Santiago de Chile

25 – 30 Nov, 03 – 06 Dez

Während wir über die Anden fliegen – der Anblick ist beeindruckend – verabschiede ich mich innerlich fürs Erste von Brasilien. Eigentlich will ich gar nicht gehen, bescheuert irgendwie. Seltsam der Gedanke, dass ich heute noch in Santiago sein werde. Die Stadt, wo mein leiblicher Vater geboren ist. Hier sind seine Wurzeln und somit auch teilweise meine.

Spät am Abend komme ich im Hostel an, nachdem ich fast drei Kilometer mit meinem Rucksack zu Fuß laufe. Ist einfacher, wenn auch anstrengender, als sich nach einem Bus umzuschauen und Taxi kostet mir zuviel. Es ist Freitag, viel los auf den Straßen, fühle mich sicher. Tiffany begrüßt mich ganz stürmisch – sie war vorher in Patagonien und wir hatten uns hier verabredet um zumindest ein paar Tage zusammen zu verbringen. Witzigerweise ist auch ein irisches Paar hier, das mit uns in Paraty war. Nach zwei Stunden Geplauder geht’s ab ins Bett.

Tiff, Caoimhin and Ema

Das ist so ziemlich das größte Hostel hier, das ich je erlebt habe! Die haben ungelogen bestimmt 50 Zimmer und man kann sich hier auch mal verlaufen. Dementsprechend stressig läuft das Frühstück ab – zu ungemütlich und hektisch für mich. wir machen uns zu viert auf Richtung Cerro San Cristobal: ein Berg mit Marienstatue und Blick über die gesamte Stadt. Ich wäre ja hoch gelaufen, aber Caoimhin (Quivin gesprochen- diese irischen Namen…) humpelt übel also nehmen wir das Funicular – wir stehen so lange an, dass man zu Fuß bald genauso schnell gewesen wäre.

Wieder unten angekommen, ist die Schlange dreimal so lang. Caoimhin verabschiedet sich Richtung Hostel, da sein Fuß Ruhe braucht. Für die beiden gehts morgen außerdem weiter nach Neuseeland. Ich übernehme die Führung und wir spazieren durch das Lastarria Viertel und den Parque de las esculturas. Auf dem Weg kommen wir an einer Messe für Studieren im Ausland vorbei und Tiff ist ganz aus dem Häuschen, weil sie die britische Flagge sieht. Ich werde genötigt, sie mit allen Flaggen in jeglichen Positionen abzulichten. In dem Zusammenhang kommen wir darauf zu sprechen, dass der Bezug zur Nationalflagge bei uns Deutschen nach wie vor negativ besetzt ist.

Tiff hat übrigens kein Smartphone mehr. Ihr nagelneues Samsung S7 hat vor drei Wochen plötzlich den Geist aufgegeben. Ich biete ihr an, meine Kamera mitzunehmen, damit sie gute Fotos machen kann, denn ich fühle mit ihr mit. Sie nimmt an mit dem Satz: ‚Sarah, you’re a legend‘.  Ein paar Tage später möchte sie einen nützlichen Satz auf deutsch lernen. Da sie sich immernoch über ihr Samsung ärgert, wählt sie: ‚fucking Samsung fucked me over‘ – mein Spezialgebiet: ‚verficktes Samsung hat mich gefickt‘. Damit kommt sie sicher mit Deutschen ins Gespräch.

Der Park ist ganz nett, aber wir vermissen alle den Charme der Stadt und sind bisher etwas enttäuscht. Tiff ist schon zwei Tage länger da und schwärmt sowieso die ganze Zeit nur von Buenos Aires. Unser Spaziergang endet im höchsten Gebäude Südamerikas ‚Torre Gran Costanera‘ – und was sollte dieses anderes beherbergen als eine Shopping mall. Drei Frauen alleine hier – ihr könnt euch denken, was das bedeutet… Wir bestaunen zunächst den riesigen Weihnachtsbaum und die Dekoration im Inneren und machen uns dann auf die Suche nach Eiscreme. Ema und Tiff entscheiden sich für Joghurtsofteis mit topping, ich wähle den Klassiker. 
Ohne ein klitzekleines bisschen Shopping kommen wir hier auf keinen Fall raus und wo geht der Backpacker mit kleinem Portemonnaie hin? H&M, richtig. Da blutet das Shoppingherz, denn es gibt hier wirklich jede erdenkliche Marke. Aber unser Fokus liegt auf Kosten-Nutzen. Für mich gibts Socken und ne leichte lange Hose für abends – toll, wieder mehr Gewicht im Rucksack.

Am Dienstag verabschieden wir Ema und ‚Quivo‘, den Spitznamen hat Tiff ihm verpasst,  und wechseln auf meinen Wunsch in ein gemütlicheres Hostel. Mittags bin ich mit José Miguel zum Lunch verabredet. Er ist Anwalt und führt zusammen mit Manuel, seinem Partner eine Anwaltskanzlei hier in Santiago. Die beiden besuchen meinen Vater Luis einmal im Jahr in Deutschland und versichern sich, dass er alles hat, was er braucht. Manuel ist außerdem der Neffe des zweiten Mannes meiner Urgroßmutter. Das ist eine Geschichte für sich und definitiv filmreif, sprengt aber diesen Rahmen. Vielleicht erstelle ich mal ein eigenes Kapitel hierzu; oder ihr kauft einfach mein Buch in ein paar Jahren.
José Miguel bringt zwei seiner Söhne mit und wir lunchen im schicken Viertel ‚El Golf‘. Wir unterhalten uns über das Studium der Söhne, die Stadt Santiago, meine Reise und José Miguel erläutert mir seine persönliche Verpflichtung gegenüber Luis. Außerdem ist er sofort ganz Ohr als ich ihm erzähle, dass ich in Südamerika arbeiten würde und will mir helfen, da er einige Leute hier in Chile kennt. Ich bin angetan vom Anstand der Söhne: die beiden sind Anfang zwanzig, sprechen verdammt gutes Englisch, drücken sich gewählt aus, sind gute Unterhaltung und haben klassische Gentleman Manieren, gefällt mir. Abends werde ich vom dritten Sohn abgeholt – ich bin eingeladen mit der Familie zuhause zu essen, es ich dann auch den vierten Sohn kennenlerne. Wir machen ein paar Umwege um mir mehr von Santiago zu zeigen. Die Wohnung liegt etwas außerhalb des Zentrums, näher an den Bergen, wohin sich der Wohlstand in den letzten fünfzehn Jahren hinbewegt hat. Wir haben ein ungezwungenes ‚leichtes‘ Abendessen mit Pizza, etwas Salat, Kirschen (ist gerade Saison) und Zimtteigstangen mit Zuckerguss. Alle außer José Miguel trinken Cola, seine Frau eingeschlossen. Was mich dabei schockiert, ist, dass sie ernsthaft krank ist, und so gar kein Bewusstsein für Ernährung vorhanden zu sein scheint. Sie ist übrigens aus den USA, was das gute Englisch der vier Söhne erklärt.

Am Montag machen Tiff und ich die Walking tour und laufen dann noch durch das italienische Viertel. Endlich mal was fürs Auge, nur ist heute leider tote Hose und viele Läden haben erst morgen wieder geöffnet.

City centre

„Wall street“ and biggest flag ever!
Skyscraper in shape of mobile phone, Patio Bellavista, Barrio Lastarria
Barrio Italia

Das Treffen mit José Miguel und Manuel am nächsten Tag in deren Kanzlei berührt mich sehr. In einer Ruhe, die mich an Papa erinnert, erzählt Manuel von den Umständen und Geschehnissen damals und wird von José Miguel hier und da ergänzt. Während ich aufmerksam zuhöre, frage ich mich: wie kann man so kaltherzig sein und seinen eigenen Sohn komplett aus seinem Leben streichen? Unverständlich, dass er nicht mal im Alter weich wird.

Als ich ins Hostel zurückkomme, überrollt mich ein Gefühl von Verlorenheit: ich weiß nicht, was ich will. Was, wenn ich ein Angebot hier in Chile bekomme? Wie soll meine Reise weitergehen? Wie will ich mein Leben gestalten? Tiff sagt, ich mache mir zuviel Druck. Ich sollte Spaß haben, die Reise genießen. Ich will Veränderung, kann aber noch nicht greifen wie diese aussehen soll. 

Nachdem Tiff sich nach Valparaiso verabschiedet hat, ich werde morgen nachkommen, brauche ich einen Moment ganz allein. Ich schließe mich im Bad ein und heule meine Verlorenheit hinaus. 

Whenever you are trying to fill your inner emptiness with anything, you are going against God – because this inner emptiness is the face of God. When you stop stuffing yourself with food, money, power, et cetera, et cetera, then suddenly you become aware of who you are. – Osho

Nach Valparaiso, worüber ihr im nächsten Bericht lesen könnt, komme ich für drei Tage nach Santiago zurück um mich nochmal mit José Miguel zu treffen und danach geht’s weiter in den Süden. Nach einer Nacht in einem einsamen Hostel finde ich ganz kurzfristig Sebastián, der mich zwei Tage bei sich schlafen lässt. Wie es der Zufall will, ist Sebastián Veganer und verzichtet außerdem auf Zucker und momentan auch auf Gluten. Ich bin sein erster Couchsurfer, er ist sehr sensibel und verwöhnt mich zwei Tage lang mit hervorragendem Essen – so gesund und gleichzeitig gut habe ich lange nicht gegessen. Ich liebe sein Frühstück! 

Sebastian, 32, wohnt im Viertel Brasil mit seinem besten Freund in einer großen Altbauwohnung in einem Hinterhof. Er ist Grafikdesigner und arbeitet von Zuhause aus. Er hat gerade die Musik der Beatles für sich entdeckt, hört ansonsten auch indische Musik oder Elektro. Mit den Hanfpflanzen, den Beatles und der einfach gehaltenen Wohnung mit Tüchern an den Wänden komme ich mir vor wie in der Hippiezeit. Sein Arbeitszimmer gefällt mir am besten, gute Energie hier. Sebastian nimmt sich Zeit für mich und am zweiten Abend gehen wir mit zwei seiner Freunde auf ein Glas Wein zu seinem Nachbarn Andres Gana, ein bekannter chilenischer Maler.

Wieder spüre ich: alles hat seinen Sinn und jeder Mensch, der uns begegnet, bereichert uns, lehrt uns oder weist uns auf etwas hin. Die schwierigen Momente lassen sich mit diesem Wissen leichter ertragen.

Damit sich etwas ändert, müssen wir aktiv werden. Nur so kann mehr Positives und etwas Neues in unser Leben treten.

Bevor ich abends den Bus nach Pucon nehme, treffe ich mich mittags nochmal mit José Miguel im noblen Viertel El Golf in einem angesagten Restaurant zum Lunch. Er ist wirklich ein sehr warmherzige Mensch, nimmt sich Zeit für mich, obwohl er sicher viel zu tun hat und strahlt Ruhe und Lebensfreude aus.

Danach schlendere ich durch das Viertel und setze mich in ein schönes Café, wo die Sonnenstrahlen die Terrasse erreichen und genieße die Sonne auf der Haut.

Sebastian gibt mir noch getrocknete Früchte und Reis mit und bringt mich zum Bahnhof. Dann geht es mit dem Nachtbus in den Süden nach Pucon.

Wenn du aufmerksam bist, lernst du jeden Tag etwas.

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