Nova Scotia – Alles im Wandel

08 September – 09 Oktober 2017

365 Tage – vor genau einem Jahr begann meine Reise in ferne unbekannte Welten und vor allem zu mir selbst. Nicht eine Sekunde habe ich bereut, losgezogen zu sein. Jede Begegnung hat mich bereichert, jedes Hoch mit Freude, Staunen und Liebe erfüllt, jedes Tief weitere Facetten meines Inneren offenbart. „Das wird das Jahr deines Lebens, worauf du immer zurückblicken können wirst.“ meinte vor meiner Abreise eine Freundin. Ein Jahr – ich hab das Gefühl, es geht gerade erst richtig los.

Back in Nova Scotia! Um ein Uhr nachts lande ich in Halifax, Robyn empfängt mich nervös am Ausgang, sichtlich aufgeregt. Bei ihr zuhause angekommen stoßen wir mit einem Glas Wein an und reden ewig.

Auftakt-Wochenende: Robyn hat in Canning an der Bay of Fundy ein romantisches Cottage gebucht, welches wir am frühen Nachmittag erreichen und ich bin begeistert von der Einrichtung: weiß, blumig, luftig, sommerlich. wir legen ab und gehen gleich schwimmen, da gerade Flut ist – die Differenz der Gezeiten ist übrigens nirgendo auf der Welt größer als hier! Danach sonnen im Garten in Adirondack chairs bei Rotwein, ich koche am Abend.

Cottage in Canning
Spaziergang bei Ebbe

Nach einem gemütlichen Samstagvormittag fahren wir zum Weingut Luckett, was mit seinen Weinreben Erinnerungen an die Heimat weckt. Mittendrin befindet sich eine Telefonzelle, von der man kostenlos einen Anruf innerhalb Nordamerikas tätigen kann. Auf dem Weg dorthin halten wir bei einem der beeindruckensten Antikläden, der sich über drei Stockwerke in einem alten Haus erstreckt mit knarzenden Holztreppen, tiefen Zimmerdecken und nachgebenden Dielenböden.

Weingut Luckett

Ganz offensichtlich trifft sich hier die gehobene weiße Schicht. Wir machen eine kurze Weinprobe, wählen zwei Flaschen für den Abend und zurück am Cottage ist das Wasser hoch genug um eine Runde zu schwimmen. Neben dem Haupthaus befindet sich ein alleinstehendes kleines Zimmer mit viel Glas, durchflutet von später Nachmittagssonne und bietet so den perfekten Ort um den Sonnenuntergang zu genießen, denn wenn es draußen abkühlt, ist es hier noch angenehm warm.

waiting for the sunset

Für den Abend sind wir bei Robyn’s Freundinnen Mary und Minti eingeladen, welche nur ein paar Häuser weiter wohnen: sympathisches Paar, sie lernen sich kennen als Mary schon 29 war und erkennt, dass sie eigentlich viel mehr auf Frauen steht.

Auch den Sonntag lassen wir langsam angehen und verbringen den Nachmittag bei einer Spendenveranstaltung für die hiesige Bibliothek mit Häppchen, Wein, Musik, Lesung. Später bekomme ich eine Führung durch das Haus einer befreundeten Architektin, die mich darin bestärkt, Neues zu wagen. Dinner wieder bei Mary und Minti, die sich als Electro DJane outet und ein paar gute alte Platten auflegt. Lis, bei der wir schlafen, kommt zum gemeinsamen Essen. Sie schlägt vor am nächsten Morgen eine Stunde zu wandern, also klingelt uns der Wecker um 5:30 aus den Betten und wir laufen in den Sonnenaufgang – tut gut, entspannt und macht den Kopf frei. Nach dem Frühstück muss Lis los zur Arbeit, wir räumen auf, packen zusammen, ziehen die Tür hinter uns zu und machen uns auf den Heimweg zurück nach Dartmouth – ein wunderschönes Wochenende neigt sich dem Ende.

Wanderung in den Sonnenaufgang

Während Robyn am Montag zurück bei der Arbeit ist, versuche ich zu fühlen, was gerade in mir vorgeht: wie schon in unseren ersten gemeinsamen Tagen fühle ich mich entspannt, spüre wie bedeutend unsere Begegnung ist, sie macht mir keinen Druck und genießt selbst jeden Moment mit mir. Sie zeigt sich einfühlsam und aufmerksam, ich lerne mit ihr neue Seiten an mir kennen. Sie weckt meine kreative Seite, lässt mich die Welt aus neuen Perspektiven betrachten.

Die Anziehung ist unvergänglicher als bisherige Erfahrungen, ich betrete hier Neuland und frage mich, ob ich länger bleiben sollte um mehr Zeit zu haben, zu testen, wohin mich Robyn führt und um meinen Ideen zur Lebensgestaltung nachzugehen – und da wir schon beim Thema sind, hier ein paar Notizen zum Stichwort:

  • zurück nach Deutschland ist momentan so ziemlich die letzte Option – die festen Abläufe, die dort auf mich warten, sind mir zuwider. sehe nicht, wie ich dort zurecht kommen soll nach dem letzten Jahr mit all den Erfahrungen, die meinen Blick verändert haben.
  • gleichzeitig habe ich bisher nicht den Ort gefunden, der mich festhält
  • Der Schuljob in Sao Paulo ist zunächst noch im Gespräch und meine brasilianischen Freunde raten mir, anzunehmen, wozu es letztendlich aber nicht kommt. Also alles wieder offen
  • meine Idee für eine Bar/ veganes Café/ Restaurant/ Hostel wächst und fühlt sich aufregend an.

Zusammenleben mit Robyn: Ich bekomme eine Schublade, welche völlig ausreicht für meine wenigen Habseligkeiten. Den Rest versuche ich so diskret wie möglich zu halten in ihrem kleinen aber feinen Reich. Ohne große Absprachen teilen wir die Aufgaben im Haus. Noch nie habe ich so viel für eine Person gekocht, teste dabei neue Ideen und freue mich jeden Tag, wenn sie mir bestätigende Blicke schenkt und ein „mmmmh“ von sich lässt.

Ich gehe regelmäßig laufen, Robyn erfüllt ihre Stunden im Büro, arbeitet abgesehen davon zuhause und alle übrige Zeit verbringen wir gemeinsam auf verschiedenste Weise: Treffen zum Lunch unter der Woche, Einladung bei ihrer Freundin Olga zum Geburtstag mit anschließendem Spaziergang und Robyn führt mich später zu einem versteckten Aussichtspunkt. Ausgehen für Dessert und Wein, Filmfestival in Halifax, Schwimmen im Hallenbad, Pingpong Match oder einfach gemütliche Abende zuhause.

Lauf um die Seen Banook und Micmac
Olga’s Geburtstag (links). neben mir Robyn, Lynette, Emily
Aussicht von der Terrasse einer Freundin. Haus steht zum Verkauf, falls jemand Interesse hat – Natur pur!

versteckte Aussicht

Alle paar Tage besuchen wir ihre Mutter Janet, die bei Robyn’s Bruder und seiner Familie wohnt, fünfzehn Gehminuten entfernt. Ich genieße diese Momente in ihrer Familie im Schaukelstuhl auf der kleinen Terrasse im Garten. Der offene Umgang und das enge Verhältnis untereinander sind mir vertraut. Fern von meiner Familie sauge ich diese Atmosphäre regelrecht auf. Ich mag Janet mit ihrer unkonventionellen Art, sie hat etwas charmant freches an sich, was mich an Mama und Freundin Helga erinnert. Eines Tages als wir so plaudern, fragt sie mich: „und wann wusstest du, dass du Frauen magst?“ Ich muss lachen und antworte ganz ehrlich, Robyn ist die erste.

Mutter und Tochter

So verstreichen die Tage und ich lebe einfach in den Tag hinein. Immer mal wieder frage ich mich allerdings natürlich, wie ich die nächsten Monate gestalten will. Bevor ich hier ankam, war der Plan danach Mexiko zu bereisen. Ich bekomme Neuigkeiten aus Deutschland: eine meiner besten Freundinnen heiratet kurz vor Weihnachten! Ich weiß, dass ich zu ihren engsten Vertrauten gehöre und spüre, ich sollte dabei sein. Der Gedanke, all meine geliebten Menschen in die Arme nehmen zu können und die tiefen Bindungen zu genießen, erwärmt mein Herz. Außerdem spannend: reality check! Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nach ein paar Wochen wieder los will.

Mit jedem Tag, den ich hier länger verbringe, stellt sich ein Gefühl von zuhause sein ein. Das Wetter hier ist mit Ausnahmen überragend, die Natur überrascht mich mit all ihrer Schönheit und Angeboten: Wandern, Klettern, Schwimmen, Segeln, Kitesurfen, Wellenreiten – Berge und Wälder, endlose Küste mit unzähligen Stränden und Buchten, die Winter scheinen auch nicht so hart zu sein. Das habe ich so nicht erwartet und fühle mich wohl, umgeben vom Meer; auf der Straße begegnet man freundlichen Menschen, die einen grüßen und das Leben entspannter angehen.

Robyn führt mich weiter in ihren Freundeskreis ein, wobei ich gleichzeitig mehr und mehr von Nova Scotia kennenlerne:

  • Übernachtung bei Shannon und Denise am Oyster Pond. Neugierig nehme ich die zwei Persönlichkeiten und deren Zusammenspiel wahr. Denise holt uns in Dartmouth ab: sie trägt schwere Stiefel, tiefsitzende weite Jeans, Bomberjacke und Kappe über Kurzhaarschnitt, wirkt zunächst rau, kühl und unnahbar, was sich später aber entspannt. Shannon empfängt uns in ihrem Haus umgeben von viel Natur in Kleid und Keilabsatz-Schuhen und macht einen extrem weiblichen ersten Eindruck auf mich. Ihre Koch- und vor allem Backqualitäten sind überzeugend und wir verbringen einen Abend mit anregenden Gesprächen bei viel gutem Rotwein. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen begeben wir uns zum Clam Harbour Beach und wagen den Sprung in die kalten Wellen.
Clam Harbour Beach
  • Mit Robyn’s Bruder Willy hören wir uns ein Konzert von Dave’s Band an mit ausschließlich eigenen Songs – gute Musik!
  • Freundin Barbara lädt uns zum Abendessen ein. Vor achtzehn Monaten starb ihr Mann plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie erzählt viel von ihm, ihrer Bewältigung des Verlusts und von ihrer adoptierten Tochter, die als problematischer Teenager mit sechzehn auszog und jetzt mit einem Eingeborenen verheiratet ist und im Reservat lebt, was Barbara in eine völlig neue Welt geführt hat und heute ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter besser denn je. Hierzu liest sie uns eine berührende Kurzgeschichte vor, welche sie selbst verfasst hat. Barbara kann meine Abneigung, nach Deutschland zurückzukehren nachvollziehen. Sie selbst verließ England vor vielen Jahren und liebt die Vielfalt hier in Nova Scotia – so langsam habe ich eine Ahnung davon, wovon sie spricht.
  • noch eine kurze Anekdote zum Schmunzeln: auf dem Weg zu Barbara halten wir im Weinladen um eine Flasche mitzubringen. Der attraktive Herr, der uns berät, beginnt ganz dezent mit mir zu flirten. Auf die Frage, wie lange ich denn noch bleibe, funkt Robyn dazwischen: „this is my temporary girlfriend!“ Gleich mal klare Grenzen gesetzt. Mit meinem Segen stellt sie mich so bei einigen ihrer Bekannten vor.
  • Ausflug nach Lunenburg: ich schlage vor, Robyn’s Mum Janet mitzunehmen, da sie für mein Empfinden seit ihrem Umzug aus Vancouver hier viele einsame eintönige Tage verbringt. Ich bestehe also darauf, dass sie ihren Hintern schwingt und sieht, in welch schönem Teil der Welt sie jetzt lebt. Wir beginnen mit Lunch und Bier/ Cider im Restaurant Saltshaker mit Blick aufs Wasser. Da Janet etwas wackelig auf den Beinen ist, bestellt sie ihr zweites Bier und Robyn und ich machen uns auf zum Replikat des berühmten Schiff Bluenose (II), welches auch die kanadische 10cent-Münze prägt. Im Museumsshop albern wir ein wenig rum, bummeln durch die Gassen, werfen einen Blick in ein paar interessante Läden und sammeln dann Janet ein. Nach einer Verkostung in der Distillerie Ironworks fahren wir ins Fisherdorf Blue Rocks, wo uns eine traumhafte Küste erwartet.

Lunenburg

Blue Rocks

  • Es folgt ein kurzer Abstecher zum Golfclub, von wo man einen hervorragenden Blick auf Lunenburg mit seinen bunten Häuschen hat.

  • Auf dem Rückweg halten wir für Kaffee in Mahone Bay: anlässlich des jährlichen Scarecrow Festivals ist der Ort übersät mit Vogelscheuchen aller Art: von der Band Kiss über Donald Trump bis Wizard von Oz und Pokemon – nichts was es nicht gibt. Wir setzen Janet zuhause ab, sie bedankt sich mehrmals für den schönen Tag und verabschiedet sich wie immer mit den Worten „Peace and Love!“.


Mahone Bay: Scarecrow Festival

  • Wir begleiten Freundin Lynette zum Crystal Crescent Beach. Dort gibt es eine Felsformation, an der sie ihre bisherigen Kletterfortschritte testen möchte. Sie widmet ihre Freizeit nämlich gerade mit voller Energie dem Klettern und Studieren, Sammeln und Zubereiten von Pilzen, was für ihre Umwelt auch schon mal anstrengend sein kann. Man muss ihr allerdings lassen, dass sie keine halben Sachen macht: wenn sie sich für etwas interessiert, taucht sie voll und ganz in die Materie ein.

Cristal Crescent Beach

  • Freundin Ann kommt zum Abendessen. Ich mag ihre offene Art. Ihre Freundin ist seit über zwei Jahren auf dem Trans Canada Trail unterwegs (seit letztem Jahr unter The Great Trail bekannt), der von der Ost- zur Westküste Kanadas führt und weltweit das längste Netz an Erholungswegen haben soll. Mindestens zwei Dokumentationen sind über ihre Reise in Arbeit.

Und noch ein paar mehr Eindrücke von Halifax und Dartmouth:

        Hört sich so an als gehe ich hier nicht mehr weg? In mir räumt sich die Frage, wie es weitergehen soll, immer mehr Platz ein. Aus zunächst unklaren Beweggründen halte ich an meinem Vorhaben fest, Mexiko zu bereisen bevor der Winter kommt, und buche einen Flug nach Mexico City, den ich unter anderem wegen des Erdbebens dann nochmal um zehn Tage verschiebe. Abgesehen davon fühle ich mich nicht wirklich bereit, Robyn zu verlassen und wieder alleine zu reisen. Sie wächst mir immer mehr ans Herz und wir schenken uns gegenseitig tiefes Vertrauen. Die Aussicht auf einsame Tage, ständig wechselnde Betten, Orte und Menschen weckt gemischte Gefühle und fühlt sich anders an als vor einem Jahr. Ich fühle mich ein wenig zuhause bei ihr, andererseits drängt die Frage, was ich mit meinem Leben anfange, wohin der Weg nun führen soll. Es geht nicht mehr nur darum, zu reisen. Meine Wurzeln habe ich kennengelernt, was bin ich nun bereit zu wagen, wo fühle ich mich gut aufgehoben? Sollte ich nicht einfach hier bleiben, wenn es mich nicht wirklich wegzieht?

        Robyn ist die absolute Selfie-queen, daher hier eine kleine Auswahl:

        Der Tag meiner Abreise rückt unaufhaltbar näher, in der letzten Nacht erinnere ich mich an den Tag als ich weinend Lima verließ und mich danach immer wieder fragte, was ich hier in Canada soll. Jetzt bin ich erfüllt von tiefer Dankbarkeit für meine Begegnung mit Robyn und kann die Tränen nicht zurückhalten. Vor dem Morgengrauen erreichen wir den Flughafen, unsagbar schwer fällt der Abschied.

        Alles ist möglich, wenn man nur seinem Herzen folgt.

        Ein Gedanke zu “Nova Scotia – Alles im Wandel”

        1. Das war für mich bis jetzt der Teil, bei dem ich dich am besten aufeghoben gefühlt habe.
          Weiß nicht, wohin es dich noch treibt, aber habe zu Vera schon öfter gesagt, dass dir das mit den Frauen gut tut.
          Und der Beitrag jetzt war einer, da hatte ich das Gefühl, es geht dir richtig gut! Schön!
          Alles Liebe, Rainer (von papa et maman)

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