Camping Wochenende – endlich mal wieder ein Hauch von Reisen

15 – 17 September 2018

Da wir uns während unseres Kajaking Ausflugs so gut verstanden, vereinbarten Sherry, Trish, Sherry und ich, gemeinsam campen zu gehen, bevor der Sommer vorbei ist. Mitte September ist es soweit: wir reservieren einen Platz auf „Murphy’s Camping on the Ocean“ in Tangier, östlich von Halifax direkt an der Küste und die Wetteraussichten könnten besser nicht sein.

Um die Verbindung noch kurz klarzustellen: meine Sherry und Trish kennen sich schon seit bald zwanzig Jahren. Trish ist leidenschaftliche Motorradfahrerin und geht mit dem Ehemann der anderen Sherry regelmäßig auf Tour.

Sherry und ich leihen uns ein riesen Zelt vom Markt, erklären uns bereit, die Verpflegung für uns vier zu übernehmen und wollen die beiden Mädels mit außergewöhnlichem und dennoch campingfreundlichem Essen überraschen. Sherry hat aus ihren Jahren als Restaurantführerin zudem alles, was auch nur im Entferntesten mit Küche zu tun hat.

Am Samstag früh verkaufen wir noch wie jede Woche auf dem Markt, packen aber ausnahmsweise eine Stunde früher zusammen, laden das Auto und machen uns auf den Weg ins Wochenende.

Lediglich eine gute Stunde dauert die Anreise. Trish’s Zelt steht schon und Sherry schläft in ihrem Auto. Nach einer herzigen Umarmung bauen wir unser Zelt in zwanzig Minuten auf und Sherry richtet innen alles für unser Überraschungs- Candlelightdinner her, während ich mit Trish und der anderen Sherry (ich nenne sie im Folgenden der Einfachheit halber Sherry2) quatsche. Irgendwann fragen die beiden sich dann aber doch, was Sherry so lange im Zelt treibt. Als sie dann den gedeckten Tisch und den dekorierten Raum im Zelt präsentiert, schüttelt Trish den Kopf und lacht, da sie Sherry zugetraut hätte, im Wohnwagen anzukommen anstatt ganz banal zu zelten. Sherry2 ist ganz aus dem Häuschen und begeistert vom Luxus. Ich lerne ein neues Wort: Glamping – die Verschmelzung aus Glamour und Camping.

Candlelightdinner im Zelt – Glamping vom Feinsten

Musik, viel Sonne, tiefgehenden und unterhaltsame Gespräche, wir begeben uns auf einen kurzen Trip mit einem uralten Ruderboot – dementsprechend kommen wir nicht wirklich weit; Trish hat ihr Kajak mitgebracht. Wie immer am Wasser muss ich zumindest einmal kurz schwimmen gehen und es ist gar nicht so kalt wie befürchtet. Der Sternenhimmel in der Nacht ist umwerfend und erinnert mich an so manche Nacht in Südamerika.

Trish und Sherry; Sherry im Campingoutfit und beim Tanz mit den Hunden

Trish’s Kajak steht bereit; wir vier Tusneldas schlagen uns mit dem alten Ruderboot rum
kurzer Ausflug im Ruderboot
Sundae liebt Wasser – typisch Neufundländer

Nach dem Candlelightdinner am ersten Abend verwöhnen wir uns mit üppigem Frühstück und veganen Burgern – mobile Herdplatte machts möglich.

herzhaftes Frühstück: potatoes, baked beans and vegan sausages

Zwischen Sherry und mir entwickelt sich mehr und mehr Vertrautheit, ich bin vollkommen entspannt in ihrer Gegenwart. Alles fühlt sich echt und natürlich an, ihr positives Lebensgefühl, mit dem sie jeden Morgen aufwacht, tut mir gut.

Am Montag früh schlagen wir nach letztem gemeinsamen Frühstück die Zelte ab und begeben uns auf den Heimweg. Da wir keinen Zeitdruck haben, hält Sherry mit mir am Strand in Laurencetown für einen Spaziergang. Die Strände hier sind im Sommer wirklich traumhaft.

Spaziergang mit Sherry am Meer; Dude und Sundae genießen die Weite und Sundae nutzt mal wieder ihren Charme aus.

Sherry’s Freunde und Familie fragen nach der neuen Frau an ihrer Seite und einige melden zurück, dass sie gleich etwas zwischen uns gesehen haben, was uns beide sehr amüsiert und erstaunt, da weder sie noch ich auch nur im Entferntesten ahnten, dass sich unsere Beziehung so entwickeln würde.

Sag niemals nie.

Einleben, aus Freundschaft wird mehr, Besuch aus Deutschland!

31 Juli – 15 September 2018

Zurück aus Montreal gewöhne ich mich in den folgenden Wochen an mein vorerst neues Zuhause. Nach wie vor ist Sommer und Sherry stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

  • Crystal Crescent Beach

  • Tag am Pool im Haus von Sherry’s Dad in Chester mit Abendessen im Restaurant Rope Loft direkt am Wasser

  • Kayaking mit Trish, Sherry und Sherry (ja, da gibt es noch eine zweite) bei Blue Rocks. Auf dem Heimweg halten wir in einem Pub in Chester und essen die besten Onion rings ever!

Kayaking at Blue Rocks

  • Jährliches Busker Festival in Halifax: von Feuerspuckern über Comedians bis hin zu Magiern versammeln sich die besten Straßenkünstler an der Waterfront. Genau vor einem Jahr kam ich zum ersten Mal nach Halifax! Sherry führt mich an diesem Wochenende aus in die legendäre Bar Lower Deck; wir bleiben lange, denn die Band hat’s drauf!
  • Nine and dine: Golfen mit Sherry und Freunden bis zum Sonnenuntergang.

Mein Gemütszustand: Ich bewege mich nicht genug, habe keinen Rhythmus hier was laufen angeht und trinke meinem Empfinden nach zuviel. Die Kombi zieht mich emotional runter. Außerdem schreibe ich nicht genug, mein Visum läuft bald aus und die Frage steht im Raum, wie’s weiter geht. Viel Arbeit, was ablenkt, mich aber auch nicht weiterbringt und nicht fühlen lässt, was wirklich los ist in mir. Wache immer mal wieder mit schwerem Herzen auf. Und dieses Heimweh ist ganz schön penetrant.

Mitte August komme ich aus der Negativspirale raus: trinke weniger, laufe mehr, spaziere mit Hund Dude im Park, mache meine Übungen. Die Auswirkungen auf mein inneres Gleichgewicht sind enorm. Sherry schleppt mich zum neuen Fitnessstudio in der Nähe, das sie ausprobieren möchte: zwei Wochen testen sind frei, sie will definitiv weitermachen, ich denke zunächst, dass ich wahrscheinlich auch zufrieden bin mit laufen und schwimmen, als einstige Fitnesssüchtige bleibe ich dann aber doch dabei – das Programm ist gut und powert aus.

Mit Maddie verabrede ich mich zum Wandern, was meinem Herz unglaublich gut tut!

Bluff Wilderness Trail

Besuch bei Olga. Wir trinken Kaffee auf ihrer Terrasse, ich genieße wie immer ihre Art zu denken, höre ihr gern zu. Wir schwimmen am privaten Meereszugang ihrer Nachbarn. Idylle pur.

Sherry und ich entwickeln erste gemeinsame Rituale und Routinen:

Dinner und Kino am Dienstag: abwechselnd wählt einer von uns Film und Restaurant, der andere zahlt. Samstags nach dem Markt kehren wir ein in die Pizzeria Salvatore’s, dabei war ich nie Pizza Fan. Mittwoch und Sonntag sind unsere freien Tage, die wir im Fitnessstudio beginnen.

Sherry amüsiert sich darüber, dass ich ganz ohne Aufforderung die Hundefütterung übernommen habe. Gegen sechs Uhr morgens weckt Sundae uns, indem sie mit ihren Vorderpfoten von einer Seite aufs Bett kommt und denjenigen anstupst, auf dem sie mit ihrem riesigen Körper gerade liegt. Und sie wächst von Woche zu Woche! Schnell hat sie kapiert, dass das Futter jetzt von meinen Händen kommt und steuert morgens nun direkt mich an.

In der vielen gemeinsamen Zeit lerne ich Sherry schnell besser kennen: Sie ist unglaublich positiv, unkompliziert, so humorvoll, dass sie mir fast täglich Tränen in die Augen treibt, lebt ihr inneres Kind. Nach außen taff und stark, ist sie eigentlich höchst gefühlvoll, sensibel und verletzlich. Sie erzählt viel aus ihrem Leben, ist eine attraktive gutaussehende Frau, hat unendlich viele Talente, Menschen, die sie gern hat, hilft sie ganz selbstlos und liebt Hunde, besonders Neufundländer.

Ganz schön viel Nähe – und so kommen wir uns wirklich ganz ungeplant eines Tages doch näher als gedacht. Obwohl ich mich in dieser Beziehung als schüchtern bezeichnen würde, mache ich einen Schritt auf sie zu und lerne mich so selbst von einer neuen Seite kennen. Unsere Umgebung ist begeistert von der neuen Art der Verbindung.

Ich bekomme Besuch aus Deutschland – genau das, was ich mit meinen Heimwehgefühlen brauche: Der Sohn von guten Freunden von meinen Freunden und liebevoll so genannten zweiten Eltern Vera und Rainer reist mit bestem Freund durch Canada und USA. Die Jungs bleiben über eine Woche und genießen es, sich auszubreiten und nicht nach zwei Tagen wieder einpacken zu müssen. Wir bringen sie zur Pizzeria um die Ecke, gehen abends zusammen aus, ein Tag Lunenburg und in der Umgestaltung des Gartens werden sie eingespannt. Auch wenn wir nicht direkt befreundet sind, tut es gut, Menschen aus der Heimat da zu haben, den Dialekt zu hören und zu sprechen, sich über Zuhause zu unterhalten.

Die Jungs kochen für uns
Pizzeria Salvatore’s
Project Backyard

Bar ‚Your Father’s Moustache‘

Peggy’s Cove
Lunenburg mit Stop für die besten Onion Rings

Durch die Ferne wächst die Liebe für Zuhause.

Eines Tages helfe ich Sherry bei einem Catering Job für eine Erinnerungsfeier für einen Mitarbeiter vom Markt, der gerade gestorben ist. Wir bringen das Essen und bleiben, unterhalten uns hier und da, Nigel setzt sich zu uns. Für Sherry ist es das erste Mal in diesem Raum seit der Feier für ihren verstorbenen Bruder, dessen sogenannte ‚Celebration of Life‘ vor nicht mal einem Jahr hier stattfand. Nach den ersten Programmpunkten rollen ihr die ersten Tränen über die Wange und dann wird alles ganz schnell zu überwältigend. Wir verschwinden durch den Hinterausgang. Zuhause angekommen verzieht sie sich direkt ins Badezimmer, teilt aber ihre Gefühle und Gedanken mit mir. Ich bringe ihr ein Glas Wein, einen Happen zu essen und geselle mich zu ihr in die Badewanne. Wir reden, ich erzähle von Angela, meiner leiblichen Mutter, was mehr Nähe zwischen uns schafft. Ich kann nachvollziehen, wie schwer der Schmerz und Verlust des Bruders zu ertragen sein muss. Ich habe sie unglaublich gern, sehe immer mehr Tiefe in ihr, will mehr Zeit mit ihr.

Wenn eine Persönlichkeit mich fesselt, wird jede Form des Ausdrucks an ihr zum Genuss. Oscar Wilde

Kurztrip nach Montreal: Freunde, Nähe und innerer Frieden

25 – 30 Juli 2018

Schon seit Monaten will ich mal wieder nach Montreal, um Freunde zu besuchen und Stadtluft schnuppern – meinem Herzen etwas Gutes tun. Endlich ist es soweit und ich genehmige mir fünf Tage weg von allem hier.

Am Tag vor meiner Abreise machen Sherry und ich früh Feierabend und sie lädt mich spontan auf ein Bier und Salat auf einer Terrasse in der Sonne ein. Zuhause warten die Hunde und Sherry füllt den kleinen Pool, den sie für Sundae zur Abkühlung gekauft hat. Knapp fünf Monate ist sie erst und jetzt schon riesig. Sie liebt Wasser und kann sich stundenlang mit dem planschen beschäftigen. Wir gönnen uns mehr Wein, stehen mit den Füßen im kühlen Wasser und liefern uns wenig später eine kleine Wasserschlacht, bei der ich Sherry über die Straße jage – ich denke an meine Kindheit mit unseren unzähligen Spieltagen auf der Straße. Am nächsten Morgen bringt Sherry mich zum Flughafen und wünscht mir tolle Tage. Sie spürt, wie sehr ich diese Auszeit brauche.

Am frühen Mittag lande ich in Montreal, nehme den Busshuttle in die Stadt, dann die Metro Richtung NdG. Dort wohnen Benjamin und Brigitte, bei denen ich wieder schlafen werde. Ich mag die Metro, die Ansagestimme, die unterschiedlichen Menschen, die ein- und aussteigen; viele schöne Erinnerungen werden wach. Bei Villa Maria steige ich aus, Benjamin und Brigitte’s Haus ist nur fünf Minuten entfernt. Ich finde den Hausschlüssel wie vereinbart und mit dem ersten Schritt in ihr Heim fühle ich mich wie zuhause.

Charlie hütet das Haus

Ich lege meine Sachen ab und laufe entlang Monkland. Es hat sich kaum etwas verändert: rechts der Naturkostladen, links der vegane Imbiss und daneben der Coffee Shop ‚melk‘; weiter unten der Laden ‚Zone‘ für moderne Einrichtung und an der Ecke der Asiate. Es ist warm und schwül. Im Café melk bestelle ich Cappucino, suche mir einen Platz in der Sonne und aktualisiere mein Tagebuch. Ein Jahr ist es jetzt her, als ich hier aufgebrochen bin. Nie hätte ich gedacht, dass ich immernoch bzw wieder in Kanada sein würde.

Cappuccino im Café melk

Rechtzeitig bevor Benjamin von der Arbeit kommt, bin ich zurück. Ich brauche eine Weile, bis ich ihn auf den aktuellen Stand gebracht habe. Wie erwartet hat er seinen ganz eigenen Standpunkt, eine besondere Sichtweise auf meinen Bericht und viele Ideen, wie ich von hier aus weitermachen kann. Irgendwann schaut er mich an und meint: geh zurück nach Südamerika, das ist doch, wo du wirklich sein willst! du hasst den Winter und das wird sich nicht ändern. Er erinnert sich wahrscheinlich an meine strahlenden Augen als ich letztes Jahr direkt aus dem Süden kam.

Wir laufen zum veganen Restaurant ‚Aux vivres‘ und unser Essen ist hervorragend – lecker! Später sehe ich Brigitte, wie so oft kommt sie auch heute erst gegen neun Uhr abends heim und ist goldig wie immer. Den nächsten Tag beginne ich mit Joggen und laufe am Mittag im Auftrag von Sherry zum Harley Davidson Store. Sie fährt zwar momentan kein Motorrad, mag aber die Klamotten und möchte ein Shirt mit dem Montreal-Aufdruck. Die Auswahl ist groß: ich nehme Kontakt mit ihr auf und sie ist sofort ganz begeistert, dass ich wirklich hier bin. Alles, was meiner Einschätzung nach infrage kommt, fotografiere ich und probiere an, sie entscheidet sich für zwei Teile, ist ganz glücklich.

Shopping für Sherry im Harley Davidson Store

Danach geht’s direkt weiter zu Eric. Ich freue mich sehr ihn zu sehen. Er wirkt positiv und ausgeglichen, zeigt mir seine neue Einrichtung. Endlich macht er es sich schön in seiner Wohnung, gefällt mir. Er reicht mir ein Glas Gin, wir bestellen Dumplings, wechseln zu Wein und gemütlich auf dem neuen Sofa reden wir bis in die Nacht. Ich erzähle viel, bin ganz offen, auch von meiner Erfahrung mit einer Frau. Noch nie habe ich ihn so erstaunt gesehen, was mich zum Lachen bringt. Er kann es kaum fassen, neckt mich den ganzen Abend. Ich biete ihm Unterhaltung vom Feinsten, er interpretiert mein wildes Leben als meine Midlife-Crisis.

Als ich am nächsten Morgen vom Laufen komme, treffe ich auf die kleine rundliche asiatische Putzfrau bei Ben. „Sarah, are you an athlete? I love your body! I want to lose my belly.“ Ich entgegne: „less sugar and exercise!“ Später fragt sie mich ernsthaft, ob ich bei den Olympischen Spielen mitmache und ob sie ein Autogramm haben kann. Sehr amüsant.

Ben und Brigitte lieben gutes Essen genauso sehr wie ich und führen mich am Freitagabend zum ihres Erachtens besten Inder aus – mega lecker! Am Samstag wird ausgeschlafen, dann frühstücken wir gemütlich auf der Terrasse, sammeln Brigitte’s Schwester ein und machen einem Spaziergang im Park, halten am Oratorio und kühlen uns ab mit Bier in der St Ambroise Brewery am Canal Lachine.

Oratorio

St Ambroise Brewery

Als es dämmert bitte ich sie mich an der Metro Lionel-Groux abzusetzen, denn ich bin mit Aishah, meiner alten Mitbewohnerin, zum Dinner in Chinatown verabredet. Sie sieht gut aus und wir haben uns viel zu erzählen. In Aishahs Leben tut sich einiges und es ist schön ihr zuzuhören. Wir vermissen uns beide, wohnten gerne zusammen. Ihr Lachen ist nach wie vor entzückend. Danach ziehen wir auf einen Cocktail weiter in die Bar ‚mal necessaire‘. Eigentlich wollen wir noch tanzen gehen, als wir jedoch an der Metrostation warten, sind wir beide so müde, dass wir es dabei belassen, uns mit einer festen Umarmung verabschieden und nach hause fahren.

Bar ‚Mal Necessaire‘

Auch den Sonntag starten wir wieder mit einem späten Frühstück – Benjamin ist ein ausgezeichneter Koch! Wir unterhalten uns lange, ich genieße die Gespräche mit den beiden. Wir planen meinen letzten Tag hier und Benjamin erzählt von einer neuen veganen Bäckerei – Café dei Campi – die muss getestet werden! Wir bestellen ein paar Teilchen. Anschließend noch ein Stop in der Bäckerei Guillaume im Le Plateau – allein bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

vegane Bäckerei und Konditorei Café dei Campi

Tam-Tams: jeden Sonntag versammeln sich am nördlichen Ende des Parc du Mont-Royal teilweise hunderte Trommler zum gemeinsamen Musizieren und ziehen damit Tänzer, Schaulustige, Händler und verschiedenste schräge Vögel an. Wir suchen uns einen Platz auf einer Mauer und betrachten das Spektakel eine Weile.

Tam Tams

Da ich morgen schon wieder abreise, treffe ich Eric nochmal im Café Mercanti, er wohnt ganz in der Nähe. Seine Gegenwart ist angenehm und die Vertrautheit, die zwischen uns herrscht, tut gut. Es wird abend und Benjamin wird kochen, also begleite ich Eric zu seinem Apartment, was im selben Stadtviertel liegt und auf dem Weg: eine innige Umarmung zwischen uns und ein Gefühl von endgültigen Frieden mit ihm tritt ein. Er küsst mich auf die Stirn.

In mich gekehrt und mit positiver Sicht in die Zukunft laufe ich heim: die Tage hier in Montreal und der Abstand von allem waren genau das, was ich gebraucht habe – gaben Raum, die eigenen Gefühle zu spüren. Auch wenn ich mit Heimweh kämpfe, sehe ich mich nach wie vor noch nicht zurück in Deutschland und fühle mich wohl hier. Etwas sagt mir, da ist noch mehr, was es zu erkunden gilt. Sherry hat viele Pläne für gemeinsame Aktivitäten in nächster Zeit. Die Begegnung mit ihr ist wieder eine dieser Fügungen, die das Leben so herrlich spannend machen. Ich sage mir: Alles wird gut. Folge deinem Herzen. Wage neues. Mach, was dir gut tut. Gib nicht nach, nur um es anderen recht zu machen.

Am Montag morgen verabschiede ich mich von Montreal: ich mag die Stadt immer mehr, verstehe jetzt die Anziehungskraft, das europäische Flair, die kleinen Läden, das Essen, die grünen Alleen. Heute abzureisen ist nicht leicht, denn ich fühle mich gut aufgehoben hier mit Freunden, die mich immer mit offenen Armen willkommen heißen und mein Bedürfnis nach regem sozialen Leben stillen.

Gib mir Freundschaft – nur so kann ich voll und ganz ich sein.

Auszeit am Meer, Herzschmerz, Ende und Anfang

10 – 24 Juli 2018

Gegen 10 Uhr morgens holt Sherry mich ab, wir legen einen kurzen Stopp bei ihrer Mutter Beverly ein. Die beiden haben ein inniges Verhältnis, Beverly hat eine Vorliebe für Kitsch vom Feinsten, ihr Schlafzimmer gleicht dem einer Prinzessin wie im Märchen. Passend dazu hat sie einen dieser Minischoßhunde mit Schleife im Haar. Am frühen Mittag erreichen wir das Meer. Sherry’s Freundin Donna und Ehemann haben dort einen Trailer und Wohnmobil. Als wir durch die Tür treten, fühle ich mich sofort wohl. Donna kommt später, wir spazieren in der Zwischenzeit mit den Hunden am Strand entlang und genießen die Terrasse in der Sonne mit Blick auf den Horizont. Donna trifft gegen Abend ein, sehr sympathische Person, wir sitzen bei Wein gemütlich zusammen und Donna’s Mutter, die nebenan wohnt, gesellt sich auch noch zu uns.

Der zweite Tag beginnt windig und trüb. Eigentlich wollten wir mit den Kajaks raus, doch so machen wir es uns gemütlich und spielen den ganzen Tag Karten, machen einen Spaziergang am Strand, ich kann mal wieder nicht widerstehen und renne in Unterwäsche ins Wasser. Donna legt Tarotkarten für uns, liest unsere Hand und kennt sich auch ein wenig in Numerologie mit Namen aus. Für diese spirituellen Dinge war ich schon immer empfänglich und was sie in meiner Hand sieht, ist spannend, amüsant und erstaunlich wahr, was meine Geschichte angeht. Anscheinend werde ich steinalt – ich scherze, dass mich das nicht wundert mit meiner Lebensweise. Rundum sind die Stunden hier sehr erholsam und entspannend. Donna’s frisch gebackene Zimtschnecken tragen mit ihrem himmlischen Duft zum heimeligen Gefühl bei.

Der Donnerstag zeigt sich stürmisch, daher brechen wir recht schnell nach dem Frühstück auf. In Halifax scheint überraschend die Sonne, wir begeben uns auf direktem Weg in die Küche. Als ich gegen Abend heim zu Robyn komme, ist die Stimmung miserabel. Wieder wird mir unterstellt, mit Sherry würde etwas laufen. Die Situation ist heikel: Robyn ist hochsensibel, verarbeitet den Tod ihres Vaters und kommt zurück zu all den Veränderungen, erlebt mich wahrscheinlich anders als zuvor und fühlt sich nicht wertgeschätzt. Ich verstehe. Ich dagegen genieße es, endlich etwas unabhängiger zu sein, erste eigene Freunde zu haben, da es mir ein klein wenig von dem gibt, was ich zuhause hatte. Während einem meiner Läufe um den See denke ich an meine Singlezeit vor und nach Eric – nie war ich zufriedener und erfüllter: Familie und Freunde um mich, fitter denn je, Spaß mit meiner Arbeit und regelmäßig auf Reisen. Doch ich wollte mehr vom Reisen – der Ruf war stärker als alles andere.

Robyn hat mir die einsame Zeit hier wesentlich leichter gemacht, mich überall eingebunden und mich auf die Idee mit dem Markt gebracht. Jetzt sind meine Kräfte zurück, die Sehnsucht nach Freunden und Familie stärker als zuvor.

An einem Samstag morgen auf dem Markt unterhalte ich mich lange mit einer deutschen Frau. Sie wanderte vor vielen Jahren hierher aus und erkundigt sich regelmäßig, wie es mir geht im fremden Land, weit weg von der Heimat. Wir sprechen über Heimweh, Verbundenheit, den Kontakt verlieren. Sie erzählt von der Erfahrung, irgendwann nur noch die entfernte Tante zu sein, man gehört nicht mehr so dazu wie früher. Der Gedanke versetzt mir einen Stich. Ich solle es mir gut überlegen wie lange ich weg bleiben will und mich dann nicht aufhalten lassen von Business oder Sonstigem. Sie kann bestätigen, dass es weh tut, wenn man nicht mehr so dazugehört.

Ich erlebe in diesen Tagen Momente mit vielen Tränen, Schmerz in mir, Zerrissenheit, Sehnsucht, Verlorenheit.

In meiner verzwickten Lage steht jetzt die Frage im Raum, ob ich erstmal ausziehe, damit sich die Wogen glätten können. Robyn ist völlig am Ende, der Zeitpunkt könnte für sie nicht ungünstiger sein. Es macht mich traurig, dass ich zu ihrem Schmerz beitrage, möchte sie nicht noch mehr verletzen als schon geschehen. Fühle, dass ich mich vielleicht wirklich erstmal zurückziehen sollte, Anspannung pur, wir können kaum noch normal miteinander umgehen. Da Robyn’s Wohnung in diesen Monaten auch zu meinem Zuhause geworden ist, ist es gar nicht so leicht einzupacken und zu gehen. Schnitt, Ende, Anfang, Wandel, Ungewissheit. Sherry bietet mir ihr Gästezimmer an. Sie kennt ähnliche Situationen aus ihrer eigenen Vergangenheit und will helfen. Zu meinem Bedenken, ihr zuviel zu werden, meint sie nur ‚I’m easy.‘

Am 17. Juli packe ich zusammen und ziehe zu Sherry. Es rührt mich, wie lievevoll sie mein Zimmer hergerichtet hat.

In den folgenden Wochen treffe ich Robyn noch ein paar Mal. Wir schaffen es, die Begegnungen überwiegend positiv zu gestalten, dennoch sind da viele verletzte Gefühle und jetzt einfach Freunde sein – das hat noch nie funktioniert. Ich ziehe mich zurück, was interpretiert wird als im Stich lassen. Ich kanns nicht ändern und spüre, dass es Zeit braucht, bis Wunden verheilt sind.

„We demand closure as though our lives were put together as neatly as novels, but the fact of the matter is they’re not. In real lives, relationships are messy and poorly written, ending too early or too late, and sometimes in the middle of a sentence.“ Beau Taplin – Neatly as Novels

Täglich fahre ich nun morgens mit Sherry in die Küche und wir kochen und backen Seite an Seite. Mit ihrer heiteren und oft kindischen Art bringt sie mich täglich zum Lachen und stellt sicher, dass mir nicht langweilig wird.

Die Pride Parade findet jedes Jahr Ende Juli statt und wird in Halifax ganz groß gefeiert wird. Die gay community scheint hier größer zu sein als fast überall sonst in Kanada. Nach dem wöchentlichen Samstagsmarkt, auf dem wir beide verkaufen, fahren wir in die Stadt und gesellen uns zu den Zuschauern.

Wir treffen auf Sherry’s Freunde John und Cyrill. Ich fühle mich John direkt nahe, was mir immer passiert mit Menschen, die strahlen und viel Gefühl zeigen. Spontan gehen wir mit ihnen zu ihrer Freundin Stefanie nach hause, die ein Apartment mitten in der Stadt hat. Mein erster Eindruck von ihr: sie ist überdreht, wirkt immer gut gelaunt, redet viel, vermeidet Augenkontakt, reist viel um die Welt. Ganz perplex sind wir als sie erzählt, dass ihre Eltern innerhalb einer Woche starben als sie 22 ist. Ich bin berührt und verstehe sofort meine Beobachtungen – vergangene Erlebnisse, die unsere Verhaltensweisen prägen.

Nach ein paar drinks machen wir uns auf zum Garrison Ground: ein Feld im Freien mit Bühne und Bierständen. Ich hab ganz schön einen sitzen mittlerweile, quatsche hier und da mit Leuten, die ich gerade erst getroffen habe.

Garrison Ground: ganz links Stefanie, ich, Sherry, John im Hintergrund, Cyrill am Auslöser

Wir bleiben gefühlt dreißig Minuten bevor sich unsere Gruppe auflöst. Sherry bringt mich zum Pub ‚Your Father’s Moustache‘. Dort spielt gerade ihr Freund Joe mit seiner Band, wir bleiben ne Stunde, essen einen Happen und machen uns dann auf den Weg nach Hause. Viel Zeit bleibt dort nicht, denn am Abend geht es gleich weiter: Hunde versorgen, umziehen, und los zum ‚Women’s Dance‘: eine von mehreren Veranstaltungen im Jahr, gedacht für lesbische Frauen. Verabredet ist Sherry dort mit ihren Freunden Trish und Tamara. Eine von Sherry’s vielen Talenten ist das Tanzen und so zieht sie mich immer wieder auf die Tanzfläche. Um halb zwei sind wir zurück zuhause – 21 Stunden wach. Wir fallen müde ins Bett und als mir die Augen zufallen, blicke ich auf einen gefühlvollen Tag zurück.

Veränderung kann schmerzhaft sein, aber nichts schmerzt mehr, als dort zu bleiben, wo man nicht hingehört.

Erste echte Freundschaften, Moment der Entscheidung und endlich Sommer

01 Mai – 10 Juli 2018

Das war mit Abstand meine längste Schreibpause und ich weiß, dass einige von euch nach wie vor fast täglich auf neue Nachrichten von mir gewartet haben. Die letzten Monate haben viel Veränderung mit sich gebracht und obwohl mein schlechtes Gewissen mich über diese Zeit geplagt hat, scheint es rückblickend besser, euch jetzt eine Zusammenfassung über die Entwicklungen zu geben, um möglichst respektvoll mit involvierten Gefühlen umzugehen.

Um meine jetzige Situation nachvollziehen zu können, hier also ein Überblick, was sich in siebzig Tagen getan hat, mit dem Fokus auf Information.

Erfolge mit „HOLDER is vegan“: Der Markt am Samstag läuft gut, Sonntag und Mittwoch Nachmittag mache ich auch mit; allerdings mehr, um zuhause raus zu kommen und wegen der Geselligkeit auf dem Markt. Auf einem Straßenfest sind wir an einem Sonntag mit einem kleinem Tisch zwischen Food Trucks vertreten und ich verkaufe zum ersten Mal auf einer Messe: Body Mind & Spirit Expo in Halifax, was ein voller Erfolg wird.

Ende Juni habe ich meine Produkte abgesehen von Noggins jetzt in einem kleinen Shop am Hafen und beliefere zweimal die Woche ein Café. Meine Facebookseite hat immer mehr likes, ich bekomme ausschließlich positive Rückmeldungen auf dem Markt und sehe jede Woche wiederkehrende Kunden. Wenn ich das alles so betrachte, kann ich selbst kaum fassen, wo ich gerade stehe und was ich mache. Ich gelange in eine Stimmung, in der ich mir vorstellen kann, das Ganze laufen zu lassen und zu schauen wie weit ich es treiben kann.

Mein Heimweh verschwindet nicht. Ich sehne mich nach Menschen, Lachen, Freunden und kann mir nicht vorstellen, dass ich das so noch lange aushalte. Andererseits sehe ich mich nach wie vor noch nicht zurück in Deutschland. Als meine Gedanken eines Abends zu belastend erscheinen, breche ich in Tränen aus und Robyn zeigt sich wieder einmal verständnisvoll auf allen Ebenen. Der Tag, an dem ich aufbrechen werde, ist für mich nur schwer zu visualisieren, dennoch weiß ich, dass da draußen noch mehr auf mich wartet und ich wieder Energie für Neues habe.

Eine Handvoll interessante Personen, mit denen ich gerne Zeit verbringe, gibt es mittlerweile:

  • Nigel: er verkauft neben mir seine Fotografien, stammt aus England, arbeitete lange für die Royal Airforce und hat seine Frau sturzbetrunken in einer Bar kennengelernt, für ihn war am ersten Abend klar, dass er sie heiraten wird. Er ist ein guter Geschichtenerzähler und Zuhörer und bringt mich oft zum Lachen. Seine sanfte Natur, seine Ehrlichkeit und offene Art und sein Humor machen ihn zu einem angenehmen Zeitgenossen.
  • Wes: vor einigen Jahren ist er mit seiner Frau aus Mexiko gekommen. Er studiert und verkauft am Wochenende traditionellen Schmuck aus Mexiko. In den letzten Wochen ist er total aufgetaut und redet am laufenden Band. Von Deutschland ist er begeisert, will neue Wörter lernen, fragt viel, weiß viel. Mir gefällt wie vielschichtig er ist, so viel mehr als der erste Eindruck. bübisch, neugierig, belesen, auf der Suche, gefangen in Strukturen, denkt zu viel an die Zukunft, sollte impulsiver leben.
  • Dave: Musiker, arbeitet für eine Brauerei in Robyn’s Stammkneipe an der Bar; guter Geschichtenerzähler, ehrlich, sympathisch, angenehm. Ich gebe ihm regelmäßig eine Kostprobe von meinem Gebackenen und er gibt gewissenhaft Feedback.
  • Olga: mit ihrer direkten Art kann ich gut umgehen, die Liebe für ihren Hund Ella bringt mich oft zum Schmunzeln, ich mag ihre erfrischende Sicht der Dinge.
mit Ella im Shubie Park

Meine Freizeit verbringe ich nach wie vor mit laufen, lesen, sonnen (sofern das Wetter es zulässt). Alles in allem ist das alles hier nicht genug Action für mich. Jetzt, da ich mal wieder einen Alltag lebe, spüre ich, wieviel mehr ich brauche. Ich beobachte das Wetter in Deutschland: dauerhaft 30 Grad! Nie wieder werde mich dort über das Wetter beschweren! Hier waren es an einem Tag Anfang Juni fünf Grad – ich fühle mich zurück versetzt in den Januar. Meine Aufbruchstimmung wird größer, die Routine lästiger, die Sehnsucht nach Abenteuer wieder stärker.

Dachterrasse Celtic Corner und Gänse am Sullivan’s Pond

Was ich in den letzten Wochen vom Zustand von Robyn’s Vater mitbekomme, hört sich nicht gut an und ich glaube nicht, dass er sich von den letzten Monaten erholen wird. Robyn und ihre Geschwister haben ein enges Verhältnis zu ihm – das wird hart. Die Geschwister wechseln sich ab, um bei ihm in Montreal in der Klinik zu sein.

Sherry feiert Geburtstag im ‚Bistro chez Liz‘ in Downtown Halifax. Zur Erinnerung: sie verkauft auf dem Markt gegenüber von mir und bei ihr waren wir anlässlich ihres neuen Hundes eingeladen. Ich gehe allein, da Robyn in Montreal ist. Ich mag Sherry, sie strahlt immer und ist eine ehrliche Haut.

Todd, Sherry und ich

Auf dem Markt unterhalte ich mich mit einem Typ, der mit Trüffeln handelt. Wir verstehen uns gut, unterhalten uns eine Weile, was mich an Gespräche mit Reisenden erinnert. Wir tauschen Nummern aus, völlig ohne Hintergedanken und um Kontakte zu erweitern. Robyn ist sofort angespannt – ein wenig Eifersucht ist kein Problem, doch sie lässt das Thema tagelang nicht ruhen, ist vollkommen verunsichert. Ich kann sie insoweit verstehen, als dass ich sparsam mit Zuneigung umgehe und sich die Gefühle in unserer Beziehung nicht die Waagschale halten. Wir durchleben ein paar schwierige Tage, und ich spiele mit dem Gedanken, die Zelte hier abzubrechen, da ich sie augenscheinlich verletze. Eine Woche später glätten sich die Wogen vorerst.

Sherry bietet mir an, ihre Küche mit ihr zu teilen. Nach den einsamen Wochen zuhause kommt mir dieses Angebot wie gerufen. Die Gesellschaft macht das Arbeiten wesentlich angenehmer und unterhaltsamer. Wir verstehen uns so gut, dass wir schnell auch außerhalb der Arbeit Zeit miteinander verbringen. Ich erzähle ihr von meiner Einsamkeit in den letzten Monaten und so nimmt sie mich mit ins Kino, zu einem Hundeevent und an einem Abend gehen wir in die angesagte Bar Kismet. Wir lernen uns langsam näher kennen und mein gutes Gefühl mit ihr bestätigt sich.

„Hair of the dog“ in Garrison Ground Park
Bar Kismet

Während meiner Zeit alleine erweitern sich meine sozialen Kontakte. Ich besuche Mel und Maddie zuhause und begleite Olga zu ihrem Ikea shopping.

Mitte Juni sieht es so aus als könnte Robyn’s Vater jeden Moment sterben. Er bekommt Morphin und spricht kaum noch. Sie wird nun vermutlich bis zum Ende bei ihm bleiben. Ich genieße meinen Freiraum hier, bin noch dazu verwöhnt mit dem Auto von Lynette, habe das Bett für mich, meinen natürlichen Essensrhythmus, fühle mich insgesamt gut. An einem Abend spaziere ich entlang Lake Banook und verbringe einen Tag am Conrad’s Beach.

Lake Banook
Conrad’s Beach

Sherry fragt mich, ob ich Lust habe, zwei Nächte mit ihr wegzufahren, eine Freundin in Ponds, nähe New Glasgow, direkt am Meer zu besuchen – ich sage direkt zu. Erstens weiß ich nicht, wann Robyn aus Montreal zurückkehrt; zweitens freue ich mich über die neue Freundschaft, bei der ich direkt spüre, dass sie tiefer geht und zu meinem Wohlbefinden im fremden Land beiträgt; drittens ist es eine Begegnung, die nicht über Robyn entstanden ist. Klar bin ich dankbar, dass sie mich immer und überall einbezieht, letztendlich sind es jedoch ihre Freunde und ich brauche meinen eigenen Kreis, eigene Freunde. Wer mein Leben wie es in Deutschland war, kennt, kann mich wahrscheinlich besser verstehen.

Robyn’s Dad stirbt. Unglücklicherweise fällt ihr Rückflug auf den Abend, bevor ich mit Sherry losziehen will und sie ist ganz und gar nicht begeistert von meinen Plänen. Sie kämpft mit den Emotionen über den Tod ihres Vaters, Eifersucht kommt ins Spiel, außerdem fühlt sie sich in den letzten Tagen nicht genügend von mir unterstützt. Ich dagegen bin davon ausgegangen, dass sie im Kreise ihrer Familie genügend Rückhalt hat, bin überrascht von ihrem Vorwurf und sehne mich nach einer kurzen Auszeit, hatte viel um die Ohren in letzter Zeit: der Umzug in die Küche, mein Business zieht an und somit mehr Stunden in der Küche, ich helfe ihrem Bruder Willy beim Umzug, kümmere mich einen Tag um ihre Mum, zehn Tage Catsitting hinter mir und versorge Willy’s Hund, der mir direkt aufs Sofa pinkelt. Ich muss raus hier und habe mich daher riesig auf den Trip gefreut. Gleichzeitig kann ich Robyn’s Enttäuschung nachvollziehen, fühle mich allerdings durch ihre Erwartungen in meiner Freiheit eingeschränkt – kombiniert mit etwas Sturheit entscheide ich mich für den Trip mit Sherry, was den endgültigen Wendepunkt unserer Beziehung markieren wird.

Ich hole die ganze Familie Montag abend vom Flughafen ab, habe ein anstrengendes Gespräch mit Robyn und breche am nächsten Morgen gegen zehn mit Sherry auf.

When you recover or discover something that nourishes your soul and brings joy, care enough about yourself to make room for it in your life. – Jean Shinoda Bolen

Warten auf den Frühling, Sehnsucht nach Geselligkeit und erste Gewinne

01 März – 30 April 2018

Mitte März noch keine Spur von Frühling, viel Regen, Grau, windig und kalt. Emotional geht es hoch und runter.

Hochs: Samstags auf dem Markt gehe ich auf in den sozialen Kontakten und halte mit jedem ein Schwätzchen. Je nach Wetter steht Laufen oder Schwimmen an, Bewegung hebt die Stimmung. Ich genieße die Ruhe im Pool, die gleichförmigen Bewegungen ähnlich wie beim Laufen. Lachanfälle mit Robyn garantieren ein Minimum an Heiterkeit.

market life
Robyn bringt mich zum Lachen

Tiefs: Einsamkeit, Sehnsucht nach Austausch mit Freunden und Familie, ich vermisse gemeinsame Momente, manchmal fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Das graue Wetter wird langsam zu viel, das hatte ich auch in Deutschland – dafür aber auch hunderte Dinge, die ich dort mit anderen tun kann. Ich vermisse das Unterrichten, eine sinnvolle tiefgreifende Aufgabe. Einerseits tut die Routine gut, andererseits wächst das Gefühl aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Ungeduldig warte ich auf wärmeres sonnigeres Wetter.

Ende März rutschen wir nach nur zwei Monaten mit „HOLDER is vegan“ in die schwarzen Zahlen! Die vegane Bewegung ist hier zwar noch nicht so fortgeschritten wie in den Großstädten, aber der Bedarf wächst. Unseren ersten Gewinn hauen wir direkt auf den Kopf und gehen am selben Abend essen.

Aufgrund meiner Einsamkeit überlege ich ein paar Tage nach Montreal zu fliegen um Freunde dort zu sehen und mal wieder echtes Stadtleben zu genießen. Denn die Unzufriedenheit wird größer und mein Herz leidet zu sehr. Robyn fragt mich eines Tages, ob ich glaube, depressiv zu sein. Nein. Ich bin einfach zu allein – wie eine Blume, die nicht genug gegossen wird, fehlen soziale Kontakte. Ich werde launisch und unausgeglichen. Das Traurige ist, dass ich mich mit Robyn blendend verstehe, aber auf Dauer genügt das nicht. Immer wieder die Frage, wie lange bleibe ich? Bis in den Sommer, bis das vegane Projekt keinen Spaß mehr macht oder bis ich wirklich depressiv werde? Wenn ich andererseits wirklich dreimal die Woche Markt mache, lebt es sich wahrscheinlich auch leichter. Meine Reserven bezüglich Routine sind auf jeden Fall bald wieder aufgefüllt.

Licht und Schatten

Was ist sonst noch los hier?

Ich bin in regem Kontakt mit meinem Bruder Baldi, was gut tut und unsere Beziehung auf eine andere Ebene hebt.

Kaum zeigt der Kalender April, werden Sommerkleider, kurze Hosen und Shirts ausgepackt. Interessiert anscheinend nicht, dass das Thermometer nach wie vor um die Null Grad Marke abhängt.

Die Grammar School in Halifax kontaktiert mich und ich mache ein paar Tage Vertretungsunterricht.

An Ostern videochatte ich mit meiner Familie, die alle zusammen bei Mama zum Osteressen sitzen. Ich fühle einen leichten Stich, nicht dabei zu sein. Sie fehlen mir alle.

Ich treffe mich mit mexikanischen Freunden vom Markt in einer Bar, besuche ein Filmfestival mit Robyn und probiere mich an neuen Rezepten.

Robyn fliegt für eine Woche nach Montreal zu ihrem Papa. Er liegt mittlerweile seit einem Monat im Krankenhaus nach mehreren OPs am Herzen. Ich sage schon seit Wochen, dass sie ihn besuchen sollte, abgesehen davon denke ich mir, kann etwas Freiraum nicht schaden. Ich habe jetzt öfter Momente, in denen mir es hier zu monoton wird und denke an den Frühling in Mannheim und an alles, was ich dort jetzt machen würde; erinnere mich an den letzten Sommer in Montreal und das pulsierende Leben in größeren Städten, wie einfach man Anschluss findet, hier ist es ganz schön ruhig.

Wenn ich allerdings daran denke, hier aufzubrechen, wird mir ganz anders. Ich genieße die Harmonie, die zwischen Robyn und mir herrscht, ihre Positivität, ihren Humor. Die Beziehung zu ihr lehrt mich auf mehreren Ebenen: auch in Beziehung frei zu sein, reden, tiefe Verbundenheit einzugehen und gleichzeitig ich selbst sein zu können, Gefühle auszudrücken, da sein für den anderen; ich bin angetan von ihrer Kreativität, Güte, Rücksichtnahme und Bereitschaft für Veränderung.

Natürlich erlebe ich auch in dieser schwierigen Zeit schöne Tage mit Robyn:

  • wir verbringen ein Wochenende bei ihren Freunden Minty und Mary in The Valley und feiern St Patrick’s Day in einem Irish Pub.

  • Dinner in The Canteen, eines der beliebtesten Restaurants in Dartmouth

  • Spaziergang im Shubie Park mit Olgas Hund Ella, um den wir uns ab und zu kümmern, während Olga in der Stadt zu tun hat
Supermodel Ella
  • Für Besuche zu Olga in Terence Bay bin ich sowieso immer zu haben, denn mit ihr fühle ich mich auf derselben Wellenlänge, sie ist witzig, ehrlich und Unterhaltungen mit ihr sind spannend und anregend.

  • Wir bescheren Robyn’s Mum Janet einen Wellness-Tag mit Mani- und Pediküre, Haarschnitt, Wein und Snacks.
Wellness für Janet

    Ende April: in Deutschland scheint der Sommer ausgebrochen zu sein und endlich kommen wir hier am Atlantik auch in den Genuss von strahlendem Sonnenschein. Ich setze mich zwei Stunden an den Teich Sullivan’s Pond vorm Haus und sinniere über Liebesbeziehungen und wie anders ich sie mittlerweile verstehe: wie schön es sein kann, wenn man sich für jemanden entscheidet, zusammen zu wachsen, sich näher kennenzulernen, sich zu vertrauen, immer Neues am anderen wahrzunehmen. Die völlige Hingabe zu jemandem benötigt Zeit, man geht nicht mehr leichtfertig eine Beziehung ein. Das Gefühl mit jemand anderem teilen zu wollen kannte ich so vorher nicht. Jetzt kommt langsam die Frage auf, wo ich mehr Gefühle investieren will.

    Mit Robyn wird es von Woche zu Woche vielschichtiger und heute morgen hatten wir einen schönen Moment als sie mir Geschichten von früher erzählt – ich kann sie mir genau vorstellen, ein wildes Mädchen muss sie gewesen sein.

    Nach wie vor überkommt mich immer mal wieder Heimweh. Dennoch habe ich Bedenken, dass es mir irgendwann wieder zu eintönig wird, wenn ich zurück nach Deutschland gehe, ich mich schnell wieder nach Abenteuer sehne. Ich habe noch nicht gefunden, was ich suche. Aber ich habe mittlerweile eine Vorstellung davon wie es aussehen kann.

    Mein Visum ist verlängert, allerdings ohne Arbeitsgenehmigung, worüber die Schule, in der ich ausgeholfen hatte, ziemlich frustriert ist. Vertretungslehrer sind rar. Zuhause tut sich auch einiges: mein Bruder Baldi ist wieder Single, aber er steht fester im Leben als je zuvor. Meine Schwester Anne ist frisch verliebt, was für mich die Neuigkeit des Jahres ist. Eine gute Freundin ist schwanger mit dem dritten Kind – einmal die Pille vergessen und zack! so schnell kanns gehen.

    And then it happens
    one day you wake up and you’re in this place
    you’re in this place where everything feels right
    your heart is calm.
    your soul is lit.
    your thoughts are positive.
    your vision is clear.
    you’re at peace, at peace with
    where you’ve been, at peace with
    what you’ve been through and
    at peace with where you’re headed.

    Neues wagen, Geburtstag und Heimweh

    01 – 28 Februar 2018

    Markttage sind spannende Tage und das Projekt „Holder is vegan“ kommt jetzt richtig in Gang. Jeden Samstag betreten wir um sieben Uhr morgens die kleine Markthalle, richten den Tisch mit Granola, Früchtebrot, Cookies, Ingwersyrup und mehr und die Präsentation wird wöchentlich ein wenig professioneller. Viel Kontakt mit anderen Menschen, regelmäßig wiederkehrende Kunden, die begeistert sind und ich kann mich zudem mit anderen Verkäufern, die aus Mexiko, Brasilien und Cuba sind, auf Spanisch unterhalten.

    Sonnenaufgang mit Blick auf eine der Brücken, die Halifax und Dartmouth verbinden
    Markttag!

    Unter der Woche verbringe ich somit viele Stunden in der Küche, höre entweder deutsches Radio oder Musik (SWR1 ist nach wie vor mein Lieblingssender: kein dummes Gebabbel und weniger Werbung), lasse meine Gedanken schweifen bei all der Zeit allein. Robyn kümmert sich um Social Media, Layout, Label, Aufkleber und so weiter. Zusammen erstellen wir online Visitenkarten und kaufen 22Kilo Säcke Haferflocken und Sesam – ja wenn schon, denn schon!

    Shopping, Fotos für Facebook und Visitenkarten
    Fotoshooting und Rezeptrecherche

    Viel Zeit geht für das alles drauf und eigentlich sollte ich mich viel dringender um mein Visum kümmern, welches in sieben Wochen ausläuft. Die Möglichkeiten sind begrenzt: entweder ich kann ein Jobangebot vorweisen, oder ich wechsle meinen Status und bleibe als Tourist hier (dann ohne Arbeitserlaubnis) oder ich heirate – kleiner Scherz am Rande, auch wenn Robyn ganz ernst gemeint das Angebot gemacht hat, um mir auszuhelfen, wenn ich wirklich hier bleiben möchte. Aber dafür bin ich wohl zu romantisch, als dass ich eine Heirat verzwecklichen würde. Ich schicke Bewerbungen an alle Privatschulen, schiebe die wirkliche Auseinandersetzung aber vor mir her, denn der formale Kram stresst mich!

    Mein Geburtstag steht an: Am Tag vorher überrascht mich Robyn mit Blumen und hat alles für Cocktails am Abend besorgt. Gegen fünf stoßen wir mit dem ersten Glas an und Nummer zwei und drei lassen nicht lange auf sich warten.

    Bis ich mit dem Kochen fertig bin, habe ich schon ordentlich einen sitzen und das Essen kann das auch nicht mehr ausgleichen. Schlagartig fühle ich mich schummrig und gar nicht gut und sage noch zu Robyn: wenn ich kotzen muss, ruf 911 an. Denn ich übergebe mich nie – das letzte Mal mit sechzehn nach meinem ersten Rausch! Sie wirkt besorgt, denn so betrunken hat sie mich noch nie gesehen und drängt zu einem Minispaziergang im Schnee um den See vorm Haus. Das bekomme ich gerade so noch hin und falle dann gegen elf Uhr ins Bett und will nur noch schnell einschlafen! Hangover an meinem Geburtstag vorprogrammiert!

    Der Kater hält sich in Grenzen, auch wenn es mir ein Rätsel ist, wie mich die paar Drinks so weggebeamt haben! Wochen später stellt sich heraus: Robyn hat anstatt 2 ounces Gin ganz unwissend die doppelte Menge pro Getränk verwendet – das Ganze mal vier: knapp an der Alkoholvergiftung vorbei, würde ich sagen. Dementsprechend gemütlich verbringen wir den Tag und gehen abends zum Libanesen essen.

    mittlerweile verdanke ich Robyn hunderte schöne Bilder

    Das Zusammenleben mit Robyn gestaltet sich harmonisch und ich schätze ihren Umgang mit mir – sie gibt mir das Gefühl, perfekt zu sein, und amüsiert sich gleichzeitig über die Macken, die sie mittlerweile an mir findet. Obwohl ich ihr nicht sagen kann, wann ich hier aufbreche, bleibt sie positiv. Ich habe meine Momente, in denen mir alles zu nah ist und ich Abstand brauche, was nicht ganz einfach ist auf so engem Raum. Wir sind am Ausloten, wie es für uns beide passt.

    Wir treffen regelmäßig ihre Freunde, machen einen langen Spaziergang durch Point Pleasant Park in Halifax bis zum Hafen.

    mit Olga im Sushi Restaurant
    Spaziergang am Hafen

    Immer mal wieder überkommt mich Sehnsucht nach dem Süden und der Drang weiter zu reisen. Ich sage mir, das hat alles noch Zeit. Zudem ist jetzt und hier die Gelegenheit da etwas Neues auszuprobieren, alles andere kommt danach. Immerhin sind schon über 1000 Dollar investiert, ich bin zuversichtlich bald schwarze Zahlen zu schreiben und so richtig los geht’s auch erst im Mai, wenn die Bauern kommen und ihre Ernte auf dem Markt verkaufen.

    Eines Morgens wache ich mit unerträglichen Kreuzschmerzen auf, die tagelang anhalten – liegen, sitzen, stehen – ich entkomme dem Schmerz nicht. Auch joggen macht es nicht besser und so vermute ich die Ursache im Seelenleben: ich habe traurige schwere Tage, vermisse meine Freunde und Familie wie nie zuvor, verbringe zuviel Zeit allein, der Austausch fehlt. Zum ersten Mal kämpfe ich mit echtem Heimweh. Das ähnliche Klima hier weckt zusätzlich viele Erinnerungen an Zuhause. Ich fühle mich im Zwiespalt: will gemeinsame Momente mit all den Menschen, die ich liebe, erleben, andererseits aber noch nicht zurück. Außerdem bin ich zu wenig in Kontakt mit zuhause, abgesehen von Familie höre ich von den meisten nur alle paar Monate. Ich selbst komme aber auch nicht immer dazu, die Kommunikation in Gang zu halten, ganz zu schweigen davon, dass ich mit dem Blog gerade nicht hinterher komme, mir fehlt das Schreiben. Diese innerliche Stimmung führt dazu, dass ich abweisend zu Robyn bin, was sie wiederum verletzt.

    Zusammengefasst: mir gehts nicht gut. Das Alleinsein hier ist nicht gut für mein Herz, das sich gerne mit vielen guten Menschen umgibt. Ich komme vom Laufen und weine. Mittlerweile bezweifle ich, das über Jahre durchziehen zu können. Dazu sind mir Freunde und Familie zu wichtig.

    Ich spreche mit Robyn und sie kann nachvollziehen, wie schwer das hier für mich zu bewältigen ist. Da das Wetter sich oft grau und regnerisch zeigt, schlägt sie mir vor, in Halifax schwimmen zu gehen – dass ich da selbst noch nicht drauf gekommen bin! Der Centennial Pool in Halifax ist ausschließlich auf Schwimmer und Aquakurse ausgerichtet. Zwei bis dreimal die Woche ziehe ich von nun an eine Stunde Bahnen.

    Als wir an einem Sonntag mal wieder auf dem Weg zu Olga und Lynette sind, klingelt mein Telefon: Die Grammar School in Halifax braucht für morgen eine Vertretung. Ich sage zu, vielleicht wird ja mehr daraus. Am Abend zurück zuhause gehen wir durch meine bescheidene Garderobe und komplettieren mein Outfit mit Robyn’s Stiefeln.

    Montag morgen 8:30 bin ich an der Schule, fünf Stunden Vertretung – easy! Am Ende fast schon langweilig, da ich nur beaufsichtige. Wie immer gibt’s alles: Spießerkollegen, Aufgesetzte und Echte. Die Schüler sind angenehm und erfrischend, ich vermisse das Unterrichten, den Austausch und die Auseinandersetzung mit jungen Menschen.

    Das Leben ist ein ständiges Gehen im Labyrinth. Ankommen und Aufbrechen, zur Mitte finden und sie wieder verlassen, sich wenden müssen und doch immer weiterkommen. Gernot Canddini

    Dartmouth, Nova Scotia – vertraute Umgebung und neue Herausforderungen

    12 – 31 Januar 2018

    Zurück in Nova Scotia – hier erst mal ein paar interessante Fakten:

    • Die Provinz liegt an der Ostküste und ist fast komplett vom Atlantik umgeben; kein Ort liegt mehr als sechzig Kilometer vom Meer entfernt, überall Wälder und Seen.
    • Die Hauptstadt Halifax ist wichtiger internationaler Seehafen (der weltweit zweitgrößte natürliche eisfreie Hafen nach Sydney in Australien), Transportzentrum und ökonomischer und kultureller Mittelpunkt der Region.
    • Die Halifax Explosion im Jahr 1917 war vor Hiroshima die weltweit größte von Menschen verursachte: das französische Frachtschiff SS Mont Blanc, beladen mit Sprengstoffen aus Kriegszeiten, stieß mit einem leeren norwegischen Schiff zusammen, fing Feuer und explodierte 25min später; folgender Tsunami und Druckwelle forderten ca 2000 Tote und 9000 Verletzte.
    • Nova Scotia (lateinisch für Neu Schottland) zählt knapp eine Million Einwohner, Halifax hat dreimal soviel Studenten als der nationale Durchschnitt und somit angeblich mehr Bars pro Kopf als jede andere Stadt in Canada.
    • Halifax liegt näher an Dublin, Irland als an Victoria, BC im Westen des Landes.
    • man findet hier milderes Klima als im Inland, mit vier Jahreszeiten für mich verdammt ähnlich zu unserem Wetter in Deutschland: im Winter kommt und geht der Schnee, aber es gibt mehr und er bleibt länger, etwas kälter wird es auch, aber immerhin richtiger Winter und nicht dieser graue Matsch. Die Sonne verschwindet zuweilen allerdings auch für Tage hinter einer dichten Wolkendecke.

    See MicMac – Teil meines 9km Laufs
    Heimweg vom Supermarkt entlang am See Banook

    Das Gefühl, das sich schon in Florida anbahnte, verstärkt sich nun von Tag zu Tag und ich bin sicher ziemlich unerträglich: zu allem, was Robyn sagt, habe ich Widerworte, werde abweisend, bin besserwisserisch, genervt und kritisierend, kann mich so selbst nicht leiden. Sie ist nach wie vor einfühlsam und freut sich jeden Tag riesig, dass ich hier bei ihr bin.

    Warum also mein borstiges Verhalten? Ich fühle mich eingeengt, schlafe schlecht, bin es nicht gewohnt, soviel Zeit nonstop mit der gleichen Person zu verbringen, brauche mehr Zeit nur für mich, kann mich nirgends wirklich zurückziehen. Sie arbeitet von zuhause, meine Jobsuche läuft schleppend. Außerdem vermisse ich meinen sozialen Kreis, wie ich es für mich nenne. In Deutschland habe ich es geschafft, neben unserer Großfamilie mit all meinen unterschiedlichen Freunden Kontakt zu halten. Der krasse Kontrast hier steht in keinem Verhältnis.

    Die Situation spitzt sich zu als wir drei Nächte bei Olga und Lynette in Terence Bay verbringen, um Haus und Tiere zu hüten – mitten in der Natur, direkt an der Küste.

    Als wir ankommen, fällt es übrigens erst schwer, nicht zum Glas Wein zu greifen, dann ist der Moment allerdings auch schnell verflogen und ich bin zufrieden mit Wasser und Tee. Dieses Mal bleibe ich konstant!

    Wir verbringen die Tage mit Spaziergängen, besuchen Robyn’s Freunde, die in der Nähe wohnen und ich genieße die Anwesenheit von zwei schmusigen Katzen.

    Spaziergang mit Robyn, Hund Ella und Freundin Emily

    Aussichtspunkt erklommen!

    Da Olga und Lynette erst nach der ersten Nacht aufbrechen, komme ich in den Genuss, auf dem Sofa zu schlafen – alleine – wie ich das genieße! Studien belegen, dass die Hälfte der Personen, die ihr Bett mit jemandem teilen, schlechter schlafen, da sie durch die Bewegungen und Geräusche des anderen gestört werden – zu dieser Hälfte zähle ich mich ganz klar auch, komischerweise schlafe ich allerdings immer einwandfrei neben meinen Geschwistern – ob es dazu auch Studien gibt?

    In der zweiten Nacht will ich zunächst auf dem Sofa bleiben, aber das Bett ist so überzeugend riesig und hat zwei separate Matratzen, dass ich bereit bin, umzuziehen. Doch es liegt eine Spannung in der Luft, ich versuche mich zu erklären als ich mich auf einmal in einem Gefühl wiederfinde, das ich so nur aus einer Situation vor knapp zwei Jahren mit meinem damaligen Freund Eric kenne: ich fühlte mich nach einer Diskussion wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen, geschweige denn irgend etwas zu entgegnen. Mein Herz schmerzt, ich betrachte mich selbst wie von außen und spüre einen unendlichen Druck.

    Später suche ich nach Parallelen zwischen den beiden Situationen: die Erwartungshaltung meines Gegenübers, die Gefahr den anderen zu verletzen, meine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment, Wahrung der Harmonie, persönliches Wollen verklärt. Ich beschreibe Robyn mein Gefühl ansatzweise, entschuldige mich für mein abweisendes Verhalten, unterm Strich brauche ich Freiraum! Am dritten Tag sind wir in Dartmouth einkaufen und ich nutze die Gelegenheit, bleibe hier, genieße die Stunden allein und schlafe seit langem mal wieder hervorragend. Nach weiteren Gesprächen finden wir Wege, mir den Raum zu geben, den ich brauche und ganz schnell bin ich wieder nahbar und aufgeschlossen.

    Sometimes I like to be alone. I enjoy the freedom and solitude. In those moments, I remember who I am and what I want.

    Ich blicke auf die Zeit mit Eric zurück: vieles nahm ich damals wie hinter einem Schleier wahr, er gab alles um mir entgegen zu kommen, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, ich dagegen verspürte irgendwann nur noch Druck. Rückblickend war ich nicht bereit, eine so bedeutende und tiefe Verbindung einzugehen, sah nur die Verpflichtung, die Verantwortung, für jemand anderen da zu sein. Die Beziehung zu ihm war ein Zugeständnis, dass ich nicht bereit war zu machen. Ich hatte einen Traum, den ich nur allein verwirklichen konnte.

    Jetzt mit Robyn fühle ich mich frei, da sie ohne Zukunftserwartung jeden Tag mit Freude annimmt. Ich verstehe, was es bedeutet, einen Verbündeten im Leben zu haben. Ich möchte Ruhe finden in mir, mit meinen Entscheidungen im Frieden sein, nicht immer alles in Frage stellen. Ich kämpfe zum ersten Mal mit dem Gefühl von Heimweh, gleichzeitig ist da nach wie vor die Sehnsucht, wieder auf Reisen zu sein und neue Begegnungen zu machen, meine Freunde fehlen mir.

    Was ist der Plan für die nächsten Monate? Wie immer hab ich nicht wirklich einen und so lange das nächste Ziel nicht klar ist, will ich das Jetzt und Hier voll und ganz annehmen, mir Zeit nehmen, in mich hinein zu hören.

    Die Tage ziehen dahin, Jobsuche fällt schwer, denn die Gastronomie sucht erst wieder für die Sommermonate. Eines Tages schlägt Robyn vor, ich soll doch den Versuch wagen, auf dem lokalen Markt hier in Dartmouth zu verkaufen. Der Gedanke gefällt mir, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, wie meine Koch- und Backkünste bei der Allgemeinheit ankommen. Kaum eingewilligt, buchen wir einen Tisch für den nächsten Samstag, laut Robyn’s Bruder Willy ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einzusteigen, denn im Sommer bekommt man kaum einen Platz (seine Frau verkauft schon seit zwei Jahren dort). Dann geht es an die Planung und Organisation: Produkte auswählen, Zutatenliste, Preise vergleichen, Verpackung, Label, Arbeitsmaterial – die Liste nimmt kein Ende! Robyn ist super engagiert und hat tolle Ideen, wir arbeiten kreativ und produktiv zusammen. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Am 20.Januar ist es soweit und wir treten unseren ersten Markttag an, der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens.

    Selfie muss laut Robyn sein, bevor es losgeht

    Fürs erste Mal an einem ruhigen Samstag läuft es gut: 157 Dollar Einnahmen, die Ausgaben waren natürlich um einiges höher. Eine erfahrene Verkäuferin gibt mir ein paar nützliche Tipps und ich will es ein paar Wochen laufen lassen.

    erster Markttag mit Hafercookies, Früchtebrot und Granola
    in den ersten Wochen alles handgeschrieben, klettern durch die Küche

    Mit dem Blog komme ich kaum hinterher, denn meine Tage sind gefüllt mit Rezeptrecherche, Preiskalkulation, Einkaufen (Robyns Schränke sind schnell ausgelastet), Backen, Ideensammlung für unseren Geschäftsnamen, Visitenkarten, und und und. Robyn kümmert sich außerdem um alles, was mit Internetpräsenz zu tun hat, ohne läuft heutzutage ja nichts mehr. Nach zwei Wochen steht der Name: „Holder is vegan“. Das Ganze macht Spaß, bereits in der zweiten Woche kommen schon Leute wieder von letzter Woche. Es dauert wohl ein paar Monate bis man sich etabliert und ich stecke jetzt somit einiges an Geld und Zeit in das neue Projekt, bin neugierig, wohin das Ganze laufen wird. Beim Joggen um die Seen im Schnee bekomme ich den Kopf frei, teste jeden Tag neue Rezepte und wir genießen exquisite Dinner.

    Ach ja, meine Beurlaubung ist übrigens genehmigt bis Juli 2020, noch Fragen?!

    Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.

    Anna Maria Island, Florida

    04 – 12 Januar 2018

    Taxi, Zug, Flieger, Mietwagen – in zweiundzwanzig Stunden von Ludwigshafen nach Anna Maria Island! Mit dem gemieteten Cadillac, der neben Navi mit jeglichem Schnickschnack ausgestattet ist, finde ich vom Flughafen in Orlando ohne Umwege zu Robyn und ihrer Mutter Janet, Ankunft 23Uhr Ortszeit.

    Robyn begrüßt mich stürmisch und kann kaum glauben, dass ich da bin; Auch ihre Mutter strahlt, als sie mich sieht. Ich freue mich hier zu sein und es fühlt sich gut an so willkommen zu sein. Ein Glas Wein muss sein, wir erzählen ein wenig, dann lacht mich aber auch schon das Bett an, ich bin ziemlich erledigt.

    Die beiden wohnen in einem Trailer, eine Art Mobilheim, welches mit Sommerhausfeeling besticht und mit allem ausgestattet ist, was man braucht. Janet hütet die Bleibe für einen Freund und verbringt somit wie viele andere sogenannte „snow birds“ die Wintermonate in Florida, um dem kalten Wetter in Kanada zu entfliehen; Robyn’s Arbeit lässt es dieses Jahr zu, insgesamt einen Monat hier zu genießen. In die kleine Wohnanlage Sandpiper Beach kann man sich nur mit Mindestalter von 55 Jahren einkaufen. Kein Wunder also, dass die Uhren hier etwas langsamer ticken und alle so tiefenentspannt wirken – Rentnerparadies ist das erste, was mir dazu einfällt. Die Lage direkt an der Küstenwasserstraße ist besonders und wird sicher von vielen Nachbarn beneidet.

    Sonnenuntergang direkt vor der Haustür

    Bei einem Spaziergang am Strand zeigt Robyn mir die Umgebung – süße kleine Häuschen, eine lange Hauptstraße, die am Meer entlangführt, es ist Nebensaison, daher ziemlich ruhig und kaum was los am Strand; unerwartet kalt ist es! Im Norden Floridas hat es zum ersten Mal seit 29 Jahren geschneit, wir sind zum Glück etwas südlicher. Aber die Temperaturen sind gar nicht so wichtig, denn die Sonne scheint, wir sind am Meer, Sand, Möwen, Urlaubsstimmung – was brauche ich mehr?

    Spaziergang am Bradenton Beach

    Anna Maria Island ist eine kleine bisher noch relativ unbekannte Insel vor der Westküste Floridas am Golf von Mexiko, ca 90km von Tampa entfernt. Unendlich lange Strände mit viel Platz, klares Wasser, es gibt keine Hochhäuser (Obergrenze von 20,5m ist gesetzlich geregelt), somit keine abturnenden Hotelketten, die jedem Strand ihren Charme nehmen, ebenso findet man kaum Fast-Food-Restaurants. Dafür kleine Hotels, Apartments und Restaurants mit typisch amerikanischem Flair entweder direkt am Strand oder nur wenige Straßen entfernt. Ein kostenloser Bus, hier Trolley genannt, macht ein Auto auf der Insel überflüssig.

    Bradenton Beach
    Sandpiper Resort – das kleine Rentnerparadies

    Da ich am letzten Abend in der Heimat noch mit den Nachwirkungen des Weins zu kämpfen hatte, war der Abschied von Deutschland nicht so tränenreich wie befürchtet und ich ermahne mich regelmäßig im Hier und Jetzt zu bleiben um mich nicht unnötig zu stressen; im Moment ist alles gut wie es ist. Wie es sich gehört für Strandurlaube leben wir einfach in den Tag hinein: gemütliche Vormittage, ich bin fürs Essen zuständig, wir spielen Karten und Robyn bringt mir das Spiel Cribbage bei, Spaziergänge am Strand, auch Sonnenbaden lässt das Wetter drei Tage zu, wir betrachten den Sonnenuntergang, sehen Delfine, spielen Frisbee und testen die Fahrräder hinterm Haus, die sich schnell als zu verrostet herausstellen, kommen aber ein paar Tage später trotzdem in die Gelegenheit einer kleinen Fahrradtour, zu der uns ein Nachbar einlädt.

    Abends schaut Janet Jeopardy und Glücksrad – das ist fest in ihren Tagesablauf integriert.

    Ich bin zunächst etwas träge, aber Robyn motiviert mich, am Strand joggen zu gehen, was mich so vitalisiert, dass ich die übrigen Tage mit einem Lauf direkt am Meer kurz nach Sonnenaufgang beginne: Frühnebel, Stille des Morgens, den Geruch des Ozeans in der Nase, Meeresrauschen, Vögel folgen den Wasserbewegungen mit trippelnden schnellen Schritten und picken ihr Futter aus dem Sand, das knirschende Geräusch der Schuhe, kleine Muscheln überall. Abgerundet wird die morgendliche Routine mit einem Sprung ins eiskalte Wasser, das einem fast den Atem nimmt, gefolgt von Meditation.

    An diesem kleinen Fleck der Erde kommt man zur Ruhe, keinerlei Stress spürbar, dementsprechend entschleunigt scheint alles, genug Zeit zum Nachdenken… Hier und jetzt.

    Ich lerne Robyns Cousin Don kennen, der in der Nähe lebt und wir verbringen einen Abend gemeinsam: nach dem ersten Cocktail wechseln wir zu einem Pizzaplace, anschließend will sich Don richtig mit uns besaufen, aber ich lehne ab – auf das Gefühl habe ich mal überhaupt keine Lust. Trotzdem fühle ich mich am nächsten Tag verkatert – zu viel Zucker in den Getränken. Ich beschließe, bis zu meinem Geburtstag im Februar Alkohol und Zucker zu streichen. Mal sehen wie standhaft ich dieses Mal bin.

    Flaniermeile am North End
    Drinks mit Robyn und Don

    Übrigens gehe ich jetzt in die Vollen und habe zwei weitere Jahre Beurlaubung beantragt. Keine Ahnung, wie ich mich finanziere, aber nach wie vor bin ich auf der Suche, will mehr entdecken und bin nicht bereit heimzukehren. Ich vertraue dem Leben, den Gelegenheiten, die mir begegnen werden. Kommt Zeit, kommt Rat.

    Eines Morgens wache ich mit einem unzufriedenen Gefühl auf, was sich durch den ganzen Tag zieht und ich kann zunächst nicht genau greifen, woher es kommt. Auch der Lauf am Strand hilft dieses Mal nicht. Mir fehlen meine Menschen von zu Hause, mein sozialer Kreis, Rainer und Vera schreiben mir, dass sie mich vermissen, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genossen haben, geht mir genauso. Nicht an dem Leben meiner Freunde und Familie teilhaben zu können, fällg gerade besonders schwer.

    Unsere Zeit ist so begrenzt, dass wir sie doch mit Menschen verbringen sollten, die uns ein Lachen ins Gesicht zaubern und uns Liebe entgegen bringen.

    Robyn ist wie immer zuckersüß und freut sich über jeden Moment mit mir. Ich dagegen habe eine Art Lagerkoller, brauche Stunden für mich, einen Ort um mich zurückzuziehen. Dieses Gefühl wird sich in den nächsten Tagen noch verstärken, doch letztendlich finde ich mithilfe Robyn’s einfühlsamer Art einen Weg mir Freiraum zu verschaffen.

    Nach acht Tagen auf der Insel packe ich ein weiteres Mal meinen Rucksack. Wohin es geht? Ich habe beschlossen, mit Robyn zurück nach Kanada zu fliegen. Sie tut mir gut und in den letzten sechzehn Monaten bin ich zu oft aufgebrochen, obwohl ich mich wohlfühlte. Zudem bietet Kanada die Möglichkeit, mit meinem Visum vielleicht doch noch etwas Geld zu verdienen. Also ab in die Kälte – dass ich mal freiwillig in den Winter reise, wer hätte das gedacht.

    Don bringt uns zum Flughafen, wo dieses Bild zustande kommt und mich in typischer Pose in all diesen Monaten zeigt; meinen Rucksack nenne ich auch liebevoll ‚mein Haus‘. Wenn ich sie auch ab und zu schief anblicke, weil sie von allem und jedem Fotos schießt, muss ich Robyn schon rechtgeben, dass ich dankbar für die vielen Bilder bin.

    mit Hab und Gut beim Check-in

    Ein geplanter Weg ist wie eine Mauer vor perfekten Momenten. – Hans Kruppa

    Good old Germany – Teil 2: Weihnachten und Kurztrip nach Österreich 

    23 Dez 2017 – 04 Jan 2018

    Noch ein Tag bis Weihnachten! Nach einem gemütlichen Frühstück mit Vera, Rainer und Paul fahre ich mit Vera noch kurz nach Mannheim in die Stadt, um ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Wir laufen über den Markt mit der Ausschau nach ein paar schönen Blumen, sind aber spät dran, also ist die Auswahl begrenzt. Vera kennt noch einen Blumenladen in der Nähe der Fressgasse. Das Konzept dort ist interessant und mittlerweile öfter anzutreffen: zwei Serviceanbieter in einem, hier Blumenladen kombiniert mit Friseur.

    Scherenschnitt Calandi in Mannheim

    Am Nachmittag mache ich mich auf zu meinen Eltern nach Dühren, vier Nächte werde ich dort bleiben. Vera winkt mir aus dem Fenster hinterher – goldig, berührt mich!

    Mama ist am Kochen, es herrscht gute Stimmung, nach und nach trudelt einer nach dem anderen ein, die letzten kommen morgen an. Um acht abends hole ich Ellen vom Bahnhof in Sinsheim ab, vor fast einem Jahr haben wir uns das letzte Mal gesehen als sie und Anne mich in Argentinien besucht haben.

    Ellen, Anne und ich in Uruguay

    Am nächsten Morgen gehen wir zu dritt joggen im Dührener Wald – Heimat pur! Als wir zurückkommen, schwingt Minh schon den Kochlöffel. Mama hat einiges vorbereitet, aber Minh kocht seit ein paar Jahren auch immer mindestens ein Gericht. Als Oma noch lebte, gab es traditionell immer Würstchen und Kartoffelsalat, danach hatten wir schon die wildesten Weihnachtsessen. So gab es in einem Jahr asiatische Sommerrollen von Minh – Anne und Ellen schwärmen heute noch davon und versuchen dieses Gericht jede Weihnachten wieder durchzusetzen. Auch der Weihnachtsgottesdienst war eigentlich immer obligatorisch, doch nach und nach hatten wir fast alle keine Lust mehr, was nicht zuletzt an der eintönigen Gestaltung in der Kirche lag. Gläubig im herkömmlichen Sinn sind wir auch nicht, haben aber die komplette Kirchenschule hinter uns, was definitiv gut für die Allgemeinbildung war. Da unsere Nichte Soraya dieses Jahr Konfirmandin ist und das Krippenspiel mitgestaltet, lassen wir uns breitschlagen, zum Gottesdienst zu gehen. Alla hop, auf die guten alten Zeiten nochmal.

    Wir sind früher zurück als Mama uns erwartet hat und das Essen ist noch nicht fertig, was aber gar nicht schlimm ist: wer will, bekommt ein Glas Wein von mir in die Hand, wir quatschen, albern rum, und genießen es einfach zusammen zu sein. Heute sind wir siebzehn Personen. Neben dem großen Kern sind noch Diemy’s Schwester und Mann zum Essen da, Mama hat mal wieder noch mehr Leute eingeladen: Hamada, der Mitbewohner unseres Bruders Manuel, ein Syrer, der schon richtig gut Deutsch kann und hier Sport studieren will und Lamin aus Ghana, dem Mama geholfen hat Deutsch zu lernen und der immernoch regelmäßig vorbeikommt. Er taucht letztendlich erst am zweiten Feiertag auf, hat den Bus verpasst. Ich amüsiere mich, als Mama mit Ellen eine Sitzordnung festlegt, die wir eigentlich sonst nie haben: Mama: „der Intelligente (wir kennen den Namen zunächst nicht) sitzt neben Sarah.“ Ich nehme das mal auf mehreren Ebenen als Kompliment.

    Wir verbringen unseren Weihnachtsabend wie jedes Jahr: Essen, Weihnachtslieder singen mit Ellen am Klavier (früher war das Mama) und Bescherung: hier werden nie zwei Geschenke gleichzeitig ausgepackt, immer schön der Reihe nach, damit man auch alles mitbekommt. Wir Geschwister wichteln schon seit Jahren untereinander, feste Partner eingeschlossen, da es ein kleines Vermögen kosten würde, für alle etwas zu besorgen und Wichteln macht zudem mehr Spaß!

    Nicht fehlen darf nach dem langen Abend der nächtliche Spaziergang durch Dühren. Wir begleiten Manu, unseren ältesten Bruder, und Hamada nach Hause, damit er uns seine WG zeigen kann. Er ist nämlich erst vor kurzem bei Mama und Papa ausgezogen. Wir sind alle total begeistert: ein Fachwerkhaus wie aus dem Bilderbuch! Manu hat das Zimmer unterm Dach, alles bissl schepp, aber gut.

    von links nach rechts: Ellen, Manu, Minh, Hamada, ich, Baldi und Diemy

    Schon die ganze Zeit habe ich mich auf die gemütlichen Feiertage gefreut: essen, lesen, laufen, Zeit mit meinen Geschwistern, mit der Familie, tolle Gespräche mit Mama. Am ersten Feiertag kommen David und Marina mit Tochter Sansa vorbei, Nach einem Spaziergang durchs Dorf sitzen wir zusammen bei lecker Essen.

    ein ganz normales Abendessen bei den Holders

    Am 26. steht wie jedes Jahr Gansessen bei einer Schwester von Papa eine Straße weiter auf dem Programm. Von seinen sieben Geschwistern wohnen fünf im selben Dorf, eine Schwester drei Kilometer weiter und nur ein Bruder weiter entfernt. Dementsprechend ist dies eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, bei denen die Großfamilie zusammenkommt. Geschätzt haben wir zwanzig Cousins und Cousinen (gezählt habe ich nie), von denen wir mit einigen wie mit besten Freunden aufgewachsen sind. Das Zugehörigkeitsgefühl ist kaum beschreibbar. So viele Menschen, die man von klein auf kennt, sich umarmt, vertraut, Sicherheit und Heimat verspürt.

    Am 27. drücke ich Papa, Mama, Ellen und Anne feste mit Tränen in den Augen, könnte sein, dass ich sie nicht mehr sehe bevor ich abreise. Gegen abend bin ich zurück in LU.

    Den nächsten Tag nutze ich, um einiges in Mannheim zu erledigen. Allein für den ganzen bürokratischen Kram ist es gut, mal wieder hier zu sein: Bank, Steuer, Versicherungen, die unnötig geworden sind, Verträge stilllegen – da kommt einiges zusammen. Vera kommt aus der Mosel zurück und ich verbringe den Nachmittag gemütlich mit ihr. Als Rainer abends von der Arbeit kommt, koche ich für alle und uns wird bewusst, dass das wahrscheinlich unser letzter gemeinsamer Abend ist, denn morgen bin ich schon wieder unterwegs und wenn ich den Flug nach Florida nehme, den ich entdeckt habe, verpasse ich die beiden, bevor sie wiederum zurück sind – die Zeit rennt! Schwermut… Vera und Rainer waren mir vorher schon so nah und sind jetzt noch fester in meinem Herz verankert. Die Verabschiedung am nächsten Morgen fällt mir alles andere als leicht.

    Nach einem kleinen gesunden Frühstück bei meiner Freundin Eva in Schwetzingen treten wir unsere sechsstündige Autofahrt an den Mondsee in Österreich an. Eva hatte mich im November gefragt, ob ich Lust hätte, Silvester mit ihr hier zu verbringen. Das ZENtrum, in dem sie selbst schon zweimal war, bietet einen etwas anderen Jahreswechsel an mit mehr Bewusstsein und viel Meditation – ich überlege nicht lange und sage zu. Mit vielen Geschichten, die uns seit unserer letzten Begegnung bewegt haben, vertreiben wir uns die Fahrzeit. Ich mag Evas ehrliche unverblümte Art.

    ca 2013 in einer Bar in Mannheim mit Eva an Franzis Geburtstag

    Eva und mich verbindet zum einen unsere Heimat: sie kommt aus dem Nachbardorf Hoffenheim, welches heute durch den Fußball Weltbekanntheitsstatus genießt. Wie das auf dem Land so ist, kennt jeder irgendwie jeden und man hat zumindest eine Idee, welche Familie aus welchem Dorf kommt. Wirklich kennengelernt haben wir uns allerdings erst in einem legendären Frankreichurlaub an der Atlantikküste in Lege-Cap-Ferret mit gemeinsamen Freunden, die dort Familie haben. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben, sie wohnte auch eine Weile in Mannheim und ist nach sieben Jahren München vor kurzem wieder in die Heimat gezogen. Eva ist also ein unkompliziertes Mädel vom Land wie ich selbst und es ist schön so viel Vergangenheit miteinander zu teilen. Man muss sich nicht erklären, wir können uns gemeinsam an alte Geschichten erinnern und mit ihrer direkten Art bringt sie mich oft ganz ohne Vorwarnung zum lachen.

    Eva befindet sich gerade in einer bewegenden Phase ihres Lebens: sie lernt, wieder alleine zu wohnen, sich neu zu definieren, ist auf der Suche nach sich selbst, sehnt sich nach innerer Ruhe. Meditation ist ihr dabei ein hilfreicher Begleiter. Ihr Wesen ist neugierig, direkt, unverblümt. („Sarah, ich hoffe ja mal, wenn wir uns jetzt schon so intensiv mit uns selbst beschäftigen, dass das mit fünzig abgehakt ist, sonst kann ich mir gleich die Kugel geben“) Wenn sie sich da mal nicht täuscht, denn so ganz fertig sind wir ja nie, was das Leben so spannend macht. Sie liebt die Berge, lässt sich gerne begeistern, ist einfühlsam und sensibel.

    Gastgeberin Waldtraut steht gerade auf der Straße als wir ankommen. Ich habe über Airbnb ihr Gästezimmer gebucht, denn die Jugendherberge ist unverschämt teuer. Sie empfängt uns mit einem außergewöhnlichen Strahlen im Gesicht. In ihrer Wohnung fühlt man sich sofort wohl. Ich bleibe zunächst einmal ruhig und Eva regelt alles für uns; ist auch mal schön, wenn ich mich nicht um alles kümmern muss. Nach kurzem Plausch mit Waldtraut machen wir uns mehr oder weniger gleich auf in den Ort zum Abendessen und entscheiden uns für das Lokal ‚Wirtskultur‘- es gibt sogar indisches Curry für Veganer, aber wenn ich schon mal hier bin, will ich auch was handfeschdes: Sauerkraut und Bratkartoffeln – mmmmh, lecker!

    Den nächsten Morgen beginnen wir mit ayurvedischem Porridge im Naturladen Glückskost und fahren auf Waltdrauts Empfehlung hinauf zur Postalm: was für eine traumhafte Winterlandschaft! Ewig habe ich nicht so viel Schnee gesehen. Es knirscht herrlich unter den Stiefeln, wir packen uns warm ein und begeben uns auf einen Rundweg von fünf Kilometern. Weit und breit ist kaum ein Mensch zu sehen, unglaublich wie wenig hier los ist. Eva schwärmt schon ewig von der Magie der Berge und mit ihrer Stille, Weite, Stärke und Kraft umfangen diese mich mit einem gewissen Zauber, was mich überrascht, da ich mich sonst immer mehr dem Meer zuwende.

    ayurvedisches Porridge zum Frühstück

    Schneewanderung an der Postalm

    Auf halbem Weg kehren wir ein in die Huberhütte: Flädlesuppe, Bauernkrapfen, Skiwasser und Glühmost. Dann bei Schneegestöber zurück zum Auto, halb durchgefroren zur Wellnessalm Leopoldhof: Kräutersauna, Ruheraum mit Wasserbetten, Pool, Schwebeliegen – was braucht man mehr.

    Beim Frühstück mit Waltdraut am Silvestertag haben wir das erste Mal Zeit für ein längeres Gespräch miteinander und spüren ganz schnell, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Waldtraut ist total offenherzig und so finden wir uns wieder in tiefen Gesprächen über die Liebe, das Leben, Reisen, Schicksalsschläge und was einem so zufällt – fühlt sich an als würden wir uns schon ewig kennen. Sie ist so positiv und neugierig, ihr Strahlen ist immer wieder erfrischend, sie ist locker, vertraut den Menschen, verwöhnt uns wo sie kann und man fühlt sich sofort wohl mit ihr. Ganz begeistert ist sie von meiner Reise und stellt viele Fragen – was für eine tolle Begegnung mit ihr.

    mit Eva und Waltdraut am Neujahrstag

    Mit Blick auf die Uhr müssen wir uns losreißen, denn um vier beginnt unsere Veranstaltung und es ist schon nach eins. Für einen kurzen Spaziergang zum See mit spektakulärer Aussicht reicht es allerdings noch.

    Mondsee

    Im ZENtrum finden sich nach und nach alle Teilnehmer ein, bei Tee, Kaffee, Keksen und Obst beschnuppert man sich zunächst. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bernhardt und Marion, die das ZENtrum leiten, folgen Kennenlernrunde, erste Meditation und Gruppenfindung für die nächste Aktivität: Jeder wählt ein Bild, das ihn besonders anspricht und erklärt seine Wahl, die anderen in der Gruppe finden dann eine Assoziation zwischen Bild und Person. Ich bin zunächst etwas nervös, ob mir zu jedem etwas Passendes einfällt und dann ganz erstaunt, wie ich andere spüren kann, einfach eine Verbindung schaffen kann zwischen Bild und Person. Das Spiel gefällt mir: man bekommt etwas über sich gesagt, was überraschend zutreffend ist und hat die Möglichkeit, anderen etwas Schönes mit auf den Weg zu geben.

    Gutes Essen und mehr Meditationen, während der zwei Orte meiner Reise von meinem inneren Auge auftauchen: die grüne Lagune und das Elqui Tal, dort fühlte sich mein Herz wohl. Ich unterhalte mich mit ein paar interessanten Frauen mit anziehender Energie. Sie wollen über meine Reise hören, sind fasziniert und bestärken mich in dem, was ich tue. Um halbdrei liegen wir im Bett, ich bin total aufgekratzt.

    Am Neujahrsmorgen nochmal gemütliches Frühstück mit Waltdraut, mittags müssen wir dann aber wirklich los, denn wir haben noch ein paar Stunden Heimreise vor uns. Waldtraut schenkt mir zum Abschied das Buch ‚Stille‘ von Erling Kagge, welches ich heute noch bei mir habe.

    Nach langem Stau bin ich um kurz vor 9 Uhr abends zuhause bei Rainer und Vera, mann, fühle ich mich wohl hier. Nach kurzem Gespräch mit Paul nehme ich mir ein Glas Wein, ich bin noch ganz aufgedreht von den letzten schönen Tagen. Das Aufbrechen wird schwer fallen.

    Da ich Noni (Spitzname für Veronica), Mama und wer sonst noch da ist noch einmal sehen möchte, fahre ich zwei Tage vor meinem Abflug nochmal nach Dühren. Den Mittag verbringe ich mit Ellen, während Papa mit erhöhtem Blutdruck ins Krankenhaus gefahren wird, mit seinem Parkinson gehen wir lieber auf Nummer sicher. Letztendlich nichts wildes, wir bleiben alle ruhig, so wie Mama uns das immer vorgelebt hat. Dann zu Noni, alle sind da und gut drauf. Gegen zehn abends wieder zu Mama, sie ist mit Papa zurück, der jetzt regelmäßig Blutdruck messen muss und erst mal senkende Medikamente nehmen soll. Mama erzählt Ellen und mir von früher und von ihrer Mutter, unserer Oma Elsbeth, wie sie all ihre Kleider früher nähte. So erklärt sich auch ihr ausgefallener geschmackvoller Kleidungsstil heute. Was ein Schatz, den sie damals weggegeben hat! Jetzt heißt es wirklich Abschied nehmen.

    Mein letzter Tag bricht an. Ich packe meinen Rucksack, habe ein paar Klamotten ausgetauscht und Winterstiefel dabei, denn nach einem Zwischenstop in Florida geht es zurück nach Kanada. Schon seit ich aus Österreich zurück bin, habe ich ein schweres Herz, Momente, in denen ich am liebsten den Flug canceln würde, fühle mich so wohl hier gerade. Andererseits spüre ich nach wie vor die Getriebenheit in mir. Suche etwas, von dem ich selbst nicht weiß, was es ist.

    Bilder sichern, Zeug verstauen, gegen Abend ein letztes Mal Baldi umarmen, dann weiter zu David und Marina, Diana und Meike sind auch da und schon am Essen, ich bin spät. Alle vier sind total goldig, spüren meine Schwermut, hören mir zu. Meike meint, es gibt schon einen Grund, warum ich mit einem bestimmten Gefühl den Flug gebucht habe. Jetzt heißt es hinter der Entscheidung stehen, in dem Gefühl bleiben – recht hat sie. Ich habe einen wunderschönen Abend, trinke zu viel Wein, quatsche noch ewig mit Marina und David, nachdem die Mädels gegangen sind. Genau diese Dinge fehlen mir, diese Momente mit den Menschen, die mir gut tun, die ich liebe und von denen ich geliebt werde.

    Das Leben erfüllt dir deine Sehnsucht nach absolutem Halt. Wenn du still wirst und in dich hineinlauschst, dann hörst du eine Stimme. Das ist die Stimme des Lebens und des Vertrauens. Diese Stimme wird dich zu deiner eigenen Mitte führen, da wo du zuhause bist. Und sie wird dich zu deiner Sehnsucht der absoluten Geborgenheit führen. Laß dich einfach fallen. – Afschin Kamrani