Hab keine Angst, dich der Welt zu zeigen. Wir sitzen alle im selben Boot und sehnen uns nach Vertrauen.

                Zurück im Dorf essen wir eine Kleinigkeit und sind dann fast etwas spät dran, aber alles noch im Rahmen, denn Fred und Patrick fliegen heute abend noch nach Mexico City. Dementsprechend unruhig ist Fred als wir die letzten Schritte zum Hostel laufen; wahrscheinlich sorgt er sich um die Reaktion seines Bruders.

                Patrick, den ich nur noch Mr Grumpy nenne, zeigt nach wie vor übelste Laune und würdigt mich auch bei unserer Rückkehr keines Blickes, was ich extrem befremdlich, fast schon unverschämt finde und so noch nie erlebt habe. Was ist an diesem Typ bitte noch brasilianisch und was für ein Problem hat er eigentlich? Fred hetzt unter die Dusche, um Sand und Salz vom Meer loszuwerden. Komplett sprachlos bin ich, als ich selbst aus der Dusche komme und die beiden verschwunden sind. Hat er Fred doch ernsthaft genötigt, sofort Richtung Flughafen aufzubrechen. Ich sende Fred eine Nachricht, bedanke mich für den schönen Tag und wundere mich noch lange über Patrick.

                Am selben Abend wechsle ich das Hostel, was sich als Fehler herausstellt sobald ich das Mehrbettzimmer betrete: dunkel und mit Klimaanlage, Matratzen mit Plastikfolie umwickelt – wie ich das hasse! Man schwitzt und es knistert bei jeder Bewegung! Am liebsten würde ich direkt wieder gehen, bezahlt ist aber schon. Ich fühle mich vollkommen erschöpft, außerdem spielt mein Darm verrückt, kalter Schweiß auf der Stirn und ich frage mich, was ich hier noch zwei Wochen soll – so viel Zeit habe ich nämlich, bis ich einen Flug in Washington DC nehmen muss. Ich treffe eine Entscheidung aus dem Bauch und buche spontan einen Flug, der mich in drei Tagen nach Halifax bringt. Es reicht – ich brauche Geborgenheit und Liebe. Ich vermisse meinen Sport, das Laufen, bin erledigt, mein Körper reagiert. Nach einer kurzen leidenden Nacht mit Krämpfen, Kopf- und Rückenschmerz und arschkalter Klima schultere ich meinen Rucksack auf und laufe zum Hostel Agavero, welches mir schon in Bacalar empfohlen wurde: wäre ich mal besser gleich hierher gekommen! William aus Kolumbien an der Rezeption ist zuckersüß und gibt einem sofort das Gefühl, zuhause zu sein, welches übrigens die einzige und extrem wichtige Regel hier ist: ‚Esta es su casa!‘ Ich kann erst am Nachmittag einchecken, bekomme aber trotzdem schon Frühstück. In der Küche wird an einem großen Tisch serviert, der zur Konversation einlädt. Am Herd steht ein Koch, der jeden verschlafenen Gast einfach bittet, sich zu setzen. Kurz darauf gibt es Orangensaft und er bereitet eine Köstlichkeit zu. Heute gibt es Burritos, für mich in veganer Variante – sehr lecker! Ich fühle mich jetzt schon sauwohl!

                William empfiehlt mir den Strand Playa de Delfines, mit dem Bus kommt man da ganz einfach hin; mach ich doch direkt. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten dauert es, bis das Colectivo die komplette Hotelpromenade abgefahren ist; ich steige aus, überquere die Straße und schaue aufs Meer – nein, ich starre aufs Meer! Die Farben sind unglaublich! Ich brauche ein paar Minuten um zu realisieren, dass das, was ich hier vor mir sehe, wirklich echt ist: kein Farbfilter, keine Bearbeitung, kein Fake – die Blautöne des Wassers fesseln meinen Blick.

                Auf dem feinen Sandstrand suche ich mir einen Platz und mache es mir bequem. Kaum schließe ich die Augen, muss ich sie doch wieder öffnen, um nochmal aufs Meer zu blicken, denn es ist einfach zu schön um nicht hinzusehen.

                Ich winke einen Strandverkäufer zu mir und kaufe Obstschnitze mit Salsa und Limonensaft. Die zwei Männer, die sich nicht weit von mir niedergelassen haben, nutzen den Moment und fragen, ob ich ein Bier zu meinem Obst möchte – da sage ich nicht nein. Ein Wort gibt das andere, wir rücken zusammen und so erfahre ich folgendes: beide sind Mexikaner, haben aber lange in den USA gelebt. Einer der beiden, Zinhuet, musste quasi flüchten und seine Familie zurücklassen, bzw wurde er deportiert, da er ein paar krumme Dinger gedreht hat. Abgeschreckt bin ich davon allerdings nicht, denn ich spüre sein gutes Herz und witzig ist er noch dazu. Sein Freund beantragt gerade seine Papiere für den dauerhaften Aufenthalt in Amerika. Beide fühlen sich mehr dort zuhause, da sie nicht viel Zeit ihres Lebens in Mexiko verbracht haben. Zinhuet gesteht mir, dass er dachte, ich wäre eine reiche Amerikanerin, die hier Urlaub macht. Da muss ich lachen: „Hast du mal meine Sachen genauer angeschaut?“ Er: „Du bist weiß und in Cancun, was denkst denn du!“ Als ich ihm von meiner Reise erzähle, erklärt er mich für verrückt und absolut hardcore. Dass ich meine Annehmlichkeiten in Deutschland dafür aufgegeben habe, kann er nicht nachvollziehen.

                Es wird spät, Regenwolken ziehen auf, einmal springen wir noch ins Wasser und als der große Schauer vorbei ist, begleite ich die beiden noch zum Abendessen in ein Restaurant nicht weit von meinem Hostel. Zinhuet begleitet mich zurück und würde gerne noch mehr Zeit mit mir verbringen, ich lehne dankend ab.

                William zeigt mir mein Bett und ich bin begeistert. Das ist definitiv eines der besten Hostels, in denen ich je war – und wenn ich das sage, könnt ihr mir blind vertrauen! Einladende große Betten mit guten Matratzen und duftenden Leinen, Licht und Steckdose am Bett, dann noch schöne Farbe an den Wänden, hervorragende Situation im Badezimmer, wunderschöne Dachterrasse, Billiardtisch und und und. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht! Meine letzten Tage hätte ich so sicher auch noch gut ausgehalten.

                Hostel Agavero

                Nach veganen Waffeln am Morgen mache ich mich wieder auf an den Strand und treffe dort Leo aus Schweden wieder (Bekanntschaft aus Bacalar). Auch für ihn ist heute der letzte Tag in Mexico, morgen fliegt er nach Brasilien. Als er erzählt, dass er einen Monat in Curitiba verbringen wird, bin ich ganz begeistert, denn die Stadt gehört zu meinen Favoriten.

                Gemeinsam mit seinem Reisebuddy Oscar gehen wir abends gemeinsam essen bei idylischer Atmosphäre am Steg. Mit Leo bleibe ich in Kontakt; drei Wochen später schreibt er mir, dass er schon zurück in Schweden ist: Reisefrust, der fast schon einer Depression glich; ich verstehe sofort, was er meint.

                dinner and sunset

                Zurück zuhause quatsche ich eine Weile mit William, echt schade jetzt, dass ich nicht mehr Zeit habe. Ich verziehe mich früh ins Bett, denn nach wie vor fühle ich mich schlapp und habe meinen ersten Schnupfen von der Klima im vorherigen Hostel. Um vier Uhr morgens teile ich mir mit einer Australierin ein Taxi, mit der ich mir die Zeit am Flughafen vertreibe und erfahre, dass sie auf Privatyachten arbeitet. Sie empfiehlt mir, mich doch auch mal zu bewerben und gibt mir alle Infos. Auf gehts nach Halifax.

                Hör genau hin und geh dahin, wo du dich gut fühlst.

                Mérida –  unverhofft kommt oft

                08 – 14 November 2017

                Seit langem habe ich meine Bleibe mal wieder über Couchsurfing gefunden. Seinem Profil nach zu urteilen scheint mein Gastgeber Pepe sportlich und locker und seine Bewertungen sind alle positiv. Als ich abends bei ihm ankomme, öffnet mir ein Typ, der wohl bei ihm putzt. Zwanzig Minuten später taucht sein Mitbewohner auf, der Smalltalk mit mir macht, bevor er zum Yoga geht. Als Pepe selbst eintrifft, wirkt er total müde und wenn ich es nicht besser wüsste, bekifft. Er fragt, ob ich Lust habe, mich noch mit ein paar Freunden zu treffen – klar, warum nicht, ich bin spontan. Der Freund, zu dem wir fahren, wohnt bei seiner Mutter, das Haus ist riesig, drei weitere Jungs hängen in der Küche rum, alle Anfang zwanzig. Zu sechst zwängen wir uns ins Auto, fahren zum nächsten Supermarkt, um Bier und Whiskey zu besorgen. Ich komme mir vor wie in einer amerikanischen Teenager-Komödie. Zurück zuhause wechseln wir in einen abgetrennten Raum, in dem geraucht werden darf – na toll, ich male mir sofort aus wie alles an mir später stinkt. Die Jungs rauchen, trinken, quatschen und hängen immer wieder am Smartphone. Bei mir klopft der Kopfschmerz an. Der Gastgeber verschwindet kurz im ersten Stock und kommt mit einem Päckchen weißem Pulver zurück – ernsthaft? Jetzt wird also auch noch gekokst. Für ne ordentliche Line wird sich allerdings keine Zeit genommen, sondern reihum mit den Autoschlüssel geschnieft – die Jugend von heute, das kenn ich noch anders. Ich lehne dankend ab und nachdem ich mir das Ganze noch zehn Minuten anschaue, bitte ich Pepe mich heimzufahren, denn das wird hier offensichtlich eine lange Nacht und mein Kopfweh macht sich breit. Mit Bier in der Hand fährt er mich heim. Frustriert über die negative Erfahrung schlafe ich ein mit dem Gedanken: ich bin zu alt für so nen Scheiß!

                Am nächsten Morgen steht für mich fest, hier kann ich nicht bleiben, also suche ich mir online ein Hostel, schreibe mit letzter Hoffnung allerdings noch einem anderen Couchsurfer, Carlos, der direkt antwortet und darauf besteht, dass ich zu ihm komme, obwohl er gerade zwei weitere Gäste hat. Ich kann in der Hängematte schlafen, wenn es mir nichts ausmacht. Einmannzelt zu zweit, Parkbank, Hängematte – kein Problem für mich! Hängematten sind zudem wirklich bequem. Ich hinterlasse eine Notiz für Pepe (und höre nie wieder von ihm), nehme ein Taxi in die Stadt und vertreibe mir den Nachmittag im Restaurant Avocado in der Innenstadt. Was ich bisher von Merida gesehen habe, gefällt mir gut, die Stadt hat mediterranes Flair.

                Carlos Wohnung liegt nur ein paar Gehminuten entfernt und als ich am Abend vor seiner Tür stehe, empfängt er mich mit freundlichem Lächeln und gibt mir gleich das Gefühl, mich ganz zuhause zu fühlen. Ich treffe außerdem auf Miriam und Thomas aus der Schweiz: seit 21 Monaten sind sie unterwegs im umgebauten Mercedes Bus und stecken gerade hier in Merida fest, da ihr Fahrzeug seit Wochen in Reparatur ist und alles ewig dauert. Carlos ist auch für sie eine Art Retter in der Not, da sie sonst für mehrere Wochen im Hostel Geld bezahlen müssten.

                Nachdem ich kurz mein Erlebnis mit Pepe schildere, gehe ich mit Carlos direkt ein Bier trinken, bin aber schon ganz gespannt auf die Erlebnisse von Miriam und Thomas. So ergibt es sich, dass wir die folgenden Tage komplett zusammen verbringen. Ich bin so gar nicht interessiert an den Touristenattraktionen hier sondern genieße einfach nur die angenehme Gesellschaft der beiden. Wir bummelm gemeinsam durch die Stadt, schlendern über den Markt, fahren einen Tag mit Carlos Mitbewohnerin an einen nahegelegenen Strand und suchen an den Nachmittagen interessante Bars auf, die zu jedem Getränk Tapas, hier Botanas genannt, servieren. 

                cerveza, botanas y mercado
                beach day!

                Wir quatschen am laufenden Band, tauschen uns über unsere Reiseerlebnisse aus, stellen Unterschiede mit seinen Vor- und Nachteilen in der Art des Reisens heraus, was hat uns zum Reisen bewegt, was inspiriert uns, wo sehen wir uns in ein paar Jahren. Gesprächsstoff geht uns nie aus, ich fühle mich sehr wohl mit den beiden und finde ihre Geschichten überaus spannend, da ich eines Tages auch mit dem Auto unterwegs sein möchte. Thomas Humor ist erfrischend, Miriam ist eine sanfte Seele, beide sind wie ich unkompliziert und ich fühle mich durch die Begegnung mit ihnen bereichert. 

                Nach einer gemeinsamen Woche ist der Bus endlich repariert und wir verlassen Merida am nächsten Morgen. Miriam und Thomas steuern Oaxaca an, für mich geht es nach Tulum.

                Mein Gemütszustand: allerlei Optionen, wo es nach Mexiko hingehen könnte, springen in meinem Kopf umher.
                Mit Robyn verabrede ich, ein paar Tage nicht zu sprechen um Raum für Fragen zu öffnen, wie es weitergehen soll. Zur Erklärung: da ich nicht vorhabe, in naher Zukunft mein Leben in Deutschland fortzusetzen und mir in ein paar Monaten das Geld ausgeht, brauche ich langsam aber sicher einen Plan, wie wieder etwas Geld reinkommt. Manchmal warte ich nur darauf, dass sie sagt, sie hat keine Lust mehr auf diese Ungewissheit. Aber Hut ab, sie genießt den Moment, versucht nicht an morgen zu denken.
                Ich spüre, dass ich momentan einen stabilen Ort brauche zum Ausruhen, Kräfte sammeln, Erlebnisse verarbeiten, routinierte Abläufe, um wieder Neugier auf unbekannte Welten zu wecken. Dabei mehr Zeit mit Robyn zu haben, ist ein schöner Gedanke. Sollte ich zurückkommen, kann ich ihr nicht versichern, im Sommer zu bleiben und glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich weiter will. Ist sie gewillt das einzugehen? Eine Garantie gibt es ja sowieso nie.

                Stop being afraid of what could go wrong, and start being excited about what could go right.

                Bacalar – der 7-Farben-See

                04 – 08 November 2017

                We all have slow days, off days, days we feel tired or uninspired, but they are nothing to concern yourself with. Like the ocean, the stillness is just another of our natural states. soon, the winds will pick up, the waves will rise, and your imagination will flow again. Beau Taplin. Creative Block

                Mein Nachtbus erreicht um halbdrei Uhr morgens das kleine Dorf Bacalar. Ich laufe durch die stille Nacht Richtung Hostel Yak Lake, welches direkt am See liegt. Im Vorfeld hatte ich angefragt, ob ich mitten in der Nacht aufkreuzen kann, worauf ich die Antwort bekam, vor sechs Uhr eine weitere Nacht buchen zu müssen, was ich gar nicht einsehe. An der Straße am See finde ich ein paar Parkbänke und entscheide kurzerhand, hier zu warten. Der Ort wirkt friedlich und sicher, ich krame meine Stulpen aus Bolivien, Kaputzenpullover, Schal und mp3-Player aus meinem Hab und Gut, bette meinen Kopf auf meinem kleinen Rucksack und blicke in einen klaren Sternenhimmel – mit Musik im Ohr schwebt mein Geist in einen leichten Schlaf. Kurz vor sechs packe ich meine Sachen und laufe die letzten Meter zum Hostel, wo ich als allererstes ein großes einladendes Sofa erblicke, auf dem ich die letzten Stunden genausogut hätte verbringen können, was mir später einer der mexikanischen Angestellten bestätigt, der mich auf der Parkbank liegen sah. Die Lage direkt am See ist ein Traum, mit der Terrasse, dem Steg ins Wasser und der hochwertigen Einrichtung wundert es mich nicht, dass der Preis pro Nacht über dem Durchschnitt liegt.

                mein Schlafplatz in der ersten Nacht

                Abgesehen vom See und ein paar Cenoten gibt es hier nicht viel zu tun. Ich bleibe dennoch ganze vier Tage, denn mein Geist braucht Ruhe und zum Entspannen ist dieser Ort ideal. Somit beginne ich die Tage mit meinen Übungen und Meditation in den Sonnenaufgang am Ende des Stegs und schlage mir danach den Bauch voll mit dem üppigen Frühstück des Hostels: Bananen, Äpfel, Melone, Ananas, Papaya, Granola, Cereals, Toast – von allem ist mehr als genug für alle da, was in vielen Hostels leider nicht selbstverständlich ist. 

                Um mich herum höre ich alle deutsch oder englisch sprechen, was mich ziemlich abturnt. So langsam komme ich auch drauf, was mich genau stört: wer hier einfach ein paar Wochen mit Freunden verbringt, Orte abhakt, Sonne tankt und dann wieder nach Hause fliegt, ist hier genau richtig. Ich dagegen suche nach Austausch mit Kultur und Sprache, Kontakt mit Einheimischen – hier sehe ich eine klare Trennung zwischen den Mexikanern als Dienstleister und den Touristen  – vor meinem Hintergrund und momentanen Bedürfnissen bezweifle ich somit gerade täglich, am passenden Ort zu sein. Mit diesem Gefühl halte ich mich zunächst aus allen Konversationen heraus, letzten Endes finde ich mich aber doch inmitten interessanter Gespräche und neuer Bekanntschaften:

                Sue aus Köln macht ein paar Wochen Urlaub, hat wie ich zuviel vom deutschen Winter und sieht sich irgendwann als digitale Nomadin im Ausland arbeiten. Mit ihr mache ich eine zweistündige Bootstour über den See, die uns zu Cenoten und schwefelhaltigem Schlamm führt, den sich trotz des Geruchs nach verfaulten Eiern jeder auf die Haut schmiert, weil es gutes Peeling sein soll.

                Leo aus Schweden: anfang zwanzig, blond und helle Augen, trockener Humor ganz nach meinem Geschmack, dahinter spüre ich eine feine sensible Art. Ganz unerwartet sitze ich eines Abends mit ihm alleine auf der Terrasse als sich alle anderen schon früh ins Bett verabschiedet haben. Nach einem Monat in Jamaika ist er jetzt seit ein paar Wochen in Mexiko und hat vor, noch mindestens bis Mitte nächsten Jahres unterwegs zu sein, nächstes Ziel Brasilien. Er beginnt, von seiner Arbeit, seinem Leben und seiner Familie zu erzählen und offenbart bewegende und traurige Momente, die in mir den Impuls wecken, ihn einfach zu umarmen. Ganz überrascht von sich selbst, dass er sich mir anvertraut, bedanke ich mich und bestärke ihn darin, seine Geschichte zu teilen, da es ihm mehr Tiefe verleiht und er so auch sein Gegenüber dazu bringen kann sich zu öffnen, was wundervolle Verbindungen ermöglicht.

                Abgesehen von meiner täglichen Routine teste ich mit Sue, Leo und drei weiteren Backpackern an einem Abend das Essen im überaus gelobten veganen Restaurant Mango y Chile, was uns mit dem ersten Biss in Burger und Tacos sofort überzeugt. Ich spiele Karten mit Australiern, die als Freunde zusammen reisen und beneide sie um ihre Gesellschaft miteinander, da mir vertraute Menschen zum zusammen erleben momentan sehr fehlen.

                Der Blick in die Zukunft mit all seinen Optionen und Möglichkeiten überwältigt mich zuweilen: zu spüren, dass alles möglich ist und man seine Welt selbst kreieren kann, es in der Hand hat, wohin der Weg gehen soll, wirkt einerseits aufregend und euphorisierend; andererseits stresst mich die Qual der Wahl und ich frage mich, ob ich auf hohem Niveau jammere. Aber es kann einen bis zur Verzweiflung treiben, den Weg nicht klar vor sich zu sehen. Das Privileg von so viel Freiheit kombiniert damit, aus bequemen Routinen auszubrechen und sich allerlei neuen Ideen und Lebenskonzepten gegenüber zu öffen, kann einem den Atem rauben und man findet sich in einem Zustand von Orientierungslosigkeit. Wichtigster Kompass in all dem Wirrwarr: das Gefühl!

                Weit außerhalb der persönlichen Komfortzone spricht das Herz lauter als gewohnt und ist der zuverlässigste und wichtigste Ratgeber des Lebens.

                San Cristobal und Palenque, Chiapas – Vertiefung einer neuen Freundschaft

                30 Oktober – 03 November 2017

                Nachdem ich einmal mehr eine Nacht im Bus verbringe, komme ich am späten Montag Vormittag in San Cristobal an. Das Hostel La Isla ist mit viel Bedacht eingerichtet und man spürt, dass hier wirklich jemand wohnt. So haben sich ein paar junge Argentinier zusammengetan und diesen Ort kreiert, in dem sie leben und arbeiten. 

                Katzen geben dem Haus eine Seele

                Nach dem Check-in erkunde ich das charmante Städtchen, schlendere zum Markt, kaufe Guabas, eine meiner Lieblingsfrüchte hier im Süden und probiere Streetfood.

                Chloe kam schon gestern aus Oaxaca an und so treffe ich sie am Abend in der gut besuchten Weinbar La Vina de Bacco in der belebtesten Straße Real de Guadelupe: ein gutes Glas Wein bekommt man hier ab 20Pesos und mit jeder Bestellung werden sogar noch ein paar Tapas serviert. Dementsprechend brummt der Laden. Ich freue mich riesig, Chloe wiederzusehen und wir umarmen uns innig. Ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken, was jetzt passiert: ich bin mit Chloe in einer Weinbar – da kann ich nun wirklich nicht nein sagen, wann bekommt man in Mexico schon mal so günstig guten Wein. Chloe amüsiert sich köstlich, dass sie bisher bei all meinen Ausnahmen anwesend war, hier die aktualisierte Liste, wann gebrochen werden darf mit der Abstinenz: tastings, when it’s free, sunset, Weinbar, last night (steht noch aus)

                Am nächsten Tag nehmen wir an der walking tour teil, welche sich nach erster Skepsis als sehr empfehlenswert herausstellt: es gibt viel Essen zum probieren, der Guide führt uns zu interessanten Ecken und ihm liegt viel daran, uns bei Laune zu halten. Zum Abschluss probieren wir Posch, Hochprozentiges gebrannt aus Agave, danach landen wir wieder in der Weinbar.

                Dia de los muertos – Straßenumzug

                Bevor sich unsere Wege entgültig trennen, verbringen Chloe und ich einen letzten gemeinsamen Tag: wir gehen zurück an bestimmte Orte der walking tour, die wir uns nochmal in Ruhe anschauen möchten, blicken in Hinterhöfe, bummeln ein wenig und machen eine Pause bei Kukulpan, eine Bäckerei zum dahinschmelzen.

                Am Nachmittag fahren wir anlässlich des „dia de los muertos“ zum Friedhof: traditionell wird der Totentag hier groß und bunt gefeiert, was für uns aus dem Westen sehr befremdlich sein mag, aber eigentlich von viel mehr Akzeptanz gegenüber dem Kreislauf des Lebens zeugt und mit positiven Gedanken und heiterer Stimmung an die Verstorbenen erinnert wird. Der Friedhof selbst wirkt wie eine kleine Stadt und nicht ganz so bunt aber ähnlich kenne ich das aus Buenos Aires. Wir beobachten Menschen, die beim Essen zusammensitzen, lachen, es gibt Musik und Straßenverkäufer. An die Totenköpfe überall gewöhnt man sich übrigens schnell und sie sind jetzt für mich wesentlich positiver konnotiert als zuvor.

                Wir gönnen uns ein Dinner im traditionell mexikanischen Restaurant La Lupe mit anschließendem Kino in der Bar Kinoki um die Ecke – jeden Abend werden hier Dokus oder mexikanische Filme gezeigt und es gibt sogar kleine Kinoräume, die man privat mieten kann. Vor dem Schlafengehen heißt es Abschied nehmen, denn Chloe’s Bus nach Guatemala geht im Morgengrauen. Zu gerne würde ich sie noch länger an meiner Seite behalten; sie kennenlernen zu dürfen, war die Reise nach Mexiko schon wert.

                letzter Abend mit Chloe

                Für mich selbst geht es erst einen Tag später weiter: Zeit für Organisation, Blog und in mich hören. Mein Gemütszustand: ich empfinde es als anstrengend, dauernd neue Leute kennen zu lernen und sich an fremde Orte zu gewöhnen. Außerdem nerven mich die vielen Touristen hier. Wirklich mit den Mexikanern in Kontakt zu kommen, gestaltet sich schwierig, da die Beziehung zueinander mehr als Serviceleister und Kunde definiert ist. Mir fehlt der Aspekt, selbst zu erkunden, alles ist schon da und vorgegeben. In Südamerika war das so ganz anders, die Interaktion mit den Menschen dort war wesentlich intensiver, was mir einmal mehr bewusst macht, dass mein Herz in Brasilien und Chile hängt. Ich akzeptiere meine momentane Unentschlossenheit und vertraue darauf, dass irgendwann alles klar vor mir liegen wird.

                Wer in Mexiko reist, kommt an Ruinen und Tempeln kaum vorbei und so lege ich auf dem Weg an die Ostküste einen Zwischenstop in Palenque ein: morgens um vier werde ich am Hostel eingesammelt. Die Tour führt über beeindruckende Wasserfälle zu den Ruinen in Palenque. Guide suche ich mir keinen, nehme mir aber Zeit für die Schilder mit Infos auf dem Gelände. Brutal heiß ist es hier! Am selben Abend reise ich im Nachtbus weiter nach Bacalar.

                Ruins of Palenque

                Der Kopf muss lernen loszulassen. So kann die Seele wieder atmen und das Herz wieder zur Ruhe kommen.