Valparaiso

30 Nov – 03 Dez 2016

Nach dem emotionalen Tag gestern gehe ich in der Früh laufen bevor die Hitze die Stadt voll einnimmt. Tiff wartet schon in Valparaiso, da um drei mittags die Walking tour beginnt. Ich komme gerade rechtzeitig und ziemlich verschwitzt an, da das Hostel wie die meisten oben in den verwinkelten Gassen liegt und ich mal wieder lieber laufe als ein Taxi zu bezahlen oder auf den richtigen Bus zu warten. Allerdings lasse ich mittlerweile während dieser Läufe den neuen Ort bewusst auf mich wirken, was mich von meinem immernoch scheiß schweren Rucksack ablenkt.

Die Walking tour lohnt sich: bunt, bunter, am buntesten – das Mekka für Graffiti und Streetart. Wir hören viel über die Geschichte Chiles, an jeder Ecke kleine Cafés und Restaurants, enge Gassen, wir dürfen hausgemachte Alfajores (Keks mit dulce de leche) probieren und am Ende gibts chilenischen Schnaps. Abends machen wir es uns gemütlich, trinken Wein und vertrauen uns so einige weitere persönliche Geschichten an, was uns einander noch näher bringt. Tiff hat einfach eine unglaublich herzliche Art und möchte die Menschen, die sie liebt, glücklich machen. Zusammen mit ihrem unschlagbaren Humor ergibt das eine Kombination, die gut tut, erfrischend ist und man sie einfach gerne um sich hat.

Am zweiten Tag machen wir die andere Tour mit, die uns in den äußeren Teil der Stadt führt. Die Führerin ist total goldig, halb Syrerin und vor vier Jahren nach Chile geflohen. Valparaiso ist ja schön bunt und hip, allerdings ist das Viertel am Hafen ziemlich schmuddelig und sobald man den charmanten Kern verlässt, wird es dreckig, hässlich und man fühlt sich nicht mehr sicher.

Mittags fahren wir in den Nachbarort Viña del Mar – ein Unterschied wie Tag und Nacht! Hier fließt das Geld: große Hotels, gepflegte Grünanlagen, Badestrand, lockende Shopping malls. Wir spazieren am Meer entlang, bummeln durch die Stände an der Promenade und machen uns dann auf die Suche nach einer Bar um was zu trinken. Heute lernt Tiff von mir ihren deutschen Satz ‚Verficktes Samsung hat mich gefickt‘ während wir gerade durch ein Shoppingcenter laufen und sie wiederholt ihren Satz fortlaufend bis er sitzt. Lautstark feilt sie an der Aussprache und ich fühle mich zum ersten Mal wie meine Freundin Anja mit mir, wenn ich mal wieder fluche. Ich höre nur noch ficken und hätte jetzt gern ne Sonnenbrille. Die blonde primitive Frau neben mir? Nee, kenn ich nicht. Wir finden eine Bar mit happy hour, gönnen uns zwei Cocktails und halten danach noch beim Araber für Falafel.

Viña del Mar

Zurück zuhause ziehen wir den nächsten Korken – oder wars Schraubverschluss? – spielen Karten und dann heads up mit der app: innerhalb einer bestimmten Zeit Begriffe erraten. Ich bin leider ganz schlecht, was Namen von Prominenten angeht und Tiff ist Profi, was zu ihrem Kommentar führt: you’re the worst person ever to play this game. Wir lachen, bis die Tränen kommen, bekommen kaum Luft – ich kann nicht mehr! Total befreiend und ich muss heute noch schmunzeln bei der Erinnerung an den Abend.
Da es hier in der Nähe die berühmte Weingegend Casablanca gibt und ich gerne eine Weinprobe machen würde, bleibt Tiff einen Tag länger um noch einen schönen Tag zusammen zu verbringen – perfekte Gelegenheit. Unter den mindestens zehn Weingütern wählen wir ‚Emiliana‘: hier wird ohne Pestizide produziert, alles bio und so. Schon mit dem ersten Schritt auf dem Anwesen geht mir das Herz auf: wunderwunderschön! Weinreben, Blumen, gepflegtes Gras, blühende Büsche, Hühner laufen frei rum und es gibt sogar Lamas. Des isch jo wie in de Palz! Ja, ohne die Lamas. Fühle mich pudelwohl hier und denke innerlich: meine Heimat ist genauso traumhaft. Es tut sich was in mir und ich kann Zuhause mit anderen Augen sehen.

Emiliana in Casablanca

Wir wählen die Weinprobe mit Schokolade. Dabei muss ich an meinen Freund Wilfried, den Winzer denken, der mich gelehrt hat, nicht zu essen beim Verkosten, egal was. Die Erfahrung ist aber trotzdem interessant wie Wein und Schoki miteinander harmonieren können. Ich genieße jeden Moment hier!

Da wir relativ spät los sind, reicht die Zeit leider nicht um noch ein zweites Weingut zu testen, was echt jammerschade ist. Ich überrede Tiff, dennoch zum nächten Gut zu laufen, da wir sowieso in die Richtung müssen und gerade rechtzeitig sein könnten, bevor sie schließen und nach einem Bus zurück zu schauen. Wir laufen eine Stunde querfeldein, müssen durch Drahtzäune und Tiff liegt mir in den Ohren, dass wir uns auf Privatgrundstück befinden in einem fremden Land, was sie beunruhigt. Ich lasse mich nicht beirren, finde es amüsant, genieße die Landschaft und letztendlich kommen wir ans Ziel – allerdings alles schon dicht. Wir treffen auf zwei Feldarbeiter, die uns an die Straße führen und mir erklären, dass hier gleich ein Bus vorbeikommt, der uns mitnehmen kann. Ich übersetze für Tiff, die wirkt etwas ungläubig, aber zwanzig Minuten später kommt ein Van, der uns kostenlos in den Ort bringt, von wo aus wir direkt in den großen Bus umsteigen können – Holderglück!

Zurück in Valparaiso gehen wir wieder Fallafel essen und beenden den Tag mit dem letzten Tropfen Wein – ich sags euch, das fließt hier wie Wasser – und spielen ein Spiel, das ich jedem Backpacker empfehlen kann: wir leeren unseren Rucksack und müssen uns gegenseitig den Inhalt präsentieren und begründen, warum wir jedes einzelne Teil brauchen. Tiff ist knallhart und ihrem strengen Blick entgeht nichts! So trenne ich mich von 5 Kleidungsstücken und freue mich über mehr Platz im Rucksack. Viel weniger Gewicht ist es allerdings nicht, mit Essen bestimmt 16kg, aber mein Körper hat sich mittlerweile daran gewöhnt.
Am nächsten Morgen in aller früh heißt es Abschied nehmen. Tiff nimmt den Bus nach Mendoza in Argentinien und ich werde am Nachmittag zurück nach Santiago fahren. Noch bevor ich dort angekommen bin, vermisse ich sie sehr.

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