Warten auf den Frühling, Sehnsucht nach Geselligkeit und erste Gewinne

01 März – 30 April 2018

Mitte März noch keine Spur von Frühling, viel Regen, Grau, windig und kalt. Emotional geht es hoch und runter.

Hochs: Samstags auf dem Markt gehe ich auf in den sozialen Kontakten und halte mit jedem ein Schwätzchen. Je nach Wetter steht Laufen oder Schwimmen an, Bewegung hebt die Stimmung. Ich genieße die Ruhe im Pool, die gleichförmigen Bewegungen ähnlich wie beim Laufen. Lachanfälle mit Robyn garantieren ein Minimum an Heiterkeit.

market life
Robyn bringt mich zum Lachen

Tiefs: Einsamkeit, Sehnsucht nach Austausch mit Freunden und Familie, ich vermisse gemeinsame Momente, manchmal fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Das graue Wetter wird langsam zu viel, das hatte ich auch in Deutschland – dafür aber auch hunderte Dinge, die ich dort mit anderen tun kann. Ich vermisse das Unterrichten, eine sinnvolle tiefgreifende Aufgabe. Einerseits tut die Routine gut, andererseits wächst das Gefühl aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Ungeduldig warte ich auf wärmeres sonnigeres Wetter.

Ende März rutschen wir nach nur zwei Monaten mit „HOLDER is vegan“ in die schwarzen Zahlen! Die vegane Bewegung ist hier zwar noch nicht so fortgeschritten wie in den Großstädten, aber der Bedarf wächst. Unseren ersten Gewinn hauen wir direkt auf den Kopf und gehen am selben Abend essen.

Aufgrund meiner Einsamkeit überlege ich ein paar Tage nach Montreal zu fliegen um Freunde dort zu sehen und mal wieder echtes Stadtleben zu genießen. Denn die Unzufriedenheit wird größer und mein Herz leidet zu sehr. Robyn fragt mich eines Tages, ob ich glaube, depressiv zu sein. Nein. Ich bin einfach zu allein – wie eine Blume, die nicht genug gegossen wird, fehlen soziale Kontakte. Ich werde launisch und unausgeglichen. Das Traurige ist, dass ich mich mit Robyn blendend verstehe, aber auf Dauer genügt das nicht. Immer wieder die Frage, wie lange bleibe ich? Bis in den Sommer, bis das vegane Projekt keinen Spaß mehr macht oder bis ich wirklich depressiv werde? Wenn ich andererseits wirklich dreimal die Woche Markt mache, lebt es sich wahrscheinlich auch leichter. Meine Reserven bezüglich Routine sind auf jeden Fall bald wieder aufgefüllt.

Licht und Schatten

Was ist sonst noch los hier?

Ich bin in regem Kontakt mit meinem Bruder Baldi, was gut tut und unsere Beziehung auf eine andere Ebene hebt.

Kaum zeigt der Kalender April, werden Sommerkleider, kurze Hosen und Shirts ausgepackt. Interessiert anscheinend nicht, dass das Thermometer nach wie vor um die Null Grad Marke abhängt.

Die Grammar School in Halifax kontaktiert mich und ich mache ein paar Tage Vertretungsunterricht.

An Ostern videochatte ich mit meiner Familie, die alle zusammen bei Mama zum Osteressen sitzen. Ich fühle einen leichten Stich, nicht dabei zu sein. Sie fehlen mir alle.

Ich treffe mich mit mexikanischen Freunden vom Markt in einer Bar, besuche ein Filmfestival mit Robyn und probiere mich an neuen Rezepten.

Robyn fliegt für eine Woche nach Montreal zu ihrem Papa. Er liegt mittlerweile seit einem Monat im Krankenhaus nach mehreren OPs am Herzen. Ich sage schon seit Wochen, dass sie ihn besuchen sollte, abgesehen davon denke ich mir, kann etwas Freiraum nicht schaden. Ich habe jetzt öfter Momente, in denen mir es hier zu monoton wird und denke an den Frühling in Mannheim und an alles, was ich dort jetzt machen würde; erinnere mich an den letzten Sommer in Montreal und das pulsierende Leben in größeren Städten, wie einfach man Anschluss findet, hier ist es ganz schön ruhig.

Wenn ich allerdings daran denke, hier aufzubrechen, wird mir ganz anders. Ich genieße die Harmonie, die zwischen Robyn und mir herrscht, ihre Positivität, ihren Humor. Die Beziehung zu ihr lehrt mich auf mehreren Ebenen: auch in Beziehung frei zu sein, reden, tiefe Verbundenheit einzugehen und gleichzeitig ich selbst sein zu können, Gefühle auszudrücken, da sein für den anderen; ich bin angetan von ihrer Kreativität, Güte, Rücksichtnahme und Bereitschaft für Veränderung.

Natürlich erlebe ich auch in dieser schwierigen Zeit schöne Tage mit Robyn:

  • wir verbringen ein Wochenende bei ihren Freunden Minty und Mary in The Valley und feiern St Patrick’s Day in einem Irish Pub.

  • Dinner in The Canteen, eines der beliebtesten Restaurants in Dartmouth

  • Spaziergang im Shubie Park mit Olgas Hund Ella, um den wir uns ab und zu kümmern, während Olga in der Stadt zu tun hat
Supermodel Ella
  • Für Besuche zu Olga in Terence Bay bin ich sowieso immer zu haben, denn mit ihr fühle ich mich auf derselben Wellenlänge, sie ist witzig, ehrlich und Unterhaltungen mit ihr sind spannend und anregend.

  • Wir bescheren Robyn’s Mum Janet einen Wellness-Tag mit Mani- und Pediküre, Haarschnitt, Wein und Snacks.
Wellness für Janet

    Ende April: in Deutschland scheint der Sommer ausgebrochen zu sein und endlich kommen wir hier am Atlantik auch in den Genuss von strahlendem Sonnenschein. Ich setze mich zwei Stunden an den Teich Sullivan’s Pond vorm Haus und sinniere über Liebesbeziehungen und wie anders ich sie mittlerweile verstehe: wie schön es sein kann, wenn man sich für jemanden entscheidet, zusammen zu wachsen, sich näher kennenzulernen, sich zu vertrauen, immer Neues am anderen wahrzunehmen. Die völlige Hingabe zu jemandem benötigt Zeit, man geht nicht mehr leichtfertig eine Beziehung ein. Das Gefühl mit jemand anderem teilen zu wollen kannte ich so vorher nicht. Jetzt kommt langsam die Frage auf, wo ich mehr Gefühle investieren will.

    Mit Robyn wird es von Woche zu Woche vielschichtiger und heute morgen hatten wir einen schönen Moment als sie mir Geschichten von früher erzählt – ich kann sie mir genau vorstellen, ein wildes Mädchen muss sie gewesen sein.

    Nach wie vor überkommt mich immer mal wieder Heimweh. Dennoch habe ich Bedenken, dass es mir irgendwann wieder zu eintönig wird, wenn ich zurück nach Deutschland gehe, ich mich schnell wieder nach Abenteuer sehne. Ich habe noch nicht gefunden, was ich suche. Aber ich habe mittlerweile eine Vorstellung davon wie es aussehen kann.

    Mein Visum ist verlängert, allerdings ohne Arbeitsgenehmigung, worüber die Schule, in der ich ausgeholfen hatte, ziemlich frustriert ist. Vertretungslehrer sind rar. Zuhause tut sich auch einiges: mein Bruder Baldi ist wieder Single, aber er steht fester im Leben als je zuvor. Meine Schwester Anne ist frisch verliebt, was für mich die Neuigkeit des Jahres ist. Eine gute Freundin ist schwanger mit dem dritten Kind – einmal die Pille vergessen und zack! so schnell kanns gehen.

    And then it happens
    one day you wake up and you’re in this place
    you’re in this place where everything feels right
    your heart is calm.
    your soul is lit.
    your thoughts are positive.
    your vision is clear.
    you’re at peace, at peace with
    where you’ve been, at peace with
    what you’ve been through and
    at peace with where you’re headed.

    Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

    01 – 28 Februar 2018

    Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten den Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und die Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

    Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
    Markttag!

    Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

    Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
    Fotoshooting und Rezeptrecherche

    Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

    Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

    Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

    Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

    mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

    Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich harmonisch und ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

    Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

    mit Olga im Sushi Restaurant
    Spaziergang am Hafen

    Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, ich bin zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

    Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

    Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

    Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

    Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

    Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

    Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

    Dartmouth, Nova Scotia – vertraute Umgebung und neue Herausforderungen

    12 – 31 Januar 2018

    Zurück in Nova Scotia – hier erst mal ein paar interessante Fakten:

    • Die Provinz liegt an der Ostküste und ist fast komplett vom Atlantik umgeben; kein Ort liegt mehr als sechzig Kilometer vom Meer entfernt, überall Wälder und Seen.
    • Die Hauptstadt Halifax ist wichtiger internationaler Seehafen (der weltweit zweitgrößte natürliche eisfreie Hafen nach Sydney in Australien), Transportzentrum und ökonomischer und kultureller Mittelpunkt der Region.
    • Die Halifax Explosion im Jahr 1917 war vor Hiroshima die weltweit größte von Menschen verursachte: das französische Frachtschiff SS Mont Blanc, beladen mit Sprengstoffen aus Kriegszeiten, stieß mit einem leeren norwegischen Schiff zusammen, fing Feuer und explodierte 25min später; folgender Tsunami und Druckwelle forderten ca 2000 Tote und 9000 Verletzte.
    • Nova Scotia (lateinisch für Neu Schottland) zählt knapp eine Million Einwohner, Halifax hat dreimal soviel Studenten als der nationale Durchschnitt und somit angeblich mehr Bars pro Kopf als jede andere Stadt in Canada.
    • Halifax liegt näher an Dublin, Irland als an Victoria, BC im Westen des Landes.
    • man findet hier milderes Klima als im Inland, mit vier Jahreszeiten für mich verdammt ähnlich zu unserem Wetter in Deutschland: im Winter kommt und geht der Schnee, aber es gibt mehr und er bleibt länger, etwas kälter wird es auch, aber immerhin richtiger Winter und nicht dieser graue Matsch. Die Sonne verschwindet zuweilen allerdings auch für Tage hinter einer dichten Wolkendecke.

    See MicMac – Teil meines 9km Laufs
    Heimweg vom Supermarkt entlang am See Banook

    Das Gefühl, das sich schon in Florida anbahnte, verstärkt sich nun von Tag zu Tag und ich bin sicher ziemlich unerträglich: zu allem, was Robyn sagt, habe ich Widerworte, werde abweisend, bin besserwisserisch, genervt und kritisierend, kann mich so selbst nicht leiden. Sie ist nach wie vor einfühlsam und freut sich jeden Tag riesig, dass ich hier bei ihr bin.

    Warum also mein borstiges Verhalten? Ich fühle mich eingeengt, schlafe schlecht, bin es nicht gewohnt, soviel Zeit nonstop mit der gleichen Person zu verbringen, brauche mehr Zeit nur für mich, kann mich nirgends wirklich zurückziehen. Sie arbeitet von zuhause, meine Jobsuche läuft schleppend. Außerdem vermisse ich meinen sozialen Kreis, wie ich es für mich nenne. In Deutschland habe ich es geschafft, neben unserer Großfamilie mit all meinen unterschiedlichen Freunden Kontakt zu halten. Der krasse Kontrast hier steht in keinem Verhältnis.

    Die Situation spitzt sich zu als wir drei Nächte bei Olga und Lynette in Terence Bay verbringen, um Haus und Tiere zu hüten – mitten in der Natur, direkt an der Küste.

    Als wir ankommen, fällt es übrigens erst schwer, nicht zum Glas Wein zu greifen, dann ist der Moment allerdings auch schnell verflogen und ich bin zufrieden mit Wasser und Tee. Dieses Mal bleibe ich konstant!

    Wir verbringen die Tage mit Spaziergängen, besuchen Robyn’s Freunde, die in der Nähe wohnen und ich genieße die Anwesenheit von zwei schmusigen Katzen.

    Spaziergang mit Robyn, Hund Ella und Freundin Emily

    Aussichtspunkt erklommen!

    Da Olga und Lynette erst nach der ersten Nacht aufbrechen, komme ich in den Genuss, auf dem Sofa zu schlafen – alleine – wie ich das genieße! Studien belegen, dass die Hälfte der Personen, die ihr Bett mit jemandem teilen, schlechter schlafen, da sie durch die Bewegungen und Geräusche des anderen gestört werden – zu dieser Hälfte zähle ich mich ganz klar auch, komischerweise schlafe ich allerdings immer einwandfrei neben meinen Geschwistern – ob es dazu auch Studien gibt?

    In der zweiten Nacht will ich zunächst auf dem Sofa bleiben, aber das Bett ist so überzeugend riesig und hat zwei separate Matratzen, dass ich bereit bin, umzuziehen. Doch es liegt eine Spannung in der Luft, ich versuche mich zu erklären als ich mich auf einmal in einem Gefühl wiederfinde, das ich so nur aus einer Situation vor knapp zwei Jahren mit meinem damaligen Freund Eric kenne: ich fühlte mich nach einer Diskussion wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen, geschweige denn irgend etwas zu entgegnen. Mein Herz schmerzt, ich betrachte mich selbst wie von außen und spüre einen unendlichen Druck.

    Später suche ich nach Parallelen zwischen den beiden Situationen: die Erwartungshaltung meines Gegenübers, die Gefahr den anderen zu verletzen, meine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment, Wahrung der Harmonie, persönliches Wollen verklärt. Ich beschreibe Robyn mein Gefühl ansatzweise, entschuldige mich für mein abweisendes Verhalten, unterm Strich brauche ich Freiraum! Am dritten Tag sind wir in Dartmouth einkaufen und ich nutze die Gelegenheit, bleibe hier, genieße die Stunden allein und schlafe seit langem mal wieder hervorragend. Nach weiteren Gesprächen finden wir Wege, mir den Raum zu geben, den ich brauche und ganz schnell bin ich wieder nahbar und aufgeschlossen.

    Sometimes I like to be alone. I enjoy the freedom and solitude. In those moments, I remember who I am and what I want.

    Ich blicke auf die Zeit mit Eric zurück: vieles nahm ich damals wie hinter einem Schleier wahr, er gab alles um mir entgegen zu kommen, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, ich dagegen verspürte irgendwann nur noch Druck. Rückblickend war ich nicht bereit, eine so bedeutende und tiefe Verbindung einzugehen, sah nur die Verpflichtung, die Verantwortung, für jemand anderen da zu sein. Die Beziehung zu ihm war ein Zugeständnis, dass ich nicht bereit war zu machen. Ich hatte einen Traum, den ich nur allein verwirklichen konnte.

    Jetzt mit Robyn fühle ich mich frei, da sie ohne Zukunftserwartung jeden Tag mit Freude annimmt. Ich verstehe, was es bedeutet, einen Verbündeten im Leben zu haben. Ich möchte Ruhe finden in mir, mit meinen Entscheidungen im Frieden sein, nicht immer alles in Frage stellen. Ich kämpfe zum ersten Mal mit dem Gefühl von Heimweh, gleichzeitig ist da nach wie vor die Sehnsucht, wieder auf Reisen zu sein und neue Begegnungen zu machen, meine Freunde fehlen mir.

    Was ist der Plan für die nächsten Monate? Wie immer hab ich nicht wirklich einen und so lange das nächste Ziel nicht klar ist, will ich das Jetzt und Hier voll und ganz annehmen, mir Zeit nehmen, in mich hinein zu hören.

    Die Tage ziehen dahin, Jobsuche fällt schwer, denn die Gastronomie sucht erst wieder für die Sommermonate. Eines Tages schlägt Robyn vor, ich soll doch den Versuch wagen, auf dem lokalen Markt hier in Dartmouth zu verkaufen. Der Gedanke gefällt mir, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, wie meine Koch- und Backkünste bei der Allgemeinheit ankommen. Kaum eingewilligt, buchen wir einen Tisch für den nächsten Samstag, laut Robyn’s Bruder Willy ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einzusteigen, denn im Sommer bekommt man kaum einen Platz (seine Frau verkauft schon seit zwei Jahren dort). Dann geht es an die Planung und Organisation: Produkte auswählen, Zutatenliste, Preise vergleichen, Verpackung, Label, Arbeitsmaterial – die Liste nimmt kein Ende! Robyn ist super engagiert und hat tolle Ideen, wir arbeiten kreativ und produktiv zusammen. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Am 20.Januar ist es soweit und wir treten unseren ersten Markttag an, der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens.

    Selfie muss laut Robyn sein, bevor es losgeht

    Fürs erste Mal an einem ruhigen Samstag läuft es gut: 157 Dollar Einnahmen, die Ausgaben waren natürlich um einiges höher. Eine erfahrene Verkäuferin gibt mir ein paar nützliche Tipps und ich will es ein paar Wochen laufen lassen.

    erster Markttag mit Hafercookies, Früchtebrot und Granola
    in den ersten Wochen alles handgeschrieben, klettern durch die Küche

    Mit dem Blog komme ich kaum hinterher, denn meine Tage sind gefüllt mit Rezeptrecherche, Preiskalkulation, Einkaufen (Robyns Schränke sind schnell ausgelastet), Backen, Ideensammlung für unseren Geschäftsnamen, Visitenkarten, und und und. Robyn kümmert sich außerdem um alles, was mit Internetpräsenz zu tun hat, ohne läuft heutzutage ja nichts mehr. Nach zwei Wochen steht der Name: „Holder is vegan“. Das Ganze macht Spaß, bereits in der zweiten Woche kommen schon Leute wieder von letzter Woche. Es dauert wohl ein paar Monate bis man sich etabliert und ich stecke jetzt somit einiges an Geld und Zeit in das neue Projekt, bin neugierig, wohin das Ganze laufen wird. Beim Joggen um die Seen im Schnee bekomme ich den Kopf frei, teste jeden Tag neue Rezepte und wir genießen exquisite Dinner.

    Ach ja, meine Beurlaubung ist übrigens genehmigt bis Juli 2020, noch Fragen?!

    Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.

    Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

    21 November – 05 Dezember 2017

    Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

    Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

    Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

    Queensland Beach

    Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

    Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

    Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

    Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

    Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

    Rainbow Haven

    Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

    Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

    Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

    Clam Harbour

    Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

    In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

    Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

    Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

    Weihnachtself in Aktion

    Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

    Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

    Joggen in den Sonnenuntergang

    Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

    Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

    Nova Scotia – Alles im Wandel

    08 September – 09 Oktober 2017

    365 Tage – vor genau einem Jahr begann meine Reise in ferne unbekannte Welten und vor allem zu mir selbst. Nicht eine Sekunde habe ich bereut, losgezogen zu sein. Jede Begegnung hat mich bereichert, jedes Hoch mit Freude, Staunen und Liebe erfüllt, jedes Tief weitere Facetten meines Inneren offenbart. „Das wird das Jahr deines Lebens, worauf du immer zurückblicken können wirst.“ meinte vor meiner Abreise eine Freundin. Ein Jahr – ich hab das Gefühl, es geht gerade erst richtig los.

    Back in Nova Scotia! Um ein Uhr nachts lande ich in Halifax, Robyn empfängt mich nervös am Ausgang, sichtlich aufgeregt. Bei ihr zuhause angekommen stoßen wir mit einem Glas Wein an und reden ewig.

    Auftakt-Wochenende: Robyn hat in Canning an der Bay of Fundy ein romantisches Cottage gebucht, welches wir am frühen Nachmittag erreichen und ich bin begeistert von der Einrichtung: weiß, blumig, luftig, sommerlich. wir legen ab und gehen gleich schwimmen, da gerade Flut ist – die Differenz der Gezeiten ist übrigens nirgendo auf der Welt größer als hier! Danach sonnen im Garten in Adirondack chairs bei Rotwein, ich koche am Abend.

    Cottage in Canning
    Spaziergang bei Ebbe

    Nach einem gemütlichen Samstagvormittag fahren wir zum Weingut Luckett, was mit seinen Weinreben Erinnerungen an die Heimat weckt. Mittendrin befindet sich eine Telefonzelle, von der man kostenlos einen Anruf innerhalb Nordamerikas tätigen kann. Auf dem Weg dorthin halten wir bei einem der beeindruckensten Antikläden, der sich über drei Stockwerke in einem alten Haus erstreckt mit knarzenden Holztreppen, tiefen Zimmerdecken und nachgebenden Dielenböden.

    Weingut Luckett

    Ganz offensichtlich trifft sich hier die gehobene weiße Schicht. Wir machen eine kurze Weinprobe, wählen zwei Flaschen für den Abend und zurück am Cottage ist das Wasser hoch genug um eine Runde zu schwimmen. Neben dem Haupthaus befindet sich ein alleinstehendes kleines Zimmer mit viel Glas, durchflutet von später Nachmittagssonne und bietet so den perfekten Ort um den Sonnenuntergang zu genießen, denn wenn es draußen abkühlt, ist es hier noch angenehm warm.

    waiting for the sunset

    Für den Abend sind wir bei Robyn’s Freundinnen Mary und Minti eingeladen, welche nur ein paar Häuser weiter wohnen: sympathisches Paar, sie lernen sich kennen als Mary schon 29 war und erkennt, dass sie eigentlich viel mehr auf Frauen steht.

    Auch den Sonntag lassen wir langsam angehen und verbringen den Nachmittag bei einer Spendenveranstaltung für die hiesige Bibliothek mit Häppchen, Wein, Musik, Lesung. Später bekomme ich eine Führung durch das Haus einer befreundeten Architektin, die mich darin bestärkt, Neues zu wagen. Dinner wieder bei Mary und Minti, die sich als Electro DJane outet und ein paar gute alte Platten auflegt. Lis, bei der wir schlafen, kommt zum gemeinsamen Essen. Sie schlägt vor am nächsten Morgen eine Stunde zu wandern, also klingelt uns der Wecker um 5:30 aus den Betten und wir laufen in den Sonnenaufgang – tut gut, entspannt und macht den Kopf frei. Nach dem Frühstück muss Lis los zur Arbeit, wir räumen auf, packen zusammen, ziehen die Tür hinter uns zu und machen uns auf den Heimweg zurück nach Dartmouth – ein wunderschönes Wochenende neigt sich dem Ende.

    Wanderung in den Sonnenaufgang

    Während Robyn am Montag zurück bei der Arbeit ist, versuche ich zu fühlen, was gerade in mir vorgeht: wie schon in unseren ersten gemeinsamen Tagen fühle ich mich entspannt, spüre wie bedeutend unsere Begegnung ist, sie macht mir keinen Druck und genießt selbst jeden Moment mit mir. Sie zeigt sich einfühlsam und aufmerksam, ich lerne mit ihr neue Seiten an mir kennen. Sie weckt meine kreative Seite, lässt mich die Welt aus neuen Perspektiven betrachten.

    Die Anziehung ist unvergänglicher als bisherige Erfahrungen, ich betrete hier Neuland und frage mich, ob ich länger bleiben sollte um mehr Zeit zu haben, zu testen, wohin mich Robyn führt und um meinen Ideen zur Lebensgestaltung nachzugehen – und da wir schon beim Thema sind, hier ein paar Notizen zum Stichwort:

    • zurück nach Deutschland ist momentan so ziemlich die letzte Option – die festen Abläufe, die dort auf mich warten, sind mir zuwider. sehe nicht, wie ich dort zurecht kommen soll nach dem letzten Jahr mit all den Erfahrungen, die meinen Blick verändert haben.
    • gleichzeitig habe ich bisher nicht den Ort gefunden, der mich festhält
    • Der Schuljob in Sao Paulo ist zunächst noch im Gespräch und meine brasilianischen Freunde raten mir, anzunehmen, wozu es letztendlich aber nicht kommt. Also alles wieder offen
    • meine Idee für eine Bar/ veganes Café/ Restaurant/ Hostel wächst und fühlt sich aufregend an.

    Zusammenleben mit Robyn: Ich bekomme eine Schublade, welche völlig ausreicht für meine wenigen Habseligkeiten. Den Rest versuche ich so diskret wie möglich zu halten in ihrem kleinen aber feinen Reich. Ohne große Absprachen teilen wir die Aufgaben im Haus. Noch nie habe ich so viel für eine Person gekocht, teste dabei neue Ideen und freue mich jeden Tag, wenn sie mir bestätigende Blicke schenkt und ein „mmmmh“ von sich lässt.

    Ich gehe regelmäßig laufen, Robyn erfüllt ihre Stunden im Büro, arbeitet abgesehen davon zuhause und alle übrige Zeit verbringen wir gemeinsam auf verschiedenste Weise: Treffen zum Lunch unter der Woche, Einladung bei ihrer Freundin Olga zum Geburtstag mit anschließendem Spaziergang und Robyn führt mich später zu einem versteckten Aussichtspunkt. Ausgehen für Dessert und Wein, Filmfestival in Halifax, Schwimmen im Hallenbad, Pingpong Match oder einfach gemütliche Abende zuhause.

    Lauf um die Seen Banook und Micmac
    Olga’s Geburtstag (links). neben mir Robyn, Lynette, Emily
    Aussicht von der Terrasse einer Freundin. Haus steht zum Verkauf, falls jemand Interesse hat – Natur pur!

    versteckte Aussicht

    Alle paar Tage besuchen wir ihre Mutter Janet, die bei Robyn’s Bruder und seiner Familie wohnt, fünfzehn Gehminuten entfernt. Ich genieße diese Momente in ihrer Familie im Schaukelstuhl auf der kleinen Terrasse im Garten. Der offene Umgang und das enge Verhältnis untereinander sind mir vertraut. Fern von meiner Familie sauge ich diese Atmosphäre regelrecht auf. Ich mag Janet mit ihrer unkonventionellen Art, sie hat etwas charmant freches an sich, was mich an Mama und Freundin Helga erinnert. Eines Tages als wir so plaudern, fragt sie mich: „und wann wusstest du, dass du Frauen magst?“ Ich muss lachen und antworte ganz ehrlich, Robyn ist die erste.

    Mutter und Tochter

    So verstreichen die Tage und ich lebe einfach in den Tag hinein. Immer mal wieder frage ich mich allerdings natürlich, wie ich die nächsten Monate gestalten will. Bevor ich hier ankam, war der Plan danach Mexiko zu bereisen. Ich bekomme Neuigkeiten aus Deutschland: eine meiner besten Freundinnen heiratet kurz vor Weihnachten! Ich weiß, dass ich zu ihren engsten Vertrauten gehöre und spüre, ich sollte dabei sein. Der Gedanke, all meine geliebten Menschen in die Arme nehmen zu können und die tiefen Bindungen zu genießen, erwärmt mein Herz. Außerdem spannend: reality check! Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nach ein paar Wochen wieder los will.

    Mit jedem Tag, den ich hier länger verbringe, stellt sich ein Gefühl von zuhause sein ein. Das Wetter hier ist mit Ausnahmen überragend, die Natur überrascht mich mit all ihrer Schönheit und Angeboten: Wandern, Klettern, Schwimmen, Segeln, Kitesurfen, Wellenreiten – Berge und Wälder, endlose Küste mit unzähligen Stränden und Buchten, die Winter scheinen auch nicht so hart zu sein. Das habe ich so nicht erwartet und fühle mich wohl, umgeben vom Meer; auf der Straße begegnet man freundlichen Menschen, die einen grüßen und das Leben entspannter angehen.

    Robyn führt mich weiter in ihren Freundeskreis ein, wobei ich gleichzeitig mehr und mehr von Nova Scotia kennenlerne:

    • Übernachtung bei Shannon und Denise am Oyster Pond. Neugierig nehme ich die zwei Persönlichkeiten und deren Zusammenspiel wahr. Denise holt uns in Dartmouth ab: sie trägt schwere Stiefel, tiefsitzende weite Jeans, Bomberjacke und Kappe über Kurzhaarschnitt, wirkt zunächst rau, kühl und unnahbar, was sich später aber entspannt. Shannon empfängt uns in ihrem Haus umgeben von viel Natur in Kleid und Keilabsatz-Schuhen und macht einen extrem weiblichen ersten Eindruck auf mich. Ihre Koch- und vor allem Backqualitäten sind überzeugend und wir verbringen einen Abend mit anregenden Gesprächen bei viel gutem Rotwein. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen begeben wir uns zum Clam Harbour Beach und wagen den Sprung in die kalten Wellen.
    Clam Harbour Beach
    • Mit Robyn’s Bruder Willy hören wir uns ein Konzert von Dave’s Band an mit ausschließlich eigenen Songs – gute Musik!
    • Freundin Barbara lädt uns zum Abendessen ein. Vor achtzehn Monaten starb ihr Mann plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie erzählt viel von ihm, ihrer Bewältigung des Verlusts und von ihrer adoptierten Tochter, die als problematischer Teenager mit sechzehn auszog und jetzt mit einem Eingeborenen verheiratet ist und im Reservat lebt, was Barbara in eine völlig neue Welt geführt hat und heute ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter besser denn je. Hierzu liest sie uns eine berührende Kurzgeschichte vor, welche sie selbst verfasst hat. Barbara kann meine Abneigung, nach Deutschland zurückzukehren nachvollziehen. Sie selbst verließ England vor vielen Jahren und liebt die Vielfalt hier in Nova Scotia – so langsam habe ich eine Ahnung davon, wovon sie spricht.
    • noch eine kurze Anekdote zum Schmunzeln: auf dem Weg zu Barbara halten wir im Weinladen um eine Flasche mitzubringen. Der attraktive Herr, der uns berät, beginnt ganz dezent mit mir zu flirten. Auf die Frage, wie lange ich denn noch bleibe, funkt Robyn dazwischen: „this is my temporary girlfriend!“ Gleich mal klare Grenzen gesetzt. Mit meinem Segen stellt sie mich so bei einigen ihrer Bekannten vor.
    • Ausflug nach Lunenburg: ich schlage vor, Robyn’s Mum Janet mitzunehmen, da sie für mein Empfinden seit ihrem Umzug aus Vancouver hier viele einsame eintönige Tage verbringt. Ich bestehe also darauf, dass sie ihren Hintern schwingt und sieht, in welch schönem Teil der Welt sie jetzt lebt. Wir beginnen mit Lunch und Bier/ Cider im Restaurant Saltshaker mit Blick aufs Wasser. Da Janet etwas wackelig auf den Beinen ist, bestellt sie ihr zweites Bier und Robyn und ich machen uns auf zum Replikat des berühmten Schiff Bluenose (II), welches auch die kanadische 10cent-Münze prägt. Im Museumsshop albern wir ein wenig rum, bummeln durch die Gassen, werfen einen Blick in ein paar interessante Läden und sammeln dann Janet ein. Nach einer Verkostung in der Distillerie Ironworks fahren wir ins Fisherdorf Blue Rocks, wo uns eine traumhafte Küste erwartet.

    Lunenburg

    Blue Rocks

    • Es folgt ein kurzer Abstecher zum Golfclub, von wo man einen hervorragenden Blick auf Lunenburg mit seinen bunten Häuschen hat.

    • Auf dem Rückweg halten wir für Kaffee in Mahone Bay: anlässlich des jährlichen Scarecrow Festivals ist der Ort übersät mit Vogelscheuchen aller Art: von der Band Kiss über Donald Trump bis Wizard von Oz und Pokemon – nichts was es nicht gibt. Wir setzen Janet zuhause ab, sie bedankt sich mehrmals für den schönen Tag und verabschiedet sich wie immer mit den Worten „Peace and Love!“.


    Mahone Bay: Scarecrow Festival

    • Wir begleiten Freundin Lynette zum Crystal Crescent Beach. Dort gibt es eine Felsformation, an der sie ihre bisherigen Kletterfortschritte testen möchte. Sie widmet ihre Freizeit nämlich gerade mit voller Energie dem Klettern und Studieren, Sammeln und Zubereiten von Pilzen, was für ihre Umwelt auch schon mal anstrengend sein kann. Man muss ihr allerdings lassen, dass sie keine halben Sachen macht: wenn sie sich für etwas interessiert, taucht sie voll und ganz in die Materie ein.

    Cristal Crescent Beach

    • Freundin Ann kommt zum Abendessen. Ich mag ihre offene Art. Ihre Freundin ist seit über zwei Jahren auf dem Trans Canada Trail unterwegs (seit letztem Jahr unter The Great Trail bekannt), der von der Ost- zur Westküste Kanadas führt und weltweit das längste Netz an Erholungswegen haben soll. Mindestens zwei Dokumentationen sind über ihre Reise in Arbeit.

    Und noch ein paar mehr Eindrücke von Halifax und Dartmouth:

          Hört sich so an als gehe ich hier nicht mehr weg? In mir räumt sich die Frage, wie es weitergehen soll, immer mehr Platz ein. Aus zunächst unklaren Beweggründen halte ich an meinem Vorhaben fest, Mexiko zu bereisen bevor der Winter kommt, und buche einen Flug nach Mexico City, den ich unter anderem wegen des Erdbebens dann nochmal um zehn Tage verschiebe. Abgesehen davon fühle ich mich nicht wirklich bereit, Robyn zu verlassen und wieder alleine zu reisen. Sie wächst mir immer mehr ans Herz und wir schenken uns gegenseitig tiefes Vertrauen. Die Aussicht auf einsame Tage, ständig wechselnde Betten, Orte und Menschen weckt gemischte Gefühle und fühlt sich anders an als vor einem Jahr. Ich fühle mich ein wenig zuhause bei ihr, andererseits drängt die Frage, was ich mit meinem Leben anfange, wohin der Weg nun führen soll. Es geht nicht mehr nur darum, zu reisen. Meine Wurzeln habe ich kennengelernt, was bin ich nun bereit zu wagen, wo fühle ich mich gut aufgehoben? Sollte ich nicht einfach hier bleiben, wenn es mich nicht wirklich wegzieht?

          Robyn ist die absolute Selfie-queen, daher hier eine kleine Auswahl:

          Der Tag meiner Abreise rückt unaufhaltbar näher, in der letzten Nacht erinnere ich mich an den Tag als ich weinend Lima verließ und mich danach immer wieder fragte, was ich hier in Canada soll. Jetzt bin ich erfüllt von tiefer Dankbarkeit für meine Begegnung mit Robyn und kann die Tränen nicht zurückhalten. Vor dem Morgengrauen erreichen wir den Flughafen, unsagbar schwer fällt der Abschied.

          Alles ist möglich, wenn man nur seinem Herzen folgt.

          Prince Edward Island and Nova Scotia

          02 – 09 August 2017

          Eine Woche Urlaub steht an: ich fliege auf die Insel zu Kirsten und Shawn’s Hochzeit. Danach hab ich vier Tage in und um Halifax – dachte mir, wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Gegend erkunden. Für die erste Nacht auf der Insel ist ein Hostel in Charlottetown reserviert, morgen holt mich Kirsten ab und nach weiteren zwei Nächten will ich irgendwie nach Halifax. Gebucht habe ich nichts, wird sich schon etwas ergeben; über Couchsurfing tut sich allerdings fast gar nichts; die Canadier scheinen viel reservierter und unflexibel, die meisten sind überhaupt nicht aktiv auf der Platform, im Süden war das einfacher.

          Im Flieger von Halifax nach Charlottetown ist gerade mal Platz für achtzehn Personen, freier Blick zum Cockpit – definitiv das kleinste Flugzeug, in dem ich je saß. Angekommen frage ich den erstbesten Menschen, der sich ein Taxi herwinkt, ob wir es uns teilen können; scheint ihm ziemlich egal zu sein, also steige ich mit ein. Gesprächig ist er nicht gerade, daher konzentriere ich mich auf den Taxifahrer: gemütlicher Typ mit Vollbart, der die Insel wahrscheinlich kennt wie seine Westentasche, da er hier geboren und aufgewachsen ist. Als mein Mitfahrer zuerst abgesetzt wird, will ich fragen, was ich schuldig bin, doch er winkt ab und als wir alleine sind, meint er: dir mach ich einen speziellen Preis. Der Herr hier ist Businessman, bekommt es wahrscheinlich eh bezahlt und schläft im Hotel. So bekomme ich meine Fahrt zum halben Preis.

          freier Blick zum Cockpit

          Das Hostel macht einen sehr guten Eindruck, etwas befremdlich finde ich nur die Privatfotos des Besitzers und seiner Frau an den Wänden. Ich lege ab, bekomme einen kurzen Rundgang, Dusche, dann schlendere ich durch den Ort bis ans Ufer. Alles sehr ruhig und idyllisch hier, man fühlt sofort, dass die Uhren etwas langsamer ticken. Den Abend verbringe ich im Hostel, unterhalte mich hier und da mit anderen Gästen, die überwiegend aus Canada und Deutschland sind.

          downtown Charlottetown
          Hostel, waterfront

          Am Donnerstag mittag holt mich Kirsten mit Freundin und Mutter ab und für letzte Erledigungen geht es über die Insel, von hier nach da. An der Hochzeitslocation Centre Goeland treffen wir auf Bräutigam Shawn und ein paar Freunde und Familie. Nach dem Beziehen unserer Zimmer erkunde ich das Gelände: wir sind wirklich direkt am Wasser mitten in der Natur – das wird eine Feier ohne den ganzen überflüssigen Schnick Schnack. Am Abend übernehme ich die Aufgabe, das Gastgeschenk für die Damen fertigzustellen: Lippenbalsam! Kann man schon mal erst am Abend vor der Hochzeit machen. Bei einem Glas Wein schmelze ich Bienenwachs, Kokosöl und Sheabutter und fülle die Minitigel – sieht richtig professionell aus.

          wedding location

          Freitag, 04. August: wedding day! Kein Wölkchen am Himmel, könnte kaum perfekter sein. Die Zeremonie beginnt am Nachmittag, so bleibt vorher sogar Zeit für etwas Sport und einen Sprung ins Wasser. Um meine Weiterreise hab ich mich immer noch nicht gekümmert, spekuliere aber darauf, dass irgendjemand schon in dieselbe Richtung fährt. Hostels sind auch schon fast ausgebucht, aber ich habe irgendwie die Ruhe weg. Nach und nach trudeln Familie und Freunde ein und dann ist es auch schon soweit und alle schlendern Richtung Wiese am Meer. Ich schnappe mir noch schnell ein Bier, das ich leere, bevor ich meinen Platz auf einer der Holzbänke mit Blick aufs Wasser einnehme.

          gleich gehts los – Wetter: überragend!

          Es wird nicht lange um den heißen Brei geredet und so darf Shawn seine Braut nach nicht mal dreißig Minuten küssen.

          Während der Fotograf unendlich viele Fotos schießt, vertreibt sich die Gesellschaft die Zeit mit Austern essen und dem ein oder anderen Getränk.

          Nach drei Gängen Essen, ein paar kurzen Reden und dem Anschneiden des Kuchens tritt die Band auf, was die Tänzer aus ihren Stühlen holt. Ich bin nicht in der Stimmung und habe neben mir Kirstens Mum, der es genauso geht. Gegen elf kommt Greg, ein Freund der Familie und meint, wir müssen uns den Mond anschauen. Also laufen wir an den Strand und der Sternenhimmel bietet im Zusammenspiel mit Mondschein und Wasser einen Anblick wie gemalt. Während wir hier so stehen und uns unterhalten, stellt sich heraus, dass Greg morgen ganz in die Nähe von Halifax muss und bietet an, mich in den Nachbarort Dartmouth mitzunehmen. Ja, ihr lest richtig: elf Uhr abends nach ein paar Gläsern Wein finde ich meine Mitfahrgelegenheit.

          Samstag morgen nach schnellem Frühstück verabschiede ich mich von den frisch Vermählten. Nach einer unterhaltsamen Fahrt setzt Greg mich gegen zwei am Nachmittag in Dartmouth ab. Ich bin müde, habe Hunger und bin unschlüssig, was ich mit dem Rest des Tages machen soll. Mit der Fähre schon rüber nach Halifax oder hier erst mal eine schöne Terrasse in der Sonne suchen? Hostels sind eh ausgebucht, vielleicht lassen die mich eine Nacht auf dem Sofa schlafen. So laufe ich ein paar Straßen mit meinem kleinen geliehenen Rucksack auf und ab und stehe am Ende vor der Bar Battery Park. Sieht hip und einladend aus, im Hinterhof eine Terrasse, das ist es.

          Ich suche mir einen Platz in der Sonne an einem der langen Picknicktische, bestelle Cider und veganen Burger und logge mich ins wifi ein mit der Hoffnung, doch noch jemanden auf Couchsurfing zu finden.

          Battery Park in Dartmouth

          Ich plaudere kurz mit einem Typ, der hier mit Freunden verabredet ist. Als diese eintreffen, nutze ich den Moment um weiter im Netz zu suchen, lange sitze ich jedoch nicht allein: Kyle und Don stehen rechts neben mir und fragen, ob sie sich setzen können. Kyle trägt Kappe, wirkt lässig, jünger als ich, Don definitiv etwas älter, viele Tattoos, seine Gestik wirkt feminin, ein Paar sind die beiden aber glaube ich nicht. Sie sind aus Toronto und machen hier gerade Urlaub – und schon bin ich wieder am quatschen, so wird das nichts. Ein paar Minuten später klingt sich der Typ schräg gegenüber auf meiner linken Seite ein, der wohl auch in Toronto lebt und den ich erst jetzt bemerke. Brian ist mit einer Freundin hier. Robyn. Sie sitzt auf meiner Seite und ich bin etwas perplex, dass ich die beiden nicht kommen gesehen habe, so vertieft war ich in mein Telefon in meiner obdachlosen Situation. Wir rutschen zusammen und man könnte meinen, wir hätten uns hier alle verabredet. Brian ist Filmregisseur und gerade mit seinem Team in der Stadt, sein Skaterstyle lässt ihn sehr jugendlich wirken, beide sind total aufgeschlossen und entspannt. Liegt vielleicht auch daran, dass sie vorher schon in einer anderen Bar getrunken haben, wie ich später erfahre. Ich fühle mich sofort wohl mit den beiden. Robyn geht mit ihrem lässig hochgesteckten lockigen Haar, ihrem sportlich schicken Outfit und ihrer offenherzigen Art locker als Ende dreißig durch. Als ich erwähne, dass ich mich eigentlich um eine Bleibe für die Nacht kümmern muss, schaut sie mich an und meint: „You can sleep at my place!“ Ich tausche einen Blick mit ihr aus – meint sie das ernst? Sie entgegnet, dass sie in einer Familie mit offenen Türen aufgewachsen ist und mich gerne mitnimmt. Das macht sie gleich noch sympathischer, denn diese Offenheit kenne ich von meiner Familie. Wir bestellen das zweite Bier und ich muss innerlich lächeln, da mein tiefes Vertrauen in das Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit mir heute Robyn schenkt und diese Begegnung eine der schönsten seit langem sein wird.

          Don und Kyle müssen los, aber wir verabreden uns für den Abend. Dave, ein Freund von Robyn, der hier arbeitet, setzt sich noch zu uns. Ich erfahre, dass Brian und Robyn sich vor langer Zeit bei der Arbeit kennenlernten und seitdem enge Freunde sind, sie ist Production Designerin, arbeitet seit kurzem Teilzeit in einer Organisation für geistige Gesundheit und verbringt ihre restliche Zeit mit kreativer Arbeit. Dass sie auf Frauen steht, lässt sie mich auch direkt wissen.

          links: Brian und Freund von Robyn, Dave. rechts: Robyn und ich. Typ hinter mir kennen wir nicht: photobomb 🙂

          Als ich ihre Wohnung betrete, die nur ein paar Gehminuten entfernt liegt, fühle ich mich direkt pudelwohl: wir richten auf die gleiche Weise ein und wie bei mir gibt es hier viele kleine Dinge zu entdecken. Die Frau hat Geschmack!

          Nach kurzem Ausruhen und Dusche machen wir uns gleich wieder auf den Weg. Wir genehmigen uns einem Drink zu zweit an einer Hotelbar und stoßen danach in einer Openair Bar am Hafen zu Brian und seiner jungen Assistentin Madison, die er mitgebracht hat. Die Vertrautheit der beiden irritiert mich, da ich am Nachmittag noch Fotos von Partnerin und Kindern gezeigt bekam – aber nicht meine Angelegenheit. Bevor wir weiterziehen in den Seahorse Club kommen wir noch in den Genuss eines Feuerwerks und ich bin ganz angetan von den herzförmigen Lichtern am Himmel.
          Im Club treffen wir Don und Kyle wieder. Brian und Robyn stellen sicher, dass der Alkohol fließt, Brian macht sich an Madison ran, Kyle zeigt auch Interesse und checkt bei mir ab, was zwischen den beiden ist. Durch die Konkurrenz verliert Brian bei dem jungen Hüpfer kurz die Oberhand und kommt mir etwas näher. Robyn macht mir den ganzen Abend charmante Komplimente. Alles entspannt und wir tanzen durch den Abend. Don ist auf einmal irgendwann verschwunden, schreibt mir lange Nachrichten wie ein eifersüchtiger Freund und scheint nicht klarzukommen damit, wie wir uns amüsieren – Dramaqueen! Geht gar nicht!

          Ziemlich müde und gut betrunken kommen wir nach Hause und bevor wir ins Bett fallen, mache ich mich noch über Toastbrot und Oliven her – viel mehr gibt Robyn’s Kühlschrank für mich nicht her.

          Den Sonntag gehen wir gemütlich an, quatschen und lachen den ganzen Tag, kein Thema ist tabu und ich hab das Gefühl über alles mit ihr reden zu können, relativ schnell sind wir uns einig, dass ich die kompletten vier Tage bei und mit ihr verbringe.

          Am Montag besuchen wir Brian bei der Arbeit und werden Teil der TV Show, die sich schnell als ziemlich bescheuert herausstellt, da das Gebäck in der Bäckerei übertrieben gelobt werden soll und eigentlich nur nach viel Zucker schmeckt. Aber wir haben dennoch Spass, denn Robyn’s Mum, Bruder und Nichte sind auch dabei, die Kreativität zieht sich offensichtlich durch die ganze Familie; als professioneller Entertainer und ehemalige Schauspielerin sind Bruder und Mutter die Highlights des Drehtages.

          hinter der Kamera: the Baker Sisters

          Mittags setzen wir Robyn’s Familie zuhause ab, das Sommerwetter ruft nach Strand, also machen wir uns auf zur Terence Bay an eine kleine Bucht, erfrischen uns dort im kühlen Nass, eine Freundin, die in der Nähe wohnt, schaut kurz vorbei. Und weil es so nah ist, bringt Robyn mich gegen Abend noch zu einer der berühmtesten Ausflugsziele hier in Nova Scotia: Peggy’s Cove.

          Unser Gesprächsstoff geht uns nicht aus, die Parallelen zwischen uns sind mir fast schon unheimlich, fühlt sich ein bisschen an wie eine zweite Version von mir in einer anderen Welt. Ihre positive und offenherzige Art emfinde ich als besonders erfrischend, sie ist so herrlich unkompliziert.

          Ihre Geschichte fasziniert mich:

          • im Alter von nur einem Jahr erleidet sie durch einen Unfall mit heißem Wasser schwerste Verbrennungen an einem Bein, geht von da an durch viele Ops und Schmerzen, die Narben heute bringen sie in manchen Situationen nach wie vor in Unsicherheiten
          • sie besucht das Internat, in dem ihr Vater als Lehrer arbeitet, widmet viel Freizeit dem Sport und gehört meist zu den Besten in jeglicher Sportart
          • sie ergreift einen kreativen Beruf und arbeitet im Filmbusiness, gewinnt im Jahr 2003 den Leo Award für Production Design in Vancouver,BC. Ihr Auge fürs Detail zeigt sich in jeder Ecke ihrer Wohnung.
          • Aus meiner Familie bin ich mit geistigen Krankheiten vertraut, daher berührt mich ihre Erkrankung vor vielen Jahren besonders. Wenn man sie heute erlebt, ahnt man nicht das Geringste davon. Ihr liegt viel daran, die damit zusammenhängenden Stigmata zu bekämpfen
          • ihre Kreativität inspiriert mich, ich lerne viel Neues kennen, in manchen Momenten fühlt es sich an als lebt sie das aus, was ich in mir habe und weckt meine Sehnsucht nach mehr
          • wie ich ging sie durch viele ungesunde Beziehungen, ihre Angst nicht geliebt zu werden kenne ich – die profunde Angst von uns allen.
          • sie hat gute Menschen um sich und mag es, mit Fremden zu sprechen, gibt mir das Gefühl, dass ich vom Süden vermisse: dass wir alle verbunden sind, dieselben Gefühle teilen, sie sieht das Gute im Menschen. Ich habe genug von all dem oberflächlichen Denken und Handeln, schnellen Urteilen.
          • sie zeigt mir eine bis dahin unbekannte Welt – ich lasse mich treiben

          zwei meiner Lieblingsbilder von Robyn:

          An meinem letzten Tag will ich nach Lunenburg, doch mit einem Blick aus dem Fenster am frühen Morgen ist klar, dass es heute nicht aufhören wird zu regnen. Daher nehme ich mit Robyn die Fähre nach Halifax, setze mich für den Vormittag in die Bibliothek, erledige ein paar Dinge in der Stadt und besorge Zutaten fürs Abendessen, wobei ich versuche möglichst im Trockenen zu bleiben. Robyn holt mich im Mietwagen ab und ich begleite sie zu einem Treffen mit einer Arbeitskollegin, wo wir unser erstes Bier bestellen.

          Ich koche unser letztes gemeinsames Essen, irgendwann fallen wir müde in die Kissen und ich schlafe zum ersten Mal seit Ewigkeiten tief und fest. Der Wecker klingelt noch vor sechs Uhr, wir kommen nicht aus dem Bett – eine Stunde später sind wir innerhalb von fünf Minuten frisch und auf dem Weg zum Flughafen.

          Wir umarmen uns mehrmals fest, mein Herz wird schwer, Robyn hat mich tief berührt und mir viel Liebe und Vertrauen geschenkt. Ich weine auf dem Weg zurück nach Montreal.

          I am learning to say Yes, to be daring and spontaneous, to hurl myself into people and places and moments without hesitation or second-guessing myself – to challenge my anxieties, to confront my fears, to trust unwaveringly in chance and fate to lead me to where I am supposed to be. – Beau Taplin. The Yes Man

          Ich lerne ja zu sagen, mutig und spontan zu sein, mich in Menschen, Orte und Momente zu werfen ohne zu zögern oder mich zu hinterfragen – mich meinen Ängsten zu stellen, unerschütterlich in Chance und Schicksal zu vertrauen um mich dahin zu führen wo ich sein soll.

          Letzte Wochen in Montreal, Wendepunkte, Abschiede

          08 Juli – 02 August, 09 – 17 August 2017

            Die Arbeit im Restaurant geht mir mittlerweile leicht von der Hand: vier Gäste mit ihren individuellen Wünschen zu bedienen mit Entrée, Hauptgang, Weinempfehlung – behalte ich alles im Kopf, muss nichts notieren. Für ein paar wenige Wochen sind wir ein eingespieltes festes Team, das nicht viele Worte benötigt, wir arbeiten Hand in Hand, unterstützen uns gegenseitig. Doch der Frieden währt nicht lange: extrem verzögerte Bezahlung, die erste Barkeeperin kündigt, der Unmut wächst, Frustration, da wir alle unser Bestes geben; dazu Ausreden, gemischt mit Unehrlichkeit – um es kurz zu machen: ich bin gespalten, was mein Verhältnis zu unserem Chef angeht: spüre auf der einen Seite sein gutes wohlwollendes Herz, auf der anderen scheint er viel Ärger am Hals zu haben und das Vertrauen in ihn schwindet unter seinen Mitarbeitern. Ich kündige an, nach meinem Trip zur Hochzeit relativ schnell Montreal zu verlassen; will er nicht wahrhaben. 

            Ich fühle mich gesegnet ein Leben abseits der Norm führen zu können. Im Restaurant treffe ich viele interessante Menschen, die Gäste strahlen, wenn sie mich sehen, manche wollen mich überzeugen als Barkeeperin zu arbeiten. Ich knüpfe Kontakte, erlebe wie es ist, wenn man wo neu anfängt, Freunde findet, die schönen Ecken einer Stadt für sich entdeckt.

            Für viele Menschen ist Montreal ein Ort, wo sie bleiben möchten. Ich dagegen werde immer unruhiger, verbringe schlaflose Nächte, Insomnia, könnte länger bleiben um mehr Geld zu verdienen, spüre aber, dass mich das nirgends hinführt. Im Hinterkopf arbeitet es pausenlos: 

            Wie will ich mein Leben gestalten? Womit möchte ich mich jeden Tag beschäftigen? Wo gehöre ich hin?

            Es ist definitiv an der Zeit, aufzubrechen – ich habe genug gelernt hier, bin mit Eric im Reinen, blicke neugierig auf die Weiterreise, von Heimweh keine Spur. Endlich buche ich folglich meinen Flug auf Prince Edward Island, wo die Hochzeit stattfindet (dazu mehr im nächsten Beitrag) und außerdem mein Ticket zu Carola nach Virginia. Die letzten Wochen hier in Montreal sind somit gezählt und die Zeit wird knapp, all das noch zu erleben, was und wer mir wichtig ist: 

            • Zwei Wochen vor Kirstens Hochzeit steht die Bachelorette Party an, unser Programm: Nail Salon, Essen bei ihrer Freundin im Hinterhof mit obligatorischem Peniskuchen, Karaoke-Bar, und zum Abschluss Stripclub 281: ich bin ja abgebrüht, aber das sind definitiv zu viele Penisse hier! Diese werden dann auch noch in einer Art präsentiert, als wäre es eine Leistung, die Applaus verdient, das gute Stück zu zeigen. Finde dass plump und vulgär – wo bleibt der Stil, die Vorstellungskraft?
            Bachelorette day
            • An einem Sonntag bin ich zum Lunch mit Luis verabredet: ein älterer Herr, Argentinier, Gast im Restaurant, wir unterhalten uns jedes Mal auf Spanisch, was ich genieße. Er holt mich im Taxi ab, wir spazieren durch die Altstadt, er ist langsam auf den Beinen, dann Essen und Wein im Nelligan Hotel Restaurant. Er erzählt mir seine Lebensgeschichte und was ihn damals nach Canada gebracht hat. Wachsam werde ich, als er mir Komplimente für meine schönen Beine macht. Als wir später an der Straße auf ein Taxi warten, bedankt er sich für den schönen Mittag und würde dies gerne wiederholen – ohne Vorwarnung drückt er mir einen Kuss auf den Mund! Ich bin zu perplex um klarzustellen, dass er hier an der falschen Adresse ist. Zwei weitere Männer, mit denen ich mich hier gut verstehe, geben mir in diesen Wochen eindeutige Zeichen, dass sie mehr Interesse an mir haben – was ist nur los mit den Männern? Kann man nicht auch einfach mal befreundet sein? Ich bin wohl definitiv zu naiv.
            • Mit Many, meiner Bekanntschaft aus dem Club, gibt es keine Missverständnisse: wir verbringen nette Stunden, nicht mehr und nicht weniger. Er verfolgt die Idee für das „zweite Leben“, wie er es nennt, sprich den Ruhestand zu arbeiten – nein, wir zwei kommen nicht auf einen Nenner.
            • Aishah organisiert ein Barbecue für mich, um mich zu verabschieden. Den ganzen Samstag steht sie in der Küche, macht vegane Burger, Salate, Falafel und mehr. Von meiner Seite kommen Housnia und Deepak, die restlichen Gäste sind Aishah’s Freunde und alle auf ihre Art ganz weit weg vom Durchschnittsbürger, was ich total spannend finde. So wie ich beim Reisen nach dem Fremden suche, interessieren mich Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten, anderen Lebensarten und Sichtweisen – das ist genau das, was die Welt so schön bunt macht – und doch teilen wir alle dieselben Emotionen, sind verletzlich und sehnen uns nach Liebe.
              Goodbye Barbecue
            • Benjamin und Brigitte: wir treffen uns in den letzten Wochen noch so oft wie möglich und jedes Mal genieße ich jeden Moment mit den beiden – Wohlfühlfaktor ganz oben! Benjamin’s Blick auf die Welt ist einfach immer wieder inspirierend für mich. Vielleicht reise ich ja gar nicht um etwas zu finden, sondern einfach nur weil es schön ist, because that’s who I am. 
            • An meinem letzten Sonntag besuche ich die beiden zum Lunch und anschließend fahren wir spontan zur momentan angesagtesten Eisdiele Kem Coba im Stadtviertel Mile End. An sonnigen Wochenenden wie heute wartet man da schon mal eine halbe Stunde um dann zu wählen zwischen Sorten wie Himbeer-Lychee mit Rosenwasser, Dulce de leche- Mango oder Coconut-Orange.

              wir stehen Schlange für die beliebteste Eiscreme der Stadt bei Kem Coba

              Danach zeigen mir Benjamin und Brigitte noch die Bäckerei Guillaume um die Ecke. An der Theke liegen aufgeschnittene Teile zum Probieren. Während Brigitte bestellt, machen Benjamin und ich uns über das Tablett her – megalecker! bis Brigitte uns auf die Finger haut – hinter ihrem Rücken schnappen wir uns noch ein letztes Teil und schmunzeln uns verschwörerisch an. Brigitte schüttelt nur noch den Kopf.  

              • Ich lasse mich von den beiden an der Metro absetzen, da Piknic Électronik auf der Insel Jean-Drapeau schon ewig auf meiner Liste steht: eine Elektroparty, die jeden Sonntag Nachmittag stattfindet und Liebhaber der elektronischen Musik finden sich dort zusammen um in den Sonnenuntergang zu tanzen. Quasi wie der Hafenstrand in Mannheim, nur mit wesentlich mehr Platz. 

              Piknic Électronik

              Auch wenn ich jetzt gerne Freunde um mich hätte und der DJ fast einen Tick zu hart für meinen Geschmack auflegt, tanze ich zwei Stunden für mich, schalte ab und als die Sonne schon hinter dem Horizont verschwunden ist, mache ich mich auf den Heimweg.

              • Rubin Goldbaum, mein Zahnarzt hier, den ich mit seiner Frau im Restaurant kennenlernte, lädt mich zum Abendessen ein, was schon länger geplant war. Seine Frau ist leider gerade beruflich unterwegs und kann nicht dabei sein. Rubin ist ein guter Zuhörer und stellt mir wie gewohnt sehr persönliche Fragen, die mich zwingen, laut auszusprechen, was mir in den letzten Wochen durch den Kopf schwirrt: was kommt als nächstes? wo will ich sein? was will ich (nicht) von einem Partner, wenn es dazu kommt? wer interessiert mich? was ist mir wichtig? Er erzählt, dass er jahrelang auch hohe Ansprüche ans Leben hatte, aber irgendwann Frieden gefunden hat und dankbar ist für die Menschen, die ihn umgeben.
              • Eric und ich treffen uns noch ein letztes Mal an einem der letzten Abende auf einer Terrasse – ist mir wichtig, ihn zu sehen, denn trotz all den leidvollen Momenten hat die Erfahrung mit ihm mich geprägt und wachsen lassen. Ich schätze ihn nach wie vor sehr. Er erzählt von seinem neuen Job, den er nächsten Monat beginnt, er blickt positiv in die Zukunft, wirkt geheilt – ich fühle bei dieser Beobachtung einen tiefen Frieden zwischen uns. Als wir dann in dieser lauen Sommernacht an der Straße vor seinem Eingang stehen, umarmen wir uns mehrmals fest. Mit ein paar Tränen in den Augen steige ich auf mein Rad und trete in die Pedale.

              Mein letzter Tag bricht an. Bei der Arbeit haben sich einige von mir abgewendet, weil ich entschieden habe ehrlich zu sein und nicht mitzuspielen bei dem Drama um Heimlichkeiten. Es lohnt nicht wirklich, euch ins Bild zu setzen, denn die Welt hat bedeutendere Themen. Was ich jedoch aus dieser Erfahrung lerne: viele Menschen trauen sich leider nicht, ihre wahren Gefühle zu zeigen, schließen einen aus, wenn man gegen den Strom schwimmt und einfach nur ehrlich ist, verteufeln einzelne Personen, weil es so einfach ist in schwarz und weiß zu denken, sind nicht bereit, die vielen Facetten wahrzunehmen.

              Den Abend verbringe ich mit Aishah bei Wein und indischem Essen, wir drücken beide aus wie dankbar wir für unsere Begegnung sind. 

              Nach wieder einmal tiefsinnigen Gesprächen und einer innigen Umarmung muss ich los zu Benjamin und Brigitte. Meine letzte Nacht in Montreal schlafe ich dort, da Brigitte mir angeboten hat, mich am Morgen zum Flughafen zu bringen. So beginnt und endet meine Zeit in Montreal mit den beiden, was diesem Abschnitt meines Lebens einen schönen Abschluss gibt.

              Fundamentally we all want the same thing: we want to love. we want to be loved and we want to matter. – Hill Harper 

              Im Grunde wollen wir alle dasselbe: lieben und geliebt werden.