Besuch in der Heimat – Ich freu mich wie ein Schneekönig!

22 Dezember 2018 – 16 Januar 2019

Schon lange hab ich mich nicht so auf zuhause gefreut wie heute. Mehrere Listen habe ich über die letzten Wochen angelegt: was will ich Sherry zeigen, was muss sie auf jeden Fall sehen und erleben, Freunde, die ich treffen will, Bürokratisches, was erledigt werden muss. Die Listen sind lang und somit einige Tage durchgetaktet. Dabei mit den Freunden abzustimmen, wer wann Zeit hat, ist bei so begrenzter Zeit nicht ganz leicht.

Am Flughafen in Halifax läuft alles reibungslos und während wir auf unseren Abflug warten, stoßen wir mit einem Glas Wein auf den Beginn unserer gemeinsamen Reise an.

Zwölf Stunden später, 7:29 Uhr, Flughafen Frankfurt: Wir rollen unsere Koffer durch die automatischen Schiebetüren und ich erspähe meinen Bruder Baldi sofort unter den wartenden Menschen – er sieht gut aus! Wir fallen uns in die Arme – mein Herz springt, ich hab ihn vermisst. Ich stelle Sherry vor, die beiden haben sich schon ein paar Mal während unserer regelmäßigen Videotelefonate gesehen.

Unser Tag beginnt mit einem Brunch bei Freunden von Baldi in Mannheim: Gutes deutsches Frühstück mit lecker deutschem Brot, veganen Pfannkuchen, Obstsalat, Brotaufstrichen und mehr – nach der langen Reise perfekt. Baldis Freunde sind herzlich und aufgeschlossen, wir erzählen, essen, lernen uns ein bisschen kennen. Jeder bemüht sich, Englisch zu sprechen. Sherry schaut mich immer wieder amüsiert an, wieviel ich esse – bei dem Traum von Frühstück muss ich zuschlagen. Später erzählt sie ihren Freunden, wie erstaunt sie über das riesige Brunch war und die damit verbundene Geselligkeit – das kann sich oft schon mal ein paar Stunden ziehen.

Pappsatt geht es weiter zu unserem Bruder David und Frau Marina. Die beiden und ihre kleine Tochter Sansa zu sehen gibt mir sofort ein warmes Gefühl – genau das hat mir gefehlt. Nach einer kurzen Dusche machen wir uns alle gemeinsam auf nach Deidesheim in der Pfalz. Dort gibt es einen schönen Weihnachtsmarkt und heute ist der letzte Tag – ein deutscher Weihnachtsmarkt ist ein Muss auf der Sightseeing-Liste.

Weihnachtsmarkt Deidesheim

Bevor wir den eigentlichen Markt erreichen, machen wir Halt im Weingut Bassermann und Jordan, David braucht Wein. Der Stop artet zu einer kleinen Weinprobe aus und wir gehen beschwingt weiter, nachdem David sich mit ein paar Flaschen eingedeckt hat. Leider spielt das Wetter nicht mit und der Regen lädt nicht zum Schlendern ein. Nach ein paar Minuten auf den gepflasterten Wegen (wir halten an ein paar typischen Hütten mit Lebkuchen, handgemachten Kerzen und was man hier sonst immer so findet) entscheiden wir daher, im Deidesheimer Hof einzukehren – bei dem Blick auf die Karte muss ich schmunzeln: deutsche Hausmannskost – Sherry bestellt Handkäs.

Deidesheimer Hof: Baldi und David mit der kleinen Sansa

So schön es sich anfühlt im Kreis von Familie, neigt sich der Nachmittag dem Ende und wir müssen weiter: meine Freunde Rainer und Vera auf der Parkinsel in Ludwigshafen erwarten uns, die Basis für meine Besuche in der Heimat. Über die letzten sieben Jahre, so lange kenne ich die beiden ungefähr, hat sich eine tiefe Verbundenheit und bedingungsloses Vertrauen zwischen uns entwickelt. Mit ihnen fühle ich mich immer gut aufgehoben, ich schätze ihre Fürsorge, ihre Einschätzungen und Ansichten, mag die klaren Ansagen und beneide sie um ihre Fähigkeit, geradlinig Entscheidungen zu treffen. Als ich die beiden dann sehe, ihre Stimmen höre, ihnen in die Arme falle, gehts mir rundum gut.

Bevor wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, findet das jährliche Weihnachtskonzert in der naheliegenden Kirche statt. Mittlerweile sind wir schon an die 24 Stunden wach. Die Blasmusik ist gut, hat bei unserem Schlafmangel jedoch eine einschläfernde Wirkung, Sherry nickt mehrmals ein. Der Fußweg nach Hause weckt uns wieder auf, dort warten Paul (Rainers Sohn), Thai-Curry und guter deutscher Wein. Meine Müdigkeit ist komplett verflogen, es gibt zu viel auszutauschen.

Plätzchen, Marzipan, Eierlikör – muss alles gekostet werden

Sherry verabschiedet sich gegen zehn ins Bett, bis jetzt hat sie ganz tapfer durchgehalten (ich muss mir noch lange von vielen Seiten anhören, dass ich ihr für den ersten Tag ein strammes Programm zugemutet habe). Mit Rainer und Vera sitze ich noch eine ganze Weile da, genieße ihre Gegenwart und fühle mich zuhause. Es muss nach Mitternacht sein, als ich neben Sherry unter die Decke schlüpfe und zufrieden in einen tiefen Schlaf falle.

Am nächsten Morgen wache ich gegen neun Uhr auf, heute ist Heiligabend. Im Haus ist es noch still. Freie Morgende sind hier heilig. Vera und Rainer schlafen gerne aus und genießen dann Kaffee und Zeitung im Bett. Nach einem gemütlichen Frühstück fährt Vera uns nach Mannheim, wo wir Davids Schwester Meike und Frau Diana treffen, die beiden stellen mir die ersten zwei Wochen ihr Auto zur Verfügung. Wir umarmen uns innig und ich werde wie gewohnt mehrmals abgeknutscht – meinem Herz gehts gut! Dann geht’s heim zu Mama. Die Autobahnfahrt von Mannheim nach Sinsheim weckt viele Erinnerungen, ich kenne die Strecke in- und auswendig.

Mama mal wieder im Arm zu haben tut richtig gut. Meine Schwester Ellen begrüßt mich stürmisch, Bruder Manu ist auch schon da, nach und nach trudelt der Reist ein. Siebzehn Personen werden wir heute sein, normale Größe bei uns. Für Sherry muss es überwältigend sein so viele für mich wichtige Menschen auf einmal kennenzulernen. Wie die meisten Familien haben auch wir unsere Bräuche, Abläufe und Traditionen an Weihnachten (mehr nachzulesen im Beitrag vom letzten Jahr). Dazu gehört, dass wir nach dem Essen singen.

Schon seit Wochen bereite ich Sherry darauf vor, dass auch sie singen muss – und zwar allein, zumindest eine Strophe. Zugegeben gibt es die Tradition noch nicht sehr lange, aber da wir einen heiden Spaß hatten als mein Exfreund Eric der erste war, dem wir diese Geschichte verkauften, haben wir dran festgehalten: wer das erste Mal Weihnachten mit uns verbringt, muss alleine singen. Dieses Jahr müssen auch Annes Freund Philipp und Onkel Werner ran. Philipp will sich erst rausreden mit der Erklärung, er sei Heide und kenne keine Weihnachtslieder. Ich kommentiere: ganz billige Ausrede und Anne soll mal besser mit ihm üben. Er und Werner wählen jeweils eine Strophe aus ‚Alle Jahre wieder‘, Ellen begleitet am Klavier – sie ist die einzige von uns, die sich wenigstens noch an diesem einen Abend im Jahr an die Tasten wagt.

Ich werde gefragt, was Sherry denn nun singt und muss sagen, ich habe keine Ahnung, denn sie hat nicht damit rausgerückt. So wie ich sie kenne, hat sie sich allerdings wie immer was Spezielles ausgedacht. Zudem muss sie ohne Klavierbegleitung auskommen, da sie Lieder im Sinn hat, die Ellens Repertoire übersteigen. Sie verschwindet kurz nach oben in unser Zimmer und ich meine zu den anderen, es würde mich nicht wundern, wenn sie im Rentierkostüm zurückkommt. Ganz daneben liege ich nicht, denn sie trägt Rentiergeweihe in den Händen! Ganze siebzehn Stück! – und ich frag mich seit Wochen, warum sie sich dauernd vergewissert hat, wie viele Personen wir nun heute abend sein werden; und wie hat sie die bitte alle in den Koffer bekommen?? Jeder muss eins aufsetzen – wir lachen uns schlapp, Mama und Papa sehen zu komisch aus! Mama sagt, Sherry muss gar nicht mehr singen, wir haben so schon Spaß genug.

Aber natürlich zieht sie durch und singt eine abgeänderte Version von „Twelve Days of Christmas“, für den Refrain stimmen alle mit ein, keiner kennt das Lied, hört sich daher etwas holprig an, aber alle machen mit – gelungene Einweihung. Es folgt die Bescherung, die wir jedes Jahr zelebrieren und dann einfach zusammen sitzen und die Anwesenheit aller genießen.

Zuhause zu sein fühlt sich gut an. Die Feiertage verbringen wir gemütlich. Ich stehe dennoch relativ früh auf, genieße die Gespräche am Morgen mit Mama und gehe eine Runde durch die Felder joggen.

Papa hat sieben Geschwister, Mama einen Bruder. Fast alle Onkels und Tanten haben mehrere Kinder und einige davon jetzt auch schon Nachwuchs. Bis auf einen von Papas Brüdern sind alle Familien entweder im selben Dorf wie wir geblieben oder nur wenige Kilometer weiter gezogen, was bedeutet, dass wir mit den meisten unserer Cousins und Cousinen fast geschwisterlich aufgewachsen sind und bis heute ein sehr inniges Verhältnis in der Familie pflegen. Quasi jeden Monat steht irgendein Geburtstag oder Familienfest an. Heute ist mir mehr denn je bewusst, was für ein eingeschweißter Kreis wir sind und wie selten das heutzutage ist. Ganz traditionell findet am zweiten Feiertag ein Gansessen bei einer von Papas Schwestern und Familie statt und ich sehe endlich mal wieder einige unserer Cousins – Familie, die füreinander da ist und sich vertraut. Neben der Gans gibt es Rotkraut und hausgemachte Semmel- und Kartoffelknödel, für Sherry etwas bisher Unbekanntes. Ich bin amüsiert wie meine Tanten ihr in aller Geduld und mit erstaunlich gutem Englisch erklären, wie man Knödel zubereitet. Gerne würde ich noch länger bleiben, doch wir sind zum Abendessen und Übernachtung bei Marina und David verabredet. Meike und Diana müssen kurzfristig absagen, da es Meike nicht gut geht, aber Baldi kommt dazu. Ein gemütlicher Abend rundet Weihnachten ab.

Am 27. sind die Läden wieder geöffnet und wir verbringen ein paar Stunden mit Bummeln in Mannheim. Ich zeige ihr einen Ausschnitt von der Stadt, in der ich vierzehn Jahre lebte bis ich 2016 nach Brasilien aufbrach.

Planken in Mannheim

28.Dezember: Heidelberg muss sein – Altstadt, Schloss, Untere Straße und Melonenschnaps – der schmeckt Sherry so gut, dass sie noch einen zweiten will.

Destille in Heidelberg
auf der Alten Brücke. Schloss Heidelberg im Hintergrund

Gegen Abend fahren wir nach Frankfurt zu meiner Freundin Eva – das Wochenende ist reserviert für sie und Franzi, die beide dort leben. Wir verbringen den ersten Abend zuhause, fühlt sich wieder an als wäre ich kaum weg gewesen.

Den Samstag beginnen wir im Harley Store, Sherry findet ihr Shirt mit Frankfurt- Aufdruck und mehr. Stadtspaziergang mit Eva und Dinner zusammen mit Franzi im Restaurant Ginko.

Franzi kommt mit Sebastian und Sohn Hektor am Sonntag zum Brunch. Meine Freundinnen mit den Kindern zu sehen, hält mir vor Augen wie die Zeit vergeht: ihre Kinder werden größer, das Leben schreitet voran. Ein Gefühl von Traurigkeit überkommt mich: ich habe nicht genug Zeit mit allen. Jeder Abschied ist begleitet vom Bewusstsein, dass der Zeitpunkt des nächsten Wiedersehens ungewiss ist.

Wir machen uns auf den Weg zurück nach Mannheim, ich will mir die neue Kunsthalle anschauen. Danach bei Baldi vorbei in meine Wohnung, die Post der letzten zwölf Monate durchgehen. Dinner im Lido, ein beliebtes Café in der Schwetzinger Vorstadt.

Café Lido

31.Dezember, Silvester: Lunch im Memoires d’indochine.

Lange stand offen, wo wir ins neue Jahr feiern. Je näher der Termin rückte, desto offensichtlicher wurde, dass die meisten meiner Freunde es dieses Jahr ruhig angehen oder verreist sind. Spontan entscheiden wir an einem Abend noch bevor wir in Deutschland sind, unser eigenes Ding zu machen und buchen uns ins Hotel Radisson Blue in Mannheim. Mir gefällt der Gedanke sofort, hier ins neue Jahr zu feiern. Nach gemütlichem Frühstück mit Rainer, Vera und Paul checken wir ein, besorgen Sekt zum Anstoßen und machen es uns dann im Hotel etwas gemütlich bevor wir uns für den Abend rausputzen.

Unser Dinner im Restaurant „Kleiner Rosengarten“ wird zum absoluten Reinfall. Der Service ist so schlecht, um nicht zu sagen nicht existent, dass wir glauben im falschen Film zu sein. Von allein gelassen werden über falsches Essen bis hin zu keine Nachfragen, kein Wein nachschenken – alles dabei. Wir nehmen es mit Humor, ich beschwere mich bevor wir gehen – stößt auf Erstaunen. Im Nachhinein hätten wir einfach gehen sollen ohne zu bezahlen – wir fühlten uns so unsichtbar, das hätte keiner bemerkt. Auf dem Rückweg zum Hotel halten wir im „Café Klatsch“ um zu sehen, was dort los ist – aber alles männlich – ein Getränk und weiter. Wir schnappen den Sekt und begeben uns zum Feuerwerk auf die Dachterrasse. Sherry ist ganz baff, wie lange hier geballert wird.

Happy New Year

Neujahr 2019: Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel machen wir uns auf in die Thermen & Badewelt Sinsheim – eine Wellness-Oase mit tropischem Klima, Glasdach, riesigen Palmen und verschiedenen Themensaunen. Laut Guiness World Records ist die Koi-Sauna die größte der Welt – definitiv einen Besuch wert. Ich bin etwas verkatert, da ist so ein entspannter Tag genau das Richtige. Etwas Vergleichbares gibt es in Kanada meines Wissens nicht und bei meiner Beschreibung ist Sherry geschockt, dass man im Saunabereich keine Kleidung tragen darf – entweder ganz nackt oder mit Handtuch. Je näher der Tag rückt, desto nervöser wird sie. Als wir dann in der Umkleide stehen, wiederholt sie mehrmals: „I can’t believe I’m doing this!“ Wir starten im Poolbereich, wo mein Bruder an der Bar arbeitet und uns einen Cocktail reicht. Nach etwas Planscherei hier führe ich Sherry in den gefürchteten Bereich und komme den ganzen Tag nicht mehr aus dem Grinsen heraus: Ihr Gesichtsausdruck beim Anblick all der nackten Körper lässt mich meinen Kater ganz schnell vergessen. Trotz ihres Unbehagens zieht sie mit und folgt mir, zunächst geklammert an ihr Handtuch, von Dampfbad mit Salzpeeling über verschiedene Themensaunen hin zu Außenbecken und Gemeinschaftsdusche – auf ganz unterschiedliche Weise ein unvergessliches Erlebnis für uns beide.

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Ludwigshafen begeben, halten wir bei meinen Eltern, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen – eine Angewohnheit für den Neujahrstag: entweder ein Anruf oder Besuch bei den Eltern.

02.01: Spaziergang in der Sonne am Rheinufer, meine alte Laufstrecke – Sherry hat Asche ihres verstorbenen Bruders mitgebracht und lässt ein wenig von ihm hier im Fluss.

Rheinufer Mannheim

Am Abend besuchen wir meine Freundin und Englisch-Kollegin Anja. Für Sherry bedeutet das zum ersten Mal perfekte Kommunikation, seit wir hier sind – das tut ihr gut!

Generell macht sie ohne Ausnahme alles ohne Murren mit, zeigt sich in jeder Situation verständlich. Meine Freunde beziehen sie ein so gut es geht, manchmal passiert es aber eben doch, dass wir ins Deutsche wechseln. Da sie bei der Planung unseres Trips direkt erkannte, wie knapp die Zeit für mich sein würde, schlug sie vor, eine Woche alleine auf eigene Faust zu reisen, um mir Freiraum zu geben – und wenn sie schon mal in Europa ist… Sie plant Paris und Nizza. Da wir kaum Zeit zu zweit haben, reservieren wir außerdem drei Tage für uns – ein Kurztrip nur für uns zwei. Wir entscheiden uns für Amsterdam, da ich es dorthin selbst noch nie geschafft habe.

Während meiner Recherche stolpere ich über Haarlem, was oft als klein Amsterdam beschrieben wird. Erfahrungsberichte online lesen sich durchweg positiv und die Nähe zum Meer ist verlockend. Nach Amsterdam kommt man von dort mit dem Zug ganz easy in zwölf Minuten – unsere Wahl ist getroffen. Ganz ohne Navi kommen wir problemlos in Haarlem an und begeben uns nach dem Check-in bei unserem Airbnb-Gastgeber direkt auf Erkundungsspaziergang. Die Stadt macht sofort einen charmanten Eindruck: enge Gassen, Pflasterstein, kleine Cafes, ein Bachlauf umrundet den Stadtkern.

Sonnenuntergang in Haarlem

Wir machen halt in der lokalen Brauerei, die in einer alten Kirche beherbergt ist.

Den nächsten Tag verbringen wir in Amsterdam. Als wir am Gleis auf den Zug warten, fragt Sherry mich, was die Zahlen auf der Anzeige bedeuten – Gleis, Wagennummer und so weiter, scheint ihr alles völlig fremd. Ich frage, bist du noch nie Zug gefahren oder wie? Mit fast hilflosem Blick entgegnet sie: seit ich siebzehn bin, hatte ich mein eigenes Auto. Ich runzle die Stirn: das kann ja heiter werden, du eine Woche allein mit Bus und Bahn!

Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen, steuern die interessantesten Stadtviertel an, Bootsfahrt, Rotlichtviertel und Dinner im veganen Restaurant „Mr & Mrs Watson“. Die vegane Käseplatte enttäuscht nicht.

Tag drei: wir fahren nach Bloemendaal ans Meer. Ich bin überrascht, wie schön der Strand hier ist. Erinnert mich ein bisschen an den Atlantik in Frankreich, dort ist genauso viel Platz. Sherry lässt ein bisschen Luke hier.

Wir halten auf ein Getränk am Strandrestaurant. Shopping in Haarlem, Dinner und Absacker in uriger Kneipe.

Wenn wir alleine sind, zeigt sie sich gewohnt quirlig. Da wir die meisten Abende mit Rainer und Vera verbringen, taut sie mit den beiden am schnellsten auf. Wie nicht anders erwartet, mag sie jeder sofort gern. Ich fühle mich nach wie vor zerrissen, sehe unsere verschiedenen Hintergründe, unsere jeweilige Verbundenheit zur Heimat. Da scheint es schwer auf einen Nenner zu kommen. Sie sieht, dass ich in Halifax nicht glücklich und oft launisch bin, hält sich dementsprechend emotional zurück, warum sollte sie sich auch ganz öffnen, wenn ich so verschlossen bin (was mir oft gar nicht bewusst ist). Ich scheue mich vor einer Entscheidung, habe viel in der Hand, was mich auf gewisse Weise ängstigt.

Nach unserer dritten Nacht in Haarlem ist es soweit und ich setze Sherry am Bahnhof ab, was sich anfühlt wie eine Zehnjährige alleine in den Zug zu setzen. Eine feste Umarmung, ein Kuss und sie geht durchs Drehkreuz, blickt nicht zurück – wird schon alles gutgehen. Alleine begebe ich mich auf den Weg zurück nach Mannheim – komisches Gefühl, wir waren noch nie wirklich getrennt.

In Mannheim halte ich auf einen Kaffee bei Jeannette, meiner früheren Nachbarin. Dann folgen sieben Tage, die ich vollpacke mit vielen schönen Wiedersehen, die mich in viele kleine und große Glücksmomente versetzen. Ich bin nonstop unterwegs und fühle mich unendlich reich all diese tiefen Freundschaften zu haben.

Ich starte die Woche mit meinem Bruder Baldi und einem Besuch in Bayreuth, um unsere verbliebenen leiblichen Verwandten zu treffen. Wir hören mehr Geschichten über unsere leibliche Mutter und die Autofahrt bietet Gelegenheit für tiefsinnige Gespräche zwischen Geschwistern.

Dienstag tagsüber Stadt, abends Treffen mit den Volleyballern. Mittwoch früh Zahnarzt, Nachmittag mit Freund Matthias, Abend bei Freundin Annette. Donnerstag ist Vanessa dran, ich nenne sie auch meine Fitnessfreundin, da wir uns im Fitnessstudio Pfitzenmeier kennenlernten, wie die Wilden zusammen trainierten und schnell eine innige Freundschaft entwickelten. Zum Abend bin ich zurück bei Rainer und Vera und erzähle von unseren Tagen in Holland. Freitag besuche ich meinen ehemaligen Arbeitsplatz und werde wie letztes Jahr herzlich empfangen, später Mädelsabend mit Marina, Meike und Diana. Samstag Stadt mit Rainer, Vera und Steffi, Kaffee bei meiner Heilpraktikerin Esther, abends Heidelberg mit Freunden Franzi und Eva (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Freunden in Frankfurt). Mit den beiden verbinden mich Urlaube in Frankreich, Aufwachsen in derselben Heimat und Leben in Mannheim. Zufällig treffe ich auf einen ehemaligen Schüler, der sich kaum einkriegt, mir hier über den Weg zu laufen, mir gehts ganz genauso.

mit Franzi und Eva im Restaurant „Hans im Glück“

Am Sonntag Schwester Veronica, Mama, ehemalige Schülerin Johanna und ihre Eltern.

So schnell verstreichen sieben Tage und am darauffolgenden Montag hole ich Sherry vom Bahnhof in Mannheim ab. Ihr Bus ist zwei Stunden zu spät und ich werde fast ein wenig nervös. Als ich sie dann erschöpft aus dem Bus steigen sehe, bin ich erleichtert.

Wir kehren bei meinem Lieblingsitaliener ein, besuchen David in seinem Laden und verabschieden uns von Meike und Diana. Einkaufen fürs Abendessen und zurück zu Rainer und Vera. Sherry kocht an diesem letzten Abend ihre berühmten Spaghetti. Außerdem gesellt sich Veras Bruder Micha zu uns, der auf dem Heimweg Richtung Mosel hier einen Stopp über Nacht einlegt und alle Zutaten für verhängnisvolle Rum-Cocktails im Gepäck hat. Ich brauche jetzt endgültig eine Alkoholpause.

Am Dienstag ist es Zeit abzureisen. Innerlich widerwillig packe ich alles zusammen. David holt uns ab, sammelt Marina und Sansa ein und los geht’s nach Frankfurt. Abschied von Marina und David, wir checken ein in unser Hotel in der Nähe des Flughafens für die letzte Nacht. Eigentlich wollte ich an diesem letzten Abend nochmal Franzi und Eva in Frankfurt treffen. Doch vom Hotel in die Stadt zu kommen, ist ein ziemlicher Aufwand und morgen müssen wir um vier Uhr in der Früh aufstehen. Ich sage beiden ab und wir telefonieren stattdessen. Franzi weint am Telefon. Die Entfernung zwischen uns ist für sie schlimmer als mir bewusst war. Eva bringt mich ihrerseits fast zum Weinen mit ihrer treffenden Einschätzung über mich.

Zurück in Halifax. Sherry’s Mutter Beverly holt uns ab und Sherry freut sich, wieder zuhause zu sein. Auf der Heimfahrt vom Flughafen quatschen die beiden und meine Gedanken schweifen ab: ich bin nicht gut drauf und vermisse die Heimat jetzt schon – das schwere Herz ist zurück. Spüre Aufbruch, Lust nach Neuem. Dazu kommt die Müdigkeit von der Reise. Der Kontrast ist extrem und trifft mich hart. Gestern noch umgeben von zig Freunden und Familie, in der Stadt, alles in der Nähe. Jetzt wieder im ruhigeren Halifax und abgesehen von Sherry nicht viel Gesellschaft um mich.

Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz – immer bei dir. – Trude Herr

Ein Gedanke zu “Besuch in der Heimat – Ich freu mich wie ein Schneekönig!”

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