Montreal – Möglichkeiten, persönliche Ziele und Einsamkeit 

22 Mai – 08 Juli 2017

Das Einzige, was zählt, ist der Mut in unseren Herzen.

Die nächsten Wochen sind geprägt von viel Arbeit. Ich lerne meine Kollegen besser kennen mit ihren verschiedensten Lebensläufen, wie das in Restaurants so üblich ist. Gemeinsam bilden wir einen wild gemischten kulturellen Mix aus verschiedensten Ländern:

Camille, Neli, Mira und Tyrone
Apo, Mira, Troy und Neli

Hier ein kleiner Einblick, mit wem ich unter anderem arbeite:

  • Troy, Assistant Manager: arbeitet im Service und an der Bar, aufgewachsen in Toronto, Familie aus Vietnam; sehr sensible Art, zurückhaltend, er liebt gutes Essen, meistens kommt er kauend aus der Küche
  • Apo, Bartender: wirkt bei der Arbeit oft relativ emotionslos, hat aber seine lockeren Momente und wenn er von unternommenen Fahrradtouren erzählt, leuchten seine Augen. Vor ein paar Jahren verließ er Griechenland wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, vermisst seine Heimat, sieht dort aber gerade keine Optionen für sich und zieht Ende des Jahres weiter nach Australien, hat die Schnauze voll von den langen Wintern hier;
  • Housnia aus Afghanistan, Bedienung: studiert Eventmanagement, finance etc, ehrlich und bestimmend, was in den ersten Tagen zu Spannungen zwischen uns geführt hat, jetzt mag ich sie jedoch umso mehr für ihre Offenheit.
  • Neli, blutjunge Chefköchin mit ihren 23 Jahren: Familie kommt aus Bulgarien, arbeitet passioniert fast rund um die Uhr, ihr Herz hängt in Costa Rica.
  • Mira, Bedienung, ist ihre beste Freundin, ebenfalls aus Bulgarien, Studentin, sehr herzlich, das Küken unter uns, amüsiert mich in unseren geneinsamen Schichten mit ihren erleuchtenden Erfahrungen im Bett mit ihrem Freund
  • Johnny, Sous Chef: Familie aus Kolumbien, wenn er zu ernst wirkt, stimmt was nicht, gibt mir jeden Tag Kosenamen und Komplimente und kann nicht anders als mit kolumbianischen Charme zu flirten
  • Deepak, Dishwasher: kam vor knapp zwei Jahren aus Indien um hier Agrarwissenschaften zu studieren, hat einen klaren Plan für sein Leben und will in spätestens zehn Jahren zurück und Lebensmittel anbauen,
  • Steven und Tyrone, Manager des Restaurants: kommen aus Sri Lanka, leben aber schon ewig hier, beide haben Familie. Tyrone reißt die derbsten Witze, flucht gerne und kocht selbst mit Leidenschaft, seine vier Kinder kommen regelmäßig zum essen und jedes Mal spüre ich seine Liebe zu ihnen. Steven hat selbst noch zwei andere Restaurants und ist daher nur zweimal die Woche da. Er wirkt auf mich emotional, warmherzig und hat manchmal einen Blick wie ein kleiner erstaunter Junge.

Wenn ich nicht gerade arbeite, fühle ich mich mehr und mehr allein, mir fehlen vertraute Menschen in der Routine. Frage mich, wie lange ich das noch aushalte – ist nicht gut für’s Herz. Sonstige Entwicklungen:

  • Aishah öffnet sich mir gegenüber und erzählt von ihrer Vergangenheit, kann sie jetzt besser verstehen und hab von Anfang an gespürt, wie tiefsinnig sie ist.
  • Eric postet seit über einem Jahr wieder auf Facebook. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, er ist verliebt, aber wahrscheinlich kann er das Leben einfach endlich wieder von der schönen Seite sehen.
  • Ich mache einen Tag Vertretung an der deutschen Schule hier. Nach der ersten Stunde ist direkt klar, verlernt hab ich nichts und besonderer ist das hier auch nicht. Meint man ja manchmal, weil es im Ausland ist. Die tägliche Arbeit bleibt jedoch die gleiche und nach dem Tag bin ich froh, dass es nur ein Tag war: zu klein, zu lahm, eintönig.

Außerhalb der Arbeit unternehme ich dennoch das ein oder andere:

  • Fahrradtour mit Benjamin entlang des Canal Lachine mit veganem Eis zur Belohnung am Ende. Tut verdammt gut der Tag!
  • Kirsten (auf ihre Hochzeit gehe ich Anfang August) lädt mich auf eine Vernissage ein: interessante Bilder, danach gehen wir spontan mit ein paar Besuchern essen und ich fühle mich in einer falschen Welt: die Dame mir gegenüber erzählt von ihrer Magenverkleinerung und künstlichen Wimpern – ernsthaft?
  • Ben und ich schaffen es endlich ins Kino: der neue Trainspotting Film und ich muss sagen, gut gelungen!
  • Dinner mit Eric: es geht ihm definitiv besser, er lebt wieder mehr.
  • 1.Juli ist Canada Day: ich fahre mit Deepak und zwei seiner Freunde nach Ottawa, da dort die 150 Jahre Jubiläum groß gefeiert werden – ich machs kurz: was für eine Zeitverschwendung! tausende Menschen, viel Warterei, laut, stressig, touristisch. letztendlich entkommen wir den Massen mit einem Spaziergang entlang des Kanals für eine Weile.Meine Stimmung war selten so am Boden wie nach diesem Tag und ich komme mit einem schrecklich traurigen Gefühl zuhause an, bin den Tränen nahe. Aishah geht heute Abend im Le Bleury tanzen, da schließe ich mich ohne lange zu überlegen an, brauche jetzt etwas Positives. Eine gute Stunde tanze ich den Stress aus meinem Körper und liege nach drei Uhr morgens nachdenklich im Bett.
  • Für den Sonntag hatte ich Deepak bereits zugesagt, mit Segeln zu gehen. Er unternimmt einiges, was über ‚meet up‘ organisiert wird. Eine soziale Plattform, die dazu dient, Menschen mit ähnlichen Interessen zu verbinden und gemeinsame Aktivitäten aller Art zu unternehmen. Die Auswahl derartiger Apps und Websites ist mittlerweile unendlich: man kann sich zum gemeinsamen Kochen, essen, Sport treiben oder Sprachen lernen treffen. Ja, nach wie vor auch zum Sex. Zurück zum Segeln: wir fahren am Vormittag auf die Insel Saint Bernard, segeln eine Stunde bei viel Wind, ideale Bedingungen, aber scheißekalt! Danach schlägt Toni, er lebt hier, vor, nach unserem Picknick noch einen Spaziergang über die Insel zu machen. Sicher drei Stunden sind wir unterwegs, der Himmel klart auf, wir kommen an traumhaften Aussichtspunkten vorbei, immer nah am Wasser und lassen uns schließlich auf ein Bier nieder neben Apfelbaumfeldern. Bei dem Anblick kann ich nicht anders als an meine Heimat denken: die Tage mit den Großeltern im Kraichgau in den Bäumen und im Jutesack das reife Obst sammeln, Spaziergänge durch unser Heimatdorf Dühren, Weinfeste in der Pfalz.
    Sonntagsausflug mit Deepak
kühles Bier nach langem Spaziergang über die Insel

Jazz-Festival: ganz groß hier! Mit Deepak gehe ich auf die Eröffnungsfeier und genieße die Musik der Band Frantic Electric.

Jazz-Festival mit Deepak

Überhaupt ist Montreal voll von Festivals, kulturellen Events, Parties, Ausstellungen, Grand Prix,… man kommt nicht umhin, manches sausen zu lassen, das Angebot ist einfach zu riesig! Dieses Jahr übertrifft die Normalität wegen der 375 Jahre Montreal. Wahnsinnige eine Billionen Dollar gibt das Land hierfür aus – nobel geht die Welt zugrunde. 

Innerhalb einer Woche machen mir sowohl die Deutsche Schule als auch eine Sprachschule ein Jobangebot: alles, was ich damals mit Eric angegangen bin, ist jetzt greifbar und doch so unattraktiv für mich. Er meint, ich soll mir das gut überlegen: kommt gut im Lebenslauf und ist ja nicht für immer. Sehe zwar keine Motivation für mich, bin aber bereit, das ein paar Tage sacken zu lassen und komme zu folgendem Schluss: die Lebenserfahrung, die ich beim Reisen sammle, ist mehr wert als jeder Job. Arbeit ist im Endeffekt überall gleich – same shit different place – und für meine Arbeit brauche ich keine Erfahrung woanders. Ich begleite Menschen auf ihrem Weg ins echte Leben – was kann es da besseres geben als was ich mache? Reisen ist die wahre Herausforderung, die anerkennenden Blicke, die ich dafür ernte, sprechen Bände. Da meine Einsamkeit und Sehnsucht nach dem Süden sich mittlerweile schwer auf mein Herz gelegt hat, entscheide ich Ende Juli abzureisen. Tyrone bittet mich, doch noch ein paar Wochen länger zu bleiben, dem Restaurant auf die Sprünge zu helfen. „The people really like you, Sarah“ Steven fragt mich an einem ruhigen Montag auf der Arbeit: „Have you experienced a Montreal love so far?“ Ich antworte mit sehnsüchtigem Blick und tiefem Seufzer: „I wish I did.“ Er kann es kaum fassen: „What?? We have to go out, Sarah. You can’t leave Montreal without a Montreal love!“ Zehn Tage später ist es soweit und Steven fordert für Samstagabend zu einer goodbye party für mich auf. Die Mädels sind heiß, Troy und Apo bleiben fern, sind müde; vielleicht wollen sie mir auch nicht die Tour vermasseln. Die Mission heute nacht: find a guy for Sarah. Kaum downtown in der Bar Joverse nahe des alten Hafens angekommen, bestellt Mira für jeden zwei Shots. Keine fünfzehn Minuten später tanzt mich ein großer muskelbepackter Typ an, nachdem ich gerade erst zu Housnia meinte, die Männer wären zu klein hier. Voll von sich überzeugt, geht der Typ schnell zur Sache, knutscht mich ab und packt mich am Hintern – woouu… ist mir definitiv ne Spur zu aggressiv, aber als ich die Mädels und Steven hinter mir jubeln höre, spiele ich mit und muss grinsen, während mir mein Gegenüber seine Zunge in den Hals steckt. Dann entschuldigt er sich kurz auf die Toilette, ich dreh mich um und schau in strahlende beeindruckte Gesichter. Wir lachen uns an, ich zucke mit den Schultern und dann steht auch schon Many neben mir, stellt sich vor, nimmt mich bei den Händen und will mit mir tanzen. Die Mädels bekommen große Augen und ich antworte mit unschuldiger Miene. Ich wage keinen Blick Richtung Bad, Housnia erzählt mir später vom überraschten Gesicht des Draufgängers. In den nächsten zwei Stunden weicht Many nicht von meiner Seite, wir tanzen und unterhalten uns. Er kommt aus Benin, ist seit vier Jahren hier in Montreal und hat zuvor in Paris studiert. Bevor wir uns verabschieden, fragt er nach meinem Facebook Kontakt und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Nach diesem Abend fühle ich mich mit den Mädels verbunden und gar nicht mehr so einsam. Ich spiele mit dem Gedanken, doch ein paar Wochen länger zu bleiben: die Kohle kann ich gut gebrauchen, nachdem ich hier ein paar teure Zahnarztbehandlungen über mich ergehen lassen habe. Zumindest null auf null hier weggehen, ist eine Überlegung wert. Bin hin- und hergerissen und beschließe, das mit Carola, meiner Freundin in der Nähe von Washington DC zu besprechen, da sie mein nächstes Ziel ist. Da ich beginne, mich wohl zu fühlen, kann ich die Stadt vielleicht auch mehr genießen. Mein Französisch ist endlich auch wieder flüssig. Der Ruf nach Lateinamerika ist allerdings nach wie vor präsent und ungebrochen.

Le Plateau

Montreal, Canada – my room, my job, my bike

17 April – 18 Mai 2017

Wie erwartet tauchen Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf, als ich durch die Busfenster auf die Stadt blicke. Kurzer Rückblick hierzu: mein Exfreund lebt hier und hat mich letztes Jahr dazu bewegt, ein Visum zu beantragen, welches mir nach nicht mal sechs Wochen bestätigt wurde. Als der Druck jedoch wuchs und ich endlich auf mein Herz anstatt auf rationale Argumente hörte, blies ich alles ab, ging durch eine Phase, in der er meine Entscheidung nicht akzeptierte und das ganze bis zu emotionaler Erpressung ausartete. Nun stand ich vor der Wahl entweder mein beantragtes freies Jahr zu canceln oder zu reisen wie ich es schon immer geträumt hatte – nicht mal eine Woche nach einem vorersten letzten Telefonat mit ihm buchte ich meinen Flug nach Rio de Janeiro – ich musste raus aus all den Verpflichtungen, der Verantwortung, dem Leben, das oft von sollen anstatt wollen bestimmt war.

Ich betrete Boden in Montreal, laufe Richtung Hostel, in dem ich zwei Nächte reserviert habe und fühle mich beobachtet: jeden Moment könnten wir uns zufällig begegnen. Vorgewarnt habe ich ihn über mein Kommen bereits, dem Zufall überlassen wollte ich das nicht; ein Treffen steht also bevor.

Mein Hostel wirkt sauber und gut organisiert, Küche top. Auf der Treppe begegne ich den Blicken eines jungen Mannes und weiß sofort, wir kommen später ins Gespräch. In meinem Zimmer lerne ich Benny aus Deutschland kennen, der mich sehr aufgeschlossen begrüßt. Er ist gerade auf der Suche nach einem günstigen Auto und plant einen Roadtrip durch Kanada mit Gelegenheitsjobs zwischendurch. Er lädt mich direkt ein abends mit ein paar Leuten Indoorminigolf spielen zu gehen, nach ein paar Runden Billiard machen wir uns auf den Weg und wer ist mit am Start? der Typ von der Treppe: wir fangen direkt auf Spanisch an zu quatschen, was ich genieße, denn mein Herz vermisst den Süden jetzt schon. Angelo kommt aus Italien, lebt in Holland und ist gerade beruflich für ein paar Tage hier. Ausdrucksstarke Augen hat er und hört aufmerksam zu. Da wir beide keine große Lust auf Minigolf haben und die Unterhaltung viel spannender ist, seilen wir uns ab und nach einer kleinen Portion Poutine führt Angelo mich in die Bar „L’escalier“: es geht eine steile Treppe nach oben hinein in die Bar, getaucht in gedämftes Licht, ich höre Folkloremusik, viele kleine Holztische und Stühle eng beieinander, in einer Ecke sitzen ein paar Musiker mit Geige, Gitarre, Klavier und mehr. Das Prinzip: jeder kann mitspielen, man wechselt sich ab, es wird improvisiert und man geht mit der Stimmung. Wir bestellen Wein, Brot mit Hummus und Pesto und suchen uns einen Tisch im Getümmel – gefällt mir hier!

Gegen vier Uhr morgens falle ich ins Bett. Am nächsten Tag gehe ich joggen und besuche am Abend einen deutschen Stammtisch, die alte Dame, die mich über Couchsurfing dazu eingeladen hat, bietet mir ein Zimmer in ihrem Haus in Le Plateau für unschlagbare 300 kanadische Dollar pro Monat an. Preislich verlockend, aber mein Gefühl sagt mir, ich brauche jüngere Gesellschaft. Danach treffe ich mich mit Angelo, wir schauen uns eine Jazzband an, die in einer Bar spielt, Benny ist auch da. Die Nacht wird wieder kurz, am nächsten Tag checken wir beide aus. Für mich gehts am Abend zu Couchsurfern, Angelo fliegt zurück nach Holland. Die Stunden bis zu seiner Abreise verbringen wir gemeinsam und wollen in den bekannten Coffeeshop Myriade, doch meine Aufmerksamkeit fällt auf den Laden daneben, wo man Matchatee trinken kann. Da Angelo noch nie davon gehört hat, gehen wir rein und verbringen so ein schönes Stündchen mit dem Besitzer und zwei seiner Freundinnen, die mit Wasserfarben hantieren, bei Matchatee und -gebäck. 

Danach hat Angelo Lust auf Crepe; wir unterhalten uns über Energien, Ziele und Wünsche im Leben, alternative Medizin und mehr. Er sagt, er spürt meine wohltuende Energie, besonders wenn ich ihn mit meinen Händen berühre und hat diese gestern bewusst auf seinen Bauch gelegt, wo er Probleme hat. Ich wette, das gefällt meiner Esther, wenn sie das liest. 

Ich ziehe um zu Benjamin und Brigitte in NDG (Notre Dame de Grace), das Viertel kenne ich bereits nur zu gut, steige an derselben Metrostation aus wie damals, fühle mich wieder beobachtet, vermute hinter jeder Ecke Eric. Wie oft bin ich diese Wege schon mit ihm gelaufen – Präsenz der Vergangenheit.

Benjamin öffnet mir mit einem strahlenden Lächeln die Tür, begrüßt mich ganz französich mit drei Küssen auf die Wangen, sein Funkeln in den Augen fällt mir sofort auf und ist bis heute immer wieder besonders. Seine Freundin Brigitte ist noch bei der Arbeit, er ist gerade am Kochen. ich lege ab, geselle mich zu ihm in die offene Küche und  bekomme direkt etwas zu essen angeboten: Hummus mit Pitabrot und frische Tomaten. Fühlt sich an als wäre ich bei alten Freunden zu Besuch. Benjamin ernährt sich fast ausschließlich vegan, seine Freundin liebt Käse und Fisch. Was mich sehr amüsiert und ich gleichzeitig sehr inspirierend finde: die beiden kochen ihr Essen für die Woche getrennt voneinander, auch im Kühlschrank gibt es getrennte Bereiche, am Wochenende schwingt er den Kochlöffel für beide und testet hier und da neue Rezepte. Er führt mich durch die Wohnung, welche stilvoll eingerichtet ist. Er ist unglaublich kreativ, begeistert bin ich vor allem von einem alten Holzkühlschrank, den er umfunktioniert hat zum Weinregal; dessen Inhalt ist ausschließlich Brigitte vorbehalten, da er keinen Alkohol trinkt.

Mit Charlie verstehe ich mich sofort 

Spontan schaue ich mir abends um acht noch ein Zimmer an: als ich aus der Metrostation St Henri auf die Straße des gleichnamigen Viertels trete und in Richtung Wohnung laufe, überkommt mich ohne ersichtlichen Grund direkt ein gutes Gefühl; Ishelle öfnet mir die Tür, sie vermietet ihr Zimmer für drei Monate und hilft außerhalb der Stadt bei einem Projekt um Bäume zu pflanzen. Meine Mitbewohnerin wäre Aishah, sie ist selbst erst vor zwei Monaten aus Toronto hergezogen, auf der Suche nach was neuem, ich mag sie direkt. Für mich passt das hier – am nächsten Tag bekomme ich die Nachricht, dass sie allen anderen abgesagt haben und das Zimmer ist mein.

Jobsuche läuft schleppend, da mein Französisch gerade total blockiert ist – ich mache den Mund auf und Spanisch kommt raus, bekomme den Schalter nicht umgelegt. Werde mich die Tage in Westmount, dem anglophonen Viertel umschauen. Stress hab ich keinen, denn das Zimmer ist richtig günstig.

Dann ist es soweit und ich treffe mich mit Eric, bin weniger aufgeregt als erwartet, fühle mich emotional gefestigt. Als er vor mir steht, freue ich mich ihn zu sehen. Ich erzähle von meiner Reise, Entwicklungen in meiner Familie, er von seiner – so tasten wir uns aneinander ran und sprechen am Ende über uns, wie die Dinge gelaufen sind – ganz neu für mich: der Druck ist weg! keine Erwartungen, ich kann ihm ohne Hemmung sagen, was ich über uns denke; er wirkt stabil und gefestigt. Später koche ich für uns – seltsames Gefühl.

Das Wochenende verbringe ich mit Benjamin und Brigitte, frühstücken gemeinsam, spazieren durch Westmount, abends sind die beiden bei dem Paar Clementine und Laure eingeladen und bringen mich mit: zwei französische Mädels, die vor ein paar Monaten wie ich mit Visum nach Montreal kamen und bei Ben und Brigitte über Couchsurfing gelandet sind. Die Einladung ist gleichzeitig ein Dankeschön an die beiden.

Spaziergang durch Westmount 
Laure, Clementine und Benjamin

Ich bekomme meinen Schlüssel zur Wohnung und treffe mich wieder mit Eric – irgendwie irre so mit ihm durch die Straßen zu laufen, aber wir sprechen uns aus, ich versuche so klar wie möglich zu sein, kämpfe immernoch mit der Umstellung hier. Er wirkt entspannt, nicht mehr so traurig, seine Gefühle zu mir sind unverändert. Am Ende schenkt er mir sein erstes großes Lächeln.

Manchmal wünschte ich, ich hätte diese eine Person, zu der ich mich hingezogen fühle und nichts lieber möchte als mit diesem Menschen zusammen zu sein. würde meinem Leben eine Richtung geben, es wäre eine Entscheidung, vieles würde sich fügen.

Nach ein paar Tagen Rumrennerei und drei Optionen entscheide ich mich für den Job in einem Restaurant in Westmount.
Benjamin und Brigitte sind echt zum Knutschen: so positiv, so gut, so rein. Ben ist unglaublich witzig, hat andauernd einen Scherz auf Lager, die Gespräche mit den beiden sind inspirierend, ihre Neugier für Unbekanntes ist erfrischend. Er hilft mir wo er kann, beide haben übrigens kein Handy, finde ich beeindruckend. Macht Spaß mit den beiden und Brigitte trinkt genauso gerne wie ich.

Rückblick: Auf meiner Reise durch Thailand vor ein paar Jahren lernte ich Kirsten aus Montreal kennen und während meiner Besuche hier trafen wir uns regelmäßig. Im August bin ich nun auf ihre Hochzeit eingeladen. Über Freunde von ihr komme ich an mein Fahrrad hier, welches ich schon nach der Testfahrt gern hab – Liste komplett: my room, my job, my bike.

In den folgenden Wochen arbeite ich viel, nach der ersten Schicht meint Tyrone, einer der Chefs, gleich: „Sarah, tomorrow you’re wearing a skirt!“ Alles klar Boss. Mit jedem Tag lerne ich mehr über das Essen und die Weine. Ironischerweise serviere ich als Veganer hauptsächlich Fleisch und Fisch: Filet mignon, gegrillter Oktopus, Shrimp, Tartar, Burger. ja, Salate gibts auch. Das Klientel gehoben, reich, und mit Ausnahmen sehr freundlich und gesprächig. Fast täglich werde ich auf meinen Akzent angesprochen und die top 3 der Rateliste ist Südafrika, Australien, Europa. auf Deutschland kommt nur, wer die Sprache wirklich kennt.

Bistro on the avenue

Ich unternehme ein paar Dinge mit Eric: junge Designermesse, Flohmarkt, Restaurants, Secret Bar Cloakroom. Mit jedem Treffen wird für ihn klarer, dass ich nicht wegen ihm hier bin. Er sagt, es macht ihn manchmal traurig, dass ich hier jetzt das lebe, was er mit mir geplant hat, aber er freut sich, dass ich hier bin – verstehe ihn vollkommen. Es tut gut, jemanden um mich zu haben, der mir vertraut ist und es ist schön zu sehen, dass es ihm gut geht. Er lacht mehr als ich das von ihm gewohnt bin.

handgemachte Skateboards, Flohmarkt, Cloakroom bar

Mit meiner Mitbewohnerin Aishah, 26, verstehe ich mich blendend und fühle mich gut mit ihr in der Wohnung. So verbringen wir einige Abende gemeinsam mit tiefsinnigen Gesprächen bei gutem Essen und Wein. Wir teilen alle Lebensmittel und kochen so, dass für beide genug da ist. Ich bin für sie Ansporn, veganer zu kochen und das kann sie richtig gut. Ihre Eltern sind aus Jamaika, was ihrem Essen einen karibischen Touch verleiht. Sie liebt meine hausgemachten Cookies, obwohl sie gar nicht so aus Süßes steht. 

Mein Gemütszustand: mit jeder Woche, die vergeht, fühle ich mich einsamer, sehne mich nach Nähe, Umarmung, Berührung – nach Gefühl. Das Leben hier erinnert mich an Deutschland: viel Routine, unendlich viele Regeln und Normen (40$ für bei rot über die Ampel laufen, da wird einem das Denken abgewöhnt), alles sauber und ordentlich. schöne Cafes und Bars, viele kulturelle Events und Parties – aber mit wem mach ich das alles?

Ich vermisse Felix mit seiner leichten lebensbejahenden Art, seine Stimme, seine starke Schulter, wie er mir das Gefühl gibt, völlig frei zu sein. Nach wie vor sind wir in Kontakt. Ich denke zurück an schöne Momente mit ihren besonderen Menschen auf meiner Reise: Brasilien, Buenos Aires, Pisco Elqui. Mein Herz will zurück in den Süden.

Was berührt dich? Wonach sehnst du dich? Wovon träumst du? Was tut dir gut? Wohin soll der Weg gehen? Ist das wichtig? Wo gehörst du hin?

Toronto, Canada

06 – 17 April 2017

Veränderung!

I see change, I embody change. All we do is change. Yeah, I know change. We’re born to change. We sometimes regard it as a metaphor that reflects the way things ought to be. In fact, change takes time, it exceeds all expectations, it requires both now and then. See, although the players change the song remains the same and the truth is you gotta have the balls to change! – Intro Joss Stone album

Ich sehe Veränderung, ich verkörpere Veränderung. Alles, was wir je tun, ist, uns zu verändern. Ja, ich kenne Veränderung. Wir sind dazu geboren. Manchmal betrachten wir sie als Metapher, die die Dinge darstellt wie sie sein sollten. Tatsächlich braucht Veränderung Zeit, sie übertrifft alle Erwartungen. Sie bedarf sowohl des Jetzt als auch der Zukunft. Auch wenn die Spieler sich verändern, bleibt das Lied doch das gleiche und die Wahrheit ist, du musst die Eier haben, dich zu verändern!

Mit schwerem Herzen komme ich zum Flughafen und erledige den Check-in wie ferngesteuert. Als der Flieger abhebt, gibt es endgültig kein Zurück mehr. Ich beruhige mich mit den Worten: alles hat seinen Sinn. Eine Stunde vor der Zwischenlandung in Atlanta werden wir informiert, dass das Unwetter dort so heftig ist, dass wir in Florida tanken müssen, bevor es weiter geht – fängt ja gut an. Wir bekommen Landeerlaubnis und selbst mit der Verzögerung sollte alles nach Plan laufen. Diese Rechnung zerschlägt mir der gut gelaunte Grenzbeamte allerdings gleich als er mir mitteilt, dass mein Anschlussflug drei Stunden Verspätung hat. Eine Ahnung, dass das nicht alles ist, bestätigt sich als ich gegen mittag die Wartehalle betrete und nach und nach das Ausmaß des Chaos hier am Flughafen überblicke: später lerne ich, dass Atlanta den größten Flughafen in den USA hat und genau hier macht sich heute ein Unwetter vom Feinsten breit. 

Konkret bedeutet das: hunderte Flüge werden gecancelt, Menschen stehen Schlange an den Schaltern und wollen alle mit dem nächsten Flieger an ihr Reiseziel. Mein Flug wird mehrmals verschoben, gecancelt und wieder verschoben. Wäre ich mal lieber in Lima geblieben! Für eine Stunde wird zur Sicherheit sogar alles dicht gemacht, da geht nichts rein oder raus.

Doch es gibt einen Lichtblick: Anthony besucht mich am Flughafen – ihn hatte ich beim Frühstück in Salvador kennengelernt und er hinterließ mir seine email um in Kontakt zu bleiben.

unerwarteter Besuch am Flughafen 

Da es noch Stunden dauert bis ich hier wegkomme, nimmt er mich mit, raus aus dem Flughafen, zu einem veganen Imbiss und besteht darauf, mich einzuladen. Wir sind zunächst die einzigen Gäste und ich bin ganz in unser Gespräch vertieft, als Anthony meint, er kennt die Frau neben uns – Angela Bassett! weltbekannte Schauspielerin – hier neben uns in diesem unscheinbaren kleinen Restaurant.

Anthony mit Angela Basset

Wir fahren wieder an den Flughafen; nach viel hin und her steht fest: heute komme ich hier nicht mehr weg.  Anthony bietet mir an, mich mit zu sich zu nehmen und morgen früh wieder her zu fahren – da sag ich nicht nein, denn die Nacht auf dem Boden in der Wartehalle zu verbringen, ist nicht wirklich verlockend. Wir fahren noch zum Supermarkt für Snacks, unterbewusst frage ich mich, was Anthony die ganze Zeit am Handy macht und als ich glaube, wir sind auf dem Rückweg zu ihm, hält er auf einmal in der Einfahrt eines Hotels: auf so überraschenden Besuch ist er nicht vorbereitet und hat heimlich ein Hotelzimmer gebucht, anstatt mich in sein angebliches Chaos mitzunehmen. Ich bin gerührt und als ich mich auf mein Bett schmeiße, bedauere ich sofort, dass wir nur so wenige Stunden in diesen verdammt gemütlichen Betten schlafen können. Wer weiß, wann ich sowas wieder bekomme!

Wir quatschen noch eine Weile bis ich in einen tiefen Schlaf falle und nach vier Stunden klingelt der Wecker, mit dem Sonnenaufgang bin ich zurück am Flughafen.

Insgesamt vierzig Stunden, nachdem ich in Lima aufgebrochen bin, komme ich in Toronto bei meinem neuen Gastgeber an. Das Wetter – zum kotzen! Grau, kalt und Dauerregen – nicht wirklich hilfreich, meine Stimmung zu heben. Ich fühle mich komplett falsch hier, erlebe einen Kulturschock – was mach ich hier? Dann noch die Frau an der Rezeption des Hochhauses, wo mein Gastgeber Turker lebt, die mit ihrer Unfreundlichkeit nur so um sich schlägt. Ich dusche, schreibe mit Raj, zu dem ich schon morgen umziehe, dort erst mal drei Tage bleiben kann und versuche dann auf dem Sofa zu entspannen bis Turker nach hause kommt. Wir essen im Shoppingcenter gegenüber und unterhalten uns dann bis spät am Abend – netter Typ, kommt aus der Türkei, arbeitet wie die meisten zuviel. Er überlässt mir für die Nacht sein Bett, da er früh am nächsten Morgen los muss, ich nehme am Nachmittag den Bus zu Raj, er wohnt direkt am High Park.

Raj begrüßt mich mit Handschlag – ich fühle mich zurückgewiesen, das bin ich gar nicht mehr gewohnt, der Kuss auf die Wange fühlt sich für mich natürlicher an. Wie muss es jemandem gehen, der sein ganzes Leben in Süden gelebt hat und dann hierher kommt? Raj ist sympathisch und offen, lustig und positiv, das macht das Kennenlernen leicht, seine Wohnung ist wunderschön, hier fühle ich mich sofort wohl und nach nicht mal zwei Stunden finden wir uns in tiefsinnigen Gesprächen über die Liebe.  Als der Hunger kommt, gehen wir vegane Burger essen. Wenn ich’s nicht besser wüsste, könnte ich schwören, das ist Hühnchen!

be an adult, be vegan!

Am nächsten Morgen mein erster Lauf seit langem und ganz zufällig findet heute ein Wettlauf hier im Park statt; ich mische mich unter die Menge.

Das Wochenende steht vor der Tür, Raj hat Zeit für mich, zeigt mir die Stadt mit ihren vielen Stadtvierteln in seinem BMW. Wir verstehen uns blendend und so werden aus drei Tagen ganz schnell zehn, Raj will mich gar nicht mehr gehen lassen und hat andauernd das Bedürfnis mich zu umarmen, was laut ihm normalerweise gar nicht seine Art ist: what are you doing with me, Sarah?!

  • Sonntag Nachmittag Party in einem riesigen Loft downtown: hier trifft sich schräg, schick and abgefahren, zwei DJs in den zwei größten Zimmern, viele kleine Räume, von denen die ein oder andere Tür zuweilen geschlossen ist – man darf vermuten, was dahinter vorgeht. Später kommt eine Liveband, gute Musik. Ich kämpfe immer noch mit meinem Kulturschock, kann den Abend dann aber doch genießen.
  • Brunch, coole Cafes, hippe Bars

  • ich mache Raj beim Poolspiel fertig; er meint, das wären unfaire Bedingungen, da ich ja sicher andauernd in irgendwelchen Hostels gespielt habe – recht hat er.
  • Tag am Ontario lake: ich entdecke einen schmalen Pfad, Raj will mich zurückhalten: ’stop it Sarah, that’s too dangerous!‘ Mit diesem Satz treibt er mich allerdings erst recht raus, spüre, wie lebendig ich mich hier fühle. Ich brauche Abenteuer, Verrücktheit, ein Stück weit Unvernunft – zuviel Routine, Anpassung und erwachsenes Verhalten machen mich krank! Ein Tourist filmt mich und meint im Scherz, er hat erwartet, dass ich stürze und er das Video auf youtube stellen kann, sehr witzig. Wenn der wüsste, was ich im Süden alles gemacht habe. Ich vermisse Südamerika!

Sarah stop, you’re crazy!

abends Livemusik in uriger Bar
  • Spaziergänge durch die verschiedensten Stadtviertel: Roncesvalles, Kensington, Ossington, Chillen im Park und größtes Shoppingcenter der Stadt

Kensington – das Hipsterviertel. typisch deutsches Essen hier: Döner!

  • ‚Steam Whistle‘ Brauereiführung mit anschließendem Spaziergang entlang des Ufers. Wir essen ‚Beavertail‘ und beobachten dann die Bewegungen des Stadtflughafens mit seiner kurzen Start- und Landebahn.

Ich bin auf Zimmer- und Jobsuche, besorge mir eine Simkarte – habe beschlossen es einfach mal laufen zu lassen. Wenn’s gar nicht geht, ist schnell ein Flug gebucht. Raj ist mir eine große Hilfe: er kennt sich aus, weiß, wo es schön und günstig ist. 

Raj sagt, ich habe eine anziehende Ausstrahlung, fühlt sich gut in meiner Nähe, hat das Gefühl mich schon ewig zu kennen. Ich fühle mich auf jeden Fall sehr entspannt mit ihm: er hat Humor, zeigt viel Gefühl, ist ehrlich und offen, seine Routinen und Angewohnheiten sind amüsant: hab selten jemanden erlebt, der so sauber ist, alles hat seinen Platz, ich ziehe ihn auf mit seinen duftenden hochwertigen Cremes – er bringt mich oft zum Lachen. Sein Musikgeschmack ist ausgezeichnet, er hat einen Sinn für schöne Dinge, liebt die Ordnung, kauft geplant ein, fragt sich jetzt nach der Begegnung mit mir aber auch, wofür er soviel Geld spart und hat eine Sehnsucht einfach alles stehen und liegen zu lassen und zu reisen. Raj kommt aus Indien und es ist spannend ihm zuzuhören, aus erster Hand vom Leben dort zu hören, was mich schon immer interessiert hat und das Land seit langem auf meiner Reiseliste steht. Wochen später schreibt er mir, dass ich ihn inspiriert habe und er gerade Schritte in die Wege leitet um eine Weile wie ich zu reisen.

Die Tage vergehen, ein Zimmer hätte ich schon, aber alles mega teuer hier; eine halbe Nacht liege ich wach und frage mich, was ich hier überhaupt mache: die Leute sind kühl und reserviert, man spürt das Geld an jeder Ecke, das Wetter noch kalt, keine sehr schöne Stadt, natürlich hat es tolle Cafes und Bars, aber keinen Charme, der einen sofort einfängt. Ich habe keinerlei Motivation hier in Toronto zu bleiben. Ich vermisse den Süden!!! Die Hitze, das Chaos, das Spontane, die Nähe zu anderen, die sich über so viele Kleinigkeiten ausdrückt: Umarmungen, Küsse, Lachen, Augenkontakt, die Sprache.

Am nächsten Morgen steht mein Entschluss fest: ich ziehe weiter nach Montreal: die Miete kostet nur halb so viel, ich kenne die Stadt, alles etwas übersichtlicher und außerdem schöner. etwas mulmig ist mir einzig bei dem Gedanken, dass sicher alte Erinnerungen wach werden. aber ein Flug ist schnell gebucht, nicht wahr?

Mit einem gemütlichen Tag auf der Couch mit Film, Wein und kochen am Abend schließen Raj und ich unsere gemeinsame Zeit ab. Ein Freund, der bleibt! Allein für ihn war es die Reise hierher schon wert.