Winter in Halifax, Kopfzerbrechen, Weihnachten und Neujahr

25.Oktober 2019 – 04.Januar 2020

In meiner Abwesenheit hat Sherry weitere Veränderungen im Haus vorgenommen und wir gehen nun gemeinsam viele Projekte an. Seit feststeht, dass sie das Haus vorerst behalten wird, ist die Motivation für Umgestaltung größer. Sherry ist diesbezüglich wie immer sehr einfühlsam, sieht, was ich brauche und ist kompromissbereit. So hat sie mir ein Zimmer im Haus zur Verfügung gestellt, welches ich ganz nach meinen Vorstellungen einrichten und dekorieren darf. Jetzt ist endlich Raum für meine Übungen, Meditation, Entspannung und Rückzug.

Vorher
Nachher

Für den inneren Ausgleich und die Fitness laufe ich zudem regelmäßig, bei schlechtem Wetter ist Sherry’s neues Laufband goldwert. Sundae beschließt eines Tages, mich zu begleiten – das Winterwetter entspricht ganz ihrer Natur – und so wird sie zu meinem neuen Laufpartner.

Shubie Park am See und Point Pleasant Park direkt am Meer

Sherry und ich kommunizieren mehr. Denn wir waren wieder einmal an einem Punkt, an dem sie mir vor Augen hält, wie wenig sie aus mir heraus bekommt, dass ich mehr in Anwesenheit von Freunden rede als mit ihr. „Sollte es nicht so sein, dass dein Partner dein engster Vertrauter ist, dem du alles sagen kannst?“ Sie ist den Tränen nahe und auch ein Stück weit frustriert. In meinen Gesprächen mit ihr komme ich oft einfach nicht über meine Hemmschwelle, frage mich, warum ich die drei Worte nicht aussprechen kann und mir wird klar, ich habe das noch nie zu jemandem gesagt. Dabei möchte ich sie wissen lassen, was ich für sie empfinde. Ich spiele die Situation x-mal im Kopf durch, doch wenn ich sie dann vor mir habe, bin ich wie versteinert. Sie lässt mich wissen, dass sie nach wie vor in Deckung ist und vorsichtig mit ihren Gefühlen, da sie nicht wie andere zuvor davon ausgehen will, dass ich sie liebe. Denn ich hatte in der Vergangenheit schon so meine Sinneswandel bzw. nicht klar kommuniziert, was dem anderen das Herz gebrochen hat. Angestoßen durch ihre erklärte Zurückhaltung fasse ich mir eines Morgens, als wir wie immer noch eine Weile im Bett liegen, dann doch ein Herz und sage ihr die drei Worte. Ihre Reaktion: „This is quite the shocker!“ Wir brechen beide in Lachen aus.

Nachdem unsere Beziehung nun also eine neue Ebene erreicht hat und ich dem Winter hier mit all seinen Facetten mehr Positives abgewinnen kann, spiele ich mit dem Gedanken, meine Beurlaubung doch zu verlängern. Denn wenn ich zurück gehe, stehen die Chancen für unsere Beziehung ziemlich schlecht. Sie hat es so formuliert: zunächst werden wir noch viel in Kontakt sein, doch das ebbt ab. Sie in mein Leben dort zu integrieren, ist wesentlich schwieriger, meine Lebensart dort ganz anders. Wir würden für immer verbunden sein, aber jeder wird dann sein eigenes Leben weiterführen und sie wird irgendwann wieder mit jemanden zusammen sein, muss mit ihrem Leben weitermachen. “Whatever you decide you’ll have a great life.” Doch der Gedanke, mit der Rückkehr gleichzeitig die Beziehung zu beenden, schmerzt. Ich lerne mit ihr mehr über mich, andererseits ist es verlockend, in vertraute Gewässer zurückzukehren. Ich schiebe die bevorstehende Entscheidung vor mir her.

Winter in Halifax

Mit Beverly und ihren Schwestern besuchen wir Sherry’s Bruder Travis und seine Frau Diana. Es amüsiert mich, die drei Schwestern gemeinsam zu erleben, aber der Tag stimmt mich nachdenklich: Beverly’s Schwester Marilyn scheint ein sehr einsames Leben zu führen, mit schlechtem Verhältnis zu ihrer Tochter, quasi keine Freunde. Als ich die Schwestern so reden höre, stelle ich mir mein eigenes Leben in vielen Jahren vor und sehe mich inmitten von vielen Freunden. Mir kommt die Frau vom Markt wieder in den Sinn, die damals zu mir sagte, ich solle mir das gut überlegen, ob ich hier bleibe, denn die Freundschaften werden nicht die gleichen sein. Ich denke an Mamas Leben und wie gut sie sozial vernetzt ist, auch gegeben durch ihr Leben in einem Ort auf dem Dorf.

Aunt Del, Mum Beverly und Aunt Marilyn

Anfang Dezember erreicht mich eine traurige Nachricht aus Frankreich: Helga, die Tante von sehr guten Freunden ist gestorben. Das haut mich ziemlich um. Viele Sommer habe ich an der Atlantikküste verbracht und über die Jahre eine besondere Beziehung zu Helga aufgebaut. Ich wusste, dass sie in den letzten zwei Jahren stark abgebaut hat und dement war, aber die Nachricht ist dennoch schockierend. Helga ist einer der unkonventionellsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Vor zehn Jahren war ich das erste Mal in Cap Ferret in Frankreich und bei Helga, habe sie über die Jahre kennen und lieben gelernt, ihre Eigenarten genossen, ihre Geschichten gerne gehört. Wir hatten eine Phase, in der wir jede Woche telefonierten. Helga war eine ganz besondere Frau, bildhübsch, hoch attraktiv, sensibel, ein Auge für die kleinen Dinge, Liebe zur Poesie, offen, verrückt, meistens von Leichtigkeit getragen mit tiefem Kern. Viele Erinnerungen gehen mir durch den Kopf: gemeinsames Kaffee trinken am Morgen, ihr Einrichtungsstil, Hang zur Farbe weiß und bunt, unzählige Cremes im Bad, ihr graziler Körper, der eine robuste tiefe Stimme hervorbrachte, ihr lautes Lachen, ihre Ehrlichkeit, ich habe viel von mir in ihr gesehen. Selten habe ich mich in einem Ort wohler gefühlt. Nun ist sie nicht mehr da. Heute bin ich sehr traurig.

Erinnerungen mit Helga

Die Weihnachtszeit ist gefüllt mit Einladungen bei Freunden, Schrottwichtel-Party, Tanzabend, Theater und mehr.

Es weihnachtet sehr…

Noch eine Woche bis Weihnachten und nichts ist entschieden. Mein Herz sollte klar sprechen, aber ich bin völlig hin und hergerissen oder sehe einfach nicht klar. Mein Kopf ist überlastet. Wo sehe ich mich in fünf Jahren? Keine Ahnung. Gefühlsmäßig scheint es einfacher, die Beurlaubung um ein Jahr zu verlängern, uns mehr Zeit geben. Nur was mache ich dann in einem Jahr? Wird es dann nicht nur noch schwieriger, hier aufzubrechen? Ich kann meine Situation nicht ausstehen. Meine Schwester sagt, wenn ich mit Sherry dieses Wir-Gefühl habe, sollte das auf jeden Fall Vorrang haben. Man weiß zudem nie, wie es kommt, muss nach dem jetzigen Gefühl entscheiden. Ich sehe keine befriedigende Lösung. Wenn ich bleibe, leidet mein Herz jeden Tag ein kleines bisschen. Wenn ich gehe, ist der Schmerz überwältigend: sie von heute auf morgen nicht mehr in meinem Leben zu haben, ein Stück von mir zurück zu lassen, zu gehen, obwohl es wunderbar zwischen uns läuft. Komme ich zu Hause auf Dauer wieder zurecht? Ist das Leben hier das, was ich will? Lebt wirklich jeder sein eigenes Leben vorrangig in einer Partnerschaft? Ich sehe da nach wie vor mit Freunden und Familie mehr Miteinander. Wie fühlt sich der Gedanke von alleine sein an? Was ist mein Ziel? Was will ich erreichen? Das Gedankenwirrwarr macht mich wahnsinnig. Willst du wieder alleine leben? Mehr Zeit mit Freunden hier und da und dort verbringen? Kannst du dir wirklich vorstellen, in deine alte Wohnung zu ziehen, wieder fest als Lehrer zu arbeiten, gebunden ans Schuljahr, dein Ding machen, deine Urlaube, und so weiter? Wenn du hierbleiben solltest, wie soll dein Leben aussehen? Was ist dir wirklich wichtig? Gibt es eine Variante, mit der du zufrieden leben kannst ohne zu denken, woanders wäre es schöner? Ein Weg, der dich zufrieden zurückblicken lässt. Was genau bringt dich zum weinen, was genau macht dich traurig? Bist du dir wirklich sicher, dass du zurück willst oder hat sich die Welt zu sehr gewandelt und du hältst an etwas fest, was so gar nicht mehr existiert? Empfindest du dein Leben als aufregend? Welcher Lebensart möchtest du nachgehen?

Wie befreie ich mich aus dieser Gedankenspirale?? Wenn der Druck größer wird, muss eine Entscheidung her und das wird spätestens Ende Januar sein.

Vorsätze fürs neue Jahr? Ich will einfach nur mehr Klarheit, einen Weg vor Augen haben, wieder mit vollem Herzen und ruhigem Geist leben… Happy New Year 2020!

Silvesterabend bei Freunden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s