Der Winter zieht ein – es wird kalt und grau

Oktober – 21 Dezember 2018

Mit der Rückkehr des Winters hier wird es still, die Leute scheinen sich zuhause einzuigeln und verfallen, wie sie selbst sagen, in eine Art Winterschlaf. Konkret bedeutet dies, dass sich Freunde wesentlich weniger treffen, manche komplett von der Bildfläche verschwinden oder aber im Süden (Florida oder Mexico) überwintern. Die Wetterbedingungen erschweren an manchen Tagen die Bewegung im Freien, Gehwege können vereist sein, -10 Grad Celsius fühlen sich mit Wind schnell mal wie über -20 an. Meinerseits führt dies zu mehr einsamen Momenten und einmal mehr spüre ich, wie sehr ich ein großes und enges soziales Umfeld für mein inneres Gleichgewicht brauche. Ich vermisse mein Leben in Mannheim, meine geliebten Orte dort, Cafés, Restaurants, die Entwicklung der Stadt zu erleben; nach wie vor verfolge ich einiges auf Facebook. Mir fehlen meine Routinen, der intensive Sport, Aktivitäten mit Freunden und Familie, Geburtstage oder einfach Zeit mit meinen Geschwistern und Eltern. Jeden Morgen mit dem Aufwachen ist dieses Gefühl präsent.

Sherry’s Küche liegt am Hafen. Sundae ist immer mit am Start.

Enge Beziehungen gewachsen aus gemeinsamen Erfahrungen – gemeinsam lachen und weinen. Momente teilen. Diese Freundschaften sollten genährt werden.

Auf der anderen Seite ist da Sherry. Alles läuft entspannt natürlich mit ihr. Ihre Gegenwart tut mir gut und ich finde es spannend, sie immer näher kennenzulernen. Wir sprechen über die nächste Zeit und sie schließt mich gedanklich in all ihre Pläne ein. In keinster Weise engt sie mich ein, die Beziehung und Partnerschaft mit ihr ist bereichernd. Ich fühle mich von ihr angezogen, sie bringt eine neue Seite in mir hervor. Sie ist immer positiv, eine Macherin und Alleskönnerin. Mit ihr habe ich das Gefühl, nicht an alles denken zu müssen, kann mich auch mal zurücklehnen. Sie ist so vielseitig und offen für Neues und Veränderung; spontan wie ich selbst, ein großes Herz, unglaublich aufmerksam, sensibel, unkompliziert, nach außen taff aber eigentlich ganz sanft.

Schon als wir uns kennenlernten und sie erfuhr, dass ich aus Deutschland bin, meinte sie sofort, dass ich ihr das Land zeigen muss, da es doch nichts besseres gibt als jemanden zu haben, der sich auskennt, dort wo man reist.

Da momentan weder mein Heimweh nachlässt noch Sherry aufhört zu fragen, wann wir denn nun nach Deutschland gehen, einigen wir uns gemeinsam auf Weihnachten und Silvester. Wann immer Sherry verreist, bedeutet das für sie, keine Geldeinnahmen zu haben. Trotzdem lässt sie sich überraschend einfach von mir überzeugen, mindestens für drei Wochen zu gehen. Als Sherry’s Dad von unseren Plänen hört, ist er ganz begeistert, dass seine Tochter nach Europa gehen wird und kümmert sich kurze Zeit später ganz unerwartet um unsere Flüge – damit hätte ich nie gerechnet. Doch er will, dass wir sicher reisen und so kommen für ihn nur bestimmte Flugzeuge infrage. Unser Datum steht somit fest: wir landen am 22.Dezember in Frankfurt, sodass Sherry gerade noch den berühmten deutschen Weihnachtsmarkt erleben kann und werden 25 Tage bleiben. Mein Herz ist jetzt gar nicht mehr so schwer und ich zähle die Tage bis zu unserem Abflug.

Von Zuhause gibt es Neuigkeiten: Meine Schwägerin Diemy ist schwanger. Ich freue mich riesig für die beiden, da geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schwester Anne zieht mit ihrem Freund zusammen. Bruder Baldi geht’s besser denn je. Nichte Soraya meldet sich regelmäßig, wir telefonieren und ich helfe mit ihren Schulsachen.

Nachdem wir mithilfe der Jungs im Herbst den Garten verschönert haben, steht nun eine Gartenparty an. Sherry lädt einige Freunde ein und ich die wenigen Personen, die ich abgesehen von Sherry’s Seite bisher Freunde nennen kann oder einfach gern mag. Nigel kommt mit Familie, zwei Kunden vom Markt, mit denen ich immer länger plaudere) Scott und Todd und drei weitere Freundinnen. Wir verbringen ein paar heitere Stunden. – noch neun Wochen.

Sherry fängt sich eine heftige Erkältung ein, die sich als ziemlich hartnäckig erweist. Ich kümmere mich mit Hausmittelchen um sie so gut ich kann.

Sie öffnet sich mir gegenüber ganz langsam, zeigt mehr Zuneigung. Eines Tages meint sie zu mir, dass ich nicht viel sage, was uns beide angeht. Ich erzähle viel und bin offen, was vergangene Dinge angeht, aber dagegen zurückhaltend in Bezug auf uns. Ich muss zugeben, sie hat recht und es ist nicht das erste Mal, dass ich das höre. In mir kommt die Frage auf, ob sie genauso ist, aber sie reagiert wohl einfach nur auf mein Verhalten.

31. Oktober – es ist Halloween. Sherry ist da ganz groß und für sie ist vollkommen klar, dass wir an diesem Wochenende verkleidet zum Markt erscheinen. Ich schaue sie erst schräg an – Halloween ist bei uns ja nicht so populär. Zugleich merke ich aber gleich, dass ich aus der Nummer nicht rauskomme. Ich ziehe also voll mit und eine Woche vorher beginnen wir in Secondhand- und Kostümläden unser Outfit zusammenzusuchen. Sherry’s Kreativität kennt keine Grenzen und wir haben einen heiden Spaß mit der Vorbereitung. Sie geht als Batwoman, ich als ‚Ingrid from the North’/ wilde Kämpferin. Auf dem Markt bringen wir einige Leute zum Schmunzeln und Staunen, bekommen viele Komplimente und laufen am Nachmittag so auch in unserer Pizzeria auf, Sherry nimmt nicht mal ihre Maske ab. Abends treffen wir ein paar von Sherry’s Freunden auf einer Halloween-Party. Manche Kostüme sind wirklich beeindruckend, hier wird das Thema absolut ernst genommen.

letzte Handgriffe um 4:30 in der Früh vor dem Markt
in action
in unserer Stamm-Pizzeria

Trick or treat – hier ziehen gefühlt alle Kinder los und klopfen an die Haustüren. Sherry lässt mich einen Kürbis aushölen, sie kramt ihre Halloween-Deko fürs Haus raus und gruselige Halloween-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Wir empfangen die Kids als Batman und Joker. – noch sieben Wochen.

Kürbis aushölen muss sein. Auch die Nachbarn dekorieren fleißig
Batman und Joker sind bereit

Mitte November der erste heftige Schneefall:

Die Zeit rast. In knapp sieben Wochen ist Weihnachten. Ich freue mich riesig auf zuhause, auf Familie, Mama, Freunde; habe Träume, die mit meinem Heimweh verbunden sind; denke viel an unsere Familie, wie gut wir aufgewachsen sind, was für ein besonderes und enges Verhältnis wir miteinander haben.

Ein Freund vom Markt, Marcel aus Cuba, verkauft unter der Woche mit seiner Frau kubanisches Essen und spielt in seiner Freizeit in einer Band. Wir kommen zu einem seiner Auftritte in die Weinbar Obladee.

Wir gehen zur sogenannten Reception Party von Sherry’s Freunden John und Cyril, die ich im August auf der Pride Parade kennenlernte. Seitdem haben wir es leider nicht geschafft uns zu treffen. John ist aus England, wohnt aber schon seit über dreizehn Jahren in Kanada. Im Sommer gaben er und Cyril, er ist von hier, sich in Irland das Jawort und feiern jetzt nochmal für die Freunde von hier. Zum ersten Mal putzen wir uns gemeinsam richtig raus und nehmen ein Taxi in die Innenstadt ins Irish Pub Old Triangle.

Als Sherry Anfang Dezember den Plastikweihnachtsbaum aus dem Keller holt, erinnere ich mich an viele Bräuche und Gewohnheiten aus der Weihnachtszeit von daheim. Ja, ich weiß, Plastik geht gar nicht, hab ich ihr auch gesagt. Ihre Entschuldigung ist, dass sie den Baum noch aus ihren Zeiten als Restaurantbesitzerin hat. Jetzt einfach wegwerfen ist auch doof.

Auf jeden Fall hat sie noch nie etwas von Adventskranz gehört – ich google und stelle fest, das ist was typisch Deutsches. Spontan entscheide ich, einen für uns zu machen, in moderner Version. – noch vier Wochen.

Außerdem bastle ich ganz heimlich im November einen Adventskalender für Sherry. – noch 21 Tage.

Für den Weihnachtsmarkt Anfang Dezember tun Sherry und ich uns zusammen, teilen alle Kosten und später den Gewinn. Ein ganzes Wochenende stehen wir von morgens bis abends auf den Beinen und hatten viel Vorarbeit, doch die Schufterei lohnt sich! Außerdem bietet sich Sherry so eine weitere Gelegenheit uns beide in ein Kostüm zu stecken. – noch drei Wochen.

Zwischen uns wird es immer inniger und ich fühle mich innerlich zerrissen. Ich vermisse Zuhause mehr denn je, weiß andererseits, dass ihr Platz hier ist, zumindest so lange ihre Mum da ist. Das alles sind Gedanken, die ich so noch nicht mit ihr teile. Ein bisschen zögern wir beide, über uns zu sprechen. Denn dann ist die nächste Frage: und was machen wir jetzt damit?

Am letzten Samstag gehen wir zu einem Weihnachts-Cabaret, in dem Scott am Klavier sitzt. Neben seinem Freund Todd ist unter anderem auch John da – ein rundum schöner Abend in Weihnachtsstimmung

Und dann ist es soweit: noch einmal schlafen…

Road Trips! PEI (Prince Edward Island) und Cape Breton

24-27 September, 08-11 Oktober 2018

Der Sommer schreitet in großen Schritten dem Ende entgegen. Schon vor einigen Wochen schlug Sherry vor, ein paar Ausflüge zu machen bevor es ganz vorbei ist mit dem warmen Wetter.

Ihre Cousine Brenda und Frau Simone haben auf PEI ein Ferienhaus, hier Cottage genannt, und bieten uns an, die Gelegenheit wahrzunehmen und ein paar Tage auf der Insel zu verbringen. Ich selbst war vor über einem Jahr zum ersten Mal für eine Hochzeit dort, allerdings in einer anderen Ecke und abgesehen von Charlottetown und dem Hochzeitsspott ist mir die Insel noch unbekannt.

Ende September ist es dann soweit: wir schaufeln uns vier Tage frei und Sherry leiht sich das Cabrio ihres Dads, das er momentan nicht braucht. Die Hunde kommen mit, werden auf der Rückbank festgeschnallt und los gehts.

Dude und Sundae sind startklar

Wie erwartet sind die Straßen frei – bisher habe ich hier auch noch nicht einen einzigen Stau erlebt, der vergleichbar wäre mit dem, was man von deutschen Autobahnen kennt. Um auf die Insel zu gelangen, gibt es nach wie vor eine Fähre oder seit über zwanzig Jahren die Confederation Bridge, welche den Tourismus seitdem angekurbelt hat und auch unsere gewählte Route ist.

Gute vier Stunden sind wir unterwegs und erreichen am frühen Nachmittag Charlottetown. Stanhope by the Sea, wo wir eigentlich hinwollen, liegt ca zwanzig Minuten nördlich der Stadt an der Küste, doch das Wetter ist hervorragend und wir entscheiden, jetzt einen Stopp in der Innenstadt einzulegen, da wir uns sowieso mit ein paar Lebensmitteln eindecken müssen. Sundae und Dude lassen wir im offenen Cabrio zurück, den beiden nähert sich so schnell keiner.

In einem angesagten Café trinken wir Cappuccino und bummeln durch die Straßen. Wir lassen uns treiben von dem, was uns spontan anzieht: eine Bildergalerie, kleine Läden mit Einrichtungsdekoration und Schmuck oder das Ufergelände. Zu lange wollen wir die Hunde dann aber doch nicht sich selbst überlassen, halten an einem Supermarkt und steuern dann Stanhope an. Die einzelnen Grundstücke sind weitläufig und über eine Art Feldweg gelangen wir zu unserem Cottage, welches am Ende dessen liegt. Den Schlüssel finden wir wie vereinbart und betreten eine gemütliche feine kleine Oase, die sich sofort wie ein Zuhause anfühlt.

Unser einziges Vorhaben für die Tage hier ist Entspannung.

Dude macht direkt am ersten Abend Bekanntschaft mit einem Stinktier. Mit blinzelnden Augen kommt er aus dem Dunkeln zurück und Sherry weiß gleich, was los ist. Für mich ist der berühmt berüchtigte Geruch neu und ich lerne: wenns dumm läuft, hängt er ewig in den Räumen. Sherry hat Erfahrung und sagt, wir brauchen Tomatensaft, damit bekommt man den Gestank vom Hund. Außerdem vermutet sie, dass Dude einem Jungtier begegnet sein muss, da der Duft noch sehr milde wäre. Ich will mir intensivere Geruchslevel gar nicht erst ausmalen. Über die nächsten Tage wenden wir über Lüften, Kerzen und Kaffeepulver alle Tricks an, um den Geruch aus dem Haus zu treiben. Dude bekommt eine Ladung Tomatensaft verpasst, was er ganz tapfer wegsteckt. Zur Belohnung lassen wir die beiden am Strand rennen – Hunde sind hier eigentlich nicht erlaubt, aber weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

Tomatensaftbehandlung nach Stinktierbegegnung!

Wir verwöhnen uns mit gutem Essen (wie eigentlich immer), erkunden die Umgebung mit dem Golfcart, welches in der Gartenhütte parkt, entzünden ein Lagerfeuer und verbringen einen Regentag gemütlich im Haus.

Golfcart und Drinks – läuft!

Bei einem unserer Strandspaziergänge lasse ich Sherry wissen, wie froh ich bin, sie kennengelernt zu haben. Ich versuche offener mit meinen Gefühlen zu sein und diese auszudrücken – glaube ich zumindest.

In den folgenden Wochen spüre ich, wie wir eine neue Ebene erreichen. Ich will es mit ihr versuchen, bin offen für Neues, sehe zum ersten Mal seit langem wieder einen Weg vor mir, zumindest für die nächsten Monate.

Geh dahin wo du dich lebendig fühlst.

Unser zweiter Road Trip steht schon zehn Tage nach der Insel an: Cape Breton! Der Herbst gehört hier definitiv zur beliebtesten Reisezeit, wenn die Blätter der Laubbäume sich täglich wandeln und ein beeindruckendes Farbenmeer bilden.

Vier Tage und drei Nächte haben wir uns vorgenommen – und zum ersten Mal ohne Hunde! Sundae liefern wir am Morgen bei Sherry’s Neffen ab, dessen drei Töchter sich schon seit Tagen auf den Besuch freuen; um Dude kümmert sich eine alte Freundin.

Die Anreise dauert etwas länger als nach PEI und als wir am späten Nachmittag in Sydney ankommen, gehen wir einen Happen essen und anschließend direkt zurück zu unserer Unterkunft: Pool, Sauna, Whirlpool und ab aufs Zimmer – Sydney kann warten bis morgen.

Am nächsten Morgen ist Punkt eins auf unserem Tagesprogramm der Harley Davidson Store, ein Muss für Sherry. Wann immer sie in der Nähe eines Harley Stores ist, kann sie nicht widerstehen. Sie langt gut zu: zwei T-Shirts, ein Gürtel und Stiefel.

Danach begeben wir uns in den Stadtkern, trinken Kaffee in der belebtesten Straße und kommen erst einmal nicht weit, da der urige Secondhandshop nebenan unsere Aufmerksamkeit weckt. Bis zur Decke ist jeder Winkel des kleinen Ladens ausgenutzt: drei Reihen mit Kleiderständern, durch die man sich drängt, von den Wänden hängen Handtaschen, Gürtel und Schals, wir begutachten allerlei Schuhe, Vitrinen mit Schmuck und mehr. Richtig viel los hier – wenn ich mir die Kunden so anschaue, gehe ich schwer davon aus, dass heute ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat, was sich später bestätigt, als wir an den Hafen kommen. Die Ladenbesitzerin wittert ihre Chance für guten Umsatz und bietet alles zum halben Preis an. Über eine Stunde verbringen wir mit Stöbern und finden einige Schnäppchen.

Als wir uns endlich losreißen können, spazieren wir Richtung Hafen, machen einen kurzen Stopp in einer Kirche, ein Selfie mit der größten Geige der Welt und schlendern über den Markt, der im Innern eines der Hafengebäude stattfindet: viel Schmuck und Kleider, hausgemachte Seifen und mehr. Ich entdecke einen besonderen Ring und kaufe ihn spontan für uns beide. Noch Monate später neckt sie mich damit, dass ich ihr geschickt einen Verlobungsring angesteckt hätte.

Als der Hunger ruft, entscheiden wir uns für das Restaurant ‚Flavour‘. Dort sitzt man entlang bodentiefen Fenstern mit Blick auf den touristischen Hafen.

In einem Irish Pub planen wir unseren Tag auf dem Cabot Trail. Dort gibt es an die dreißig Wanderwege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Entfernungen.

Als es dämmert, brechen wir auf zu Sherry’s Freundin Pam, die beiden waren zu Schulzeiten beste Freundinnen und haben sich vor fünfzehn Jahren das letzte Mal gesehen. Pam wohnt mit ihrem Mann Mark ungefähr eine halbe Stunde außerhalb Sydney. Als wir in die Hofeinfahrt kommen, parken wir vor einem beeindruckenden Anwesen mit Blick aufs Meer. Pam empfängt uns sehr herzlich, sie hat eine aufgeweckte positive Ausstrahlung. Wir stoßen an mit einem Glas Wein, bekommen eine Hausführung und schreiten dann über den Hof Richtung Gästehaus. Nach dem Rundgang im ersten Stock treffen wir unten auf Mark. Das Erdgeschoss wirkt wie eine Garage oder ein Werkraum. Mark führt uns in den Nebenraum: im ersten Moment denke ich an ein Gewächshaus, sehe einen Traktor, rieche Heu… ich blicke nach links und sehe einen Stall mit Pferd. . . . EIN PFERD IM GÄSTEHAUS! Echt jetzt?! Ich traue meinen Augen nicht, bin ganz aus dem Häuschen und fühle mich wie in Pippi Langstrumpf. Sherry amüsiert sich über meine Begeisterung und schlendert dann mit Pam zurück zum Haus. Ich bleibe mit Mark für ein paar Minuten beim Pferd, er bietet mir an, es zu striegeln. Zuhause sind wir mit Pferden aufgewachsen, der Stallgeruch ist angenehm vertraut und weckt viele Kindheitserinnerungen.

Danach kochen wir gemeinsam, Sherry und Pam plaudern von alten Zeiten, Mark erzählt, wie es ihn nach Kanada verschlagen hat. Ursprünglich kommt er aus Holland und wuchs auf einer Farm auf. Heute arbeitet er in der Politik, tatsächlich ist er der Minister of Agriculture. Pam verbringt viel Zeit mit ihren Enkelkindern, von denen es einige gibt. Mir gefällt das Familienfoto, das sie uns zeigt, während sie von den Kindern erzählt: Schwiegerkinder aus Mexiko und Indien. Dementsprechend bunt ist die Familie – kommt mir sehr bekannt vor.

Pam und Mark sind beide angenehm offen und scheinen trotz ihres Wohlstands sehr am Boden geblieben.

Am Mittwoch morgen fällt das Aufstehen nach der kurzen Nacht nicht ganz leicht. Zudem haben die Matratze und die Kissen Memory-Foam, wofür ich in den letzten zwei Jahren eine Vorliebe entwickelt habe – wenn man auf Dauer in fremden Betten schläft, wird man da wohl Experte. In der Küche finden wir ein Frühstück ganz nach unserem Geschmack vor: Müsli aller Art, Soyayogurt, Früchte, Soyamilch und guter Kaffee. Verantwortlich hierfür ist Mark, der an diesem Morgen schon das Pferd auf die Koppel gebracht hat und sich nun zu uns an den Tisch gesellt. Pam taucht wenig später auf und zu viert quatschen wir über dies und das.

Letztendlich brechen Sherry und ich auf zum Cabot Trail: wir haben Glück und die Sonne lässt sich blicken, was die Farben der Laubbäume umwerfend leuchtend macht.

mit hochgefahrener Heizung ist Cabrio kein Problem.

Drei Wanderwege haben wir uns ausgesucht, manche davon sind nur zwanzig Minuten lang, falls ihr euch fragt, wie das in einem Tag zu bewältigen ist. Witzigerweise stoßen wir auf Nigel’s Schwester (ein Freund vom Markt), die gerade mit Partner und Eltern zu Besuch ist. Wie hoch sind die Chancen bitte dafür??

Inverness Beach

Was für ein Ausblick!

Teile eines Wanderweges sind gesperrt wegen ralligen Elchen, mit denen in dieser Verfassung nicht zu spaßen ist. Später sehen wir zwei aus der Ferne an einer Flussmündung.

Unsere Unterkunft für die letzte Nacht ist einfach aber okay. Die Küche hier kann uns Veganern allerdings außer Gemüsebrühe und Kartoffeln nicht wirklich etwas anbieten. Zum Ausgehen sind wir zu müde und so entscheiden wir uns für Dusche, mampfen die letzten Cracker und schauen einen Film. Was für eine kalte Nacht! Sherry fängt sich eine Erkältung ein.

Unser letzter Tag bricht an und wir sind hier am Margaree River, wo Sherry’s verstorbener Bruder oft Fischen war. Nach ihren Erzählungen und den Bildern, die ich gesehen habe, kann ich ihn mir hier genau vorstellen. Wir halten an mehreren Stellen entlang des Flusses, waten ans Flussufer und sie streut seine Asche. Ich spüre, wie ein Teil ihrer Wunde des Verlustes ihres nahestehenden Bruders heilt. Wir machen uns auf den Heimweg.

Sherry schlägt vor, zum Lunch in der Glenora Whiskey Distillery zu halten. Das Anwesen weckt Erinnerungen an Weingüter in der Pfalz und gute Momente mit Freunden.

Am Canso Causeway, die Verbindung zwischen Cape Breton und dem Festland, sehe ich Personen, die aufs Wasser blicken und im nächsten Moment weiß ich, warum: Delfine! Wir wenden und parken, um zu schauen, was hier genau los ist: Hunderte Delfine, die komplett aus dem Wasser springen – wow! So stehen wir eine Weile und betrachten das Schauspiel, bevor wir unsere Heimfahrt fortsetzen, die sich bis in den Abend zieht.

Geh auf Reisen. Entdecke unbekannte Orte. Sammle und teile Momente. Umgebe dich mit guter Energie. Verbinde dich mit Menschen. Lerne Neues.

Einleben, aus Freundschaft wird mehr, Besuch aus Deutschland!

31 Juli – 15 September 2018

Zurück aus Montreal gewöhne ich mich in den folgenden Wochen an mein vorerst neues Zuhause. Nach wie vor ist Sommer und Sherry stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

  • Crystal Crescent Beach

  • Tag am Pool im Haus von Sherry’s Dad in Chester mit Abendessen im Restaurant Rope Loft direkt am Wasser

  • Kayaking mit Trish, Sherry und Sherry (ja, da gibt es noch eine zweite) bei Blue Rocks. Auf dem Heimweg halten wir in einem Pub in Chester und essen die besten Onion rings ever!

Kayaking at Blue Rocks

  • Jährliches Busker Festival in Halifax: von Feuerspuckern über Comedians bis hin zu Magiern versammeln sich die besten Straßenkünstler an der Waterfront. Genau vor einem Jahr kam ich zum ersten Mal nach Halifax! Sherry führt mich an diesem Wochenende aus in die legendäre Bar Lower Deck; wir bleiben lange, denn die Band hat’s drauf!
  • Nine and dine: Golfen mit Sherry und Freunden bis zum Sonnenuntergang.

Mein Gemütszustand: Ich bewege mich nicht genug, habe keinen Rhythmus hier was laufen angeht und trinke meinem Empfinden nach zuviel. Die Kombi zieht mich emotional runter. Außerdem schreibe ich nicht genug, mein Visum läuft bald aus und die Frage steht im Raum, wie’s weiter geht. Viel Arbeit, was ablenkt, mich aber auch nicht weiterbringt und nicht fühlen lässt, was wirklich los ist in mir. Wache immer mal wieder mit schwerem Herzen auf. Und dieses Heimweh ist ganz schön penetrant.

Mitte August komme ich aus der Negativspirale raus: trinke weniger, laufe mehr, spaziere mit Hund Dude im Park, mache meine Übungen. Die Auswirkungen auf mein inneres Gleichgewicht sind enorm. Sherry schleppt mich zum neuen Fitnessstudio in der Nähe, das sie ausprobieren möchte: zwei Wochen testen sind frei, sie will definitiv weitermachen, ich denke zunächst, dass ich wahrscheinlich auch zufrieden bin mit laufen und schwimmen, als einstige Fitnesssüchtige bleibe ich dann aber doch dabei – das Programm ist gut und powert aus.

Mit Maddie verabrede ich mich zum Wandern, was meinem Herz unglaublich gut tut!

Bluff Wilderness Trail

Besuch bei Olga. Wir trinken Kaffee auf ihrer Terrasse, ich genieße wie immer ihre Art zu denken, höre ihr gern zu. Wir schwimmen am privaten Meereszugang ihrer Nachbarn. Idylle pur.

Sherry und ich entwickeln erste gemeinsame Rituale und Routinen:

Dinner und Kino am Dienstag: abwechselnd wählt einer von uns Film und Restaurant, der andere zahlt. Samstags nach dem Markt kehren wir ein in die Pizzeria Salvatore’s, dabei war ich nie Pizza Fan. Mittwoch und Sonntag sind unsere freien Tage, die wir im Fitnessstudio beginnen.

Sherry amüsiert sich darüber, dass ich ganz ohne Aufforderung die Hundefütterung übernommen habe. Gegen sechs Uhr morgens weckt Sundae uns, indem sie mit ihren Vorderpfoten von einer Seite aufs Bett kommt und denjenigen anstupst, auf dem sie mit ihrem riesigen Körper gerade liegt. Und sie wächst von Woche zu Woche! Schnell hat sie kapiert, dass das Futter jetzt von meinen Händen kommt und steuert morgens nun direkt mich an.

In der vielen gemeinsamen Zeit lerne ich Sherry schnell besser kennen: Sie ist unglaublich positiv, unkompliziert, so humorvoll, dass sie mir fast täglich Tränen in die Augen treibt, lebt ihr inneres Kind. Nach außen taff und stark, ist sie eigentlich höchst gefühlvoll, sensibel und verletzlich. Sie erzählt viel aus ihrem Leben, ist eine attraktive gutaussehende Frau, hat unendlich viele Talente, Menschen, die sie gern hat, hilft sie ganz selbstlos und liebt Hunde, besonders Neufundländer.

Ganz schön viel Nähe – und so kommen wir uns wirklich ganz ungeplant eines Tages doch näher als gedacht. Obwohl ich mich in dieser Beziehung als schüchtern bezeichnen würde, mache ich einen Schritt auf sie zu und lerne mich so selbst von einer neuen Seite kennen. Unsere Umgebung ist begeistert von der neuen Art der Verbindung.

Ich bekomme Besuch aus Deutschland – genau das, was ich mit meinen Heimwehgefühlen brauche: Der Sohn von guten Freunden von meinen Freunden und liebevoll so genannten zweiten Eltern Vera und Rainer reist mit bestem Freund durch Canada und USA. Die Jungs bleiben über eine Woche und genießen es, sich auszubreiten und nicht nach zwei Tagen wieder einpacken zu müssen. Wir bringen sie zur Pizzeria um die Ecke, gehen abends zusammen aus, ein Tag Lunenburg und in der Umgestaltung des Gartens werden sie eingespannt. Auch wenn wir nicht direkt befreundet sind, tut es gut, Menschen aus der Heimat da zu haben, den Dialekt zu hören und zu sprechen, sich über Zuhause zu unterhalten.

Die Jungs kochen für uns
Pizzeria Salvatore’s
Project Backyard

Bar ‚Your Father’s Moustache‘

Peggy’s Cove
Lunenburg mit Stop für die besten Onion Rings

Durch die Ferne wächst die Liebe für Zuhause.

Eines Tages helfe ich Sherry bei einem Catering Job für eine Erinnerungsfeier für einen Mitarbeiter vom Markt, der gerade gestorben ist. Wir bringen das Essen und bleiben, unterhalten uns hier und da, Nigel setzt sich zu uns. Für Sherry ist es das erste Mal in diesem Raum seit der Feier für ihren verstorbenen Bruder, dessen sogenannte ‚Celebration of Life‘ vor nicht mal einem Jahr hier stattfand. Nach den ersten Programmpunkten rollen ihr die ersten Tränen über die Wange und dann wird alles ganz schnell zu überwältigend. Wir verschwinden durch den Hinterausgang. Zuhause angekommen verzieht sie sich direkt ins Badezimmer, teilt aber ihre Gefühle und Gedanken mit mir. Ich bringe ihr ein Glas Wein, einen Happen zu essen und geselle mich zu ihr in die Badewanne. Wir reden, ich erzähle von Angela, meiner leiblichen Mutter, was mehr Nähe zwischen uns schafft. Ich kann nachvollziehen, wie schwer der Schmerz und Verlust des Bruders zu ertragen sein muss. Ich habe sie unglaublich gern, sehe immer mehr Tiefe in ihr, will mehr Zeit mit ihr.

Wenn eine Persönlichkeit mich fesselt, wird jede Form des Ausdrucks an ihr zum Genuss. Oscar Wilde

Kurztrip nach Montreal: Freunde, Nähe und innerer Frieden

25 – 30 Juli 2018

Schon seit Monaten will ich mal wieder nach Montreal, um Freunde zu besuchen und Stadtluft schnuppern – meinem Herzen etwas Gutes tun. Endlich ist es soweit und ich genehmige mir fünf Tage weg von allem hier.

Am Tag vor meiner Abreise machen Sherry und ich früh Feierabend und sie lädt mich spontan auf ein Bier und Salat auf einer Terrasse in der Sonne ein. Zuhause warten die Hunde und Sherry füllt den kleinen Pool, den sie für Sundae zur Abkühlung gekauft hat. Knapp fünf Monate ist sie erst und jetzt schon riesig. Sie liebt Wasser und kann sich stundenlang mit dem planschen beschäftigen. Wir gönnen uns mehr Wein, stehen mit den Füßen im kühlen Wasser und liefern uns wenig später eine kleine Wasserschlacht, bei der ich Sherry über die Straße jage – ich denke an meine Kindheit mit unseren unzähligen Spieltagen auf der Straße. Am nächsten Morgen bringt Sherry mich zum Flughafen und wünscht mir tolle Tage. Sie spürt, wie sehr ich diese Auszeit brauche.

Am frühen Mittag lande ich in Montreal, nehme den Busshuttle in die Stadt, dann die Metro Richtung NdG. Dort wohnen Benjamin und Brigitte, bei denen ich wieder schlafen werde. Ich mag die Metro, die Ansagestimme, die unterschiedlichen Menschen, die ein- und aussteigen; viele schöne Erinnerungen werden wach. Bei Villa Maria steige ich aus, Benjamin und Brigitte’s Haus ist nur fünf Minuten entfernt. Ich finde den Hausschlüssel wie vereinbart und mit dem ersten Schritt in ihr Heim fühle ich mich wie zuhause.

Charlie hütet das Haus

Ich lege meine Sachen ab und laufe entlang Monkland. Es hat sich kaum etwas verändert: rechts der Naturkostladen, links der vegane Imbiss und daneben der Coffee Shop ‚melk‘; weiter unten der Laden ‚Zone‘ für moderne Einrichtung und an der Ecke der Asiate. Es ist warm und schwül. Im Café melk bestelle ich Cappucino, suche mir einen Platz in der Sonne und aktualisiere mein Tagebuch. Ein Jahr ist es jetzt her, als ich hier aufgebrochen bin. Nie hätte ich gedacht, dass ich immernoch bzw wieder in Kanada sein würde.

Cappuccino im Café melk

Rechtzeitig bevor Benjamin von der Arbeit kommt, bin ich zurück. Ich brauche eine Weile, bis ich ihn auf den aktuellen Stand gebracht habe. Wie erwartet hat er seinen ganz eigenen Standpunkt, eine besondere Sichtweise auf meinen Bericht und viele Ideen, wie ich von hier aus weitermachen kann. Irgendwann schaut er mich an und meint: geh zurück nach Südamerika, das ist doch, wo du wirklich sein willst! du hasst den Winter und das wird sich nicht ändern. Er erinnert sich wahrscheinlich an meine strahlenden Augen als ich letztes Jahr direkt aus dem Süden kam.

Wir laufen zum veganen Restaurant ‚Aux vivres‘ und unser Essen ist hervorragend – lecker! Später sehe ich Brigitte, wie so oft kommt sie auch heute erst gegen neun Uhr abends heim und ist goldig wie immer. Den nächsten Tag beginne ich mit Joggen und laufe am Mittag im Auftrag von Sherry zum Harley Davidson Store. Sie fährt zwar momentan kein Motorrad, mag aber die Klamotten und möchte ein Shirt mit dem Montreal-Aufdruck. Die Auswahl ist groß: ich nehme Kontakt mit ihr auf und sie ist sofort ganz begeistert, dass ich wirklich hier bin. Alles, was meiner Einschätzung nach infrage kommt, fotografiere ich und probiere an, sie entscheidet sich für zwei Teile, ist ganz glücklich.

Shopping für Sherry im Harley Davidson Store

Danach geht’s direkt weiter zu Eric. Ich freue mich sehr ihn zu sehen. Er wirkt positiv und ausgeglichen, zeigt mir seine neue Einrichtung. Endlich macht er es sich schön in seiner Wohnung, gefällt mir. Er reicht mir ein Glas Gin, wir bestellen Dumplings, wechseln zu Wein und gemütlich auf dem neuen Sofa reden wir bis in die Nacht. Ich erzähle viel, bin ganz offen, auch von meiner Erfahrung mit einer Frau. Noch nie habe ich ihn so erstaunt gesehen, was mich zum Lachen bringt. Er kann es kaum fassen, neckt mich den ganzen Abend. Ich biete ihm Unterhaltung vom Feinsten, er interpretiert mein wildes Leben als meine Midlife-Crisis.

Als ich am nächsten Morgen vom Laufen komme, treffe ich auf die kleine rundliche asiatische Putzfrau bei Ben. „Sarah, are you an athlete? I love your body! I want to lose my belly.“ Ich entgegne: „less sugar and exercise!“ Später fragt sie mich ernsthaft, ob ich bei den Olympischen Spielen mitmache und ob sie ein Autogramm haben kann. Sehr amüsant.

Ben und Brigitte lieben gutes Essen genauso sehr wie ich und führen mich am Freitagabend zum ihres Erachtens besten Inder aus – mega lecker! Am Samstag wird ausgeschlafen, dann frühstücken wir gemütlich auf der Terrasse, sammeln Brigitte’s Schwester ein und machen einem Spaziergang im Park, halten am Oratorio und kühlen uns ab mit Bier in der St Ambroise Brewery am Canal Lachine.

Oratorio

St Ambroise Brewery

Als es dämmert bitte ich sie mich an der Metro Lionel-Groux abzusetzen, denn ich bin mit Aishah, meiner alten Mitbewohnerin, zum Dinner in Chinatown verabredet. Sie sieht gut aus und wir haben uns viel zu erzählen. In Aishahs Leben tut sich einiges und es ist schön ihr zuzuhören. Wir vermissen uns beide, wohnten gerne zusammen. Ihr Lachen ist nach wie vor entzückend. Danach ziehen wir auf einen Cocktail weiter in die Bar ‚mal necessaire‘. Eigentlich wollen wir noch tanzen gehen, als wir jedoch an der Metrostation warten, sind wir beide so müde, dass wir es dabei belassen, uns mit einer festen Umarmung verabschieden und nach hause fahren.

Bar ‚Mal Necessaire‘

Auch den Sonntag starten wir wieder mit einem späten Frühstück – Benjamin ist ein ausgezeichneter Koch! Wir unterhalten uns lange, ich genieße die Gespräche mit den beiden. Wir planen meinen letzten Tag hier und Benjamin erzählt von einer neuen veganen Bäckerei – Café dei Campi – die muss getestet werden! Wir bestellen ein paar Teilchen. Anschließend noch ein Stop in der Bäckerei Guillaume im Le Plateau – allein bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

vegane Bäckerei und Konditorei Café dei Campi

Tam-Tams: jeden Sonntag versammeln sich am nördlichen Ende des Parc du Mont-Royal teilweise hunderte Trommler zum gemeinsamen Musizieren und ziehen damit Tänzer, Schaulustige, Händler und verschiedenste schräge Vögel an. Wir suchen uns einen Platz auf einer Mauer und betrachten das Spektakel eine Weile.

Tam Tams

Da ich morgen schon wieder abreise, treffe ich Eric nochmal im Café Mercanti, er wohnt ganz in der Nähe. Seine Gegenwart ist angenehm und die Vertrautheit, die zwischen uns herrscht, tut gut. Es wird abend und Benjamin wird kochen, also begleite ich Eric zu seinem Apartment, was im selben Stadtviertel liegt und auf dem Weg: eine innige Umarmung zwischen uns und ein Gefühl von endgültigen Frieden mit ihm tritt ein. Er küsst mich auf die Stirn.

In mich gekehrt und mit positiver Sicht in die Zukunft laufe ich heim: die Tage hier in Montreal und der Abstand von allem waren genau das, was ich gebraucht habe – gaben Raum, die eigenen Gefühle zu spüren. Auch wenn ich mit Heimweh kämpfe, sehe ich mich nach wie vor noch nicht zurück in Deutschland und fühle mich wohl hier. Etwas sagt mir, da ist noch mehr, was es zu erkunden gilt. Sherry hat viele Pläne für gemeinsame Aktivitäten in nächster Zeit. Die Begegnung mit ihr ist wieder eine dieser Fügungen, die das Leben so herrlich spannend machen. Ich sage mir: Alles wird gut. Folge deinem Herzen. Wage neues. Mach, was dir gut tut. Gib nicht nach, nur um es anderen recht zu machen.

Am Montag morgen verabschiede ich mich von Montreal: ich mag die Stadt immer mehr, verstehe jetzt die Anziehungskraft, das europäische Flair, die kleinen Läden, das Essen, die grünen Alleen. Heute abzureisen ist nicht leicht, denn ich fühle mich gut aufgehoben hier mit Freunden, die mich immer mit offenen Armen willkommen heißen und mein Bedürfnis nach regem sozialen Leben stillen.

Gib mir Freundschaft – nur so kann ich voll und ganz ich sein.