Good old Germany – Teil 2: Weihnachten und Kurztrip nach Österreich 

23 Dez 2017 – 04 Jan 2018

Noch ein Tag bis Weihnachten! Nach einem gemütlichen Frühstück mit Vera, Rainer und Paul fahre ich mit Vera noch kurz nach Mannheim in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Wir laufen über den Markt mit der Ausschau nach ein paar schönen Blumen, sind aber spät dran, also ist die Auswahl begrenzt. Vera kennt noch einen Blumenladen in der Nähe der Fressgasse. Das Konzept dort ist interessant und mittlerweile öfter anzutreffen: zwei Serviceanbieter in einem, hier Blumenladen kombiniert mit Friseur.

Scherenschnitt Calandi in Mannheim

Am Nachmittag mache ich mich auf zu meinen Eltern nach Dühren, vier Nächte werde ich dort bleiben. Vera winkt mir aus dem Fenster hinterher – goldig, berührt mich!

Mama ist am Kochen, es herrscht gute Stimmung, nach und nach trudelt einer nach dem anderen ein, die letzten kommen morgen an. Um acht abends hole ich Ellen vom Bahnhof in Sinsheim ab, vor fast einem Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen als sie und Anne mich in Argentinien besucht haben.

Ellen, Anne und ich in Uruguay

Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt joggen im Dührener Wald – Heimat pur! Als wir zurückkommen, schwingt Minh schon den Kochlöffel. Mama hat einiges vorbereitet, aber Minh kocht seit ein paar Jahren auch immer mindestens ein Gericht. Als Oma noch lebte, gab es traditionell immer Würstchen und Kartoffelsalat, danach hatten wir schon die wildesten Weihnachtsessen. So gab es in einem Jahr asiatische Sommerrollen von Minh – Anne und Ellen schwärmen heute noch davon und versuchen dieses Gericht jede Weihnachten wieder durchzusetzen. Auch der Weihnachtsgottesdienst war eigentlich immer obligatorisch, doch nach und nach hatten wir fast alle keine Lust mehr, was nicht zuletzt an der eintönigen Gestaltung in der Kirche lag. Gläubig im herkömmlichen Sinn sind wir auch nicht, haben aber die komplette Kirchenschule hinter uns, was definitiv gut für die Allgemeinbildung war. Da unsere Nichte Soraya dieses Jahr Konfirmandin ist und das Krippenspiel mitgestaltet, lassen wir uns breitschlagen, zum Gottesdienst zu gehen. Alla hop, auf die guten alten Zeiten nochmal.

Wir sind früher zurück als Mama uns erwartet hat und das Essen ist noch nicht fertig, was aber gar nicht schlimm ist: wer will, bekommt ein Glas Wein von mir in die Hand, wir quatschen, albern rum, und genießen es einfach zusammen zu sein. Heute sind wir siebzehn Personen. Neben dem großen Kern sind noch Diemy’s Schwester und Mann zum Essen da, Mama hat mal wieder noch mehr Leute eingeladen: Hamada, der Mitbewohner unseres Bruders Manuel, ein Syrer, der schon richtig gut Deutsch kann und hier Sport studieren will und Lamin aus Ghana, dem Mama geholfen hat Deutsch zu lernen und der immernoch regelmäßig vorbeikommt. Er taucht letztendlich erst am zweiten Feiertag auf, hat den Bus verpasst. Ich amüsiere mich, als Mama mit Ellen eine Sitzordnung festlegt, die wir eigentlich sonst nie haben: Mama: „der Intelligente (wir kennen den Namen zunächst nicht) sitzt neben Sarah.“ Ich nehme das mal auf mehreren Ebenen als Kompliment.

Wir verbringen unseren Weihnachtsabend wie jedes Jahr: Essen, Weihnachtslieder singen mit Ellen am Klavier (früher war das Mama) und Bescherung: hier werden nie zwei Geschenke gleichzeitig ausgepackt, immer schön der Reihe nach, damit man auch alles mitbekommt. Wir Geschwister wichteln schon seit Jahren untereinander, feste Partner eingeschlossen, da es ein kleines Vermögen kosten würde, für alle etwas zu besorgen und Wichteln macht zudem mehr Spaß!

Nicht fehlen darf nach dem langen Abend der nächtliche Spaziergang durch Dühren. Wir begleiten Manu, unseren ältesten Bruder, und Hamada nach Hause, damit er uns seine WG zeigen kann. Er ist nämlich erst vor kurzem bei Mama und Papa ausgezogen. Wir sind alle total begeistert: ein Fachwerkhaus wie aus dem Bilderbuch! Manu hat das Zimmer unterm Dach, alles bissl schepp, aber gut.

von links nach rechts: Ellen, Manu, Minh, Hamada, ich, Baldi und Diemy

Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die gemütlichen Feiertage gefreut: essen, lesen, laufen, Zeit mit meinen Geschwistern, mit der Familie, tolle Gespräche mit Mama. Am ersten Feiertag kommen David und Marina mit Tochter Sansa vorbei, Nach einem Spaziergang durchs Dorf sitzen wir zusammen bei lecker Essen.

ein ganz normales Abendessen bei den Holders

Am 26. steht wie jedes Jahr Gansessen bei einer Schwester von Papa eine Straße weiter auf dem Programm. Von seinen sieben Geschwistern wohnen fünf im selben Dorf, eine Schwester drei Kilometer weiter und nur ein Bruder weiter entfernt. Dementsprechend ist dies eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Geschätzt haben wir zwanzig Cousins und Cousinen (gezählt habe ich nie), von denen wir mit einigen wie mit besten Freunden aufgewachsen sind. Das Zugehörigkeitsgefühl ist kaum beschreibbar. So viele Menschen, die man von klein auf kennt, sich umarmt, vertraut, Sicherheit und Heimat verspürt.

Am 27. drücke ich Papa, Mama, Ellen und Anne feste mit Tränen in den Augen, könnte sein, dass ich sie nicht mehr sehe bevor ich abreise. Gegen abend bin ich zurück in LU.

Den nächsten Tag nutze ich, um einiges in Mannheim zu erledigen. Allein für den ganzen bürokratischen Kram ist es gut, mal wieder hier zu sein: Bank, Steuer, Versicherungen, die unnötig geworden sind, Verträge stilllegen – da kommt einiges zusammen. Vera kommt aus der Mosel zurück und ich verbringe den Nachmittag gemütlich mit ihr. Als Rainer abends von der Arbeit kommt, koche ich für alle und uns wird bewusst, dass das wahrscheinlich unser letzter gemeinsamer Abend ist, denn morgen bin ich schon wieder unterwegs und wenn ich den Flug nach Florida nehme, den ich entdeckt habe, verpasse ich die beiden, bevor sie wiederum zurück sind – die Zeit rennt! Schwermut… Vera und Rainer waren mir vorher schon so nah und sind jetzt noch fester in meinem Herz verankert. Die Verabschiedung am nächsten Morgen fällt mir alles andere als leicht.

Nach einem kleinen gesunden Frühstück bei meiner Freundin Eva in Schwetzingen treten wir unsere sechsstündige Autofahrt an den Mondsee in Österreich an. Eva hatte mich im November gefragt, ob ich Lust hätte, Silvester mit ihr hier zu verbringen. Das ZENtrum, in dem sie selbst schon zweimal war, bietet einen etwas anderen Jahreswechsel an mit mehr Bewusstsein und viel Meditation – ich überlege nicht lange und sage zu. Mit vielen Geschichten, die uns seit unserer letzten Begegnung bewegt haben, vertreiben wir uns die Fahrzeit. Ich mag Evas ehrliche unverblümte Art.

ca 2013 in einer Bar in Mannheim mit Eva an Franzis Geburtstag

Eva und mich verbindet zum einen unsere Heimat: sie kommt aus dem Nachbardorf Hoffenheim, welches heute durch den Fußball Weltbekanntheitsstatus genießt. Wie das auf dem Land so ist, kennt jeder irgendwie jeden und man hat zumindest eine Idee, welche Familie aus welchem Dorf kommt. Wirklich kennengelernt haben wir uns allerdings erst in einem legendären Frankreichurlaub an der Atlantikküste in Lege-Cap-Ferret mit gemeinsamen Freunden, die dort Familie haben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, sie wohnte auch eine Weile in Mannheim und ist nach sieben Jahren München vor kurzem wieder in die Heimat gezogen. Eva ist also ein unkompliziertes Mädel vom Land wie ich selbst und es ist schön so viel Vergangenheit miteinander zu teilen. Man muss sich nicht erklären, wir können uns gemeinsam an alte Geschichten erinnern und mit ihrer direkten Art bringt sie mich oft ganz ohne Vorwarnung zum lachen.

Eva befindet sich gerade in einer bewegenden Phase ihres Lebens: sie lernt, wieder alleine zu wohnen, sich neu zu definieren, ist auf der Suche nach sich selbst, sehnt sich nach innerer Ruhe. Meditation ist ihr dabei ein hilfreicher Begleiter. Ihr Wesen ist neugierig, direkt, unverblümt. („Sarah, ich hoffe ja mal, wenn wir uns jetzt schon so intensiv mit uns selbst beschäftigen, dass das mit fünzig abgehakt ist, sonst kann ich mir gleich die Kugel geben“) Wenn sie sich da mal nicht täuscht, denn so ganz fertig sind wir ja nie, was das Leben so spannend macht. Sie liebt die Berge, lässt sich gerne begeistern, ist einfühlsam und sensibel.

Gastgeberin Waldtraut steht gerade auf der Straße als wir ankommen. Ich habe über Airbnb ihr Gästezimmer gebucht, denn die Jugendherberge ist unverschämt teuer. Sie empfängt uns mit einem außergewöhnlichen Strahlen im Gesicht. In ihrer Wohnung fühlt man sich sofort wohl. Ich bleibe zunächst einmal ruhig und Eva regelt alles für uns; ist auch mal schön, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Nach kurzem Plausch mit Waldtraut machen wir uns mehr oder weniger gleich auf in den Ort zum Abendessen und entscheiden uns für das Lokal ‚Wirtskultur‘- es gibt sogar indisches Curry für Veganer, aber wenn ich schon mal hier bin, will ich auch was handfeschdes: Sauerkraut und Bratkartoffeln – mmmmh, lecker!

Den nächsten Morgen beginnen wir mit ayurvedischem Porridge im Naturladen Glückskost und fahren auf Waltdrauts Empfehlung hinauf zur Postalm: was für eine traumhafte Winterlandschaft! Ewig habe ich nicht so viel Schnee gesehen. Es knirscht herrlich unter den Stiefeln, wir packen uns warm ein und begeben uns auf einen Rundweg von fünf Kilometern. Weit und breit ist kaum ein Mensch zu sehen, unglaublich wie wenig hier los ist. Eva schwärmt schon ewig von der Magie der Berge und mit ihrer Stille, Weite, Stärke und Kraft umfangen diese mich mit einem gewissen Zauber, was mich überrascht, da ich mich sonst immer mehr dem Meer zuwende.

ayurvedisches Porridge zum Frühstück

Schneewanderung an der Postalm

Auf halbem Weg kehren wir ein in die Huberhütte: Flädlesuppe, Bauernkrapfen, Skiwasser und Glühmost. Dann bei Schneegestöber zurück zum Auto, halb durchgefroren zur Wellnessalm Leopoldhof: Kräutersauna, Ruheraum mit Wasserbetten, Pool, Schwebeliegen – was braucht man mehr.

Beim Frühstück mit Waltdraut am Silvestertag haben wir das erste Mal Zeit für ein längeres Gespräch miteinander und spüren ganz schnell, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Waldtraut ist total offenherzig und so finden wir uns wieder in tiefen Gesprächen über die Liebe, das Leben, Reisen, Schicksalsschläge und was einem so zufällt – fühlt sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist so positiv und neugierig, ihr Strahlen ist immer wieder erfrischend, sie ist locker, vertraut den Menschen, verwöhnt uns wo sie kann und man fühlt sich sofort wohl mit ihr. Ganz begeistert ist sie von meiner Reise und stellt viele Fragen – was für eine tolle Begegnung mit ihr.

mit Eva und Waltdraut am Neujahrstag

Mit Blick auf die Uhr müssen wir uns losreißen, denn um vier beginnt unsere Veranstaltung und es ist schon nach eins. Für einen kurzen Spaziergang zum See mit spektakulärer Aussicht reicht es allerdings noch.

Mondsee

Im ZENtrum finden sich nach und nach alle Teilnehmer ein, bei Tee, Kaffee, Keksen und Obst beschnuppert man sich zunächst. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bernhardt und Marion, die das ZENtrum leiten, folgen Kennenlernrunde, erste Meditation und Gruppenfindung für die nächste Aktivität: Jeder wählt ein Bild, das ihn besonders anspricht und erklärt seine Wahl, die anderen in der Gruppe finden dann eine Assoziation zwischen Bild und Person. Ich bin zunächst etwas nervös, ob mir zu jedem etwas Passendes einfällt und dann ganz erstaunt, wie ich andere spüren kann, einfach eine Verbindung schaffen kann zwischen Bild und Person. Das Spiel gefällt mir: man bekommt etwas über sich gesagt, was überraschend zutreffend ist und hat die Möglichkeit, anderen etwas Schönes mit auf den Weg zu geben.

Gutes Essen und mehr Meditationen, während der zwei Orte meiner Reise von meinem inneren Auge auftauchen: die grüne Lagune und das Elqui Tal, dort fühlte sich mein Herz wohl. Ich unterhalte mich mit ein paar interessanten Frauen mit anziehender Energie. Sie wollen über meine Reise hören, sind fasziniert und bestärken mich in dem, was ich tue. Um halbdrei liegen wir im Bett, ich bin total aufgekratzt.

Am Neujahrsmorgen nochmal gemütliches Frühstück mit Waltdraut, mittags müssen wir dann aber wirklich los, denn wir haben noch ein paar Stunden Heimreise vor uns. Waldtraut schenkt mir zum Abschied das Buch ‚Stille‘ von Erling Kagge, welches ich heute noch bei mir habe.

Nach langem Stau bin ich um kurz vor 9 Uhr abends zuhause bei Rainer und Vera, mann, fühle ich mich wohl hier. Nach kurzem Gespräch mit Paul nehme ich mir ein Glas Wein, ich bin noch ganz aufgedreht von den letzten schönen Tagen. Das Aufbrechen wird schwer fallen.

Da ich Noni (Spitzname für Veronica), Mama und wer sonst noch da ist noch einmal sehen möchte, fahre ich zwei Tage vor meinem Abflug nochmal nach Dühren. Den Mittag verbringe ich mit Ellen, während Papa mit erhöhtem Blutdruck ins Krankenhaus gefahren wird, mit seinem Parkinson gehen wir lieber auf Nummer sicher. Letztendlich nichts wildes, wir bleiben alle ruhig, so wie Mama uns das immer vorgelebt hat. Dann zu Noni, alle sind da und gut drauf. Gegen zehn abends wieder zu Mama, sie ist mit Papa zurück, der jetzt regelmäßig Blutdruck messen muss und erst mal senkende Medikamente nehmen soll. Mama erzählt Ellen und mir von früher und von ihrer Mutter, unserer Oma Elsbeth, wie sie all ihre Kleider früher nähte. So erklärt sich auch ihr ausgefallener geschmackvoller Kleidungsstil heute. Was ein Schatz, den sie damals weggegeben hat! Jetzt heißt es wirklich Abschied nehmen.

Mein letzter Tag bricht an. Ich packe meinen Rucksack, habe ein paar Klamotten ausgetauscht und Winterstiefel dabei, denn nach einem Zwischenstop in Florida geht es zurück nach Kanada. Schon seit ich aus Österreich zurück bin, habe ich ein schweres Herz, Momente, in denen ich am liebsten den Flug canceln würde, fühle mich so wohl hier gerade. Andererseits spüre ich nach wie vor die Getriebenheit in mir. Suche etwas, von dem ich selbst nicht weiß, was es ist.

Bilder sichern, Zeug verstauen, gegen Abend ein letztes Mal Baldi umarmen, dann weiter zu David und Marina, Diana und Meike sind auch da und schon am Essen, ich bin spät. Alle vier sind total goldig, spüren meine Schwermut, hören mir zu. Meike meint, es gibt schon einen Grund, warum ich mit einem bestimmten Gefühl den Flug gebucht habe. Jetzt heißt es hinter der Entscheidung stehen, in dem Gefühl bleiben – recht hat sie. Ich habe einen wunderschönen Abend, trinke zu viel Wein, quatsche noch ewig mit Marina und David, nachdem die Mädels gegangen sind. Genau diese Dinge fehlen mir, diese Momente mit den Menschen, die mir gut tun, die ich liebe und von denen ich geliebt werde.

Das Leben erfüllt dir deine Sehnsucht nach absolutem Halt. Wenn du still wirst und in dich hineinlauschst, dann hörst du eine Stimme. Das ist die Stimme des Lebens und des Vertrauens. Diese Stimme wird dich zu deiner eigenen Mitte führen, da wo du zuhause bist. Und sie wird dich zu deiner Sehnsucht der absoluten Geborgenheit führen. Laß dich einfach fallen. – Afschin Kamrani

Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

06 – 23 Dez 2017

Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

  • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
  • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
  • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
 JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
  • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
  1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
  2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
  3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

meine Schüler nähren das Kind in mir

    • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
    mein geliebtes Mannheim
    • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
    • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
    mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
    Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
    • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
    mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
    Fotofix in Frankfurt

        Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

        • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
        Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
          • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
          mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                You deserve everything there is to give.
                Breakfasts in bed.
                Diamonds on your doorstep.
                Little notes hidden everywhere.
                I want you to have all my secrets
                and all of my demons,
                because you especially deserve
                all the parts of me
                I’m usually too afraid to share.

                Beau Taplin. Demons

                • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                Tag am See, Sommer 2016
                Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre