Punta de Choros

13 – 16 Februar 2017

Nach acht Stunden mit umsteigen und warten am Busbahnhof komme ich mit Lea-Lee und Quilla in diesem winzigen verschlafenen Dorf direkt am Meer an: breite sandige Straßen, zwei kleine Läden, in denen man alles Wichtige bekommt, allerdings nur über die Theke, und ein paar Restaurants, wobei irgendwie nie ganz klar ist, wann sie eigentlich geöffnet haben. Ganz schnell spüre ich, das ist ein Ort der Stille.

Lea-Lee und Quilla haben sich drei Nächte in einem Boot reserviert, ich schlafe im Backpacker-Zimmer, einfach aber sauber, ansonsten gibt es auf der Anlage noch ein paar Ferienhäuser und Zeltplätze. Unser direkter Blick aufs Meer erinnert mich an Szenerien aus der Traumschiffserie.

Lea-Lee und Quilla vor ihrer Unterkunft
Ferienhäuser/ Blick aufs Meer

Nachdem wir uns eingerichtet haben, kaufen wir eine Flasche Wein, essen im Restaurant auf der Terasse und legen uns danach bepackt mit dicken Decken in die Hängematten direkt am Meer und erzählen stundenlang. Normalerweise gehe ich den Deutschen auf meiner Reise ja eher aus dem Weg, aber die beiden sind super entspannt und da wir alle im sozialen Bereich arbeiten, gibt es hier viel, worüber wir uns austauschen können. Lea-Lee ist Erzieherin und Quilla arbeitet mit schwer erziehbaren Jugendlichen. Beide sind mit Herz dabei und verzweifeln manchmal an unfähigen Kollegen.

Erster Abend mit Lea-Lee und Quilla

Lea-Lee und Quilla sind alte Freundinnen und verwirklichen endlich ihren Traum durch Südamerika zu reisen. Quillas Vater ist zudem aus Peru und ihre Familie wird im Mai herkommen und zusammen werden sie für vier Wochen durchs Land reisen. Die romantische Liebesgeschichte ihrer Eltern fasziniert mich: eine Liebe auf den ersten Blick: ihr Vater war Straßenmusiker in Frankreich und ihre Mutter dort mit einer Freundin im Urlaub, sie läuft vorbei und schaut zu, sie sehen sich an und dann wars geschehen – heute noch spürt Quilla die Liebe zwischen den beiden.

Den nächsten Tag gehen wir gemütlich an und laufen zu einem Strand, der etwa eine Stunde entfernt liegt und weit und breit kein Mensch zu sehen. Einmal ins wirklich eiskalte Nass muss sein. Als ich gerade alleine draußen liege, nähert sich von hinten ein Wüstenfuchs, er scheint vorne im Sand etwas vergraben zu haben. Da er mehrmals hin und her läuft, bekommen die Mädels ihn auch noch zu sehen.

Strandtag mit Wüstenfuchs

Es ist Valentinstag und im Restaurant wird gelockt mit Begrüßungsdrink, Menü und Musik. Von Romantik allerdings keine Spur und die Herzluftballons wirken fast fehl am Platz. Das Essen ist abgesehen von der Vorspeise auch enttäuschend und ist sein Geld nicht wert. Die Stimmung lassen wir uns dennoch nicht vermiesen.

Valentinstag
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Boot Richtung Isla Damas. Hier kann man Delfine, Humboldt-Pinguine, Seelöwen und Vögel in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Ich komme mir vor wie in einer dieser Tierdokus – und wir mittendrin.

Isla Damas – Reservat für Humboldt-Pinguine

Den Nachmittag verbringen wir dösend in der Hängematte und machen gegen abend noch einen Spaziergang an der Küste entlang. Nach einem einfachen Abendessen leeren wir den letzten Wein im Boot der Mädels, morgen heißt es Abschied nehmen.

Am Morgen stehe ich mit den Mädels auf und die zwei verpassen doch glatt ihren Bus, da sie die Uhrzeit falsch verstanden haben. So können wir allerdings noch gemeinsam frühstücken und da sie erst nachmittags in La Serena sein müssen, ist mehr als genug Zeit. Ich schlage vor zu trampen, da es nur eine Straße gibt, das heißt, alle Autos haben das gleiche Ziel. Wir laufen zum Ortsausgang und zwanzig Minuten später kommt ganz unerwartet doch noch ein Bus – alles gut. Wir drücken uns einmal fest, ich winke ihnen hinterher, kehre zurück, setze mich mit Blick aufs Meer in den Sand, fühle in mich hinein und genieße das Rauschen der Wellen und die Wärme auf der Haut.

Als ich mich am Nachmittag mit Daumen raus an den Straßenrand stelle, nehmen mich nach fünfzehn Minuten zwei Männer mit, die geschäftlich hier zu tun hatten. Läuft bei mir.

Mitte Februar – wenn man mittendrin ist, vergeht die Zeit rasend schnell. Leben im Moment – einfach gesagt, fällt mir nicht immer leicht. Mein Kopf lässt mich noch zu oft nicht los. Keiner weiß, was morgen ist, nur heute zählt. 

Was fühlst du jetzt? Handle demnach!

Pisco Elqui, Chile 

09 – 13 Februar 2017

An unser Hostel in Pisco Elqui kommen wir durch Freunde von Félix: total gemütlich, sehr angenehme Atmosphäre und Cata, die den Sommer hier verbringt und sich um alles kümmert, ist immer für einen da. Wir spazieren durch den Ort, setzen uns auf ein Bier ins Restaurant Pisco Mistral, das stark an einen Biergarten erinnert und lassen den Abend im Hostel mit Wein am Feuer ausklingen.

Pisco Elqui ist ein magischer Ort: An jeder Ecke findet man Angebote für Meditation und Yoga, man kann seine Chakren stärken, Massagekurse, veganes Essen, in einem kleinen Laden gibt es sogar hausgemachte Mandelmilch. Neben vielen anderen haben tibetische Mönche in dee Gegend Energiewirbel festgestellt, was den Anteil der spirituellen Menschen mit ihren Angeboten noch steigert.  Das Gefühl hier ist schwer zu beschreiben, aber der Ort ist durchflutet von einer Energie, die beruhigt und ausgleicht – man kommt zur Ruhe. Das Wetter ist warm bis heiß, 360 Tage im Jahr Sonne, ganz nach meinem Geschmack. Der Sternenhimmel hier ist dementsprechend beeindruckend.

Das ganze Elquital bietet einen traumhaften Anblick durch seine unzähligen Weinterrassen, die die Berge je nach Jahreszeit in rot, grün oder orange tauchen.

Ich stehe in der Küche und bereite Obstsalat zu. Durch die offenen Fenster dringen lachende Stimmen, es ist heiß, der Wind lässt die Blätter rauschen. Fühle mich plötzlich in meine Kindheit zurück versetzt und muss an Mama denken – wie sie für uns immer mit Liebe Obstschnitze und belegte Brote gerichtet hat, wenn wir auf der Straße spielten – Heimat…Geborgenheit…

Es soll hier ein Schwimmbad geben, von dem keiner so recht weiß, ob es nun in Betrieb ist oder nicht. Félix will natürlich unbedingt hin – als wir die wunderschöne Anlage betreten, blicken wir auf viel Naturstein, das Hallenbad und einen nagelneuen Fußballplatz. Irgendwo läuft ein Radio und weiter unten läuft jemand. Wir begrüßen den Mann, der hier zu arbeiten scheint und zunächst etwas kühl uns gegenüber wirkt. Félix erzählt von seiner Arbeit und schon werden die Gesichtszüge weicher; der Mann führt uns ins Schwimmbad und zeigt uns mit Stolz auch die Duschen und Umkleiden – ich bin beeindruckt: eines der schönsten Hallenbäder, die ich bisher gesehen habe: Naturstein an den Wänden, durch riesige runde Deckenlichter scheint die Sonne, beheizt wird das Becken mit Sonnenlicht – alles voll funktionsfähig! Leider fehlt das Personal, um das Bad wirklich in Betrieb zu nehmen, jemand wie Félix wäre perfekt. Trotzdem hat es Wasser und wird regelmäßig gereinigt. Am nächsten Morgen kommen wir eine Stunde zum Schwimmen.

So vergehen vier Tage in Pisco Elqui mit langen Spaziergängen, viel Lachen, interessanten Unterhaltungen, gutem Essen begleitet von Wein und Bier und Tiefenentspannung. Die Gäste im Hostel sind ohne Ausnahme alle sympathisch und wir verbringen den einen oder anderen Moment gemeinsam: sei es das Frühstück, Entspannen im Garten oder das Glas Wein am Abend.

Am Sonntagabend muss Félix zurück nach Santiago – die Arbeit ruft. Es fällt ihm sichtlich schwer sich heute von mir zu trennen und er nimmt den letzten Bus um acht abends. Auch ich habe ein wenig ein schweres Herz nach diesen intensiven gemeinsamen Tagen, weiß aber, dass wir uns wiedersehen werden und brauche außerdem Luft, Zeit für mich. Nach vielen Umarmungen und Küssen steigt er in den Bus, ich gehe zurück zum Hostel, leere dort den Rest unserer Flasche Wein und denke an die schönen Momente der letzten Tage.
Morgen fahre ich mit Lea-Lee und Quilla, zwei deutsche Mädels, die ein paar Monate durch Südamerika reisen, nach Punta de Choros, ein winziger Ort direkt am Meer, wo man Delfine, Humboldt-Pinguine und vieles mehr in freier Natur beobachten kann.

La Serena, Chile

06 – 09 Februar 2017

Gegen abend komme ich im Hostel an – fühlt sich direkt gut an hier. Einkaufen, duschen, kochen, schlafen.

Frühstück ist passabel, immerhin gibts Haferflocken, aber das beste ist die Dachterrasse! Den Vormittag verbringe ich gemütlich im Hostel und quatsche hier und da mit anderen Gästen. Dann mache ich mich auf an den Strand – eine Stunde bin ich unterwegs, da ich auf dem Weg noch die Stadt erkunde, die charmant übersichtlich ist. Es gibt viele alte historische Gebäude, gepflegtes Grün, einen botanischen Garten und viele Straßenmusiker. 

Der Strand gewinnt sicher keinen Schönheitswettbewerb, aber er ist riesig und so findet man immer seine Ruhe, wenn man diese sucht.

Das Wasser ist kalt, aber einmal reinspringen muss sein. Ich döse, beobachte die Menschen um mich herum und genieße die Sonne auf der Haut, durch den frischen Wind schwitzt man gar nicht. Auf dem Heimweg kaufe ich noch Zutaten für Thaicurry, denn im Kühlschrank hab ich eine angebrochene Kokosmilch gefunden und die Küche lädt zum Kochen ein, das muss ich ausnutzen.

Mittwoch, achter Februar – mein Geburtstag. Als ich auf mein Handy schaue, lese ich ein paar Glückwünsche und mein Freund Benni hat mir eine Sprachnachricht geschickt, mit Geburtstagsgesang, schön seine Stimme mal wieder zu hören. Zum Frühstück setze ich mich auf der Terrasse in die Sonne und sehe eine email von Mama.

Seit ich unterwegs bin, hab ich sie erst zweimal gehört, viel Zeit war da nicht zum Reden und öffne jetzt eine lange email von ihr. Seltsam, so von ihr zu lesen, da wir sonst immer telefonieren. Ganz unerwartet bin ich unheimlich gerührt von ihren Worten und habe Tränen in den Augen. Das ist mit Abstand die schönste Nachricht für mich an diesem Tag. 

Danke Mama, für alles, was du für mich – für uns getan hast! Und es tut gut zu lesen, dass es dir gut geht, dass du jetzt mehr für dich tust!

Den Tag hab ich für mich, Félix will erst am Abend kommen, und so schlendere ich über den großen Markt, der mit frischen Säften, Schokolade, Gewürzen, Souvenirs, Schmuck, Seifen, Taschen, frischem Brot, Kuchen und vielem mehr lockt. Ich kaufe Gewürze und ein paar Pralinen für Felix, denn er fährt total auf Schokolade ab.

Danach verbringe ich gefühlt zwei Stunden am Meer; als ich heimkomme, ist es nach sechs Uhr abends. Geburtstagsessen: vegane Pfannkuchen mit Banane. Als ich so auf der Terrasse sitze, viele Glückwünsche auf dem Handy lese und denke, irgendwie seltsam, wenn einen keiner drückt, stürmt auch schon die Schweizerin auf mich zu, die gerade von ihrem Ausflug zurück ist (ihr hatte ich vor zwei Tagen meinen Geburtstag verraten). Sie ist wunderbar herzlich, obwohl wir uns kaum kennen und ganz überrascht gratulieren mir dann auch die Menschen, die mit mir am Tisch sitzen.

Mitten in der Nacht, ich liege schon im Bett, kommt Félix mit zwei Flaschen Wein im Arm. Er entschuldigt sich mehrfach, dass es so spät geworden ist, was ich gar nicht schlimm finde sondern eher bemerkenswert, dass er überhaupt Zeit für mich freischaufelt, da ich weiß, dass er viel zu tun hat. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen brechen wir auf nach Pisco Elqui.

Termas de Colina, Santiago de Chile

02 – 06 Februar 2017

Kurz nach acht abends taucht Félix am verabredeten Treffpunkt auf. Ich bin fast überrascht, dass er so pünktlich ist, denn normal ist das für Südamerikaner ja nicht. Wie immer ist er ganz sportlich und mit kleinem Gepäck unterwegs. Irgendwie verrückt, dass ich ihn hier wiedertreffe. Für die nächsten zwei Nächte hat er ein Zimmer in einem Hotel außerhalb von Santiago in den Bergen reserviert, mit riesigem Swimmingpool, Jacuzzi und Sauna gibts auch. Nach der Anreise heute aus Buenos Aires schlafe ich besonders gut im frisch duftenden Bett. 

Am nächsten Morgen bekommen wir Frühstück ans Bett gebracht, Felix fragt mich über meine Arbeit aus und was mir eigentlich wichtig ist – er ist ein verdammt guter Zuhörer.

Wir gehen eine Stunde schwimmen – der Pool ist mit der Grund, warum Félix diesen Ort ausgewählt hat, denn im Wasser fühlt er sich wohl und hat durch seine Arbeit schon unzählige Stunden im Nass verbracht. Eigenes Schwimmtraining, Personaltrainer, Aquabikes und vieles mehr. Er ist begeistert vom Effekt, den das Training im Wasser hat, ganz ohne Belastung der Knochen. Ein paar Tage später komme ich in die Gelegenheit, eine Stunde mit ihm an Aquabikes zu trainieren – seine stählernen Muskeln verwundern mich jetzt kein bisschen mehr.

Am Freitagabend essen wir im Hotel und Félix zeigt ernsthaftes Interesse an meiner Ernährung, fragt mich aus über meine Leistungsfähigkeit, den Effekt, den ich spüre und zieht ab da mit mir mit, da ihm sein Körper wichtig ist und bei meinen Kochkünsten fällts ihm noch leichter – wer hätte gedacht, dass ich einen Brasilianer zum Veganer mache – kommt in meinen Lebenslauf.

Den check-out am Samstag schaffen wir gerade so, da wir nicht aus dem Bett kommen. Dann wieder eine Stunde Schwimmen, Jacuzzi und chillen am Beckenrand. 

Gegen abend fahren wir zurück nach Santiago, checken im Hostel ein, finden ein veganes Restaurant, essen Burger und trinken Limo und Bier.

Auf dem Heimweg kommen wir noch an zwei Themenrestaurants vorbei; ich bin erst unsicher, ob wir eintreten sollen, da wir ja nicht essen wollen, aber wir werden sogar fast gebeten, uns doch umzuschauen: so tauchen wir zuerst in eine Unterwasserwelt ein und man fühlt sich wahrhaftig, als wäre man in einem Uboot. Im anderen finden wir Wikingerrequisiten, die wir sogar benutzen dürfen – was ein Spaß!

Wieder fällt mir auf, wie mir die Manieren der Männer hier im Süden gefallen: die Frau geht immer zuerst durch die Tür, uns wird Schweres sofort aus der Hand genommen, die Männer spülen ab, und viele Kleinigkeiten mehr, die der Frau Respekt gegenüber zeigen. Die Männer bei uns habens aber auch nicht leicht mit Frauen, die auf ihre Unabhängigkeit pochen und alles alleine können.

Félix  strahlt Ruhe aus, ist immer positiv, hört zu, ist aufmerksam. Er wartet nicht ewig, weiß, was er will, möchte keine Zeit verschwenden, wenn man will, ist alles möglich.

Am Sonntag beginnen wir mit einen fast vierstündigen Spaziergang durch Cerro Cristobal, der Touristenmagnet in Santiago, den wir am Hotel Novotel beenden. Dort hat Félix im Spa-Bereich sechs seiner Aquabikes und ich trainiere eine Stunde mit ihm – ich bin beeindruckt, er hats echt drauf! Danach noch Sauna, wo ich an Marina denken muss und unsere gemeinsamen Saunazeiten im Fitnessstudio – sie fehlt mir und ich vermisse diese Momente mit ihr.

Zurück in der Stadt machen wir uns auf die Suche nach Essen und landen schließlich in einem Restaurant am Plaza Brasil; wir bestellen ‚Completo‘: ein typisches Gericht in Chile, das so mächtig ist, dass es für zwei reicht, bestehend aus einer riesen Portion Pommes, darüber etwas Gemüse, getoppt von viel Fleisch. Wir bitten anstatt dem Fleisch um mehr Gemüse und löschen unseren Durst mit gutem Bier aus Chiles Norden. So geht ein erfüllter Tag zuende und ich fahre erst am nächsten Morgen weiter nach La Serena. Félix muss arbeiten, will aber zu meinem Geburtstag nachkommen.

Er betont immer wieder, wie wichtig ich ihm bin. Die Geschwindigkeit, mit der er vorangeht, ist fremd für mich. Bei uns in Europa läuft das meist anders. Und ich habe schon gescherzt, dass ich den Latinos nicht über den Weg traue, heute hier, morgen dort, kenn ich schon. Aber ich muss zugeben, seit Oktober ist er am Ball geblieben und er hat ja auch recht:

Warum Zeit verschwenden, wenn man jetzt weiß, was man will. Bei mir meldet sich der freiheitsliebende Vogel….

Buenos Aires Teil 2

19. Januar – 02. Februar 2017

Anne hat morgen Geburtstag und in Buenos Aires ist schon alles vorbereitet um in ihren Ehrentag zu feiern. Matias war mir dabei eine große Hilfe und hat für uns ein paar Dinge organisiert. Ramin habe ich auch eingeladen, nur Luis kann nicht kommen, da er kurzfristig für ein Interview nach New York musste.

Gegen 19Uhr kommen wir bei Matias an. Wir können heute bei ihm schlafen, denn die Nacht wird wahrscheinlich kurz, da hätte es sich kaum gelohnt, ein Hostel zu suchen. Wir machen uns kurz frisch und dann gehts auch schon los Richtung Restaurant. Auf dem Weg sammeln wir Ramin ein. Die Männer bestellen Wein und viel Fleisch, sie meinen das gehört sich so für den letzten Abend in Argentinien. Später schielen meine Schwestern ganz neidisch auf meinen Teller mit gegrilltem Gemüse und Kartoffeln.

Zweiter Programmpunkt ist Standup-Comedy auf der Avenida Corrientes. Das, was wir verstehen, ist wirklich lustig. Außerdem gibts einen Begrüßungsdrink und das Erlebnis an sich ist besonders.

Standup-Comedy Show

Auf dem Weg zur Secret Bar ‚Franks‘ übt Matias mit Anne das Passwort, welches man am Eingang nennen muss um eingelassen zu werden: ‚Antoine de Saint-Exupéry‘. Verdammt coole Bar in dunkles Licht getaucht,  hohe Decken mit zweiter offener Ebene, gemütliche stilvolle Sofas und durchgestylte Barkeeper. Wir bestellen fünf verschiedene Cocktails und probieren alle durch.

Secret Bar ‚Franks‘

Obwohl wir total müde sind und die Jungs morgen arbeiten müssen, setzen wir uns noch auf ein Bier an den Plaza Serena mitten in Palermo und stoßen noch einmal auf Anne an, bevor wir letztendlich gegen fünf Uhr morgens im Bett liegen. Matias muss eine Stunde später wieder aufstehen – der Arme! Ellen ist ernsthaft angetan von seinem Engagement für unseren Abend und von seiner Gastfreundschaft. Toller Typ eben!

Es ist Freitag und meine Schwestern reisen heute ab – so schnell vergehen drei Wochen. Als wir uns zum Abschied in den Arm nehmen, wird mir bewusst, dass wir uns jetzt mindestens fünf Monate nicht sehen werden – versetzt mir einen leichten Stich ins Herz und ich hab einen Klos im Hals.

Den Rest des Tages mache ich nicht viel, die Nacht war ja kurz, ich bereite Essen für Matias und mich vor und gehe endlich mal wieder laufen. Die drängende Entscheidung schwirrt pausenlos in meinem Kopf umher.

Matias hat mich eingeladen, übers Wochenende zu seinem Freund Joaquim nach Chascomus aufs Land zu fahren, der bei seinen Eltern Geburtstag feiert. Als wir ankommen, wird mir auch klar warum genau hier gefeiert wird: riesiger Garten mit Pool, Steingrill für Asado, der See nur ein paar Laufschritte entfernt. 

Nach dem ersten Bier werfen wir uns in unsere Badesachen und hängen am, im oder um den Pool. Die Eltern sind super gastfreundlich und gegen vier beginnt der Vater mit dem Grillgut – und das ist ne Philosophie für sich: zuerst wird die Kohle vorbereitet, dann kommen ganze siebzehn Kilo Fleisch am Stück auf den Grill. Auch wenn das ganze völlig gegen meine einstellung und lebensweise geht, ist es doch spannend zu beobachten mit welcher Hingabe mit dem Feuer umgegangen wird.Je später der Abend desto mehr Gäste erscheinen, mit Salaten, Beilagen und Desserts in den Händen. Gegen elf Uhr abends sind wir um die dreißig Personen und nach sieben Stunden ist das Fleisch butterweich, sodass sich die Rippen ganz einfach lösen lassen. Basti! Das wäre ein Festmahl für dich! Der Vater meint, ich muss ein Stück versuchen, sonst wäre ich nicht wirklich in Argentinien gewesen. Aber nein, keine Chance, geht gar nicht.

Asado wie aus dem Bilderbuch

Nach viel Essen und noch mehr Bier ist die Jugend bereit für den Club und ja, ich darf mich noch dazu zählen. Nicht ganz meine Musik – den ganzen Abend Bachata mag ich nicht.

Party people

Um halbsechs am nächsten Morgen falle ich mit Matias ins Bett und als wir wieder aufstehen, übernehmen die Hardcore Tanzmäuse torkelnd unseren Schlafplatz. Bevor es abends wieder in die Stadt geht, genießen wir den Sonntag am Pool – ja klar, wieder Bier und Reste von gestern. Die Tage ohne Alkohol kann ich echt zählen.

Ich bin reisemüde – 140 Tage bin ich schon unterwegs und so vergeht jetzt eine Woche in Buenos Aires bei Matias, in der ich tagsüber gar nicht viel mache und regeneriere: schlafen, laufen gehen, mit Freunden chatten, kochen und Australian Open schauen. Zum Finale am Sonntag stellen wir uns den Wecker um sechs Uhr morgens und Federer gewinnt das Ding auch noch – überragend! Die Abende verbringe ich mit Matias und wir verstehen uns verdammt gut, gehen zusammen ins Kino, haben interessante Gespräche über unsere Arbeit, Familie, Politik, die Generation Z, die sich ein Leben ohne soziale Medien und all die Rafinessen der neuen Technik nicht mehr vorstellen kann, was auf gewisse Art auch ein Fluch ist. Wir entdecken unsere gemeinsame Liebe für Schokolade und er übertrifft mich bei weitem – kein Tag vergeht für ihn ohne Alfajor.

Biergarten und Kino mit Matias

Mein Kopf lässt mir keine Ruhe, die Zeit drängt, der Druck wächst, bin handlungsunfähig meine Weiterreise zu planen solange diese eine Entscheidung nicht gefallen ist. Das kann doch verdammt nochmal nicht so schwer sein. Mein Kollege Uli schickt mir Bilder von der Arbeit: wirkt so weit weg und doch so nah. Will ich dahin zurück, jetzt? Schicke meinem Chef ne email, wie es eigentlich gerade aussieht, was der Plan ist.

Wofür bist du heute aufgestanden? Wofür brennst du? 

Wovor hast du Angst, was bedrückt dich, was wünscht sich dein Herz, was kannst du steuern? 

Einstellung ist alles!

Als ich am Mittwoch morgen die Antwort lese, ist auf einmal alles klar und mein Kopf hört auf zu brummen: in die alte Position komme ich wohl nicht zurück, das heißt so oder so steht Veränderung an und in dem Moment spüre ich ganz klar: ich will mehr! Mehr Zeit, mehr erleben, die harten Momente nehme ich dafür gerne mit, führen mich näher zu mir selbst, will verrückt sein, den Sprung ins Ungewisse wagen. Es sträubt sich alles in mir bei dem Gedanken daran in die gewohnten Strukturen zurück zu gehen. Noch am selben Tag geht der Antrag auf Verlängerung raus. Zwei Tage später buche ich meinen Flug nach Santiago, wo ich Félix aus Brasilien wiedersehen werde und dann gehts Richtung Norden.

Die letzten Tage schlafe ich bei Fede, da Matias seine Großeltern beherbergen muss und so wird auch er ein wahrer Freund. Da Fede noch Urlaub hat (er unterrichtet an der Uni und macht gerade seinen phd) frühstücken wir jeden Morgen bzw Mittag gemeinsam und haben viel Zeit uns auszutauschen. Er ist aus Buenos Aires, liebt seine Stadt, ist neugierig, aufgeschlossen, positiv, sensibel, guter Geschmack was Inneneinrichtung angeht und für jeden Spaß zu haben.

Medialunas und Mate – typisches Frühstück in Argentinien

So ist meine zweite Woche nochmal gefüllt mit besonderen Momenten, die ich mit Menschen teilen darf, die das Herz am rechten Fleck haben:

  • Ausgehen in Palermo mit Matias, Fede und Joaquin, 
  • Mittagessen bei Matias Großeltern,
  • ein Tag nur mit Ramin mit Livemusik, Cerveza in Palermo und Essen bei Sarkis, seinem Lieblingsrestaurant. Er gratuliert mir zu meiner Entscheidung: „Sarah, you’re not a tourist anymore, you’re a traveller now!“
  • ‚Bomba del Tiempo‘ am Montag Abend mit Matias und Fede. Matias hat recht: muss man gesehen haben, wenn man in Buenos Aires ist: der Rhythmus reißt einen mit, super Stimmung! Bin im hier und jetzt.
  • Biketour: am Dienstag Abend zeigt Fede mir Buenos Aires bei Nacht: wir fahren über zwei Stunden auf seinem Motorrad durch die Stadt und er zeigt mir neben seinem Lieblingsort so einige Flecken, die ich noch gar nicht kannte. Ich mache kein einziges Foto, genieße einfach nur die Fahrt und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Gegen ein Uhr nachts betreten wir eine super stylische Bar und bestellen Bier, papas fritas und Nachos. Ich mag Buenos Aires!
‚Heisenburger‘
Helado um zwei Uhr morgens
Chillen mit Ramin im Solarpark bei Livemusik
Bomba del Tiempo

      Hab manchmal Momente von Heimweh, aber dann kommt ganz schnell die Gewissheit, dass ich nach einer Woche zuhause gleich wieder weg wollen würde. Alles gut und ich fühle mich gut mit meiner Entscheidung.

      1.Februar: es ist offiziell: ich bin beurlaubt bis zum 31.07.2018 – was für ein Gefühl!

      Und jetzt lass dich treiben – lebe, genieße, es gibt nur jetzt und hier!

      Mein letzter Abend in Buenos Aires. Schon seit ein paar Tagen bin ich etwas wehmütig, denn ich fühle mich wohl hier, hab Freunde gefunden, mich eingelebt und die Stadt jetzt schon lieben gelernt. Hier könnte ich leben, für eine Weile.

      Matias und ich beginnen den Abend mit einem Pingpong Match, das seit Tagen aussteht. Er ist ein ernstzunehmender Gegner und wir haben riesen Spaß. Ramin kommt wie ein echter Südamerikaner mal immer etwas später und schwingt auch ein paar Runden den Schläger. Als Fede und Joaquin noch zu uns stoßen, gibts Lagebesprechung wo wir essen sollen. Ich wollte erst Sushi für den letzten Abend, bin aber auch mit veganem Burger mehr als glücklich. Wir leeren unser Bier und nach viel Sucherei im Netz machen wir uns auf Richtung Restaurant. Auf der Dachterrasse werfe ich einen ersten Blick auf die Karte und muss sagen: buena elección! Ich hab sogar die Wahl zwischen mehreren veganen Optionen. Wir stoßen an und ich blicke in Augen von Menschen, die so gut zu mir gewesen sind, mich in ihren Kreis aufgenommen haben, so viel Zeit mit mir geteilt haben. Ich werd die Jungs vermissen!

      Während ich hier in der Hängematte liege und schreibe, schießen mir Tränen in die Augen. Ja, ich vermisse euch, Jungs! Mit den richtigen Menschen kann die Welt wunderschön sein. Aus tiefstem Herzen danke!

      Montevideo, Uruguay

      15 – 19 Januar 2017

      Nachtbus nach Buenos Aires, mein Sitznachbar teilt seinen Mate mit mir, wir quatschen stundenlang. Bin erleichtert, als wir pünktlich in aller Früh ankommen, da um sechs Uhr die Fähre nach Uruguay geht, dann nochmal weiter nach Montevideo mit dem Bus. Dort treffe ich meine Schwestern wieder, die schon am Abend vorher angekommen sind.

      Was sofort auffällt: die Menschen hier sind unglaublich hilfsbereit und auf dem Weg zum Treffpunkt mit meinen Schwestern wird mir gleich dreimal unaufgefordert Hilfe angeboten.

      Unser Hostel liegt in einer ruhigen Wohngegend, relativ neu, stilvoll eingerichtet und eine Küche mit allem, was man braucht.

      Nach dem Check-in machen wir uns gleich auf zu einem langen Spaziergang, Ellen übernimmt wieder die Führung. Ich bin ganz irritiert von der Ruhe hier: wir sind in der Hauptstadt und alles wirkt irgendwie verschlafen wie an einem Sonntagmorgen – ist heute Sonntag? Keine Ahnung.

      Der zweite Markt, zu dem Ellen uns leitet, macht richtig Spaß. Mittlerweile bin ich nämlich von vielem nicht mehr beeindruckt, ein bekanntes Phänomen unter Langzeitreisenden: noch ein Berg, noch ein See, noch eine Weingegend, noch ein Markt. Aber dieser ist besonders: neben Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gewürzen und Essen auf die Hand findet man hier auch einen Trödelmarkt: Bücher, Schmuck, Klamotten, Küchenutensilien, CDs und vieles mehr.

      Auf dem Heimweg schauen wir aufs Kinoprogramm im Shoppingcenter um die Ecke und entscheiden uns für die Vorstellung um zehn, Film ‚Passengers‘. Zurück im Hostel ist es dann vorbei mit der Ruhe: im Nachbarhaus läutet die Sirene, keiner zuhaue und wirklich interessieren tut es auch niemanden. Somit erwarten uns zwei Tage und Nächte mit Sirenenlärm. Ellen ist ernsthaft genervt, die Oropax schmerzen langsam, Anne und ich stecken es besser weg, aber es ist definitiv ätzend, eine Sirene im Schlafzimmer zu haben. Die Alternative wäre geschlossenes Fenster mit akutem Sauerstoffmangel. Am dritten Abend ist das Ding endlich aus. Der Film ist richtig gut, kann ich empfehlen!
      Die Walkingtour hier ist mit Abstand die beste, die ich bisher erlebt habe. Humorvoller Typ, der uns mit allen möglichen interessanten Fakten zu Uruguay versorgt, von denen manche kaum zu glauben sind:

      • alle sind krankenversichert, auch Touristen
      • für 6€ bekommt man einen Pass und Arbeitserlaubnis, jeder ist willkommen einzuwandern
      • Obdachlose werden mit Essen und Schlafplatz versorgt
      • Bildung kostet nichts
      • 60% Atheisten 
      • 4 mal mehr Kühe als Einwohner 
      • Marihuana ist legal
      • Wer mit Karte zahlt, bekommt 20% Nachlass
      • Da viele Paare nicht mehr heiraten, und jeder eine Party bekommt, gibt es „fake weddings“. Wir entscheiden, irgendwann auch eine zu organisieren.
      • Da die Population so überschaubar ist, gibt es viele liberale Regelungen

      Nach der Tour trinken wir Kaffee im berühmten Café ‚Brasilero‘, folgen einem Tipp für einen veganen Laden und lassen den Abend gemütlich im Hostel ausklingen.

      Eigentlich wollten wir die Tage hier in Uruguay ja komplett am Strand verbringen, haben dann aber doch entschieden, die Basis in Montevideo zu lassen, da die berühmten Strände sechs Stunden weit weg liegen, was sich für unsere begrenzte Zeit nicht wirklich lohnt. Einen Strandtag gibts aber trotzdem: wir fahren mit dem Bus nach Atlantida. Der Nieselregen, der uns ins Gesicht weht als wir aussteigen, verheißt zunächst keine guten Aussichten, aber nach und nach kommt die Sonne raus und so holt sich Anne ihren ersten heftigen Sonnenbrand, der sich abends unter der Dusche zeigt und sie unglaublich aufregt. Mein Rücken spannt auch etwas, muss ich zugeben.
      Ich koche am Abend für uns und der Plan, den nächsten Tag auch am Strand zu verbringen, ist keine Option mehr für Anne. Stattdessen widme ich mich endlich mal wieder meinem Blog und die beiden bummeln durch das Shoppingcenter. Zum Sonnenuntergang machen wir einen Spaziergang zum Leuchtturm – richtig schön da!

      Fotoausstellung Montevideo vor 90 Jahren

      Der Moment zu entscheiden rückt näher, ich mache eine Liste mit pro und contra, auch wenn ich weiß, dass das am Ende eine Bauchentscheidung wird. Viele Gespräche mit meinen Schwestern, macht mich langsam wahnsinnig, kann mich manchmal selbst nicht mehr reden hören.

      Ich will mich bewusst FÜR etwas entscheiden und nicht aus Angst handeln. Die Antwort ist in dir!

      Cordoba

      10 – 14 Januar 2017

      ‚Trau dich, in einen Starbucks zu gehen, denn so wenig du die Kette unterstützen willst, so angenehm kann es doch sein, etwas Vertrautes um sich zu haben.‘ Den Tipp hab ich von einem Travelblog und ich kann bestätigen, es hilft.

      Cordoba ist ne coole Stadt: viele Studenten und zumindest ein Viertel ist so hip wie ich es selten erlebt habe: so viele stylische Bars, Restaurants und Cafés in bezaubernden Hinterhöfen – ich liebe solche Orte! Wenn ich jetzt meine Freunde hier hätte, um mit ihnen durch die Straßen zu ziehen…

      Mein Hostel ist endlich mal wieder richtig gut, liegt zentral und interessante Menschen hier. Von einem Volunteer lerne ich ein Rezept für veganes Brot und dann ist da noch Pablo aus Buenos Aires: über 160 Bewertungen auf Couchsurfing und sehr gesprächig. Er ist einer dieser Couchsurfer, die auch gerne mal mit ihrem Gast ins Bett steigen. An sich ist dagegen ja nichts einzuwenden, aber das Portal als Datingapp zu benutzen, ist schräg und verfehlt definitiv die Intension.

      Am Mittwoch Nachmittag schließe ich mich der Walkingtour durch Cordoba Nueva und Guemes an und treffe auf Emma und José. Emma ist aus Australien, Krankenschwester, Job gekündigt und seit fast einem Jahr in Südamerika unterwegs. José ist Argentinier, auf unbestimmte Zeit am Reisen und hat Familie hier in der Stadt. Die beiden sind zusammen nach Cordoba gekommen. Wir verstehen uns auf Anhieb miteinander und bleiben nach der Tour in einem der stylischen Hinterhöfe auf ein Bier. Es wird dunkel und José läd uns ein, bei einer Freundin seiner Familie zu abend zu essen – was gibts? Asado natürlich, das heißt es wird gegrillt. 

      Tannenbaum in Cordoba

      Auch wenn mir das Hostel gefällt, ist nicht wirklich viel los, also lande ich über Couchsurfing bei Axel: 29, studiert Philosophie, kommt aus dem Süden, seit acht Jahren hier, spricht fließend deutsch und freut sich mit mir üben zu können. Wenn er nicht gerade in der Uni ist, nimmt er sich Zeit für mich: wir kochen zusammen (ich kann kaum glauben, dass er in seiner Zeit in Deutschland nicht einmal Bratkartoffeln gegessen hat), machen einen langen Spaziergang, gehen ins Museum und unterhalten uns stundenlang bei Mate über Politik, Religion, Abtreibung, die Flüchtlingssituation und was sonst noch anregenden Gesprächsstoff hergibt. Ich erfahre so einiges über Argentinien und stelle mit Schrecken fest, dass der President hier verdammt ähnlich zu Trump ist.

      Nachtleben in Cordoba

      Solltet ihr selbst jemals nach Cordoba kommen, macht einen Ausflug zum Playa de los Hippies! Was euch dort erwartet, ist den langen Weg allemal wert und gehört für mich definitiv zu den ganz besonderen Orten:

      Nach fast zwei Stunden im Bus steige ich an der Endhaltestelle im Dorf Cuesta Blanca aus und stoße ein paar hundert Meter weiter auf den Fluss San Antonio, wo sich auch zwei Restaurants angesiedelt haben. Dort erkundige ich mich nach dem Weg und kaufe frisch gebackenes Ciabatta, welches vor mir auf dem Tresen liegt. 

      Durch staubige Straßen mit mehreren Zugängen zum Fluss gelange ich schließlich ans Ende des Weges mit einem Schild zum Strand, welches bestätigt, dass ich richtig bin. Jetzt geht es bergauf über Felsen und Geröll und als ich oben ankomme, tut sich vor mir eine Flussbiegung auf, unter Bäumen sind kleine bunte Zelte zu sehen, ein paar Menschen tummeln sich im Wasser und Pferde grasen am Ufer – das erfüllt alle Erwartungen! Ich klettere nach unten, suche mir einen Platz im feinen Sand und dann ab ins Wasser. Ich schaue um mich, umgeben von Bergen, außer Natur und lachende Menschen nichts zu hören – was ein bezaubernder unberührter Ort.

      Als ich zurückkomme, ist es schon dunkel, ich esse mit Axel zu abend und treffe mich danach mit Emma und José in einem der schönen Hinterhöfe. Emma wird irgendwann müde, also ziehe ich mit José weiter in eine Cervecería und er testet vier Sorten Bier. Wir unterhalten uns so gut, dass ich erst um halbfünf im Bett liege. Der Haken an der Sache ist nur, dass ich morgen früh mit Alex aufstehen muss, da er übers Wochenende wandern geht. Was solls, meine letzte Nacht hier muss ich doch voll auskosten.

      Nach drei Stunden Schlaf setze ich mich also in einen Starbucks, genieße den Kaffee, die Musik und nutze das wlan. Spontan treffe ich mich nochmal mit José und so vergeht der Tag recht schnell, bevor ich am Nachmittag den Nachtbus zurück nach Buenos Aires nehme.

      México hat sich übrigens erledigt, haben einen geeigneteren Kandidaten gefunden. Manche Dinge sollen einfach nicht sein. Und selbst ausgesucht hatte ich die Stelle ja auch nicht. Mein Weg liegt woanders.

      Salta und Cafayate

      06 – 09 Januar 2017

      Nach zwei Nächten im Bus und einem verregneten Tag in Resistencia im Shoppingcenter, kommen wir am Freitag morgen ziemlich müde in Salta an.

      Regen in Resistencia – Shoppingcenter!

      Ich will meinen Schwestern zeigen, welche tollen Erfahrungen man über Couchsurfing haben kann. Schon beim Anblick des Hauses beschleicht mich jedoch ein seltsames Gefühl, sieht runtergekommener aus als die Nachbarhäuser. Ein Mann, Mitte 30, längeres dunkles Haar, öffnet uns die Tür. Wir treten ein und ich frage mich direkt, ob hier überhaupt jemand wohnt. Wird hier gerade noch renoviert?Bruchbude! Die Fenster in unserem Zimmer sind mit Zeitungspapier abgedunkelt, am Boden fehlen einige Holzdielen, die Küche sieht aus wie eine Werkstatt und die Dusche erfüllt gerade so ihren Zweck. Aber Hauptsache der Traumfänger hängt, braucht man hier wohl auch. Wir duschen, machen Smalltalk bei Zigarettenqualm und gehen erst mal in die Stadt was essen zur Lagebesprechung. Wir finden das einzige vegane Restaurant der Stadt, bestellen drei verschiedene Gerichte, Smoothies und dann noch Maracuja-Käsekuchen – ein Traum!

      Da schlägt mein Veganerherz höher!

      In der Bruchbude bleiben wir nicht, das steht fest. Auf dem Weg zurück buchen wir uns also in ein Hostel ein, was ganz anständig aussieht und ich übernehme die Aufgabe, unserem Gastgeber zu erklären, dass wir nicht bleiben. Nicht ganz angenehm, das Gespräch, das kann ich euch sagen. Ich versuche so ehrlich wie möglich zu sein – auch eine Sache, die ich lerne beim Reisen: noch klarer formulieren, was man eigentlich sagen will, keine faulen Kompromisse mehr eingehen. Negative Situationen nicht ohne Not aushalten. Er hat nichts einzuwenden, was soll er auch sagen, und weg sind wir.
      Obwohl es anfängt zu regnen, nötigt Ellen uns, den Aussichtspunkt mit über 1040 Stufen zu besteigen. Hinterher bin ich ihr dankbar, denn die Aussicht ist gar nicht schlecht und die Bewegung tut auch gut. Außerdem haben sich die Warnungen, wie heiß es hier im Norden sein soll, nicht bestätigt.

      ‚Sarah, jetzt lach mal‘

      Zurück im Hostel treffen wir in der Küche auf eine Gruppe Franzosen (ältere Semester) – sechs Freunde, die zwanzig Tage zusammen wandern. Wir werden gefragt, woher wir uns kennen. „We are sisters.“ Ungläubige Blicke: „…from three different fathers?“ Ich muss laut lachen. Ja, immer wieder lustig, welche Reaktionen wir bekommen. So kommen wir ins Gespräch und werden eingeladen, mit ihnen auf der Dachterrasse zu essen, worauf Anne schon seit einer Stunde spekuliert, da sie deren Gulasch probieren möchte. Während des gemeinsamen Essens begleitet von Rotwein, finden wir heraus, dass einer der Männer sein Geld mit Gänsestopfleber verdient; der nächste ist Milchbauer. Er verteidigt sich vor mir mit dem Zusatz, dass alles bio ist. Und schon sind wir mitten in der vegan-soja-regenwald-gesunde ernährung-naturschutz-diskussion. Hier noch ganz angenehm, da nie zu ernsthaft und im richtigen Moment ein Witz gerissen wird, denn manchmal kann ich die Kommentare echt nicht mehr hören. Ich verabschiede mich ins Bett mit den Worten ‚ich hab recht! Bonne nuit!‘ und schaue in lachende Gesichter.

      Ellen hat schon vor ein paar Tagen betont, dass sie in den drei Wochen gerne möglichst viel sehen will und keine Zeit zu vertrödeln ist, was ich nachvollziehen kann. Bedeutet eben, dass man etwas schneller und teurer reisen und manchmal auch die Touristenangebote annehmen muss, die mir eigentlich zuwider sind. Mein Budget für diesen Monat wird also höher ausfallen als die Monate zuvor, aber die Zeit in Bolivien und Peru wird das hoffentlich wieder ausgleichen, da soll es nämlich endlich günstiger sein.

      Wir folgen also Ellens Wunsch und machen am Samstag eine Tour im Minivan mit zehn weiteren Touristen von Salta Richtung Norden über Humahuaca, durch die sieben bunten Berge (ohne Zwerge) hin zu den Salinas grandes, eine der großen Salzwüsten hier in Südamerika. Unser Tourguide und gleichzeitig Fahrer scheint in seinem früheren Leben Rennfahrer gewesen zu sein, denn er brettert gekonnt durch die Landschaft und wir überholen im Laufe des Tages alle anderen Vans, die ebenfalls auf Touritour sind. 

      Wie geahnt, sitzen wir die meiste Zeit im Van, halten aber an allen wichtigen Punkten mal länger mal kürzer, schießen lustige Fotos in der Salzwüste, kommen bis auf über 4000 Meter und essen in einem kleinen Dorf zu Mittag. Anne und Ellen bestellen Lamafleisch, was ich gar nicht befürworte. Als ich um mich schaue, bin ich beim Blick auf die Teller ziemlich frustriert, da fast alle nur das Fleisch essen und die Kartoffeln kaum anrühren – das wird ewig dauern bis sich hier etwas ändert, wo steuert unsere Welt nur hin…

      Mit leichten Kreuzschmerzen betrete ich am späten Nachmittag wieder die Straßen Saltas. Wir laufen zum Markt, kaufen Zutaten für Salat, den ich zubereiten werde und decken uns mit Obst ein. Der Besitzer des Hostels versucht uns zu überreden, auf der Terrasse mit den anderen Wein zu trinken, aber wir sind heute lieber Partymuffel und bleiben im Bett. Die Party auf dem Dach entgeht uns aber dennoch nicht, da unser Zimmer zum Innenhof geht und uns die Musik bei voller Lautstärke bis 4:30 beschallt, ganz zu schweigen von Knutschspielen und Gelächter. Wir haben einfach ein schlechtes Händchen, was die Nächte angeht.
      Dementsprechend unausgeschlafen stehen wir am Sonntag früh auf, trösten uns aber mit der Vorfreude auf das Hotel kommende Nacht, das wir in Cafayate reserviert haben. Die Fahrt dorthin führt uns fast vier Stunden durch ein beeindruckendes Felsenmeer.

      Boah, Cafayate ist heiß! Meine Schwestern zücken direkt ihren Hut, um sich vor der brennenden Sonne zu schützen. Nach zehn Minuten durch die staubigen Straßen erreichen wir das Hotel, was endlich unsere Erwartungen erfüllt: Pool, Jacuzzi auf dem Dach mit toller Aussicht über die Weinreben, Zimmer sind sauber und groß, frisch duftende Handtücher, geräumige Regendusche. Yes! Wir schmeißen uns direkt aufs Doppelbett. 

      Wer nach Cafayate kommt, sollte Wein mögen, denn hier gibt es mindestens zwanzig verschiedene Weingüter, wo man meist unangemeldet auf eine kurze Weinprobe vorbeischauen kann. Genau das haben wir heute vor, wollen aber vorher noch Empanadas probieren – alles dicht – Siesta. Also gibts erst mal nur Eis und dann direkt zum Weingut. Wir bekommen eine kurze Führung und vier Weine, die so lala sind. Aber macht Spaß und mit leichtem Schwips holen wir uns auf der Straße frisch geröstetes Panini, kühlen uns im Pool ab und steuern am Abend nochmal den berühmten Empanada-Laden an. Pünktlich, wie sich das für Deutsche gehört, sind wir kurz nach acht da, aber die Tür ist immernoch zu. Also trinken wir ein Bier am Marktplatz und danach ist endlich geöffnet. Anne und Ellen bestellen ein paar Variationen – ohne Käse und ohne Fleisch? Keine Chance! Scheiß drauf, ich probiere trotzdem eine mit Gemüse und etwas Ziegenkäse. Ellen meint, eigentlich sind Empanadas wie eingerollte Pizza; Fans sind wir irgendwie alle drei nicht.

      Weinprobe bei Bodega Nanni

      Frisches Panini und Empanadas

      Im Hotel legen wir uns zu dritt ins Doppelbett – fühlt sich ein bisschen an wie damals in Mama und Papas Bett zu liegen, wenn diese ausgegangen waren – und schauen einen Film auf dem einzigen englischen Sender hier. Wir schlafen hervorragend in frischen Leinen auf hervorragenden Matratzen.
      Das Frühstück, welch Überraschung, bietet fünf verschiedene Variationen von Weißbrot: weißer und dunkler Toast, Croisants, Blätterteig, aufgebackenes Brot und süße Bällchen – und da soll man noch in Form bleiben. Bevor wir am Abend Cafayate verlassen, genießen wir den Pool und die Hängematten.

      Heute trennen wir uns für fünf Tage, da Anne und Ellen nach Bariloche fliegen, um die Gegend da unten noch zu erleben. Da ich schon dort war, nehme ich den Nachtbus nach Cordoba. Am 15. treffen wir uns in Uruguay wieder, bissl Strand bevor der Urlaub für die beiden zuende geht.

      Der Tag der Entscheidung rückt näher: Mexiko ja oder nein, im Juni nach hause oder länger reisen? Die Liste wollt ihr gar nicht sehen, macht mich wahnsinnig, dieses hin und her im Kopf. Aber dann vertraue ich darauf, Ende Januar einfach zu spüren, was richtig für mich ist. Nicht soviel nachdenken…was soll schon passieren…

      Mir fehlt die gemeinsame Zeit mit Freunden besonders. Sich beim Reisen immer wieder verabschieden müssen und neu beginnen ist hart und kräftezehrend.

      Puerto Iguazu

      01 – 04 Januar 2017

      Nach der durchgefeierten Nacht verschlafen wir den halben Neujahrstag, machen uns gemütlich startklar und setzen uns dann am Abend in den Nachtbus nach Puerto Iguazu, da die Wasserfälle an der Grenze zu Brasilien auf der Liste meiner Schwestern stehen. Das Essen in den Bussen besteht übrigens aus Weißmehl und Zucker in verschiedensten Formen.

      Als wir am nächsten Tag gegen Mittag aus dem Bus steigen, schlägt uns die schwüle Hitze wie eine Wand entgegen . Das Hostel ist praktischerweise nahe am Bahnhof, bietet aber so einige Überraschungen: kein Frühstück und die Küche darf man auch nicht benutzen -für mich ein Unding, mini Zimmer, aber es gibt einen Pool, der die hohen Temperaturen zumindest etwas erträglicher macht; der Besitzer ist für meinen Geschmack etwas zu freundlich. Den Rest des Tages erkunden wir den Ort, der auf mich wie eine verlassene Geisterstadt wirkt und schauen uns den Sonnenuntergang am Fluss an.

      Ellen möchte das Abendessen im Hostel testen – ich passe, denn fühle mich heute irgendwie schwach und mein Magen spielt mal wieder verrückt. Das Essen ist enttäuschend, die Qualität mager und der einzige Pluspunkt ergibt sich daraus, dass alle gemeinsam an einem großen Tisch essen.
      Am Dienstag stehen die Wasserfälle auf dem Programm und ich muss zugeben, sehr beeindruckend! 

      Wir sind auf der argentinischen Seite und ich komme mir vor wie in einem Erlebnispark: fängt beim Drehkreuz am Eingang an, dann gibts eine Karte, wo welcher Wasserfall zu finden ist, die sich Ellen gleich schnappt, denn sie liebt es zu wissen, wo wir uns gerade befinden; kommt Anne und mir grad recht und so lassen wir uns von Ellen führen. Eine Bahn bringt einen quer durch den Park, wenn man nicht alles laufen möchte und Picknickplätze, die von Coatis beherrscht werden, welche darauf lauern, essen zu stehlen. Es ist heiß, wir schwitzen den ganzen Tag – da ist jede Erfrischung nahe der Wasserfälle in Form von Regenstaub willkommen. Nach so viel Wasser einigen wir uns darauf, die brasilianische Seite nicht auch noch sehen zu müssen.

      Zurück im Hostel vergnügen wir uns im Pool, ich breche den aktuellen Rekord auf ‚Free Willy‘ zu reiten und abends finden wir das perfekte Abendessen in einem kleinen Café: frische Smoothies, echte Salate und fritierte Maniok – ich bin seit langem mal wieder befriedigt!

      In Partylaune sind wir nicht, auch wenn das Hostelteam uns dazu überreden will. Ich frage mich dagegen, wo die ganzen Stiche an meinem Körper herkommen, denn bisher hab ich keine einzige Schnake gesehen. Anne entdeckt ihre Zuneigung zu einem kleinen Kater im Hostel, wir quatschen mit ein paar Gästen und gegen Mitternacht ist Schlafenszeit.

      Mittwoch: ich bin von Kopf bis Fuß komplett verstochen, sogar im Gesicht! Ellen schaut sich meine Stiche an und findet, dass die Muster eher wie Bettwanzen aussehen – mir wird schlecht, wie ekelhaft! Ein anderer Gast erzählt dann noch, dass er deswegen letzte Nacht woanders geschlafen hat. Alles klar! Wir checken heute sowieso aus, aber jetzt kann es gar nicht schnell genug gehen. Anne flüstert mir noch zu: „ich bin froh, dass du und nicht Ellen so gebissen worden bist, die wär durchgedreht!“ (Die beiden haben nicht einen einzigen Biss) Da hat sie wohl recht, denn Ellen schiebt so schon nen Film, will zuhause alles direkt in den Keller bringen und nur im Bikini in die Wohnung gehen, damit ihre Wohnung sauber bleibt – grins – das würde ich gerne sehen!

      Wir fahren zum Animal refugio außerhalb des Ortes, wo allerlei Arten untergebracht sind. Sinn der Anlage ist es, die Tiere wenn möglich wieder frei zu lassen. Die Tour, die wir bekommen, ist informativ, hier wird nachhaltig gedacht und die Quote exotische Tiere zu sehen, wird auch erfüllt. Rundum tolle Sache, gefällt uns.

      Animal refugio
      Dann kühlen wir uns nochmal kurz im Pool ab, werden den Schweiß los und weil es so gut war, essen wir nochmal im selben Café wie gestern.

      Danach geht es mit dem ersten Nachtbus nach Resistencia, wo wir den Tag verbringen, nur um in der nächsten Nacht nach Salta im Nordwesten zu kommen.

      Schön, die beiden hier bei mir zu haben: Familie, Vertrautes, kann mich entspannen, wir haben viel Zeit uns auszutauschen, über unser Leben zu philosophieren, wo die Reise hingehen soll – die beiden verstehen mich, da sie ähnliche Gedanken und Fragen haben.

      Buenos Aires

      24 Dezember 2016 – 02 Januar 2017

      Luis ist Ende zwanzig, aus der Dominikanischen Republik, lebt und arbeitet seit fast sechs Jahren in Buenos Aires und wohnt in Palermo, einem der schönsten Viertel hier mit den angesagstesten Restaurants, Bars und Clubs. Er hat keine Familie in der Stadt und so haben wir uns auf Couchsurfing gefunden um Weihnachten zusammen zu verbringen – seltsame Vorstellung, aber ich gehe der neuen Erfahrung neugierig entgegen. Am Nachmittag des Heiligabend holt Luis mich vom Flughafen ab. Die Hitze des berüchtigten Sommers in Buenos Aires hat ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Mit dem Bus fahren wir zu seiner Wohnung und mir fällt direkt sein starker amerikanischer Akzent auf, wenn er Englisch spricht.

      Luis wohnt im sechsten Stock einer Einzimmerwohnung und sein einziges Möbelstück ist ein schöner Echtholzschreibtisch, scheint als wäre er hier nur auf der Durchreise. Wir werden heute abend zu einem Couchsurfing Weihnachtsessen gehen, jeder bringt was zu essen mit. Vor ein paar Tagen hatte ich Luis eine Einkaufsliste geschickt, worauf er noch ganz süß gefragt hat, welche Art von Tomaten er kaufen soll. Ich bereite Couscoussalat vor und gegen zehn treffen wir bei unserer Gastgeberin ein und verbringen einen Abend unter Menschen aus aller Welt, von denen ich hier nur die nenne, die später auch noch eine Rolle spielen: Aurora aus Costa Rica, Ramin aus dem Iran, der seine Tasche mit den Worten „no, it’s not a bomb“ auf den Tisch stellt und Matias aus San Martin de los Andes.

      Unten links: Matias, Aurora und Luis. Ramin oben ganz rechts

      Für den ersten Weihnachtsfeiertag schlägt Aurora vor, sich in San Telmo zu verabreden. Mit am Start sind letztendlich noch Ramin und Luis und zu viert machen wir einen langen Spaziergang durch San Telmo, am Hafen entlang und durch die Innenstadt. Die Jungs zeigen uns die Stadt, wir haben anregende Gespräche über Argentinien, Südamerika und überhaupt die politische Situation in der Welt. 

      Zurück in San Telmo finden wir einen Tisch in einem Restaurant mit Tangoshow. Ronaldo stößt noch zu uns und mit lecker Eiscreme in einer der unzähligen Eisdielen geht ein entspannter harmonischer Tag mit Menschen zuende, die ich jetzt schon lieb gewonnen habe.

      Food and Tango

      Den Montag starte ich mit Aurora im berühmten Friedhof im Recoleta Viertel und treffen uns danach mit einer Freundin von ihr um im Park Mate zu trinken: „der Mate-Tee ist ein Aufgussgetränk aus den klein geschnittenen trockenen Blättern des Mate-Strauchs“ (danke wikipedia) und vor allem in Argentinien, Uruguay und Südbrasilien verbreitet. Meine erste Assoziation war grüner Tee. Bisher hab ich nicht einen einzigen Argentinier getroffen, der gar keinen Mate trinkt und viele gehen ohne ihre Thermoskanne und Tee gar nicht aus dem Haus. Das Ganze hat etwas sehr Geselliges, denn man lässt den Becher herumgehen, teilt das Getränk und verbringt so Zeit zusammen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, dass die Menschen hier wesentlich nahbarer und geselliger sind. So berühren sie sich mehr, die Männer sind aufmerksamer, was vornehme Gesten gegenüber Frauen angeht und ich hab das Gefühl, dass man sich hier mehr hilft, egal ob man sich kennt oder nicht.

      Sonnenuntergang auf der Dachterrasse, danach zeigt uns Luis Palermo – das Viertel ist wirklich wunderschön: überall sind die Bars und Restaurants geschmückt mit Lichterketten, die Inneneinrichtungen sind geschmackvoll und kreativ, es gibt schicke Hinterhöfe und überall gute Musik. Hier kann man von einer guten Bar in die nächste fallen. Wir schlendern durch die Straßen und setzen uns irgendwann zum Essen, erzählen uns Geschichten aus unserem Leben, vergangenen Beziehungen und ich bin mal wieder erstaunt, wieviel Rassismus vor allem Aurora schon begegnet ist. Ich genieße die Gesellschaft der beiden und bin dankbar hier sein zu dürfen.

      Luis ist übrigens unglaublich aufmerksam, tut, was er kann, damit ich mich wohl fühle und verbringt jede freie Minute mit mir. Ich wünsche ihm, dass sein Vorhaben in den USA einen Job zu finden, schnell Wirklichkeit wird.

      Auch die nächsten beiden Tage verbringe ich mit Aurora: 

      • Walking tour durch San Telmo und danach fahren wir auf Anraten von mehreren Seiten mit dem Taxi ins megatouristische Viertel La Boca, da es zu Fuß zu gefährlich ist. Einmal dort, sollte man sich nur in den belebten Straßen bewegen. Das ist aber auch der einzige Ort in Buenos Aires, den ich als gefährlich erlebe. Zurück im Zentrum laufen wir nach hause um noch mehr von der Stadt zu sehen.

      • Ich hab nen Friseurtermin bei Luis Nachbar – das war bitter nötig – dann kurz frischmachen und auf in die Temple Bar, auf die ich durch die heraustönende Musik aufmerksam werde und die uns dann überrascht mit einem begrünten Hinterhof, Lichterketten und Blick in den Sternenhimmel. Wir schreiben Luis an, er soll doch dazukommen und zu dritt landen wir im Kika-Club. Ich hab mich noch nie von allen Seiten so angeschaut gefühlt! Alle fünf Minuten hängt irgendein Typ an uns dran. Ich lerne, dass hier auch gleich mal schnell geknutscht wird und viel zu bedeuten hat das nicht. Wir tanzen, lachen und genießen, uns so begehrt zu fühlen. Als wir wieder ins Freie treten, höre ich Vogelgezwitscher.

      • Mit lange Schlafen ist nix heute, denn wir nehmen den Zug nach Tigre, ein beliebtes Tagesausflugsziel für Porteños, die Einwohner von Buenos Aires. In den zwei Stunden Fahrt lerne ich Aurora noch besser kennen und entdecke so einige Parallelen zwischen uns: andauernd auf Reisen, toppt mich aber um einiges und hat auch schon in Italien oder der Schweiz gelebt, Interesse am Fremden, hat bisher noch keinen Mann getroffen, der ihre Neugier auf mehr langfristig erhalten hätte. Sie ist unabhängig, intelligent, auf der Suche nach Neuem, nach Veränderung, Ende dreißig, keine Kinder, nicht mehr verheiratet, weiß auch nicht so recht, wo ihr Weg hinführt, hat ein spannendes Leben, viel zu erzählen, plant nicht gern. Ich finde sie zuckersüß und schließe sie spätestens heute ganz fest in mein Herz.

      • Wir bummeln durch die Handwerksmärkte, essen auf Stufen am Fluss unser selbstgemachtes Lunch und als wir zurück in Buenos Aires sind, ist gerade genug Zeit zum Umziehen, da wir mit Luis, Ramin und Matias beim besten Libanesen der Stadt, Sarkis, verabredet sind, um Aurora zu verabschieden, da sie morgen abreist. Nach dem leckeren Essen führt uns Ramin in eine ‚Secret Bar‘: es gibt weder ein Schild noch sonst ein Zeichen, einfach nur eine schwarze Metalltür und eine Klingel, hab sowas schon mal in Montreal gesehen. Moderne Möbel treffen auf altes Mauerwerk, gedimmtes Licht, ewig hohe Decken, viel Raum. Wir bestellen Cocktails und meiner haut mich fast um nach dem Wein zum Essen. Sehr gut, aber jetzt zu stark. Zudem bin ich hundemüde. Ich gebe meinen Cocktail ab an die Jungs und kann die Augen kaum aufhalten. Es muss fast zwei gewesen sein als wir uns von Ramin und Matias verabschieden, denn hier trifft man sich frühestens um neun zum Essen. Mit Luis und Aurora schlendere ich heimwärts und Aurora wirkt so gar nicht müde – ich ahne, wohin das führt, denn Luis scheint auch nicht abgeneigt: zehn Minuten später stehen wir im Kika-Club. Es ist Auroras letzte Nacht hier, ich muss morgen nicht arbeiten, also rein ins Getümmel; meinen toten Punkt hab ich auch bald überwunden. Wesentlich jüngeres Puplikum, ich hab aber trotzdem kaum eine Minute für mich. Mit Sonnenaufgang verlassen Aurora und ich den Club mit neuen Telefonnummern und Auroras neuem Knutschrekord, Luis hat sich schon vorher mit einer Schweizerin verkrümelt. Von da an nennt Luis mich nur noch party animal.

          Nach vier Stunden Schlaf muss ich raus, da heute meine Schwestern Anne und Ellen ankommen und für drei Wochen mit mir durch Argentinien reisen werden. Noch immer im Sparmodus hab ich ein sehr günstiges Zimmer über Airbnb gebucht, was sich später als Katastrophe herausstellen wird. Wir treffen uns am Busbahnhof und gehen quasi direkt zur ersten walking tour um den Nachmittag zu nutzen. Die ist aber ziemlich enttäuschend, da der Typ total nuschelt und man nur die Hälfte versteht, also seilen wir uns ab Richtung San Telmo und für die Mädels gibts das erste argentinische Eis.

          Müüüüde!

          Nach einer Nacht in einem stickigen Raum mit einer Tür, die man nicht wirklich schließen kann und welche in eine Art Patio führt, die auch von der Familie genutzt wird, Kakerlaken, dem Opa, der uns ganz witzig mit Hitlergruß begrüßt, ja ernsthaft und total lustig für uns, einem verstopften Klo, das Ellen als Pölpelmeisterin outet (die Schulung dazu gibts übrigens auf youtube und Anne und ich fragen uns unter Tränen, wie man auf die Idee kommt, sich sowas überhaupt anzuschauen – war aber sehr sehr hilfreich!) – wenn unser Onkel Günter das sehen könnte, der würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und versteht sowieso nicht, warum wir uns nicht mehr Luxus gönnen. „Mensch, ihr habt doch Geld, seid keine zwanzig mehr.“ Ja, wir ziehen um in ein Hotel, was übrigens zu dritt gar nicht viel teurer ist.

          Nachdem wir uns in unserer neuen Basis eingerichtet haben, fahren ich mit den beiden nochmal zum Friedhof und wir machen die Walking tour, die richtig interessant ist und man erfährt einiges über die Geschichte Argentiniens.

          Da ich schon die ganze Zeit von Palermo schwärme, habe ich uns für abends mit Luis verabredet: wir gehen in einen weltberühmten Burgerladen (nein, ich esse immernoch kein Fleisch, muss mich aber manchmal damit anfreunden, dass Käse im Rezept ist). Danach Folkloremusik und wir beenden den Abend in der Templebar, obwohl wir schon ziemich kaputt sind – also kein Club mehr heute, außerdem ist morgen Silvester, da wirds sicher spät.

          Silvester: die Party heute abend ist über Couchsurfing organisiert – hier in Buenos Aires ist das übrigens schon seit bestimmt zehn Jahren eine große Community, auf die nicht nur Touristen zugreifen, im Gegenteil! Wir verbringen den Tag mit der Organisation der nächsten Tage, ruhen uns aus und kaufen eine dreizehn Kilo schwere Wassermelone, unser Beitrag für das Buffet heute abend. 

          ‚Ich habe eine Wassermelone getragen‘

          Um neun treffen wir Ramin und laufen gemeinsam zum Gastgeber. Es ist die heißeste Nacht seit langem und ziemlich nass treten wir ein in eine bezaubernde Wohnung mit alten Dielenböden, hohen Decken, offener Küche und Terrasse. Mehr und mehr Gäste aus aller Welt trudeln ein, auch Luis, und wir sind begeistert vom Buffet, das so bunt und megalecker ist! Wir trinken, essen, schauen Feuerwerk, quatschen und tanzen bis drei Uhr morgens. 

          Dann beginnt eine kleine Odyssee über Palermo, wo die Straßen voll von jungen feiernden betrunkenen Menschen sind. Erst warten wir ewig auf den Bus Richtung Palermo, dort steigen wir mit Luis aus, treffen uns mit Matias und einer Freundin, Luis holt mehr Bier von zuhause, das er letztendlich alleine trinkt, weil wir schon genug haben und nach einer endlosen Suche nach einem freien Taxi steigt Matias mit uns in einen Bus, der uns in die Nähe unseres Hotels bringt und wir nur noch acht Blocks zu laufen haben. Matias erweist sich als echter Gentleman, ist selbst todmüde und fährt ein ganzes Stück mit uns, weg von seiner Wohnung. Dass meine Schwestern von ihm begeistert sind, war mir schon vorher klar und Ellen fühlt sich wieder einmal bestätigt in der Theorie, dass alle guten Männer schon vergeben sind. Ich füge hinzu: oder schon wieder geschieden. 7:30 Sonntag morgen sind wir im Hotel. Ihr kennt das Gefühl, nach so einer Nacht frisch geduscht ins Bett zu steigen? Traumhaft! Feliz año nuevo!