Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

21 November – 05 Dezember 2017

Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

Queensland Beach

Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

Rainbow Haven

Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

Clam Harbour

Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

Weihnachtself in Aktion

Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

Joggen in den Sonnenuntergang

Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

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