7 lagos: Bariloche, La Angostura, San Martin de los Andes

17 -24 Dezember 2016

In der Beschreibung steht veganes Frühstück und vegetarisches Dinner, was mich natürlich neugierig macht und ich mir ein Bett in diesem Hostel gesichert habe. Müde von der Reise im Nachtbus teile ich mir mit einem anderen Backpacker ein Taxi – wir sind gerade echt zu kaputt vier Kilomenter zu laufen oder abzuchecken wie und wann die Busse fahren. Wir steigen die steilen Stufen zum Eingang hinauf. Ein Typ mit Fukohila-Frisur öffnet uns die Tür, rechts geht es gleich über in einen gemütlichen Wohnbereich mit großem Esstisch, Sofas und einer Fensterfront, wirkt auf mich wie eine Art Wintergarten. Mein Taxifreund fragt nach einem freien Bett, aber alles voll. Ich will einchecken und dann heißt es auf einmal „eh, we gave your bed to someone else“. Na toll, fängt ja gut an! Dazu sagen muss ich, dass ich meine Reservierung telefonisch geändert habe (‚yes sure, no problem. Just come on Saturday‘). Jezt kann ich auf einmal nur eine Nacht anstatt vier bleiben und das Bett ist auch noch teurer. Da ich meine Pläne eh geändert hab, ist die eine Nacht ok und auf die zwei Euro mehr kommts jetzt auch nicht an. Das Viererzimmer ist winzig und das Mädel, das ich dort antreffe, hat sich auch noch voll ausgebreitet. Eine Nacht, Sarah…Alle finden das Hostel totaaal toll, alles hipster und so, aber ich spürs nicht. Mittlerweile brauch ich nicht mal zwei Minuten um die Schwingung in einem Hostel wahrzunehmen und zu wissen, ob ich mich hier gut fühlen werde. Ich stelle mein Zeug ab, gehe wieder runter ins Wohnzimmer und logge mich im wifi ein (übrigens eins der Hauptkriterien heutzutage). Muss mich noch um ein Fahrrad kümmern, da ich eine Tour machen will entlang der Ruta 40 durch sieben Seen, von der alle schwärmen. Das Angebot, das ich bisher habe, erscheint mir aber zu teuer. An der Rezeption verweist man mich nur an die gleichen Leute. Da ich heute eh nichts mehr geregelt bekomme, skype ich mit Meike und Diana und lande mal wieder bei dem Thema, wie mein Leben aussehen soll. Weiter hinten im Raum sitzt ein blonder Mann mit Bart am Laptop und ich hab das Gefühl, dass er zuhört und mich versteht, da er ab und zu schmunzelt und zustimmend nickt: Carsten aus Hanover. Er hat seinen Bankjob gekündigt, war zwölf Jahre in einer Beziehung und fährt seit drei Monaten mit dem Fahrrad durch Südamerika. Fünfundzwanzig bis dreißig Kilo (mit Essen) hat er dabei. Den europäischen Sommer hat er bei Freunden im Surfhostel in Portugal verbracht und dort ausgeholfen. Nach der Reise wird er wieder nach Portugal gehen und kann dort auch im Hostel mit einsteigen und die Finanzen übernehmen, ganz zu schweigen davon, dass er dort das Meer vor der Tür hat und jeden Tag surfen kann. 

Carsten hat eine erfrischende Art und vor allem ein ansteckendes Lachen. Er versichert mir, dass ich morgen in La Angostura (mein nächstes Ziel) ganz sicher ein Fahrrad für weniger Geld finde. Er zeigt mir den nächsten Supermarkt, ich bereite mein Abendessen zu und teste dann mit Carsten das Bier in den Kneipen in unserer Straße. Nach dem Frühstück am nächsten Tag führt er mich durch Bariloche, die Weihnachtsdeko ist übrigens ziemlich traurig, wir sitzen auf einer windgeschützten Parkbank in der Sonne, trinken Kaffee und chillen im Hostel. 

Bariloche – bekannt im ganzen Land für Schokolade

Carsten genießt es mal wieder auf deutsch tiefgründigere Gespräche führen zu können. Er ist ein wirklich guter Zuhörer und für mich einer dieser Menschen, die so klar wirken, eine konkrete Vorstellung davon haben, was sie wollen und wie sie das praktisch umsetzen. Gleichzeitig zeigen mir diese Menschen immer auf, was mir fehlt und wie ich sie um diese Klarheit beneide.

Am späten Nachmittag ist es Zeit für mich zu gehen; ich füge Carsten als facebook Freund hinzu, ein gemeinsames Foto, eine Umarmung und los zum Busbahnhof. Dort warte ich ungeduldig über eine Stunde auf den Bus, denn es herrscht schreckliche Depristimmung. In La Angostura holt mich Carlos ab, bei dem ich eine Nacht schlafen werde. Im Auto wartet sein Freund und dessen zwei Couchsurfer. Wir fahren zu seinem Freund, der etwas außerhalb am Waldrand in einem stilvoll eingerichtetem Haus lebt und werden verwöhnt mit hausgemachter Pizza und gutem Rotwein. Irgendwann greift der Gastgeber zur Gitarre und gegen zwei Uhr morgens fallen mir fast die Augen zu.

Als ich am nächsten Tag in den Ort laufe, um mir ein Fahrrad zu mieten, ist es schon fast Mittag, aber ich werde fündig: anstatt meinen großen Rucksack an meinen Zielort bringen zu lassen, miete ich einen Anhänger dazu. Ich bin skeptisch, ob das zusätzliche Gewicht die ohnehin anspruchsvolle Strecke nicht zu schwer macht, doch der Besitzer des Fahrradverleihs meint, das wäre halb so wild. Außerdem schauen wir uns die Strecke auf der Karte an und er zeigt mir, wo ich übernachten kann. Damit ihr eine Vorstellung über mein Vorhaben bekommt, hier mal ein paar Eckdaten: 110km in zwei Tagen, Übernachtung auf einem Campingplatz auf halbem Weg (Zelt hab ich keins, aber eine Nacht geht angeblich auch ohne), die Strecke ist asphaltiert, geht nonstop auf und ab und bietet traumhafte Landschaften inmitten von sieben Seen, die der Gegend ihren Namen geben.

Ich esse noch mit Carlos zu mittag und relativ überraschend kommen wir auf meine Wünsche und Ziele im Leben zu sprechen. Ist nicht ganz einfach für mich, das ganze auch noch auf Spanisch auszudrücken und ich bin etwas frustriert wieder zu spüren, dass ich nicht weiß, wohin mein Weg konkret führen soll. Carlos hört jedoch sehr aufmerksam zu und scheint angetan. Jetzt ist es fast ein wenig schade, dass ich schon aufbrechen muss, aber wenn ich jetzt nicht losfahre, wird es dunkel bevor ich ankomme. Ich drücke Carlos und schwinge mich aufs Rad, begleitet von gemischten Gefühlen: Respekt vor der Strecke, anstrengende hundertzehn Kilometer- warum mach ich das eigentlich?

Die Gegend wirkt teilweise wie gemalt, wirklich wunderschön. Relativ schnell merke ich, dass der Anhänger mit Rucksack sehr wohl einen riesen Unterschied macht. Es geht scheinbar ewig stetig bergauf. Aber ich bin fit, meine Beine muskulös, du kannst das, Sarah. In den ersten dreißig Kilometern mache ich kurze Pausen um Fotos zu machen. Wenn es bergab geht, denke ich allerdings schon wieder an den nächsten Anstieg. 

Dann fängt mein Knie leicht an zu zwicken. Ich lege eine Essenspause ein und fange an zu rechnen: zwanzig Kilometer, zwei Stunden noch, dann wird es auch bald dunkel werden. Bis zum Campingplatz in der Mitte muss ich kommen. Als ich wieder aufs Rad steige, ist der Schmerz direkt wieder da. Ich erinnere mich an das Ende meiner letzten Tour. Außerdem kann ich kaum sitzen, der Sattel tut weh. Mit jedem Kilometer sticht der Schmerz heftiger und mich verlässt nach und nach die Zuversicht, die ganze Strecke zu schaffen. – Warum machst du das? Wem willst du was beweisen? Scheiß Anhänger, allein der wiegt sicher fünf Kilo. So kannst du morgen niemals weiterfahren. Aber mit dem ganzen Zeug kann dich auch nicht jeder mitnehmen, ganz davon abgesehen, dass kaum Verkehr ist. – Während ich mich Meter um Meter den Berg hochkämpfe, meine körperliche Erschöpfung spüre und der Schmerz langsam unerträglich wird, schießen mir Tränen in die Augen und wie ein kleines Mädchen, das nicht heulen will, wimmere ich vor mich hin. Hier ist nichts, nur Natur, ab und zu mal ein Auto, absolute Stille der Natur. Ich halte an, stütze meinen Kopf auf meine Hände am Lenker und fange laut an zu heulen, schreie, kann nicht mehr…….so stehe ich da, mutterseelenallein und heule einfach nur alles hinaus. Zum ersten Mal in dieser ganzen Zeit habe ich eine starke Sehnsucht nach zuhause, möchte von meinen Freunden in den Arm genommen werden. Ich vermisse meine vertrauten Menschen, bin an meinem persönlichen Tiefpunkt. 

Was jetzt? Fragt mich nicht wie, aber total fertig komme ich am Schild zum Campingplatz, der nochmal vier Kilometer waldeinwärts liegt, an. Option 1: auf dem Camping schlafen und mir den Arsch abfrieren, von wegen eine Nacht geht – die Sonne ist schon weg und es ist kalt. Option 2: Hotel – hab eins gesehen in der Nähe, bestimmt arschteuer. Option 3: jemanden finden, der mich nach San Martin de los Andes fährt. Ein älterer Mann im Kombi hält an und fragt, ob er helfen kann. Nachdem ich ihm meine Situation geschildert habe, fragt er, ob ich verrückt bin: ganz allein, 110km, ohne Zelt, was ich mir gedacht habe. Ich muss mich zusammenreißen, könnte grad wieder losheulen. „Hör zu, ich warte, bis mein Sohn und Enkel von ihrer Tour zurück sind, dann schaue ich, ob du noch da bist.“ Über eine Stunde stehe ich in der Kälte, bewegungs- und handlungsunfähig, halte den Daumen raus, wenn ich einen Van oder Pickup sehe, aber keiner hält an, es wird immer dunkler. Es ist fast halbzehn als der Mann zurückkommt, das Rad aufs Dach schnallt, mich mit all meinen Sachen einpackt und fragt: „Wo willst du hin?“ Als wir gegen halb11 in San Martin ankommen, ist es stockdunkel. Mein Couchsurfer Leonel empfängt mich ganz spontan eine Nacht früher, ich bekomme was Warmes zu essen, nehme eine heiße Dusche und falle völlig erschöpft ins Bett.

Am Dienstag gebe ich das Fahrrad ab, koche für Leonel, laufe durch den Ort, es fängt an zu regnen und treffe mich über Couchsurfing zuerst mit Xavier, auch ein Reisender, auf ein Bier. Er ist aus Frankreich, hat seinen Bürojob vor zwei Jahren gekündigt und betreibt jetzt einen Fahrradverleih am Atlantik. Abends besuche ich Pablo, bei dem ich auch hätte schlafen können und wir machen zusammen Pizza. 

Ich fühle mich nicht gut. Die Tage vergehen und ich habe keine überragenden Erlebnisse, kann es kaum abwarten am 24. nach Buenos Aires zu kommen. Das kalte und regnerische Wetter hier ist auch nicht hilfreich; ich brauche wieder Wärme und Leute um mich, mit denen ich mich verbunden fühle, hab gerade die Schnauze voll von Bergen und Seen. An meinem letzten Tag bei Leonel machen wir noch einen Spaziergang zum Aussichtspunkt des Ortes und abends läd er Freunde ein, es gibt mal wieder Pizza und wir spielen Karten und das Rollenspiel Werwolf, was ich dank meiner Schüler schon kenne und mich außerdem etwas ablenkt.

Donnerstag früh treffe ich mich in einem kleinen aber feinen Café mit Xavier. Wir sitzen auf den Holzbänken und ich genieße die Sonne im Gesicht. Heute trampen wir zurück Richtung Bariloche und ich bekomme die ganze Strecke bei Tageslicht zu sehen.

Wir lassen uns auf halbem Weg absetzen um uns zwei Seen genauer anzuschauen. Das Trampen läuft problemlos und bevor wir uns in Bariloche verabschieden, trinken wir noch ein letztes gemeinsames Bier.

Gegen sechs Uhr abends komme ich bei Nahuel an. Ein wahrer Sonnenschein öffnet mir die Tür. Sein Haus hat positive Energie und ich fühle mich sofort total wohl. Bei einem Kaffee nähern wir uns einander an, verdammt strahlend blaue Augen hat er! Nahuel ist Anfang vierzig, Single, Guide für Berge und Ski, hat einen Sohn und ein großes gutes Herz.

Am Abend nimmt er mich mit zu seinem Freund Fabian, der in einem urigen Haus am See wohnt. Dort treffen wir neben ihm auf seine zwei Söhne und einen weiteren Freund. Wir kochen und essen gemeinsam, trinken Wein und Fabians charmant verrückte Art erinnert mich an meine Freundin Helga: wie er durch Papierstapel blättert, mir Zitate aus Büchern zeigt, ein Auge für Kleinigkeiten hat und der Satz ‚das macht man so‘ für ihn sicher ein Fremdwort ist.

Als wir alle schon ziemlich beschwipst sind, dreht er die Musik auf, macht das Licht aus, gibt jedem eine Sonnenbrille und bei Diskolicht aus einer Taschenlampe tanzen wir in seinem Wohnzimmer. Ich hab ein Lachen im Gesicht. Schön, dass es solche Menschen gibt – Fabian ist einfach er selbst, ganz ohne auferlegte Regeln so vollkommen anders als die Norm und dadurch herrlich erfrischend.
Zurück zuhause nimmt mich Nahuel feste in den Arm, was unglaublich gut tut. Ich fühl mich momentan ganz verletzlich und er geht sehr sensibel damit um.

Nach dem Kaffee am nächsten Morgen gehe ich joggen und Nahuel muss einkaufen. Morgen führt er eine reiche amerikanische Familie durch die Berge und dann gibts ein fancy Picknick. Später kochen wir gemeinsam und erzählen uns dabei von unserer letzten Beziehung und wie diese unser Leben verändert hat.

Am Abend erlebe ich ein kleines Abenteuer mit ihm: wir fahren zum nahegelegenen See, legen uns ins Gras und trinken ein Bier während wir in die sich neigende Sonne schauen. Dort treffen wir auf einen seiner Freunde, fahren an ein anderes Ufer, wo sie ein altes Schlauchboot zu Wasser lassen und ich mit vier Jungs über den See brettere. Meine Versuche trocken zu bleiben, gebe ich schnell auf, da ich nach zehn Minuten komplett durchnässt bin und mit schwindender Sonne wird mir immer kälter, was ich gar nicht mehr lustig finde. Nahuel schaut mich mit prüfendem Blick an und als ich dann das Wasser im Boot und die schelmischen Jungs ansehe, muss ich doch schon wieder lachen. Wir halten an einer Stelle, wo die letzten Sonnenstrahlen das Ufer erreichen, zwei der Jungs flacken sich ins Gras und wir teilen uns ein Bier. Mir gefällt die Zufriedenheit der Jungs mit so einfachen Dingen. Ich zittere am ganzen Körper und wir machen uns endlich auf den Rückweg.

Zuhause beschert mir Nahuel dann den perfekten Abend: während ich heiß dusche, kocht er Gemüsesuppe. Diese und der Rotwein wärmen mich von innen, im Rücken die Heizung, könnte ich mich gerade nicht wohler fühlen. Wir leeren die Flasche und legen uns schlafen.

Das Universum schickt uns genau die Menschen, um die wir bitten, die uns etwas lehren, die uns helfen zu heilen.

Mit einem tiefen Blick in die Augen und einer festen Umarmung muss ich mich am Morgen des Heiligabend von Nahuel verabschieden. Ich trampe zum Busbahnhof und nehme dort den Bus zum Flughafen, denn heute fliege ich nach Buenos Aires.

Puerto Varas

13 – 17 Dezember 2016

Puerto Varas ist postkartentauglich: direkt an einem riesigen See umgeben von Vulkanen. Einer davon ist Anfang letzten Jahres ausgebrochen, die Lawa schoss elf Kilometer in die Höhe – elf Kilometer! Das muss man sich mal vorstellen. Ein paar Häuser wurden durch die herabfließende Lawa zerstört, aber zum Glück niemand verletzt.

Meine Unterkunft ist wie ausgestorben und macht einen ziemlich traurigen Eindruck, daher lege ich meine Sachen ab und laufe zum Hostel, das pro Nacht fünf Euro teurer ist, dafür aber um Welten besser und buche mich für die restlichen drei Tage hier ein: relativ neu, top Küche zum Kochen, viel Platz im Bett, Regendusche mit gescheitem Wasserdruck – ach ja, hier lässt es sich aushalten.

Danach treffe ich mich mit Jason, einem Freund von Felix (meine Bekanntschaft aus Salvador). Mit Felix bin ich die ganze Zeit über in Kontakt und da er auch in Chile arbeitet, kennt er hier ein paar Leute. Jason kommt aus Oregon, verdient sein Geld hier als Guide und macht Kurse mit Kindern, um ihnen die Natur näher zu bringen. Er gibt mir einen Überblick, was ich hier alles machen kann, wo ich ein Fahrrad leihen sollte und bietet an, morgen eine Tour mit mir zu machen: in einen Teil des Regenwaldes hier am Fuße des Vulkans. Ist nicht ganz billig, aber ich sage zu – habe das Gefühl, das könnte interessant werden.
Noch am selben Abend findet in einer Bar am See ein Couchsurfing Treffen statt, was mir gerade recht kommt, da in meinem Hostel wie gesagt tote Hose ist. Ich treffe auf ein paar Chilenen, die entweder von hier sind oder gerade hier arbeiten, was mir die Möglichkeit gibt, mein Spanisch weiter zu üben.

Um neun Uhr am nächsten Morgen holt mich Jason ab. Ich lade mein komplettes Gepäck in seinen Kombi, da er mich abends direkt zum neuen Hostel bringen wird. Bevor wir mit dem eigentlichen Hike beginnen, fahren wir knapp zwei Stunden auf der Carretera Austral: es gibt viel zu sehen und ich bin ganz gefesselt als Jason vom letzten Vulkanausbruch erzählt, da er einen Tag vorher sogar noch oben war. Unser Gespräch führt uns zu Zielen, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten im Leben – wir verstehen uns ohne große Erklärungen, da er schon die gleichen Phasen durchlebt hat wie ich gerade. Er hat seine Leidenschaft gefunden und seine Faszination für die Natur ist so lebendig, dass ich mich frage, was meine große Liebe ist.

Du musst dich fragen, für was dein Herz schlägt, was dich begeistert und diesem Ruf folgen.

Am Nationalpark angekommen parken wir das Auto und laufen los. Das Wetter ist perfekt: sonnig, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Zunächst bewegen wir uns auf normalen Wanderwegen bis Jason mich fragt, ob ich bereit bin einen weniger benutzten Pfad zu gehen, der wahrscheinlich etwas schwieriger ist – was für eine Frage – let’s go!

Die Wege sind mal steinig, mal aus Holz, manchmal auch matschig und ich bemühe mich, keine nassen Füße zu bekommen – dabei hieß es meine Laufschuhe sind ausreichend. Ja ja – das hat er geschickt eingefädelt um mich nass zu sehen, scherze ich.

Regelmäßig halten wir kurz an und Jason erzählt mir hier und da etwas zu den Pflanzen und Bäumen, die wir passieren. Er lässt mich an Blättern riechen, Sträucher und Moos berühren und die Größe und Form der uralten Bäume hier bestaunen. Es ist faszinierend und ansteckend, mit welcher Begeisterung er durch den Wald geht.

Dann geht es einen schmalen Pfad hinauf und wir erreichen zwei kleine Holzbänke inmitten riesiger Bäume. Wir setzen uns und ich lerne wie Bäume miteinander kommunizieren, sich auch außerhalb ihrer Art gegenseitig helfen und erfahre einen Moment des größeren Zusammenhangs als wäre ein Denken der Natur vorhanden, da das Zusammenspiel perfekt ist.

Es geht nicht darum, stärker als andere zu sein sondern darum zu teilen, damit alle überleben und stark sein können.

Jason spricht von der Distanz zwischen Mensch und Natur: wie so viele einmal im Jahr ‚in die Natur‘ fahren, sich erholen um sich dann wieder von neuem in den Stress zu stürzen. Dabei sind wir selbst Natur und müssen uns wieder als Teil dieser erkennen um mehr Einklang mit ihr zu schaffen, mehr Bewusstsein, mehr Einsicht, was letztendlich zu Taten führt, die verdammt nochmal bewahren und nicht zerstören.

Jason weiß, dass man auf Reisen selten Momente für sich alleine hat und läuft schon mal vor um mir Zeit für mich an diesem Ort zu geben. Ich blicke in den Himmel, atme tief ein und aus und spüre die Lebendigkeit der Natur.

Mit einem Picknick ganz nach meinem Geschmack beenden wir unseren Ausflug.

Am nächsten Tag mache ich auf Jasons Empfehlung hin eine Fahrradtour in den 35km entfernten Ort Frutillar mit deutschem Einschlag, da die Landschaft dorthin zu schön ist um mit dem Bus durch zu rauschen. Der Typ im Fahrradverleih meint noch, dass die Strecke nicht ohne ist, fragt mich wie fit ich bin und ob ich einen Reifen flicken kann (dank Papa ja); eine Abkürzung gibts auch, die richtig hart ist, weil aus Schotter, aber dafür acht Kilomenter weniger. Mal schauen, den Hinweg fahre ich auf jeden Fall am See entlang.

Mit Helm, Flickzeug, viel Wasser und Proviant fahre ich los und muss mich zurückhalten, nicht dauernd anzuhalten um Fotos zu schießen, denn die Gegend ist wirklich wunderschön, aber so komme ich nie an. Der Schotterweg führt mich gleich zu Beginn entlang alter Zuggleise: ganz schön eng und nicht ganz einfach, muss ganz schön aufpassen, sehe mich schon im Graben liegen – dass sowas überhaupt als Fahrradweg bezeichnet wird.

Nach viel mehr Schotter und Blumenwiesen kommt endlich der Asphalt. Dafür geht es jetzt allerdings stetig bergauf und ab. So eine steile Bergaufphase kann schon mal zwanzig Minuten dauern und ich bin sooo kurz davor zu schieben. Ich brülle die Anstrengung heraus – die Blöße gebe ich mir nicht – dabei ist kein Schwein unterwegs hier, würde also niemand sehen, aber mein Ehrgeiz lässt das nicht zu. Ich muss an meine Volleyballer Steffi und Thorsten denken und wie Steffi immer kichert, wenn sie die kleinen Gänge an ihrem Fahrrad einlegt und scheinbar mit null Anstrengung bergauf fährt, wenn wir Mannemer unsere LU- Freunde besuchen. Die soll ihr Fahrrad mal hierher bringen! Fuck, ist das hart! Wo es hoch geht, gehts auf wieder runter und zwar lange und schnell. Der Fahrtwind trocknet meinen Schweiß und ich werde von Hügel zu Hügel mutiger, bremse weniger und steige mit mehr Schwung am nächsten Berg in die Pedale. Die Landschaft ist absolut rein und idyllisch und ich höre nichts außer Vögel, Wind und Stille, was einen Großteil meiner Erschöpfung wieder gut macht. 

Mit knurrendem Magen komme ich in Frutillar an und verdrücke direkt meine Erdnussbutterbrote und einen Apfel. Der Ort ist wirklich winzig: malerischer See mit Steg, eine Konzerthalle, Cafés, die deutschen Kuchen anbieten und ein paar Restaurants. Weiter oben am Berg gibts nen kleine Park, da bringt mich jetzt aber keiner hoch. Dass die hier alle so abfahren auf typisch deutsche Häuser – siehts bei uns wirklich so aus? Ich schlendere durch zwei Straßen, knipse schöne Bilder am See und dann steht der Heimweg an. 

Mindestens zwei Stunden wird das dauern und mein Arsch tut jetzt schon weh. Ich entscheide mich für die Abkürzung, denn bei dem Gedanken an die langen Talfahrten, die ich hatte, vergehts mir. Da geb ich’s mir lieber kurz und dreckig. Das könnt ihr übrigens wörtlich nehmen, denn die Abkürzung besteht komplett aus staubigem Schotter und geht, wer hätte es gedacht, steil auf und ab – wenn ich da mal nicht auf die Fresse fliege.
Fix und fertig mit siebzig Kilometern in den Beinen und leichtem Zwicken im Knie komme ich gegen sechs Uhr abends nach Puerto Varas. Jetzt nur noch das Fahrrad abgeben und drei Kilometer heim laufen – ein Katzensprung. Im Hostel koche ich, trinke wohl verdienten Wein und chille – tolle Atmosphäre hier. Bin stolz auf mich, hab den Kopf frei bekommen und alleine sein war heute auch gut.

An meinem letzten Tag hier regnet es unaufhörlich in Strömen. Ideal um nichts zu tun, einfach nur abzuhängen, essen, Tee trinken, quatschen. Um 17Uhr habe ich das Skype Interview mit der Schule in Puebla in Mexiko. Hört sich alles sehr gut an und die Arbeit wäre ähnlich wie zuhause; zudem ist es dort das ganze Jahr warm; jetzt noch alle Unterlagen hinschicken, dann gehts weiter, also abwarten.

Am Samstag nehme ich den Bus nach Bariloche in Argentinien und verlasse damit Chile. Zur Grenzkontrolle gibt es noch eine kleine Anekdote: am Schalter der chilenischen Grenze treffe ich auf den ersten wirklich gut aussehenden Chilenen: er wirft einen Blick auf meinen Pass, schaut mich an und sagt:“So Sarah, you are 35 years old?“ Ich:“Si“ Nach kurzem Innehalten fragt er:“Are you single?“ What? Hat der das gerade wirklich gesagt? Ich muss lachen und grinse ihn an. Wir tauschen noch schnell einen Blick aus und dann muss ich auch schon weg. Flirtet der Grenzbeamte doch tatsächlich mit mir! Und genau das liebe ich an Südamerika: nicht alles so steif, wir sind doch alle Menschen mit Gefühlen.

Valdivia

10 – 13 Dezember 2016

Ricardo, mein Couchsurfing Gastgeber, holt mich vom Busterminal ab. Mit einem strahlenden Lachen im Gesicht umarmt er mich und wir laufen zu ihm nach Hause. Wie ich so neben ihm hergehe, spüre ich seine positive lebensfrohe Ausstrahlung, die mich entspannt. In seiner kleinen kuscheligen Wohnung mit vielen Details, die es zu entdecken gibt, plaudern wir bei Chai-Tee und Ricardo wird mir mit jedem Moment sympathischer und vertrauter: er hat eine Flamenco Tanzschule, eine Ausbildung in der Behandlung mit Magneten und besitzt spirituelle Fähigkeiten, die mich faszinieren.

Ricardo’s home

Wieder einmal bin ich erstaunt: Menschen, die uns begegnen, treten nicht durch Zufall in unser Leben. Wenn wir aufmerksam wahrnehmen, uns öffnen, Veränderungen zulassen, werden wir bereichert, begleitet von einem Gefühl tiefer Erfüllung.

Nachdem wir im besten Restaurant der Stadt Falafel Sandwiches essen und echt gutes Bier aus Valdivia trinken, machen wir einen langen Spaziergang, der uns entlang am Fluss mit Seelöwen, durch einen kleinen Markt führt, hin zur anderen Uferseite in eine ruhigere gehobenere Wohngegend. Direkt am Wasser machen wir auf einer Wiese halt und setzen uns ins Gras. Hinter uns die schicken Villen schauen wir auf Schilfgras, Wasser und riesige Wälder. Flora und Fauna sind verblüffend ähnlich zu meiner Heimat in Deutschland. Obwohl wir uns erst seit ein paar Stunden kennen, empfinde ich auch die Stille mit Ricardo als sehr angenehm und so dösen wir im Gras liegend und schlafen sogar kurz ein.

My personal city guide

Im Gras liegen, tief ein- und ausatmen und genießen

Zurück zuhause trinken wir mehr Tee, sein Schüler Nico kommt für eine Stunde vorbei um für einen Auftritt morgen Abend Flamenco Lieder auf der Gitarre zu üben. Danach ruhen wir uns aus, Ricardo zeigt mir seine Lieblingsmusik und gegen elf abends ziehen wir los – ist schön, sich mal wieder rauszuputzen, wenn man sonst dauernd in Sportleggins und T-shirt rumrennt. Ricardo liebt übrigens Hüte, ich habe mindestens zwanzig gezählt.

Sushi!

Erste Anlaufstelle ist ein Sushirestaurant – sehr lecker! Nach einem Bier in der Karaokebar gegenüber, zum Singen kommen wir aber nicht, bringt uns ein Taxi zum größten Hotel der Stadt, das auch einen eigenen Club hat. Dort treffen wir die zwei Jungs, mit denen wir uns schon in der Bar unterhalten hatten. Es gesellen sich noch zwei Mädels dazu und wir quatschen, tanzen, lachen und knabbern Erdnüsse. Irgendwann verabschiede ich mich mit Ricardo und zu zweit fahren wir zurück ins Zentrum in den zweiten Club. Im Außenbereich werde ich überrascht von guter Elektromugge und wir bewegen uns zum Beat.

Was gehört zu einer durchgefeierten Nacht? Essen! Hier gibts weder Döner noch Grieche, also landen wir um fünf morgens bei Subway – ja, da gibts auch was veganes. Begleitet von Vogelgezwitscher laufen wir nach hause und nach einem perfekten Tag schlafe ich lächelnd ein.
Nico kommt am nächsten Mittag mit Brot und wir frühstücken gemeinsam. Die beiden fahren heute für eine Show nach Puerto Montt und ich werde bis morgen mittag alleine sein. Da es den ganzen Tag regnet, verlasse ich die Wohnung heute nur um Essen zu kaufen. Ich mache mal wieder meine Übungen, und kümmere mich um meine Weiterreise. Da ich mich so wohl bei Ricardo fühle und noch ein bisschen Zeit mit ihm verbringen möchte, werde ich einen Tag länger als geplant hier bleiben. Außerdem vermisse ich Brasilien, ich sollte mal länger an einem Ort bleiben, der mir wirklich gefällt.

Am nächsten Tag kaufe ich mein Busticket und alle Zutaten für das Thaicurry, das ich heute Abend für Ricardo kochen werde. Irgendetwas lastet auf mir, aber ich kann es nicht greifen, bin den Tränen nahe. Ich mache einen langen Spaziergang am Flussufer, setze mich auf eine Bank in die Sonne und muss weinen. Ich verstehe selbst nicht so ganz, was in solchen Momenten mit mir los ist. Ich hab kein klares Ziel vor Augen, will nicht zurück in alte Muster, mehr vom Leben, erfüllende Momente mit spannenden guten Menschen teilen.

Ich bereite alles fürs Essen vor und fange direkt an zu kochen als Ricardo abends nach verspäteter Busfahrt heimkommt. Sein junger Cousin, mit dem er zusammenlebt, ist auch da. Die beiden schwänzeln um mich rum, angelockt vom Duft, der aus dem Topf strömt. Bruschetta mit Avocado, Tomate und Walnüssen verkürzt die Zeit des Wartens. Wir stoßen an mit Malbec und mich freuts, dass mein Thaicurry schmeckt. Die Schokopralinen, die ich heute gekauft habe, runden unser kleines Menü ab. Wir reden noch eine ganze Weile und als es Schlafenszeit ist, überlässt Ricardo mir sein Bett und schläft selbst auf dem Sofa. Ganz viel Herz, dieser Mann!

Ricardo hat um zehn eine Schülerin, die er selbst fast vergessen hätte und so haben wir leider nicht viel Zeit am Morgen. Ein letzter gemeinsamer Tee, eine feste Umarmung, er geht und ich verlasse wenig später mit seinem Cousin die Wohnung Richtung Busterminal. Nächstes Ziel Puerto Varas.

Pucon

07 – 10 Dezember 2016

Mit dem Nachtbus gehts nach Pucon und am nächsten Morgen checke ich im Chili-Kiwi-Hostel ein, welches letztes Jahr die Auszeichnung zum besten Hostel Chiles bekommen hat. Direkt am See genießt man Bilderbuch-Aussicht, hinter dem Haupthaus trifft man auf einen Bereich mit Laub- und Kirschbäumen inmitten einer riesigen Holzhütte mit Küche und Essbereich, einer Art Bungalow, ganz neu, mit zwei Zimmern, Bad und weiterer Küche, außerdem zwei Hobbithäuser (der Besitzer ist aus Neuseeland), Sitzbänke und ein Essbereich im Freien mit Sonnenschirm – alles in allem eine verdammt idyllische Anlage, die Küchen sind vorbildlich ausgestattet und die Zimmer mit einigen Detais versehen, die den Wohlfühlfaktor für einen Backpacker enorm erhöhen: Steckdose und Licht am Bett, gute Matratze ohne Plastik, Steckdose im Locker, Holzbetten, genug Platz.

Nachdem ich mich eingerichtet und für die Besteigung des aktiven Vulkans Villarica angemeldet habe, erkunde ich den Ort. Der deutsche Einfluss der Kolonien von damals ist nicht zu verkennen. Ich kaufe eine Flasche Wein und Proviant und entspanne den Rest des Tages. Abends gibt es noch eine kurze Einweisung für morgen – um sechs Uhr gehts los.

Im Morgengrauen werden wir ausgestattet mit Rucksack, Helm, Jacke, Stiefeln, Schneeschutz, Eispickel, Handschuhen und Gasmaske. Dann wird alles auf einen Pickup geladen und unsere Gruppe, bestehend aus zwölf Touristen und vier Führern fährt im Van und Pickup zum Fuß des Vulkans, wo die eigentliche Besteigung beginnt. 

Schon in der ersten halben Stunde kämpft eine Frau mit der Anstrengung und ist kreidebleich im Gesicht – das schafft sie nicht. Auch mir wird schwindelig, ich befürchte, dass mein Kreislauf nicht mitmacht und konzentriere mich auf jeden einzelnen Schritt – bloß nicht umkippen jetzt. Wenig später legen wir aber die erste Pause ein, ich esse ein paar Kekse und fühle mich direkt besser. Von da an bin ich vorne mit dabei.

Zuerst laufen wir auf erdigem felsigen Boden, doch irgendwann kommt das Eis und der Eispickel kommt zum Einsatz, der uns mehr Halt und Stabilität gibt. So gehen wir in Reihe hintereinander her in den Fußstapfen des Vordermanns. Je höher wir kommen desto langsamer werden die Schritte. Manchmal würde ich gern schneller gehen und dann bin ich wieder froh um das langsame Tempo. Es gibt Momente der Stille, in denen keiner spricht und nur unsere Schritte im Schnee zu hören sind. Jeder scheint entweder konzentriert oder in Gedanken vertieft zu sein. Mir kommen Luftaufnahmen von Bergbesteigungen, wie ich sie im Fernsehen gesehen habe, in den Sinn. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen. Mit voran schreitender Zeit wird es wärmer, doch die Luft bleibt kalt, so dass ich meine vier Lagen Kleidung anbehalte. Die bleiche Frau muss auf halber Strecke umkehren.

Mit regelmäßigen Pausen erreichen wir den Gipfel auf 2850 Metern nach fünf Stunden. Seit zwei Stunden quält mich meine Blase! Wir legen ab und ich kann mich endlich hinter Felsbrocken erleichtern – bei der Aussicht kann man sich richtig entspannen. Ich muss nur aufpassen, nicht mit runter gelassener Hose hinter dem Felsen vorzurutschen. Bei der Vorstellung muss ich schmunzeln, geht aber alles gut.
Jetzt dürfen wir zum Krater und hoffen alle, Lawa zu sehen. Die Windrichtung ist günstig sodass wir die Gasmaske gar nicht brauchen. Wir schauen in die Tiefe und da ist sie – man kann die kochende Masse sogar hören und die Jungs in der Gruppe können sich gar nicht vom Anblick lösen. Nach zehn Minuten müssen wir Platz machen für die nächsten und es ist außerdem vorgeschrieben sich nicht länger hier aufzuhalten.

Dann kommt der Teil, der unsere Kinderherzen höher schlagen lässt: im Rucksack finden wir eine Schneehose, extra Schutz für den Hintern, wasserdichte Handschuhe und einen Rutschteller. Es werden ein paar Regeln vorgegeben, damit nichts passiert und dann gehts ab. Wir rutschen auf unseren Tellern in Schneebahnen wie in einer Art Rodelbahn den Vulkan hinunter, der Schnee spritzt nur so, wir jubeln und jauchzen und kommen mit leuchtenden Augen unten an. ‚Das ist besser als Machu Pichu‘ höre ich von einigen, die schon in Peru waren.

Zurück im Hostel gibt’s für jeden ein Bier und wir sitzen noch eine Weile zusammen. Nach der Dusche besorge ich Zutaten für einen riesigen Salat – ich kann die ganzen Kohlenhydrate nicht mehr sehen und fühle mich sowieso schon wie ein aufgeblasenes Hefebällchen! Ich öffne den Wein zum Essen und um zehn falle ich todmüde ins Bett. Einmal mehr bin ich dankbar für die neuen aufregenden Erlebnisse.

Heiße Quellen, Kayak fahren auf dem See, Reiten, Skydiving, Hiking – all das und vieles mehr ist hier möglich. Mir ist aber mehr nach Abhängen im Hostel und so verbringe ich den Tag mit blättern im Reiseführer, wähle ein paar Orte, die ich sehen möchte, schaue nach Hostels und Couchsurfern. Weihnachten ist immer noch nicht klar wo. Danach kommen meine Schwestern Anne und Ellen für drei Wochen, Anfang und Ende in Buenos Aires. Das ist also schon mal fix.  Ich skype mit meiner Freundin Vanessa – tut gut sie mal wieder zu hören, zu sehen und meine Gedanken mit einer vertrauten Person zu teilen. Später das gleiche mit meinem Bruder Baldi.

Es geht nicht darum, wo ich auf der Welt bin. Das wird mir nicht den inneren Frieden bringen.

Ich habe übrigens eine Anfrage aus Puebla in Mexiko; nächste Woche Skype-Interview. Ob mir diese Erfahrung den Frieden bringt? Oder einfach noch ein Jahr mehr in der Welt unterwegs sein? Das Gefühl länger zu reisen, überwiegt momentan. Die Zeit vergeht schnell – schon drei Monate, in zwei Wochen ist Weihnachten.

Heute ist glaube ich Samstag und ich muss ich wieder früh raus, mein Bus nach Valdivia weiter im Süden fährt um 8:40. Es regnet! Da erst merke ich, dass ich in den letzten drei Monaten quasi keinen Regen hatte und ihn auch nicht vermisst habe, wenn ich mir den grauen Himmel so anschaue. Ich bin einfach ein Sonnen- und Warmwetterkind. Während ich alles zusammenpacke und Kaffee trinke, unterhalte ich mich mit einer Französin, Ende 30, lebt und arbeitet in London als Anwältin und reist das erste Mal allein für knapp drei Monate, kein Freund, hat sich auch schon mal gefragt, ob mit ihr was nicht stimmt, lernt auf ihrer Reise geselliger zu sein. Wir umarmen uns und ich laufe durch den Regen, begleitet von Straßenhunden, zum Busterminal.

Valparaiso

30 Nov – 03 Dez 2016

Nach dem emotionalen Tag gestern gehe ich in der Früh laufen bevor die Hitze die Stadt voll einnimmt. Tiff wartet schon in Valparaiso, da um drei mittags die Walking tour beginnt. Ich komme gerade rechtzeitig und ziemlich verschwitzt an, da das Hostel wie die meisten oben in den verwinkelten Gassen liegt und ich mal wieder lieber laufe als ein Taxi zu bezahlen oder auf den richtigen Bus zu warten. Allerdings lasse ich mittlerweile während dieser Läufe den neuen Ort bewusst auf mich wirken, was mich von meinem immernoch scheiß schweren Rucksack ablenkt.

Die Walking tour lohnt sich: bunt, bunter, am buntesten – das Mekka für Graffiti und Streetart. Wir hören viel über die Geschichte Chiles, an jeder Ecke kleine Cafés und Restaurants, enge Gassen, wir dürfen hausgemachte Alfajores (Keks mit dulce de leche) probieren und am Ende gibts chilenischen Schnaps. Abends machen wir es uns gemütlich, trinken Wein und vertrauen uns so einige weitere persönliche Geschichten an, was uns einander noch näher bringt. Tiff hat einfach eine unglaublich herzliche Art und möchte die Menschen, die sie liebt, glücklich machen. Zusammen mit ihrem unschlagbaren Humor ergibt das eine Kombination, die gut tut, erfrischend ist und man sie einfach gerne um sich hat.

Am zweiten Tag machen wir die andere Tour mit, die uns in den äußeren Teil der Stadt führt. Die Führerin ist total goldig, halb Syrerin und vor vier Jahren nach Chile geflohen. Valparaiso ist ja schön bunt und hip, allerdings ist das Viertel am Hafen ziemlich schmuddelig und sobald man den charmanten Kern verlässt, wird es dreckig, hässlich und man fühlt sich nicht mehr sicher.

Mittags fahren wir in den Nachbarort Viña del Mar – ein Unterschied wie Tag und Nacht! Hier fließt das Geld: große Hotels, gepflegte Grünanlagen, Badestrand, lockende Shopping malls. Wir spazieren am Meer entlang, bummeln durch die Stände an der Promenade und machen uns dann auf die Suche nach einer Bar um was zu trinken. Heute lernt Tiff von mir ihren deutschen Satz ‚Verficktes Samsung hat mich gefickt‘ während wir gerade durch ein Shoppingcenter laufen und sie wiederholt ihren Satz fortlaufend bis er sitzt. Lautstark feilt sie an der Aussprache und ich fühle mich zum ersten Mal wie meine Freundin Anja mit mir, wenn ich mal wieder fluche. Ich höre nur noch ficken und hätte jetzt gern ne Sonnenbrille. Die blonde primitive Frau neben mir? Nee, kenn ich nicht. Wir finden eine Bar mit happy hour, gönnen uns zwei Cocktails und halten danach noch beim Araber für Falafel.

Viña del Mar

Zurück zuhause ziehen wir den nächsten Korken – oder wars Schraubverschluss? – spielen Karten und dann heads up mit der app: innerhalb einer bestimmten Zeit Begriffe erraten. Ich bin leider ganz schlecht, was Namen von Prominenten angeht und Tiff ist Profi, was zu ihrem Kommentar führt: you’re the worst person ever to play this game. Wir lachen, bis die Tränen kommen, bekommen kaum Luft – ich kann nicht mehr! Total befreiend und ich muss heute noch schmunzeln bei der Erinnerung an den Abend.
Da es hier in der Nähe die berühmte Weingegend Casablanca gibt und ich gerne eine Weinprobe machen würde, bleibt Tiff einen Tag länger um noch einen schönen Tag zusammen zu verbringen – perfekte Gelegenheit. Unter den mindestens zehn Weingütern wählen wir ‚Emiliana‘: hier wird ohne Pestizide produziert, alles bio und so. Schon mit dem ersten Schritt auf dem Anwesen geht mir das Herz auf: wunderwunderschön! Weinreben, Blumen, gepflegtes Gras, blühende Büsche, Hühner laufen frei rum und es gibt sogar Lamas. Des isch jo wie in de Palz! Ja, ohne die Lamas. Fühle mich pudelwohl hier und denke innerlich: meine Heimat ist genauso traumhaft. Es tut sich was in mir und ich kann Zuhause mit anderen Augen sehen.

Emiliana in Casablanca

Wir wählen die Weinprobe mit Schokolade. Dabei muss ich an meinen Freund Wilfried, den Winzer denken, der mich gelehrt hat, nicht zu essen beim Verkosten, egal was. Die Erfahrung ist aber trotzdem interessant wie Wein und Schoki miteinander harmonieren können. Ich genieße jeden Moment hier!

Da wir relativ spät los sind, reicht die Zeit leider nicht um noch ein zweites Weingut zu testen, was echt jammerschade ist. Ich überrede Tiff, dennoch zum nächten Gut zu laufen, da wir sowieso in die Richtung müssen und gerade rechtzeitig sein könnten, bevor sie schließen und nach einem Bus zurück zu schauen. Wir laufen eine Stunde querfeldein, müssen durch Drahtzäune und Tiff liegt mir in den Ohren, dass wir uns auf Privatgrundstück befinden in einem fremden Land, was sie beunruhigt. Ich lasse mich nicht beirren, finde es amüsant, genieße die Landschaft und letztendlich kommen wir ans Ziel – allerdings alles schon dicht. Wir treffen auf zwei Feldarbeiter, die uns an die Straße führen und mir erklären, dass hier gleich ein Bus vorbeikommt, der uns mitnehmen kann. Ich übersetze für Tiff, die wirkt etwas ungläubig, aber zwanzig Minuten später kommt ein Van, der uns kostenlos in den Ort bringt, von wo aus wir direkt in den großen Bus umsteigen können – Holderglück!

Zurück in Valparaiso gehen wir wieder Fallafel essen und beenden den Tag mit dem letzten Tropfen Wein – ich sags euch, das fließt hier wie Wasser – und spielen ein Spiel, das ich jedem Backpacker empfehlen kann: wir leeren unseren Rucksack und müssen uns gegenseitig den Inhalt präsentieren und begründen, warum wir jedes einzelne Teil brauchen. Tiff ist knallhart und ihrem strengen Blick entgeht nichts! So trenne ich mich von 5 Kleidungsstücken und freue mich über mehr Platz im Rucksack. Viel weniger Gewicht ist es allerdings nicht, mit Essen bestimmt 16kg, aber mein Körper hat sich mittlerweile daran gewöhnt.
Am nächsten Morgen in aller früh heißt es Abschied nehmen. Tiff nimmt den Bus nach Mendoza in Argentinien und ich werde am Nachmittag zurück nach Santiago fahren. Noch bevor ich dort angekommen bin, vermisse ich sie sehr.

Santiago de Chile

25 – 30 Nov, 03 – 06 Dez

Während wir über die Anden fliegen – der Anblick ist beeindruckend – verabschiede ich mich innerlich fürs Erste von Brasilien. Eigentlich will ich gar nicht gehen, bescheuert irgendwie. Seltsam der Gedanke, dass ich heute noch in Santiago sein werde. Die Stadt, wo mein leiblicher Vater geboren ist. Hier sind seine Wurzeln und somit auch teilweise meine.

Spät am Abend komme ich im Hostel an, nachdem ich fast drei Kilometer mit meinem Rucksack zu Fuß laufe. Ist einfacher, wenn auch anstrengender, als sich nach einem Bus umzuschauen und Taxi kostet mir zuviel. Es ist Freitag, viel los auf den Straßen, fühle mich sicher. Tiffany begrüßt mich ganz stürmisch – sie war vorher in Patagonien und wir hatten uns hier verabredet um zumindest ein paar Tage zusammen zu verbringen. Witzigerweise ist auch ein irisches Paar hier, das mit uns in Paraty war. Nach zwei Stunden Geplauder geht’s ab ins Bett.

Tiff, Caoimhin and Ema

Das ist so ziemlich das größte Hostel hier, das ich je erlebt habe! Die haben ungelogen bestimmt 50 Zimmer und man kann sich hier auch mal verlaufen. Dementsprechend stressig läuft das Frühstück ab – zu ungemütlich und hektisch für mich. wir machen uns zu viert auf Richtung Cerro San Cristobal: ein Berg mit Marienstatue und Blick über die gesamte Stadt. Ich wäre ja hoch gelaufen, aber Caoimhin (Quivin gesprochen- diese irischen Namen…) humpelt übel also nehmen wir das Funicular – wir stehen so lange an, dass man zu Fuß bald genauso schnell gewesen wäre.

Wieder unten angekommen, ist die Schlange dreimal so lang. Caoimhin verabschiedet sich Richtung Hostel, da sein Fuß Ruhe braucht. Für die beiden gehts morgen außerdem weiter nach Neuseeland. Ich übernehme die Führung und wir spazieren durch das Lastarria Viertel und den Parque de las esculturas. Auf dem Weg kommen wir an einer Messe für Studieren im Ausland vorbei und Tiff ist ganz aus dem Häuschen, weil sie die britische Flagge sieht. Ich werde genötigt, sie mit allen Flaggen in jeglichen Positionen abzulichten. In dem Zusammenhang kommen wir darauf zu sprechen, dass der Bezug zur Nationalflagge bei uns Deutschen nach wie vor negativ besetzt ist.

Tiff hat übrigens kein Smartphone mehr. Ihr nagelneues Samsung S7 hat vor drei Wochen plötzlich den Geist aufgegeben. Ich biete ihr an, meine Kamera mitzunehmen, damit sie gute Fotos machen kann, denn ich fühle mit ihr mit. Sie nimmt an mit dem Satz: ‚Sarah, you’re a legend‘.  Ein paar Tage später möchte sie einen nützlichen Satz auf deutsch lernen. Da sie sich immernoch über ihr Samsung ärgert, wählt sie: ‚fucking Samsung fucked me over‘ – mein Spezialgebiet: ‚verficktes Samsung hat mich gefickt‘. Damit kommt sie sicher mit Deutschen ins Gespräch.

Der Park ist ganz nett, aber wir vermissen alle den Charme der Stadt und sind bisher etwas enttäuscht. Tiff ist schon zwei Tage länger da und schwärmt sowieso die ganze Zeit nur von Buenos Aires. Unser Spaziergang endet im höchsten Gebäude Südamerikas ‚Torre Gran Costanera‘ – und was sollte dieses anderes beherbergen als eine Shopping mall. Drei Frauen alleine hier – ihr könnt euch denken, was das bedeutet… Wir bestaunen zunächst den riesigen Weihnachtsbaum und die Dekoration im Inneren und machen uns dann auf die Suche nach Eiscreme. Ema und Tiff entscheiden sich für Joghurtsofteis mit topping, ich wähle den Klassiker. 
Ohne ein klitzekleines bisschen Shopping kommen wir hier auf keinen Fall raus und wo geht der Backpacker mit kleinem Portemonnaie hin? H&M, richtig. Da blutet das Shoppingherz, denn es gibt hier wirklich jede erdenkliche Marke. Aber unser Fokus liegt auf Kosten-Nutzen. Für mich gibts Socken und ne leichte lange Hose für abends – toll, wieder mehr Gewicht im Rucksack.

Am Dienstag verabschieden wir Ema und ‚Quivo‘, den Spitznamen hat Tiff ihm verpasst,  und wechseln auf meinen Wunsch in ein gemütlicheres Hostel. Mittags bin ich mit José Miguel zum Lunch verabredet. Er ist Anwalt und führt zusammen mit Manuel, seinem Partner eine Anwaltskanzlei hier in Santiago. Die beiden besuchen meinen Vater Luis einmal im Jahr in Deutschland und versichern sich, dass er alles hat, was er braucht. Manuel ist außerdem der Neffe des zweiten Mannes meiner Urgroßmutter. Das ist eine Geschichte für sich und definitiv filmreif, sprengt aber diesen Rahmen. Vielleicht erstelle ich mal ein eigenes Kapitel hierzu; oder ihr kauft einfach mein Buch in ein paar Jahren.
José Miguel bringt zwei seiner Söhne mit und wir lunchen im schicken Viertel ‚El Golf‘. Wir unterhalten uns über das Studium der Söhne, die Stadt Santiago, meine Reise und José Miguel erläutert mir seine persönliche Verpflichtung gegenüber Luis. Außerdem ist er sofort ganz Ohr als ich ihm erzähle, dass ich in Südamerika arbeiten würde und will mir helfen, da er einige Leute hier in Chile kennt. Ich bin angetan vom Anstand der Söhne: die beiden sind Anfang zwanzig, sprechen verdammt gutes Englisch, drücken sich gewählt aus, sind gute Unterhaltung und haben klassische Gentleman Manieren, gefällt mir. Abends werde ich vom dritten Sohn abgeholt – ich bin eingeladen mit der Familie zuhause zu essen, es ich dann auch den vierten Sohn kennenlerne. Wir machen ein paar Umwege um mir mehr von Santiago zu zeigen. Die Wohnung liegt etwas außerhalb des Zentrums, näher an den Bergen, wohin sich der Wohlstand in den letzten fünfzehn Jahren hinbewegt hat. Wir haben ein ungezwungenes ‚leichtes‘ Abendessen mit Pizza, etwas Salat, Kirschen (ist gerade Saison) und Zimtteigstangen mit Zuckerguss. Alle außer José Miguel trinken Cola, seine Frau eingeschlossen. Was mich dabei schockiert, ist, dass sie ernsthaft krank ist, und so gar kein Bewusstsein für Ernährung vorhanden zu sein scheint. Sie ist übrigens aus den USA, was das gute Englisch der vier Söhne erklärt.

Am Montag machen Tiff und ich die Walking tour und laufen dann noch durch das italienische Viertel. Endlich mal was fürs Auge, nur ist heute leider tote Hose und viele Läden haben erst morgen wieder geöffnet.

City centre

„Wall street“ and biggest flag ever!
Skyscraper in shape of mobile phone, Patio Bellavista, Barrio Lastarria
Barrio Italia

Das Treffen mit José Miguel und Manuel am nächsten Tag in deren Kanzlei berührt mich sehr. In einer Ruhe, die mich an Papa erinnert, erzählt Manuel von den Umständen und Geschehnissen damals und wird von José Miguel hier und da ergänzt. Während ich aufmerksam zuhöre, frage ich mich: wie kann man so kaltherzig sein und seinen eigenen Sohn komplett aus seinem Leben streichen? Unverständlich, dass er nicht mal im Alter weich wird.

Als ich ins Hostel zurückkomme, überrollt mich ein Gefühl von Verlorenheit: ich weiß nicht, was ich will. Was, wenn ich ein Angebot hier in Chile bekomme? Wie soll meine Reise weitergehen? Wie will ich mein Leben gestalten? Tiff sagt, ich mache mir zuviel Druck. Ich sollte Spaß haben, die Reise genießen. Ich will Veränderung, kann aber noch nicht greifen wie diese aussehen soll. 

Nachdem Tiff sich nach Valparaiso verabschiedet hat, ich werde morgen nachkommen, brauche ich einen Moment ganz allein. Ich schließe mich im Bad ein und heule meine Verlorenheit hinaus. 

Whenever you are trying to fill your inner emptiness with anything, you are going against God – because this inner emptiness is the face of God. When you stop stuffing yourself with food, money, power, et cetera, et cetera, then suddenly you become aware of who you are. – Osho

Nach Valparaiso, worüber ihr im nächsten Bericht lesen könnt, komme ich für drei Tage nach Santiago zurück um mich nochmal mit José Miguel zu treffen und danach geht’s weiter in den Süden. Nach einer Nacht in einem einsamen Hostel finde ich ganz kurzfristig Sebastián, der mich zwei Tage bei sich schlafen lässt. Wie es der Zufall will, ist Sebastián Veganer und verzichtet außerdem auf Zucker und momentan auch auf Gluten. Ich bin sein erster Couchsurfer, er ist sehr sensibel und verwöhnt mich zwei Tage lang mit hervorragendem Essen – so gesund und gleichzeitig gut habe ich lange nicht gegessen. Ich liebe sein Frühstück! 

Sebastian, 32, wohnt im Viertel Brasil mit seinem besten Freund in einer großen Altbauwohnung in einem Hinterhof. Er ist Grafikdesigner und arbeitet von Zuhause aus. Er hat gerade die Musik der Beatles für sich entdeckt, hört ansonsten auch indische Musik oder Elektro. Mit den Hanfpflanzen, den Beatles und der einfach gehaltenen Wohnung mit Tüchern an den Wänden komme ich mir vor wie in der Hippiezeit. Sein Arbeitszimmer gefällt mir am besten, gute Energie hier. Sebastian nimmt sich Zeit für mich und am zweiten Abend gehen wir mit zwei seiner Freunde auf ein Glas Wein zu seinem Nachbarn Andres Gana, ein bekannter chilenischer Maler.

Wieder spüre ich: alles hat seinen Sinn und jeder Mensch, der uns begegnet, bereichert uns, lehrt uns oder weist uns auf etwas hin. Die schwierigen Momente lassen sich mit diesem Wissen leichter ertragen.

Damit sich etwas ändert, müssen wir aktiv werden. Nur so kann mehr Positives und etwas Neues in unser Leben treten.

Bevor ich abends den Bus nach Pucon nehme, treffe ich mich mittags nochmal mit José Miguel im noblen Viertel El Golf in einem angesagten Restaurant zum Lunch. Er ist wirklich ein sehr warmherzige Mensch, nimmt sich Zeit für mich, obwohl er sicher viel zu tun hat und strahlt Ruhe und Lebensfreude aus.

Danach schlendere ich durch das Viertel und setze mich in ein schönes Café, wo die Sonnenstrahlen die Terrasse erreichen und genieße die Sonne auf der Haut.

Sebastian gibt mir noch getrocknete Früchte und Reis mit und bringt mich zum Bahnhof. Dann geht es mit dem Nachtbus in den Süden nach Pucon.

Wenn du aufmerksam bist, lernst du jeden Tag etwas.

Florianopolis

21 – 25 Nov 2016

Schweren Herzens verlasse ich am Dienstag früh Curitiba. Aber es ist richtig jetzt zu gehen, erst andere Orte zu sehen und dann zurück zu kommen. Ansonsten bleibe ich noch ewig hier hängen und sehe nichts von dem, was ich mir vorgenommen habe.

Die Fahrt nach Florianopolis, kurz Floripa, vergeht recht schnell, da ich eine Mitfahrgelegenheit über blablacar habe. Wir sind zu dritt im Auto und unterhalten uns die meiste Zeit, was mich außerdem nicht in absolut traurige Stimmung verfallen lässt. Diese kommt dann aber schnell und heftig als ich nach weiteren zwei Busfahrten im Hostel ankomme. Es liegt an einem kleinen abgelegenen Strand, man kann aufs Meer blicken und hört die Wellen rauschen. Hört sich sehr idyllisch an, kann ich aber gerade gar nicht gebrauchen.

Ich bin müde, vermisse Curitiba, das Hostel und die Menschen dort. Impulsartig schaue ich auf Couchsurfing nach Gastgebern und schreibe ein paar Leute an in der Hoffnung, dass sich spontan etwas für morgen ergibt. Ich spüre den Kloß im Hals, mir schießen die Tränen in die Augen, ich verdrücke mich aufs Zimmer, in dem sich zum Glück gerade keiner aufhält und kann mich nicht mehr zurückhalten. Nach zehn Minuten reiße ich mich zusammen und sage mir, dass sich so auch nichts ändert – ich muss was tun! Also schaue ich nach anderen Hostels und sage hier Bescheid, dass ich morgen gehe. Dann mache ich mich auf den Weg in den Ort, laufe am Strand entlang, kaufe Gemüse fürs Abendessen und eine Flasche Bier. 

Während ich meinen Salat vorbereite und mir das Bier gönne, antwortet mir Isaac über Couchsurfing. Er sagt mir zu! Yes, geht doch! Jetzt kann ich den Abend wesentlich entspannter verbringen. Ich plaudere mit einem Typ aus der Schweiz, will dann einen Film aus der Sammlung des Hostels schauen – mit dem Abspann wache ich auf und merke wie kaputt und übermüdet ich bin. Ich wandere ins Bett und stelle mir den Wecker fürs Frühstück.

Nur wenn wir selbst aktiv werden, kann sich wirklich etwas ändern. 

Treffpunkt mit Isaac ist an der Uni, wo er arbeitet und gerade seinen PHD macht. Ich habe eine Stunde Zeit und warte in einem Innenhof mit Cafeteria, viel grün und fixierten Tischen und Stühlen aus Stein. An einer dieser Sitzgruppen lasse ich mich nieder und beobachte das Treiben um mich herum: Studenten und Dozenten durchqueren den Hof auf ihrem Weg von oder zur Vorlesung, zur Mittagspause oder vielleicht auch in den Feierabend. Der Außenbereich der Cafeteria ist voll besetzt, egal ob auf den Plastikstühlen oder am Boden, im Gras vor mir sitzt ein lachendes Paar, küsst sich und genießt die Mittagssonne. Ich mag die Atmosphäre hier. Als Isaak pünktlich den Platz betritt, erkenne ich ihn schon von weitem: groß, schlank, breite Schultern, sportlich- mit einem Lachen im Gesicht kommt er auf mich zu und begrüßt mich ganz herzlich mit einer Umarmung und Kuss auf die Wange. Er trägt Sonnenbrille und ich kann nur schwer einschätzen, wie alt er eigentlich ist – würde aber wahrscheinlich sowieso daneben liegen, da die Schwarzen unverschämterweise einfach nie älter als fünfundzwanzig aussehen, was sich später auch bestätigt. Isaacs Kommentar dazu: ‚black don’t crack‘. Ja, hab ich schon mal gehört. Er erklärt mir, wie ich zur Wohnung komme, gibt mir die Schlüssel, drückt mich nochmal und muss auch gleich weiter. Dank zusätzlicher Beschreibung per whatsapp finde ich Straße und Haus auf Anhieb. Die Wohnung hat zwei kleine Zimmer, Wohnküche und Bad. Ich mache mich kurz frisch und nutze den Rest des Nachmittags um mir die Altstadt anzuschauen, wo es aber nicht viel zu sehen gibt – total unspektakulär bis hin zu langweilig und stressig. 

Während ich dusche, kommt Isaac nach hause. Als wir uns sehen, drückt er mich wieder wie bei unserer ersten Begegnung – genau das tut gerade sehr gut. Isaac ist 32, hat Computer Science studiert und macht gerade seinen PHD. Er wohnt allein, hat eine Schwester, kommt aus Salvador und wohnt seit fünf Jahren in Floripa. Ziemlich schnell finden wir uns in tiefen Gesprächen wieder, währenddessen beginnt Isaac zu kochen und ich kann kaum glauben, was er mir schildert, als ich ihn frage, welche Rolle Rassismus in Brasilien spielt. Die Erlebnisse, von denen er berichtet, berühren und schockieren mich zugleich. Ich dachte, in so einem gemischten Land wie ich es zuvor noch nie gesehen habe, lägen die Dinge vielleicht anders.

  • Er wird im Geschäft oder Restaurant oft schlechter und mit abwertender Gestik und Mimik behandelt
  • Manchmal wechseln Menschen, die vor ihm laufen, aus Angst die Straße
  • Als Kinder werden er und seine Schwester beim Schwimmen beschimpft: „go away, you dirty the water“
  • In der Uni in Salvador, dessen Einwohner zu neunzig Prozent schwarz sind, ist außer ihm in seinem Jahrgang nur ein weiterer schwarz von insgesamt vierzig.
  • Im ersten Jahr wird er von seinen Kommilitonen von fast allen Parties und Aktivitäten ausgeschlossen, nachdem er sich als Einziger als Befürworter für eine Schwarzenquote einsetzt.

In was für einer Welt leben wir eigentlich?….die Welt hat sich teilweise kein bisschen geändert. Auch wenn ich dieses Thema oft mit meinem Exfreund diskutiert habe, verdeutlicht mir Isaac die Realität auf eine Weise, welche mir klar macht, wie wichtig die Erinnerung an die Geschichte ist. Zu viele Menschen machen Unterschiede, daher dürfen wir nicht so tun als gäbe es keine. Wir müssen Bewusstsein schaffen für diese Ungleichheiten.

ohne Kaffee geht Isaak nicht schlafen

Am nächsten Tag mache ich einen Ausflug in den Süden der Insel. Ich hike zu Isaacs Lieblingsort, Lagoinha do Leste – fünf Stunden hiken, klettern, steigen, springen – viel Zeit zum Nachdenken und Fühlen -überragende Aussicht! Gegen Ende bin ich ziemlich erschöpft und fantasiere von gekühlter Apfelschorle.

Praia do Lagoinha do Leste

Auf dem Heimweg besorge ich noch Gemüse fürs Abendessen, ich möchte für Isaac kochen. Er ist schon da und übt in seinem Zimmer Gesänge für Capoera. Ich schwinge mich direkt unter die Dusche! Isaac assistiert mir in der Küche und ist später ganz begeistert von meiner Tomatenmango-Soße, wir führen unsere intensiven Gespräche fort, trinken gutes Bier und vertrauen uns so einiges an. Ich mag ihn echt gern – er hat ein gutes Herz und drückt aus, was er fühlt. Erst gegen Mitternacht werden meine Augen müde und ich spüre die schweißtreibenden Stunden des Tages. Wir wünschen uns eine gute Nacht und ich falle erschöpft ins Bett.
Mein letzter Tag in Brasilien bricht an – bei dem Gedanken wird mein Herz ganz schwer. Ich stehe mit Isaac auf und nach dem ‚Good morning‘ meint er: „bist du sicher, dass du schon gehen willst? Kann das nicht noch ein paar Tage so weitergehen?“ Das macht den Abschied nicht wirkich leichter, aber ich bin gerührt von seiner Offenheit und dass er gerne mehr Zeit mit mir verbringen würde. Wir machen noch ein Selfie und der Gute ist schon am Morgen zu Scherzen aufgelegt.

Zehn Tage wollte ich in Brasilien verbringen – fast drei Monate bin ich geblieben. Das Land hat mich überascht und fasziniert, völlig ohne Plan oder Erwartungen bin ich drauf los, hab noch so viel nicht gesehen, Menschen, die ich wiedertreffen möchte, Orte, die ich nochmal genießen will.

Die Menschen, die uns begegnen, geben der Welt eine eigene einzigartige Farbe.

Curitiba

16 – 21 Nov 2016

Gleich mal vorneweg: ich bin verliebt! Diese Stadt umspielt mich vom ersten Moment mit ihrem Charme: viel grün, viel Platz, tolle Parkanlagen, überall einladende Restaurants, hippe Cafés und Bars. Es ist sauber! Breite Straßen, wenig Hochhäuser – erinnert mich an Montreal.

Mit dem ersten Schritt im Hostel fühle ich mich sofort wie zuhause- habe selten eines gesehen, das so stilvoll und doch gemütlich eingerichtet ist. Jeder Raum des Altbaus ist in einer anderen Farbe gestrichen und bringt den Stuck an den Decken noch besser zur Geltung. Stilvolle Möbel, gesellige große Küche, Sofaecke, herzliches Personal – hier passt einfach alles. Carol ist eine von den Mitarbeitern und ich fühle mich ihr sofort total nah. Sie arbeitet mal hier, mal da im Hostel, mal auf dem Schiff. Manchmal scheint sie genauso durch den Wind zu sein wie ich. Sexy Frau! Leider habe ich es verpasst bewusst ein Bild von ihr zu machen.

Nach dem check-in begebe ich mich auf den ersten Spaziergang durch die Altstadt und das Staunen geht weiter: sehe hier mehr Hybrid-Autos als in Mannheim, sehr gut organisierte Infrastruktur, die Stadt legt Wert auf Umwelt, Ästhetik und Kultur – irgendwo habe ich gelesen, dass Curitiba die fortschrittlichste Stadt in ganz Brasilien ist, was Umweltbewusstsein angeht- genau mein Ding- wird mir immer sympathischer! Während ich durch die Straßen laufe, habe ich immer wieder flashbacks von meiner Zeit in Montreal – verblüffend, wie ähnlich ich die beiden Städte empfinde. Am Ende lande ich in einem Shoppingcenter – ich brauche wenigstens zwei neue Shirts, kann meine immergleichen Sachen nicht mehr sehen. Überall beginnt außerdem die Weinachtsdeko – seltsam bei dem Wetter.

Historical part of Curitiba

Am Freitag ist Sightseeing angesagt und ich nutze den Touribus, der hier täglich von morgens bis abends seine Runden dreht. So besuche ich den Aussichtsturm, den Botanischen Garten, die Markthalle und den Deutschen Wald. Je mehr man in den Süden von Brasilien kommt, desto mehr findet man Gegenden mit europäischem Einschlag aufgrund der Einwanderung damals, und so eben auch deutsche Wurzeln. Ich genieße die Fahrt im Bus, da man so schon einiges zu sehen bekommt und dafür gar nicht überall aussteigen muss.

Torre panorámico
Mercado municipal

Jardim Botánico

Curitiba unterscheidet sich ganz klar von dem Brasilien, das ich bisher gesehen habe.
Abends gehe ich im Parque Barigui um den See laufen: es gibt drei Spuren für Fußgänger, Läufer und Radfahrer – ich bin begeistert! Ein ungewohnter angenehmer Duft liegt in der Luft… frisch gemähtes Gras- im Norden gab’s nur Sand und Staub.

Der Supermarkt um die Ecke ist ein Traum – alles, was das Herz begehrt. Ich verweile mich mindestens eine halbe Stunde dort. Zurück im Hostel komme ich ins Gespräch mit den brasilianischen Gästen und Mitarbeitern. Alle sind unglaublich nett – viel Liebe und Menschlichkeit.
Beatric, 39, kommt aus Rio, arbeitet gerade als Lehrerin hier und wirkt zunächst sehr ernsthaft, aber offen und sympathisch. Im Club ein paar Tage später lässt sie die Tanzmaus in sich raus. Sie ist auf der Suche nach einer kleineren sichereren Stadt zum Leben. Aus Rio erzählt sie mir eine gefährliche Geschichte nach der anderen; sie würde niemandem empfehlen dort zu leben: andauernd Schießereien inmitten der Stadt, bei denen immer wieder Unbeteiligte verletzt oder getötet werden. Jetzt nach den Spielen ist der Zustand wie erwartet wesentlich schlimmer als zuvor.

Am Samstag nehme ich den Zug nach Morretes: ein kleiner postkartentauglicher Ort und allein die Zugfahrt dorthin ist berühmt, da sie durch viele Berge und Täler führt. Nach vier Stunden in der Bummelbahn erreichen wir Morretes. Der Ort ist wirklich winzig und mir wird schnell klar, dass die Menschen hierher strömen um sich in idyllischer Umgebung mit gutem Essen zu verwöhnen. 

Das Restaurant ‚Embargo da Largo‘ gehört zu den besten im Ort und liegt direkt am Wasser. Zur Straße hin haben sie eine Art Kiosk und werben mit Bodebrown Bier, was meine Aufmerksamkeit weckt, denn es wird in Curitiba gebraut und schmeckt nach mehr als nur Wasser (Jetzt wähle ich die Restaurants schon nach Bier oder Wein). Da ich mich nicht gleich für eine Sorte entscheiden kann, komme ich mit dem Besitzer Luis ins Gespräch, der aussieht wie Keanu Reeves. Nach einer Weile gesellt sich noch José aus Kolumbien zu uns und mit frisch gebackenem Maisbrot, welches mir Luis anbietet, unterhalten wir uns über Land und Leute. Am Ende bleibe ich den ganzen Nachmittag, werde zum Essen eingeladen – Luis scheint mir einen schönen Nachmittag bereiten zu wollen, da ich erzählt habe, dass es nicht einfach ist alleine. Um vier nehme ich den Bus zurück, der gerade mal eine Stunde benötigt.

Zurück zuhause treffe ich Bia in der Küche an als sie gerade durch ein Heft mit kulturellen Angeboten und Events für Curitiba blättert – sie hat Lust heute abend auszugehen. Ich schließe mich an und da sie schon auf dem Sprung ist, treffen wir uns etwas später am Praça de España. Der Platz ist umgeben von Bars und Restaurants und ein bedeutender Teil des Nachtlebens hier. Dieses Wochenende treffen wir außerdem auf ein Food Festival mit Livemusik- viele weiße Pavillons, in denen lokale Bierbrauereien ihre hochprozentigen Produkte vorstellen. Wir probieren ein paar Sorten, teilen uns einen Wrap und fahren zur Bossa Bar, die bekannt ist für Musik aus Rio de Janeiro- die meisten Lieder kenne ich nicht, aber die Band macht Stimmung und Bia kann die Texte alle auswendig.

Auch wenn alle von Florianopolis schwärmen, entscheide ich mindestens einen Tag länger hier zu bleiben – das ist meine Stadt.

Für den Sonntag hab ich mir Teil zwei der Sehenswürdigkeiten vorgenommen:

  • Feira do Largo: der zweitgrößte Sonntagsmarkt in Brasilien
  • Oskar Niemeyer Museum
  • Opera de Arame

Der Markt ist eine Mischung aus Obst und Gemüsehändlern, Flohmarkt mit sowohl antiken Möbeln, alten Radios als auch Kleidung, Schmuck und Dekoartikeln, traditionellem Essen für auf die Hand, Süskram und Straßenmusik.

Am Museum angekommen bestaune ich zunächst das Gebäude an sich, welches ebenfalls ein Kunstwerk von Niemeyer ist. 

Ich höre Musik, umrunde das Riesenauge und finde eine Wiese, auf der hunderte Menschen entspannt im Gras liegen und den Sonntag genießen – bunt gemischt, mit Hunden und Kindern, Bühne mit Band, davor drei verschiedene Foodtrucks – Curitiba ist so cool! Ich pfeife aufs Museum, hole mir ein Bier, setze mich ins Gras, schließe die Augen und strecke mein Gesicht in die Sonne…

Bevor ich den letzten Stop auf meiner Liste für heute ansteuere, hole ich mir noch einen veganen Buger mit Pilzen. Die Veganer hier tun mir leid und ich könnte hier wirklich ein Vermögen verdienen- will mich ja nicht selber loben, aber meine Kreationen sind eine andere Dimension. Aber einen Versuch wars mal wieder wert. und trotz traurigem veganen Burger: Curitiba ist eine wunderschöne Stadt!

Opera de Arame

Den Abend verbringe ich mit Bia, Jessé und dem Rest der Truppe im Hostel und ich lerne immer mehr portugiesisch- das war nicht Teil des Plans. Ich spüre, wie wohl ich mich hier fühle – hier lebt so viel von all dem, was mir wichtig ist.
Meinen letzten Tag hier beginne ich wie jeden Morgen mit einem Lauf im Park – das fehlt mir in den letzten Monaten, laufen hilft mir beim Verarbeiten.

Parque Barigui

Ich frühstücke gemütlich und bummle dann durch ein paar Straßen, in denen sich wieder ein interessanter Laden an den nächsten reiht und beende meinen Spaziergang mit Eis am Praça de España auf der Parkbank im Sonnenschein.

Immer wieder finden wir uns in Situationen, in denen wir eigentlich gar nicht sein wollen. Manche halten nur ein paar Minuten an, andere dauern Wochen, Monate oder sogar Jahre. Dein Bauch schreit nein. Du willst weg, bist wie ferngesteuert, verschwunden ist der Glanz in deinen Augen, verlierst dich in den Erwartungen anderer. Warum tun wir uns das an? Sind wir so geprägt von dem, was uns Sicherheit verspricht, von Vernunft, von Anstand, so fern von unserem Gefühl? Du denkst, mit dir stimmt was nicht, sagst dir, das wird schon wieder, die anderen bekommen es doch auch hin. Und du hast doch alles, führst ein erfolgreiches Leben- was fehlt dir denn? Wenn du willst, kommst du mit dieser Lüge durch bis an dein Lebensende. Oder du hörst auf deinen Bauch, wagst den Schritt ohne Kalkulation, ohne Begründung, ohne Rechtfertigung. Einfach weil du fühlst, weil du du bist.

Abends empfiehlt mir Carol eine Jazzbar. ich ziehe mich um und will noch schnell mein Essen für die Fahrt morgen richten. Jessé, der immer zum Scherzen aufgelegt ist, gesellt sich zu mir und sieht verdammt traurig aus. Was ist los? Nach einigem Zögern erzählt er, dass er einen dieser Tage hat, in denen alles etwas dunkel aussieht: er ist Schauspieler und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, dann ist er unglücklich verliebt, mit der Familie scheint auch etwas zu sein. Ich verstehe nicht jedes Wort, bin aber fast überrascht, dass ich doch schon so gut kommunizieren kann. Carol und ich sind uns einig: den einen, der uns glücklich macht, gibt es nicht.

Bia konmt nach hause, voll bepackt mit Tüten vom Supermarkt und will brasilianisch kochen. Die Jazzbar hake ich ab – das hier sieht nach mehr Spaß aus und ich genieße das Zusammensein mit herzlichen Menschen. Bia verteilt Aufgaben, ich lerne Obst- und Gemüsenamen, wir quatschen, lachen, essen, und lassen den Abend in der Chillecke ausklingen. Fühlt sich ein bißchen wie Familie an und morgen früh gehen zu müssen, ist kein schöner Gedanke. 

Während dem Essen kommt Ana nach Hause. Viel weiß ich gar nicht von ihr, da wir erst relativ spät wirklich zu reden begonnen haben. In ihrem Lachen und dem Blitzen in den Augen steckt allerdings etwas, das sie mir sofort sympatisch macht.

Ana aus Brasilia
Oben: Fabi, Ana, Carol, Jessé

Curitiba hat mich tief berührt und einen Platz in meinem Herzen.

Canoa Quebrada

24 Okt. – 16 Nov. 2016

Ankommen

Nach drei Stunden Busfahrt von Fortaleza komme ich in Canoa Quebrada an. Hier werde ich drei Wochen arbeiten und bekomme dafür Unterkunft, Essen und ein paar Kitesurfstunden. Direkt neben der Haltestelle finde ich die Pousada, eine Art Bed and breakfast, wo ich mich melden soll. Ich verabrede mich mit Alea und Adrien, die mit mir gefahren sind, für den nächsten Tag und das Mädel an der Rezeption weiß direkt Bescheid. Sie führt mich in mein Zuhause für die nächsten drei Wochen: zwei Zimmer mit je eigenem Badezimmer, Wohnküche und Balkon, von dem aus man das Meer sehen kann. Im anderen Zimmer wohnt Sophia, 18, die ein Jahr Volunteerarbeit macht und so quasi das Jahr finanziert. 

Nachdem ich mich eingerichtet habe- endlich kann ich mich mal ausbreiten- treffe ich mich noch kurz mit Anderson, dem Chef. Erster Eindruck: sehr entspannter angenehmer Typ, spüre sofort sein gutes Herz. Langes Haar, schlank und sportlich, Surfer Outfit, Anfang 40, dunkle sanfte Augen.

Zurück in meinem Zimmer fühle ich mich etwas allein nach der Zeit in Jeri, wo ich von so vielen tollen Menschen umgeben war.

Am nächsten Morgen führt mich Anderson durch das Dorf, zeigt mir Pousada, Strand und seine neue Baustelle (näher am Strand als jetzt). 

Von seinem Café ‚Windfun‘ bin ich beeindruckt: ein hochwertiges Holzhaus aus dem Süden Brasiliens, das er im Laster hat bringen lassen. Stylische Bar, sandiger Boden, im ersten Stock die Kitesurf-Ausrüstung. Alles mit viel Liebe zum Detail, ich sehe, dass hier viel Herz drin steckt – von der ersten Zeichnung über alle bürokratischen Hürden bis zum finalen Handgriff sind dreieinhalb Jahre vergangen – ein besonderer Ort.

Es gibt wohl viel zu tun für mich: Englischunterricht und im Café helfen, außerdem Verbesserungsvorschläge geben. Anderson weiß, dass man viel sieht auf Reisen und ist offen für neue Ideen.Da Aela und Adrien am nächsten Morgen schon wieder abreisen, treffe ich mich abends mit ihnen im Hostel zum Abendessen mit interessanten Gesprächen.

Woche 1

Ich gebe den ersten Englischunterricht für die Mitarbeiter und bekomme selbst meine ersten Kitesurf Stunden. Zunächst ist mir etwas mulmig bei dem Gedanken, mit so einem riesigen Kite umzugehen- die Dinger sind zwischen sechs und zwölf Quadratmeter groß! Mit Anderson verschwindet die Aufregung  jedoch recht schnell – Schritt für Schritt tasten wir uns von Übungen an Land ins Wasser und beim zweiten Mal auf dem Brett kann ich bereits downwind fahren. Zudem stelle ich mich wohl ganz gut an. „You’re sure you haven’t done this before?“ Natürlich haut es mich trotzdem oft genug ins Wasser und ich habe heute noch ein Knie, das ab und zu schmerzt, weil ich bei meinen ersten Versuchen noch nicht die perfekte ‚wie fall ich am besten auf die Schnauze und schlucke wenig Wasser‘-Technik beherrschte.

Ganz schnell erlebe ich jedoch den süchtig machenden Faktor! Im Gegensatz zum Wellenreiten kann man quasi ewig ohne Zwischenstop fahren und muss nicht auf die nächste Welle warten. Angst hab ich auch keine, da die Verletzungsgefahr recht gering ist.

Noch sympathischer wird mir der Sport als Anderson mir den Umgang mit dem Kite erklärt:

Menschen tendieren dazu Dinge festhalten zu wollen, wenn sie schief laufen. Dabei sollten sie einfach loslassen sonst macht man es nur schlimmer.

Im Café lerne ich, wie Tapioka, Vitamina und Chicken Pie zubereitet werden. Anderson bringt mir viel Vertrauen entgegen, gibt mir nach zwei Tagen die Schlüssel und will schnell meine Meinung hören.

Gefühlsmäßig bin ich relativ ausgeglichen: ich habe viel zu tun, kann mein eigenes Essen kochen und koste das aus – wahrscheinlich will ich unterbewusst Reserven für die Zeit danach anlegen – im Reiseführer für Argentinien steht als Kommentar für Veganer: ‚viel Glück‘- das kann ja was werden. Hier dagegen bin ich ganz aus dem Häuschen, weil ich sogar Chiasamen finde.

Ich lerne Anderson besser kennen: in Rio aufgewachsen, drei Geschwister, enger Kontakt zu einem Bruder, war früher bei der brasilianischen Airforce, wurde alle vier Jahre versetzt, viel gearbeitet, dann auch noch weit weg vom Meer. Er fühlt sich versklavt und kündigt vor elf Jahren alles. Viele erklären ihn für verrückt. Dann steigt er bei den Eltern hier im Norden mit ein. Sein Vater stirbt vor vier Jahren bei einem Autounfall. Mit seiner Mutter führt er die Pousada, seine Leidenschaft gilt dem Kitesurfverleih mit Café. Er ist ledig und zufrieden, spielt Schlagzeug, genießt das Leben am und auf dem Meer und schätzt es sein eigener Herr zu sein.

Am Sonntag fühle ich mich einsam und schlendere am Meer entlang. Etwas entfernt liegen zwei Mädels – Moment, sind das nicht… Ich rufe: „heah, die zwei kenn ich doch!“ die Mädels aus Jeri- man weiß nie, was der Tag bringt! Ich geselle mich zu den zweien und wir amüsieren uns über das Wiedersehen. Der Tag ist gerettet.

Meine aktuelle Gefühlswelt:

  • Noch zwei Wochen vor mir und ich buche endlich den Flug nach Rio. Freue mich auf ein Wiedersehen mit Fernando.
  • Meine Freundin Franzi hat mir ein Bild von ihrem Babybauch geschickt- riesig… wie bei Marina beschleicht mich etwas Wehmut.
  • Ich bin allein, aber dennoch viel ausgeglichener als vor vier Wochen, mehr mit mir im Reinen.
  • Ich spüre, wie sich vieles verändert. nach einem Jahr zurück und einfach weitermachen wie vorher ist keine Option.

Woche 2 und 3

Die zweite Woche beginnt mit einem traurigen Gefühl. Fernando meldet sich nicht mehr und ich merke, dass es mich beschäftigt, stelle mich der Frage, was es ist, das mich wirklich traurig macht:

  • Habe meine Pläne teilweise für ihn geändert und werde jetzt enttäuscht, ärgere mich, meine Stimmung abhängig von jemand anderem gemacht zu haben – er war eben einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort; das hat mich beflügelt
  • Meine vertrauten Menschen sind nicht um mich, irgendwo muss ich doch hin mit der Liebe- will teilen, was ich zu geben habe.
  • Fühle mich durcheinander und manchmal panisch, was nach dem Jahr kommen soll: was will ich? wo will ich hin? was macht mich glücklich? wie will ich leben und wo?

Die Tage ziehen dahin und ich werde mit dem Ort vertrauter. Canoa Quebrada ist ein Dorf mit 4000 Seelen, in dem man sich sicher bewegen kann. Eine Gruppe von Eseln ist hier völlig selbstverständlich frei auf der Straße unterwegs, von Hunden an jeder Ecke ganz zu schweigen. Die Haupteinkaufsstraße mit dem Namen Broadway ist gesäumt von kleinen Läden, hauptsächlich auf Touristen ausgerichtet, die das Dorf am Wochenende füllen. Straßenstände, die Schmuck, Cocktails oder Tapioka anbieten. Auf meinem regelmäßigen Gang zum Supermarkt muss ich immer wieder schmunzeln, da ich denselben Ladenbesitzern und dazugehörigen Katzen begegne- ja, und das sind nicht irgendwelche Katzen, jede hat ihren festen Platz.

Mein Alltag ist bestimmt von Sport, Arbeit, Zeit mit Anderson, lesen und was sonst noch entspannt ist

  •  Kitesurf-Unterricht – ich mache jeden Tag Fortschritte, bin hinterher immer besser gelaunt 
  • Englischunterricht- ich gebe vier Stunden pro Woche
  • ich berechne die Kosten der Karte im Café neu, teste neue Rezepte mit Anderson, wir geben der Karte ein facelift
  • Abends gehen wir oft noch ein Glas chilenischen Wein trinken, oder auch zwei – und als wir uns besser kennen, ist es eine Flasche plus ein Glas mehr; mit Argentinien und Chile ist kein Entzug in Sicht!
  • Endlich alle Grey’s Anatomy Folgen schauen

    Entspannung pur und Therapie für die Seele!

    You want a glass of wine?

    Meine Stimmung schwankt in dieser Zeit- nicht nur von Tag zu Tag sondern manchmal stündlich. Ich spüre, dass ich bald wieder mehr Menschen um mich brauche- Meredith Grey bekommt in einer Folge von ihrem Therapeuten gesagt: ‚you can be alone. but you don’t want to‘. Finde das für mich gerade auch ziemlich passend.
    Die Wochenenden verbringe ich meist mit Anderson: an einem Samstag nehmen wir sein Lasor Segelboot und wollen damit an die Flussmündung. Kaum sind wir auf dem Wasser, wird mir klar, dass hier alles von der Verteilung des Körpers und natürlich dem Wind abhängt. Dieser ist heute extrem stark, wir kentern zweimal und müssen aufgeben. 

    Am Wochenende danach sind wir auf dem CanoaBlues Festival (mit Flasche Wein).

    Canoa Blues Festival

    Die Sonntage verbringen wir in Parajuru, einem beliebten Ort für Kitesurfer, etwa 45 Minuten entfernt. Dort gibt es eine Surfschule in schönem Ambiente mit Bar, an der wir zu allererst immer eine Kokosnuss schlürfen. 

    Hund surft mit!

    Im Auto unterhalten uns mal wieder über Gott und die Welt – aktuelles Thema: Geburtenrate in Brasilien und Alter der werdenden Mütter. Ich: ‚to become a mother with 18 would probably be considered a scandal in Germany.‘ Anderson: ‚oh you can see a lot of scandals walking in the streets here.‘ Ich muss laut lachen und das tut verdammt gut. Ich brauche unbedingt wieder mehr davon!

    Das Wetter hier ist übrigens ein Traum:

    Nee, graues Winterwetter brauch ich echt nicht!

    Meinen Flug habe ich umgebucht. Bin wieder zurück bei mir und hab mir in Erinnerung gerufen, was diese Reise für mich bedeutet. Ich brauche inneren Frieden, mehr Selbstvertrauen und Klarheit. Wer mich sehen will, soll zu mir kommen. Aktueller Plan ist also: Flug nach Curitiba im Süden, danach ein paar Tage Santa Catarina und dann ab nach Buenos Aires.

    Wer sich alle Türen offen halten will, hängt halt viel auf dem Flur rum.

    Die letzten Tage laufen entspannt, ich bin wieder besser drauf und genieße nochmal die letzten Abende mit Anderson bei Essen und Wein. Es ist faszinierend wie gelassen er ist. Außerdem hab ich nochmal umentschieden und fliege in zehn Tagen nach Santiago de Chile. Motivation für meine Reise nach Südamerika ist unter anderem, meinen Wurzeln nachzugehen und da mein leiblicher Vater aus Santiago ist, möchte ich das nicht aufschieben. In Kontakt mit der verbliebenen Verwandtschaft dort bin ich auch schon – ich bin gespannt!

    Frag dich, ob das, was du heute tust, dich näher dahin bringt, wo du morgen sein willst.

    Jericoacoara 

    17 – 24 Oktober 2016

    Tag 1: Anreise und Ankommen

    Nach mehreren Stunden im Reisebus steigen wir am Nachmittag um in einen Geländewagen, da die letzte Strecke aufgrund der sandigen Straßen nur so bewältigt werden kann. Als alles Gepäck verstaut und gesichert ist, geht es in Kollone los und das Gelände wird Minute um Minute sandiger und holpriger. Ich verstehe sofort, warum nur solche Autos hier klarkommen und amüsiere mich noch über die Touristen im Wagen vor uns als sich plötzlich eine Ebene vor uns auftut und ich das Gefühl habe eine andere Welt zu betreten: weit und breit nur Sand – Ich hab so was noch nie gesehen!

    On the way to Jericoacoara

    Ich bin sprachlos. Mitten in den Dünen halten wir an um Fotos zu machen. Wir steigen hinauf, der Wind haut mich fast um und man versteht kaum sein eigenes Wort. Glücksgefühl pur- dass ich das erleben darf!

    Nach zwanzig Minuten kommen wir nach Jericoacoara, kurz Jeri: im ganzen Ort gibt es nur Straßen aus Sand, überall kleine Cafés, Restaurants, Surferläden, street food.

    Straßen aus Sand – eine Woche barfuß!

    Ich checke mit Roman und Maich im Hostel ein- scheint gut zu sein- wir gehen direkt an den Strand. Der ist erst mal ziemlich unspektakulär und die teuren Hotels, die sich hier aneinander reihen, wirken etwas entzaubernd. Dass die Wellen nicht zum Strand sondern von rechts nach links laufen, ist ein ungewohnter Anblick.Später schauen wir uns den Sonnenuntergang auf der Düne links neben dem Strand an. Das ist jeden Abend eine Völkerwanderung und mir muss mal jemand erklären, warum: mega windig da oben, man bekommt durch den Sand kaum die Augen auf und dann klatscht die Menge auch noch, wenn die Sonne untergeht – ernsthaft? Interessiert doch die Sonne nicht! Schlimmer als im Flieger und zerstört den Moment total. Wir gehen essen, ich bekomme zum ersten Mal einen richtigen Salat. Im Hostel schlafe ich in der Hängematte ein und wandere mitten in der Nacht ins Bett.

    Tag 2 und 3: Chillen und Kitesurfing 
    Am Dienstag sind die Jungs beim Kitesurf-Unterricht und ich gehe den Tag gemütlich an. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Saulius, 31 aus Litauen. Sehr entspannter angenehmer Typ, sieht aus wie 25, Kitesurfer, hat eine eigene Baufirma in London und richtet hauptsächlich neue Geschäfte ein. Reist soviel er kann, entweder zum Surfen oder Backpacking. Nach zehn Minuten mit mir steht für ihn fest: you’ll be travelling longer! Ab dann erzählt er jedem, der mich fragt, nach einem kurzen schmunzelnden Blick, dass ich für zwei Jahre reise.

    Mittags skype ich mit Marina, meiner Schwägerin und Freundin. Ihren schwangeren Bauch zu sehen, berührt mich sehr.

    Reisen ist wunderbar und erfüllt mich auf neue Art und Weise. Nicht am Leben meiner Menschen zuhause teilhaben zu können, birgt etwas Trauriges. Gleichzeitig weiß ich, dass diese tiefen Bindungen immer bestehen werden. Loslassen befreit.

    Im Hostel hängt einer den kompletten Tag vorm Fernseher und schaut Netflix. Wir fragen uns zwei Tage lang, ob er hier nichts besseres zu tun hat, bis sich herausstellt, dass er sich am Rücken verletzt hat. Den Spitznamen bekommt er von mir aber trotzdem und witzigerweise übernehmen ihn alle. So wird jeder durch Herkunft, Aussehen oder Angewohnheit benannt, denn alle Namen kennt und merkt sich keiner: Roman wird zum the big German guy, Maich – the pharmacist/ the Mexican, den Israeli nennen wir David, einfach weil der Name zu ihm passt. Keine Ahnung, was man sich für mich ausgedacht hat.

    Den Sonnenuntergang schaue ich mit Maich heute von der anderen Seite an, mit Blick auf die bevölkerte Düne- von weitem sieht die doch eh viel schöner aus. Ewig lange Wellen von rechts nach links tragen die Surfer an uns vorbei, was beruhigend wirkt und etwas Meditatives hat.

    Livemusik gibt es eigentlich dauernd in Cafés und Restaurants. Gegen halb11 machen wir uns auf zur Party des Abends am Rande von Jeri mit Bühne im Freien, Band und Tanzfläche. Irgendwann sind wir auch mitten unter den Tanzenden, allerdings ohne den brasilianischen Hüftschwung. Gefällt mir, wie hier noch als Paar getanzt wird, könnte bei uns auch mal wieder mehr in Mode kommen.

    Maich verabschiedet sich als erstes Richtung Hostel und ich folge wenig später- genug getanzt und ich will Roman nicht die Tour vermasseln, die Chica neben ihm scheint interessiert. 

    Am Mittwoch begleite ich die Jungs beim Surfkurs, außer Kitesurfer auf dem Wasser gibt es allerdings nichts. Ich nehme es entspannt: muss nirgendwo sonst sein, keine Arbeit, die auf mich wartet…


    Tag 4: Buggyfahrt mit Maich
    Wir mieten uns ein Quad, um durch die Sanddünen zu brettern und dabei noch bekannte Strände und Felsen zu sehen. Ich kann ja nicht jeden Tag nur in der Hängematte, am Pool und am Strand abhängen. Maich scheint etwas tollpatschig zu sein: er hat sich vor zwei Tagen am Zeh verletzt und einen Kite kaputt gemacht. Erinnert mich irgendwie an meine Schwester Anne. Und jetzt mit ihm Quad fahren- aber wird schon gutgehen.

    Wir halten an einer bekannten Felsformation, Maich humpelt hinter mir her, sein Zeh ändert übrigens gerade jeden Tag die Farbe, dann zwei Strände. Ich bin etwas enttäuscht, dass es nicht so aussieht wie auf den Bildern- liegt unter anderem daran, dass manche Lagunen momentan kaum Wasser haben. Der zweite Strand ist der totale Touristenstrand, nicht mein Ding. 

    Wo ist das berühmte kristallklare Wasser?

    Schön, aber zu viele Touristen

    Wir wechseln uns ab am Steuer- macht richtig Spaß! In einem kleinen Restaurant direkt am Strand auf der Holzterrasse machen wir halt zum Essen. Fischliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten- ich muss zugeben, sieht echt gut aus. Für mich gibt’s frittierte Maniok, die mir noch am nächsten Tag schwer im Magen liegen, Salat, Reis mit Bohnen und ein paar Pommes. Frittiertes Zeug hake ich danach auch endgültig ab. Wir unterhalten uns über das Bildungssystem in Deutschland und Brasilien und wieder einmal scheint es so, dass die Wohlhabenden die bessere Ausbildung genießen. Den ganzen Tag über höre ich so Einiges über brasilianische Kultur, Sprache und Traditionen. Maich erzählt geduldig und so verbringen wir einen weiteren entspannten Tag gemeinsam.

    Am Ende stoppen wir noch am Baum, der mit dem Wind gewachsen ist, machen dort ein paar Faxen und fahren anschließend am Strand entlang in den Sonnenuntergang.

    Tag 5 – 7: Tiefenentspannung tritt ein
    Die nächsten Tage beginnen weiterhin mit ausgiebigem Frühstück, währenddessen ich jedes Mal schon so viel lache wie manchmal den ganzen Tag nicht. Diejenigen, die am Abend vorher am spätesten im Bett waren, werden am nächsten Morgen außerdem gnadenlos ausgefragt, bei wem sie gelandet sind. Nur heiße Geschichten werden akzeptiert und dann Ruhe gegeben – armer Roman! Dann am Pool sonnen, Hängematte, spätes Lunch.

    Man beachte die Dame rechts am Pool- perfekter Bikiniabdruck!

    Ich habe tolle Gespräche mit interessanten Menschen, gehe jeden Tag mit Roman trainieren, wir liegen ohne Handtuch auf dem nassen Sand- der gehört jetzt ganz natürlich auf die Haut. Abends geht es meist ins Fischrestaurant, wo man sich den Fisch oder Hummer aussucht, bevor er zubereitet wird.

    Party im Hostel, nachts kann man die Milchstraße sehen, habe erstmals wieder, wenn auch nur wenige Tage, Ruhe vom Ex. Jeri hat definitiv etwas Magisches- besonders am Abend.

    Beer pong! Netflix und Saulius haben’s drauf!

    Am Samstag wache ich mit einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit auf. Mit Fernando bin ich seit Pipa in Kontakt, seine positive Einstellung und Energie tun gut und decken sich mit meinem Lebensgefühl. Wir wollen uns im Süden wiedersehen. 

    Später erlebe ich den perfekten Abend – mit dabei sind: 

    • Aela: 23, Französin, studiert gerade ein Jahr in Rio und
    • Adrien: 23, halb Deutscher, besucht Aela gerade, die beiden leben in Paris, waren mal ein Paar und sind beste Freunde (will erst mal keiner glauben), haben neben ihrer französischen Seite auch etwas ganz Untypisches, was sie für alle anderen noch sympathischer macht.
    • Fabian: 28 aus Köln, arbeitet im Startup Kerbholz, stellen Brillen und Uhren aus Holz her (Böhmermann hat auch schon eine im Fernsehen von ihnen getragen). Fabian ist neugierig, aufgeschlossen, kocht gerne und wird immer nervös, wenn’s ans Essen geht, er kann manchmal selbst kaum glauben, dass er schon fast 30 ist.
    • Ikamar alias ‚David‘: Ende 20, Israeli, reist ein Jahr durch Südamerika, er führt uns für den Sonnenuntergang links hinter der Düne vorbei und hat uns den Ort als den für ihn bis jetzt schönsten in Brasilien angekündigt.
    • Tobias, der den halben Tag lebhaft über das Pantanal-Gebiet und die Tiere dort erzählt und etwas überwältigt von seiner ersten Backpacker-Reise zu sein scheint.
    • Eine weitere Französin, hab nicht mit ihr gesprochen
    Unbekannte Französin, Itamar, Adrien, Fabian, Tobias, myself, Aela

    Wir laufen eine Viertelstunde bis wir an eine Art Oase mitten in den Dünen kommen. Allein dieser Anblick ist traumhaft. 

    Diese Oase bezeichnen wir später als Abenteuerspielplatz, denn wir finden Pferde, Wildschweine, Slacklines, ein Seil, mit dem man sich über den See schwingen kann, ein Trampolin, Hängematte, Boxsack und hier scheinen ein paar Hippies zu leben. Wir sind wie Kinder, die einen neuen Spielplatz entdecken und verweilen uns eine halbe Stunde, dann treibt David uns weiter, damit wir auch rechtzeitig zum Sonnenuntergang kommen. 

    Vorbei an einem alten Wasserturm und einer Wasserpumpe verlassen wir die Oase und steigen die Düne dahinter hinauf. Was sich vor uns auftut, ist einfach unbeschreiblich und Bilder sagen hier mehr als tausend Worte…

    Als ich das erste Mal über die Kante der Düne blicke, ist es als würde sich eine neue Welt vor uns auftun…

    Dann kommt der spaßige Teil:

    Auf halber Höhe setzen wir uns in die Düne. Hier ist es auf einmal vollkommen windstill und man spürt die Sonne auf der Haut. In der Ebene grasen Pferde, der Himmel färbt sich langsam rötlich, das ist nicht von dieser Welt. Fabian hat chillige Elektromusik dabei. Wir genießen den Moment – jeder für sich und doch gemeinsam. Innere Ruhe, Frieden, Dankbarkeit – ich hab selten so erfüllende Momente erlebt, geeint mit meiner Umgebung.

    Nachdem die Sonne hinten am Horizont verschwunden ist, steigen wir noch einmal kurz die Düne hinauf – man hat fast schon vergessen wie windig es da oben ist, der Kontrast ist enorm. In fast kompletter Dunkelheit laufen wir zurück unter klarem Sternenhimmel und Milchstraße.

    Der letzte Tag in Jeri bricht an. Roman ist schon etwas wehmütig, da wir alle am gleichen Tag gehen werden und er alleine zurückbleibt. Er geht heute wieder Surfen, ich chille mit Fabian am Pool, Netflix organisiert Lunch für alle.

    Weil es so schön war, gehen wir nochmal in die andere Welt zum Sonnenuntergang. Dieses Mal übernimmt Fabian die Rolle des Reiseführers und es ist amüsant, wie sehr er darin aufgeht. „Ach, es ist doch immer wieder schön hier.“ Der Zauber lässt nicht nach und ist Balsam für die Seele.

    Abends geht’s natürlich nochmal ins Fischrestaurant. Wir unterhalten uns darüber, inwiefern man mehr man selbst ist beim Reisen, da man weniger in bestimmte Rollen gepresst wird. Dessert in einer Eisdiele zum dahinschmelzen.

    Mein Herz nimmt Tag für Tag mehr Raum ein. Ich lerne, Menschen vom ersten Tag an zu lieben.

    Als wir zurück ins Hostel kommen, checke ich kurz meine mails und kann nicht glauben, was ich lese: mein Ex hat doch echt nen Flug gebucht und will mich finden – what??? Ich kanns nicht fassen und empfinde Wut. Das ist nicht, was ich möchte. Er ist nicht Teil meiner Reise und das soll auch so bleiben. zudem ist das langsam krankhaft- Seelenverwandtschaft und der ganze Quatsch- ich kanns nicht mehr hören! (Ich meine das nicht abwertend, aber es reicht!) Da meine kleine Jeri-Familie hier meine Geschichte kennt und ich das Bedürfnis habe zu sprechen, erzähle ich von der email. Saulius, Fabian, Aela, Adrien und zwei weitere Mädels sammeln sich um mich (Roman ist unterwegs). Ich werde nochmals gebeten, doch bitte ein Buch zu schreiben, jeder schätzt die Situation ein und Saulius sagt am Ende im Stillen ganz treffend zu mir: „don’t think too much about it. It doesn’t change anything.“ Wir sitzen und liegen noch bis spät in die Nacht zusammen, spielen „tell one lie and one truth“ und lernen uns so auf interessante und lustige Weise noch besser kennen. Ich genieße diese Stunden, wir kennen uns so kurz und sind uns doch so nah- einfach nur schön und ich fühle mich sehr gut aufgehoben in dieser Runde. (Das mit dem Flug hat sich übrigens zwei Tage später wieder erledigt, er hängt in einer Dauerschleife. Jetzt wird alles komplett ignoriert und nicht mehr gelesen.)

    Am nächsen Morgen heißt es Abschied nehmen von Roman. Ich bin mir sicher, wir sehen uns nochmal wieder. Fabian bleibt noch einen Tag, dann Amazonas – auch ihn werde ich nicht vergessen. Mit Saulius, Aela und Adrien beginnt dann der Roadtrip nach Fortaleza. Saulius wird in der Nähe weiter kitesurfen, die anderen beiden begleiten mich nach Canoa Quebrada. Auf der Fahrt umreißt Saulius seinen Lebensweg und ich bin tief beeindruckt und berührt. Er ist das lebende Beispiel dafür, dass auch ohne viel Schule alles möglich ist: mit 15 von der Schule geflogen, jobt hier und da, geht nach Dublin und fängt da auf dem Bau an. Zwei Jahre später wagt er mit einem Freund den Neuanfang in London und lebt dort erst mal unter Hippies in einem verlassenen Gebäude. Wieder auf dem Bau, harte Zeit, aber ihm liegt die Arbeit mit den Händen. Ihm wird geraten sich selbständig zu machen. Jetzt hat er eine eigene Firma, lebt mitten in London, nimmt nur sieben Monate im Jahr Aufträge an und reist das restliche Jahr. Er überlegt momentan, ein Surferhostel zu eröffnen – mal was anderes für ein paar Jahre. Verdammt angenehmer Mensch!

    Goodbye Jericoacoara and thank you for the amazing time – hope to see you again!