Besuch in der Heimat – Ich freu mich wie ein Schneekönig!

22 Dezember 2018 – 16 Januar 2019

Schon lange hab ich mich nicht so auf zuhause gefreut wie heute. Mehrere Listen habe ich über die letzten Wochen angelegt: was will ich Sherry zeigen, was muss sie auf jeden Fall sehen und erleben, Freunde, die ich treffen will, Bürokratisches, was erledigt werden muss. Die Listen sind lang und somit einige Tage durchgetaktet. Dabei mit den Freunden abzustimmen, wer wann Zeit hat, ist bei so begrenzter Zeit nicht ganz leicht.

Am Flughafen in Halifax läuft alles reibungslos und während wir auf unseren Abflug warten, stoßen wir mit einem Glas Wein auf den Beginn unserer gemeinsamen Reise an.

Zwölf Stunden später, 7:29 Uhr, Flughafen Frankfurt: Wir rollen unsere Koffer durch die automatischen Schiebetüren und ich erspähe meinen Bruder Baldi sofort unter den wartenden Menschen – er sieht gut aus! Wir fallen uns in die Arme – mein Herz springt, ich hab ihn vermisst. Ich stelle Sherry vor, die beiden haben sich schon ein paar Mal während unserer regelmäßigen Videotelefonate gesehen.

Unser Tag beginnt mit einem Brunch bei Freunden von Baldi in Mannheim: Gutes deutsches Frühstück mit lecker deutschem Brot, veganen Pfannkuchen, Obstsalat, Brotaufstrichen und mehr – nach der langen Reise perfekt. Baldis Freunde sind herzlich und aufgeschlossen, wir erzählen, essen, lernen uns ein bisschen kennen. Jeder bemüht sich, Englisch zu sprechen. Sherry schaut mich immer wieder amüsiert an, wieviel ich esse – bei dem Traum von Frühstück muss ich zuschlagen. Später erzählt sie ihren Freunden, wie erstaunt sie über das riesige Brunch war und die damit verbundene Geselligkeit – das kann sich oft schon mal ein paar Stunden ziehen.

Pappsatt geht es weiter zu unserem Bruder David und Frau Marina. Die beiden und ihre kleine Tochter Sansa zu sehen gibt mir sofort ein warmes Gefühl – genau das hat mir gefehlt. Nach einer kurzen Dusche machen wir uns alle gemeinsam auf nach Deidesheim in der Pfalz. Dort gibt es einen schönen Weihnachtsmarkt und heute ist der letzte Tag – ein deutscher Weihnachtsmarkt ist ein Muss auf der Sightseeing-Liste.

Weihnachtsmarkt Deidesheim

Bevor wir den eigentlichen Markt erreichen, machen wir Halt im Weingut Bassermann und Jordan, David braucht Wein. Der Stop artet zu einer kleinen Weinprobe aus und wir gehen beschwingt weiter, nachdem David sich mit ein paar Flaschen eingedeckt hat. Leider spielt das Wetter nicht mit und der Regen lädt nicht zum Schlendern ein. Nach ein paar Minuten auf den gepflasterten Wegen (wir halten an ein paar typischen Hütten mit Lebkuchen, handgemachten Kerzen und was man hier sonst immer so findet) entscheiden wir daher, im Deidesheimer Hof einzukehren – bei dem Blick auf die Karte muss ich schmunzeln: deutsche Hausmannskost – Sherry bestellt Handkäs.

Deidesheimer Hof: Baldi und David mit der kleinen Sansa

So schön es sich anfühlt im Kreis von Familie, neigt sich der Nachmittag dem Ende und wir müssen weiter: meine Freunde Rainer und Vera auf der Parkinsel in Ludwigshafen erwarten uns, die Basis für meine Besuche in der Heimat. Über die letzten sieben Jahre, so lange kenne ich die beiden ungefähr, hat sich eine tiefe Verbundenheit und bedingungsloses Vertrauen zwischen uns entwickelt. Mit ihnen fühle ich mich immer gut aufgehoben, ich schätze ihre Fürsorge, ihre Einschätzungen und Ansichten, mag die klaren Ansagen und beneide sie um ihre Fähigkeit, geradlinig Entscheidungen zu treffen. Als ich die beiden dann sehe, ihre Stimmen höre, ihnen in die Arme falle, gehts mir rundum gut.

Bevor wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen, findet das jährliche Weihnachtskonzert in der naheliegenden Kirche statt. Mittlerweile sind wir schon an die 24 Stunden wach. Die Blasmusik ist gut, hat bei unserem Schlafmangel jedoch eine einschläfernde Wirkung, Sherry nickt mehrmals ein. Der Fußweg nach Hause weckt uns wieder auf, dort warten Paul (Rainers Sohn), Thai-Curry und guter deutscher Wein. Meine Müdigkeit ist komplett verflogen, es gibt zu viel auszutauschen.

Plätzchen, Marzipan, Eierlikör – muss alles gekostet werden

Sherry verabschiedet sich gegen zehn ins Bett, bis jetzt hat sie ganz tapfer durchgehalten (ich muss mir noch lange von vielen Seiten anhören, dass ich ihr für den ersten Tag ein strammes Programm zugemutet habe). Mit Rainer und Vera sitze ich noch eine ganze Weile da, genieße ihre Gegenwart und fühle mich zuhause. Es muss nach Mitternacht sein, als ich neben Sherry unter die Decke schlüpfe und zufrieden in einen tiefen Schlaf falle.

Am nächsten Morgen wache ich gegen neun Uhr auf, heute ist Heiligabend. Im Haus ist es noch still. Freie Morgende sind hier heilig. Vera und Rainer schlafen gerne aus und genießen dann Kaffee und Zeitung im Bett. Nach einem gemütlichen Frühstück fährt Vera uns nach Mannheim, wo wir Davids Schwester Meike und Frau Diana treffen, die beiden stellen mir die ersten zwei Wochen ihr Auto zur Verfügung. Wir umarmen uns innig und ich werde wie gewohnt mehrmals abgeknutscht – meinem Herz gehts gut! Dann geht’s heim zu Mama. Die Autobahnfahrt von Mannheim nach Sinsheim weckt viele Erinnerungen, ich kenne die Strecke in- und auswendig.

Mama mal wieder im Arm zu haben tut richtig gut. Meine Schwester Ellen begrüßt mich stürmisch, Bruder Manu ist auch schon da, nach und nach trudelt der Reist ein. Siebzehn Personen werden wir heute sein, normale Größe bei uns. Für Sherry muss es überwältigend sein so viele für mich wichtige Menschen auf einmal kennenzulernen. Wie die meisten Familien haben auch wir unsere Bräuche, Abläufe und Traditionen an Weihnachten (mehr nachzulesen im Beitrag vom letzten Jahr). Dazu gehört, dass wir nach dem Essen singen.

Schon seit Wochen bereite ich Sherry darauf vor, dass auch sie singen muss – und zwar allein, zumindest eine Strophe. Zugegeben gibt es die Tradition noch nicht sehr lange, aber da wir einen heiden Spaß hatten als mein Exfreund Eric der erste war, dem wir diese Geschichte verkauften, haben wir dran festgehalten: wer das erste Mal Weihnachten mit uns verbringt, muss alleine singen. Dieses Jahr müssen auch Annes Freund Philipp und Onkel Werner ran. Philipp will sich erst rausreden mit der Erklärung, er sei Heide und kenne keine Weihnachtslieder. Ich kommentiere: ganz billige Ausrede und Anne soll mal besser mit ihm üben. Er und Werner wählen jeweils eine Strophe aus ‚Alle Jahre wieder‘, Ellen begleitet am Klavier – sie ist die einzige von uns, die sich wenigstens noch an diesem einen Abend im Jahr an die Tasten wagt.

Ich werde gefragt, was Sherry denn nun singt und muss sagen, ich habe keine Ahnung, denn sie hat nicht damit rausgerückt. So wie ich sie kenne, hat sie sich allerdings wie immer was Spezielles ausgedacht. Zudem muss sie ohne Klavierbegleitung auskommen, da sie Lieder im Sinn hat, die Ellens Repertoire übersteigen. Sie verschwindet kurz nach oben in unser Zimmer und ich meine zu den anderen, es würde mich nicht wundern, wenn sie im Rentierkostüm zurückkommt. Ganz daneben liege ich nicht, denn sie trägt Rentiergeweihe in den Händen! Ganze siebzehn Stück! – und ich frag mich seit Wochen, warum sie sich dauernd vergewissert hat, wie viele Personen wir nun heute abend sein werden; und wie hat sie die bitte alle in den Koffer bekommen?? Jeder muss eins aufsetzen – wir lachen uns schlapp, Mama und Papa sehen zu komisch aus! Mama sagt, Sherry muss gar nicht mehr singen, wir haben so schon Spaß genug.

Aber natürlich zieht sie durch und singt eine abgeänderte Version von „Twelve Days of Christmas“, für den Refrain stimmen alle mit ein, keiner kennt das Lied, hört sich daher etwas holprig an, aber alle machen mit – gelungene Einweihung. Es folgt die Bescherung, die wir jedes Jahr zelebrieren und dann einfach zusammen sitzen und die Anwesenheit aller genießen.

Zuhause zu sein fühlt sich gut an. Die Feiertage verbringen wir gemütlich. Ich stehe dennoch relativ früh auf, genieße die Gespräche am Morgen mit Mama und gehe eine Runde durch die Felder joggen.

Papa hat sieben Geschwister, Mama einen Bruder. Fast alle Onkels und Tanten haben mehrere Kinder und einige davon jetzt auch schon Nachwuchs. Bis auf einen von Papas Brüdern sind alle Familien entweder im selben Dorf wie wir geblieben oder nur wenige Kilometer weiter gezogen, was bedeutet, dass wir mit den meisten unserer Cousins und Cousinen fast geschwisterlich aufgewachsen sind und bis heute ein sehr inniges Verhältnis in der Familie pflegen. Quasi jeden Monat steht irgendein Geburtstag oder Familienfest an. Heute ist mir mehr denn je bewusst, was für ein eingeschweißter Kreis wir sind und wie selten das heutzutage ist. Ganz traditionell findet am zweiten Feiertag ein Gansessen bei einer von Papas Schwestern und Familie statt und ich sehe endlich mal wieder einige unserer Cousins – Familie, die füreinander da ist und sich vertraut. Neben der Gans gibt es Rotkraut und hausgemachte Semmel- und Kartoffelknödel, für Sherry etwas bisher Unbekanntes. Ich bin amüsiert wie meine Tanten ihr in aller Geduld und mit erstaunlich gutem Englisch erklären, wie man Knödel zubereitet. Gerne würde ich noch länger bleiben, doch wir sind zum Abendessen und Übernachtung bei Marina und David verabredet. Meike und Diana müssen kurzfristig absagen, da es Meike nicht gut geht, aber Baldi kommt dazu. Ein gemütlicher Abend rundet Weihnachten ab.

Am 27. sind die Läden wieder geöffnet und wir verbringen ein paar Stunden mit Bummeln in Mannheim. Ich zeige ihr einen Ausschnitt von der Stadt, in der ich vierzehn Jahre lebte bis ich 2016 nach Brasilien aufbrach.

Planken in Mannheim

28.Dezember: Heidelberg muss sein – Altstadt, Schloss, Untere Straße und Melonenschnaps – der schmeckt Sherry so gut, dass sie noch einen zweiten will.

Destille in Heidelberg
auf der Alten Brücke. Schloss Heidelberg im Hintergrund

Gegen Abend fahren wir nach Frankfurt zu meiner Freundin Eva – das Wochenende ist reserviert für sie und Franzi, die beide dort leben. Wir verbringen den ersten Abend zuhause, fühlt sich wieder an als wäre ich kaum weg gewesen.

Den Samstag beginnen wir im Harley Store, Sherry findet ihr Shirt mit Frankfurt- Aufdruck und mehr. Stadtspaziergang mit Eva und Dinner zusammen mit Franzi im Restaurant Ginko.

Franzi kommt mit Sebastian und Sohn Hektor am Sonntag zum Brunch. Meine Freundinnen mit den Kindern zu sehen, hält mir vor Augen wie die Zeit vergeht: ihre Kinder werden größer, das Leben schreitet voran. Ein Gefühl von Traurigkeit überkommt mich: ich habe nicht genug Zeit mit allen. Jeder Abschied ist begleitet vom Bewusstsein, dass der Zeitpunkt des nächsten Wiedersehens ungewiss ist.

Wir machen uns auf den Weg zurück nach Mannheim, ich will mir die neue Kunsthalle anschauen. Danach bei Baldi vorbei in meine Wohnung, die Post der letzten zwölf Monate durchgehen. Dinner im Lido, ein beliebtes Café in der Schwetzinger Vorstadt.

Café Lido

31.Dezember, Silvester: Lunch im Memoires d’indochine.

Lange stand offen, wo wir ins neue Jahr feiern. Je näher der Termin rückte, desto offensichtlicher wurde, dass die meisten meiner Freunde es dieses Jahr ruhig angehen oder verreist sind. Spontan entscheiden wir an einem Abend noch bevor wir in Deutschland sind, unser eigenes Ding zu machen und buchen uns ins Hotel Radisson Blue in Mannheim. Mir gefällt der Gedanke sofort, hier ins neue Jahr zu feiern. Nach gemütlichem Frühstück mit Rainer, Vera und Paul checken wir ein, besorgen Sekt zum Anstoßen und machen es uns dann im Hotel etwas gemütlich bevor wir uns für den Abend rausputzen.

Unser Dinner im Restaurant „Kleiner Rosengarten“ wird zum absoluten Reinfall. Der Service ist so schlecht, um nicht zu sagen nicht existent, dass wir glauben im falschen Film zu sein. Von allein gelassen werden über falsches Essen bis hin zu keine Nachfragen, kein Wein nachschenken – alles dabei. Wir nehmen es mit Humor, ich beschwere mich bevor wir gehen – stößt auf Erstaunen. Im Nachhinein hätten wir einfach gehen sollen ohne zu bezahlen – wir fühlten uns so unsichtbar, das hätte keiner bemerkt. Auf dem Rückweg zum Hotel halten wir im „Café Klatsch“ um zu sehen, was dort los ist – aber alles männlich – ein Getränk und weiter. Wir schnappen den Sekt und begeben uns zum Feuerwerk auf die Dachterrasse. Sherry ist ganz baff, wie lange hier geballert wird.

Happy New Year

Neujahr 2019: Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel machen wir uns auf in die Thermen & Badewelt Sinsheim – eine Wellness-Oase mit tropischem Klima, Glasdach, riesigen Palmen und verschiedenen Themensaunen. Laut Guiness World Records ist die Koi-Sauna die größte der Welt – definitiv einen Besuch wert. Ich bin etwas verkatert, da ist so ein entspannter Tag genau das Richtige. Etwas Vergleichbares gibt es in Kanada meines Wissens nicht und bei meiner Beschreibung ist Sherry geschockt, dass man im Saunabereich keine Kleidung tragen darf – entweder ganz nackt oder mit Handtuch. Je näher der Tag rückt, desto nervöser wird sie. Als wir dann in der Umkleide stehen, wiederholt sie mehrmals: „I can’t believe I’m doing this!“ Wir starten im Poolbereich, wo mein Bruder an der Bar arbeitet und uns einen Cocktail reicht. Nach etwas Planscherei hier führe ich Sherry in den gefürchteten Bereich und komme den ganzen Tag nicht mehr aus dem Grinsen heraus: Ihr Gesichtsausdruck beim Anblick all der nackten Körper lässt mich meinen Kater ganz schnell vergessen. Trotz ihres Unbehagens zieht sie mit und folgt mir, zunächst geklammert an ihr Handtuch, von Dampfbad mit Salzpeeling über verschiedene Themensaunen hin zu Außenbecken und Gemeinschaftsdusche – auf ganz unterschiedliche Weise ein unvergessliches Erlebnis für uns beide.

Bevor wir uns auf den Rückweg nach Ludwigshafen begeben, halten wir bei meinen Eltern, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen – eine Angewohnheit für den Neujahrstag: entweder ein Anruf oder Besuch bei den Eltern.

02.01: Spaziergang in der Sonne am Rheinufer, meine alte Laufstrecke – Sherry hat Asche ihres verstorbenen Bruders mitgebracht und lässt ein wenig von ihm hier im Fluss.

Rheinufer Mannheim

Am Abend besuchen wir meine Freundin und Englisch-Kollegin Anja. Für Sherry bedeutet das zum ersten Mal perfekte Kommunikation, seit wir hier sind – das tut ihr gut!

Generell macht sie ohne Ausnahme alles ohne Murren mit, zeigt sich in jeder Situation verständlich. Meine Freunde beziehen sie ein so gut es geht, manchmal passiert es aber eben doch, dass wir ins Deutsche wechseln. Da sie bei der Planung unseres Trips direkt erkannte, wie knapp die Zeit für mich sein würde, schlug sie vor, eine Woche alleine auf eigene Faust zu reisen, um mir Freiraum zu geben – und wenn sie schon mal in Europa ist… Sie plant Paris und Nizza. Da wir kaum Zeit zu zweit haben, reservieren wir außerdem drei Tage für uns – ein Kurztrip nur für uns zwei. Wir entscheiden uns für Amsterdam, da ich es dorthin selbst noch nie geschafft habe.

Während meiner Recherche stolpere ich über Haarlem, was oft als klein Amsterdam beschrieben wird. Erfahrungsberichte online lesen sich durchweg positiv und die Nähe zum Meer ist verlockend. Nach Amsterdam kommt man von dort mit dem Zug ganz easy in zwölf Minuten – unsere Wahl ist getroffen. Ganz ohne Navi kommen wir problemlos in Haarlem an und begeben uns nach dem Check-in bei unserem Airbnb-Gastgeber direkt auf Erkundungsspaziergang. Die Stadt macht sofort einen charmanten Eindruck: enge Gassen, Pflasterstein, kleine Cafes, ein Bachlauf umrundet den Stadtkern.

Sonnenuntergang in Haarlem

Wir machen halt in der lokalen Brauerei, die in einer alten Kirche beherbergt ist.

Den nächsten Tag verbringen wir in Amsterdam. Als wir am Gleis auf den Zug warten, fragt Sherry mich, was die Zahlen auf der Anzeige bedeuten – Gleis, Wagennummer und so weiter, scheint ihr alles völlig fremd. Ich frage, bist du noch nie Zug gefahren oder wie? Mit fast hilflosem Blick entgegnet sie: seit ich siebzehn bin, hatte ich mein eigenes Auto. Ich runzle die Stirn: das kann ja heiter werden, du eine Woche allein mit Bus und Bahn!

Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen, steuern die interessantesten Stadtviertel an, Bootsfahrt, Rotlichtviertel und Dinner im veganen Restaurant „Mr & Mrs Watson“. Die vegane Käseplatte enttäuscht nicht.

Tag drei: wir fahren nach Bloemendaal ans Meer. Ich bin überrascht, wie schön der Strand hier ist. Erinnert mich ein bisschen an den Atlantik in Frankreich, dort ist genauso viel Platz. Sherry lässt ein bisschen Luke hier.

Wir halten auf ein Getränk am Strandrestaurant. Shopping in Haarlem, Dinner und Absacker in uriger Kneipe.

Wenn wir alleine sind, zeigt sie sich gewohnt quirlig. Da wir die meisten Abende mit Rainer und Vera verbringen, taut sie mit den beiden am schnellsten auf. Wie nicht anders erwartet, mag sie jeder sofort gern. Ich fühle mich nach wie vor zerrissen, sehe unsere verschiedenen Hintergründe, unsere jeweilige Verbundenheit zur Heimat. Da scheint es schwer auf einen Nenner zu kommen. Sie sieht, dass ich in Halifax nicht glücklich und oft launisch bin, hält sich dementsprechend emotional zurück, warum sollte sie sich auch ganz öffnen, wenn ich so verschlossen bin (was mir oft gar nicht bewusst ist). Ich scheue mich vor einer Entscheidung, habe viel in der Hand, was mich auf gewisse Weise ängstigt.

Nach unserer dritten Nacht in Haarlem ist es soweit und ich setze Sherry am Bahnhof ab, was sich anfühlt wie eine Zehnjährige alleine in den Zug zu setzen. Eine feste Umarmung, ein Kuss und sie geht durchs Drehkreuz, blickt nicht zurück – wird schon alles gutgehen. Alleine begebe ich mich auf den Weg zurück nach Mannheim – komisches Gefühl, wir waren noch nie wirklich getrennt.

In Mannheim halte ich auf einen Kaffee bei Jeannette, meiner früheren Nachbarin. Dann folgen sieben Tage, die ich vollpacke mit vielen schönen Wiedersehen, die mich in viele kleine und große Glücksmomente versetzen. Ich bin nonstop unterwegs und fühle mich unendlich reich all diese tiefen Freundschaften zu haben.

Ich starte die Woche mit meinem Bruder Baldi und einem Besuch in Bayreuth, um unsere verbliebenen leiblichen Verwandten zu treffen. Wir hören mehr Geschichten über unsere leibliche Mutter und die Autofahrt bietet Gelegenheit für tiefsinnige Gespräche zwischen Geschwistern.

Dienstag tagsüber Stadt, abends Treffen mit den Volleyballern. Mittwoch früh Zahnarzt, Nachmittag mit Freund Matthias, Abend bei Freundin Annette. Donnerstag ist Vanessa dran, ich nenne sie auch meine Fitnessfreundin, da wir uns im Fitnessstudio Pfitzenmeier kennenlernten, wie die Wilden zusammen trainierten und schnell eine innige Freundschaft entwickelten. Zum Abend bin ich zurück bei Rainer und Vera und erzähle von unseren Tagen in Holland. Freitag besuche ich meinen ehemaligen Arbeitsplatz und werde wie letztes Jahr herzlich empfangen, später Mädelsabend mit Marina, Meike und Diana. Samstag Stadt mit Rainer, Vera und Steffi, Kaffee bei meiner Heilpraktikerin Esther, abends Heidelberg mit Freunden Franzi und Eva (nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Freunden in Frankfurt). Mit den beiden verbinden mich Urlaube in Frankreich, Aufwachsen in derselben Heimat und Leben in Mannheim. Zufällig treffe ich auf einen ehemaligen Schüler, der sich kaum einkriegt, mir hier über den Weg zu laufen, mir gehts ganz genauso.

mit Franzi und Eva im Restaurant „Hans im Glück“

Am Sonntag Schwester Veronica, Mama, ehemalige Schülerin Johanna und ihre Eltern.

So schnell verstreichen sieben Tage und am darauffolgenden Montag hole ich Sherry vom Bahnhof in Mannheim ab. Ihr Bus ist zwei Stunden zu spät und ich werde fast ein wenig nervös. Als ich sie dann erschöpft aus dem Bus steigen sehe, bin ich erleichtert.

Wir kehren bei meinem Lieblingsitaliener ein, besuchen David in seinem Laden und verabschieden uns von Meike und Diana. Einkaufen fürs Abendessen und zurück zu Rainer und Vera. Sherry kocht an diesem letzten Abend ihre berühmten Spaghetti. Außerdem gesellt sich Veras Bruder Micha zu uns, der auf dem Heimweg Richtung Mosel hier einen Stopp über Nacht einlegt und alle Zutaten für verhängnisvolle Rum-Cocktails im Gepäck hat. Ich brauche jetzt endgültig eine Alkoholpause.

Am Dienstag ist es Zeit abzureisen. Innerlich widerwillig packe ich alles zusammen. David holt uns ab, sammelt Marina und Sansa ein und los geht’s nach Frankfurt. Abschied von Marina und David, wir checken ein in unser Hotel in der Nähe des Flughafens für die letzte Nacht. Eigentlich wollte ich an diesem letzten Abend nochmal Franzi und Eva in Frankfurt treffen. Doch vom Hotel in die Stadt zu kommen, ist ein ziemlicher Aufwand und morgen müssen wir um vier Uhr in der Früh aufstehen. Ich sage beiden ab und wir telefonieren stattdessen. Franzi weint am Telefon. Die Entfernung zwischen uns ist für sie schlimmer als mir bewusst war. Eva bringt mich ihrerseits fast zum Weinen mit ihrer treffenden Einschätzung über mich.

Zurück in Halifax. Sherry’s Mutter Beverly holt uns ab und Sherry freut sich, wieder zuhause zu sein. Auf der Heimfahrt vom Flughafen quatschen die beiden und meine Gedanken schweifen ab: ich bin nicht gut drauf und vermisse die Heimat jetzt schon – das schwere Herz ist zurück. Spüre Aufbruch, Lust nach Neuem. Dazu kommt die Müdigkeit von der Reise. Der Kontrast ist extrem und trifft mich hart. Gestern noch umgeben von zig Freunden und Familie, in der Stadt, alles in der Nähe. Jetzt wieder im ruhigeren Halifax und abgesehen von Sherry nicht viel Gesellschaft um mich.

Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier. Es hat seinen Platz – immer bei dir. – Trude Herr

Der Winter zieht ein – es wird kalt und grau

Oktober – 21 Dezember 2018

Mit der Rückkehr des Winters hier wird es still, die Leute scheinen sich zuhause einzuigeln und verfallen, wie sie selbst sagen, in eine Art Winterschlaf. Konkret bedeutet dies, dass sich Freunde wesentlich weniger treffen, manche komplett von der Bildfläche verschwinden oder aber im Süden (Florida oder Mexico) überwintern. Die Wetterbedingungen erschweren an manchen Tagen die Bewegung im Freien, Gehwege können vereist sein, -10 Grad Celsius fühlen sich mit Wind schnell mal wie über -20 an. Meinerseits führt dies zu mehr einsamen Momenten und einmal mehr spüre ich, wie sehr ich ein großes und enges soziales Umfeld für mein inneres Gleichgewicht brauche. Ich vermisse mein Leben in Mannheim, meine geliebten Orte dort, Cafés, Restaurants, die Entwicklung der Stadt zu erleben; nach wie vor verfolge ich einiges auf Facebook. Mir fehlen meine Routinen, der intensive Sport, Aktivitäten mit Freunden und Familie, Geburtstage oder einfach Zeit mit meinen Geschwistern und Eltern. Jeden Morgen mit dem Aufwachen ist dieses Gefühl präsent. Der Alltag hier hat mich im Griff.

Sherry’s Küche am Hafen. Sundae ist immer mit am Start

Enge Beziehungen wachsen aus gemeinsamen Erfahrungen – gemeinsam lachen und weinen, geteilte Momente. Teil sein des Lebens des anderen.

Auf der anderen Seite ist da Sherry. Alles läuft entspannt natürlich mit ihr. Ihre Gegenwart tut mir gut und ich finde es spannend, sie immer näher kennenzulernen. Wir sprechen über die nächste Zeit und sie schließt mich gedanklich in all ihre Pläne ein. In keinster Weise engt sie mich ein, die Beziehung und Partnerschaft mit ihr ist bereichernd. Ich fühle mich von ihr angezogen, sie bringt eine neue Seite in mir hervor. Sie ist immer positiv, eine Macherin und Alleskönnerin. Mit ihr habe ich das Gefühl, nicht an alles denken zu müssen, kann mich auch mal zurücklehnen. Sie ist so vielseitig und offen für Neues und Veränderung; spontan wie ich selbst, ein großes Herz, unglaublich aufmerksam, sensibel, unkompliziert, nach außen taff aber eigentlich ganz sanft.

Schon als wir uns kennenlernten und sie erfuhr, dass ich aus Deutschland bin, meinte sie sofort, dass ich ihr das Land zeigen muss, da es doch nichts besseres gibt als jemanden zu haben, der sich auskennt, dort wo man reist.

Da momentan weder mein Heimweh nachlässt noch Sherry aufhört zu fragen, wann wir denn nun nach Deutschland gehen, einigen wir uns gemeinsam auf Weihnachten und Silvester. Wann immer Sherry verreist, bedeutet das für sie, keine Geldeinnahmen zu haben. Trotzdem lässt sie sich überraschend einfach von mir überzeugen, mindestens für drei Wochen zu gehen. Als Sherry’s Dad von unseren Plänen hört, ist er ganz begeistert, dass seine Tochter nach Europa gehen wird und kümmert sich kurze Zeit später ganz unerwartet um unsere Flüge – damit hätte ich nie gerechnet. Doch er will, dass wir sicher reisen und so kommen für ihn nur bestimmte Flugzeuge infrage. Unser Datum steht somit fest: wir landen am 22.Dezember in Frankfurt, sodass Sherry gerade noch den berühmten deutschen Weihnachtsmarkt erleben kann und werden 25 Tage bleiben. Mein Herz ist jetzt gar nicht mehr so schwer und ich zähle die Tage bis zu unserem Abflug.

Von Zuhause gibt es Neuigkeiten: Meine Schwägerin Diemy ist schwanger. Ich freue mich riesig für die beiden, da geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Schwester Anne zieht mit ihrem Freund zusammen. Bruder Baldi geht’s besser denn je. Nichte Soraya meldet sich regelmäßig, wir telefonieren und ich helfe mit ihren Schulsachen.

Verschiedene Ereignisse in den nächsten Wochen unterbrechen die Routine ein wenig:

Nachdem wir mithilfe der Jungs im Herbst den Garten verschönert hatten, steht nun eine Gartenparty an. Sherry lädt einige Freunde ein und ich die wenigen Personen, die ich abgesehen von Sherry’s Seite bisher Freunde nennen kann oder einfach gern mag. – noch neun Wochen.

Sherry fängt sich eine heftige Erkältung ein, die sich als ziemlich hartnäckig erweist. Ich kümmere mich mit Hausmittelchen um sie so gut ich kann.

Sie öffnet sich mir gegenüber ganz langsam, zeigt mehr Zuneigung. Eines Tages meint sie zu mir, dass ich nicht viel sage, was uns beide angeht. Ich erzähle viel und bin offen, was vergangene Dinge angeht, aber dagegen zurückhaltend in Bezug auf uns. Ich muss zugeben, sie hat recht und es ist nicht das erste Mal, dass ich das höre. Meine Stärke liegt im Handeln, was das angeht.

Sobald etwas laut ausgesprochen ist, wird es real und ich kann es nicht zurücknehmen. Meine Hemmschwelle unsagbar hoch.

31. Oktober – Halloween. Sherry ist da ganz groß und für sie ist vollkommen klar, dass wir an diesem Wochenende verkleidet zum Markt erscheinen. Ich schaue sie erst schräg an – Halloween ist bei uns ja nicht so populär. Zugleich weiß ich aber genau, dass ich aus der Nummer nicht rauskomme und entscheide im Gegenzug, voll mitzuziehen. Eine Woche vorher beginnen wir also in Secondhand- und Kostümläden unser Outfit zusammenzusuchen. Sherry’s Kreativität kennt keine Grenzen und wir haben einen heiden Spaß mit der Vorbereitung. Sie geht als Batwoman, ich als ‚Ingrid from the North’/ wilde Kämpferin. Auf dem Markt bringen wir einige Leute zum Schmunzeln und Staunen, bekommen viele Komplimente und laufen am Nachmittag so auch in unserer Pizzeria auf, Sherry nimmt nicht mal ihre Maske ab. Abends treffen wir ein paar von Sherry’s Freunden auf einer Halloween-Party. Manche Kostüme sind wirklich beeindruckend, hier wird das Thema absolut ernst genommen.

letzte Handgriffe um 4:30 in der Früh vor dem Markt

in action
in unserer Stamm-Pizzeria

Trick or treat – hier ziehen gefühlt alle Kinder los und klopfen an die Haustüren. Sherry lässt mich einen Kürbis aushölen, sie kramt ihre Halloween-Deko fürs Haus raus und gruselige Halloween-Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Wir empfangen die Kids als Batman und Joker. – noch sieben Wochen.

Kürbis aushölen muss sein. Auch die Nachbarn dekorieren fleißig

Batman und Joker sind bereit

Mitte November der erste heftige Schneefall:

Die Zeit rast. In knapp sieben Wochen ist Weihnachten. Ich freue mich riesig auf zuhause, auf Familie, Mama, Freunde; habe Träume, die mit meinem Heimweh verbunden sind; denke viel an unsere Familie, wie gut wir aufgewachsen sind, was für ein besonderes und enges Verhältnis wir miteinander haben.

Ein Freund vom Markt, Marcel aus Cuba, verkauft unter der Woche mit seiner Frau kubanisches Essen und spielt in seiner Freizeit in einer Band. Wir kommen zu einem seiner Auftritte in die Weinbar Obladee.

Wir gehen zur sogenannten Reception Party von Sherry’s Freunden John und Cyril, die ich im August auf der Pride Parade kennenlernte. Seitdem haben wir es leider nicht geschafft uns zu treffen. John ist aus England, wohnt aber schon seit über dreizehn Jahren in Kanada. Im Sommer gaben er und Cyril (von hier) sich in Irland das Jawort und feiern jetzt nochmal für die hiesigen Freunde. Zum ersten Mal putzen wir uns gemeinsam richtig raus und nehmen ein Taxi in die Innenstadt ins Irish Pub Old Triangle.

Anfang Dezember: Sherry holt den Plastikweihnachtsbaum aus dem Keller – ja, Plastik! Ich hab ihr auch gesagt, geht gar nicht! Ihre Entschuldigung: der Baum stammt noch aus ihren Zeiten als Restaurantbesitzerin. Jetzt einfach wegwerfen ist auch doof. Mit Beginn der Weihnachtszeit erinnere ich mich an die vielen Bräuche und Gewohnheiten von daheim.

So hat sie noch nie etwas von Adventskranz gehört – ich google und stelle fest, das ist was typisch Deutsches. Spontan entscheide ich, einen für uns zu machen, in moderner Version. – noch vier Wochen.

Außerdem bastle ich ganz heimlich im November einen Adventskalender für Sherry. – noch 21 Tage.

Für den Weihnachtsmarkt Anfang Dezember tun wir uns zusammen, teilen alle Kosten und später den Gewinn. Ein ganzes Wochenende stehen wir von morgens bis abends auf den Beinen und hatten viel Vorarbeit, doch die Schufterei lohnt sich! Außerdem bietet sich Sherry so eine weitere Gelegenheit uns beide in ein Kostüm zu stecken. – noch drei Wochen.

Zwischen uns wird es immer inniger und gleichzeitig fühle ich mich innerlich zerrissen. Ich vermisse Zuhause mehr denn je, weiß andererseits, dass ihr Platz hier ist, zumindest so lange ihre Mum da ist. Das alles sind Gedanken, die ich so noch nicht mit ihr teile. Ein bisschen zögern wir beide, über uns zu sprechen. Denn dann stellt sich die nächste Frage: und was machen wir jetzt damit?

Weihnachts-Cabaret am letzten Samstag vor unserer Abreise, was mich endgültig in Weihnachtsstimmung versetzt.

Und dann ist es soweit: noch einmal schlafen…

Auszeit am Meer, Herzschmerz, Ende und Anfang

10 – 24 Juli 2018

Gegen 10 Uhr morgens holt Sherry mich ab, wir legen einen kurzen Stopp bei ihrer Mutter Beverly ein. Die beiden haben ein inniges Verhältnis, Beverly hat eine Vorliebe für Kitsch vom Feinsten, ihr Schlafzimmer gleicht dem einer Prinzessin wie im Märchen. Passend dazu hat sie einen dieser Minischoßhunde mit Schleife im Haar. Am frühen Mittag erreichen wir das Meer. Sherry’s Freundin Donna und Ehemann haben dort einen Trailer und Wohnmobil. Als wir durch die Tür treten, fühle ich mich sofort wohl. Donna kommt später, wir spazieren in der Zwischenzeit mit den Hunden am Strand entlang und genießen die Terrasse in der Sonne mit Blick auf den Horizont. Donna trifft gegen Abend ein, sehr sympathische Person, wir sitzen bei Wein gemütlich zusammen und Donna’s Mutter, die nebenan wohnt, gesellt sich auch noch zu uns.

Der zweite Tag beginnt windig und trüb. Eigentlich wollten wir mit den Kajaks raus, doch so machen wir es uns gemütlich und spielen den ganzen Tag Karten, machen einen Spaziergang am Strand, ich kann mal wieder nicht widerstehen und renne in Unterwäsche ins Wasser. Donna legt Tarotkarten für uns, liest unsere Hand und kennt sich auch ein wenig in Numerologie mit Namen aus. Für diese spirituellen Dinge war ich schon immer empfänglich und was sie in meiner Hand sieht, ist spannend, amüsant und erstaunlich wahr, was meine Geschichte angeht. Anscheinend werde ich steinalt – ich scherze, dass mich das nicht wundert mit meiner Lebensweise. Rundum sind die Stunden hier sehr erholsam und entspannend. Donna’s frisch gebackene Zimtschnecken tragen mit ihrem himmlischen Duft zum heimeligen Gefühl bei.

Der Donnerstag zeigt sich stürmisch, daher brechen wir recht schnell nach dem Frühstück auf. In Halifax scheint überraschend die Sonne, wir begeben uns auf direktem Weg in die Küche. Als ich gegen Abend heim zu Robyn komme, ist die Stimmung miserabel. Wieder wird mir unterstellt, mit Sherry würde etwas laufen. Die Situation ist heikel: Robyn ist hochsensibel, verarbeitet den Tod ihres Vaters und kommt zurück zu all den Veränderungen, erlebt mich wahrscheinlich anders als zuvor und fühlt sich nicht wertgeschätzt. Ich verstehe. Ich dagegen genieße es, endlich etwas unabhängiger zu sein, erste eigene Freunde zu haben, da es mir ein klein wenig von dem gibt, was ich zuhause hatte. Während einem meiner Läufe um den See denke ich an meine Singlezeit vor und nach Eric – nie war ich zufriedener und erfüllter: Familie und Freunde um mich, fitter denn je, Spaß mit meiner Arbeit und regelmäßig auf Reisen. Doch ich wollte mehr vom Reisen – der Ruf war stärker als alles andere.

Robyn hat mir die einsame Zeit hier wesentlich leichter gemacht, mich überall eingebunden und mich auf die Idee mit dem Markt gebracht. Jetzt sind meine Kräfte zurück, die Sehnsucht nach Freunden und Familie stärker als zuvor.

An einem Samstag morgen auf dem Markt unterhalte ich mich lange mit einer deutschen Frau. Sie wanderte vor vielen Jahren hierher aus und erkundigt sich regelmäßig, wie es mir geht im fremden Land, weit weg von der Heimat. Wir sprechen über Heimweh, Verbundenheit, den Kontakt verlieren. Sie erzählt von der Erfahrung, irgendwann nur noch die entfernte Tante zu sein, man gehört nicht mehr so dazu wie früher. Der Gedanke versetzt mir einen Stich. Ich solle es mir gut überlegen wie lange ich weg bleiben will und mich dann nicht aufhalten lassen von Business oder Sonstigem. Sie kann bestätigen, dass es weh tut, wenn man nicht mehr so dazugehört.

Ich erlebe in diesen Tagen Momente mit vielen Tränen, Schmerz in mir, Zerrissenheit, Sehnsucht, Verlorenheit.

In meiner verzwickten Lage steht jetzt die Frage im Raum, ob ich erstmal ausziehe, damit sich die Wogen glätten können. Robyn ist völlig am Ende, der Zeitpunkt könnte für sie nicht ungünstiger sein. Es macht mich traurig, dass ich zu ihrem Schmerz beitrage, möchte sie nicht noch mehr verletzen als schon geschehen. Fühle, dass ich mich vielleicht wirklich erstmal zurückziehen sollte, Anspannung pur, wir können kaum noch normal miteinander umgehen. Da Robyn’s Wohnung in diesen Monaten auch zu meinem Zuhause geworden ist, ist es gar nicht so leicht einzupacken und zu gehen. Schnitt, Ende, Anfang, Wandel, Ungewissheit. Sherry bietet mir ihr Gästezimmer an. Sie kennt ähnliche Situationen aus ihrer eigenen Vergangenheit und will helfen. Zu meinem Bedenken, ihr zuviel zu werden, meint sie nur ‚I’m easy.‘

Am 17. Juli packe ich zusammen und ziehe zu Sherry. Es rührt mich, wie lievevoll sie mein Zimmer hergerichtet hat.

In den folgenden Wochen treffe ich Robyn noch ein paar Mal. Wir schaffen es, die Begegnungen überwiegend positiv zu gestalten, dennoch sind da viele verletzte Gefühle und jetzt einfach Freunde sein – das hat noch nie funktioniert. Ich ziehe mich zurück, was interpretiert wird als im Stich lassen. Ich kanns nicht ändern und spüre, dass es Zeit braucht, bis Wunden verheilt sind.

„We demand closure as though our lives were put together as neatly as novels, but the fact of the matter is they’re not. In real lives, relationships are messy and poorly written, ending too early or too late, and sometimes in the middle of a sentence.“ Beau Taplin – Neatly as Novels

Täglich fahre ich nun morgens mit Sherry in die Küche und wir kochen und backen Seite an Seite. Mit ihrer heiteren und oft kindischen Art bringt sie mich täglich zum Lachen und stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

Die Pride Parade findet jedes Jahr Ende Juli statt und wird in Halifax ganz groß gefeiert wird. Die gay community scheint hier größer zu sein als fast überall sonst in Kanada. Nach dem wöchentlichen Samstagsmarkt, auf dem wir beide verkaufen, fahren wir in die Stadt und gesellen uns zu den Zuschauern.

Wir treffen auf Sherry’s Freunde John und Cyrill. Ich fühle mich John direkt nahe, was mir immer passiert mit Menschen, die strahlen und viel Gefühl zeigen. Spontan gehen wir mit ihnen zu ihrer Freundin Stefanie nach hause, die ein Apartment mitten in der Stadt hat. Mein erster Eindruck von ihr: sie ist überdreht, wirkt immer gut gelaunt, redet viel, vermeidet Augenkontakt, reist viel um die Welt. Ganz perplex sind wir als sie erzählt, dass ihre Eltern innerhalb einer Woche starben als sie 22 ist. Ich bin berührt und verstehe sofort meine Beobachtungen – vergangene Erlebnisse, die unsere Verhaltensweisen prägen.

Nach ein paar drinks machen wir uns auf zum Garrison Ground: ein Feld im Freien mit Bühne und Bierständen. Ich hab ganz schön einen sitzen mittlerweile, quatsche hier und da mit Leuten, die ich gerade erst getroffen habe.

Garrison Ground: ganz links Stefanie, ich, Sherry, John im Hintergrund, Cyrill am Auslöser

Wir bleiben gefühlt dreißig Minuten bevor sich unsere Gruppe auflöst. Sherry bringt mich zum Pub ‚Your Father’s Moustache‘. Dort spielt gerade ihr Freund Joe mit seiner Band, wir bleiben ne Stunde, essen einen Happen und machen uns dann auf den Weg nach Hause. Viel Zeit bleibt dort nicht, denn am Abend geht es gleich weiter: Hunde versorgen, umziehen, und los zum ‚Women’s Dance‘: eine von mehreren Veranstaltungen im Jahr, gedacht für lesbische Frauen. Verabredet ist Sherry dort mit ihren Freunden Trish und Tamara. Eine von Sherry’s vielen Talenten ist das Tanzen und so zieht sie mich immer wieder auf die Tanzfläche. Um halb zwei sind wir zurück zuhause – 21 Stunden wach. Wir fallen müde ins Bett und als mir die Augen zufallen, blicke ich auf einen gefühlvollen Tag zurück.

Veränderung kann schmerzhaft sein, aber nichts schmerzt mehr, als dort zu bleiben, wo man nicht hingehört.

Warten auf den Frühling, Sehnsucht nach Geselligkeit und erste Gewinne

01 März – 30 April 2018

Mitte März noch keine Spur von Frühling, viel Regen, Grau, windig und kalt. Emotional geht es hoch und runter.

Hochs: Samstags auf dem Markt gehe ich auf in den sozialen Kontakten und halte mit jedem ein Schwätzchen. Je nach Wetter steht Laufen oder Schwimmen an, Bewegung hebt die Stimmung. Ich genieße die Ruhe im Pool, die gleichförmigen Bewegungen ähnlich wie beim Laufen. Lachanfälle mit Robyn garantieren ein Minimum an Heiterkeit.

market life
Robyn bringt mich zum Lachen

Tiefs: Einsamkeit, Sehnsucht nach Austausch mit Freunden und Familie, ich vermisse gemeinsame Momente, manchmal fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Das graue Wetter wird langsam zu viel, das hatte ich auch in Deutschland – dafür aber auch hunderte Dinge, die ich dort mit anderen tun kann. Ich vermisse das Unterrichten, eine sinnvolle tiefgreifende Aufgabe. Einerseits tut die Routine gut, andererseits wächst das Gefühl aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Ungeduldig warte ich auf wärmeres sonnigeres Wetter.

Ende März rutschen wir nach nur zwei Monaten mit „HOLDER is vegan“ in die schwarzen Zahlen! Die vegane Bewegung ist hier zwar noch nicht so fortgeschritten wie in den Großstädten, aber der Bedarf wächst. Unseren ersten Gewinn hauen wir direkt auf den Kopf und gehen am selben Abend essen.

Aufgrund meiner Einsamkeit überlege ich ein paar Tage nach Montreal zu fliegen um Freunde dort zu sehen und mal wieder echtes Stadtleben zu genießen. Denn die Unzufriedenheit wird größer und mein Herz leidet zu sehr. Robyn fragt mich eines Tages, ob ich glaube, depressiv zu sein. Nein. Ich bin einfach zu allein – wie eine Blume, die nicht genug gegossen wird, fehlen soziale Kontakte. Ich werde launisch und unausgeglichen. Das Traurige ist, dass ich mich mit Robyn blendend verstehe, aber auf Dauer genügt das nicht. Immer wieder die Frage, wie lange bleibe ich? Bis in den Sommer, bis das vegane Projekt keinen Spaß mehr macht oder bis ich wirklich depressiv werde? Wenn ich andererseits wirklich dreimal die Woche Markt mache, lebt es sich wahrscheinlich auch leichter. Meine Reserven bezüglich Routine sind auf jeden Fall bald wieder aufgefüllt.

Licht und Schatten

Was ist sonst noch los hier?

Ich bin in regem Kontakt mit meinem Bruder Baldi, was gut tut und unsere Beziehung auf eine andere Ebene hebt.

Kaum zeigt der Kalender April, werden Sommerkleider, kurze Hosen und Shirts ausgepackt. Interessiert anscheinend nicht, dass das Thermometer nach wie vor um die Null Grad Marke abhängt.

Die Grammar School in Halifax kontaktiert mich und ich mache ein paar Tage Vertretungsunterricht.

An Ostern videochatte ich mit meiner Familie, die alle zusammen bei Mama zum Osteressen sitzen. Ich fühle einen leichten Stich, nicht dabei zu sein. Sie fehlen mir alle.

Ich treffe mich mit mexikanischen Freunden vom Markt in einer Bar, besuche ein Filmfestival mit Robyn und probiere mich an neuen Rezepten.

Robyn fliegt für eine Woche nach Montreal zu ihrem Papa. Er liegt mittlerweile seit einem Monat im Krankenhaus nach mehreren OPs am Herzen. Ich sage schon seit Wochen, dass sie ihn besuchen sollte, abgesehen davon denke ich mir, kann etwas Freiraum nicht schaden. Ich habe jetzt öfter Momente, in denen mir es hier zu monoton wird und denke an den Frühling in Mannheim und an alles, was ich dort jetzt machen würde; erinnere mich an den letzten Sommer in Montreal und das pulsierende Leben in größeren Städten, wie einfach man Anschluss findet, hier ist es ganz schön ruhig.

Wenn ich allerdings daran denke, hier aufzubrechen, wird mir ganz anders. Ich genieße die Harmonie, die zwischen Robyn und mir herrscht, ihre Positivität, ihren Humor. Die Beziehung zu ihr lehrt mich auf mehreren Ebenen: auch in Beziehung frei zu sein, reden, tiefe Verbundenheit einzugehen und gleichzeitig ich selbst sein zu können, Gefühle auszudrücken, da sein für den anderen; ich bin angetan von ihrer Kreativität, Güte, Rücksichtnahme und Bereitschaft für Veränderung.

Natürlich erlebe ich auch in dieser schwierigen Zeit schöne Tage mit Robyn:

  • wir verbringen ein Wochenende bei ihren Freunden Minty und Mary in The Valley und feiern St Patrick’s Day in einem Irish Pub.

  • Dinner in The Canteen, eines der beliebtesten Restaurants in Dartmouth

  • Spaziergang im Shubie Park mit Olgas Hund Ella, um den wir uns ab und zu kümmern, während Olga in der Stadt zu tun hat
Supermodel Ella
  • Für Besuche zu Olga in Terence Bay bin ich sowieso immer zu haben, denn mit ihr fühle ich mich auf derselben Wellenlänge, sie ist witzig, ehrlich und Unterhaltungen mit ihr sind spannend und anregend.

  • Wir bescheren Robyn’s Mum Janet einen Wellness-Tag mit Mani- und Pediküre, Haarschnitt, Wein und Snacks.
Wellness für Janet

    Ende April: in Deutschland scheint der Sommer ausgebrochen zu sein und endlich kommen wir hier am Atlantik auch in den Genuss von strahlendem Sonnenschein. Ich setze mich zwei Stunden an den Teich Sullivan’s Pond vorm Haus und sinniere über Liebesbeziehungen und wie anders ich sie mittlerweile verstehe: wie schön es sein kann, wenn man sich für jemanden entscheidet, zusammen zu wachsen, sich näher kennenzulernen, sich zu vertrauen, immer Neues am anderen wahrzunehmen. Die völlige Hingabe zu jemandem benötigt Zeit, man geht nicht mehr leichtfertig eine Beziehung ein. Das Gefühl mit jemand anderem teilen zu wollen kannte ich so vorher nicht. Jetzt kommt langsam die Frage auf, wo ich mehr Gefühle investieren will.

    Mit Robyn wird es von Woche zu Woche vielschichtiger und heute morgen hatten wir einen schönen Moment als sie mir Geschichten von früher erzählt – ich kann sie mir genau vorstellen, ein wildes Mädchen muss sie gewesen sein.

    Nach wie vor überkommt mich immer mal wieder Heimweh. Dennoch habe ich Bedenken, dass es mir irgendwann wieder zu eintönig wird, wenn ich zurück nach Deutschland gehe, ich mich schnell wieder nach Abenteuer sehne. Ich habe noch nicht gefunden, was ich suche. Aber ich habe mittlerweile eine Vorstellung davon wie es aussehen kann.

    Mein Visum ist verlängert, allerdings ohne Arbeitsgenehmigung, worüber die Schule, in der ich ausgeholfen hatte, ziemlich frustriert ist. Vertretungslehrer sind rar. Zuhause tut sich auch einiges: mein Bruder Baldi ist wieder Single, aber er steht fester im Leben als je zuvor. Meine Schwester Anne ist frisch verliebt, was für mich die Neuigkeit des Jahres ist. Eine gute Freundin ist schwanger mit dem dritten Kind – einmal die Pille vergessen und zack! so schnell kanns gehen.

    And then it happens
    one day you wake up and you’re in this place
    you’re in this place where everything feels right
    your heart is calm.
    your soul is lit.
    your thoughts are positive.
    your vision is clear.
    you’re at peace, at peace with
    where you’ve been, at peace with
    what you’ve been through and
    at peace with where you’re headed.

    Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

    01 – 28 Februar 2018

    Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten den Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und die Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

    Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
    Markttag!

    Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

    Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
    Fotoshooting und Rezeptrecherche

    Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

    Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

    Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

    Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

    mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

    Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich harmonisch und ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

    Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

    mit Olga im Sushi Restaurant
    Spaziergang am Hafen

    Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, ich bin zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

    Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

    Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

    Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

    Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

    Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

    Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

    Good old Germany – Teil 2: Weihnachten und Kurztrip nach Österreich 

    23 Dez 2017 – 04 Jan 2018

    Noch ein Tag bis Weihnachten! Nach einem gemütlichen Frühstück mit Vera, Rainer und Paul fahre ich mit Vera noch kurz nach Mannheim in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Wir laufen über den Markt mit der Ausschau nach ein paar schönen Blumen, sind aber spät dran, also ist die Auswahl begrenzt. Vera kennt noch einen Blumenladen in der Nähe der Fressgasse. Das Konzept dort ist interessant und mittlerweile öfter anzutreffen: zwei Serviceanbieter in einem, hier Blumenladen kombiniert mit Friseur.

    Scherenschnitt Calandi in Mannheim

    Am Nachmittag mache ich mich auf zu meinen Eltern nach Dühren, vier Nächte werde ich dort bleiben. Vera winkt mir aus dem Fenster hinterher – goldig, berührt mich!

    Mama ist am Kochen, es herrscht gute Stimmung, nach und nach trudelt einer nach dem anderen ein, die letzten kommen morgen an. Um acht abends hole ich Ellen vom Bahnhof in Sinsheim ab, vor fast einem Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen als sie und Anne mich in Argentinien besucht haben.

    Ellen, Anne und ich in Uruguay

    Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt joggen im Dührener Wald – Heimat pur! Als wir zurückkommen, schwingt Minh schon den Kochlöffel. Mama hat einiges vorbereitet, aber Minh kocht seit ein paar Jahren auch immer mindestens ein Gericht. Als Oma noch lebte, gab es traditionell immer Würstchen und Kartoffelsalat, danach hatten wir schon die wildesten Weihnachtsessen. So gab es in einem Jahr asiatische Sommerrollen von Minh – Anne und Ellen schwärmen heute noch davon und versuchen dieses Gericht jede Weihnachten wieder durchzusetzen. Auch der Weihnachtsgottesdienst war eigentlich immer obligatorisch, doch nach und nach hatten wir fast alle keine Lust mehr, was nicht zuletzt an der eintönigen Gestaltung in der Kirche lag. Gläubig im herkömmlichen Sinn sind wir auch nicht, haben aber die komplette Kirchenschule hinter uns, was definitiv gut für die Allgemeinbildung war. Da unsere Nichte Soraya dieses Jahr Konfirmandin ist und das Krippenspiel mitgestaltet, lassen wir uns breitschlagen, zum Gottesdienst zu gehen. Alla hop, auf die guten alten Zeiten nochmal.

    Wir sind früher zurück als Mama uns erwartet hat und das Essen ist noch nicht fertig, was aber gar nicht schlimm ist: wer will, bekommt ein Glas Wein von mir in die Hand, wir quatschen, albern rum, und genießen es einfach zusammen zu sein. Heute sind wir siebzehn Personen. Neben dem großen Kern sind noch Diemy’s Schwester und Mann zum Essen da, Mama hat mal wieder noch mehr Leute eingeladen: Hamada, der Mitbewohner unseres Bruders Manuel, ein Syrer, der schon richtig gut Deutsch kann und hier Sport studieren will und Lamin aus Ghana, dem Mama geholfen hat Deutsch zu lernen und der immernoch regelmäßig vorbeikommt. Er taucht letztendlich erst am zweiten Feiertag auf, hat den Bus verpasst. Ich amüsiere mich, als Mama mit Ellen eine Sitzordnung festlegt, die wir eigentlich sonst nie haben: Mama: „der Intelligente (wir kennen den Namen zunächst nicht) sitzt neben Sarah.“ Ich nehme das mal auf mehreren Ebenen als Kompliment.

    Wir verbringen unseren Weihnachtsabend wie jedes Jahr: Essen, Weihnachtslieder singen mit Ellen am Klavier (früher war das Mama) und Bescherung: hier werden nie zwei Geschenke gleichzeitig ausgepackt, immer schön der Reihe nach, damit man auch alles mitbekommt. Wir Geschwister wichteln schon seit Jahren untereinander, feste Partner eingeschlossen, da es ein kleines Vermögen kosten würde, für alle etwas zu besorgen und Wichteln macht zudem mehr Spaß!

    Nicht fehlen darf nach dem langen Abend der nächtliche Spaziergang durch Dühren. Wir begleiten Manu, unseren ältesten Bruder, und Hamada nach Hause, damit er uns seine WG zeigen kann. Er ist nämlich erst vor kurzem bei Mama und Papa ausgezogen. Wir sind alle total begeistert: ein Fachwerkhaus wie aus dem Bilderbuch! Manu hat das Zimmer unterm Dach, alles bissl schepp, aber gut.

    von links nach rechts: Ellen, Manu, Minh, Hamada, ich, Baldi und Diemy

    Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die gemütlichen Feiertage gefreut: essen, lesen, laufen, Zeit mit meinen Geschwistern, mit der Familie, tolle Gespräche mit Mama. Am ersten Feiertag kommen David und Marina mit Tochter Sansa vorbei, Nach einem Spaziergang durchs Dorf sitzen wir zusammen bei lecker Essen.

    ein ganz normales Abendessen bei den Holders

    Am 26. steht wie jedes Jahr Gansessen bei einer Schwester von Papa eine Straße weiter auf dem Programm. Von seinen sieben Geschwistern wohnen fünf im selben Dorf, eine Schwester drei Kilometer weiter und nur ein Bruder weiter entfernt. Dementsprechend ist dies eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Geschätzt haben wir zwanzig Cousins und Cousinen (gezählt habe ich nie), von denen wir mit einigen wie mit besten Freunden aufgewachsen sind. Das Zugehörigkeitsgefühl ist kaum beschreibbar. So viele Menschen, die man von klein auf kennt, sich umarmt, vertraut, Sicherheit und Heimat verspürt.

    Am 27. drücke ich Papa, Mama, Ellen und Anne feste mit Tränen in den Augen, könnte sein, dass ich sie nicht mehr sehe bevor ich abreise. Gegen abend bin ich zurück in LU.

    Den nächsten Tag nutze ich, um einiges in Mannheim zu erledigen. Allein für den ganzen bürokratischen Kram ist es gut, mal wieder hier zu sein: Bank, Steuer, Versicherungen, die unnötig geworden sind, Verträge stilllegen – da kommt einiges zusammen. Vera kommt aus der Mosel zurück und ich verbringe den Nachmittag gemütlich mit ihr. Als Rainer abends von der Arbeit kommt, koche ich für alle und uns wird bewusst, dass das wahrscheinlich unser letzter gemeinsamer Abend ist, denn morgen bin ich schon wieder unterwegs und wenn ich den Flug nach Florida nehme, den ich entdeckt habe, verpasse ich die beiden, bevor sie wiederum zurück sind – die Zeit rennt! Schwermut… Vera und Rainer waren mir vorher schon so nah und sind jetzt noch fester in meinem Herz verankert. Die Verabschiedung am nächsten Morgen fällt mir alles andere als leicht.

    Nach einem kleinen gesunden Frühstück bei meiner Freundin Eva in Schwetzingen treten wir unsere sechsstündige Autofahrt an den Mondsee in Österreich an. Eva hatte mich im November gefragt, ob ich Lust hätte, Silvester mit ihr hier zu verbringen. Das ZENtrum, in dem sie selbst schon zweimal war, bietet einen etwas anderen Jahreswechsel an mit mehr Bewusstsein und viel Meditation – ich überlege nicht lange und sage zu. Mit vielen Geschichten, die uns seit unserer letzten Begegnung bewegt haben, vertreiben wir uns die Fahrzeit. Ich mag Evas ehrliche unverblümte Art.

    ca 2013 in einer Bar in Mannheim mit Eva an Franzis Geburtstag

    Eva und mich verbindet zum einen unsere Heimat: sie kommt aus dem Nachbardorf Hoffenheim, welches heute durch den Fußball Weltbekanntheitsstatus genießt. Wie das auf dem Land so ist, kennt jeder irgendwie jeden und man hat zumindest eine Idee, welche Familie aus welchem Dorf kommt. Wirklich kennengelernt haben wir uns allerdings erst in einem legendären Frankreichurlaub an der Atlantikküste in Lege-Cap-Ferret mit gemeinsamen Freunden, die dort Familie haben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, sie wohnte auch eine Weile in Mannheim und ist nach sieben Jahren München vor kurzem wieder in die Heimat gezogen. Eva ist also ein unkompliziertes Mädel vom Land wie ich selbst und es ist schön so viel Vergangenheit miteinander zu teilen. Man muss sich nicht erklären, wir können uns gemeinsam an alte Geschichten erinnern und mit ihrer direkten Art bringt sie mich oft ganz ohne Vorwarnung zum lachen.

    Eva befindet sich gerade in einer bewegenden Phase ihres Lebens: sie lernt, wieder alleine zu wohnen, sich neu zu definieren, ist auf der Suche nach sich selbst, sehnt sich nach innerer Ruhe. Meditation ist ihr dabei ein hilfreicher Begleiter. Ihr Wesen ist neugierig, direkt, unverblümt. („Sarah, ich hoffe ja mal, wenn wir uns jetzt schon so intensiv mit uns selbst beschäftigen, dass das mit fünzig abgehakt ist, sonst kann ich mir gleich die Kugel geben“) Wenn sie sich da mal nicht täuscht, denn so ganz fertig sind wir ja nie, was das Leben so spannend macht. Sie liebt die Berge, lässt sich gerne begeistern, ist einfühlsam und sensibel.

    Gastgeberin Waldtraut steht gerade auf der Straße als wir ankommen. Ich habe über Airbnb ihr Gästezimmer gebucht, denn die Jugendherberge ist unverschämt teuer. Sie empfängt uns mit einem außergewöhnlichen Strahlen im Gesicht. In ihrer Wohnung fühlt man sich sofort wohl. Ich bleibe zunächst einmal ruhig und Eva regelt alles für uns; ist auch mal schön, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Nach kurzem Plausch mit Waldtraut machen wir uns mehr oder weniger gleich auf in den Ort zum Abendessen und entscheiden uns für das Lokal ‚Wirtskultur‘- es gibt sogar indisches Curry für Veganer, aber wenn ich schon mal hier bin, will ich auch was handfeschdes: Sauerkraut und Bratkartoffeln – mmmmh, lecker!

    Den nächsten Morgen beginnen wir mit ayurvedischem Porridge im Naturladen Glückskost und fahren auf Waltdrauts Empfehlung hinauf zur Postalm: was für eine traumhafte Winterlandschaft! Ewig habe ich nicht so viel Schnee gesehen. Es knirscht herrlich unter den Stiefeln, wir packen uns warm ein und begeben uns auf einen Rundweg von fünf Kilometern. Weit und breit ist kaum ein Mensch zu sehen, unglaublich wie wenig hier los ist. Eva schwärmt schon ewig von der Magie der Berge und mit ihrer Stille, Weite, Stärke und Kraft umfangen diese mich mit einem gewissen Zauber, was mich überrascht, da ich mich sonst immer mehr dem Meer zuwende.

    ayurvedisches Porridge zum Frühstück

    Schneewanderung an der Postalm

    Auf halbem Weg kehren wir ein in die Huberhütte: Flädlesuppe, Bauernkrapfen, Skiwasser und Glühmost. Dann bei Schneegestöber zurück zum Auto, halb durchgefroren zur Wellnessalm Leopoldhof: Kräutersauna, Ruheraum mit Wasserbetten, Pool, Schwebeliegen – was braucht man mehr.

    Beim Frühstück mit Waltdraut am Silvestertag haben wir das erste Mal Zeit für ein längeres Gespräch miteinander und spüren ganz schnell, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Waldtraut ist total offenherzig und so finden wir uns wieder in tiefen Gesprächen über die Liebe, das Leben, Reisen, Schicksalsschläge und was einem so zufällt – fühlt sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist so positiv und neugierig, ihr Strahlen ist immer wieder erfrischend, sie ist locker, vertraut den Menschen, verwöhnt uns wo sie kann und man fühlt sich sofort wohl mit ihr. Ganz begeistert ist sie von meiner Reise und stellt viele Fragen – was für eine tolle Begegnung mit ihr.

    mit Eva und Waltdraut am Neujahrstag

    Mit Blick auf die Uhr müssen wir uns losreißen, denn um vier beginnt unsere Veranstaltung und es ist schon nach eins. Für einen kurzen Spaziergang zum See mit spektakulärer Aussicht reicht es allerdings noch.

    Mondsee

    Im ZENtrum finden sich nach und nach alle Teilnehmer ein, bei Tee, Kaffee, Keksen und Obst beschnuppert man sich zunächst. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bernhardt und Marion, die das ZENtrum leiten, folgen Kennenlernrunde, erste Meditation und Gruppenfindung für die nächste Aktivität: Jeder wählt ein Bild, das ihn besonders anspricht und erklärt seine Wahl, die anderen in der Gruppe finden dann eine Assoziation zwischen Bild und Person. Ich bin zunächst etwas nervös, ob mir zu jedem etwas Passendes einfällt und dann ganz erstaunt, wie ich andere spüren kann, einfach eine Verbindung schaffen kann zwischen Bild und Person. Das Spiel gefällt mir: man bekommt etwas über sich gesagt, was überraschend zutreffend ist und hat die Möglichkeit, anderen etwas Schönes mit auf den Weg zu geben.

    Gutes Essen und mehr Meditationen, während der zwei Orte meiner Reise von meinem inneren Auge auftauchen: die grüne Lagune und das Elqui Tal, dort fühlte sich mein Herz wohl. Ich unterhalte mich mit ein paar interessanten Frauen mit anziehender Energie. Sie wollen über meine Reise hören, sind fasziniert und bestärken mich in dem, was ich tue. Um halbdrei liegen wir im Bett, ich bin total aufgekratzt.

    Am Neujahrsmorgen nochmal gemütliches Frühstück mit Waltdraut, mittags müssen wir dann aber wirklich los, denn wir haben noch ein paar Stunden Heimreise vor uns. Waldtraut schenkt mir zum Abschied das Buch ‚Stille‘ von Erling Kagge, welches ich heute noch bei mir habe.

    Nach langem Stau bin ich um kurz vor 9 Uhr abends zuhause bei Rainer und Vera, mann, fühle ich mich wohl hier. Nach kurzem Gespräch mit Paul nehme ich mir ein Glas Wein, ich bin noch ganz aufgedreht von den letzten schönen Tagen. Das Aufbrechen wird schwer fallen.

    Da ich Noni (Spitzname für Veronica), Mama und wer sonst noch da ist noch einmal sehen möchte, fahre ich zwei Tage vor meinem Abflug nochmal nach Dühren. Den Mittag verbringe ich mit Ellen, während Papa mit erhöhtem Blutdruck ins Krankenhaus gefahren wird, mit seinem Parkinson gehen wir lieber auf Nummer sicher. Letztendlich nichts wildes, wir bleiben alle ruhig, so wie Mama uns das immer vorgelebt hat. Dann zu Noni, alle sind da und gut drauf. Gegen zehn abends wieder zu Mama, sie ist mit Papa zurück, der jetzt regelmäßig Blutdruck messen muss und erst mal senkende Medikamente nehmen soll. Mama erzählt Ellen und mir von früher und von ihrer Mutter, unserer Oma Elsbeth, wie sie all ihre Kleider früher nähte. So erklärt sich auch ihr ausgefallener geschmackvoller Kleidungsstil heute. Was ein Schatz, den sie damals weggegeben hat! Jetzt heißt es wirklich Abschied nehmen.

    Mein letzter Tag bricht an. Ich packe meinen Rucksack, habe ein paar Klamotten ausgetauscht und Winterstiefel dabei, denn nach einem Zwischenstop in Florida geht es zurück nach Kanada. Schon seit ich aus Österreich zurück bin, habe ich ein schweres Herz, Momente, in denen ich am liebsten den Flug canceln würde, fühle mich so wohl hier gerade. Andererseits spüre ich nach wie vor die Getriebenheit in mir. Suche etwas, von dem ich selbst nicht weiß, was es ist.

    Bilder sichern, Zeug verstauen, gegen Abend ein letztes Mal Baldi umarmen, dann weiter zu David und Marina, Diana und Meike sind auch da und schon am Essen, ich bin spät. Alle vier sind total goldig, spüren meine Schwermut, hören mir zu. Meike meint, es gibt schon einen Grund, warum ich mit einem bestimmten Gefühl den Flug gebucht habe. Jetzt heißt es hinter der Entscheidung stehen, in dem Gefühl bleiben – recht hat sie. Ich habe einen wunderschönen Abend, trinke zu viel Wein, quatsche noch ewig mit Marina und David, nachdem die Mädels gegangen sind. Genau diese Dinge fehlen mir, diese Momente mit den Menschen, die mir gut tun, die ich liebe und von denen ich geliebt werde.

    Das Leben erfüllt dir deine Sehnsucht nach absolutem Halt. Wenn du still wirst und in dich hineinlauschst, dann hörst du eine Stimme. Das ist die Stimme des Lebens und des Vertrauens. Diese Stimme wird dich zu deiner eigenen Mitte führen, da wo du zuhause bist. Und sie wird dich zu deiner Sehnsucht der absoluten Geborgenheit führen. Laß dich einfach fallen. – Afschin Kamrani

    Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

    06 – 23 Dez 2017

    Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

    Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

    Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

    zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

    Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

    Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
    Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

    Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

    • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
    • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
    • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
     JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
    Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
    • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
    1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
    2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
    3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

    meine Schüler nähren das Kind in mir

      • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
      mein geliebtes Mannheim
      • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
      • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
      mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
      Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
      • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
      mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
      Fotofix in Frankfurt

          Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

          • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
          Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
            • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
            mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                  You deserve everything there is to give.
                  Breakfasts in bed.
                  Diamonds on your doorstep.
                  Little notes hidden everywhere.
                  I want you to have all my secrets
                  and all of my demons,
                  because you especially deserve
                  all the parts of me
                  I’m usually too afraid to share.

                  Beau Taplin. Demons

                  • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                  Tag am See, Sommer 2016
                  Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                  • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                  • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                  So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                  Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre