Die Schattenseiten des Winters, Geburtstag und die Frage, was nun?

17 Januar – 24 März 2019

Vom ersten Moment an hier zurück tue ich mich richtig schwer. Viel Unmut, Traurigkeit, Zweifel, Heimweh und null Bock auf Küche.

Normalerweise zieht mich Sport immer aus der schlechten Laune, aber körperlich verausgaben, so wie ich das gerne hätte, funktioniert bei dem Wetter einfach nicht und zwei Mal die Woche Fitnessstudio reicht mir nicht. Als dann durch das viele Stehen noch Rückenschmerzen hinzukommen, ist meine Stimmung endgültig bei null. Sherry gibt ihr Bestes um mich aufzumuntern, was ihr auch immer wieder gelingt. Ich falle jedoch regelmäßig zurück in miese Stimmung. Eigentlich hatte sie gehofft, dass die Zeit in Deutschland mein Heimweh stillt, aber genau das Gegenteil ist der Fall.

Ich sehe nicht, wie wir unsere zwei Welten vereinen können, bin einsam, sie ist hier verwurzelt, ihre Arbeitswelt ist und bleibt hier und sie hat sich etwas aufgebaut, was man nicht so einfach aufgibt. Wahrscheinlich wäre sie sogar offen dafür, nach Deutschland zu kommen, aber ich bin mir sicher, dass die Heimat recht schnell rufen würde, so wie ich das gerade erlebe.

Wir müssen reden, haben viele Themen bisher nicht berührt. Wahrscheinlich, da wir beide wissen, dass es keine befriedigende Lösung gibt. Gegeben durch dieses persönliche Dilemma leidet meine Stimmung enorm, es schwingt immer etwas Trauriges mit und ich gehe mit schwerem Herzen durch die kommenden Wochen.

Nichtsdestotrotz tut Sherry mir gut, wächst mir immer mehr ans Herz, wir erleben viele schöne Momente gemeinsam. Ich mag ihre Sicht auf die Dinge, sie ist immer positiv, lässt sich nie entmutigen und findet für alles eine Lösung. Das Erlebnis der Beziehung mit Sherry ist neu. Ich fühle mich in meinem Sein durch sie nicht eingeschränkt, wir geben ein gutes Team ab, ergänzen uns, sind beide leicht im Umgang und flexibel.

An einem Samstag treffen wir uns mit Sherry’s Freunden und gehen Axt-werfen – eine spaßige Angelegenheit.

Nachdem Sherry entgültig entschieden hat, ihr Haus nicht zu verkaufen, nehmen wir uns als erstes ihr dunkelbraunes Bett zum Projekt für Veränderung: abschmirgeln, streichen und dann bekommt das gute Stück einen antiken Touch.

Dabei merke ich, wie es mir fehlt meine eigenen vier Wände einzurichten. Seit dreißig Monaten stelle ich mich auf andere Menschen und ihr Zuhause ein, schlafe in Hostels, bei Freunden, in Nachtbussen, eine Parkbank und ein Einmannzelt zu zweit war auch schon dabei. Ich weiß zwar noch nicht wirklich, wie es von hier aus weitergehen soll, aber der Gedanke, zurück nach Mannheim zu gehen, ist gerade verlockend – mich neu einrichten, eventuell sogar ein neuer Arbeitsplatz. Gleichzeitig habe ich Bammel vor der Routine nach all der Freiheit.

Eine schöne Abwechslung hier ist zur Zeit unsere gemeinsame Freundin Hatfield (eigentlich heißt sie auch Sherry, aber ich hab ihren Nachnamen zum Spitznamen gemacht). Nachdem sie und ihr Mann sich letztes Jahr getrennt haben, bot Sherry ihr an, bei uns zu wohnen bis sie im Februar in ihre neue Wohnung kann. Unsagbar dankbar nimmt sie das Angebot an und zieht kurz vor unserer Abreise nach Deutschland mit ein paar Taschen ein und hütet während unserer Abwesenheit Haus und Hunde. Jetzt zurück verbringen wir ein paar gemeinsame Wochen zu dritt und verstehen uns verdammt gut.

Wie jedes Jahr steht mein Geburtstag am 8.Februar an und präsentiert sich voller Überraschungen: Ich wusste ja, dass Sherry was im Schilde führt und am Abend vorher eröffnet sie mir, dass sie einen Kitesurf-Tag mit Privatlehrer für mich organisiert hat. Ich starre sie ungläubig an – bei dem Wetter? Null Grad und Regen. Sie: „Es gibt doch Neoprenthermoanzüge und du wolltest das doch schon immer hier ausprobieren nach deiner Erfahrung in Brasilien, bist doch gerne draußen.“ Meine Augenbraue zieht sich misstrauisch nach oben, doch je länger sie spricht, desto überzeugender wird sie. Sie zieht alle Register, ich traue mich nicht, mich zu beschweren über das Geschenk und beginne, mich geistig auf den nächsten Tag vorzubereiten. Ich packe also am Morgen meine Tasche, sie macht Geburtstagsfrühstück – veganen French Toast.

Als wir das Haus verlassen, zieht sie ganz demonstrativ ihre Regenjacke an – braucht sie, wenn sie Bilder von mir macht. Hmm… Jaja, schon klar, nicht witzig. Das Wetter ist garstig! Wir halten am Coffeeshop, um etwas Warmes dabei zu haben. Dann zückt sie einen Umschlag und meint, sie hätte vergessen, mir noch was zu geben. Ich öffne verwundert und finde einen Gutschein für das Wellness Spa nebenan. Mehrere Stunden Wellness – von wegen Kitesurfen. Sie lacht, ich schüttel sie – und ich hab ihr den Quatsch auch noch abgekauft! Sie muss jetzt in die Küche, Catering vorbereiten und holt mich später ab. Mit einem Kuss verabschiede ich mich und steige kopfschüttelnd aus.

Für den Abend hat sie einen Tisch im Restaurant Five Fishermen reserviert. Als ich frage, wie schick wir denn ausgehen und ob ich mein gewohntes Outfit tragen soll (nach wie vor habe ich hier nicht viele Klamotten und Schickes schon gar nicht), nimmt sie mich bei der Hand und führt mich ins Schlafzimmer. Auf dem Bett liegt ein komplett neues Outfit, dass sie mir besorgt hat, was auch noch wie angegossen passt. Wir erleben Service vom feinsten, mit Prosecco aufs Haus, veganer Speisekarte, vorzügliches Essen, bekommen zwei Rosen, Dessert und Geburtstagskarte.

Am Samstag darauf ist Markt wie immer und ich gehe davon aus, dass wir danach Pizza essen gehen wie immer. Wir müssen nur kurz nach Hause wegen des Catering Jobs – das Essen wird zu Hause abgeholt, sagt sie. Ich gehe die Stufen zur Haustür voraus, schließe auf und bleibe verdutzt in der Türe stehen: überall Luftballons! Dann höre ich jemanden sagen: „Happy Birthday!“ und sehe Sherry’s Bruder Travis und Frau Diane, Cousine Brenda und Frau Simone, Hatfield – alle stehen sie da und grinsen mich an, alles ist dekoriert. Hat Sherry doch echt eine Party für mich organisiert und ich hatte keinen Schimmer!

Sherry’s Mutter Beverly kommt mit Mike, Freunde Scott und Todd, es gibt eine vegane Geburtstagstorte. In meinem Leben war ich noch selten so baff und noch nie hat jemand so etwas für mich gemacht. Alle haben Geschenke dabei und sind super herzig. Ich bin sehr gerührt. Die letzten Gäste bleiben bis spät in den Abend.

Nach der Party verbringen wir den Sonntag sehr gemütlich zuhause. Ich bin irgendwie immer noch verblüfft, wie sie das alles gemacht hat und sich vor allem so ins Zeug gelegt hat, um mir diese Freude zu bereiten.

Am Donnerstag drauf steht Valentinstag an. Das war ja noch nie mein Fall, wird bei uns im Deutschland eh nicht so wichtig genommen und auch nicht so gehypt wie hier in Nordamerika. Für meine Familie ist es zudem einfach Mamas Geburtstag. Sherry ist ganz erstaunt, dass ich noch nie einen Valentinstag mit allem Drum und Dran erlebt habe und meint deshalb erst, ok dann machen wir nichts – „Let’s do it the German way“.

Letztendlich einigen wir uns allerdings, schick essen zu gehen. Ich fühle mich außerdem dann doch herausgefordert, ihr eine Aufmerksamkeit zu machen. Also besorge ich ihr eine Kleinigkeit und verstecke am Abend vorher Herzen in ihren Stiefeln, in der Sichtblende im Auto, dann in der Küche und habe jedes Mal einen Heidenspaß dabei, wenn sie welche entdeckt. Sie überrascht mich mittags mit Blumen.

Für den Abend haben wir eine Reservierung im Ostrich Club, ein relativ neues Restaurant und Bar hier im Hydrostone-Viertel. Als wir uns fertig machen, hat sie das Bett dekoriert mit Rosenblättern und eine Tüte von LaSensa steht da für mich – feine Unterwäsche. Ich wähle ein Stück, ziehe mich an, Sherry trägt zum ersten Mal seit Jahren ein Kleid. Wir lassen uns ein Fünf-Gänge-Menü kredenzen, heute spielt Geld keine Rolle.

Ostrich Club: food and wine pairing

Zurück zu meinem Gemüt: Abgesehen von den Hoch-Momenten ist meine Stimmung schlechter denn je, geht fast schon ins Depressive. Ich wache oft mit schwerem Herzen aus, es fehlt ein tieferer Sinn in meiner Arbeit, nach wie vor das Heimweh und die Leere, die entstanden ist, da ich mich nach all den Menschen sehne, die mir vertraut sind, die mich zum Lachen bringen, mit denen ich mich jederzeit treffen konnte. Mitte März ist die Sonne zwar schon wieder stärker, aber in der Kälte weicht der Schnee nicht so schnell.

Erstes Sonnen Mitte März auf dem Deck

Ich bin nicht ausgelastet, schlafe schlecht. Eigentlich also eine glasklare Sache: ab nach Hause. Mein Bruder Baldi würde fragen, auf was wartest du noch? Sogar Sherry sagt, sie kann sich das nicht mehr mit ansehen, ich soll doch einen Flug nach Hause buchen. Klar hätte sie mich lieber bei sich, aber „du musst tun, was für dich gut ist!“

Mit ihr ist es mittlerweile so eng geworden, dass ich nicht einfach meine Sachen packen kann und gehen. Sie hat sich getraut und die drei Worte gesagt. Ich kann es nach wie vor nicht, hab generell aus verschiedenen Gründen meine Schwierigkeiten, über Gefühle zu sprechen. Zudem bin mir nicht sicher, was ich genau fühle oder ob ich mich einfach nicht traue, dieses Zugeständnis zu machen.

In der Tiefe unseres Herzens wissen wir immer die Antwort auf die wichtigen Fragen. Doch haben wir den Mut, sie zu hören?

Ganz klar empfinde ich Liebe für sie, aber diese Worte so auszusprechen, ist nochmal ne andere Nummer. Wir beide wollen die Beziehung nicht beenden, doch ich kann das auf Dauer so nicht, will inmitten von Familie und Freunden leben. Sherry versteht und hat wie immer Lösungsvorschläge. Sie ist sich bewusst, dass ich Freiraum brauche, schlägt vor, mich erst mal alle paar Monate zu besuchen. Meine Laune ist auf jeden Fall so nicht mehr lange tragbar, weder für sie, noch für mich oder uns beide. Ich kann mich so nicht ausstehen, kenne mich so gar nicht und bin so auch eigentlich nicht. Inzwischen ist für mich zumindest klar benennbar, was ich brauche, um fröhlich und ausgeglichen zu sein. Die Tage in Halifax scheinen gezählt, jetzt geht es darum, wann ich genau aufbreche, ob ich erst ein bisschen reisen gehe, bevor ich den Sommer zu Hause verbringe. Immerhin bin ich noch über ein Jahr freigestellt. Ein paar Monate reisen sollte ich einplanen um die Zeit voll auszukosten. Sherry ist offen dafür sich anzupassen, was auch immer ich entscheide.

An einem Morgen im März

Wir überlegen, gemeinsam eine Woche ins Warme zu reisen, denn der Winter kann sich hier bis in den Mai ausdehnen. Ich würde von dort aus, wahrscheinlich irgendwo in Mittelamerika, weiterziehen. Da meldet sich ihr Papa…

Der Winter zieht ein – es wird kalt und grau

Oktober – 21 Dezember 2018

Mit der Rückkehr des Winters hier wird es still, die Leute scheinen sich zuhause einzuigeln und verfallen, wie sie selbst sagen, in eine Art Winterschlaf. Konkret bedeutet dies, dass sich Freunde wesentlich weniger treffen, manche komplett von der Bildfläche verschwinden oder aber im Süden (Florida oder Mexico) überwintern. Die Wetterbedingungen erschweren an manchen Tagen die Bewegung im Freien, Gehwege können vereist sein, -10 Grad Celsius fühlen sich mit Wind schnell mal wie über -20 an. Meinerseits führt dies zu mehr einsamen Momenten und einmal mehr spüre ich, wie sehr ich ein großes und enges soziales Umfeld für mein inneres Gleichgewicht brauche. Ich vermisse mein Leben in Mannheim, meine geliebten Orte dort, Cafés, Restaurants, die Entwicklung der Stadt zu erleben; nach wie vor verfolge ich einiges auf Facebook. Mir fehlen meine Routinen, der intensive Sport, Aktivitäten mit Freunden und Familie, Geburtstage oder einfach Zeit mit meinen Geschwistern und Eltern. Jeden Morgen mit dem Aufwachen ist dieses Gefühl präsent. Der Alltag hier hat mich im Griff.

Sherry’s Küche am Hafen. Sundae ist immer mit am Start

Enge Beziehungen wachsen aus gemeinsamen Erfahrungen – gemeinsam lachen und weinen, geteilte Momente. Teil sein des Lebens des anderen.

Auf der anderen Seite ist da Sherry. Alles läuft entspannt natürlich mit ihr. Ihre Gegenwart tut mir gut und ich finde es spannend, sie immer näher kennenzulernen. Wir sprechen über die nächste Zeit und sie schließt mich gedanklich in all ihre Pläne ein. In keinster Weise engt sie mich ein, die Beziehung und Partnerschaft mit ihr ist bereichernd. Ich fühle mich von ihr angezogen, sie bringt eine neue Seite in mir hervor. Sie ist immer positiv, eine Macherin und Alleskönnerin. Mit ihr habe ich das Gefühl, nicht an alles denken zu müssen, kann mich auch mal zurücklehnen. Sie ist so vielseitig und offen für Neues und Veränderung; spontan wie ich selbst, ein großes Herz, unglaublich aufmerksam, sensibel, unkompliziert, nach außen taff aber eigentlich ganz sanft.

Schon als wir uns kennenlernten und sie erfuhr, dass ich aus Deutschland bin, meinte sie sofort, dass ich ihr das Land zeigen muss, da es doch nichts besseres gibt als jemanden zu haben, der sich auskennt, dort wo man reist.

Da momentan weder mein Heimweh nachlässt noch Sherry aufhört zu fragen, wann wir denn nun nach Deutschland gehen, einigen wir uns gemeinsam auf Weihnachten und Silvester. Wann immer Sherry verreist, bedeutet das für sie, keine Geldeinnahmen zu haben. Trotzdem lässt sie sich überraschend einfach von mir überzeugen, mindestens für drei Wochen zu gehen. Als Sherry’s Dad von unseren Plänen hört, ist er ganz begeistert, dass seine Tochter nach Europa gehen wird und kümmert sich kurze Zeit später ganz unerwartet um unsere Flüge – damit hätte ich nie gerechnet. Doch er will, dass wir sicher reisen und so kommen für ihn nur bestimmte Flugzeuge infrage. Unser Datum steht somit fest: wir landen am 22.Dezember in Frankfurt, sodass Sherry gerade noch den berühmten deutschen Weihnachtsmarkt erleben kann und werden 25 Tage bleiben. Mein Herz ist jetzt gar nicht mehr so schwer und ich zähle die Tage bis zu unserem Abflug.

Von Zuhause gibt es Neuigkeiten: Meine Schwägerin Diemy ist schwanger. Ich freue mich riesig für die beiden, da geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schwester Anne zieht mit ihrem Freund zusammen. Bruder Baldi geht’s besser denn je. Nichte Soraya meldet sich regelmäßig, wir telefonieren und ich helfe mit ihren Schulsachen.

Verschiedene Ereignisse in den nächsten Wochen unterbrechen die Routine ein wenig:

Nachdem wir mithilfe der Jungs im Herbst den Garten verschönert hatten, steht nun eine Gartenparty an. Sherry lädt einige Freunde ein und ich die wenigen Personen, die ich abgesehen von Sherry’s Seite bisher Freunde nennen kann oder einfach gern mag. – noch neun Wochen.

Sherry fängt sich eine heftige Erkältung ein, die sich als ziemlich hartnäckig erweist. Ich kümmere mich mit Hausmittelchen um sie so gut ich kann.

Sie öffnet sich mir gegenüber ganz langsam, zeigt mehr Zuneigung. Eines Tages meint sie zu mir, dass ich nicht viel sage, was uns beide angeht. Ich erzähle viel und bin offen, was vergangene Dinge angeht, aber dagegen zurückhaltend in Bezug auf uns. Ich muss zugeben, sie hat recht und es ist nicht das erste Mal, dass ich das höre. Meine Stärke liegt im Handeln, was das angeht.

Sobald etwas laut ausgesprochen ist, wird es real und ich kann es nicht zurücknehmen. Meine Hemmschwelle unsagbar hoch.

31. Oktober – Halloween. Sherry ist da ganz groß und für sie ist vollkommen klar, dass wir an diesem Wochenende verkleidet zum Markt erscheinen. Ich schaue sie erst schräg an – Halloween ist bei uns ja nicht so populär. Zugleich weiß ich aber genau, dass ich aus der Nummer nicht rauskomme und entscheide im Gegenzug, voll mitzuziehen. Eine Woche vorher beginnen wir also in Secondhand- und Kostümläden unser Outfit zusammenzusuchen. Sherry’s Kreativität kennt keine Grenzen und wir haben einen heiden Spaß mit der Vorbereitung. Sie geht als Batwoman, ich als ‚Ingrid from the North’/ wilde Kämpferin. Auf dem Markt bringen wir einige Leute zum Schmunzeln und Staunen, bekommen viele Komplimente und laufen am Nachmittag so auch in unserer Pizzeria auf, Sherry nimmt nicht mal ihre Maske ab. Abends treffen wir ein paar von Sherry’s Freunden auf einer Halloween-Party. Manche Kostüme sind wirklich beeindruckend, hier wird das Thema absolut ernst genommen.

letzte Handgriffe um 4:30 in der Früh vor dem Markt

in action
in unserer Stamm-Pizzeria

Trick or treat – hier ziehen gefühlt alle Kinder los und klopfen an die Haustüren. Sherry lässt mich einen Kürbis aushölen, sie kramt ihre Halloween-Deko fürs Haus raus und gruselige Halloween-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Wir empfangen die Kids als Batman und Joker. – noch sieben Wochen.

Kürbis aushölen muss sein. Auch die Nachbarn dekorieren fleißig

Batman und Joker sind bereit

Mitte November der erste heftige Schneefall:

Die Zeit rast. In knapp sieben Wochen ist Weihnachten. Ich freue mich riesig auf zuhause, auf Familie, Mama, Freunde; habe Träume, die mit meinem Heimweh verbunden sind; denke viel an unsere Familie, wie gut wir aufgewachsen sind, was für ein besonderes und enges Verhältnis wir miteinander haben.

Ein Freund vom Markt, Marcel aus Cuba, verkauft unter der Woche mit seiner Frau kubanisches Essen und spielt in seiner Freizeit in einer Band. Wir kommen zu einem seiner Auftritte in die Weinbar Obladee.

Wir gehen zur sogenannten Reception Party von Sherry’s Freunden John und Cyril, die ich im August auf der Pride Parade kennenlernte. Seitdem haben wir es leider nicht geschafft uns zu treffen. John ist aus England, wohnt aber schon seit über dreizehn Jahren in Kanada. Im Sommer gaben er und Cyril (von hier) sich in Irland das Jawort und feiern jetzt nochmal für die hiesigen Freunde. Zum ersten Mal putzen wir uns gemeinsam richtig raus und nehmen ein Taxi in die Innenstadt ins Irish Pub Old Triangle.

Anfang Dezember: Sherry holt den Plastikweihnachtsbaum aus dem Keller – ja, Plastik! Ich hab ihr auch gesagt, geht gar nicht! Ihre Entschuldigung: der Baum stammt noch aus ihren Zeiten als Restaurantbesitzerin. Jetzt einfach wegwerfen ist auch doof. Mit Beginn der Weihnachtszeit erinnere ich mich an die vielen Bräuche und Gewohnheiten von daheim.

So hat sie noch nie etwas von Adventskranz gehört – ich google und stelle fest, das ist was typisch Deutsches. Spontan entscheide ich, einen für uns zu machen, in moderner Version. – noch vier Wochen.

Außerdem bastle ich ganz heimlich im November einen Adventskalender für Sherry. – noch 21 Tage.

Für den Weihnachtsmarkt Anfang Dezember tun wir uns zusammen, teilen alle Kosten und später den Gewinn. Ein ganzes Wochenende stehen wir von morgens bis abends auf den Beinen und hatten viel Vorarbeit, doch die Schufterei lohnt sich! Außerdem bietet sich Sherry so eine weitere Gelegenheit uns beide in ein Kostüm zu stecken. – noch drei Wochen.

Zwischen uns wird es immer inniger und gleichzeitig fühle ich mich innerlich zerrissen. Ich vermisse Zuhause mehr denn je, weiß andererseits, dass ihr Platz hier ist, zumindest so lange ihre Mum da ist. Das alles sind Gedanken, die ich so noch nicht mit ihr teile. Ein bisschen zögern wir beide, über uns zu sprechen. Denn dann stellt sich die nächste Frage: und was machen wir jetzt damit?

Weihnachts-Cabaret am letzten Samstag vor unserer Abreise, was mich endgültig in Weihnachtsstimmung versetzt.

Und dann ist es soweit: noch einmal schlafen…

Road Trips! PEI (Prince Edward Island) und Cape Breton

24-27 September, 08-11 Oktober 2018

Der Sommer schreitet in großen Schritten dem Ende entgegen. Schon vor einigen Wochen schlug Sherry vor, ein paar Ausflüge zu machen bevor es ganz vorbei ist mit dem warmen Wetter.

Ihre Cousine Brenda und Frau Simone haben auf PEI ein Ferienhaus, hier Cottage genannt, und bieten uns an, die Gelegenheit wahrzunehmen und ein paar Tage auf der Insel zu verbringen. Ich selbst war vor über einem Jahr zum ersten Mal für eine Hochzeit dort, allerdings in einer anderen Ecke und abgesehen von Charlottetown und dem Hochzeitsspott ist mir die Insel noch unbekannt.

Ende September ist es dann soweit: wir schaufeln uns vier Tage frei und Sherry leiht sich das Cabrio ihres Dads, das er momentan nicht braucht. Die Hunde kommen mit, werden auf der Rückbank festgeschnallt und los gehts.

Dude und Sundae sind startklar

Wie erwartet sind die Straßen frei – bisher habe ich hier auch noch nicht einen einzigen Stau erlebt, der vergleichbar wäre mit dem, was man von deutschen Autobahnen kennt. Um auf die Insel zu gelangen, gibt es nach wie vor eine Fähre oder seit über zwanzig Jahren die Confederation Bridge, welche den Tourismus seitdem angekurbelt hat und auch unsere gewählte Route ist.

Gute vier Stunden sind wir unterwegs und erreichen am frühen Nachmittag Charlottetown. Stanhope by the Sea, wo wir eigentlich hinwollen, liegt ca zwanzig Minuten nördlich der Stadt an der Küste, doch das Wetter ist hervorragend und wir entscheiden, jetzt einen Stopp in der Innenstadt einzulegen, da wir uns sowieso mit ein paar Lebensmitteln eindecken müssen. Sundae und Dude lassen wir im offenen Cabrio zurück, den beiden nähert sich so schnell keiner.

In einem angesagten Café trinken wir Cappuccino und bummeln durch die Straßen. Wir lassen uns treiben von dem, was uns spontan anzieht: eine Bildergalerie, kleine Läden mit Einrichtungsdekoration und Schmuck oder das Ufergelände. Zu lange wollen wir die Hunde dann aber doch nicht sich selbst überlassen, halten an einem Supermarkt und steuern dann Stanhope an. Die einzelnen Grundstücke sind weitläufig und über eine Art Feldweg gelangen wir zu unserem Cottage, welches am Ende dessen liegt. Den Schlüssel finden wir wie vereinbart und betreten eine gemütliche feine kleine Oase, die sich sofort wie ein Zuhause anfühlt.

Unser einziges Vorhaben für die Tage hier ist Entspannung.

Dude macht direkt am ersten Abend Bekanntschaft mit einem Stinktier. Mit blinzelnden Augen kommt er aus dem Dunkeln zurück und Sherry weiß gleich, was los ist. Für mich ist der berühmt berüchtigte Geruch neu und ich lerne: wenns dumm läuft, hängt er ewig in den Räumen. Sherry hat Erfahrung und sagt, wir brauchen Tomatensaft, damit bekommt man den Gestank vom Hund. Außerdem vermutet sie, dass Dude einem Jungtier begegnet sein muss, da der Duft noch sehr milde wäre. Ich will mir intensivere Geruchslevel gar nicht erst ausmalen. Über die nächsten Tage wenden wir über Lüften, Kerzen und Kaffeepulver alle Tricks an, um den Geruch aus dem Haus zu treiben. Dude bekommt eine Ladung Tomatensaft verpasst, was er ganz tapfer wegsteckt. Zur Belohnung lassen wir die beiden am Strand rennen – Hunde sind hier eigentlich nicht erlaubt, aber weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.

Tomatensaftbehandlung nach Stinktierbegegnung!

Wir verwöhnen uns mit gutem Essen (wie eigentlich immer), erkunden die Umgebung mit dem Golfcart, welches in der Gartenhütte parkt, entzünden ein Lagerfeuer und verbringen einen Regentag gemütlich im Haus.

Golfcart und Drinks – läuft!

Bei einem unserer Strandspaziergänge lasse ich Sherry wissen, wie froh ich bin, sie kennengelernt zu haben. Ich versuche offener mit meinen Gefühlen zu sein und diese auszudrücken – glaube ich zumindest.

In den folgenden Wochen spüre ich, wie wir eine neue Ebene erreichen. Ich will es mit ihr versuchen, bin offen für Neues, sehe zum ersten Mal seit langem wieder einen Weg vor mir, zumindest für die nächsten Monate.

Geh dahin wo du dich lebendig fühlst.

Unser zweiter Road Trip steht schon zehn Tage nach der Insel an: Cape Breton! Der Herbst gehört hier definitiv zur beliebtesten Reisezeit, wenn die Blätter der Laubbäume sich täglich wandeln und ein beeindruckendes Farbenmeer bilden.

Vier Tage und drei Nächte haben wir uns vorgenommen – und zum ersten Mal ohne Hunde! Sundae liefern wir am Morgen bei Sherry’s Neffen ab, dessen drei Töchter sich schon seit Tagen auf den Besuch freuen; um Dude kümmert sich eine alte Freundin.

Die Anreise dauert etwas länger als nach PEI und als wir am späten Nachmittag in Sydney ankommen, gehen wir einen Happen essen und anschließend direkt zurück zu unserer Unterkunft: Pool, Sauna, Whirlpool und ab aufs Zimmer – Sydney kann warten bis morgen.

Am nächsten Morgen ist Punkt eins auf unserem Tagesprogramm der Harley Davidson Store, ein Muss für Sherry. Wann immer sie in der Nähe eines Harley Stores ist, kann sie nicht widerstehen. Sie langt gut zu: zwei T-Shirts, ein Gürtel und Stiefel.

Danach begeben wir uns in den Stadtkern, trinken Kaffee in der belebtesten Straße und kommen erst einmal nicht weit, da der urige Secondhandshop nebenan unsere Aufmerksamkeit weckt. Bis zur Decke ist jeder Winkel des kleinen Ladens ausgenutzt: drei Reihen mit Kleiderständern, durch die man sich drängt, von den Wänden hängen Handtaschen, Gürtel und Schals, wir begutachten allerlei Schuhe, Vitrinen mit Schmuck und mehr. Richtig viel los hier – wenn ich mir die Kunden so anschaue, gehe ich schwer davon aus, dass heute ein Kreuzfahrtschiff angelegt hat, was sich später bestätigt, als wir an den Hafen kommen. Die Ladenbesitzerin wittert ihre Chance für guten Umsatz und bietet alles zum halben Preis an. Über eine Stunde verbringen wir mit Stöbern und finden einige Schnäppchen.

Als wir uns endlich losreißen können, spazieren wir Richtung Hafen, machen einen kurzen Stopp in einer Kirche, ein Selfie mit der größten Geige der Welt und schlendern über den Markt, der im Innern eines der Hafengebäude stattfindet: viel Schmuck und Kleider, hausgemachte Seifen und mehr. Ich entdecke einen besonderen Ring und kaufe ihn spontan für uns beide. Noch Monate später neckt sie mich damit, dass ich ihr geschickt einen Verlobungsring angesteckt hätte.

Als der Hunger ruft, entscheiden wir uns für das Restaurant ‚Flavour‘. Dort sitzt man entlang bodentiefen Fenstern mit Blick auf den touristischen Hafen.

In einem Irish Pub planen wir unseren Tag auf dem Cabot Trail. Dort gibt es an die dreißig Wanderwege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Entfernungen.

Als es dämmert, brechen wir auf zu Sherry’s Freundin Pam, die beiden waren zu Schulzeiten beste Freundinnen und haben sich vor fünfzehn Jahren das letzte Mal gesehen. Pam wohnt mit ihrem Mann Mark ungefähr eine halbe Stunde außerhalb Sydney. Als wir in die Hofeinfahrt kommen, parken wir vor einem beeindruckenden Anwesen mit Blick aufs Meer. Pam empfängt uns sehr herzlich, sie hat eine aufgeweckte positive Ausstrahlung. Wir stoßen an mit einem Glas Wein, bekommen eine Hausführung und schreiten dann über den Hof Richtung Gästehaus. Nach dem Rundgang im ersten Stock treffen wir unten auf Mark. Das Erdgeschoss wirkt wie eine Garage oder ein Werkraum. Mark führt uns in den Nebenraum: im ersten Moment denke ich an ein Gewächshaus, sehe einen Traktor, rieche Heu… ich blicke nach links und sehe einen Stall mit Pferd. . . . EIN PFERD IM GÄSTEHAUS! Echt jetzt?! Ich traue meinen Augen nicht, bin ganz aus dem Häuschen und fühle mich wie in Pippi Langstrumpf. Sherry amüsiert sich über meine Begeisterung und schlendert dann mit Pam zurück zum Haus. Ich bleibe mit Mark für ein paar Minuten beim Pferd, er bietet mir an, es zu striegeln. Zuhause sind wir mit Pferden aufgewachsen, der Stallgeruch ist angenehm vertraut und weckt viele Kindheitserinnerungen.

Danach kochen wir gemeinsam, Sherry und Pam plaudern von alten Zeiten, Mark erzählt, wie es ihn nach Kanada verschlagen hat. Ursprünglich kommt er aus Holland und wuchs auf einer Farm auf. Heute arbeitet er in der Politik, tatsächlich ist er der Minister of Agriculture. Pam verbringt viel Zeit mit ihren Enkelkindern, von denen es einige gibt. Mir gefällt das Familienfoto, das sie uns zeigt, während sie von den Kindern erzählt: Schwiegerkinder aus Mexiko und Indien. Dementsprechend bunt ist die Familie – kommt mir sehr bekannt vor.

Pam und Mark sind beide angenehm offen und scheinen trotz ihres Wohlstands sehr am Boden geblieben.

Am Mittwoch morgen fällt das Aufstehen nach der kurzen Nacht nicht ganz leicht. Zudem haben die Matratze und die Kissen Memory-Foam, wofür ich in den letzten zwei Jahren eine Vorliebe entwickelt habe – wenn man auf Dauer in fremden Betten schläft, wird man da wohl Experte. In der Küche finden wir ein Frühstück ganz nach unserem Geschmack vor: Müsli aller Art, Soyayogurt, Früchte, Soyamilch und guter Kaffee. Verantwortlich hierfür ist Mark, der an diesem Morgen schon das Pferd auf die Koppel gebracht hat und sich nun zu uns an den Tisch gesellt. Pam taucht wenig später auf und zu viert quatschen wir über dies und das.

Letztendlich brechen Sherry und ich auf zum Cabot Trail: wir haben Glück und die Sonne lässt sich blicken, was die Farben der Laubbäume umwerfend leuchtend macht.

mit hochgefahrener Heizung ist Cabrio kein Problem.

Drei Wanderwege haben wir uns ausgesucht, manche davon sind nur zwanzig Minuten lang, falls ihr euch fragt, wie das in einem Tag zu bewältigen ist. Witzigerweise stoßen wir auf Nigel’s Schwester (ein Freund vom Markt), die gerade mit Partner und Eltern zu Besuch ist. Wie hoch sind die Chancen bitte dafür??

Inverness Beach

Was für ein Ausblick!

Teile eines Wanderweges sind gesperrt wegen ralligen Elchen, mit denen in dieser Verfassung nicht zu spaßen ist. Später sehen wir zwei aus der Ferne an einer Flussmündung.

Unsere Unterkunft für die letzte Nacht ist einfach aber okay. Die Küche hier kann uns Veganern allerdings außer Gemüsebrühe und Kartoffeln nicht wirklich etwas anbieten. Zum Ausgehen sind wir zu müde und so entscheiden wir uns für Dusche, mampfen die letzten Cracker und schauen einen Film. Was für eine kalte Nacht! Sherry fängt sich eine Erkältung ein.

Unser letzter Tag bricht an und wir sind hier am Margaree River, wo Sherry’s verstorbener Bruder oft Fischen war. Nach ihren Erzählungen und den Bildern, die ich gesehen habe, kann ich ihn mir hier genau vorstellen. Wir halten an mehreren Stellen entlang des Flusses, waten ans Flussufer und sie streut seine Asche. Ich spüre, wie ein Teil ihrer Wunde des Verlustes ihres nahestehenden Bruders heilt. Wir machen uns auf den Heimweg.

Sherry schlägt vor, zum Lunch in der Glenora Whiskey Distillery zu halten. Das Anwesen weckt Erinnerungen an Weingüter in der Pfalz und gute Momente mit Freunden.

Am Canso Causeway, die Verbindung zwischen Cape Breton und dem Festland, sehe ich Personen, die aufs Wasser blicken und im nächsten Moment weiß ich, warum: Delfine! Wir wenden und parken, um zu schauen, was hier genau los ist: Hunderte Delfine, die komplett aus dem Wasser springen – wow! So stehen wir eine Weile und betrachten das Schauspiel, bevor wir unsere Heimfahrt fortsetzen, die sich bis in den Abend zieht.

Geh auf Reisen. Entdecke unbekannte Orte. Sammle und teile Momente. Umgebe dich mit guter Energie. Verbinde dich mit Menschen. Lerne Neues.

Camping Wochenende – endlich mal wieder ein Hauch von Reisen

15 – 17 September 2018

Da wir uns während unseres Kajaking Ausflugs so gut verstanden, vereinbarten Sherry, Trish, Sherry und ich, gemeinsam campen zu gehen, bevor der Sommer vorbei ist. Mitte September ist es soweit: wir reservieren einen Platz auf „Murphy’s Camping on the Ocean“ in Tangier, östlich von Halifax direkt an der Küste und die Wetteraussichten könnten besser nicht sein.

Um die Verbindung noch kurz klarzustellen: meine Sherry und Trish kennen sich schon seit bald zwanzig Jahren. Trish ist leidenschaftliche Motorradfahrerin und geht mit dem Ehemann der anderen Sherry regelmäßig auf Tour.

Sherry und ich leihen uns ein riesen Zelt vom Markt, erklären uns bereit, die Verpflegung für uns vier zu übernehmen und wollen die beiden Mädels mit außergewöhnlichem und dennoch campingfreundlichem Essen überraschen. Sherry hat aus ihren Jahren als Restaurantführerin zudem alles, was auch nur im Entferntesten mit Küche zu tun hat.

Am Samstag früh verkaufen wir noch wie jede Woche auf dem Markt, packen aber ausnahmsweise eine Stunde früher zusammen, laden das Auto und machen uns auf den Weg ins Wochenende.

Lediglich eine gute Stunde dauert die Anreise. Trish’s Zelt steht schon und Sherry schläft in ihrem Auto. Nach einer herzigen Umarmung bauen wir unser Zelt in zwanzig Minuten auf und Sherry richtet innen alles für unser Überraschungs- Candlelightdinner her, während ich mit Trish und der anderen Sherry (ich nenne sie im Folgenden der Einfachheit halber Sherry2) quatsche. Irgendwann fragen die beiden sich dann aber doch, was Sherry so lange im Zelt treibt. Als sie dann den gedeckten Tisch und den dekorierten Raum im Zelt präsentiert, schüttelt Trish den Kopf und lacht, da sie Sherry zugetraut hätte, im Wohnwagen anzukommen anstatt ganz banal zu zelten. Sherry2 ist ganz aus dem Häuschen und begeistert vom Luxus. Ich lerne ein neues Wort: Glamping – die Verschmelzung aus Glamour und Camping.

Candlelightdinner im Zelt – Glamping vom Feinsten

Musik, viel Sonne, tiefgehenden und unterhaltsame Gespräche, wir begeben uns auf einen kurzen Trip mit einem uralten Ruderboot – dementsprechend kommen wir nicht wirklich weit; Trish hat ihr Kajak mitgebracht. Wie immer am Wasser muss ich zumindest einmal kurz schwimmen gehen und es ist gar nicht so kalt wie befürchtet. Der Sternenhimmel in der Nacht ist umwerfend und erinnert mich an so manche Nacht in Südamerika.

Trish und Sherry; Sherry im Campingoutfit und beim Tanz mit den Hunden

Trish’s Kajak steht bereit; wir vier Tusneldas schlagen uns mit dem alten Ruderboot rum
kurzer Ausflug im Ruderboot
Sundae liebt Wasser – typisch Neufundländer

Nach dem Candlelightdinner am ersten Abend verwöhnen wir uns mit üppigem Frühstück und veganen Burgern – mobile Herdplatte machts möglich.

herzhaftes Frühstück: potatoes, baked beans and vegan sausages

Zwischen Sherry und mir entwickelt sich mehr und mehr Vertrautheit, ich bin vollkommen entspannt in ihrer Gegenwart. Alles fühlt sich echt und natürlich an, ihr positives Lebensgefühl, mit dem sie jeden Morgen aufwacht, tut mir gut.

Am Montag früh schlagen wir nach letztem gemeinsamen Frühstück die Zelte ab und begeben uns auf den Heimweg. Da wir keinen Zeitdruck haben, hält Sherry mit mir am Strand in Laurencetown für einen Spaziergang. Die Strände hier sind im Sommer wirklich traumhaft.

Spaziergang mit Sherry am Meer; Dude und Sundae genießen die Weite und Sundae nutzt mal wieder ihren Charme aus.

Sherry’s Freunde und Familie fragen nach der neuen Frau an ihrer Seite und einige melden zurück, dass sie gleich etwas zwischen uns gesehen haben, was uns beide sehr amüsiert und erstaunt, da weder sie noch ich auch nur im Entferntesten ahnten, dass sich unsere Beziehung so entwickeln würde.

Sag niemals nie.

Einleben, aus Freundschaft wird mehr, Besuch aus Deutschland!

31 Juli – 15 September 2018

Zurück aus Montreal gewöhne ich mich in den folgenden Wochen an mein vorerst neues Zuhause. Nach wie vor ist Sommer und Sherry stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

  • Crystal Crescent Beach

  • Tag am Pool im Haus von Sherry’s Dad in Chester mit Abendessen im Restaurant Rope Loft direkt am Wasser

  • Kayaking mit Trish, Sherry und Sherry (ja, da gibt es noch eine zweite) bei Blue Rocks. Auf dem Heimweg halten wir in einem Pub in Chester und essen die besten Onion rings ever!

Kayaking at Blue Rocks

  • Jährliches Busker Festival in Halifax: von Feuerspuckern über Comedians bis hin zu Magiern versammeln sich die besten Straßenkünstler an der Waterfront. Genau vor einem Jahr kam ich zum ersten Mal nach Halifax! Sherry führt mich an diesem Wochenende aus in die legendäre Bar Lower Deck; wir bleiben lange, denn die Band hat’s drauf!
  • Nine and dine: Golfen mit Sherry und Freunden bis zum Sonnenuntergang.

Mein Gemütszustand: Ich bewege mich nicht genug, habe keinen Rhythmus hier was laufen angeht und trinke meinem Empfinden nach zuviel. Die Kombi zieht mich emotional runter. Außerdem schreibe ich nicht genug, mein Visum läuft bald aus und die Frage steht im Raum, wie’s weiter geht. Viel Arbeit, was ablenkt, mich aber auch nicht weiterbringt und nicht fühlen lässt, was wirklich los ist in mir. Wache immer mal wieder mit schwerem Herzen auf. Und dieses Heimweh ist ganz schön penetrant.

Mitte August komme ich aus der Negativspirale raus: trinke weniger, laufe mehr, spaziere mit Hund Dude im Park, mache meine Übungen. Die Auswirkungen auf mein inneres Gleichgewicht sind enorm. Sherry schleppt mich zum neuen Fitnessstudio in der Nähe, das sie ausprobieren möchte: zwei Wochen testen sind frei, sie will definitiv weitermachen, ich denke zunächst, dass ich wahrscheinlich auch zufrieden bin mit laufen und schwimmen, als einstige Fitnesssüchtige bleibe ich dann aber doch dabei – das Programm ist gut und powert aus.

Mit Maddie verabrede ich mich zum Wandern, was meinem Herz unglaublich gut tut!

Bluff Wilderness Trail

Besuch bei Olga. Wir trinken Kaffee auf ihrer Terrasse, ich genieße wie immer ihre Art zu denken, höre ihr gern zu. Wir schwimmen am privaten Meereszugang ihrer Nachbarn. Idylle pur.

Sherry und ich entwickeln erste gemeinsame Rituale und Routinen:

Dinner und Kino am Dienstag: abwechselnd wählt einer von uns Film und Restaurant, der andere zahlt. Samstags nach dem Markt kehren wir ein in die Pizzeria Salvatore’s, dabei war ich nie Pizza Fan. Mittwoch und Sonntag sind unsere freien Tage, die wir im Fitnessstudio beginnen.

Sherry amüsiert sich darüber, dass ich ganz ohne Aufforderung die Hundefütterung übernommen habe. Gegen sechs Uhr morgens weckt Sundae uns, indem sie mit ihren Vorderpfoten von einer Seite aufs Bett kommt und denjenigen anstupst, auf dem sie mit ihrem riesigen Körper gerade liegt. Und sie wächst von Woche zu Woche! Schnell hat sie kapiert, dass das Futter jetzt von meinen Händen kommt und steuert morgens nun direkt mich an.

In der vielen gemeinsamen Zeit lerne ich Sherry schnell besser kennen: Sie ist unglaublich positiv, unkompliziert, so humorvoll, dass sie mir fast täglich Tränen in die Augen treibt, lebt ihr inneres Kind. Nach außen taff und stark, ist sie eigentlich höchst gefühlvoll, sensibel und verletzlich. Sie erzählt viel aus ihrem Leben, ist eine attraktive gutaussehende Frau, hat unendlich viele Talente, Menschen, die sie gern hat, hilft sie ganz selbstlos und liebt Hunde, besonders Neufundländer.

Ganz schön viel Nähe – und so kommen wir uns wirklich ganz ungeplant eines Tages doch näher als gedacht. Obwohl ich mich in dieser Beziehung als schüchtern bezeichnen würde, mache ich einen Schritt auf sie zu und lerne mich so selbst von einer neuen Seite kennen. Unsere Umgebung ist begeistert von der neuen Art der Verbindung.

Ich bekomme Besuch aus Deutschland – genau das, was ich mit meinen Heimwehgefühlen brauche: Der Sohn von guten Freunden von meinen Freunden und liebevoll so genannten zweiten Eltern Vera und Rainer reist mit bestem Freund durch Canada und USA. Die Jungs bleiben über eine Woche und genießen es, sich auszubreiten und nicht nach zwei Tagen wieder einpacken zu müssen. Wir bringen sie zur Pizzeria um die Ecke, gehen abends zusammen aus, ein Tag Lunenburg und in der Umgestaltung des Gartens werden sie eingespannt. Auch wenn wir nicht direkt befreundet sind, tut es gut, Menschen aus der Heimat da zu haben, den Dialekt zu hören und zu sprechen, sich über Zuhause zu unterhalten.

Die Jungs kochen für uns
Pizzeria Salvatore’s
Project Backyard

Bar ‚Your Father’s Moustache‘

Peggy’s Cove
Lunenburg mit Stop für die besten Onion Rings

Durch die Ferne wächst die Liebe für Zuhause.

Eines Tages helfe ich Sherry bei einem Catering Job für eine Erinnerungsfeier für einen Mitarbeiter vom Markt, der gerade gestorben ist. Wir bringen das Essen und bleiben, unterhalten uns hier und da, Nigel setzt sich zu uns. Für Sherry ist es das erste Mal in diesem Raum seit der Feier für ihren verstorbenen Bruder, dessen sogenannte ‚Celebration of Life‘ vor nicht mal einem Jahr hier stattfand. Nach den ersten Programmpunkten rollen ihr die ersten Tränen über die Wange und dann wird alles ganz schnell zu überwältigend. Wir verschwinden durch den Hinterausgang. Zuhause angekommen verzieht sie sich direkt ins Badezimmer, teilt aber ihre Gefühle und Gedanken mit mir. Ich bringe ihr ein Glas Wein, einen Happen zu essen und geselle mich zu ihr in die Badewanne. Wir reden, ich erzähle von Angela, meiner leiblichen Mutter, was mehr Nähe zwischen uns schafft. Ich kann nachvollziehen, wie schwer der Schmerz und Verlust des Bruders zu ertragen sein muss. Ich habe sie unglaublich gern, sehe immer mehr Tiefe in ihr, will mehr Zeit mit ihr.

Wenn eine Persönlichkeit mich fesselt, wird jede Form des Ausdrucks an ihr zum Genuss. Oscar Wilde

Kurztrip nach Montreal: Freunde, Nähe und innerer Frieden

25 – 30 Juli 2018

Schon seit Monaten will ich mal wieder nach Montreal, um Freunde zu besuchen und Stadtluft schnuppern – meinem Herzen etwas Gutes tun. Endlich ist es soweit und ich genehmige mir fünf Tage weg von allem hier.

Am Tag vor meiner Abreise machen Sherry und ich früh Feierabend und sie lädt mich spontan auf ein Bier und Salat auf einer Terrasse in der Sonne ein. Zuhause warten die Hunde und Sherry füllt den kleinen Pool, den sie für Sundae zur Abkühlung gekauft hat. Knapp fünf Monate ist sie erst und jetzt schon riesig. Sie liebt Wasser und kann sich stundenlang mit dem planschen beschäftigen. Wir gönnen uns mehr Wein, stehen mit den Füßen im kühlen Wasser und liefern uns wenig später eine kleine Wasserschlacht, bei der ich Sherry über die Straße jage – ich denke an meine Kindheit mit unseren unzähligen Spieltagen auf der Straße. Am nächsten Morgen bringt Sherry mich zum Flughafen und wünscht mir tolle Tage. Sie spürt, wie sehr ich diese Auszeit brauche.

Am frühen Mittag lande ich in Montreal, nehme den Busshuttle in die Stadt, dann die Metro Richtung NdG. Dort wohnen Benjamin und Brigitte, bei denen ich wieder schlafen werde. Ich mag die Metro, die Ansagestimme, die unterschiedlichen Menschen, die ein- und aussteigen; viele schöne Erinnerungen werden wach. Bei Villa Maria steige ich aus, Benjamin und Brigitte’s Haus ist nur fünf Minuten entfernt. Ich finde den Hausschlüssel wie vereinbart und mit dem ersten Schritt in ihr Heim fühle ich mich wie zuhause.

Charlie hütet das Haus

Ich lege meine Sachen ab und laufe entlang Monkland. Es hat sich kaum etwas verändert: rechts der Naturkostladen, links der vegane Imbiss und daneben der Coffee Shop ‚melk‘; weiter unten der Laden ‚Zone‘ für moderne Einrichtung und an der Ecke der Asiate. Es ist warm und schwül. Im Café melk bestelle ich Cappucino, suche mir einen Platz in der Sonne und aktualisiere mein Tagebuch. Ein Jahr ist es jetzt her, als ich hier aufgebrochen bin. Nie hätte ich gedacht, dass ich immernoch bzw wieder in Kanada sein würde.

Cappuccino im Café melk

Rechtzeitig bevor Benjamin von der Arbeit kommt, bin ich zurück. Ich brauche eine Weile, bis ich ihn auf den aktuellen Stand gebracht habe. Wie erwartet hat er seinen ganz eigenen Standpunkt, eine besondere Sichtweise auf meinen Bericht und viele Ideen, wie ich von hier aus weitermachen kann. Irgendwann schaut er mich an und meint: geh zurück nach Südamerika, das ist doch, wo du wirklich sein willst! du hasst den Winter und das wird sich nicht ändern. Er erinnert sich wahrscheinlich an meine strahlenden Augen als ich letztes Jahr direkt aus dem Süden kam.

Wir laufen zum veganen Restaurant ‚Aux vivres‘ und unser Essen ist hervorragend – lecker! Später sehe ich Brigitte, wie so oft kommt sie auch heute erst gegen neun Uhr abends heim und ist goldig wie immer. Den nächsten Tag beginne ich mit Joggen und laufe am Mittag im Auftrag von Sherry zum Harley Davidson Store. Sie fährt zwar momentan kein Motorrad, mag aber die Klamotten und möchte ein Shirt mit dem Montreal-Aufdruck. Die Auswahl ist groß: ich nehme Kontakt mit ihr auf und sie ist sofort ganz begeistert, dass ich wirklich hier bin. Alles, was meiner Einschätzung nach infrage kommt, fotografiere ich und probiere an, sie entscheidet sich für zwei Teile, ist ganz glücklich.

Shopping für Sherry im Harley Davidson Store

Danach geht’s direkt weiter zu Eric. Ich freue mich sehr ihn zu sehen. Er wirkt positiv und ausgeglichen, zeigt mir seine neue Einrichtung. Endlich macht er es sich schön in seiner Wohnung, gefällt mir. Er reicht mir ein Glas Gin, wir bestellen Dumplings, wechseln zu Wein und gemütlich auf dem neuen Sofa reden wir bis in die Nacht. Ich erzähle viel, bin ganz offen, auch von meiner Erfahrung mit einer Frau. Noch nie habe ich ihn so erstaunt gesehen, was mich zum Lachen bringt. Er kann es kaum fassen, neckt mich den ganzen Abend. Ich biete ihm Unterhaltung vom Feinsten, er interpretiert mein wildes Leben als meine Midlife-Crisis.

Als ich am nächsten Morgen vom Laufen komme, treffe ich auf die kleine rundliche asiatische Putzfrau bei Ben. „Sarah, are you an athlete? I love your body! I want to lose my belly.“ Ich entgegne: „less sugar and exercise!“ Später fragt sie mich ernsthaft, ob ich bei den Olympischen Spielen mitmache und ob sie ein Autogramm haben kann. Sehr amüsant.

Ben und Brigitte lieben gutes Essen genauso sehr wie ich und führen mich am Freitagabend zum ihres Erachtens besten Inder aus – mega lecker! Am Samstag wird ausgeschlafen, dann frühstücken wir gemütlich auf der Terrasse, sammeln Brigitte’s Schwester ein und machen einem Spaziergang im Park, halten am Oratorio und kühlen uns ab mit Bier in der St Ambroise Brewery am Canal Lachine.

Oratorio

St Ambroise Brewery

Als es dämmert bitte ich sie mich an der Metro Lionel-Groux abzusetzen, denn ich bin mit Aishah, meiner alten Mitbewohnerin, zum Dinner in Chinatown verabredet. Sie sieht gut aus und wir haben uns viel zu erzählen. In Aishahs Leben tut sich einiges und es ist schön ihr zuzuhören. Wir vermissen uns beide, wohnten gerne zusammen. Ihr Lachen ist nach wie vor entzückend. Danach ziehen wir auf einen Cocktail weiter in die Bar ‚mal necessaire‘. Eigentlich wollen wir noch tanzen gehen, als wir jedoch an der Metrostation warten, sind wir beide so müde, dass wir es dabei belassen, uns mit einer festen Umarmung verabschieden und nach hause fahren.

Bar ‚Mal Necessaire‘

Auch den Sonntag starten wir wieder mit einem späten Frühstück – Benjamin ist ein ausgezeichneter Koch! Wir unterhalten uns lange, ich genieße die Gespräche mit den beiden. Wir planen meinen letzten Tag hier und Benjamin erzählt von einer neuen veganen Bäckerei – Café dei Campi – die muss getestet werden! Wir bestellen ein paar Teilchen. Anschließend noch ein Stop in der Bäckerei Guillaume im Le Plateau – allein bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

vegane Bäckerei und Konditorei Café dei Campi

Tam-Tams: jeden Sonntag versammeln sich am nördlichen Ende des Parc du Mont-Royal teilweise hunderte Trommler zum gemeinsamen Musizieren und ziehen damit Tänzer, Schaulustige, Händler und verschiedenste schräge Vögel an. Wir suchen uns einen Platz auf einer Mauer und betrachten das Spektakel eine Weile.

Tam Tams

Da ich morgen schon wieder abreise, treffe ich Eric nochmal im Café Mercanti, er wohnt ganz in der Nähe. Seine Gegenwart ist angenehm und die Vertrautheit, die zwischen uns herrscht, tut gut. Es wird abend und Benjamin wird kochen, also begleite ich Eric zu seinem Apartment, was im selben Stadtviertel liegt und auf dem Weg: eine innige Umarmung zwischen uns und ein Gefühl von endgültigen Frieden mit ihm tritt ein. Er küsst mich auf die Stirn.

In mich gekehrt und mit positiver Sicht in die Zukunft laufe ich heim: die Tage hier in Montreal und der Abstand von allem waren genau das, was ich gebraucht habe – gaben Raum, die eigenen Gefühle zu spüren. Auch wenn ich mit Heimweh kämpfe, sehe ich mich nach wie vor noch nicht zurück in Deutschland und fühle mich wohl hier. Etwas sagt mir, da ist noch mehr, was es zu erkunden gilt. Sherry hat viele Pläne für gemeinsame Aktivitäten in nächster Zeit. Die Begegnung mit ihr ist wieder eine dieser Fügungen, die das Leben so herrlich spannend machen. Ich sage mir: Alles wird gut. Folge deinem Herzen. Wage neues. Mach, was dir gut tut. Gib nicht nach, nur um es anderen recht zu machen.

Am Montag morgen verabschiede ich mich von Montreal: ich mag die Stadt immer mehr, verstehe jetzt die Anziehungskraft, das europäische Flair, die kleinen Läden, das Essen, die grünen Alleen. Heute abzureisen ist nicht leicht, denn ich fühle mich gut aufgehoben hier mit Freunden, die mich immer mit offenen Armen willkommen heißen und mein Bedürfnis nach regem sozialen Leben stillen.

Gib mir Freundschaft – nur so kann ich voll und ganz ich sein.

Auszeit am Meer, Herzschmerz, Ende und Anfang

10 – 24 Juli 2018

Gegen 10 Uhr morgens holt Sherry mich ab, wir legen einen kurzen Stopp bei ihrer Mutter Beverly ein. Die beiden haben ein inniges Verhältnis, Beverly hat eine Vorliebe für Kitsch vom Feinsten, ihr Schlafzimmer gleicht dem einer Prinzessin wie im Märchen. Passend dazu hat sie einen dieser Minischoßhunde mit Schleife im Haar. Am frühen Mittag erreichen wir das Meer. Sherry’s Freundin Donna und Ehemann haben dort einen Trailer und Wohnmobil. Als wir durch die Tür treten, fühle ich mich sofort wohl. Donna kommt später, wir spazieren in der Zwischenzeit mit den Hunden am Strand entlang und genießen die Terrasse in der Sonne mit Blick auf den Horizont. Donna trifft gegen Abend ein, sehr sympathische Person, wir sitzen bei Wein gemütlich zusammen und Donna’s Mutter, die nebenan wohnt, gesellt sich auch noch zu uns.

Der zweite Tag beginnt windig und trüb. Eigentlich wollten wir mit den Kajaks raus, doch so machen wir es uns gemütlich und spielen den ganzen Tag Karten, machen einen Spaziergang am Strand, ich kann mal wieder nicht widerstehen und renne in Unterwäsche ins Wasser. Donna legt Tarotkarten für uns, liest unsere Hand und kennt sich auch ein wenig in Numerologie mit Namen aus. Für diese spirituellen Dinge war ich schon immer empfänglich und was sie in meiner Hand sieht, ist spannend, amüsant und erstaunlich wahr, was meine Geschichte angeht. Anscheinend werde ich steinalt – ich scherze, dass mich das nicht wundert mit meiner Lebensweise. Rundum sind die Stunden hier sehr erholsam und entspannend. Donna’s frisch gebackene Zimtschnecken tragen mit ihrem himmlischen Duft zum heimeligen Gefühl bei.

Der Donnerstag zeigt sich stürmisch, daher brechen wir recht schnell nach dem Frühstück auf. In Halifax scheint überraschend die Sonne, wir begeben uns auf direktem Weg in die Küche. Als ich gegen Abend heim zu Robyn komme, ist die Stimmung miserabel. Wieder wird mir unterstellt, mit Sherry würde etwas laufen. Die Situation ist heikel: Robyn ist hochsensibel, verarbeitet den Tod ihres Vaters und kommt zurück zu all den Veränderungen, erlebt mich wahrscheinlich anders als zuvor und fühlt sich nicht wertgeschätzt. Ich verstehe. Ich dagegen genieße es, endlich etwas unabhängiger zu sein, erste eigene Freunde zu haben, da es mir ein klein wenig von dem gibt, was ich zuhause hatte. Während einem meiner Läufe um den See denke ich an meine Singlezeit vor und nach Eric – nie war ich zufriedener und erfüllter: Familie und Freunde um mich, fitter denn je, Spaß mit meiner Arbeit und regelmäßig auf Reisen. Doch ich wollte mehr vom Reisen – der Ruf war stärker als alles andere.

Robyn hat mir die einsame Zeit hier wesentlich leichter gemacht, mich überall eingebunden und mich auf die Idee mit dem Markt gebracht. Jetzt sind meine Kräfte zurück, die Sehnsucht nach Freunden und Familie stärker als zuvor.

An einem Samstag morgen auf dem Markt unterhalte ich mich lange mit einer deutschen Frau. Sie wanderte vor vielen Jahren hierher aus und erkundigt sich regelmäßig, wie es mir geht im fremden Land, weit weg von der Heimat. Wir sprechen über Heimweh, Verbundenheit, den Kontakt verlieren. Sie erzählt von der Erfahrung, irgendwann nur noch die entfernte Tante zu sein, man gehört nicht mehr so dazu wie früher. Der Gedanke versetzt mir einen Stich. Ich solle es mir gut überlegen wie lange ich weg bleiben will und mich dann nicht aufhalten lassen von Business oder Sonstigem. Sie kann bestätigen, dass es weh tut, wenn man nicht mehr so dazugehört.

Ich erlebe in diesen Tagen Momente mit vielen Tränen, Schmerz in mir, Zerrissenheit, Sehnsucht, Verlorenheit.

In meiner verzwickten Lage steht jetzt die Frage im Raum, ob ich erstmal ausziehe, damit sich die Wogen glätten können. Robyn ist völlig am Ende, der Zeitpunkt könnte für sie nicht ungünstiger sein. Es macht mich traurig, dass ich zu ihrem Schmerz beitrage, möchte sie nicht noch mehr verletzen als schon geschehen. Fühle, dass ich mich vielleicht wirklich erstmal zurückziehen sollte, Anspannung pur, wir können kaum noch normal miteinander umgehen. Da Robyn’s Wohnung in diesen Monaten auch zu meinem Zuhause geworden ist, ist es gar nicht so leicht einzupacken und zu gehen. Schnitt, Ende, Anfang, Wandel, Ungewissheit. Sherry bietet mir ihr Gästezimmer an. Sie kennt ähnliche Situationen aus ihrer eigenen Vergangenheit und will helfen. Zu meinem Bedenken, ihr zuviel zu werden, meint sie nur ‚I’m easy.‘

Am 17. Juli packe ich zusammen und ziehe zu Sherry. Es rührt mich, wie lievevoll sie mein Zimmer hergerichtet hat.

In den folgenden Wochen treffe ich Robyn noch ein paar Mal. Wir schaffen es, die Begegnungen überwiegend positiv zu gestalten, dennoch sind da viele verletzte Gefühle und jetzt einfach Freunde sein – das hat noch nie funktioniert. Ich ziehe mich zurück, was interpretiert wird als im Stich lassen. Ich kanns nicht ändern und spüre, dass es Zeit braucht, bis Wunden verheilt sind.

„We demand closure as though our lives were put together as neatly as novels, but the fact of the matter is they’re not. In real lives, relationships are messy and poorly written, ending too early or too late, and sometimes in the middle of a sentence.“ Beau Taplin – Neatly as Novels

Täglich fahre ich nun morgens mit Sherry in die Küche und wir kochen und backen Seite an Seite. Mit ihrer heiteren und oft kindischen Art bringt sie mich täglich zum Lachen und stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

Die Pride Parade findet jedes Jahr Ende Juli statt und wird in Halifax ganz groß gefeiert wird. Die gay community scheint hier größer zu sein als fast überall sonst in Kanada. Nach dem wöchentlichen Samstagsmarkt, auf dem wir beide verkaufen, fahren wir in die Stadt und gesellen uns zu den Zuschauern.

Wir treffen auf Sherry’s Freunde John und Cyrill. Ich fühle mich John direkt nahe, was mir immer passiert mit Menschen, die strahlen und viel Gefühl zeigen. Spontan gehen wir mit ihnen zu ihrer Freundin Stefanie nach hause, die ein Apartment mitten in der Stadt hat. Mein erster Eindruck von ihr: sie ist überdreht, wirkt immer gut gelaunt, redet viel, vermeidet Augenkontakt, reist viel um die Welt. Ganz perplex sind wir als sie erzählt, dass ihre Eltern innerhalb einer Woche starben als sie 22 ist. Ich bin berührt und verstehe sofort meine Beobachtungen – vergangene Erlebnisse, die unsere Verhaltensweisen prägen.

Nach ein paar drinks machen wir uns auf zum Garrison Ground: ein Feld im Freien mit Bühne und Bierständen. Ich hab ganz schön einen sitzen mittlerweile, quatsche hier und da mit Leuten, die ich gerade erst getroffen habe.

Garrison Ground: ganz links Stefanie, ich, Sherry, John im Hintergrund, Cyrill am Auslöser

Wir bleiben gefühlt dreißig Minuten bevor sich unsere Gruppe auflöst. Sherry bringt mich zum Pub ‚Your Father’s Moustache‘. Dort spielt gerade ihr Freund Joe mit seiner Band, wir bleiben ne Stunde, essen einen Happen und machen uns dann auf den Weg nach Hause. Viel Zeit bleibt dort nicht, denn am Abend geht es gleich weiter: Hunde versorgen, umziehen, und los zum ‚Women’s Dance‘: eine von mehreren Veranstaltungen im Jahr, gedacht für lesbische Frauen. Verabredet ist Sherry dort mit ihren Freunden Trish und Tamara. Eine von Sherry’s vielen Talenten ist das Tanzen und so zieht sie mich immer wieder auf die Tanzfläche. Um halb zwei sind wir zurück zuhause – 21 Stunden wach. Wir fallen müde ins Bett und als mir die Augen zufallen, blicke ich auf einen gefühlvollen Tag zurück.

Veränderung kann schmerzhaft sein, aber nichts schmerzt mehr, als dort zu bleiben, wo man nicht hingehört.