Curitiba

16 – 21 Nov 2016

Gleich mal vorneweg: ich bin verliebt! Diese Stadt umspielt mich vom ersten Moment mit ihrem Charme: viel grün, viel Platz, tolle Parkanlagen, überall einladende Restaurants, hippe Cafés und Bars. Es ist sauber! Breite Straßen, wenig Hochhäuser – erinnert mich an Montreal.

Mit dem ersten Schritt im Hostel fühle ich mich sofort wie zuhause- habe selten eines gesehen, das so stilvoll und doch gemütlich eingerichtet ist. Jeder Raum des Altbaus ist in einer anderen Farbe gestrichen und bringt den Stuck an den Decken noch besser zur Geltung. Stilvolle Möbel, gesellige große Küche, Sofaecke, herzliches Personal – hier passt einfach alles. Carol ist eine von den Mitarbeitern und ich fühle mich ihr sofort total nah. Sie arbeitet mal hier, mal da im Hostel, mal auf dem Schiff. Manchmal scheint sie genauso durch den Wind zu sein wie ich. Sexy Frau! Leider habe ich es verpasst bewusst ein Bild von ihr zu machen.

Nach dem check-in begebe ich mich auf den ersten Spaziergang durch die Altstadt und das Staunen geht weiter: sehe hier mehr Hybrid-Autos als in Mannheim, sehr gut organisierte Infrastruktur, die Stadt legt Wert auf Umwelt, Ästhetik und Kultur – irgendwo habe ich gelesen, dass Curitiba die fortschrittlichste Stadt in ganz Brasilien ist, was Umweltbewusstsein angeht- genau mein Ding- wird mir immer sympathischer! Während ich durch die Straßen laufe, habe ich immer wieder flashbacks von meiner Zeit in Montreal – verblüffend, wie ähnlich ich die beiden Städte empfinde. Am Ende lande ich in einem Shoppingcenter – ich brauche wenigstens zwei neue Shirts, kann meine immergleichen Sachen nicht mehr sehen. Überall beginnt außerdem die Weinachtsdeko – seltsam bei dem Wetter.

Historical part of Curitiba

Am Freitag ist Sightseeing angesagt und ich nutze den Touribus, der hier täglich von morgens bis abends seine Runden dreht. So besuche ich den Aussichtsturm, den Botanischen Garten, die Markthalle und den Deutschen Wald. Je mehr man in den Süden von Brasilien kommt, desto mehr findet man Gegenden mit europäischem Einschlag aufgrund der Einwanderung damals, und so eben auch deutsche Wurzeln. Ich genieße die Fahrt im Bus, da man so schon einiges zu sehen bekommt und dafür gar nicht überall aussteigen muss.

Torre panorámico
Mercado municipal

Jardim Botánico

Curitiba unterscheidet sich ganz klar von dem Brasilien, das ich bisher gesehen habe.
Abends gehe ich im Parque Barigui um den See laufen: es gibt drei Spuren für Fußgänger, Läufer und Radfahrer – ich bin begeistert! Ein ungewohnter angenehmer Duft liegt in der Luft… frisch gemähtes Gras- im Norden gab’s nur Sand und Staub.

Der Supermarkt um die Ecke ist ein Traum – alles, was das Herz begehrt. Ich verweile mich mindestens eine halbe Stunde dort. Zurück im Hostel komme ich ins Gespräch mit den brasilianischen Gästen und Mitarbeitern. Alle sind unglaublich nett – viel Liebe und Menschlichkeit.
Beatric, 39, kommt aus Rio, arbeitet gerade als Lehrerin hier und wirkt zunächst sehr ernsthaft, aber offen und sympathisch. Im Club ein paar Tage später lässt sie die Tanzmaus in sich raus. Sie ist auf der Suche nach einer kleineren sichereren Stadt zum Leben. Aus Rio erzählt sie mir eine gefährliche Geschichte nach der anderen; sie würde niemandem empfehlen dort zu leben: andauernd Schießereien inmitten der Stadt, bei denen immer wieder Unbeteiligte verletzt oder getötet werden. Jetzt nach den Spielen ist der Zustand wie erwartet wesentlich schlimmer als zuvor.

Am Samstag nehme ich den Zug nach Morretes: ein kleiner postkartentauglicher Ort und allein die Zugfahrt dorthin ist berühmt, da sie durch viele Berge und Täler führt. Nach vier Stunden in der Bummelbahn erreichen wir Morretes. Der Ort ist wirklich winzig und mir wird schnell klar, dass die Menschen hierher strömen um sich in idyllischer Umgebung mit gutem Essen zu verwöhnen. 

Das Restaurant ‚Embargo da Largo‘ gehört zu den besten im Ort und liegt direkt am Wasser. Zur Straße hin haben sie eine Art Kiosk und werben mit Bodebrown Bier, was meine Aufmerksamkeit weckt, denn es wird in Curitiba gebraut und schmeckt nach mehr als nur Wasser (Jetzt wähle ich die Restaurants schon nach Bier oder Wein). Da ich mich nicht gleich für eine Sorte entscheiden kann, komme ich mit dem Besitzer Luis ins Gespräch, der aussieht wie Keanu Reeves. Nach einer Weile gesellt sich noch José aus Kolumbien zu uns und mit frisch gebackenem Maisbrot, welches mir Luis anbietet, unterhalten wir uns über Land und Leute. Am Ende bleibe ich den ganzen Nachmittag, werde zum Essen eingeladen – Luis scheint mir einen schönen Nachmittag bereiten zu wollen, da ich erzählt habe, dass es nicht einfach ist alleine. Um vier nehme ich den Bus zurück, der gerade mal eine Stunde benötigt.

Zurück zuhause treffe ich Bia in der Küche an als sie gerade durch ein Heft mit kulturellen Angeboten und Events für Curitiba blättert – sie hat Lust heute abend auszugehen. Ich schließe mich an und da sie schon auf dem Sprung ist, treffen wir uns etwas später am Praça de España. Der Platz ist umgeben von Bars und Restaurants und ein bedeutender Teil des Nachtlebens hier. Dieses Wochenende treffen wir außerdem auf ein Food Festival mit Livemusik- viele weiße Pavillons, in denen lokale Bierbrauereien ihre hochprozentigen Produkte vorstellen. Wir probieren ein paar Sorten, teilen uns einen Wrap und fahren zur Bossa Bar, die bekannt ist für Musik aus Rio de Janeiro- die meisten Lieder kenne ich nicht, aber die Band macht Stimmung und Bia kann die Texte alle auswendig.

Auch wenn alle von Florianopolis schwärmen, entscheide ich mindestens einen Tag länger hier zu bleiben – das ist meine Stadt.

Für den Sonntag hab ich mir Teil zwei der Sehenswürdigkeiten vorgenommen:

  • Feira do Largo: der zweitgrößte Sonntagsmarkt in Brasilien
  • Oskar Niemeyer Museum
  • Opera de Arame

Der Markt ist eine Mischung aus Obst und Gemüsehändlern, Flohmarkt mit sowohl antiken Möbeln, alten Radios als auch Kleidung, Schmuck und Dekoartikeln, traditionellem Essen für auf die Hand, Süskram und Straßenmusik.

Am Museum angekommen bestaune ich zunächst das Gebäude an sich, welches ebenfalls ein Kunstwerk von Niemeyer ist. 

Ich höre Musik, umrunde das Riesenauge und finde eine Wiese, auf der hunderte Menschen entspannt im Gras liegen und den Sonntag genießen – bunt gemischt, mit Hunden und Kindern, Bühne mit Band, davor drei verschiedene Foodtrucks – Curitiba ist so cool! Ich pfeife aufs Museum, hole mir ein Bier, setze mich ins Gras, schließe die Augen und strecke mein Gesicht in die Sonne…

Bevor ich den letzten Stop auf meiner Liste für heute ansteuere, hole ich mir noch einen veganen Buger mit Pilzen. Die Veganer hier tun mir leid und ich könnte hier wirklich ein Vermögen verdienen- will mich ja nicht selber loben, aber meine Kreationen sind eine andere Dimension. Aber einen Versuch wars mal wieder wert. und trotz traurigem veganen Burger: Curitiba ist eine wunderschöne Stadt!

Opera de Arame

Den Abend verbringe ich mit Bia, Jessé und dem Rest der Truppe im Hostel und ich lerne immer mehr portugiesisch- das war nicht Teil des Plans. Ich spüre, wie wohl ich mich hier fühle – hier lebt so viel von all dem, was mir wichtig ist.
Meinen letzten Tag hier beginne ich wie jeden Morgen mit einem Lauf im Park – das fehlt mir in den letzten Monaten, laufen hilft mir beim Verarbeiten.

Parque Barigui

Ich frühstücke gemütlich und bummle dann durch ein paar Straßen, in denen sich wieder ein interessanter Laden an den nächsten reiht und beende meinen Spaziergang mit Eis am Praça de España auf der Parkbank im Sonnenschein.

Immer wieder finden wir uns in Situationen, in denen wir eigentlich gar nicht sein wollen. Manche halten nur ein paar Minuten an, andere dauern Wochen, Monate oder sogar Jahre. Dein Bauch schreit nein. Du willst weg, bist wie ferngesteuert, verschwunden ist der Glanz in deinen Augen, verlierst dich in den Erwartungen anderer. Warum tun wir uns das an? Sind wir so geprägt von dem, was uns Sicherheit verspricht, von Vernunft, von Anstand, so fern von unserem Gefühl? Du denkst, mit dir stimmt was nicht, sagst dir, das wird schon wieder, die anderen bekommen es doch auch hin. Und du hast doch alles, führst ein erfolgreiches Leben- was fehlt dir denn? Wenn du willst, kommst du mit dieser Lüge durch bis an dein Lebensende. Oder du hörst auf deinen Bauch, wagst den Schritt ohne Kalkulation, ohne Begründung, ohne Rechtfertigung. Einfach weil du fühlst, weil du du bist.

Abends empfiehlt mir Carol eine Jazzbar. ich ziehe mich um und will noch schnell mein Essen für die Fahrt morgen richten. Jessé, der immer zum Scherzen aufgelegt ist, gesellt sich zu mir und sieht verdammt traurig aus. Was ist los? Nach einigem Zögern erzählt er, dass er einen dieser Tage hat, in denen alles etwas dunkel aussieht: er ist Schauspieler und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, dann ist er unglücklich verliebt, mit der Familie scheint auch etwas zu sein. Ich verstehe nicht jedes Wort, bin aber fast überrascht, dass ich doch schon so gut kommunizieren kann. Carol und ich sind uns einig: den einen, der uns glücklich macht, gibt es nicht.

Bia konmt nach hause, voll bepackt mit Tüten vom Supermarkt und will brasilianisch kochen. Die Jazzbar hake ich ab – das hier sieht nach mehr Spaß aus und ich genieße das Zusammensein mit herzlichen Menschen. Bia verteilt Aufgaben, ich lerne Obst- und Gemüsenamen, wir quatschen, lachen, essen, und lassen den Abend in der Chillecke ausklingen. Fühlt sich ein bißchen wie Familie an und morgen früh gehen zu müssen, ist kein schöner Gedanke. 

Während dem Essen kommt Ana nach Hause. Viel weiß ich gar nicht von ihr, da wir erst relativ spät wirklich zu reden begonnen haben. In ihrem Lachen und dem Blitzen in den Augen steckt allerdings etwas, das sie mir sofort sympatisch macht.

Ana aus Brasilia
Oben: Fabi, Ana, Carol, Jessé

Curitiba hat mich tief berührt und einen Platz in meinem Herzen.

Ein Gedanke zu “Curitiba”

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