Montreal, Canada – my room, my job, my bike

17 April – 18 Mai 2017

Wie erwartet tauchen Erinnerungen vor meinem inneren Auge auf, als ich durch die Busfenster auf die Stadt blicke. Kurzer Rückblick hierzu: mein Exfreund lebt hier und hat mich letztes Jahr dazu bewegt, ein Visum zu beantragen, welches mir nach nicht mal sechs Wochen bestätigt wurde. Als der Druck jedoch wuchs und ich endlich auf mein Herz anstatt auf rationale Argumente hörte, blies ich alles ab, ging durch eine Phase, in der er meine Entscheidung nicht akzeptierte und das ganze bis zu emotionaler Erpressung ausartete. Nun stand ich vor der Wahl entweder mein beantragtes freies Jahr zu canceln oder zu reisen wie ich es schon immer geträumt hatte – nicht mal eine Woche nach einem vorersten letzten Telefonat mit ihm buchte ich meinen Flug nach Rio de Janeiro – ich musste raus aus all den Verpflichtungen, der Verantwortung, dem Leben, das oft von sollen anstatt wollen bestimmt war.

Ich betrete Boden in Montreal, laufe Richtung Hostel, in dem ich zwei Nächte reserviert habe und fühle mich beobachtet: jeden Moment könnten wir uns zufällig begegnen. Vorgewarnt habe ich ihn über mein Kommen bereits, dem Zufall überlassen wollte ich das nicht; ein Treffen steht also bevor.

Mein Hostel wirkt sauber und gut organisiert, Küche top. Auf der Treppe begegne ich den Blicken eines jungen Mannes und weiß sofort, wir kommen später ins Gespräch. In meinem Zimmer lerne ich Benny aus Deutschland kennen, der mich sehr aufgeschlossen begrüßt. Er ist gerade auf der Suche nach einem günstigen Auto und plant einen Roadtrip durch Kanada mit Gelegenheitsjobs zwischendurch. Er lädt mich direkt ein abends mit ein paar Leuten Indoorminigolf spielen zu gehen, nach ein paar Runden Billiard machen wir uns auf den Weg und wer ist mit am Start? der Typ von der Treppe: wir fangen direkt auf Spanisch an zu quatschen, was ich genieße, denn mein Herz vermisst den Süden jetzt schon. Angelo kommt aus Italien, lebt in Holland und ist gerade beruflich für ein paar Tage hier. Ausdrucksstarke Augen hat er und hört aufmerksam zu. Da wir beide keine große Lust auf Minigolf haben und die Unterhaltung viel spannender ist, seilen wir uns ab und nach einer kleinen Portion Poutine führt Angelo mich in die Bar „L’escalier“: es geht eine steile Treppe nach oben hinein in die Bar, getaucht in gedämftes Licht, ich höre Folkloremusik, viele kleine Holztische und Stühle eng beieinander, in einer Ecke sitzen ein paar Musiker mit Geige, Gitarre, Klavier und mehr. Das Prinzip: jeder kann mitspielen, man wechselt sich ab, es wird improvisiert und man geht mit der Stimmung. Wir bestellen Wein, Brot mit Hummus und Pesto und suchen uns einen Tisch im Getümmel – gefällt mir hier!

Gegen vier Uhr morgens falle ich ins Bett. Am nächsten Tag gehe ich joggen und besuche am Abend einen deutschen Stammtisch, die alte Dame, die mich über Couchsurfing dazu eingeladen hat, bietet mir ein Zimmer in ihrem Haus in Le Plateau für unschlagbare 300 kanadische Dollar pro Monat an. Preislich verlockend, aber mein Gefühl sagt mir, ich brauche jüngere Gesellschaft. Danach treffe ich mich mit Angelo, wir schauen uns eine Jazzband an, die in einer Bar spielt, Benny ist auch da. Die Nacht wird wieder kurz, am nächsten Tag checken wir beide aus. Für mich gehts am Abend zu Couchsurfern, Angelo fliegt zurück nach Holland. Die Stunden bis zu seiner Abreise verbringen wir gemeinsam und wollen in den bekannten Coffeeshop Myriade, doch meine Aufmerksamkeit fällt auf den Laden daneben, wo man Matchatee trinken kann. Da Angelo noch nie davon gehört hat, gehen wir rein und verbringen so ein schönes Stündchen mit dem Besitzer und zwei seiner Freundinnen, die mit Wasserfarben hantieren, bei Matchatee und -gebäck. 

Danach hat Angelo Lust auf Crepe; wir unterhalten uns über Energien, Ziele und Wünsche im Leben, alternative Medizin und mehr. Er sagt, er spürt meine wohltuende Energie, besonders wenn ich ihn mit meinen Händen berühre und hat diese gestern bewusst auf seinen Bauch gelegt, wo er Probleme hat. Ich wette, das gefällt meiner Esther, wenn sie das liest. 

Ich ziehe um zu Benjamin und Brigitte in NDG (Notre Dame de Grace), das Viertel kenne ich bereits nur zu gut, steige an derselben Metrostation aus wie damals, fühle mich wieder beobachtet, vermute hinter jeder Ecke Eric. Wie oft bin ich diese Wege schon mit ihm gelaufen – Präsenz der Vergangenheit.

Benjamin öffnet mir mit einem strahlenden Lächeln die Tür, begrüßt mich ganz französich mit drei Küssen auf die Wangen, sein Funkeln in den Augen fällt mir sofort auf und ist bis heute immer wieder besonders. Seine Freundin Brigitte ist noch bei der Arbeit, er ist gerade am Kochen. ich lege ab, geselle mich zu ihm in die offene Küche und  bekomme direkt etwas zu essen angeboten: Hummus mit Pitabrot und frische Tomaten. Fühlt sich an als wäre ich bei alten Freunden zu Besuch. Benjamin ernährt sich fast ausschließlich vegan, seine Freundin liebt Käse und Fisch. Was mich sehr amüsiert und ich gleichzeitig sehr inspirierend finde: die beiden kochen ihr Essen für die Woche getrennt voneinander, auch im Kühlschrank gibt es getrennte Bereiche, am Wochenende schwingt er den Kochlöffel für beide und testet hier und da neue Rezepte. Er führt mich durch die Wohnung, welche stilvoll eingerichtet ist. Er ist unglaublich kreativ, begeistert bin ich vor allem von einem alten Holzkühlschrank, den er umfunktioniert hat zum Weinregal; dessen Inhalt ist ausschließlich Brigitte vorbehalten, da er keinen Alkohol trinkt.

Mit Charlie verstehe ich mich sofort 

Spontan schaue ich mir abends um acht noch ein Zimmer an: als ich aus der Metrostation St Henri auf die Straße des gleichnamigen Viertels trete und in Richtung Wohnung laufe, überkommt mich ohne ersichtlichen Grund direkt ein gutes Gefühl; Ishelle öfnet mir die Tür, sie vermietet ihr Zimmer für drei Monate und hilft außerhalb der Stadt bei einem Projekt um Bäume zu pflanzen. Meine Mitbewohnerin wäre Aishah, sie ist selbst erst vor zwei Monaten aus Toronto hergezogen, auf der Suche nach was neuem, ich mag sie direkt. Für mich passt das hier – am nächsten Tag bekomme ich die Nachricht, dass sie allen anderen abgesagt haben und das Zimmer ist mein.

Jobsuche läuft schleppend, da mein Französisch gerade total blockiert ist – ich mache den Mund auf und Spanisch kommt raus, bekomme den Schalter nicht umgelegt. Werde mich die Tage in Westmount, dem anglophonen Viertel umschauen. Stress hab ich keinen, denn das Zimmer ist richtig günstig.

Dann ist es soweit und ich treffe mich mit Eric, bin weniger aufgeregt als erwartet, fühle mich emotional gefestigt. Als er vor mir steht, freue ich mich ihn zu sehen. Ich erzähle von meiner Reise, Entwicklungen in meiner Familie, er von seiner – so tasten wir uns aneinander ran und sprechen am Ende über uns, wie die Dinge gelaufen sind – ganz neu für mich: der Druck ist weg! keine Erwartungen, ich kann ihm ohne Hemmung sagen, was ich über uns denke; er wirkt stabil und gefestigt. Später koche ich für uns – seltsames Gefühl.

Das Wochenende verbringe ich mit Benjamin und Brigitte, frühstücken gemeinsam, spazieren durch Westmount, abends sind die beiden bei dem Paar Clementine und Laure eingeladen und bringen mich mit: zwei französische Mädels, die vor ein paar Monaten wie ich mit Visum nach Montreal kamen und bei Ben und Brigitte über Couchsurfing gelandet sind. Die Einladung ist gleichzeitig ein Dankeschön an die beiden.

Spaziergang durch Westmount 
Laure, Clementine und Benjamin

Ich bekomme meinen Schlüssel zur Wohnung und treffe mich wieder mit Eric – irgendwie irre so mit ihm durch die Straßen zu laufen, aber wir sprechen uns aus, ich versuche so klar wie möglich zu sein, kämpfe immernoch mit der Umstellung hier. Er wirkt entspannt, nicht mehr so traurig, seine Gefühle zu mir sind unverändert. Am Ende schenkt er mir sein erstes großes Lächeln.

Manchmal wünschte ich, ich hätte diese eine Person, zu der ich mich hingezogen fühle und nichts lieber möchte als mit diesem Menschen zusammen zu sein. würde meinem Leben eine Richtung geben, es wäre eine Entscheidung, vieles würde sich fügen.

Nach ein paar Tagen Rumrennerei und drei Optionen entscheide ich mich für den Job in einem Restaurant in Westmount.
Benjamin und Brigitte sind echt zum Knutschen: so positiv, so gut, so rein. Ben ist unglaublich witzig, hat andauernd einen Scherz auf Lager, die Gespräche mit den beiden sind inspirierend, ihre Neugier für Unbekanntes ist erfrischend. Er hilft mir wo er kann, beide haben übrigens kein Handy, finde ich beeindruckend. Macht Spaß mit den beiden und Brigitte trinkt genauso gerne wie ich.

Rückblick: Auf meiner Reise durch Thailand vor ein paar Jahren lernte ich Kirsten aus Montreal kennen und während meiner Besuche hier trafen wir uns regelmäßig. Im August bin ich nun auf ihre Hochzeit eingeladen. Über Freunde von ihr komme ich an mein Fahrrad hier, welches ich schon nach der Testfahrt gern hab – Liste komplett: my room, my job, my bike.

In den folgenden Wochen arbeite ich viel, nach der ersten Schicht meint Tyrone, einer der Chefs, gleich: „Sarah, tomorrow you’re wearing a skirt!“ Alles klar Boss. Mit jedem Tag lerne ich mehr über das Essen und die Weine. Ironischerweise serviere ich als Veganer hauptsächlich Fleisch und Fisch: Filet mignon, gegrillter Oktopus, Shrimp, Tartar, Burger. ja, Salate gibts auch. Das Klientel gehoben, reich, und mit Ausnahmen sehr freundlich und gesprächig. Fast täglich werde ich auf meinen Akzent angesprochen und die top 3 der Rateliste ist Südafrika, Australien, Europa. auf Deutschland kommt nur, wer die Sprache wirklich kennt.

Bistro on the avenue

Ich unternehme ein paar Dinge mit Eric: junge Designermesse, Flohmarkt, Restaurants, Secret Bar Cloakroom. Mit jedem Treffen wird für ihn klarer, dass ich nicht wegen ihm hier bin. Er sagt, es macht ihn manchmal traurig, dass ich hier jetzt das lebe, was er mit mir geplant hat, aber er freut sich, dass ich hier bin – verstehe ihn vollkommen. Es tut gut, jemanden um mich zu haben, der mir vertraut ist und es ist schön zu sehen, dass es ihm gut geht. Er lacht mehr als ich das von ihm gewohnt bin.

handgemachte Skateboards, Flohmarkt, Cloakroom bar

Mit meiner Mitbewohnerin Aishah, 26, verstehe ich mich blendend und fühle mich gut mit ihr in der Wohnung. So verbringen wir einige Abende gemeinsam mit tiefsinnigen Gesprächen bei gutem Essen und Wein. Wir teilen alle Lebensmittel und kochen so, dass für beide genug da ist. Ich bin für sie Ansporn, veganer zu kochen und das kann sie richtig gut. Ihre Eltern sind aus Jamaika, was ihrem Essen einen karibischen Touch verleiht. Sie liebt meine hausgemachten Cookies, obwohl sie gar nicht so aus Süßes steht. 

Mein Gemütszustand: mit jeder Woche, die vergeht, fühle ich mich einsamer, sehne mich nach Nähe, Umarmung, Berührung – nach Gefühl. Das Leben hier erinnert mich an Deutschland: viel Routine, unendlich viele Regeln und Normen (40$ für bei rot über die Ampel laufen, da wird einem das Denken abgewöhnt), alles sauber und ordentlich. schöne Cafes und Bars, viele kulturelle Events und Parties – aber mit wem mach ich das alles?

Ich vermisse Felix mit seiner leichten lebensbejahenden Art, seine Stimme, seine starke Schulter, wie er mir das Gefühl gibt, völlig frei zu sein. Nach wie vor sind wir in Kontakt. Ich denke zurück an schöne Momente mit ihren besonderen Menschen auf meiner Reise: Brasilien, Buenos Aires, Pisco Elqui. Mein Herz will zurück in den Süden.

Was berührt dich? Wonach sehnst du dich? Wovon träumst du? Was tut dir gut? Wohin soll der Weg gehen? Ist das wichtig? Wo gehörst du hin?

2 Gedanken zu „Montreal, Canada – my room, my job, my bike“

  1. Hi liebe Sarah, bin bewegt, seit längerem mal wieder was von dir zu lesen. Im Moment geht dein Blog ja nur bis Mitte Mai, da fehlt mir halt schon ein bissl was zum Aktuellen. Aber das soll dich nicht unter Druck setzen, ich bin einfach nur neugierig und freue mich, von dir zu lesen und schöne Bilder zu sehen.
    Sei dir gewiss, dass ich (und Vera natürlich auch) immer mal wieder nach dir schauen und an dich denken! Alles Gute und ganz liebe Grüße von Rainer (Strandpapa)

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