Florianopolis

21 – 25 Nov 2016

Schweren Herzens verlasse ich am Dienstag früh Curitiba. Aber es ist richtig jetzt zu gehen, erst andere Orte zu sehen und dann zurück zu kommen. Ansonsten bleibe ich noch ewig hier hängen und sehe nichts von dem, was ich mir vorgenommen habe.

Die Fahrt nach Florianopolis, kurz Floripa, vergeht recht schnell, da ich eine Mitfahrgelegenheit über blablacar habe. Wir sind zu dritt im Auto und unterhalten uns die meiste Zeit, was mich außerdem nicht in absolut traurige Stimmung verfallen lässt. Diese kommt dann aber schnell und heftig als ich nach weiteren zwei Busfahrten im Hostel ankomme. Es liegt an einem kleinen abgelegenen Strand, man kann aufs Meer blicken und hört die Wellen rauschen. Hört sich sehr idyllisch an, kann ich aber gerade gar nicht gebrauchen.

Ich bin müde, vermisse Curitiba, das Hostel und die Menschen dort. Impulsartig schaue ich auf Couchsurfing nach Gastgebern und schreibe ein paar Leute an in der Hoffnung, dass sich spontan etwas für morgen ergibt. Ich spüre den Kloß im Hals, mir schießen die Tränen in die Augen, ich verdrücke mich aufs Zimmer, in dem sich zum Glück gerade keiner aufhält und kann mich nicht mehr zurückhalten. Nach zehn Minuten reiße ich mich zusammen und sage mir, dass sich so auch nichts ändert – ich muss was tun! Also schaue ich nach anderen Hostels und sage hier Bescheid, dass ich morgen gehe. Dann mache ich mich auf den Weg in den Ort, laufe am Strand entlang, kaufe Gemüse fürs Abendessen und eine Flasche Bier. 

Während ich meinen Salat vorbereite und mir das Bier gönne, antwortet mir Isaac über Couchsurfing. Er sagt mir zu! Yes, geht doch! Jetzt kann ich den Abend wesentlich entspannter verbringen. Ich plaudere mit einem Typ aus der Schweiz, will dann einen Film aus der Sammlung des Hostels schauen – mit dem Abspann wache ich auf und merke wie kaputt und übermüdet ich bin. Ich wandere ins Bett und stelle mir den Wecker fürs Frühstück.

Nur wenn wir selbst aktiv werden, kann sich wirklich etwas ändern. 

Treffpunkt mit Isaac ist an der Uni, wo er arbeitet und gerade seinen PHD macht. Ich habe eine Stunde Zeit und warte in einem Innenhof mit Cafeteria, viel grün und fixierten Tischen und Stühlen aus Stein. An einer dieser Sitzgruppen lasse ich mich nieder und beobachte das Treiben um mich herum: Studenten und Dozenten durchqueren den Hof auf ihrem Weg von oder zur Vorlesung, zur Mittagspause oder vielleicht auch in den Feierabend. Der Außenbereich der Cafeteria ist voll besetzt, egal ob auf den Plastikstühlen oder am Boden, im Gras vor mir sitzt ein lachendes Paar, küsst sich und genießt die Mittagssonne. Ich mag die Atmosphäre hier. Als Isaak pünktlich den Platz betritt, erkenne ich ihn schon von weitem: groß, schlank, breite Schultern, sportlich- mit einem Lachen im Gesicht kommt er auf mich zu und begrüßt mich ganz herzlich mit einer Umarmung und Kuss auf die Wange. Er trägt Sonnenbrille und ich kann nur schwer einschätzen, wie alt er eigentlich ist – würde aber wahrscheinlich sowieso daneben liegen, da die Schwarzen unverschämterweise einfach nie älter als fünfundzwanzig aussehen, was sich später auch bestätigt. Isaacs Kommentar dazu: ‚black don’t crack‘. Ja, hab ich schon mal gehört. Er erklärt mir, wie ich zur Wohnung komme, gibt mir die Schlüssel, drückt mich nochmal und muss auch gleich weiter. Dank zusätzlicher Beschreibung per whatsapp finde ich Straße und Haus auf Anhieb. Die Wohnung hat zwei kleine Zimmer, Wohnküche und Bad. Ich mache mich kurz frisch und nutze den Rest des Nachmittags um mir die Altstadt anzuschauen, wo es aber nicht viel zu sehen gibt – total unspektakulär bis hin zu langweilig und stressig. 

Während ich dusche, kommt Isaac nach hause. Als wir uns sehen, drückt er mich wieder wie bei unserer ersten Begegnung – genau das tut gerade sehr gut. Isaac ist 32, hat Computer Science studiert und macht gerade seinen PHD. Er wohnt allein, hat eine Schwester, kommt aus Salvador und wohnt seit fünf Jahren in Floripa. Ziemlich schnell finden wir uns in tiefen Gesprächen wieder, währenddessen beginnt Isaac zu kochen und ich kann kaum glauben, was er mir schildert, als ich ihn frage, welche Rolle Rassismus in Brasilien spielt. Die Erlebnisse, von denen er berichtet, berühren und schockieren mich zugleich. Ich dachte, in so einem gemischten Land wie ich es zuvor noch nie gesehen habe, lägen die Dinge vielleicht anders.

  • Er wird im Geschäft oder Restaurant oft schlechter und mit abwertender Gestik und Mimik behandelt
  • Manchmal wechseln Menschen, die vor ihm laufen, aus Angst die Straße
  • Als Kinder werden er und seine Schwester beim Schwimmen beschimpft: „go away, you dirty the water“
  • In der Uni in Salvador, dessen Einwohner zu neunzig Prozent schwarz sind, ist außer ihm in seinem Jahrgang nur ein weiterer schwarz von insgesamt vierzig.
  • Im ersten Jahr wird er von seinen Kommilitonen von fast allen Parties und Aktivitäten ausgeschlossen, nachdem er sich als Einziger als Befürworter für eine Schwarzenquote einsetzt.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?….die Welt hat sich teilweise kein bisschen geändert. Auch wenn ich dieses Thema oft mit meinem Exfreund diskutiert habe, verdeutlicht mir Isaac die Realität auf eine Weise, welche mir klar macht, wie wichtig die Erinnerung an die Geschichte ist. Zu viele Menschen machen Unterschiede, daher dürfen wir nicht so tun als gäbe es keine. Wir müssen Bewusstsein schaffen für diese Ungleichheiten.

ohne Kaffee geht Isaak nicht schlafen

Am nächsten Tag mache ich einen Ausflug in den Süden der Insel. Ich hike zu Isaacs Lieblingsort, Lagoinha do Leste – fünf Stunden hiken, klettern, steigen, springen – viel Zeit zum Nachdenken und Fühlen -überragende Aussicht! Gegen Ende bin ich ziemlich erschöpft und fantasiere von gekühlter Apfelschorle.

Praia do Lagoinha do Leste

Auf dem Heimweg besorge ich noch Gemüse fürs Abendessen, ich möchte für Isaac kochen. Er ist schon da und übt in seinem Zimmer Gesänge für Capoera. Ich schwinge mich direkt unter die Dusche! Isaac assistiert mir in der Küche und ist später ganz begeistert von meiner Tomatenmango-Soße, wir führen unsere intensiven Gespräche fort, trinken gutes Bier und vertrauen uns so einiges an. Ich mag ihn echt gern – er hat ein gutes Herz und drückt aus, was er fühlt. Erst gegen Mitternacht werden meine Augen müde und ich spüre die schweißtreibenden Stunden des Tages. Wir wünschen uns eine gute Nacht und ich falle erschöpft ins Bett.
Mein letzter Tag in Brasilien bricht an – bei dem Gedanken wird mein Herz ganz schwer. Ich stehe mit Isaac auf und nach dem ‚Good morning‘ meint er: „bist du sicher, dass du schon gehen willst? Kann das nicht noch ein paar Tage so weitergehen?“ Das macht den Abschied nicht wirkich leichter, aber ich bin gerührt von seiner Offenheit und dass er gerne mehr Zeit mit mir verbringen würde. Wir machen noch ein Selfie und der Gute ist schon am Morgen zu Scherzen aufgelegt.

Zehn Tage wollte ich in Brasilien verbringen – fast drei Monate bin ich geblieben. Das Land hat mich überascht und fasziniert, völlig ohne Plan oder Erwartungen bin ich drauf los, hab noch so viel nicht gesehen, Menschen, die ich wiedertreffen möchte, Orte, die ich nochmal genießen will.

Die Menschen, die uns begegnen, geben der Welt eine eigene einzigartige Farbe.

Curitiba

16 – 21 Nov 2016

Gleich mal vorneweg: ich bin verliebt! Diese Stadt umspielt mich vom ersten Moment mit ihrem Charme: viel grün, viel Platz, tolle Parkanlagen, überall einladende Restaurants, hippe Cafés und Bars. Es ist sauber! Breite Straßen, wenig Hochhäuser – erinnert mich an Montreal.

Mit dem ersten Schritt im Hostel fühle ich mich sofort wie zuhause- habe selten eines gesehen, das so stilvoll und doch gemütlich eingerichtet ist. Jeder Raum des Altbaus ist in einer anderen Farbe gestrichen und bringt den Stuck an den Decken noch besser zur Geltung. Stilvolle Möbel, gesellige große Küche, Sofaecke, herzliches Personal – hier passt einfach alles. Carol ist eine von den Mitarbeitern und ich fühle mich ihr sofort total nah. Sie arbeitet mal hier, mal da im Hostel, mal auf dem Schiff. Manchmal scheint sie genauso durch den Wind zu sein wie ich. Sexy Frau! Leider habe ich es verpasst bewusst ein Bild von ihr zu machen.

Nach dem check-in begebe ich mich auf den ersten Spaziergang durch die Altstadt und das Staunen geht weiter: sehe hier mehr Hybrid-Autos als in Mannheim, sehr gut organisierte Infrastruktur, die Stadt legt Wert auf Umwelt, Ästhetik und Kultur – irgendwo habe ich gelesen, dass Curitiba die fortschrittlichste Stadt in ganz Brasilien ist, was Umweltbewusstsein angeht- genau mein Ding- wird mir immer sympathischer! Während ich durch die Straßen laufe, habe ich immer wieder flashbacks von meiner Zeit in Montreal – verblüffend, wie ähnlich ich die beiden Städte empfinde. Am Ende lande ich in einem Shoppingcenter – ich brauche wenigstens zwei neue Shirts, kann meine immergleichen Sachen nicht mehr sehen. Überall beginnt außerdem die Weinachtsdeko – seltsam bei dem Wetter.

Historical part of Curitiba

Am Freitag ist Sightseeing angesagt und ich nutze den Touribus, der hier täglich von morgens bis abends seine Runden dreht. So besuche ich den Aussichtsturm, den Botanischen Garten, die Markthalle und den Deutschen Wald. Je mehr man in den Süden von Brasilien kommt, desto mehr findet man Gegenden mit europäischem Einschlag aufgrund der Einwanderung damals, und so eben auch deutsche Wurzeln. Ich genieße die Fahrt im Bus, da man so schon einiges zu sehen bekommt und dafür gar nicht überall aussteigen muss.

Torre panorámico
Mercado municipal

Jardim Botánico

Curitiba unterscheidet sich ganz klar von dem Brasilien, das ich bisher gesehen habe.
Abends gehe ich im Parque Barigui um den See laufen: es gibt drei Spuren für Fußgänger, Läufer und Radfahrer – ich bin begeistert! Ein ungewohnter angenehmer Duft liegt in der Luft… frisch gemähtes Gras- im Norden gab’s nur Sand und Staub.

Der Supermarkt um die Ecke ist ein Traum – alles, was das Herz begehrt. Ich verweile mich mindestens eine halbe Stunde dort. Zurück im Hostel komme ich ins Gespräch mit den brasilianischen Gästen und Mitarbeitern. Alle sind unglaublich nett – viel Liebe und Menschlichkeit.
Beatric, 39, kommt aus Rio, arbeitet gerade als Lehrerin hier und wirkt zunächst sehr ernsthaft, aber offen und sympathisch. Im Club ein paar Tage später lässt sie die Tanzmaus in sich raus. Sie ist auf der Suche nach einer kleineren sichereren Stadt zum Leben. Aus Rio erzählt sie mir eine gefährliche Geschichte nach der anderen; sie würde niemandem empfehlen dort zu leben: andauernd Schießereien inmitten der Stadt, bei denen immer wieder Unbeteiligte verletzt oder getötet werden. Jetzt nach den Spielen ist der Zustand wie erwartet wesentlich schlimmer als zuvor.

Am Samstag nehme ich den Zug nach Morretes: ein kleiner postkartentauglicher Ort und allein die Zugfahrt dorthin ist berühmt, da sie durch viele Berge und Täler führt. Nach vier Stunden in der Bummelbahn erreichen wir Morretes. Der Ort ist wirklich winzig und mir wird schnell klar, dass die Menschen hierher strömen um sich in idyllischer Umgebung mit gutem Essen zu verwöhnen. 

Das Restaurant ‚Embargo da Largo‘ gehört zu den besten im Ort und liegt direkt am Wasser. Zur Straße hin haben sie eine Art Kiosk und werben mit Bodebrown Bier, was meine Aufmerksamkeit weckt, denn es wird in Curitiba gebraut und schmeckt nach mehr als nur Wasser (Jetzt wähle ich die Restaurants schon nach Bier oder Wein). Da ich mich nicht gleich für eine Sorte entscheiden kann, komme ich mit dem Besitzer Luis ins Gespräch, der aussieht wie Keanu Reeves. Nach einer Weile gesellt sich noch José aus Kolumbien zu uns und mit frisch gebackenem Maisbrot, welches mir Luis anbietet, unterhalten wir uns über Land und Leute. Am Ende bleibe ich den ganzen Nachmittag, werde zum Essen eingeladen – Luis scheint mir einen schönen Nachmittag bereiten zu wollen, da ich erzählt habe, dass es nicht einfach ist alleine. Um vier nehme ich den Bus zurück, der gerade mal eine Stunde benötigt.

Zurück zuhause treffe ich Bia in der Küche an als sie gerade durch ein Heft mit kulturellen Angeboten und Events für Curitiba blättert – sie hat Lust heute abend auszugehen. Ich schließe mich an und da sie schon auf dem Sprung ist, treffen wir uns etwas später am Praça de España. Der Platz ist umgeben von Bars und Restaurants und ein bedeutender Teil des Nachtlebens hier. Dieses Wochenende treffen wir außerdem auf ein Food Festival mit Livemusik- viele weiße Pavillons, in denen lokale Bierbrauereien ihre hochprozentigen Produkte vorstellen. Wir probieren ein paar Sorten, teilen uns einen Wrap und fahren zur Bossa Bar, die bekannt ist für Musik aus Rio de Janeiro- die meisten Lieder kenne ich nicht, aber die Band macht Stimmung und Bia kann die Texte alle auswendig.

Auch wenn alle von Florianopolis schwärmen, entscheide ich mindestens einen Tag länger hier zu bleiben – das ist meine Stadt.

Für den Sonntag hab ich mir Teil zwei der Sehenswürdigkeiten vorgenommen:

  • Feira do Largo: der zweitgrößte Sonntagsmarkt in Brasilien
  • Oskar Niemeyer Museum
  • Opera de Arame

Der Markt ist eine Mischung aus Obst und Gemüsehändlern, Flohmarkt mit sowohl antiken Möbeln, alten Radios als auch Kleidung, Schmuck und Dekoartikeln, traditionellem Essen für auf die Hand, Süskram und Straßenmusik.

Am Museum angekommen bestaune ich zunächst das Gebäude an sich, welches ebenfalls ein Kunstwerk von Niemeyer ist. 

Ich höre Musik, umrunde das Riesenauge und finde eine Wiese, auf der hunderte Menschen entspannt im Gras liegen und den Sonntag genießen – bunt gemischt, mit Hunden und Kindern, Bühne mit Band, davor drei verschiedene Foodtrucks – Curitiba ist so cool! Ich pfeife aufs Museum, hole mir ein Bier, setze mich ins Gras, schließe die Augen und strecke mein Gesicht in die Sonne…

Bevor ich den letzten Stop auf meiner Liste für heute ansteuere, hole ich mir noch einen veganen Buger mit Pilzen. Die Veganer hier tun mir leid und ich könnte hier wirklich ein Vermögen verdienen- will mich ja nicht selber loben, aber meine Kreationen sind eine andere Dimension. Aber einen Versuch wars mal wieder wert. und trotz traurigem veganen Burger: Curitiba ist eine wunderschöne Stadt!

Opera de Arame

Den Abend verbringe ich mit Bia, Jessé und dem Rest der Truppe im Hostel und ich lerne immer mehr portugiesisch- das war nicht Teil des Plans. Ich spüre, wie wohl ich mich hier fühle – hier lebt so viel von all dem, was mir wichtig ist.
Meinen letzten Tag hier beginne ich wie jeden Morgen mit einem Lauf im Park – das fehlt mir in den letzten Monaten, laufen hilft mir beim Verarbeiten.

Parque Barigui

Ich frühstücke gemütlich und bummle dann durch ein paar Straßen, in denen sich wieder ein interessanter Laden an den nächsten reiht und beende meinen Spaziergang mit Eis am Praça de España auf der Parkbank im Sonnenschein.

Immer wieder finden wir uns in Situationen, in denen wir eigentlich gar nicht sein wollen. Manche halten nur ein paar Minuten an, andere dauern Wochen, Monate oder sogar Jahre. Dein Bauch schreit nein. Du willst weg, bist wie ferngesteuert, verschwunden ist der Glanz in deinen Augen, verlierst dich in den Erwartungen anderer. Warum tun wir uns das an? Sind wir so geprägt von dem, was uns Sicherheit verspricht, von Vernunft, von Anstand, so fern von unserem Gefühl? Du denkst, mit dir stimmt was nicht, sagst dir, das wird schon wieder, die anderen bekommen es doch auch hin. Und du hast doch alles, führst ein erfolgreiches Leben- was fehlt dir denn? Wenn du willst, kommst du mit dieser Lüge durch bis an dein Lebensende. Oder du hörst auf deinen Bauch, wagst den Schritt ohne Kalkulation, ohne Begründung, ohne Rechtfertigung. Einfach weil du fühlst, weil du du bist.

Abends empfiehlt mir Carol eine Jazzbar. ich ziehe mich um und will noch schnell mein Essen für die Fahrt morgen richten. Jessé, der immer zum Scherzen aufgelegt ist, gesellt sich zu mir und sieht verdammt traurig aus. Was ist los? Nach einigem Zögern erzählt er, dass er einen dieser Tage hat, in denen alles etwas dunkel aussieht: er ist Schauspieler und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, dann ist er unglücklich verliebt, mit der Familie scheint auch etwas zu sein. Ich verstehe nicht jedes Wort, bin aber fast überrascht, dass ich doch schon so gut kommunizieren kann. Carol und ich sind uns einig: den einen, der uns glücklich macht, gibt es nicht.

Bia konmt nach hause, voll bepackt mit Tüten vom Supermarkt und will brasilianisch kochen. Die Jazzbar hake ich ab – das hier sieht nach mehr Spaß aus und ich genieße das Zusammensein mit herzlichen Menschen. Bia verteilt Aufgaben, ich lerne Obst- und Gemüsenamen, wir quatschen, lachen, essen, und lassen den Abend in der Chillecke ausklingen. Fühlt sich ein bißchen wie Familie an und morgen früh gehen zu müssen, ist kein schöner Gedanke. 

Während dem Essen kommt Ana nach Hause. Viel weiß ich gar nicht von ihr, da wir erst relativ spät wirklich zu reden begonnen haben. In ihrem Lachen und dem Blitzen in den Augen steckt allerdings etwas, das sie mir sofort sympatisch macht.

Ana aus Brasilia
Oben: Fabi, Ana, Carol, Jessé

Curitiba hat mich tief berührt und einen Platz in meinem Herzen.

Canoa Quebrada

24 Okt. – 16 Nov. 2016

Ankommen

Nach drei Stunden Busfahrt von Fortaleza komme ich in Canoa Quebrada an. Hier werde ich drei Wochen arbeiten und bekomme dafür Unterkunft, Essen und ein paar Kitesurfstunden. Direkt neben der Haltestelle finde ich die Pousada, eine Art Bed and breakfast, wo ich mich melden soll. Ich verabrede mich mit Alea und Adrien, die mit mir gefahren sind, für den nächsten Tag und das Mädel an der Rezeption weiß direkt Bescheid. Sie führt mich in mein Zuhause für die nächsten drei Wochen: zwei Zimmer mit je eigenem Badezimmer, Wohnküche und Balkon, von dem aus man das Meer sehen kann. Im anderen Zimmer wohnt Sophia, 18, die ein Jahr Volunteerarbeit macht und so quasi das Jahr finanziert. 

Nachdem ich mich eingerichtet habe- endlich kann ich mich mal ausbreiten- treffe ich mich noch kurz mit Anderson, dem Chef. Erster Eindruck: sehr entspannter angenehmer Typ, spüre sofort sein gutes Herz. Langes Haar, schlank und sportlich, Surfer Outfit, Anfang 40, dunkle sanfte Augen.

Zurück in meinem Zimmer fühle ich mich etwas allein nach der Zeit in Jeri, wo ich von so vielen tollen Menschen umgeben war.

Am nächsten Morgen führt mich Anderson durch das Dorf, zeigt mir Pousada, Strand und seine neue Baustelle (näher am Strand als jetzt). 

Von seinem Café ‚Windfun‘ bin ich beeindruckt: ein hochwertiges Holzhaus aus dem Süden Brasiliens, das er im Laster hat bringen lassen. Stylische Bar, sandiger Boden, im ersten Stock die Kitesurf-Ausrüstung. Alles mit viel Liebe zum Detail, ich sehe, dass hier viel Herz drin steckt – von der ersten Zeichnung über alle bürokratischen Hürden bis zum finalen Handgriff sind dreieinhalb Jahre vergangen – ein besonderer Ort.

Es gibt wohl viel zu tun für mich: Englischunterricht und im Café helfen, außerdem Verbesserungsvorschläge geben. Anderson weiß, dass man viel sieht auf Reisen und ist offen für neue Ideen.Da Aela und Adrien am nächsten Morgen schon wieder abreisen, treffe ich mich abends mit ihnen im Hostel zum Abendessen mit interessanten Gesprächen.

Woche 1

Ich gebe den ersten Englischunterricht für die Mitarbeiter und bekomme selbst meine ersten Kitesurf Stunden. Zunächst ist mir etwas mulmig bei dem Gedanken, mit so einem riesigen Kite umzugehen- die Dinger sind zwischen sechs und zwölf Quadratmeter groß! Mit Anderson verschwindet die Aufregung  jedoch recht schnell – Schritt für Schritt tasten wir uns von Übungen an Land ins Wasser und beim zweiten Mal auf dem Brett kann ich bereits downwind fahren. Zudem stelle ich mich wohl ganz gut an. „You’re sure you haven’t done this before?“ Natürlich haut es mich trotzdem oft genug ins Wasser und ich habe heute noch ein Knie, das ab und zu schmerzt, weil ich bei meinen ersten Versuchen noch nicht die perfekte ‚wie fall ich am besten auf die Schnauze und schlucke wenig Wasser‘-Technik beherrschte.

Ganz schnell erlebe ich jedoch den süchtig machenden Faktor! Im Gegensatz zum Wellenreiten kann man quasi ewig ohne Zwischenstop fahren und muss nicht auf die nächste Welle warten. Angst hab ich auch keine, da die Verletzungsgefahr recht gering ist.

Noch sympathischer wird mir der Sport als Anderson mir den Umgang mit dem Kite erklärt:

Menschen tendieren dazu Dinge festhalten zu wollen, wenn sie schief laufen. Dabei sollten sie einfach loslassen sonst macht man es nur schlimmer.

Im Café lerne ich, wie Tapioka, Vitamina und Chicken Pie zubereitet werden. Anderson bringt mir viel Vertrauen entgegen, gibt mir nach zwei Tagen die Schlüssel und will schnell meine Meinung hören.

Gefühlsmäßig bin ich relativ ausgeglichen: ich habe viel zu tun, kann mein eigenes Essen kochen und koste das aus – wahrscheinlich will ich unterbewusst Reserven für die Zeit danach anlegen – im Reiseführer für Argentinien steht als Kommentar für Veganer: ‚viel Glück‘- das kann ja was werden. Hier dagegen bin ich ganz aus dem Häuschen, weil ich sogar Chiasamen finde.

Ich lerne Anderson besser kennen: in Rio aufgewachsen, drei Geschwister, enger Kontakt zu einem Bruder, war früher bei der brasilianischen Airforce, wurde alle vier Jahre versetzt, viel gearbeitet, dann auch noch weit weg vom Meer. Er fühlt sich versklavt und kündigt vor elf Jahren alles. Viele erklären ihn für verrückt. Dann steigt er bei den Eltern hier im Norden mit ein. Sein Vater stirbt vor vier Jahren bei einem Autounfall. Mit seiner Mutter führt er die Pousada, seine Leidenschaft gilt dem Kitesurfverleih mit Café. Er ist ledig und zufrieden, spielt Schlagzeug, genießt das Leben am und auf dem Meer und schätzt es sein eigener Herr zu sein.

Am Sonntag fühle ich mich einsam und schlendere am Meer entlang. Etwas entfernt liegen zwei Mädels – Moment, sind das nicht… Ich rufe: „heah, die zwei kenn ich doch!“ die Mädels aus Jeri- man weiß nie, was der Tag bringt! Ich geselle mich zu den zweien und wir amüsieren uns über das Wiedersehen. Der Tag ist gerettet.

Meine aktuelle Gefühlswelt:

  • Noch zwei Wochen vor mir und ich buche endlich den Flug nach Rio. Freue mich auf ein Wiedersehen mit Fernando.
  • Meine Freundin Franzi hat mir ein Bild von ihrem Babybauch geschickt- riesig… wie bei Marina beschleicht mich etwas Wehmut.
  • Ich bin allein, aber dennoch viel ausgeglichener als vor vier Wochen, mehr mit mir im Reinen.
  • Ich spüre, wie sich vieles verändert. nach einem Jahr zurück und einfach weitermachen wie vorher ist keine Option.

Woche 2 und 3

Die zweite Woche beginnt mit einem traurigen Gefühl. Fernando meldet sich nicht mehr und ich merke, dass es mich beschäftigt, stelle mich der Frage, was es ist, das mich wirklich traurig macht:

  • Habe meine Pläne teilweise für ihn geändert und werde jetzt enttäuscht, ärgere mich, meine Stimmung abhängig von jemand anderem gemacht zu haben – er war eben einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort; das hat mich beflügelt
  • Meine vertrauten Menschen sind nicht um mich, irgendwo muss ich doch hin mit der Liebe- will teilen, was ich zu geben habe.
  • Fühle mich durcheinander und manchmal panisch, was nach dem Jahr kommen soll: was will ich? wo will ich hin? was macht mich glücklich? wie will ich leben und wo?

Die Tage ziehen dahin und ich werde mit dem Ort vertrauter. Canoa Quebrada ist ein Dorf mit 4000 Seelen, in dem man sich sicher bewegen kann. Eine Gruppe von Eseln ist hier völlig selbstverständlich frei auf der Straße unterwegs, von Hunden an jeder Ecke ganz zu schweigen. Die Haupteinkaufsstraße mit dem Namen Broadway ist gesäumt von kleinen Läden, hauptsächlich auf Touristen ausgerichtet, die das Dorf am Wochenende füllen. Straßenstände, die Schmuck, Cocktails oder Tapioka anbieten. Auf meinem regelmäßigen Gang zum Supermarkt muss ich immer wieder schmunzeln, da ich denselben Ladenbesitzern und dazugehörigen Katzen begegne- ja, und das sind nicht irgendwelche Katzen, jede hat ihren festen Platz.

Mein Alltag ist bestimmt von Sport, Arbeit, Zeit mit Anderson, lesen und was sonst noch entspannt ist

  •  Kitesurf-Unterricht – ich mache jeden Tag Fortschritte, bin hinterher immer besser gelaunt 
  • Englischunterricht- ich gebe vier Stunden pro Woche
  • ich berechne die Kosten der Karte im Café neu, teste neue Rezepte mit Anderson, wir geben der Karte ein facelift
  • Abends gehen wir oft noch ein Glas chilenischen Wein trinken, oder auch zwei – und als wir uns besser kennen, ist es eine Flasche plus ein Glas mehr; mit Argentinien und Chile ist kein Entzug in Sicht!
  • Endlich alle Grey’s Anatomy Folgen schauen

    Entspannung pur und Therapie für die Seele!

    You want a glass of wine?

    Meine Stimmung schwankt in dieser Zeit- nicht nur von Tag zu Tag sondern manchmal stündlich. Ich spüre, dass ich bald wieder mehr Menschen um mich brauche- Meredith Grey bekommt in einer Folge von ihrem Therapeuten gesagt: ‚you can be alone. but you don’t want to‘. Finde das für mich gerade auch ziemlich passend.
    Die Wochenenden verbringe ich meist mit Anderson: an einem Samstag nehmen wir sein Lasor Segelboot und wollen damit an die Flussmündung. Kaum sind wir auf dem Wasser, wird mir klar, dass hier alles von der Verteilung des Körpers und natürlich dem Wind abhängt. Dieser ist heute extrem stark, wir kentern zweimal und müssen aufgeben. 

    Am Wochenende danach sind wir auf dem CanoaBlues Festival (mit Flasche Wein).

    Canoa Blues Festival

    Die Sonntage verbringen wir in Parajuru, einem beliebten Ort für Kitesurfer, etwa 45 Minuten entfernt. Dort gibt es eine Surfschule in schönem Ambiente mit Bar, an der wir zu allererst immer eine Kokosnuss schlürfen. 

    Hund surft mit!

    Im Auto unterhalten uns mal wieder über Gott und die Welt – aktuelles Thema: Geburtenrate in Brasilien und Alter der werdenden Mütter. Ich: ‚to become a mother with 18 would probably be considered a scandal in Germany.‘ Anderson: ‚oh you can see a lot of scandals walking in the streets here.‘ Ich muss laut lachen und das tut verdammt gut. Ich brauche unbedingt wieder mehr davon!

    Das Wetter hier ist übrigens ein Traum:

    Nee, graues Winterwetter brauch ich echt nicht!

    Meinen Flug habe ich umgebucht. Bin wieder zurück bei mir und hab mir in Erinnerung gerufen, was diese Reise für mich bedeutet. Ich brauche inneren Frieden, mehr Selbstvertrauen und Klarheit. Wer mich sehen will, soll zu mir kommen. Aktueller Plan ist also: Flug nach Curitiba im Süden, danach ein paar Tage Santa Catarina und dann ab nach Buenos Aires.

    Wer sich alle Türen offen halten will, hängt halt viel auf dem Flur rum.

    Die letzten Tage laufen entspannt, ich bin wieder besser drauf und genieße nochmal die letzten Abende mit Anderson bei Essen und Wein. Es ist faszinierend wie gelassen er ist. Außerdem hab ich nochmal umentschieden und fliege in zehn Tagen nach Santiago de Chile. Motivation für meine Reise nach Südamerika ist unter anderem, meinen Wurzeln nachzugehen und da mein leiblicher Vater aus Santiago ist, möchte ich das nicht aufschieben. In Kontakt mit der verbliebenen Verwandtschaft dort bin ich auch schon – ich bin gespannt!

    Frag dich, ob das, was du heute tust, dich näher dahin bringt, wo du morgen sein willst.

    Jericoacoara 

    17 – 24 Oktober 2016

    Tag 1: Anreise und Ankommen

    Nach mehreren Stunden im Reisebus steigen wir am Nachmittag um in einen Geländewagen, da die letzte Strecke aufgrund der sandigen Straßen nur so bewältigt werden kann. Als alles Gepäck verstaut und gesichert ist, geht es in Kollone los und das Gelände wird Minute um Minute sandiger und holpriger. Ich verstehe sofort, warum nur solche Autos hier klarkommen und amüsiere mich noch über die Touristen im Wagen vor uns als sich plötzlich eine Ebene vor uns auftut und ich das Gefühl habe eine andere Welt zu betreten: weit und breit nur Sand – Ich hab so was noch nie gesehen!

    On the way to Jericoacoara

    Ich bin sprachlos. Mitten in den Dünen halten wir an um Fotos zu machen. Wir steigen hinauf, der Wind haut mich fast um und man versteht kaum sein eigenes Wort. Glücksgefühl pur- dass ich das erleben darf!

    Nach zwanzig Minuten kommen wir nach Jericoacoara, kurz Jeri: im ganzen Ort gibt es nur Straßen aus Sand, überall kleine Cafés, Restaurants, Surferläden, street food.

    Straßen aus Sand – eine Woche barfuß!

    Ich checke mit Roman und Maich im Hostel ein- scheint gut zu sein- wir gehen direkt an den Strand. Der ist erst mal ziemlich unspektakulär und die teuren Hotels, die sich hier aneinander reihen, wirken etwas entzaubernd. Dass die Wellen nicht zum Strand sondern von rechts nach links laufen, ist ein ungewohnter Anblick.Später schauen wir uns den Sonnenuntergang auf der Düne links neben dem Strand an. Das ist jeden Abend eine Völkerwanderung und mir muss mal jemand erklären, warum: mega windig da oben, man bekommt durch den Sand kaum die Augen auf und dann klatscht die Menge auch noch, wenn die Sonne untergeht – ernsthaft? Interessiert doch die Sonne nicht! Schlimmer als im Flieger und zerstört den Moment total. Wir gehen essen, ich bekomme zum ersten Mal einen richtigen Salat. Im Hostel schlafe ich in der Hängematte ein und wandere mitten in der Nacht ins Bett.

    Tag 2 und 3: Chillen und Kitesurfing 
    Am Dienstag sind die Jungs beim Kitesurf-Unterricht und ich gehe den Tag gemütlich an. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Saulius, 31 aus Litauen. Sehr entspannter angenehmer Typ, sieht aus wie 25, Kitesurfer, hat eine eigene Baufirma in London und richtet hauptsächlich neue Geschäfte ein. Reist soviel er kann, entweder zum Surfen oder Backpacking. Nach zehn Minuten mit mir steht für ihn fest: you’ll be travelling longer! Ab dann erzählt er jedem, der mich fragt, nach einem kurzen schmunzelnden Blick, dass ich für zwei Jahre reise.

    Mittags skype ich mit Marina, meiner Schwägerin und Freundin. Ihren schwangeren Bauch zu sehen, berührt mich sehr.

    Reisen ist wunderbar und erfüllt mich auf neue Art und Weise. Nicht am Leben meiner Menschen zuhause teilhaben zu können, birgt etwas Trauriges. Gleichzeitig weiß ich, dass diese tiefen Bindungen immer bestehen werden. Loslassen befreit.

    Im Hostel hängt einer den kompletten Tag vorm Fernseher und schaut Netflix. Wir fragen uns zwei Tage lang, ob er hier nichts besseres zu tun hat, bis sich herausstellt, dass er sich am Rücken verletzt hat. Den Spitznamen bekommt er von mir aber trotzdem und witzigerweise übernehmen ihn alle. So wird jeder durch Herkunft, Aussehen oder Angewohnheit benannt, denn alle Namen kennt und merkt sich keiner: Roman wird zum the big German guy, Maich – the pharmacist/ the Mexican, den Israeli nennen wir David, einfach weil der Name zu ihm passt. Keine Ahnung, was man sich für mich ausgedacht hat.

    Den Sonnenuntergang schaue ich mit Maich heute von der anderen Seite an, mit Blick auf die bevölkerte Düne- von weitem sieht die doch eh viel schöner aus. Ewig lange Wellen von rechts nach links tragen die Surfer an uns vorbei, was beruhigend wirkt und etwas Meditatives hat.

    Livemusik gibt es eigentlich dauernd in Cafés und Restaurants. Gegen halb11 machen wir uns auf zur Party des Abends am Rande von Jeri mit Bühne im Freien, Band und Tanzfläche. Irgendwann sind wir auch mitten unter den Tanzenden, allerdings ohne den brasilianischen Hüftschwung. Gefällt mir, wie hier noch als Paar getanzt wird, könnte bei uns auch mal wieder mehr in Mode kommen.

    Maich verabschiedet sich als erstes Richtung Hostel und ich folge wenig später- genug getanzt und ich will Roman nicht die Tour vermasseln, die Chica neben ihm scheint interessiert. 

    Am Mittwoch begleite ich die Jungs beim Surfkurs, außer Kitesurfer auf dem Wasser gibt es allerdings nichts. Ich nehme es entspannt: muss nirgendwo sonst sein, keine Arbeit, die auf mich wartet…


    Tag 4: Buggyfahrt mit Maich
    Wir mieten uns ein Quad, um durch die Sanddünen zu brettern und dabei noch bekannte Strände und Felsen zu sehen. Ich kann ja nicht jeden Tag nur in der Hängematte, am Pool und am Strand abhängen. Maich scheint etwas tollpatschig zu sein: er hat sich vor zwei Tagen am Zeh verletzt und einen Kite kaputt gemacht. Erinnert mich irgendwie an meine Schwester Anne. Und jetzt mit ihm Quad fahren- aber wird schon gutgehen.

    Wir halten an einer bekannten Felsformation, Maich humpelt hinter mir her, sein Zeh ändert übrigens gerade jeden Tag die Farbe, dann zwei Strände. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht so aussieht wie auf den Bildern- liegt unter anderem daran, dass manche Lagunen momentan kaum Wasser haben. Der zweite Strand ist der totale Touristenstrand, nicht mein Ding. 

    Wo ist das berühmte kristallklare Wasser?

    Schön, aber zu viele Touristen

    Wir wechseln uns ab am Steuer- macht richtig Spaß! In einem kleinen Restaurant direkt am Strand auf der Holzterrasse machen wir halt zum Essen. Fischliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten- ich muss zugeben, sieht echt gut aus. Für mich gibt’s frittierte Maniok, die mir noch am nächsten Tag schwer im Magen liegen, Salat, Reis mit Bohnen und ein paar Pommes. Frittiertes Zeug hake ich danach auch endgültig ab. Wir unterhalten uns über das Bildungssystem in Deutschland und Brasilien und wieder einmal scheint es so, dass die Wohlhabenden die bessere Ausbildung genießen. Den ganzen Tag über höre ich so Einiges über brasilianische Kultur, Sprache und Traditionen. Maich erzählt geduldig und so verbringen wir einen weiteren entspannten Tag gemeinsam.

    Am Ende stoppen wir noch am Baum, der mit dem Wind gewachsen ist, machen dort ein paar Faxen und fahren anschließend am Strand entlang in den Sonnenuntergang.

    Tag 5 – 7: Tiefenentspannung tritt ein
    Die nächsten Tage beginnen weiterhin mit ausgiebigem Frühstück, währenddessen ich jedes Mal schon so viel lache wie manchmal den ganzen Tag nicht. Diejenigen, die am Abend vorher am spätesten im Bett waren, werden am nächsten Morgen außerdem gnadenlos ausgefragt, bei wem sie gelandet sind. Nur heiße Geschichten werden akzeptiert und dann Ruhe gegeben – armer Roman! Dann am Pool sonnen, Hängematte, spätes Lunch.

    Man beachte die Dame rechts am Pool- perfekter Bikiniabdruck!

    Ich habe tolle Gespräche mit interessanten Menschen, gehe jeden Tag mit Roman trainieren, wir liegen ohne Handtuch auf dem nassen Sand- der gehört jetzt ganz natürlich auf die Haut. Abends geht es meist ins Fischrestaurant, wo man sich den Fisch oder Hummer aussucht, bevor er zubereitet wird.

    Party im Hostel, nachts kann man die Milchstraße sehen, habe erstmals wieder, wenn auch nur wenige Tage, Ruhe vom Ex. Jeri hat definitiv etwas Magisches- besonders am Abend.

    Beer pong! Netflix und Saulius haben’s drauf!

    Am Samstag wache ich mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit auf. Mit Fernando bin ich seit Pipa in Kontakt, seine positive Einstellung und Energie tun gut und decken sich mit meinem Lebensgefühl. Wir wollen uns im Süden wiedersehen. 

    Später erlebe ich den perfekten Abend – mit dabei sind: 

    • Aela: 23, Französin, studiert gerade ein Jahr in Rio und
    • Adrien: 23, halb Deutscher, besucht Aela gerade, die beiden leben in Paris, waren mal ein Paar und sind beste Freunde (will erst mal keiner glauben), haben neben ihrer französischen Seite auch etwas ganz Untypisches, was sie für alle anderen noch sympathischer macht.
    • Fabian: 28 aus Köln, arbeitet im Startup Kerbholz, stellen Brillen und Uhren aus Holz her (Böhmermann hat auch schon eine im Fernsehen von ihnen getragen). Fabian ist neugierig, aufgeschlossen, kocht gerne und wird immer nervös, wenn’s ans Essen geht, er kann manchmal selbst kaum glauben, dass er schon fast 30 ist.
    • Ikamar alias ‚David‘: Ende 20, Israeli, reist ein Jahr durch Südamerika, er führt uns für den Sonnenuntergang links hinter der Düne vorbei und hat uns den Ort als den für ihn bis jetzt schönsten in Brasilien angekündigt.
    • Tobias, der den halben Tag lebhaft über das Pantanal-Gebiet und die Tiere dort erzählt und etwas überwältigt von seiner ersten Backpacker-Reise zu sein scheint.
    • Eine weitere Französin, hab nicht mit ihr gesprochen
    Unbekannte Französin, Itamar, Adrien, Fabian, Tobias, myself, Aela

    Wir laufen eine Viertelstunde bis wir an eine Art Oase mitten in den Dünen kommen. Allein dieser Anblick ist traumhaft. 

    Diese Oase bezeichnen wir später als Abenteuerspielplatz, denn wir finden Pferde, Wildschweine, Slacklines, ein Seil, mit dem man sich über den See schwingen kann, ein Trampolin, Hängematte, Boxsack und hier scheinen ein paar Hippies zu leben. Wir sind wie Kinder, die einen neuen Spielplatz entdecken und verweilen uns eine halbe Stunde, dann treibt David uns weiter, damit wir auch rechtzeitig zum Sonnenuntergang kommen. 

    Vorbei an einem alten Wasserturm und einer Wasserpumpe verlassen wir die Oase und steigen die Düne dahinter hinauf. Was sich vor uns auftut, ist einfach unbeschreiblich und Bilder sagen hier mehr als tausend Worte…

    Als ich das erste Mal über die Kante der Düne blicke, ist es als würde sich eine neue Welt vor uns auftun…

    Dann kommt der spaßige Teil:

    Auf halber Höhe setzen wir uns in die Düne. Hier ist es auf einmal vollkommen windstill und man spürt die Sonne auf der Haut. In der Ebene grasen Pferde, der Himmel färbt sich langsam rötlich, das ist nicht von dieser Welt. Fabian hat chillige Elektromusik dabei. Wir genießen den Moment – jeder für sich und doch gemeinsam. Innere Ruhe, Frieden, Dankbarkeit – ich hab selten so erfüllende Momente erlebt, geeint mit meiner Umgebung.

    Nachdem die Sonne hinten am Horizont verschwunden ist, steigen wir noch einmal kurz die Düne hinauf – man hat fast schon vergessen wie windig es da oben ist, der Kontrast ist enorm. In fast kompletter Dunkelheit laufen wir zurück unter klarem Sternenhimmel und Milchstraße.

    Der letzte Tag in Jeri bricht an. Roman ist schon etwas wehmütig, da wir alle am gleichen Tag gehen werden und er alleine zurückbleibt. Er geht heute wieder Surfen, ich chille mit Fabian am Pool, Netflix organisiert Lunch für alle.

    Weil es so schön war, gehen wir nochmal in die andere Welt zum Sonnenuntergang. Dieses Mal übernimmt Fabian die Rolle des Reiseführers und es ist amüsant, wie sehr er darin aufgeht. „Ach, es ist doch immer wieder schön hier.“ Der Zauber lässt nicht nach und ist Balsam für die Seele.

    Abends geht’s natürlich nochmal ins Fischrestaurant. Wir unterhalten uns darüber, inwiefern man mehr man selbst ist beim Reisen, da man weniger in bestimmte Rollen gepresst wird. Dessert in einer Eisdiele zum dahinschmelzen.

    Mein Herz nimmt Tag für Tag mehr Raum ein. Ich lerne, Menschen vom ersten Tag an zu lieben.

    Als wir zurück ins Hostel kommen, checke ich kurz meine mails und kann nicht glauben, was ich lese: mein Ex hat doch echt nen Flug gebucht und will mich finden – what??? Ich kanns nicht fassen und empfinde Wut. Das ist nicht, was ich möchte. Er ist nicht Teil meiner Reise und das soll auch so bleiben. zudem ist das langsam krankhaft- Seelenverwandtschaft und der ganze Quatsch- ich kanns nicht mehr hören! (Ich meine das nicht abwertend, aber es reicht!) Da meine kleine Jeri-Familie hier meine Geschichte kennt und ich das Bedürfnis habe zu sprechen, erzähle ich von der email. Saulius, Fabian, Aela, Adrien und zwei weitere Mädels sammeln sich um mich (Roman ist unterwegs). Ich werde nochmals gebeten, doch bitte ein Buch zu schreiben, jeder schätzt die Situation ein und Saulius sagt am Ende im Stillen ganz treffend zu mir: „don’t think too much about it. It doesn’t change anything.“ Wir sitzen und liegen noch bis spät in die Nacht zusammen, spielen „tell one lie and one truth“ und lernen uns so auf interessante und lustige Weise noch besser kennen. Ich genieße diese Stunden, wir kennen uns so kurz und sind uns doch so nah- einfach nur schön und ich fühle mich sehr gut aufgehoben in dieser Runde. (Das mit dem Flug hat sich übrigens zwei Tage später wieder erledigt, er hängt in einer Dauerschleife. Jetzt wird alles komplett ignoriert und nicht mehr gelesen.)

    Am nächsen Morgen heißt es Abschied nehmen von Roman. Ich bin mir sicher, wir sehen uns nochmal wieder. Fabian bleibt noch einen Tag, dann Amazonas – auch ihn werde ich nicht vergessen. Mit Saulius, Aela und Adrien beginnt dann der Roadtrip nach Fortaleza. Saulius wird in der Nähe weiter kitesurfen, die anderen beiden begleiten mich nach Canoa Quebrada. Auf der Fahrt umreißt Saulius seinen Lebensweg und ich bin tief beeindruckt und berührt. Er ist das lebende Beispiel dafür, dass auch ohne viel Schule alles möglich ist: mit 15 von der Schule geflogen, jobt hier und da, geht nach Dublin und fängt da auf dem Bau an. Zwei Jahre später wagt er mit einem Freund den Neuanfang in London und lebt dort erst mal unter Hippies in einem verlassenen Gebäude. Wieder auf dem Bau, harte Zeit, aber ihm liegt die Arbeit mit den Händen. Ihm wird geraten sich selbständig zu machen. Jetzt hat er eine eigene Firma, lebt mitten in London, nimmt nur sieben Monate im Jahr Aufträge an und reist das restliche Jahr. Er überlegt momentan, ein Surferhostel zu eröffnen – mal was anderes für ein paar Jahre. Verdammt angenehmer Mensch!

    Goodbye Jericoacoara and thank you for the amazing time – hope to see you again!

    Fortaleza

    15 -16 Oktober 2016

    Der Samstag geht für die Fahrt nach Fortaleza drauf: erst von Pipa nach Natal, dort zwei Stunden Aufenthalt am Busbahnhof, in denen ich Açai natural mit granola finde und ein paar Cashewnüsse. Ansonsten gibt’s da nix Essbares für mich. Zudem hat Fernando mich motiviert noch konsequenter zu sein- will nichts mehr essen, was eigentlich nur krank macht und unser Körper ist unser kostbarstes Gut, nicht wahr… Das durchzuziehen, ist nicht immer ganz einfach, man eckt an und muss auf Reisen Abstriche machen, aber ohne Ideale und Träume kommen wir nicht mal halb so weit.

    Um drei mittags geht’s weiter nach Fortaleza- verbringe die Zeit mit Schreiben, Musik und schlafen. Bin ein wenig nervös, weil der Bus erst nach Mitternacht ankommt und man hier wieder gefährliche Pflaster erwarten muss. Hab nicht vor mich hier lange aufzuhalten sondern will lieber gleich nach Jeri. „Wenn du Zeit sparen willst, dann verschwende nicht viel Zeit in der Stadt- da gibt’s nichts Spektakuläres und die Strände sind auch nicht schöner, dann besser mehr Zeit in Jeri!“ Genau so hab ich das vor. Raus aus dem Bus steuere  ich direkt ein Taxi an und lasse mich ans Hostel fahren. Der Nachtwächter ist total goldig und lieb, zeigt mir mein Bett, Bad, wifi Kennwort. Zähne putzen, Linsen raus, Nachrichten checken, Licht aus.

    Frühstück am nächsten Morgen ist dürfig: wieder mal nur schlechter Kaffee – das ist echt ein Phänomen: wieso gibt’s nur schlechten Kaffee, wenn der doch von hier kommt -, Papaya, Banane, weiße Brötchen, billiger Käse und sogenannter Schinken, Margarine und komischer Kuchen, außerdem lieblos gemachtes Rührei. Wo kommt bitte die gute Bewertung dafür bei Booking.com her?? Ja, da bleibt nicht viel für mich. Komme mit Maich, 30, aus Rió und Roman, 29 ‚aus de Palz‘ (so wird er ins Handy eingespeichert) ins Gespräch. Aus Neustadt kommt der Gute- wir amüsieren uns über die Nähe in der Ferne und ich lass gleich mal meinen Slang raushängen- verschdehd jo sunnschd kenna!

    Die beiden haben den Tag an einem Strand außerhalb geplant, zu dem man für 35RS mit dem Bus gebracht wird. Riecht für mich schwer nach Touritrip und Abzocke, ich überlege aber trotzdem nicht lange und schließe mich an, denn nach Jeri komme ich heute eh nicht mehr und so bin ich in guter Gesellschaft. Kaum sind wir im Bus, komme ich mir vor wie auf einer Kaffeefahrt. Die Tante vorne labert ohne Punkt und Komma, etwas gekünstelt die gute Laune. Dort angekommen, riesige Restaurantanlage am Strand mit Pool und Duschen. Man will uns eine Buggyfahrt schmackhaft machen. Roman hat wie ich keine Lust drauf. 16Uhr ist wieder Treffpunkt, wir laufen am Strand entlang, weg von den Massen. Überall Kitesurfer im Wasser, je weiter wir kommen desto leerer wirds. Allerdings ist weder das Wasser sauberer noch ist es weniger windig; weit und breit kein Café oder Restaurant mehr. 

    Nach kurzem Abkühlen im Wasser finden wir ein Stück weiter eine Sitzgelegenheit im Schatten und tauschen uns bei gekühlter Kokosnuss aus, die wir kaufen um hier sitzen zu dürfen. Roman ist Maschinenbauingenieur, arbeitet hier in Brasilien im Bereich Consulting und macht gerade Urlaub. Er reist viel und gerne, trainiert gerade Handstand auf einer Hand und hat drei Geschwister, die er auch als seine besten Freunde bezeichnet. Irgendwann kommt die Frage, warum ich hier bin. Da wir Zeit haben, fange ich in meiner Geschichte etwa vor zwei Jahren an. Er erzählt von seinen letzten Beziehungen und wir sind uns einig, dass wir lieber alleine bleiben als uns zu binden, nur um sich sicher zu fühlen.

    Strandpolizei zu Pferd 

    Zeit, was zu essen- wir laufen zurück- man, ist das windig! Am Restaurant treffen wir Maich mit den zwei Mädels, die auch aus dem Hostel mitgekommen sind. Die Mädels bestellen Krebs, die Jungs Fisch und ich frittierte Maniok und Salat, bestehend aus ein paar grünen Blättern, Tomaten, Paprika (auch noch die grünen) und einem Haufen Zwiebeln. Am Ende ist ein Krebs von den Mädels übrig. Roman will ihn essen, bevor er weggeschmissen wird, wirkt aber beim Aufklopfen des Panzers ziemlich unbeholfen und bringt uns zum Lachen. Maich zeigt ihm wie’s geht, will aber selbst nichts haben. „You know that they cook them alive – it’s cruel!“ Auf diesen Kommentar hin wirkt Roman plötzlich gar nicht mehr scharf auf den Krebs. Noch dazu sieht das Innere echt ekelhaft aus. Ich muss schmunzeln, weil ich sehe, wie ihm der Appetit vergeht. „Na dann guten Appetit, Roman!“ Er rührt das Tier nicht an.

    Erst lacht er noch!

    Irgendwie kommt es dazu, dass ich während des Essens meine Lebensgeschichte und die unserer Familie erzähle mit allen einschneidenden Erlebnissen. Die Jungs wirken beeindruckt und etwas sprachlos. How did you turn out so ’normal‘? Ich scherze: well, you don’t know me yet. How do you deal with all that? You seem to be happy. I’ve never heard a story like this.

    ‚Wie bist du so normal geworden? Wie kommst du mit all dem klar?  Ich hab noch nie so eine Geschichte gehört.‘ (vielleicht sollte ich doch ein Buch schreiben).

    Ich konzentrier mich auf die schönen Dinge im Leben. Hab nichts davon, alles, was schlimm war immer wieder zu betrauern. Es gibt Schlimmeres. Was nicht heißt, dass ich es wegdrücke- ich nehme es an als einen Teil von mir, der mich wachsen lässt, andere Menschen besser verstehen lässt.

    Am Japanischen Garten

    Zurück in der Stadt schlendern wir gegen Abend erst ein bisschen an der Promenade entlang – komische Gestalten unterwegs hier – dann suchen wir uns einen Baum, wo Roman seine Ringe zum Trainieren befestigen kann. Das wird eine etwas abenteuerliche Aufgabe, doch dann lassen wir alle die Muskeln brennen und testen uns auf der slackline. Tut gut und die salzige Haut mischt sich mit Schweiß.

    Danach gönnen wir uns die beste Eiscreme der Stadt und setzen uns bei Mondschein an den Strand. Ich bin voll im Jetzt und Hier – toller Moment!

    Wir sind begeistert vom Eis, blicken in leere Becher, schauen uns an, müssen lachen…let’s go for a second one. Also schlappen wir zurück, holen uns noch mehr Eis und gehen wieder an den Strand.

    Auf dem Heimweg versorgen wir uns noch mit Obst für die Fahrt am nächsten Tag und ich finde Mandelmilch im Supermarkt – geil – die muss mit! 

    Praia de Pipa

    10 – 15 Oktober 2016

    Mittags um halb zwei nehme ich den Bus Richtung Pipa und muss einmal umsteigen in einen dieser uralten VW Busse in weiß: es gibt immer einen Fahrer und der 2.Mann steht hinten drin, schiebt die Tür auf und zu und kassiert das Geld.

    Das Hostel ist quasi direkt am Strand, vom Balkon aus kann ich das Meer sehen und es geht immer ein frischer Wind, so dass man die brennende Sonne kaum spürt. Ich richte mich ein im Zimmer ohne Türen und Fenster – wirkt ein bisschen wie ne alte Scheune. Alles offen hier, da wird man früh wach, aber mir gefällt’s – hat was. Nur bin ich die Einzige im Zimmer- hmm…Wollte nicht schon wieder alleine sein.

    Am Abend schlender ich durch Pipa und bin angetan von den stilvoll eingerichteten Cafés, Restaurants und Bars.

    Wie erwartet wache ich früh auf. Kurz nach 5 geht die Sonne auf und es ist schnell strahlend hell. Der Tag beginnt hier mit der Sonne und die Straßen sind immer direkt belebt. Ich frühstücke, finde aber niemanden, der mit mir den Tag verbringen könnte; nur ein paar Argentinier, die zusammen Urlaub machen. Also Strandtag alleine.

    Praia do Amor: absoluter Surfspot, zum Schwimmen nicht ganz ungefährlich. Ich mache ein paar obligatorische Fotos und steige über in den Fels geschlagene Stufen runter zum Strand. Hier reiht sich eine Strandbar an die nächste mit Schirmen, Liegen und Stühlen, Musik dröhnt aus alten riesigen Boxen. Jenseits all dessen suche ich mir einen ruhigen Platz im Sand und hab nur zwei Frauen ein paar Meter weiter neben mir.

    Ich verbringe den Tag mit lesen, schreiben, nachdenken, im Wasser abkühlen- richtig schwimmen läuft hier wie gesagt nicht bei dem Wellengang. Gegen Abend sinkt meine Stimmung. Mein Exfreund will nicht akzeptieren, dass ich keinen Kontakt mehr möchte und hält an etwas fest, was so nicht existiert, vielleicht nie da gewesen ist oder ich einfach nicht bereit für bin. Ich bin nicht ganz unschuldig, dass der Kontakt in den letzten Wochen wieder aufgelebt ist, habe ihm gegenüber aber gleich meine Bedenken dazu geäußert. Jetzt merke ich, keine gute Entscheidung. „In so einer Situation musst du ein Arschloch sein, sonst kommst du nicht raus“ hat mein Freund Kai mal schön gesagt. Wir wissen natürlich beide, dass damit einfach klare Ansagen und Konsequenz gemeint sind. Ich lasse mich auf ein Telefonat ein und finde mich wieder, wie ich versuche ihm zu erklären, warum das keinen Sinn macht. Im selben Augenblick denke ich, moment mal – ich muss eigentlich gar nichts mehr erklären, das sind Gefühle und die bedürfen keiner Argumentation. Ich muss noch klarer sein, fühlt sich hart an. Außerdem sollte ich endlich jeden Kontakt meiden.

    Das Leben konfrontiert uns so lange mit derselben Situation, bis wir wirklich daraus lernen und nicht mehr denselben Mustern verfallen.

    Der Teil in mir, der ihn unglaublich schätzt als Mensch und ihn nicht verletzen will, ist gerade ziemlich laut. Durchs Telefon höre ich: „Sarah, at one point you need to settle down. You can’t do this forever. And you should take this chance“…Nein, ich muss gar nichts! Und wenn es sich richtig anfühlt ohne darüber nachdenken zu müssen, dann passiert das schon von alleine. All das und mehr denke ich, während er redet. Am Ende lege ich auf mit einem endgültigen ‚Goodbye‘ und spüre, wie mich eine Welle von Traurigkeit übermannt, meinen Körper durchströmt und mich schmerzlich weinen lässt. Nach zwanzig Minuten steht der Surfertyp, der wohl zum Hostel gehört und den ganzen Tag bekifft zu sein scheint, wenn er nicht gerade surft, zögerlich im Eingang. Er hat mich wohl gehört – gibt ja keine Wände hier – und fragt, ob alles ok ist. Ich winke entschuldigend ab. Nach viel mehr Tränen schlafe ich erschöpft ein. 

    „Ich weiß, dass du eine besondere Vergangenheit hast und es dir manchmal schwer fällt dir selbst zu vertrauen. Du fragst dich, ob deine Distanz und dein nicht verliebt sein darin begründet sind. Aber ich erlebe eine Frau, die eine intime Nähe zu ihren Geschwistern hat, tiefe Freundschaften pflegt und ein Vorbild und Führung für junge Menschen ist. Du kannst fühlen, dich binden und loslassen. Du bist ganz einfach nicht verliebt, ganz ohne tiefere Bedeutung. Egal, ob der Kopf sagt, dass alles passt….es ist einfach so und auch nicht schlimm, auch wenn es vielleicht trotzdem weh tut. Es muss einfach ein Mann sein, den du liebst für das wie er ist, vielleicht sogar herrlich unperfekt.“ – Vanessa (vor 7 Monaten)

    Nach dieser Nacht gehe ich es gemütlich an, schreibe weiter am Blog, fühle mich traurig und allein, hab keine Lust aktiv zu sein. Eine Ausrede brauch ich nicht, denn es ist wolkig und regnet immer mal wieder. Passend zu meiner Stimmung hat es in der Nacht heftig gestürmt. Es ist schon mittag, und ich überlege das Hostel zu wechseln – brauche jemanden um mich. Während ich durch Booking.com blättere, höre ich Schritte im Raum, blicke auf und auf einmal steht Fernando vor mir: strahlende Augen, dunkles Haar, entspannte Ausstrahlung, sportlich, aufmerksam, interessiert. Er spricht mich direkt an. Fernando ist 31, kommt aus Venezuela, hat Telekommunikation studiert, schon in China, Irland und auf den karibischen Inseln gearbeitet, den Job gekündigt und reist mit seinem besten Freund auf unbestimmte Zeit durch Brasilien auf der Suche nach einem Ort, der sich gut anfühlt zum Niederlassen und vielleicht ein Hostel zu eröffnen. Wo kommt der denn jetzt bitte her? Ich bin perplex – unverschämt gut sieht er auch noch aus. Er fragt, ob ich schon gegessen habe – natürlich nicht. Wäre aber auch total egal, natürlich komme ich mit!

    Beim Essen am Strand finde ich heraus, dass er noch krasser unterwegs ist als ich: keine Milch, kein Brot, kein Reis, kein Zucker, kaum Alkohol. Macht Triathlon und Ironman, geht sehr bewusst mit seinem Körper um und träumt davon sich eines Tages selbst versorgen zu können. Nach dem Essen geht sein Freund José zurück zum Hostel. Er spricht leider nicht viel Englisch und mein Spanisch ist noch nicht gut genug für tiefgründige Gespräche, scheint aber auch ein klasse Typ zu sein. Fernando und ich steigen auf einen der Berge, die das Meer umgeben und tauschen uns über unsere Motivation für die Reise aus – man, hat der schöne strahlende Augen! Und er gibt mir das Gefühl, dass der Gedanke, vielleicht nicht mehr in das sichere Leben gehen zu wollen, vollkommen nachvollziehbar ist. Er nimmt mich in den Arm und wir gehen zurück.

    Ich erlebe zwei wunderschöne Tage mit den beiden, in denen wir gemeinsam gesund einkaufen und kochen, an den Strand gehen, auf einen Aussichtspunkt klettern, abends tanzen gehen und ich bis in die Nacht hinein mit Fernando in der Hängematte liege und wir reden und lachen. Ich bin berührt von der Art, wie er mich bei allem einbindet, mir Aufmerksamkeit schenkt, mir zuhört und selbst mit Leidenschaft erzählt. 

    Am dritten Morgen begleite ich die zwei noch zum Bus, sie reisen weiter Richtung Süden und werden die nächsten zwei Wochen in einem Hostel aushelfen. Dafür gibt’s Unterkunft und Essen umsonst. Ich bedanke mich für die Zeit, drücke aus, dass er im perfekten Moment aufgetaucht ist und wie gut mir das getan hat.

    Den Rest des Tages schaue ich mich unter anderem auf der Plattform für Freiwilligenarbeit genauer um. Angemeldet bin ich schon seit drei Wochen und mein Profil ist jetzt auch aktualisiert. Es gibt Reisende, die so über Jahre von Ort zu Ort kommen ohne viel Geld auszugeben. Gestern hat mich jemand angeschrieben und mir einen Job in einer Pousada an der Nordküste unterhalb von Fortaleza angeboten, die auch ein Café haben mit (kite-) Surfshop und Verleih. Hört sich gut an: soll irgendwelchen Kindern und Mitarbeitern Englisch beibringen und ansonsten anpacken, wo Hilfe gebraucht wird. Sogar Vollverpflegung und ich darf selbst auch surfen. Ich sage zu. In einer Woche soll ich da sein. Das läuft hier grad echt anders als geplant – nicht, dass ich einen hatte, aber ihr wisst schon, was ich meine…Morgen geht’s nach Fortaleza und einen Tag später gleich weiter nach Jerricoacoara – da freue ich mich riesig drauf! Jeder schwärmt von diesem Ort.

    Life is a Pandora box.

    João Pessoa

    07 – 10 Oktober 2016

    Eigentlich wollte ich von Salvador direkt nach Natal, dann noch etwas weiter hoch die Küste entlang und danach rüber nach Argentinien. Da ich aber sowieso alle paar Tage meine Pläne ändere, so auch dieses Mal. Mache einen Stop in João Pessoa, da ich dort über einen Freund einen Kontakt habe.

    Am Abend vorher nehme ich den Nachtbus und sitze ausgerechnet neben Alex, 25 – wahrscheinlich der einzig weitere Deutsche im Bus. Brauche eine Minute um mich wieder an den Klang der deutschen Sprache zu gewöhnen und dann reden wir ohne Pause stundenlang! Wir sind irgendwie gleich sehr vertraut miteinander und ich bin wieder überrascht wie offen und persönlich ich über mich spreche. Alex ist aber auch ein toller Zuhörer. 

    Alex hat drei Geschwister und wie ich einen engen Kontakt mit seiner Familie. Macht den Eindruck als weiß er, was er will, hat schon viel Zeit im Ausland verbracht und hätte am liebsten einmal selbst Familie mit mindestens fünf Kindern. Er studiert Sport und macht ein Auslandssemester in Medellin, Colombia, das geht aber erst im Januar los, bis dahin reist er durch Brasilien. Als wir es uns in den Sitzen gemütlich machen bin ich kurz irritiert, da er gar keine Scheu vor Körperkontakt zeigt, ist wie unter Geschwistern. Find’s aber schön und wir teilen die Erfahrung uns hier beim Reisen manchmal einsam zu fühlen. Alex steigt früh am nächsten Morgen in Maceio aus, wir tauschen noch schnell Nummern aus und wollen uns nochmal treffen. (Bild folgt also noch)

    Freitag: In João Pessoa werde ich nach 17Stunden Fahrt von Clelia, Fernando und seinem Schwiegervater herzlich in Empfang genommen.

    Am Abend muss Fernando noch arbeiten, ich spaziere mit Clelia am Strand entlang und sie lädt mich zum Essen ein. Ich muss lachen, da sie mich nach Facebook fragt. Diese Frau geht mit der Zeit 🙂 Erster Eindruck: super sauber hier, schöne endlose Strände und mir wird jetzt erst bewusst, wie lang die Küste hier ist- 138km Strand, einer schöner als der andere!

    Samstag: Am nächsten Morgen gehe ich um sieben mit Fernando laufen- bzw er geht und ich laufe. Zwischen 5 und 8 morgens sind die großen Avenidas am Meer gesperrt für aktive Menschen mit Rad, Skates oder zu Fuß- wie cool ist das denn! Bewegung und Körperbewusstsein haben hier am Meer einen großen Stellenwert.

    Clelia, 69 verwöhnt mich mit viel Obst und frisch gebackenem Kuchen, dann gehe ich mit ihr an den Stadtstrand Tambau. Ohne Sonnenschirm und Strandstühle geht hier übrigens gar nichts. Ich finde die Strandverkäufer übrigens gar nicht mehr lästig sondern hab verstanden, dass das ein Service ist. Man bekommt hier alles, muss sich um nichts kümmern, alle Gelüste werden gestillt – vor allem Getränke und jegliches Essen, mitunter Kleider, Accessoires und was das Herz sonst noch begehrt. Sagt man höflich danke, ziehen sie weiter.

    Wir verständigen uns in drei Sprachen und das funktioniert überraschend gut. Wir trinken Bier und ich noch nen Cocktail, essen patatas fritas und sie schenkt mir einen Jumpsuit vom Strandhändler. Seltsames Gefühl, wenn man einfach nur danke sagen kann. Clelia erzählt mir einiges über die Stadt, wir reden über Gott und die Welt.

    Clelia 🖒

    Ich bin zutiefst dankbar, so gute offenherzige Menschen kennen lernen zu dürfen!

    Sonnenuntergang am Praia do Jacaré begleitet von live Saxophonmelodien.

    Abschließend gehen wir in ein beliebtes Tapioka-Restaurant. Da alle deftigen Variationen mit Käse sind, nehme ich Cocos und Schokolade- ja, da ist auch Milch drin, ich weiß. Scheiß drauf – muss hier schon genug Abstriche machen.

    Tapioka with coconut and chocolate- sugar attack!

    Keine Stunde später meldet sich mein Magen- ich vertrags einfach nicht mehr.

    João Pessoa facts:

    • Drittälteste Stadt Brasiliens
    • Östlichster Punkt Südamerikas und damit näher an Senegal als an Südbrasilien; nirgendwo sieht man die Sonne früher aufgehen als hier
    • Nach Paris die Stadt mit den meisten Bäumen
    • Ältester FKK Strand Nordbrasiliens

    Sonntag: wir fahren raus aus der Stadt zum Praia do Coqueirinho:

    Coqueirinho beach

    Vorher noch kurzer Abstecher zum Praia do Tambaba:

    Tambaba beach

    Am Coqueirinho Strand sichern wir uns Schirm und Stühle, trinken Bier, essen Obst und betreiben people watching

    Ich entdecke einen Weg, der auf den Berg links führt und entscheide, da will ich auch hoch.

    Fernando macht noch Witze, ich nehme mein Handy und will los laufen. Er will mich begleiten, damit auch nichts passiert. Als ich links einschlage, merke ich, dass er dachte, wir spazieren hier nur entlang. „I think its not good without shoes, Sarah“ Ich muss schmunzeln, ignoriere sein Zögern und los geht’s. Die Erde ist heiß und staubig, Sonne knallt runter und Fernando schnauft hinter mir! Aaahaha- aber Blöße gibt er sich keine und zieht tapfer durch, muss sich oben angekommen erst mal sammeln. Belohnt werden wir hiermit:

    Gegen halb4 laufen wir am Strand entlang zurück Richtung Auto.

    Fernando macht dann mit dem Auto noch nen kleinen Umweg hinter die Hügel am Strand:

    Zuhause gibt’s dann erst mal Açai mit granola und wir ruhen uns aus. Frenando fährt zu seiner Freundin, Clelia kümmert sich um mich mit gutem Essen und frisch gebrühtem Kaffee.

    Abends gehe ich mit Fernando noch ne Stunde ins nächstgelegene Shopping centre, Clelia braucht ein neues Handy und ich nen Bikini, hab einen in Paraty vergessen. 

    Clelia hats echt drauf mit der Technik: Smartphone, Tablet und Laptop. Bei Facebook aktiv und am whatsappen wie meine Nichte (oder ich – lol). Tolle Frau!

    Morgen mittag geht’s weiter nach Pipa. Nutze den verbleibenden Vormittag, um den Blog endlich zu aktualisieren.  Dann sind Freunde und Familie endlich zufrieden und ich hoffe, es gefällt euch 🙂

    Bin so dankbar, diese Reise zu machen – ist so bereichernd auf jeglichen Ebenen, auch wenn ich manchmal sehr harte, traurige und einsame Momente habe. Einen Monat bin ich unterwegs und manchmal denke ich, in einem Jahr will ich noch nicht heim.