Winter Teil 2 und Beginn von Corona

19.Januar – April 2020

Was verliere ich, was gewinne ich? Was für ein Mensch will ich sein? Welche Konsequenzen befürchte ich? Kopf und Bauch führen eine riesen Schlacht, keiner gibt nach: mein Kopf sammelt Argumente und Fakten, wägt ab. Mein Bauch spürt – ich versuche, bewusst in meinen Körper zu fühlen, entstehende Empfindungen bei bestimmten Gedanken zu sortieren. Mache ich mir selbst was vor? Weiß ich, was ich will? Traue ich mich nur nicht? Der Wunsch anzukommen, sich am richtigen Ort fühlen, wird größer.

Voller Genuss ist in der Schwebe nicht möglich. Entscheide aus Liebe statt Angst! Es gibt nicht nur ‚entweder oder‘ sondern mehrere Alternativen.

Mitten im Schnee fühlt sich Sundae am besten.

Nach ewigem Hin und Her im Kopf treffe ich schließlich eine erste Entscheidung: ich will bei Sherry bleiben bis nach ihrer OP, will für sie da sein, wenn sie Hilfe braucht. Und ich weiß, dass sie vorher sehr nervös sein wird. Ob ich dann letztendlich im Herbst schon wieder in Deutschland beginne, ist erstmal dahingestellt. Es ist, als ob ich auf ein Zeichen warte, das mir bei meiner eigentlichen Entscheidung hilft.

Februar. Hör auf dein Gefühl, wenn du keinen Druck verspürst und still bist. Was sind deine Sehnsüchte, was vermisst dein Herz, was erfüllt dich? Wer bist du, was gefällt dir, wie möchtest du leben? Manchmal fühle ich mich mehr als Anhängsel, sie führt, ich ziehe mit, lebe mich selbst nicht aus, ein Teil von mir wird vernachlässigt.

Ich tausche meinen deutschen Führerschein gegen einen von hier, denn beim Ausweisen vereinfacht das vieles und ich werde nun doch noch eine Weile hier sein. In Deutschland läuft sowas immer mit viel Bürokratie ab, hier dagegen gebe ich gefühlt meinen über den Tresen, kurze Zeit später liegt mein kanadischer Führerschein im Briefkasten. Für mich ist dies ein Aha-Moment: die ganze Zeit habe ich selbst meinen Aufenthalt hier nicht so betrachtet, wie er tatsächlich ist – ich lebe hier. Für mich war es immer nur ein Aufschieben meiner Rückkehr. Doch tatsächlich lebe ich hier seit über zwei Jahren.

Point Pleasant Park

Endlich bekommt Sherry ein finales Ergebnis zu all ihren Tests zur Nierenspende. Leider ist die Nachricht jedoch für alle Beteiligten ernüchternd und enttäuschend: Sherry kann keine ihrer beiden Nieren an ihre Cousine Brenda spenden. Die eine ist zu verwoben mit ihren Organen, die andere hat nur eine Arterie, was zum Spenden ungeeignet ist. Warum dieser Test erst ganz am Ende liegt, haben wir uns lange gefragt.

Spaziergang mit Brenda und Simone

März. Ich bin wesentlich ruhiger im Kopf. In einem längeren Gespräch ging es unter anderem darum, dass das hier einfach nicht meinem Lebensstil entspricht und die Winter hier für mich schwierig sind. Ich will diese Gefühlsschwankungen nicht nochmal erleben und nachdem sie ihre Niere nun nicht spenden kann, stellt sich für mich wieder die Frage, wie geht es weiter und soll ich doch länger hier bleiben. Die Reise quer durch Kanada wollen wir nach wie vor machen, Start Mitte Juni. Bis dahin so viel Geld sparen wie möglich und danach hier noch gemeinsam den Rest des Sommers genießen. Im Oktober würde ich dann nach Deutschland fliegen. Aus zeitlicher Ferne ist der Gedanke erträglich, bei zuviel Visualisierung wird es unangenehm. Ich muss bis dahin einen Weg finden, dass mich der Abschied nicht überwältigt, die Perspektive wechseln. Selbst bei unserem Gespräch fiel es mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. Der Plan ist nicht schlecht, meine Gefühle zu ihr dagegen vertiefen sich.

Sundae ist weiterhin mein Laufpartner

Zwei meiner Brüder wollen mich im Sommer besuchen kommen. Sherry findet langsam wieder zu alter Form zurück, die ganzen Tests und der mentale Stress haben sie ganz schön mitgenommen. Wir lachen nach wie vor sehr viel zusammen, kuscheln viel, sind liebevoll miteinander, wachsen zusammen. Und doch verhalten wir uns auf gewisse Art vorsichtig und zurückhaltend, die Zukunft ungewiss.

Mitte März. Ich fühle mich wie in einem Science-Fiction-Film. Corona/COVID 19 hat die Welt fest im Griff. Nach und nach schließen alle Länder ihre Grenzen, gehen in den sogenannten Lockdown. Seit gestern sind hier in Nova Scotia alle Parks und Strände zu, verboten zu betreten. Man darf höchstens zu fünft unterwegs sein. Beschränkungen in den Supermärkten, Plexiglas an den Kassen, Leute sind auf Abstand, alle Geschäfte zu. Wer weiß, wer so wie lange überleben kann. Viele Falschmeldungen kursieren. Panik, Lagerkoller, der unbegrenzte Nachrichtenfluss Tag für Tag bereitet mir Kopfschmerzen, von denen ich bald nicht mehr weiß, wann sie eigentlich anfingen. Bisher scheint es nicht so, dass die Welt in naher Zukunft in den Normalzustand zurückkehrt. Nahezu alle Flüge sind gestrichen, man redet davon, dass die Welt nicht mehr die gleiche sein wird. Ich kämpfe mit der Vorstellung, dass viele Menschen auch nach all diesem Wahnsinn verschreckt sein werden, übervorsichtig, auf Distanz, Berührungen seltener.

Unsere ersten Masken

Drei Wochen Lockdown. Wenn ich nicht mit Sherry in der Küche bin, gestaltet sich ein normaler Tag folgendermaßen: Kaffee machen, zurück ins Bett, Neuigkeiten im Netz lesen, aufstehen, frühstücken, wieder ans Handy, mit Freunden und Familie kommunizieren. Mittags mit Sundae spazieren, zurück im Haus. Lesen, chatten, joggen gehen, Abendessen kochen, Sundae nochmal ausführen. Die Abendgestaltung beläuft sich auf fernsehen oder lesen. Meine Laune schwankt, das Wetter ist nicht hilfreich, Temperaturen hier schwanken zwischen 0 und 15°, bleiben meist aber noch einstellig. Wenn ich dann noch die sommerlichen Tage in Deutschland sehe, sinkt die Stimmung. Zu alldem bewege ich mich nicht genug, bin gelangweilt wie nie zuvor. Bis Ende August scheinen alle öffentlichen Veranstaltungen abgesagt, unsere Tour quer durch Kanada wird auch immer unwahrscheinlicher. Fest steht, dieser eintönige Alltag tut mir nicht gut und ich blicke etwas neidisch nach Deutschland. da hätte ich auf jeden Fall wesentlich mehr Gelegenheiten, mich zu beschäftigen und Familie und Freunde zu treffen. Bis nach Sherry’s Geburtstag Mitte Mai will ich definitiv noch bleiben und dann ist wahrscheinlich ziemlich klar, ob unser Trip dieses Jahr realisierbar ist oder nicht. Vielleicht dann zum Halbjahr wieder in Deutschland beginnen? Aber wer weiß, wann überhaupt wieder regelmäßig Flüge gehen. Die Welt ist nicht mehr planbar.

Face mask!

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