Camping Wochenende – endlich mal wieder ein Hauch von Reisen

15 – 17 September 2018

Da wir uns während unseres Kajaking Ausflugs so gut verstanden, vereinbarten Sherry, Trish, Sherry und ich, gemeinsam campen zu gehen, bevor der Sommer vorbei ist. Mitte September ist es soweit: wir reservieren einen Platz auf „Murphy’s Camping on the Ocean“ in Tangier, östlich von Halifax direkt an der Küste und die Wetteraussichten könnten besser nicht sein.

Um die Verbindung noch kurz klarzustellen: meine Sherry und Trish kennen sich schon seit bald zwanzig Jahren. Trish ist leidenschaftliche Motorradfahrerin und geht mit dem Ehemann der anderen Sherry regelmäßig auf Tour.

Sherry und ich leihen uns ein riesen Zelt vom Markt, erklären uns bereit, die Verpflegung für uns vier zu übernehmen und wollen die beiden Mädels mit außergewöhnlichem und dennoch campingfreundlichem Essen überraschen. Sherry hat aus ihren Jahren als Restaurantführerin zudem alles, was auch nur im Entferntesten mit Küche zu tun hat.

Am Samstag früh verkaufen wir noch wie jede Woche auf dem Markt, packen aber ausnahmsweise eine Stunde früher zusammen, laden das Auto und machen uns auf den Weg ins Wochenende.

Lediglich eine gute Stunde dauert die Anreise. Trish’s Zelt steht schon und Sherry schläft in ihrem Auto. Nach einer herzigen Umarmung bauen wir unser Zelt in zwanzig Minuten auf und Sherry richtet innen alles für unser Überraschungs- Candlelightdinner her, während ich mit Trish und der anderen Sherry (ich nenne sie im Folgenden der Einfachheit halber Sherry2) quatsche. Irgendwann fragen die beiden sich dann aber doch, was Sherry so lange im Zelt treibt. Als sie dann den gedeckten Tisch und den dekorierten Raum im Zelt präsentiert, schüttelt Trish den Kopf und lacht, da sie Sherry zugetraut hätte, im Wohnwagen anzukommen anstatt ganz banal zu zelten. Sherry2 ist ganz aus dem Häuschen und begeistert vom Luxus. Ich lerne ein neues Wort: Glamping – die Verschmelzung aus Glamour und Camping.

Candlelightdinner im Zelt – Glamping vom Feinsten

Musik, viel Sonne, tiefgehenden und unterhaltsame Gespräche, wir begeben uns auf einen kurzen Trip mit einem uralten Ruderboot – dementsprechend kommen wir nicht wirklich weit; Trish hat ihr Kajak mitgebracht. Wie immer am Wasser muss ich zumindest einmal kurz schwimmen gehen und es ist gar nicht so kalt wie befürchtet. Der Sternenhimmel in der Nacht ist umwerfend und erinnert mich an so manche Nacht in Südamerika.

Trish und Sherry; Sherry im Campingoutfit und beim Tanz mit den Hunden

Trish’s Kajak steht bereit; wir vier Tusneldas schlagen uns mit dem alten Ruderboot rum
kurzer Ausflug im Ruderboot
Sundae liebt Wasser – typisch Neufundländer

Nach dem Candlelightdinner am ersten Abend verwöhnen wir uns mit üppigem Frühstück und veganen Burgern – mobile Herdplatte machts möglich.

herzhaftes Frühstück: potatoes, baked beans and vegan sausages

Zwischen Sherry und mir entwickelt sich mehr und mehr Vertrautheit, ich bin vollkommen entspannt in ihrer Gegenwart. Alles fühlt sich echt und natürlich an, ihr positives Lebensgefühl, mit dem sie jeden Morgen aufwacht, tut mir gut.

Am Montag früh schlagen wir nach letztem gemeinsamen Frühstück die Zelte ab und begeben uns auf den Heimweg. Da wir keinen Zeitdruck haben, hält Sherry mit mir am Strand in Laurencetown für einen Spaziergang. Die Strände hier sind im Sommer wirklich traumhaft.

Spaziergang mit Sherry am Meer; Dude und Sundae genießen die Weite und Sundae nutzt mal wieder ihren Charme aus.

Sherry’s Freunde und Familie fragen nach der neuen Frau an ihrer Seite und einige melden zurück, dass sie gleich etwas zwischen uns gesehen haben, was uns beide sehr amüsiert und erstaunt, da weder sie noch ich auch nur im Entferntesten ahnten, dass sich unsere Beziehung so entwickeln würde.

Sag niemals nie.

Einleben, aus Freundschaft wird mehr, Besuch aus Deutschland!

31 Juli – 15 September 2018

Zurück aus Montreal gewöhne ich mich in den folgenden Wochen an mein vorerst neues Zuhause. Nach wie vor ist Sommer und Sherry stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

  • Crystal Crescent Beach

  • Tag am Pool im Haus von Sherry’s Dad in Chester mit Abendessen im Restaurant Rope Loft direkt am Wasser

  • Kayaking mit Trish, Sherry und Sherry (ja, da gibt es noch eine zweite) bei Blue Rocks. Auf dem Heimweg halten wir in einem Pub in Chester und essen die besten Onion rings ever!

Kayaking at Blue Rocks

  • Jährliches Busker Festival in Halifax: von Feuerspuckern über Comedians bis hin zu Magiern versammeln sich die besten Straßenkünstler an der Waterfront. Genau vor einem Jahr kam ich zum ersten Mal nach Halifax! Sherry führt mich an diesem Wochenende aus in die legendäre Bar Lower Deck; wir bleiben lange, denn die Band hat’s drauf!
  • Nine and dine: Golfen mit Sherry und Freunden bis zum Sonnenuntergang.

Mein Gemütszustand: Ich bewege mich nicht genug, habe keinen Rhythmus hier was laufen angeht und trinke meinem Empfinden nach zuviel. Die Kombi zieht mich emotional runter. Außerdem schreibe ich nicht genug, mein Visum läuft bald aus und die Frage steht im Raum, wie’s weiter geht. Viel Arbeit, was ablenkt, mich aber auch nicht weiterbringt und nicht fühlen lässt, was wirklich los ist in mir. Wache immer mal wieder mit schwerem Herzen auf. Und dieses Heimweh ist ganz schön penetrant.

Mitte August komme ich aus der Negativspirale raus: trinke weniger, laufe mehr, spaziere mit Hund Dude im Park, mache meine Übungen. Die Auswirkungen auf mein inneres Gleichgewicht sind enorm. Sherry schleppt mich zum neuen Fitnessstudio in der Nähe, das sie ausprobieren möchte: zwei Wochen testen sind frei, sie will definitiv weitermachen, ich denke zunächst, dass ich wahrscheinlich auch zufrieden bin mit laufen und schwimmen, als einstige Fitnesssüchtige bleibe ich dann aber doch dabei – das Programm ist gut und powert aus.

Mit Maddie verabrede ich mich zum Wandern, was meinem Herz unglaublich gut tut!

Bluff Wilderness Trail

Besuch bei Olga. Wir trinken Kaffee auf ihrer Terrasse, ich genieße wie immer ihre Art zu denken, höre ihr gern zu. Wir schwimmen am privaten Meereszugang ihrer Nachbarn. Idylle pur.

Sherry und ich entwickeln erste gemeinsame Rituale und Routinen:

Dinner und Kino am Dienstag: abwechselnd wählt einer von uns Film und Restaurant, der andere zahlt. Samstags nach dem Markt kehren wir ein in die Pizzeria Salvatore’s, dabei war ich nie Pizza Fan. Mittwoch und Sonntag sind unsere freien Tage, die wir im Fitnessstudio beginnen.

Sherry amüsiert sich darüber, dass ich ganz ohne Aufforderung die Hundefütterung übernommen habe. Gegen sechs Uhr morgens weckt Sundae uns, indem sie mit ihren Vorderpfoten von einer Seite aufs Bett kommt und denjenigen anstupst, auf dem sie mit ihrem riesigen Körper gerade liegt. Und sie wächst von Woche zu Woche! Schnell hat sie kapiert, dass das Futter jetzt von meinen Händen kommt und steuert morgens nun direkt mich an.

In der vielen gemeinsamen Zeit lerne ich Sherry schnell besser kennen: Sie ist unglaublich positiv, unkompliziert, so humorvoll, dass sie mir fast täglich Tränen in die Augen treibt, lebt ihr inneres Kind. Nach außen taff und stark, ist sie eigentlich höchst gefühlvoll, sensibel und verletzlich. Sie erzählt viel aus ihrem Leben, ist eine attraktive gutaussehende Frau, hat unendlich viele Talente, Menschen, die sie gern hat, hilft sie ganz selbstlos und liebt Hunde, besonders Neufundländer.

Ganz schön viel Nähe – und so kommen wir uns wirklich ganz ungeplant eines Tages doch näher als gedacht. Obwohl ich mich in dieser Beziehung als schüchtern bezeichnen würde, mache ich einen Schritt auf sie zu und lerne mich so selbst von einer neuen Seite kennen. Unsere Umgebung ist begeistert von der neuen Art der Verbindung.

Ich bekomme Besuch aus Deutschland – genau das, was ich mit meinen Heimwehgefühlen brauche: Der Sohn von guten Freunden von meinen Freunden und liebevoll so genannten zweiten Eltern Vera und Rainer reist mit bestem Freund durch Canada und USA. Die Jungs bleiben über eine Woche und genießen es, sich auszubreiten und nicht nach zwei Tagen wieder einpacken zu müssen. Wir bringen sie zur Pizzeria um die Ecke, gehen abends zusammen aus, ein Tag Lunenburg und in der Umgestaltung des Gartens werden sie eingespannt. Auch wenn wir nicht direkt befreundet sind, tut es gut, Menschen aus der Heimat da zu haben, den Dialekt zu hören und zu sprechen, sich über Zuhause zu unterhalten.

Die Jungs kochen für uns
Pizzeria Salvatore’s
Project Backyard

Bar ‚Your Father’s Moustache‘

Peggy’s Cove
Lunenburg mit Stop für die besten Onion Rings

Durch die Ferne wächst die Liebe für Zuhause.

Eines Tages helfe ich Sherry bei einem Catering Job für eine Erinnerungsfeier für einen Mitarbeiter vom Markt, der gerade gestorben ist. Wir bringen das Essen und bleiben, unterhalten uns hier und da, Nigel setzt sich zu uns. Für Sherry ist es das erste Mal in diesem Raum seit der Feier für ihren verstorbenen Bruder, dessen sogenannte ‚Celebration of Life‘ vor nicht mal einem Jahr hier stattfand. Nach den ersten Programmpunkten rollen ihr die ersten Tränen über die Wange und dann wird alles ganz schnell zu überwältigend. Wir verschwinden durch den Hinterausgang. Zuhause angekommen verzieht sie sich direkt ins Badezimmer, teilt aber ihre Gefühle und Gedanken mit mir. Ich bringe ihr ein Glas Wein, einen Happen zu essen und geselle mich zu ihr in die Badewanne. Wir reden, ich erzähle von Angela, meiner leiblichen Mutter, was mehr Nähe zwischen uns schafft. Ich kann nachvollziehen, wie schwer der Schmerz und Verlust des Bruders zu ertragen sein muss. Ich habe sie unglaublich gern, sehe immer mehr Tiefe in ihr, will mehr Zeit mit ihr.

Wenn eine Persönlichkeit mich fesselt, wird jede Form des Ausdrucks an ihr zum Genuss. Oscar Wilde

Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

01 – 28 Februar 2018

Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten den Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und die Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
Markttag!

Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
Fotoshooting und Rezeptrecherche

Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich harmonisch und ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

mit Olga im Sushi Restaurant
Spaziergang am Hafen

Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, ich bin zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

Dartmouth, Nova Scotia – vertraute Umgebung und neue Herausforderungen

12 – 31 Januar 2018

Zurück in Nova Scotia – hier erst mal ein paar interessante Fakten:

  • Die Provinz liegt an der Ostküste und ist fast komplett vom Atlantik umgeben; kein Ort liegt mehr als sechzig Kilometer vom Meer entfernt, überall Wälder und Seen.
  • Die Hauptstadt Halifax ist wichtiger internationaler Seehafen (der weltweit zweitgrößte natürliche eisfreie Hafen nach Sydney in Australien), Transportzentrum und ökonomischer und kultureller Mittelpunkt der Region.
  • Die Halifax Explosion im Jahr 1917 war vor Hiroshima die weltweit größte von Menschen verursachte: das französische Frachtschiff SS Mont Blanc, beladen mit Sprengstoffen aus Kriegszeiten, stieß mit einem leeren norwegischen Schiff zusammen, fing Feuer und explodierte 25min später; folgender Tsunami und Druckwelle forderten ca 2000 Tote und 9000 Verletzte.
  • Nova Scotia (lateinisch für Neu Schottland) zählt knapp eine Million Einwohner, Halifax hat dreimal soviel Studenten als der nationale Durchschnitt und somit angeblich mehr Bars pro Kopf als jede andere Stadt in Canada.
  • Halifax liegt näher an Dublin, Irland als an Victoria, BC im Westen des Landes.
  • man findet hier milderes Klima als im Inland, mit vier Jahreszeiten für mich verdammt ähnlich zu unserem Wetter in Deutschland: im Winter kommt und geht der Schnee, aber es gibt mehr und er bleibt länger, etwas kälter wird es auch, aber immerhin richtiger Winter und nicht dieser graue Matsch. Die Sonne verschwindet zuweilen allerdings auch für Tage hinter einer dichten Wolkendecke.

See MicMac – Teil meines 9km Laufs
Heimweg vom Supermarkt entlang am See Banook

Das Gefühl, das sich schon in Florida anbahnte, verstärkt sich nun von Tag zu Tag und ich bin sicher ziemlich unerträglich: zu allem, was Robyn sagt, habe ich Widerworte, werde abweisend, bin besserwisserisch, genervt und kritisierend, kann mich so selbst nicht leiden. Sie ist nach wie vor einfühlsam und freut sich jeden Tag riesig, dass ich hier bei ihr bin.

Warum also mein borstiges Verhalten? Ich fühle mich eingeengt, schlafe schlecht, bin es nicht gewohnt, soviel Zeit nonstop mit der gleichen Person zu verbringen, brauche mehr Zeit nur für mich, kann mich nirgends wirklich zurückziehen. Sie arbeitet von zuhause, meine Jobsuche läuft schleppend. Außerdem vermisse ich meinen sozialen Kreis, wie ich es für mich nenne. In Deutschland habe ich es geschafft, neben unserer Großfamilie mit all meinen unterschiedlichen Freunden Kontakt zu halten. Der krasse Kontrast hier steht in keinem Verhältnis.

Die Situation spitzt sich zu als wir drei Nächte bei Olga und Lynette in Terence Bay verbringen, um Haus und Tiere zu hüten – mitten in der Natur, direkt an der Küste.

Als wir ankommen, fällt es übrigens erst schwer, nicht zum Glas Wein zu greifen, dann ist der Moment allerdings auch schnell verflogen und ich bin zufrieden mit Wasser und Tee. Dieses Mal bleibe ich konstant!

Wir verbringen die Tage mit Spaziergängen, besuchen Robyn’s Freunde, die in der Nähe wohnen und ich genieße die Anwesenheit von zwei schmusigen Katzen.

Spaziergang mit Robyn, Hund Ella und Freundin Emily

Aussichtspunkt erklommen!

Da Olga und Lynette erst nach der ersten Nacht aufbrechen, komme ich in den Genuss, auf dem Sofa zu schlafen – alleine – wie ich das genieße! Studien belegen, dass die Hälfte der Personen, die ihr Bett mit jemandem teilen, schlechter schlafen, da sie durch die Bewegungen und Geräusche des anderen gestört werden – zu dieser Hälfte zähle ich mich ganz klar auch, komischerweise schlafe ich allerdings immer einwandfrei neben meinen Geschwistern – ob es dazu auch Studien gibt?

In der zweiten Nacht will ich zunächst auf dem Sofa bleiben, aber das Bett ist so überzeugend riesig und hat zwei separate Matratzen, dass ich bereit bin, umzuziehen. Doch es liegt eine Spannung in der Luft, ich versuche mich zu erklären als ich mich auf einmal in einem Gefühl wiederfinde, das ich so nur aus einer Situation vor knapp zwei Jahren mit meinem damaligen Freund Eric kenne: ich fühlte mich nach einer Diskussion wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen, geschweige denn irgend etwas zu entgegnen. Mein Herz schmerzt, ich betrachte mich selbst wie von außen und spüre einen unendlichen Druck.

Später suche ich nach Parallelen zwischen den beiden Situationen: die Erwartungshaltung meines Gegenübers, die Gefahr den anderen zu verletzen, meine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment, Wahrung der Harmonie, persönliches Wollen verklärt. Ich beschreibe Robyn mein Gefühl ansatzweise, entschuldige mich für mein abweisendes Verhalten, unterm Strich brauche ich Freiraum! Am dritten Tag sind wir in Dartmouth einkaufen und ich nutze die Gelegenheit, bleibe hier, genieße die Stunden allein und schlafe seit langem mal wieder hervorragend. Nach weiteren Gesprächen finden wir Wege, mir den Raum zu geben, den ich brauche und ganz schnell bin ich wieder nahbar und aufgeschlossen.

Sometimes I like to be alone. I enjoy the freedom and solitude. In those moments, I remember who I am and what I want.

Ich blicke auf die Zeit mit Eric zurück: vieles nahm ich damals wie hinter einem Schleier wahr, er gab alles um mir entgegen zu kommen, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, ich dagegen verspürte irgendwann nur noch Druck. Rückblickend war ich nicht bereit, eine so bedeutende und tiefe Verbindung einzugehen, sah nur die Verpflichtung, die Verantwortung, für jemand anderen da zu sein. Die Beziehung zu ihm war ein Zugeständnis, dass ich nicht bereit war zu machen. Ich hatte einen Traum, den ich nur allein verwirklichen konnte.

Jetzt mit Robyn fühle ich mich frei, da sie ohne Zukunftserwartung jeden Tag mit Freude annimmt. Ich verstehe, was es bedeutet, einen Verbündeten im Leben zu haben. Ich möchte Ruhe finden in mir, mit meinen Entscheidungen im Frieden sein, nicht immer alles in Frage stellen. Ich kämpfe zum ersten Mal mit dem Gefühl von Heimweh, gleichzeitig ist da nach wie vor die Sehnsucht, wieder auf Reisen zu sein und neue Begegnungen zu machen, meine Freunde fehlen mir.

Was ist der Plan für die nächsten Monate? Wie immer hab ich nicht wirklich einen und so lange das nächste Ziel nicht klar ist, will ich das Jetzt und Hier voll und ganz annehmen, mir Zeit nehmen, in mich hinein zu hören.

Die Tage ziehen dahin, Jobsuche fällt schwer, denn die Gastronomie sucht erst wieder für die Sommermonate. Eines Tages schlägt Robyn vor, ich soll doch den Versuch wagen, auf dem lokalen Markt hier in Dartmouth zu verkaufen. Der Gedanke gefällt mir, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, wie meine Koch- und Backkünste bei der Allgemeinheit ankommen. Kaum eingewilligt, buchen wir einen Tisch für den nächsten Samstag, laut Robyn’s Bruder Willy ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einzusteigen, denn im Sommer bekommt man kaum einen Platz (seine Frau verkauft schon seit zwei Jahren dort). Dann geht es an die Planung und Organisation: Produkte auswählen, Zutatenliste, Preise vergleichen, Verpackung, Label, Arbeitsmaterial – die Liste nimmt kein Ende! Robyn ist super engagiert und hat tolle Ideen, wir arbeiten kreativ und produktiv zusammen. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Am 20.Januar ist es soweit und wir treten unseren ersten Markttag an, der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens.

Selfie muss laut Robyn sein, bevor es losgeht

Fürs erste Mal an einem ruhigen Samstag läuft es gut: 157 Dollar Einnahmen, die Ausgaben waren natürlich um einiges höher. Eine erfahrene Verkäuferin gibt mir ein paar nützliche Tipps und ich will es ein paar Wochen laufen lassen.

erster Markttag mit Hafercookies, Früchtebrot und Granola
in den ersten Wochen alles handgeschrieben, klettern durch die Küche

Mit dem Blog komme ich kaum hinterher, denn meine Tage sind gefüllt mit Rezeptrecherche, Preiskalkulation, Einkaufen (Robyns Schränke sind schnell ausgelastet), Backen, Ideensammlung für unseren Geschäftsnamen, Visitenkarten, und und und. Robyn kümmert sich außerdem um alles, was mit Internetpräsenz zu tun hat, ohne läuft heutzutage ja nichts mehr. Nach zwei Wochen steht der Name: „Holder is vegan“. Das Ganze macht Spaß, bereits in der zweiten Woche kommen schon Leute wieder von letzter Woche. Es dauert wohl ein paar Monate bis man sich etabliert und ich stecke jetzt somit einiges an Geld und Zeit in das neue Projekt, bin neugierig, wohin das Ganze laufen wird. Beim Joggen um die Seen im Schnee bekomme ich den Kopf frei, teste jeden Tag neue Rezepte und wir genießen exquisite Dinner.

Ach ja, meine Beurlaubung ist übrigens genehmigt bis Juli 2020, noch Fragen?!

Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.

Anna Maria Island, Florida

04 – 12 Januar 2018

Taxi, Zug, Flieger, Mietwagen – in zweiundzwanzig Stunden von Ludwigshafen nach Anna Maria Island! Mit dem gemieteten Cadillac, der neben Navi mit jeglichem Schnickschnack ausgestattet ist, finde ich vom Flughafen in Orlando ohne Umwege zu Robyn und ihrer Mutter Janet, Ankunft 23Uhr Ortszeit.

Robyn begrüßt mich stürmisch und kann kaum glauben, dass ich da bin; Auch ihre Mutter strahlt, als sie mich sieht. Ich freue mich hier zu sein und es fühlt sich gut an so willkommen zu sein. Ein Glas Wein muss sein, wir erzählen ein wenig, dann lacht mich aber auch schon das Bett an, ich bin ziemlich erledigt.

Die beiden wohnen in einem Trailer, eine Art Mobilheim, welches mit Sommerhausfeeling besticht und mit allem ausgestattet ist, was man braucht. Janet hütet die Bleibe für einen Freund und verbringt somit wie viele andere sogenannte „snow birds“ die Wintermonate in Florida, um dem kalten Wetter in Kanada zu entfliehen; Robyn’s Arbeit lässt es dieses Jahr zu, insgesamt einen Monat hier zu genießen. In die kleine Wohnanlage Sandpiper Beach kann man sich nur mit Mindestalter von 55 Jahren einkaufen. Kein Wunder also, dass die Uhren hier etwas langsamer ticken und alle so tiefenentspannt wirken – Rentnerparadies ist das erste, was mir dazu einfällt. Die Lage direkt an der Küstenwasserstraße ist besonders und wird sicher von vielen Nachbarn beneidet.

Sonnenuntergang direkt vor der Haustür

Bei einem Spaziergang am Strand zeigt Robyn mir die Umgebung – süße kleine Häuschen, eine lange Hauptstraße, die am Meer entlangführt, es ist Nebensaison, daher ziemlich ruhig und kaum was los am Strand; unerwartet kalt ist es! Im Norden Floridas hat es zum ersten Mal seit 29 Jahren geschneit, wir sind zum Glück etwas südlicher. Aber die Temperaturen sind gar nicht so wichtig, denn die Sonne scheint, wir sind am Meer, Sand, Möwen, Urlaubsstimmung – was brauche ich mehr?

Spaziergang am Bradenton Beach

Anna Maria Island ist eine kleine bisher noch relativ unbekannte Insel vor der Westküste Floridas am Golf von Mexiko, ca 90km von Tampa entfernt. Unendlich lange Strände mit viel Platz, klares Wasser, es gibt keine Hochhäuser (Obergrenze von 20,5m ist gesetzlich geregelt), somit keine abturnenden Hotelketten, die jedem Strand ihren Charme nehmen, ebenso findet man kaum Fast-Food-Restaurants. Dafür kleine Hotels, Apartments und Restaurants mit typisch amerikanischem Flair entweder direkt am Strand oder nur wenige Straßen entfernt. Ein kostenloser Bus, hier Trolley genannt, macht ein Auto auf der Insel überflüssig.

Bradenton Beach
Sandpiper Resort – das kleine Rentnerparadies

Da ich am letzten Abend in der Heimat noch mit den Nachwirkungen des Weins zu kämpfen hatte, war der Abschied von Deutschland nicht so tränenreich wie befürchtet und ich ermahne mich regelmäßig im Hier und Jetzt zu bleiben um mich nicht unnötig zu stressen; im Moment ist alles gut wie es ist. Wie es sich gehört für Strandurlaube leben wir einfach in den Tag hinein: gemütliche Vormittage, ich bin fürs Essen zuständig, wir spielen Karten und Robyn bringt mir das Spiel Cribbage bei, Spaziergänge am Strand, auch Sonnenbaden lässt das Wetter drei Tage zu, wir betrachten den Sonnenuntergang, sehen Delfine, spielen Frisbee und testen die Fahrräder hinterm Haus, die sich schnell als zu verrostet herausstellen, kommen aber ein paar Tage später trotzdem in die Gelegenheit einer kleinen Fahrradtour, zu der uns ein Nachbar einlädt.

Abends schaut Janet Jeopardy und Glücksrad – das ist fest in ihren Tagesablauf integriert.

Ich bin zunächst etwas träge, aber Robyn motiviert mich, am Strand joggen zu gehen, was mich so vitalisiert, dass ich die übrigen Tage mit einem Lauf direkt am Meer kurz nach Sonnenaufgang beginne: Frühnebel, Stille des Morgens, den Geruch des Ozeans in der Nase, Meeresrauschen, Vögel folgen den Wasserbewegungen mit trippelnden schnellen Schritten und picken ihr Futter aus dem Sand, das knirschende Geräusch der Schuhe, kleine Muscheln überall. Abgerundet wird die morgendliche Routine mit einem Sprung ins eiskalte Wasser, das einem fast den Atem nimmt, gefolgt von Meditation.

An diesem kleinen Fleck der Erde kommt man zur Ruhe, keinerlei Stress spürbar, dementsprechend entschleunigt scheint alles, genug Zeit zum Nachdenken… Hier und jetzt.

Ich lerne Robyns Cousin Don kennen, der in der Nähe lebt und wir verbringen einen Abend gemeinsam: nach dem ersten Cocktail wechseln wir zu einem Pizzaplace, anschließend will sich Don richtig mit uns besaufen, aber ich lehne ab – auf das Gefühl habe ich mal überhaupt keine Lust. Trotzdem fühle ich mich am nächsten Tag verkatert – zu viel Zucker in den Getränken. Ich beschließe, bis zu meinem Geburtstag im Februar Alkohol und Zucker zu streichen. Mal sehen wie standhaft ich dieses Mal bin.

Flaniermeile am North End
Drinks mit Robyn und Don

Übrigens gehe ich jetzt in die Vollen und habe zwei weitere Jahre Beurlaubung beantragt. Keine Ahnung, wie ich mich finanziere, aber nach wie vor bin ich auf der Suche, will mehr entdecken und bin nicht bereit heimzukehren. Ich vertraue dem Leben, den Gelegenheiten, die mir begegnen werden. Kommt Zeit, kommt Rat.

Eines Morgens wache ich mit einem unzufriedenen Gefühl auf, was sich durch den ganzen Tag zieht und ich kann zunächst nicht genau greifen, woher es kommt. Auch der Lauf am Strand hilft dieses Mal nicht. Mir fehlen meine Menschen von zu Hause, mein sozialer Kreis, Rainer und Vera schreiben mir, dass sie mich vermissen, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genossen haben, geht mir genauso. Nicht an dem Leben meiner Freunde und Familie teilhaben zu können, fällg gerade besonders schwer.

Unsere Zeit ist so begrenzt, dass wir sie doch mit Menschen verbringen sollten, die uns ein Lachen ins Gesicht zaubern und uns Liebe entgegen bringen.

Robyn ist wie immer zuckersüß und freut sich über jeden Moment mit mir. Ich dagegen habe eine Art Lagerkoller, brauche Stunden für mich, einen Ort um mich zurückzuziehen. Dieses Gefühl wird sich in den nächsten Tagen noch verstärken, doch letztendlich finde ich mithilfe Robyn’s einfühlsamer Art einen Weg mir Freiraum zu verschaffen.

Nach acht Tagen auf der Insel packe ich ein weiteres Mal meinen Rucksack. Wohin es geht? Ich habe beschlossen, mit Robyn zurück nach Kanada zu fliegen. Sie tut mir gut und in den letzten sechzehn Monaten bin ich zu oft aufgebrochen, obwohl ich mich wohlfühlte. Zudem bietet Kanada die Möglichkeit, mit meinem Visum vielleicht doch noch etwas Geld zu verdienen. Also ab in die Kälte – dass ich mal freiwillig in den Winter reise, wer hätte das gedacht.

Don bringt uns zum Flughafen, wo dieses Bild zustande kommt und mich in typischer Pose in all diesen Monaten zeigt; meinen Rucksack nenne ich auch liebevoll ‚mein Haus‘. Wenn ich sie auch ab und zu schief anblicke, weil sie von allem und jedem Fotos schießt, muss ich Robyn schon rechtgeben, dass ich dankbar für die vielen Bilder bin.

mit Hab und Gut beim Check-in

Ein geplanter Weg ist wie eine Mauer vor perfekten Momenten. – Hans Kruppa

Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

06 – 23 Dez 2017

Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

  • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
  • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
  • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
 JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
  • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
  1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
  2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
  3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

meine Schüler nähren das Kind in mir

    • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
    mein geliebtes Mannheim
    • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
    • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
    mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
    Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
    • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
    mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
    Fotofix in Frankfurt

        Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

        • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
        Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
          • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
          mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                You deserve everything there is to give.
                Breakfasts in bed.
                Diamonds on your doorstep.
                Little notes hidden everywhere.
                I want you to have all my secrets
                and all of my demons,
                because you especially deserve
                all the parts of me
                I’m usually too afraid to share.

                Beau Taplin. Demons

                • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                Tag am See, Sommer 2016
                Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre

                Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

                21 November – 05 Dezember 2017

                Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

                Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

                Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

                Queensland Beach

                Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

                Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

                Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

                Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

                Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

                Rainbow Haven

                Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

                Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

                Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

                Clam Harbour

                Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

                In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

                Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

                Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

                Weihnachtself in Aktion

                Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

                Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

                Joggen in den Sonnenuntergang

                Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

                Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe