Buenos Aires Teil 2

19. Januar – 02. Februar 2017

Anne hat morgen Geburtstag und in Buenos Aires ist schon alles vorbereitet um in ihren Ehrentag zu feiern. Matias war mir dabei eine große Hilfe und hat für uns ein paar Dinge organisiert. Ramin habe ich auch eingeladen, nur Luis kann nicht kommen, da er kurzfristig für ein Interview nach New York musste.

Gegen 19Uhr kommen wir bei Matias an. Wir können heute bei ihm schlafen, denn die Nacht wird wahrscheinlich kurz, da hätte es sich kaum gelohnt, ein Hostel zu suchen. Wir machen uns kurz frisch und dann gehts auch schon los Richtung Restaurant. Auf dem Weg sammeln wir Ramin ein. Die Männer bestellen Wein und viel Fleisch, sie meinen das gehört sich so für den letzten Abend in Argentinien. Später schielen meine Schwestern ganz neidisch auf meinen Teller mit gegrilltem Gemüse und Kartoffeln.

Zweiter Programmpunkt ist Standup-Comedy auf der Avenida Corrientes. Das, was wir verstehen, ist wirklich lustig. Außerdem gibts einen Begrüßungsdrink und das Erlebnis an sich ist besonders.

Standup-Comedy Show

Auf dem Weg zur Secret Bar ‚Franks‘ übt Matias mit Anne das Passwort, welches man am Eingang nennen muss um eingelassen zu werden: ‚Antoine de Saint-Exupéry‘. Verdammt coole Bar in dunkles Licht getaucht,  hohe Decken mit zweiter offener Ebene, gemütliche stilvolle Sofas und durchgestylte Barkeeper. Wir bestellen fünf verschiedene Cocktails und probieren alle durch.

Secret Bar ‚Franks‘

Obwohl wir total müde sind und die Jungs morgen arbeiten müssen, setzen wir uns noch auf ein Bier an den Plaza Serena mitten in Palermo und stoßen noch einmal auf Anne an, bevor wir letztendlich gegen fünf Uhr morgens im Bett liegen. Matias muss eine Stunde später wieder aufstehen – der Arme! Ellen ist ernsthaft angetan von seinem Engagement für unseren Abend und von seiner Gastfreundschaft. Toller Typ eben!

Es ist Freitag und meine Schwestern reisen heute ab – so schnell vergehen drei Wochen. Als wir uns zum Abschied in den Arm nehmen, wird mir bewusst, dass wir uns jetzt mindestens fünf Monate nicht sehen werden – versetzt mir einen leichten Stich ins Herz und ich hab einen Klos im Hals.

Den Rest des Tages mache ich nicht viel, die Nacht war ja kurz, ich bereite Essen für Matias und mich vor und gehe endlich mal wieder laufen. Die drängende Entscheidung schwirrt pausenlos in meinem Kopf umher.

Matias hat mich eingeladen, übers Wochenende zu seinem Freund Joaquim nach Chascomus aufs Land zu fahren, der bei seinen Eltern Geburtstag feiert. Als wir ankommen, wird mir auch klar warum genau hier gefeiert wird: riesiger Garten mit Pool, Steingrill für Asado, der See nur ein paar Laufschritte entfernt. 

Nach dem ersten Bier werfen wir uns in unsere Badesachen und hängen am, im oder um den Pool. Die Eltern sind super gastfreundlich und gegen vier beginnt der Vater mit dem Grillgut – und das ist ne Philosophie für sich: zuerst wird die Kohle vorbereitet, dann kommen ganze siebzehn Kilo Fleisch am Stück auf den Grill. Auch wenn das ganze völlig gegen meine einstellung und lebensweise geht, ist es doch spannend zu beobachten mit welcher Hingabe mit dem Feuer umgegangen wird.Je später der Abend desto mehr Gäste erscheinen, mit Salaten, Beilagen und Desserts in den Händen. Gegen elf Uhr abends sind wir um die dreißig Personen und nach sieben Stunden ist das Fleisch butterweich, sodass sich die Rippen ganz einfach lösen lassen. Basti! Das wäre ein Festmahl für dich! Der Vater meint, ich muss ein Stück versuchen, sonst wäre ich nicht wirklich in Argentinien gewesen. Aber nein, keine Chance, geht gar nicht.

Asado wie aus dem Bilderbuch

Nach viel Essen und noch mehr Bier ist die Jugend bereit für den Club und ja, ich darf mich noch dazu zählen. Nicht ganz meine Musik – den ganzen Abend Bachata mag ich nicht.

Party people

Um halbsechs am nächsten Morgen falle ich mit Matias ins Bett und als wir wieder aufstehen, übernehmen die Hardcore Tanzmäuse torkelnd unseren Schlafplatz. Bevor es abends wieder in die Stadt geht, genießen wir den Sonntag am Pool – ja klar, wieder Bier und Reste von gestern. Die Tage ohne Alkohol kann ich echt zählen.

Ich bin reisemüde – 140 Tage bin ich schon unterwegs und so vergeht jetzt eine Woche in Buenos Aires bei Matias, in der ich tagsüber gar nicht viel mache und regeneriere: schlafen, laufen gehen, mit Freunden chatten, kochen und Australian Open schauen. Zum Finale am Sonntag stellen wir uns den Wecker um sechs Uhr morgens und Federer gewinnt das Ding auch noch – überragend! Die Abende verbringe ich mit Matias und wir verstehen uns verdammt gut, gehen zusammen ins Kino, haben interessante Gespräche über unsere Arbeit, Familie, Politik, die Generation Z, die sich ein Leben ohne soziale Medien und all die Rafinessen der neuen Technik nicht mehr vorstellen kann, was auf gewisse Art auch ein Fluch ist. Wir entdecken unsere gemeinsame Liebe für Schokolade und er übertrifft mich bei weitem – kein Tag vergeht für ihn ohne Alfajor.

Biergarten und Kino mit Matias

Mein Kopf lässt mir keine Ruhe, die Zeit drängt, der Druck wächst, bin handlungsunfähig meine Weiterreise zu planen solange diese eine Entscheidung nicht gefallen ist. Das kann doch verdammt nochmal nicht so schwer sein. Mein Kollege Uli schickt mir Bilder von der Arbeit: wirkt so weit weg und doch so nah. Will ich dahin zurück, jetzt? Schicke meinem Chef ne email, wie es eigentlich gerade aussieht, was der Plan ist.

Wofür bist du heute aufgestanden? Wofür brennst du? 

Wovor hast du Angst, was bedrückt dich, was wünscht sich dein Herz, was kannst du steuern? 

Einstellung ist alles!

Als ich am Mittwoch morgen die Antwort lese, ist auf einmal alles klar und mein Kopf hört auf zu brummen: in die alte Position komme ich wohl nicht zurück, das heißt so oder so steht Veränderung an und in dem Moment spüre ich ganz klar: ich will mehr! Mehr Zeit, mehr erleben, die harten Momente nehme ich dafür gerne mit, führen mich näher zu mir selbst, will verrückt sein, den Sprung ins Ungewisse wagen. Es sträubt sich alles in mir bei dem Gedanken daran in die gewohnten Strukturen zurück zu gehen. Noch am selben Tag geht der Antrag auf Verlängerung raus. Zwei Tage später buche ich meinen Flug nach Santiago, wo ich Félix aus Brasilien wiedersehen werde und dann gehts Richtung Norden.

Die letzten Tage schlafe ich bei Fede, da Matias seine Großeltern beherbergen muss und so wird auch er ein wahrer Freund. Da Fede noch Urlaub hat (er unterrichtet an der Uni und macht gerade seinen phd) frühstücken wir jeden Morgen bzw Mittag gemeinsam und haben viel Zeit uns auszutauschen. Er ist aus Buenos Aires, liebt seine Stadt, ist neugierig, aufgeschlossen, positiv, sensibel, guter Geschmack was Inneneinrichtung angeht und für jeden Spaß zu haben.

Medialunas und Mate – typisches Frühstück in Argentinien

So ist meine zweite Woche nochmal gefüllt mit besonderen Momenten, die ich mit Menschen teilen darf, die das Herz am rechten Fleck haben:

  • Ausgehen in Palermo mit Matias, Fede und Joaquin, 
  • Mittagessen bei Matias Großeltern,
  • ein Tag nur mit Ramin mit Livemusik, Cerveza in Palermo und Essen bei Sarkis, seinem Lieblingsrestaurant. Er gratuliert mir zu meiner Entscheidung: „Sarah, you’re not a tourist anymore, you’re a traveller now!“
  • ‚Bomba del Tiempo‘ am Montag Abend mit Matias und Fede. Matias hat recht: muss man gesehen haben, wenn man in Buenos Aires ist: der Rhythmus reißt einen mit, super Stimmung! Bin im hier und jetzt.
  • Biketour: am Dienstag Abend zeigt Fede mir Buenos Aires bei Nacht: wir fahren über zwei Stunden auf seinem Motorrad durch die Stadt und er zeigt mir neben seinem Lieblingsort so einige Flecken, die ich noch gar nicht kannte. Ich mache kein einziges Foto, genieße einfach nur die Fahrt und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Gegen ein Uhr nachts betreten wir eine super stylische Bar und bestellen Bier, papas fritas und Nachos. Ich mag Buenos Aires!
‚Heisenburger‘
Helado um zwei Uhr morgens
Chillen mit Ramin im Solarpark bei Livemusik
Bomba del Tiempo

      Hab manchmal Momente von Heimweh, aber dann kommt ganz schnell die Gewissheit, dass ich nach einer Woche zuhause gleich wieder weg wollen würde. Alles gut und ich fühle mich gut mit meiner Entscheidung.

      1.Februar: es ist offiziell: ich bin beurlaubt bis zum 31.07.2018 – was für ein Gefühl!

      Und jetzt lass dich treiben – lebe, genieße, es gibt nur jetzt und hier!

      Mein letzter Abend in Buenos Aires. Schon seit ein paar Tagen bin ich etwas wehmütig, denn ich fühle mich wohl hier, hab Freunde gefunden, mich eingelebt und die Stadt jetzt schon lieben gelernt. Hier könnte ich leben, für eine Weile.

      Matias und ich beginnen den Abend mit einem Pingpong Match, das seit Tagen aussteht. Er ist ein ernstzunehmender Gegner und wir haben riesen Spaß. Ramin kommt wie ein echter Südamerikaner mal immer etwas später und schwingt auch ein paar Runden den Schläger. Als Fede und Joaquin noch zu uns stoßen, gibts Lagebesprechung wo wir essen sollen. Ich wollte erst Sushi für den letzten Abend, bin aber auch mit veganem Burger mehr als glücklich. Wir leeren unser Bier und nach viel Sucherei im Netz machen wir uns auf Richtung Restaurant. Auf der Dachterrasse werfe ich einen ersten Blick auf die Karte und muss sagen: buena elección! Ich hab sogar die Wahl zwischen mehreren veganen Optionen. Wir stoßen an und ich blicke in Augen von Menschen, die so gut zu mir gewesen sind, mich in ihren Kreis aufgenommen haben, so viel Zeit mit mir geteilt haben. Ich werd die Jungs vermissen!

      Während ich hier in der Hängematte liege und schreibe, schießen mir Tränen in die Augen. Ja, ich vermisse euch, Jungs! Mit den richtigen Menschen kann die Welt wunderschön sein. Aus tiefstem Herzen danke!

      Cordoba

      10 – 14 Januar 2017

      ‚Trau dich, in einen Starbucks zu gehen, denn so wenig du die Kette unterstützen willst, so angenehm kann es doch sein, etwas Vertrautes um sich zu haben.‘ Den Tipp hab ich von einem Travelblog und ich kann bestätigen, es hilft.

      Cordoba ist ne coole Stadt: viele Studenten und zumindest ein Viertel ist so hip wie ich es selten erlebt habe: so viele stylische Bars, Restaurants und Cafés in bezaubernden Hinterhöfen – ich liebe solche Orte! Wenn ich jetzt meine Freunde hier hätte, um mit ihnen durch die Straßen zu ziehen…

      Mein Hostel ist endlich mal wieder richtig gut, liegt zentral und interessante Menschen hier. Von einem Volunteer lerne ich ein Rezept für veganes Brot und dann ist da noch Pablo aus Buenos Aires: über 160 Bewertungen auf Couchsurfing und sehr gesprächig. Er ist einer dieser Couchsurfer, die auch gerne mal mit ihrem Gast ins Bett steigen. An sich ist dagegen ja nichts einzuwenden, aber das Portal als Datingapp zu benutzen, ist schräg und verfehlt definitiv die Intension.

      Am Mittwoch Nachmittag schließe ich mich der Walkingtour durch Cordoba Nueva und Guemes an und treffe auf Emma und José. Emma ist aus Australien, Krankenschwester, Job gekündigt und seit fast einem Jahr in Südamerika unterwegs. José ist Argentinier, auf unbestimmte Zeit am Reisen und hat Familie hier in der Stadt. Die beiden sind zusammen nach Cordoba gekommen. Wir verstehen uns auf Anhieb miteinander und bleiben nach der Tour in einem der stylischen Hinterhöfe auf ein Bier. Es wird dunkel und José läd uns ein, bei einer Freundin seiner Familie zu abend zu essen – was gibts? Asado natürlich, das heißt es wird gegrillt. 

      Tannenbaum in Cordoba

      Auch wenn mir das Hostel gefällt, ist nicht wirklich viel los, also lande ich über Couchsurfing bei Axel: 29, studiert Philosophie, kommt aus dem Süden, seit acht Jahren hier, spricht fließend deutsch und freut sich mit mir üben zu können. Wenn er nicht gerade in der Uni ist, nimmt er sich Zeit für mich: wir kochen zusammen (ich kann kaum glauben, dass er in seiner Zeit in Deutschland nicht einmal Bratkartoffeln gegessen hat), machen einen langen Spaziergang, gehen ins Museum und unterhalten uns stundenlang bei Mate über Politik, Religion, Abtreibung, die Flüchtlingssituation und was sonst noch anregenden Gesprächsstoff hergibt. Ich erfahre so einiges über Argentinien und stelle mit Schrecken fest, dass der President hier verdammt ähnlich zu Trump ist.

      Nachtleben in Cordoba

      Solltet ihr selbst jemals nach Cordoba kommen, macht einen Ausflug zum Playa de los Hippies! Was euch dort erwartet, ist den langen Weg allemal wert und gehört für mich definitiv zu den ganz besonderen Orten:

      Nach fast zwei Stunden im Bus steige ich an der Endhaltestelle im Dorf Cuesta Blanca aus und stoße ein paar hundert Meter weiter auf den Fluss San Antonio, wo sich auch zwei Restaurants angesiedelt haben. Dort erkundige ich mich nach dem Weg und kaufe frisch gebackenes Ciabatta, welches vor mir auf dem Tresen liegt. 

      Durch staubige Straßen mit mehreren Zugängen zum Fluss gelange ich schließlich ans Ende des Weges mit einem Schild zum Strand, welches bestätigt, dass ich richtig bin. Jetzt geht es bergauf über Felsen und Geröll und als ich oben ankomme, tut sich vor mir eine Flussbiegung auf, unter Bäumen sind kleine bunte Zelte zu sehen, ein paar Menschen tummeln sich im Wasser und Pferde grasen am Ufer – das erfüllt alle Erwartungen! Ich klettere nach unten, suche mir einen Platz im feinen Sand und dann ab ins Wasser. Ich schaue um mich, umgeben von Bergen, außer Natur und lachende Menschen nichts zu hören – was ein bezaubernder unberührter Ort.

      Als ich zurückkomme, ist es schon dunkel, ich esse mit Axel zu abend und treffe mich danach mit Emma und José in einem der schönen Hinterhöfe. Emma wird irgendwann müde, also ziehe ich mit José weiter in eine Cervecería und er testet vier Sorten Bier. Wir unterhalten uns so gut, dass ich erst um halbfünf im Bett liege. Der Haken an der Sache ist nur, dass ich morgen früh mit Alex aufstehen muss, da er übers Wochenende wandern geht. Was solls, meine letzte Nacht hier muss ich doch voll auskosten.

      Nach drei Stunden Schlaf setze ich mich also in einen Starbucks, genieße den Kaffee, die Musik und nutze das wlan. Spontan treffe ich mich nochmal mit José und so vergeht der Tag recht schnell, bevor ich am Nachmittag den Nachtbus zurück nach Buenos Aires nehme.

      México hat sich übrigens erledigt, haben einen geeigneteren Kandidaten gefunden. Manche Dinge sollen einfach nicht sein. Und selbst ausgesucht hatte ich die Stelle ja auch nicht. Mein Weg liegt woanders.

      Salta und Cafayate

      06 – 09 Januar 2017

      Nach zwei Nächten im Bus und einem verregneten Tag in Resistencia im Shoppingcenter, kommen wir am Freitag morgen ziemlich müde in Salta an.

      Regen in Resistencia – Shoppingcenter!

      Ich will meinen Schwestern zeigen, welche tollen Erfahrungen man über Couchsurfing haben kann. Schon beim Anblick des Hauses beschleicht mich jedoch ein seltsames Gefühl, sieht runtergekommener aus als die Nachbarhäuser. Ein Mann, Mitte 30, längeres dunkles Haar, öffnet uns die Tür. Wir treten ein und ich frage mich direkt, ob hier überhaupt jemand wohnt. Wird hier gerade noch renoviert?Bruchbude! Die Fenster in unserem Zimmer sind mit Zeitungspapier abgedunkelt, am Boden fehlen einige Holzdielen, die Küche sieht aus wie eine Werkstatt und die Dusche erfüllt gerade so ihren Zweck. Aber Hauptsache der Traumfänger hängt, braucht man hier wohl auch. Wir duschen, machen Smalltalk bei Zigarettenqualm und gehen erst mal in die Stadt was essen zur Lagebesprechung. Wir finden das einzige vegane Restaurant der Stadt, bestellen drei verschiedene Gerichte, Smoothies und dann noch Maracuja-Käsekuchen – ein Traum!

      Da schlägt mein Veganerherz höher!

      In der Bruchbude bleiben wir nicht, das steht fest. Auf dem Weg zurück buchen wir uns also in ein Hostel ein, was ganz anständig aussieht und ich übernehme die Aufgabe, unserem Gastgeber zu erklären, dass wir nicht bleiben. Nicht ganz angenehm, das Gespräch, das kann ich euch sagen. Ich versuche so ehrlich wie möglich zu sein – auch eine Sache, die ich lerne beim Reisen: noch klarer formulieren, was man eigentlich sagen will, keine faulen Kompromisse mehr eingehen. Negative Situationen nicht ohne Not aushalten. Er hat nichts einzuwenden, was soll er auch sagen, und weg sind wir.
      Obwohl es anfängt zu regnen, nötigt Ellen uns, den Aussichtspunkt mit über 1040 Stufen zu besteigen. Hinterher bin ich ihr dankbar, denn die Aussicht ist gar nicht schlecht und die Bewegung tut auch gut. Außerdem haben sich die Warnungen, wie heiß es hier im Norden sein soll, nicht bestätigt.

      ‚Sarah, jetzt lach mal‘

      Zurück im Hostel treffen wir in der Küche auf eine Gruppe Franzosen (ältere Semester) – sechs Freunde, die zwanzig Tage zusammen wandern. Wir werden gefragt, woher wir uns kennen. „We are sisters.“ Ungläubige Blicke: „…from three different fathers?“ Ich muss laut lachen. Ja, immer wieder lustig, welche Reaktionen wir bekommen. So kommen wir ins Gespräch und werden eingeladen, mit ihnen auf der Dachterrasse zu essen, worauf Anne schon seit einer Stunde spekuliert, da sie deren Gulasch probieren möchte. Während des gemeinsamen Essens begleitet von Rotwein, finden wir heraus, dass einer der Männer sein Geld mit Gänsestopfleber verdient; der nächste ist Milchbauer. Er verteidigt sich vor mir mit dem Zusatz, dass alles bio ist. Und schon sind wir mitten in der vegan-soja-regenwald-gesunde ernährung-naturschutz-diskussion. Hier noch ganz angenehm, da nie zu ernsthaft und im richtigen Moment ein Witz gerissen wird, denn manchmal kann ich die Kommentare echt nicht mehr hören. Ich verabschiede mich ins Bett mit den Worten ‚ich hab recht! Bonne nuit!‘ und schaue in lachende Gesichter.

      Ellen hat schon vor ein paar Tagen betont, dass sie in den drei Wochen gerne möglichst viel sehen will und keine Zeit zu vertrödeln ist, was ich nachvollziehen kann. Bedeutet eben, dass man etwas schneller und teurer reisen und manchmal auch die Touristenangebote annehmen muss, die mir eigentlich zuwider sind. Mein Budget für diesen Monat wird also höher ausfallen als die Monate zuvor, aber die Zeit in Bolivien und Peru wird das hoffentlich wieder ausgleichen, da soll es nämlich endlich günstiger sein.

      Wir folgen also Ellens Wunsch und machen am Samstag eine Tour im Minivan mit zehn weiteren Touristen von Salta Richtung Norden über Humahuaca, durch die sieben bunten Berge (ohne Zwerge) hin zu den Salinas grandes, eine der großen Salzwüsten hier in Südamerika. Unser Tourguide und gleichzeitig Fahrer scheint in seinem früheren Leben Rennfahrer gewesen zu sein, denn er brettert gekonnt durch die Landschaft und wir überholen im Laufe des Tages alle anderen Vans, die ebenfalls auf Touritour sind. 

      Wie geahnt, sitzen wir die meiste Zeit im Van, halten aber an allen wichtigen Punkten mal länger mal kürzer, schießen lustige Fotos in der Salzwüste, kommen bis auf über 4000 Meter und essen in einem kleinen Dorf zu Mittag. Anne und Ellen bestellen Lamafleisch, was ich gar nicht befürworte. Als ich um mich schaue, bin ich beim Blick auf die Teller ziemlich frustriert, da fast alle nur das Fleisch essen und die Kartoffeln kaum anrühren – das wird ewig dauern bis sich hier etwas ändert, wo steuert unsere Welt nur hin…

      Mit leichten Kreuzschmerzen betrete ich am späten Nachmittag wieder die Straßen Saltas. Wir laufen zum Markt, kaufen Zutaten für Salat, den ich zubereiten werde und decken uns mit Obst ein. Der Besitzer des Hostels versucht uns zu überreden, auf der Terrasse mit den anderen Wein zu trinken, aber wir sind heute lieber Partymuffel und bleiben im Bett. Die Party auf dem Dach entgeht uns aber dennoch nicht, da unser Zimmer zum Innenhof geht und uns die Musik bei voller Lautstärke bis 4:30 beschallt, ganz zu schweigen von Knutschspielen und Gelächter. Wir haben einfach ein schlechtes Händchen, was die Nächte angeht.
      Dementsprechend unausgeschlafen stehen wir am Sonntag früh auf, trösten uns aber mit der Vorfreude auf das Hotel kommende Nacht, das wir in Cafayate reserviert haben. Die Fahrt dorthin führt uns fast vier Stunden durch ein beeindruckendes Felsenmeer.

      Boah, Cafayate ist heiß! Meine Schwestern zücken direkt ihren Hut, um sich vor der brennenden Sonne zu schützen. Nach zehn Minuten durch die staubigen Straßen erreichen wir das Hotel, was endlich unsere Erwartungen erfüllt: Pool, Jacuzzi auf dem Dach mit toller Aussicht über die Weinreben, Zimmer sind sauber und groß, frisch duftende Handtücher, geräumige Regendusche. Yes! Wir schmeißen uns direkt aufs Doppelbett. 

      Wer nach Cafayate kommt, sollte Wein mögen, denn hier gibt es mindestens zwanzig verschiedene Weingüter, wo man meist unangemeldet auf eine kurze Weinprobe vorbeischauen kann. Genau das haben wir heute vor, wollen aber vorher noch Empanadas probieren – alles dicht – Siesta. Also gibts erst mal nur Eis und dann direkt zum Weingut. Wir bekommen eine kurze Führung und vier Weine, die so lala sind. Aber macht Spaß und mit leichtem Schwips holen wir uns auf der Straße frisch geröstetes Panini, kühlen uns im Pool ab und steuern am Abend nochmal den berühmten Empanada-Laden an. Pünktlich, wie sich das für Deutsche gehört, sind wir kurz nach acht da, aber die Tür ist immernoch zu. Also trinken wir ein Bier am Marktplatz und danach ist endlich geöffnet. Anne und Ellen bestellen ein paar Variationen – ohne Käse und ohne Fleisch? Keine Chance! Scheiß drauf, ich probiere trotzdem eine mit Gemüse und etwas Ziegenkäse. Ellen meint, eigentlich sind Empanadas wie eingerollte Pizza; Fans sind wir irgendwie alle drei nicht.

      Weinprobe bei Bodega Nanni

      Frisches Panini und Empanadas

      Im Hotel legen wir uns zu dritt ins Doppelbett – fühlt sich ein bisschen an wie damals in Mama und Papas Bett zu liegen, wenn diese ausgegangen waren – und schauen einen Film auf dem einzigen englischen Sender hier. Wir schlafen hervorragend in frischen Leinen auf hervorragenden Matratzen.
      Das Frühstück, welch Überraschung, bietet fünf verschiedene Variationen von Weißbrot: weißer und dunkler Toast, Croisants, Blätterteig, aufgebackenes Brot und süße Bällchen – und da soll man noch in Form bleiben. Bevor wir am Abend Cafayate verlassen, genießen wir den Pool und die Hängematten.

      Heute trennen wir uns für fünf Tage, da Anne und Ellen nach Bariloche fliegen, um die Gegend da unten noch zu erleben. Da ich schon dort war, nehme ich den Nachtbus nach Cordoba. Am 15. treffen wir uns in Uruguay wieder, bissl Strand bevor der Urlaub für die beiden zuende geht.

      Der Tag der Entscheidung rückt näher: Mexiko ja oder nein, im Juni nach hause oder länger reisen? Die Liste wollt ihr gar nicht sehen, macht mich wahnsinnig, dieses hin und her im Kopf. Aber dann vertraue ich darauf, Ende Januar einfach zu spüren, was richtig für mich ist. Nicht soviel nachdenken…was soll schon passieren…

      Mir fehlt die gemeinsame Zeit mit Freunden besonders. Sich beim Reisen immer wieder verabschieden müssen und neu beginnen ist hart und kräftezehrend.

      Puerto Iguazu

      01 – 04 Januar 2017

      Nach der durchgefeierten Nacht verschlafen wir den halben Neujahrstag, machen uns gemütlich startklar und setzen uns dann am Abend in den Nachtbus nach Puerto Iguazu, da die Wasserfälle an der Grenze zu Brasilien auf der Liste meiner Schwestern stehen. Das Essen in den Bussen besteht übrigens aus Weißmehl und Zucker in verschiedensten Formen.

      Als wir am nächsten Tag gegen Mittag aus dem Bus steigen, schlägt uns die schwüle Hitze wie eine Wand entgegen . Das Hostel ist praktischerweise nahe am Bahnhof, bietet aber so einige Überraschungen: kein Frühstück und die Küche darf man auch nicht benutzen -für mich ein Unding, mini Zimmer, aber es gibt einen Pool, der die hohen Temperaturen zumindest etwas erträglicher macht; der Besitzer ist für meinen Geschmack etwas zu freundlich. Den Rest des Tages erkunden wir den Ort, der auf mich wie eine verlassene Geisterstadt wirkt und schauen uns den Sonnenuntergang am Fluss an.

      Ellen möchte das Abendessen im Hostel testen – ich passe, denn fühle mich heute irgendwie schwach und mein Magen spielt mal wieder verrückt. Das Essen ist enttäuschend, die Qualität mager und der einzige Pluspunkt ergibt sich daraus, dass alle gemeinsam an einem großen Tisch essen.
      Am Dienstag stehen die Wasserfälle auf dem Programm und ich muss zugeben, sehr beeindruckend! 

      Wir sind auf der argentinischen Seite und ich komme mir vor wie in einem Erlebnispark: fängt beim Drehkreuz am Eingang an, dann gibts eine Karte, wo welcher Wasserfall zu finden ist, die sich Ellen gleich schnappt, denn sie liebt es zu wissen, wo wir uns gerade befinden; kommt Anne und mir grad recht und so lassen wir uns von Ellen führen. Eine Bahn bringt einen quer durch den Park, wenn man nicht alles laufen möchte und Picknickplätze, die von Coatis beherrscht werden, welche darauf lauern, essen zu stehlen. Es ist heiß, wir schwitzen den ganzen Tag – da ist jede Erfrischung nahe der Wasserfälle in Form von Regenstaub willkommen. Nach so viel Wasser einigen wir uns darauf, die brasilianische Seite nicht auch noch sehen zu müssen.

      Zurück im Hostel vergnügen wir uns im Pool, ich breche den aktuellen Rekord auf ‚Free Willy‘ zu reiten und abends finden wir das perfekte Abendessen in einem kleinen Café: frische Smoothies, echte Salate und fritierte Maniok – ich bin seit langem mal wieder befriedigt!

      In Partylaune sind wir nicht, auch wenn das Hostelteam uns dazu überreden will. Ich frage mich dagegen, wo die ganzen Stiche an meinem Körper herkommen, denn bisher hab ich keine einzige Schnake gesehen. Anne entdeckt ihre Zuneigung zu einem kleinen Kater im Hostel, wir quatschen mit ein paar Gästen und gegen Mitternacht ist Schlafenszeit.

      Mittwoch: ich bin von Kopf bis Fuß komplett verstochen, sogar im Gesicht! Ellen schaut sich meine Stiche an und findet, dass die Muster eher wie Bettwanzen aussehen – mir wird schlecht, wie ekelhaft! Ein anderer Gast erzählt dann noch, dass er deswegen letzte Nacht woanders geschlafen hat. Alles klar! Wir checken heute sowieso aus, aber jetzt kann es gar nicht schnell genug gehen. Anne flüstert mir noch zu: „ich bin froh, dass du und nicht Ellen so gebissen worden bist, die wär durchgedreht!“ (Die beiden haben nicht einen einzigen Biss) Da hat sie wohl recht, denn Ellen schiebt so schon nen Film, will zuhause alles direkt in den Keller bringen und nur im Bikini in die Wohnung gehen, damit ihre Wohnung sauber bleibt – grins – das würde ich gerne sehen!

      Wir fahren zum Animal refugio außerhalb des Ortes, wo allerlei Arten untergebracht sind. Sinn der Anlage ist es, die Tiere wenn möglich wieder frei zu lassen. Die Tour, die wir bekommen, ist informativ, hier wird nachhaltig gedacht und die Quote exotische Tiere zu sehen, wird auch erfüllt. Rundum tolle Sache, gefällt uns.

      Animal refugio
      Dann kühlen wir uns nochmal kurz im Pool ab, werden den Schweiß los und weil es so gut war, essen wir nochmal im selben Café wie gestern.

      Danach geht es mit dem ersten Nachtbus nach Resistencia, wo wir den Tag verbringen, nur um in der nächsten Nacht nach Salta im Nordwesten zu kommen.

      Schön, die beiden hier bei mir zu haben: Familie, Vertrautes, kann mich entspannen, wir haben viel Zeit uns auszutauschen, über unser Leben zu philosophieren, wo die Reise hingehen soll – die beiden verstehen mich, da sie ähnliche Gedanken und Fragen haben.

      Buenos Aires

      24 Dezember 2016 – 02 Januar 2017

      Luis ist Ende zwanzig, aus der Dominikanischen Republik, lebt und arbeitet seit fast sechs Jahren in Buenos Aires und wohnt in Palermo, einem der schönsten Viertel hier mit den angesagstesten Restaurants, Bars und Clubs. Er hat keine Familie in der Stadt und so haben wir uns auf Couchsurfing gefunden um Weihnachten zusammen zu verbringen – seltsame Vorstellung, aber ich gehe der neuen Erfahrung neugierig entgegen. Am Nachmittag des Heiligabend holt Luis mich vom Flughafen ab. Die Hitze des berüchtigten Sommers in Buenos Aires hat ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Mit dem Bus fahren wir zu seiner Wohnung und mir fällt direkt sein starker amerikanischer Akzent auf, wenn er Englisch spricht.

      Luis wohnt im sechsten Stock einer Einzimmerwohnung und sein einziges Möbelstück ist ein schöner Echtholzschreibtisch, scheint als wäre er hier nur auf der Durchreise. Wir werden heute abend zu einem Couchsurfing Weihnachtsessen gehen, jeder bringt was zu essen mit. Vor ein paar Tagen hatte ich Luis eine Einkaufsliste geschickt, worauf er noch ganz süß gefragt hat, welche Art von Tomaten er kaufen soll. Ich bereite Couscoussalat vor und gegen zehn treffen wir bei unserer Gastgeberin ein und verbringen einen Abend unter Menschen aus aller Welt, von denen ich hier nur die nenne, die später auch noch eine Rolle spielen: Aurora aus Costa Rica, Ramin aus dem Iran, der seine Tasche mit den Worten „no, it’s not a bomb“ auf den Tisch stellt und Matias aus San Martin de los Andes.

      Unten links: Matias, Aurora und Luis. Ramin oben ganz rechts

      Für den ersten Weihnachtsfeiertag schlägt Aurora vor, sich in San Telmo zu verabreden. Mit am Start sind letztendlich noch Ramin und Luis und zu viert machen wir einen langen Spaziergang durch San Telmo, am Hafen entlang und durch die Innenstadt. Die Jungs zeigen uns die Stadt, wir haben anregende Gespräche über Argentinien, Südamerika und überhaupt die politische Situation in der Welt. 

      Zurück in San Telmo finden wir einen Tisch in einem Restaurant mit Tangoshow. Ronaldo stößt noch zu uns und mit lecker Eiscreme in einer der unzähligen Eisdielen geht ein entspannter harmonischer Tag mit Menschen zuende, die ich jetzt schon lieb gewonnen habe.

      Food and Tango

      Den Montag starte ich mit Aurora im berühmten Friedhof im Recoleta Viertel und treffen uns danach mit einer Freundin von ihr um im Park Mate zu trinken: „der Mate-Tee ist ein Aufgussgetränk aus den klein geschnittenen trockenen Blättern des Mate-Strauchs“ (danke wikipedia) und vor allem in Argentinien, Uruguay und Südbrasilien verbreitet. Meine erste Assoziation war grüner Tee. Bisher hab ich nicht einen einzigen Argentinier getroffen, der gar keinen Mate trinkt und viele gehen ohne ihre Thermoskanne und Tee gar nicht aus dem Haus. Das Ganze hat etwas sehr Geselliges, denn man lässt den Becher herumgehen, teilt das Getränk und verbringt so Zeit zusammen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, dass die Menschen hier wesentlich nahbarer und geselliger sind. So berühren sie sich mehr, die Männer sind aufmerksamer, was vornehme Gesten gegenüber Frauen angeht und ich hab das Gefühl, dass man sich hier mehr hilft, egal ob man sich kennt oder nicht.

      Sonnenuntergang auf der Dachterrasse, danach zeigt uns Luis Palermo – das Viertel ist wirklich wunderschön: überall sind die Bars und Restaurants geschmückt mit Lichterketten, die Inneneinrichtungen sind geschmackvoll und kreativ, es gibt schicke Hinterhöfe und überall gute Musik. Hier kann man von einer guten Bar in die nächste fallen. Wir schlendern durch die Straßen und setzen uns irgendwann zum Essen, erzählen uns Geschichten aus unserem Leben, vergangenen Beziehungen und ich bin mal wieder erstaunt, wieviel Rassismus vor allem Aurora schon begegnet ist. Ich genieße die Gesellschaft der beiden und bin dankbar hier sein zu dürfen.

      Luis ist übrigens unglaublich aufmerksam, tut, was er kann, damit ich mich wohl fühle und verbringt jede freie Minute mit mir. Ich wünsche ihm, dass sein Vorhaben in den USA einen Job zu finden, schnell Wirklichkeit wird.

      Auch die nächsten beiden Tage verbringe ich mit Aurora: 

      • Walking tour durch San Telmo und danach fahren wir auf Anraten von mehreren Seiten mit dem Taxi ins megatouristische Viertel La Boca, da es zu Fuß zu gefährlich ist. Einmal dort, sollte man sich nur in den belebten Straßen bewegen. Das ist aber auch der einzige Ort in Buenos Aires, den ich als gefährlich erlebe. Zurück im Zentrum laufen wir nach hause um noch mehr von der Stadt zu sehen.

      • Ich hab nen Friseurtermin bei Luis Nachbar – das war bitter nötig – dann kurz frischmachen und auf in die Temple Bar, auf die ich durch die heraustönende Musik aufmerksam werde und die uns dann überrascht mit einem begrünten Hinterhof, Lichterketten und Blick in den Sternenhimmel. Wir schreiben Luis an, er soll doch dazukommen und zu dritt landen wir im Kika-Club. Ich hab mich noch nie von allen Seiten so angeschaut gefühlt! Alle fünf Minuten hängt irgendein Typ an uns dran. Ich lerne, dass hier auch gleich mal schnell geknutscht wird und viel zu bedeuten hat das nicht. Wir tanzen, lachen und genießen, uns so begehrt zu fühlen. Als wir wieder ins Freie treten, höre ich Vogelgezwitscher.

      • Mit lange Schlafen ist nix heute, denn wir nehmen den Zug nach Tigre, ein beliebtes Tagesausflugsziel für Porteños, die Einwohner von Buenos Aires. In den zwei Stunden Fahrt lerne ich Aurora noch besser kennen und entdecke so einige Parallelen zwischen uns: andauernd auf Reisen, toppt mich aber um einiges und hat auch schon in Italien oder der Schweiz gelebt, Interesse am Fremden, hat bisher noch keinen Mann getroffen, der ihre Neugier auf mehr langfristig erhalten hätte. Sie ist unabhängig, intelligent, auf der Suche nach Neuem, nach Veränderung, Ende dreißig, keine Kinder, nicht mehr verheiratet, weiß auch nicht so recht, wo ihr Weg hinführt, hat ein spannendes Leben, viel zu erzählen, plant nicht gern. Ich finde sie zuckersüß und schließe sie spätestens heute ganz fest in mein Herz.

      • Wir bummeln durch die Handwerksmärkte, essen auf Stufen am Fluss unser selbstgemachtes Lunch und als wir zurück in Buenos Aires sind, ist gerade genug Zeit zum Umziehen, da wir mit Luis, Ramin und Matias beim besten Libanesen der Stadt, Sarkis, verabredet sind, um Aurora zu verabschieden, da sie morgen abreist. Nach dem leckeren Essen führt uns Ramin in eine ‚Secret Bar‘: es gibt weder ein Schild noch sonst ein Zeichen, einfach nur eine schwarze Metalltür und eine Klingel, hab sowas schon mal in Montreal gesehen. Moderne Möbel treffen auf altes Mauerwerk, gedimmtes Licht, ewig hohe Decken, viel Raum. Wir bestellen Cocktails und meiner haut mich fast um nach dem Wein zum Essen. Sehr gut, aber jetzt zu stark. Zudem bin ich hundemüde. Ich gebe meinen Cocktail ab an die Jungs und kann die Augen kaum aufhalten. Es muss fast zwei gewesen sein als wir uns von Ramin und Matias verabschieden, denn hier trifft man sich frühestens um neun zum Essen. Mit Luis und Aurora schlendere ich heimwärts und Aurora wirkt so gar nicht müde – ich ahne, wohin das führt, denn Luis scheint auch nicht abgeneigt: zehn Minuten später stehen wir im Kika-Club. Es ist Auroras letzte Nacht hier, ich muss morgen nicht arbeiten, also rein ins Getümmel; meinen toten Punkt hab ich auch bald überwunden. Wesentlich jüngeres Puplikum, ich hab aber trotzdem kaum eine Minute für mich. Mit Sonnenaufgang verlassen Aurora und ich den Club mit neuen Telefonnummern und Auroras neuem Knutschrekord, Luis hat sich schon vorher mit einer Schweizerin verkrümelt. Von da an nennt Luis mich nur noch party animal.

          Nach vier Stunden Schlaf muss ich raus, da heute meine Schwestern Anne und Ellen ankommen und für drei Wochen mit mir durch Argentinien reisen werden. Noch immer im Sparmodus hab ich ein sehr günstiges Zimmer über Airbnb gebucht, was sich später als Katastrophe herausstellen wird. Wir treffen uns am Busbahnhof und gehen quasi direkt zur ersten walking tour um den Nachmittag zu nutzen. Die ist aber ziemlich enttäuschend, da der Typ total nuschelt und man nur die Hälfte versteht, also seilen wir uns ab Richtung San Telmo und für die Mädels gibts das erste argentinische Eis.

          Müüüüde!

          Nach einer Nacht in einem stickigen Raum mit einer Tür, die man nicht wirklich schließen kann und welche in eine Art Patio führt, die auch von der Familie genutzt wird, Kakerlaken, dem Opa, der uns ganz witzig mit Hitlergruß begrüßt, ja ernsthaft und total lustig für uns, einem verstopften Klo, das Ellen als Pölpelmeisterin outet (die Schulung dazu gibts übrigens auf youtube und Anne und ich fragen uns unter Tränen, wie man auf die Idee kommt, sich sowas überhaupt anzuschauen – war aber sehr sehr hilfreich!) – wenn unser Onkel Günter das sehen könnte, der würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und versteht sowieso nicht, warum wir uns nicht mehr Luxus gönnen. „Mensch, ihr habt doch Geld, seid keine zwanzig mehr.“ Ja, wir ziehen um in ein Hotel, was übrigens zu dritt gar nicht viel teurer ist.

          Nachdem wir uns in unserer neuen Basis eingerichtet haben, fahren ich mit den beiden nochmal zum Friedhof und wir machen die Walking tour, die richtig interessant ist und man erfährt einiges über die Geschichte Argentiniens.

          Da ich schon die ganze Zeit von Palermo schwärme, habe ich uns für abends mit Luis verabredet: wir gehen in einen weltberühmten Burgerladen (nein, ich esse immernoch kein Fleisch, muss mich aber manchmal damit anfreunden, dass Käse im Rezept ist). Danach Folkloremusik und wir beenden den Abend in der Templebar, obwohl wir schon ziemich kaputt sind – also kein Club mehr heute, außerdem ist morgen Silvester, da wirds sicher spät.

          Silvester: die Party heute abend ist über Couchsurfing organisiert – hier in Buenos Aires ist das übrigens schon seit bestimmt zehn Jahren eine große Community, auf die nicht nur Touristen zugreifen, im Gegenteil! Wir verbringen den Tag mit der Organisation der nächsten Tage, ruhen uns aus und kaufen eine dreizehn Kilo schwere Wassermelone, unser Beitrag für das Buffet heute abend. 

          ‚Ich habe eine Wassermelone getragen‘

          Um neun treffen wir Ramin und laufen gemeinsam zum Gastgeber. Es ist die heißeste Nacht seit langem und ziemlich nass treten wir ein in eine bezaubernde Wohnung mit alten Dielenböden, hohen Decken, offener Küche und Terrasse. Mehr und mehr Gäste aus aller Welt trudeln ein, auch Luis, und wir sind begeistert vom Buffet, das so bunt und megalecker ist! Wir trinken, essen, schauen Feuerwerk, quatschen und tanzen bis drei Uhr morgens. 

          Dann beginnt eine kleine Odyssee über Palermo, wo die Straßen voll von jungen feiernden betrunkenen Menschen sind. Erst warten wir ewig auf den Bus Richtung Palermo, dort steigen wir mit Luis aus, treffen uns mit Matias und einer Freundin, Luis holt mehr Bier von zuhause, das er letztendlich alleine trinkt, weil wir schon genug haben und nach einer endlosen Suche nach einem freien Taxi steigt Matias mit uns in einen Bus, der uns in die Nähe unseres Hotels bringt und wir nur noch acht Blocks zu laufen haben. Matias erweist sich als echter Gentleman, ist selbst todmüde und fährt ein ganzes Stück mit uns, weg von seiner Wohnung. Dass meine Schwestern von ihm begeistert sind, war mir schon vorher klar und Ellen fühlt sich wieder einmal bestätigt in der Theorie, dass alle guten Männer schon vergeben sind. Ich füge hinzu: oder schon wieder geschieden. 7:30 Sonntag morgen sind wir im Hotel. Ihr kennt das Gefühl, nach so einer Nacht frisch geduscht ins Bett zu steigen? Traumhaft! Feliz año nuevo!

          7 lagos: Bariloche, La Angostura, San Martin de los Andes

          17 -24 Dezember 2016

          In der Beschreibung steht veganes Frühstück und vegetarisches Dinner, was mich natürlich neugierig macht und ich mir ein Bett in diesem Hostel gesichert habe. Müde von der Reise im Nachtbus teile ich mir mit einem anderen Backpacker ein Taxi – wir sind gerade echt zu kaputt vier Kilomenter zu laufen oder abzuchecken wie und wann die Busse fahren. Wir steigen die steilen Stufen zum Eingang hinauf. Ein Typ mit Fukohila-Frisur öffnet uns die Tür, rechts geht es gleich über in einen gemütlichen Wohnbereich mit großem Esstisch, Sofas und einer Fensterfront, wirkt auf mich wie eine Art Wintergarten. Mein Taxifreund fragt nach einem freien Bett, aber alles voll. Ich will einchecken und dann heißt es auf einmal „eh, we gave your bed to someone else“. Na toll, fängt ja gut an! Dazu sagen muss ich, dass ich meine Reservierung telefonisch geändert habe (‚yes sure, no problem. Just come on Saturday‘). Jezt kann ich auf einmal nur eine Nacht anstatt vier bleiben und das Bett ist auch noch teurer. Da ich meine Pläne eh geändert hab, ist die eine Nacht ok und auf die zwei Euro mehr kommts jetzt auch nicht an. Das Viererzimmer ist winzig und das Mädel, das ich dort antreffe, hat sich auch noch voll ausgebreitet. Eine Nacht, Sarah…Alle finden das Hostel totaaal toll, alles hipster und so, aber ich spürs nicht. Mittlerweile brauch ich nicht mal zwei Minuten um die Schwingung in einem Hostel wahrzunehmen und zu wissen, ob ich mich hier gut fühlen werde. Ich stelle mein Zeug ab, gehe wieder runter ins Wohnzimmer und logge mich im wifi ein (übrigens eins der Hauptkriterien heutzutage). Muss mich noch um ein Fahrrad kümmern, da ich eine Tour machen will entlang der Ruta 40 durch sieben Seen, von der alle schwärmen. Das Angebot, das ich bisher habe, erscheint mir aber zu teuer. An der Rezeption verweist man mich nur an die gleichen Leute. Da ich heute eh nichts mehr geregelt bekomme, skype ich mit Meike und Diana und lande mal wieder bei dem Thema, wie mein Leben aussehen soll. Weiter hinten im Raum sitzt ein blonder Mann mit Bart am Laptop und ich hab das Gefühl, dass er zuhört und mich versteht, da er ab und zu schmunzelt und zustimmend nickt: Carsten aus Hanover. Er hat seinen Bankjob gekündigt, war zwölf Jahre in einer Beziehung und fährt seit drei Monaten mit dem Fahrrad durch Südamerika. Fünfundzwanzig bis dreißig Kilo (mit Essen) hat er dabei. Den europäischen Sommer hat er bei Freunden im Surfhostel in Portugal verbracht und dort ausgeholfen. Nach der Reise wird er wieder nach Portugal gehen und kann dort auch im Hostel mit einsteigen und die Finanzen übernehmen, ganz zu schweigen davon, dass er dort das Meer vor der Tür hat und jeden Tag surfen kann. 

          Carsten hat eine erfrischende Art und vor allem ein ansteckendes Lachen. Er versichert mir, dass ich morgen in La Angostura (mein nächstes Ziel) ganz sicher ein Fahrrad für weniger Geld finde. Er zeigt mir den nächsten Supermarkt, ich bereite mein Abendessen zu und teste dann mit Carsten das Bier in den Kneipen in unserer Straße. Nach dem Frühstück am nächsten Tag führt er mich durch Bariloche, die Weihnachtsdeko ist übrigens ziemlich traurig, wir sitzen auf einer windgeschützten Parkbank in der Sonne, trinken Kaffee und chillen im Hostel. 

          Bariloche – bekannt im ganzen Land für Schokolade

          Carsten genießt es mal wieder auf deutsch tiefgründigere Gespräche führen zu können. Er ist ein wirklich guter Zuhörer und für mich einer dieser Menschen, die so klar wirken, eine konkrete Vorstellung davon haben, was sie wollen und wie sie das praktisch umsetzen. Gleichzeitig zeigen mir diese Menschen immer auf, was mir fehlt und wie ich sie um diese Klarheit beneide.

          Am späten Nachmittag ist es Zeit für mich zu gehen; ich füge Carsten als facebook Freund hinzu, ein gemeinsames Foto, eine Umarmung und los zum Busbahnhof. Dort warte ich ungeduldig über eine Stunde auf den Bus, denn es herrscht schreckliche Depristimmung. In La Angostura holt mich Carlos ab, bei dem ich eine Nacht schlafen werde. Im Auto wartet sein Freund und dessen zwei Couchsurfer. Wir fahren zu seinem Freund, der etwas außerhalb am Waldrand in einem stilvoll eingerichtetem Haus lebt und werden verwöhnt mit hausgemachter Pizza und gutem Rotwein. Irgendwann greift der Gastgeber zur Gitarre und gegen zwei Uhr morgens fallen mir fast die Augen zu.

          Als ich am nächsten Tag in den Ort laufe, um mir ein Fahrrad zu mieten, ist es schon fast Mittag, aber ich werde fündig: anstatt meinen großen Rucksack an meinen Zielort bringen zu lassen, miete ich einen Anhänger dazu. Ich bin skeptisch, ob das zusätzliche Gewicht die ohnehin anspruchsvolle Strecke nicht zu schwer macht, doch der Besitzer des Fahrradverleihs meint, das wäre halb so wild. Außerdem schauen wir uns die Strecke auf der Karte an und er zeigt mir, wo ich übernachten kann. Damit ihr eine Vorstellung über mein Vorhaben bekommt, hier mal ein paar Eckdaten: 110km in zwei Tagen, Übernachtung auf einem Campingplatz auf halbem Weg (Zelt hab ich keins, aber eine Nacht geht angeblich auch ohne), die Strecke ist asphaltiert, geht nonstop auf und ab und bietet traumhafte Landschaften inmitten von sieben Seen, die der Gegend ihren Namen geben.

          Ich esse noch mit Carlos zu mittag und relativ überraschend kommen wir auf meine Wünsche und Ziele im Leben zu sprechen. Ist nicht ganz einfach für mich, das ganze auch noch auf Spanisch auszudrücken und ich bin etwas frustriert wieder zu spüren, dass ich nicht weiß, wohin mein Weg konkret führen soll. Carlos hört jedoch sehr aufmerksam zu und scheint angetan. Jetzt ist es fast ein wenig schade, dass ich schon aufbrechen muss, aber wenn ich jetzt nicht losfahre, wird es dunkel bevor ich ankomme. Ich drücke Carlos und schwinge mich aufs Rad, begleitet von gemischten Gefühlen: Respekt vor der Strecke, anstrengende hundertzehn Kilometer- warum mach ich das eigentlich?

          Die Gegend wirkt teilweise wie gemalt, wirklich wunderschön. Relativ schnell merke ich, dass der Anhänger mit Rucksack sehr wohl einen riesen Unterschied macht. Es geht scheinbar ewig stetig bergauf. Aber ich bin fit, meine Beine muskulös, du kannst das, Sarah. In den ersten dreißig Kilometern mache ich kurze Pausen um Fotos zu machen. Wenn es bergab geht, denke ich allerdings schon wieder an den nächsten Anstieg. 

          Dann fängt mein Knie leicht an zu zwicken. Ich lege eine Essenspause ein und fange an zu rechnen: zwanzig Kilometer, zwei Stunden noch, dann wird es auch bald dunkel werden. Bis zum Campingplatz in der Mitte muss ich kommen. Als ich wieder aufs Rad steige, ist der Schmerz direkt wieder da. Ich erinnere mich an das Ende meiner letzten Tour. Außerdem kann ich kaum sitzen, der Sattel tut weh. Mit jedem Kilometer sticht der Schmerz heftiger und mich verlässt nach und nach die Zuversicht, die ganze Strecke zu schaffen. – Warum machst du das? Wem willst du was beweisen? Scheiß Anhänger, allein der wiegt sicher fünf Kilo. So kannst du morgen niemals weiterfahren. Aber mit dem ganzen Zeug kann dich auch nicht jeder mitnehmen, ganz davon abgesehen, dass kaum Verkehr ist. – Während ich mich Meter um Meter den Berg hochkämpfe, meine körperliche Erschöpfung spüre und der Schmerz langsam unerträglich wird, schießen mir Tränen in die Augen und wie ein kleines Mädchen, das nicht heulen will, wimmere ich vor mich hin. Hier ist nichts, nur Natur, ab und zu mal ein Auto, absolute Stille der Natur. Ich halte an, stütze meinen Kopf auf meine Hände am Lenker und fange laut an zu heulen, schreie, kann nicht mehr…….so stehe ich da, mutterseelenallein und heule einfach nur alles hinaus. Zum ersten Mal in dieser ganzen Zeit habe ich eine starke Sehnsucht nach zuhause, möchte von meinen Freunden in den Arm genommen werden. Ich vermisse meine vertrauten Menschen, bin an meinem persönlichen Tiefpunkt. 

          Was jetzt? Fragt mich nicht wie, aber total fertig komme ich am Schild zum Campingplatz, der nochmal vier Kilometer waldeinwärts liegt, an. Option 1: auf dem Camping schlafen und mir den Arsch abfrieren, von wegen eine Nacht geht – die Sonne ist schon weg und es ist kalt. Option 2: Hotel – hab eins gesehen in der Nähe, bestimmt arschteuer. Option 3: jemanden finden, der mich nach San Martin de los Andes fährt. Ein älterer Mann im Kombi hält an und fragt, ob er helfen kann. Nachdem ich ihm meine Situation geschildert habe, fragt er, ob ich verrückt bin: ganz allein, 110km, ohne Zelt, was ich mir gedacht habe. Ich muss mich zusammenreißen, könnte grad wieder losheulen. „Hör zu, ich warte, bis mein Sohn und Enkel von ihrer Tour zurück sind, dann schaue ich, ob du noch da bist.“ Über eine Stunde stehe ich in der Kälte, bewegungs- und handlungsunfähig, halte den Daumen raus, wenn ich einen Van oder Pickup sehe, aber keiner hält an, es wird immer dunkler. Es ist fast halbzehn als der Mann zurückkommt, das Rad aufs Dach schnallt, mich mit all meinen Sachen einpackt und fragt: „Wo willst du hin?“ Als wir gegen halb11 in San Martin ankommen, ist es stockdunkel. Mein Couchsurfer Leonel empfängt mich ganz spontan eine Nacht früher, ich bekomme was Warmes zu essen, nehme eine heiße Dusche und falle völlig erschöpft ins Bett.

          Am Dienstag gebe ich das Fahrrad ab, koche für Leonel, laufe durch den Ort, es fängt an zu regnen und treffe mich über Couchsurfing zuerst mit Xavier, auch ein Reisender, auf ein Bier. Er ist aus Frankreich, hat seinen Bürojob vor zwei Jahren gekündigt und betreibt jetzt einen Fahrradverleih am Atlantik. Abends besuche ich Pablo, bei dem ich auch hätte schlafen können und wir machen zusammen Pizza. 

          Ich fühle mich nicht gut. Die Tage vergehen und ich habe keine überragenden Erlebnisse, kann es kaum abwarten am 24. nach Buenos Aires zu kommen. Das kalte und regnerische Wetter hier ist auch nicht hilfreich; ich brauche wieder Wärme und Leute um mich, mit denen ich mich verbunden fühle, hab gerade die Schnauze voll von Bergen und Seen. An meinem letzten Tag bei Leonel machen wir noch einen Spaziergang zum Aussichtspunkt des Ortes und abends läd er Freunde ein, es gibt mal wieder Pizza und wir spielen Karten und das Rollenspiel Werwolf, was ich dank meiner Schüler schon kenne und mich außerdem etwas ablenkt.

          Donnerstag früh treffe ich mich in einem kleinen aber feinen Café mit Xavier. Wir sitzen auf den Holzbänken und ich genieße die Sonne im Gesicht. Heute trampen wir zurück Richtung Bariloche und ich bekomme die ganze Strecke bei Tageslicht zu sehen.

          Wir lassen uns auf halbem Weg absetzen um uns zwei Seen genauer anzuschauen. Das Trampen läuft problemlos und bevor wir uns in Bariloche verabschieden, trinken wir noch ein letztes gemeinsames Bier.

          Gegen sechs Uhr abends komme ich bei Nahuel an. Ein wahrer Sonnenschein öffnet mir die Tür. Sein Haus hat positive Energie und ich fühle mich sofort total wohl. Bei einem Kaffee nähern wir uns einander an, verdammt strahlend blaue Augen hat er! Nahuel ist Anfang vierzig, Single, Guide für Berge und Ski, hat einen Sohn und ein großes gutes Herz.

          Am Abend nimmt er mich mit zu seinem Freund Fabian, der in einem urigen Haus am See wohnt. Dort treffen wir neben ihm auf seine zwei Söhne und einen weiteren Freund. Wir kochen und essen gemeinsam, trinken Wein und Fabians charmant verrückte Art erinnert mich an meine Freundin Helga: wie er durch Papierstapel blättert, mir Zitate aus Büchern zeigt, ein Auge für Kleinigkeiten hat und der Satz ‚das macht man so‘ für ihn sicher ein Fremdwort ist.

          Als wir alle schon ziemlich beschwipst sind, dreht er die Musik auf, macht das Licht aus, gibt jedem eine Sonnenbrille und bei Diskolicht aus einer Taschenlampe tanzen wir in seinem Wohnzimmer. Ich hab ein Lachen im Gesicht. Schön, dass es solche Menschen gibt – Fabian ist einfach er selbst, ganz ohne auferlegte Regeln so vollkommen anders als die Norm und dadurch herrlich erfrischend.
          Zurück zuhause nimmt mich Nahuel feste in den Arm, was unglaublich gut tut. Ich fühl mich momentan ganz verletzlich und er geht sehr sensibel damit um.

          Nach dem Kaffee am nächsten Morgen gehe ich joggen und Nahuel muss einkaufen. Morgen führt er eine reiche amerikanische Familie durch die Berge und dann gibts ein fancy Picknick. Später kochen wir gemeinsam und erzählen uns dabei von unserer letzten Beziehung und wie diese unser Leben verändert hat.

          Am Abend erlebe ich ein kleines Abenteuer mit ihm: wir fahren zum nahegelegenen See, legen uns ins Gras und trinken ein Bier während wir in die sich neigende Sonne schauen. Dort treffen wir auf einen seiner Freunde, fahren an ein anderes Ufer, wo sie ein altes Schlauchboot zu Wasser lassen und ich mit vier Jungs über den See brettere. Meine Versuche trocken zu bleiben, gebe ich schnell auf, da ich nach zehn Minuten komplett durchnässt bin und mit schwindender Sonne wird mir immer kälter, was ich gar nicht mehr lustig finde. Nahuel schaut mich mit prüfendem Blick an und als ich dann das Wasser im Boot und die schelmischen Jungs ansehe, muss ich doch schon wieder lachen. Wir halten an einer Stelle, wo die letzten Sonnenstrahlen das Ufer erreichen, zwei der Jungs flacken sich ins Gras und wir teilen uns ein Bier. Mir gefällt die Zufriedenheit der Jungs mit so einfachen Dingen. Ich zittere am ganzen Körper und wir machen uns endlich auf den Rückweg.

          Zuhause beschert mir Nahuel dann den perfekten Abend: während ich heiß dusche, kocht er Gemüsesuppe. Diese und der Rotwein wärmen mich von innen, im Rücken die Heizung, könnte ich mich gerade nicht wohler fühlen. Wir leeren die Flasche und legen uns schlafen.

          Das Universum schickt uns genau die Menschen, um die wir bitten, die uns etwas lehren, die uns helfen zu heilen.

          Mit einem tiefen Blick in die Augen und einer festen Umarmung muss ich mich am Morgen des Heiligabend von Nahuel verabschieden. Ich trampe zum Busbahnhof und nehme dort den Bus zum Flughafen, denn heute fliege ich nach Buenos Aires.