Dartmouth, Nova Scotia – vertraute Umgebung und neue Herausforderungen

12 – 31 Januar 2018

Zurück in Nova Scotia – hier erst mal ein paar interessante Fakten:

  • Die Provinz liegt an der Ostküste und ist fast komplett vom Atlantik umgeben; kein Ort liegt mehr als sechzig Kilometer vom Meer entfernt, überall Wälder und Seen.
  • Die Hauptstadt Halifax ist wichtiger internationaler Seehafen (der weltweit zweitgrößte natürliche eisfreie Hafen nach Sydney in Australien), Transportzentrum und ökonomischer und kultureller Mittelpunkt der Region.
  • Die Halifax Explosion im Jahr 1917 war vor Hiroshima die weltweit größte von Menschen verursachte: das französische Frachtschiff SS Mont Blanc, beladen mit Sprengstoffen aus Kriegszeiten, stieß mit einem leeren norwegischen Schiff zusammen, fing Feuer und explodierte 25min später; folgender Tsunami und Druckwelle forderten ca 2000 Tote und 9000 Verletzte.
  • Nova Scotia (lateinisch für Neu Schottland) zählt knapp eine Million Einwohner, Halifax hat dreimal soviel Studenten als der nationale Durchschnitt und somit angeblich mehr Bars pro Kopf als jede andere Stadt in Canada.
  • Halifax liegt näher an Dublin, Irland als an Victoria, BC im Westen des Landes.
  • man findet hier milderes Klima als im Inland, mit vier Jahreszeiten für mich verdammt ähnlich zu unserem Wetter in Deutschland: im Winter kommt und geht der Schnee, aber es gibt mehr und er bleibt länger, etwas kälter wird es auch, aber immerhin richtiger Winter und nicht dieser graue Matsch. Die Sonne verschwindet zuweilen allerdings auch für Tage hinter einer dichten Wolkendecke.

See MicMac – Teil meines 9km Laufs
Heimweg vom Supermarkt entlang am See Banook

Das Gefühl, das sich schon in Florida anbahnte, verstärkt sich nun von Tag zu Tag und ich bin sicher ziemlich unerträglich: zu allem, was Robyn sagt, habe ich Widerworte, werde abweisend, bin besserwisserisch, genervt und kritisierend, kann mich so selbst nicht leiden. Sie ist nach wie vor einfühlsam und freut sich jeden Tag riesig, dass ich hier bei ihr bin.

Warum also mein borstiges Verhalten? Ich fühle mich eingeengt, schlafe schlecht, bin es nicht gewohnt, soviel Zeit nonstop mit der gleichen Person zu verbringen, brauche mehr Zeit nur für mich, kann mich nirgends wirklich zurückziehen. Sie arbeitet von zuhause, meine Jobsuche läuft schleppend. Außerdem vermisse ich meinen sozialen Kreis, wie ich es für mich nenne. In Deutschland habe ich es geschafft, neben unserer Großfamilie mit all meinen unterschiedlichen Freunden Kontakt zu halten. Der krasse Kontrast hier steht in keinem Verhältnis.

Die Situation spitzt sich zu als wir drei Nächte bei Olga und Lynette in Terence Bay verbringen, um Haus und Tiere zu hüten – mitten in der Natur, direkt an der Küste.

Als wir ankommen, fällt es übrigens erst schwer, nicht zum Glas Wein zu greifen, dann ist der Moment allerdings auch schnell verflogen und ich bin zufrieden mit Wasser und Tee. Dieses Mal bleibe ich konstant!

Wir verbringen die Tage mit Spaziergängen, besuchen Robyn’s Freunde, die in der Nähe wohnen und ich genieße die Anwesenheit von zwei schmusigen Katzen.

Spaziergang mit Robyn, Hund Ella und Freundin Emily

Aussichtspunkt erklommen!

Da Olga und Lynette erst nach der ersten Nacht aufbrechen, komme ich in den Genuss, auf dem Sofa zu schlafen – alleine – wie ich das genieße! Studien belegen, dass die Hälfte der Personen, die ihr Bett mit jemandem teilen, schlechter schlafen, da sie durch die Bewegungen und Geräusche des anderen gestört werden – zu dieser Hälfte zähle ich mich ganz klar auch, komischerweise schlafe ich allerdings immer einwandfrei neben meinen Geschwistern – ob es dazu auch Studien gibt?

In der zweiten Nacht will ich zunächst auf dem Sofa bleiben, aber das Bett ist so überzeugend riesig und hat zwei separate Matratzen, dass ich bereit bin, umzuziehen. Doch es liegt eine Spannung in der Luft, ich versuche mich zu erklären als ich mich auf einmal in einem Gefühl wiederfinde, das ich so nur aus einer Situation vor knapp zwei Jahren mit meinem damaligen Freund Eric kenne: ich fühlte mich nach einer Diskussion wie gelähmt, unfähig mich zu bewegen, geschweige denn irgend etwas zu entgegnen. Mein Herz schmerzt, ich betrachte mich selbst wie von außen und spüre einen unendlichen Druck.

Später suche ich nach Parallelen zwischen den beiden Situationen: die Erwartungshaltung meines Gegenübers, die Gefahr den anderen zu verletzen, meine eigenen Bedürfnisse in diesem Moment, Wahrung der Harmonie, persönliches Wollen verklärt. Ich beschreibe Robyn mein Gefühl ansatzweise, entschuldige mich für mein abweisendes Verhalten, unterm Strich brauche ich Freiraum! Am dritten Tag sind wir in Dartmouth einkaufen und ich nutze die Gelegenheit, bleibe hier, genieße die Stunden allein und schlafe seit langem mal wieder hervorragend. Nach weiteren Gesprächen finden wir Wege, mir den Raum zu geben, den ich brauche und ganz schnell bin ich wieder nahbar und aufgeschlossen.

Sometimes I like to be alone. I enjoy the freedom and solitude. In those moments, I remember who I am and what I want.

Ich blicke auf die Zeit mit Eric zurück: vieles nahm ich damals wie hinter einem Schleier wahr, er gab alles um mir entgegen zu kommen, unsere Beziehung aufrecht zu erhalten, ich dagegen verspürte irgendwann nur noch Druck. Rückblickend war ich nicht bereit, eine so bedeutende und tiefe Verbindung einzugehen, sah nur die Verpflichtung, die Verantwortung, für jemand anderen da zu sein. Die Beziehung zu ihm war ein Zugeständnis, dass ich nicht bereit war zu machen. Ich hatte einen Traum, den ich nur allein verwirklichen konnte.

Jetzt mit Robyn fühle ich mich frei, da sie ohne Zukunftserwartung jeden Tag mit Freude annimmt. Ich verstehe, was es bedeutet, einen Verbündeten im Leben zu haben. Ich möchte Ruhe finden in mir, mit meinen Entscheidungen im Frieden sein, nicht immer alles in Frage stellen. Ich kämpfe zum ersten Mal mit dem Gefühl von Heimweh, gleichzeitig ist da nach wie vor die Sehnsucht, wieder auf Reisen zu sein und neue Begegnungen zu machen, meine Freunde fehlen mir.

Was ist der Plan für die nächsten Monate? Wie immer hab ich nicht wirklich einen und so lange das nächste Ziel nicht klar ist, will ich das Jetzt und Hier voll und ganz annehmen, mir Zeit nehmen, in mich hinein zu hören.

Die Tage ziehen dahin, Jobsuche fällt schwer, denn die Gastronomie sucht erst wieder für die Sommermonate. Eines Tages schlägt Robyn vor, ich soll doch den Versuch wagen, auf dem lokalen Markt hier in Dartmouth zu verkaufen. Der Gedanke gefällt mir, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, wie meine Koch- und Backkünste bei der Allgemeinheit ankommen. Kaum eingewilligt, buchen wir einen Tisch für den nächsten Samstag, laut Robyn’s Bruder Willy ist jetzt ein guter Zeitpunkt, einzusteigen, denn im Sommer bekommt man kaum einen Platz (seine Frau verkauft schon seit zwei Jahren dort). Dann geht es an die Planung und Organisation: Produkte auswählen, Zutatenliste, Preise vergleichen, Verpackung, Label, Arbeitsmaterial – die Liste nimmt kein Ende! Robyn ist super engagiert und hat tolle Ideen, wir arbeiten kreativ und produktiv zusammen. Ich bin dankbar für die Gelegenheit. Am 20.Januar ist es soweit und wir treten unseren ersten Markttag an, der Wecker klingelt um sechs Uhr morgens.

Selfie muss laut Robyn sein, bevor es losgeht

Fürs erste Mal an einem ruhigen Samstag läuft es gut: 157 Dollar Einnahmen, die Ausgaben waren natürlich um einiges höher. Eine erfahrene Verkäuferin gibt mir ein paar nützliche Tipps und ich will es ein paar Wochen laufen lassen.

erster Markttag mit Hafercookies, Früchtebrot und Granola
in den ersten Wochen alles handgeschrieben, klettern durch die Küche

Mit dem Blog komme ich kaum hinterher, denn meine Tage sind gefüllt mit Rezeptrecherche, Preiskalkulation, Einkaufen (Robyns Schränke sind schnell ausgelastet), Backen, Ideensammlung für unseren Geschäftsnamen, Visitenkarten, und und und. Robyn kümmert sich außerdem um alles, was mit Internetpräsenz zu tun hat, ohne läuft heutzutage ja nichts mehr. Nach zwei Wochen steht der Name: „Holder is vegan“. Das Ganze macht Spaß, bereits in der zweiten Woche kommen schon Leute wieder von letzter Woche. Es dauert wohl ein paar Monate bis man sich etabliert und ich stecke jetzt somit einiges an Geld und Zeit in das neue Projekt, bin neugierig, wohin das Ganze laufen wird. Beim Joggen um die Seen im Schnee bekomme ich den Kopf frei, teste jeden Tag neue Rezepte und wir genießen exquisite Dinner.

Ach ja, meine Beurlaubung ist übrigens genehmigt bis Juli 2020, noch Fragen?!

Nimm dir jeden Tag die Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, welche in dir schwingt.

Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

21 November – 05 Dezember 2017

Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

Queensland Beach

Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

Rainbow Haven

Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

Clam Harbour

Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

Weihnachtself in Aktion

Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

Joggen in den Sonnenuntergang

Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

Prince Edward Island and Nova Scotia

02 – 09 August 2017

Eine Woche Urlaub steht an: ich fliege auf die Insel zu Kirsten und Shawn’s Hochzeit. Danach hab ich vier Tage in und um Halifax – dachte mir, wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Gegend erkunden. Für die erste Nacht auf der Insel ist ein Hostel in Charlottetown reserviert, morgen holt mich Kirsten ab und nach weiteren zwei Nächten will ich irgendwie nach Halifax. Gebucht habe ich nichts, wird sich schon etwas ergeben; über Couchsurfing tut sich allerdings fast gar nichts; die Canadier scheinen viel reservierter und unflexibel, die meisten sind überhaupt nicht aktiv auf der Platform, im Süden war das einfacher.

Im Flieger von Halifax nach Charlottetown ist gerade mal Platz für achtzehn Personen, freier Blick zum Cockpit – definitiv das kleinste Flugzeug, in dem ich je saß. Angekommen frage ich den erstbesten Menschen, der sich ein Taxi herwinkt, ob wir es uns teilen können; scheint ihm ziemlich egal zu sein, also steige ich mit ein. Gesprächig ist er nicht gerade, daher konzentriere ich mich auf den Taxifahrer: gemütlicher Typ mit Vollbart, der die Insel wahrscheinlich kennt wie seine Westentasche, da er hier geboren und aufgewachsen ist. Als mein Mitfahrer zuerst abgesetzt wird, will ich fragen, was ich schuldig bin, doch er winkt ab und als wir alleine sind, meint er: dir mach ich einen speziellen Preis. Der Herr hier ist Businessman, bekommt es wahrscheinlich eh bezahlt und schläft im Hotel. So bekomme ich meine Fahrt zum halben Preis.

freier Blick zum Cockpit

Das Hostel macht einen sehr guten Eindruck, etwas befremdlich finde ich nur die Privatfotos des Besitzers und seiner Frau an den Wänden. Ich lege ab, bekomme einen kurzen Rundgang, Dusche, dann schlendere ich durch den Ort bis ans Ufer. Alles sehr ruhig und idyllisch hier, man fühlt sofort, dass die Uhren etwas langsamer ticken. Den Abend verbringe ich im Hostel, unterhalte mich hier und da mit anderen Gästen, die überwiegend aus Canada und Deutschland sind.

downtown Charlottetown
Hostel, waterfront

Am Donnerstag mittag holt mich Kirsten mit Freundin und Mutter ab und für letzte Erledigungen geht es über die Insel, von hier nach da. An der Hochzeitslocation Centre Goeland treffen wir auf Bräutigam Shawn und ein paar Freunde und Familie. Nach dem Beziehen unserer Zimmer erkunde ich das Gelände: wir sind wirklich direkt am Wasser mitten in der Natur – das wird eine Feier ohne den ganzen überflüssigen Schnick Schnack. Am Abend übernehme ich die Aufgabe, das Gastgeschenk für die Damen fertigzustellen: Lippenbalsam! Kann man schon mal erst am Abend vor der Hochzeit machen. Bei einem Glas Wein schmelze ich Bienenwachs, Kokosöl und Sheabutter und fülle die Minitigel – sieht richtig professionell aus.

wedding location

Freitag, 04. August: wedding day! Kein Wölkchen am Himmel, könnte kaum perfekter sein. Die Zeremonie beginnt am Nachmittag, so bleibt vorher sogar Zeit für etwas Sport und einen Sprung ins Wasser. Um meine Weiterreise hab ich mich immer noch nicht gekümmert, spekuliere aber darauf, dass irgendjemand schon in dieselbe Richtung fährt. Hostels sind auch schon fast ausgebucht, aber ich habe irgendwie die Ruhe weg. Nach und nach trudeln Familie und Freunde ein und dann ist es auch schon soweit und alle schlendern Richtung Wiese am Meer. Ich schnappe mir noch schnell ein Bier, das ich leere, bevor ich meinen Platz auf einer der Holzbänke mit Blick aufs Wasser einnehme.

gleich gehts los – Wetter: überragend!

Es wird nicht lange um den heißen Brei geredet und so darf Shawn seine Braut nach nicht mal dreißig Minuten küssen.

Während der Fotograf unendlich viele Fotos schießt, vertreibt sich die Gesellschaft die Zeit mit Austern essen und dem ein oder anderen Getränk.

Nach drei Gängen Essen, ein paar kurzen Reden und dem Anschneiden des Kuchens tritt die Band auf, was die Tänzer aus ihren Stühlen holt. Ich bin nicht in der Stimmung und habe neben mir Kirstens Mum, der es genauso geht. Gegen elf kommt Greg, ein Freund der Familie und meint, wir müssen uns den Mond anschauen. Also laufen wir an den Strand und der Sternenhimmel bietet im Zusammenspiel mit Mondschein und Wasser einen Anblick wie gemalt. Während wir hier so stehen und uns unterhalten, stellt sich heraus, dass Greg morgen ganz in die Nähe von Halifax muss und bietet an, mich in den Nachbarort Dartmouth mitzunehmen. Ja, ihr lest richtig: elf Uhr abends nach ein paar Gläsern Wein finde ich meine Mitfahrgelegenheit.

Samstag morgen nach schnellem Frühstück verabschiede ich mich von den frisch Vermählten. Nach einer unterhaltsamen Fahrt setzt Greg mich gegen zwei am Nachmittag in Dartmouth ab. Ich bin müde, habe Hunger und bin unschlüssig, was ich mit dem Rest des Tages machen soll. Mit der Fähre schon rüber nach Halifax oder hier erst mal eine schöne Terrasse in der Sonne suchen? Hostels sind eh ausgebucht, vielleicht lassen die mich eine Nacht auf dem Sofa schlafen. So laufe ich ein paar Straßen mit meinem kleinen geliehenen Rucksack auf und ab und stehe am Ende vor der Bar Battery Park. Sieht hip und einladend aus, im Hinterhof eine Terrasse, das ist es.

Ich suche mir einen Platz in der Sonne an einem der langen Picknicktische, bestelle Cider und veganen Burger und logge mich ins wifi ein mit der Hoffnung, doch noch jemanden auf Couchsurfing zu finden.

Battery Park in Dartmouth

Ich plaudere kurz mit einem Typ, der hier mit Freunden verabredet ist. Als diese eintreffen, nutze ich den Moment um weiter im Netz zu suchen, lange sitze ich jedoch nicht allein: Kyle und Don stehen rechts neben mir und fragen, ob sie sich setzen können. Kyle trägt Kappe, wirkt lässig, jünger als ich, Don definitiv etwas älter, viele Tattoos, seine Gestik wirkt feminin, ein Paar sind die beiden aber glaube ich nicht. Sie sind aus Toronto und machen hier gerade Urlaub – und schon bin ich wieder am quatschen, so wird das nichts. Ein paar Minuten später klingt sich der Typ schräg gegenüber auf meiner linken Seite ein, der wohl auch in Toronto lebt und den ich erst jetzt bemerke. Brian ist mit einer Freundin hier. Robyn. Sie sitzt auf meiner Seite und ich bin etwas perplex, dass ich die beiden nicht kommen gesehen habe, so vertieft war ich in mein Telefon in meiner obdachlosen Situation. Wir rutschen zusammen und man könnte meinen, wir hätten uns hier alle verabredet. Brian ist Filmregisseur und gerade mit seinem Team in der Stadt, sein Skaterstyle lässt ihn sehr jugendlich wirken, beide sind total aufgeschlossen und entspannt. Liegt vielleicht auch daran, dass sie vorher schon in einer anderen Bar getrunken haben, wie ich später erfahre. Ich fühle mich sofort wohl mit den beiden. Robyn geht mit ihrem lässig hochgesteckten lockigen Haar, ihrem sportlich schicken Outfit und ihrer offenherzigen Art locker als Ende dreißig durch. Als ich erwähne, dass ich mich eigentlich um eine Bleibe für die Nacht kümmern muss, schaut sie mich an und meint: „You can sleep at my place!“ Ich tausche einen Blick mit ihr aus – meint sie das ernst? Sie entgegnet, dass sie in einer Familie mit offenen Türen aufgewachsen ist und mich gerne mitnimmt. Das macht sie gleich noch sympathischer, denn diese Offenheit kenne ich von meiner Familie. Wir bestellen das zweite Bier und ich muss innerlich lächeln, da mein tiefes Vertrauen in das Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit mir heute Robyn schenkt und diese Begegnung eine der schönsten seit langem sein wird.

Don und Kyle müssen los, aber wir verabreden uns für den Abend. Dave, ein Freund von Robyn, der hier arbeitet, setzt sich noch zu uns. Ich erfahre, dass Brian und Robyn sich vor langer Zeit bei der Arbeit kennenlernten und seitdem enge Freunde sind, sie ist Production Designerin, arbeitet seit kurzem Teilzeit in einer Organisation für geistige Gesundheit und verbringt ihre restliche Zeit mit kreativer Arbeit. Dass sie auf Frauen steht, lässt sie mich auch direkt wissen.

links: Brian und Freund von Robyn, Dave. rechts: Robyn und ich. Typ hinter mir kennen wir nicht: photobomb 🙂

Als ich ihre Wohnung betrete, die nur ein paar Gehminuten entfernt liegt, fühle ich mich direkt pudelwohl: wir richten auf die gleiche Weise ein und wie bei mir gibt es hier viele kleine Dinge zu entdecken. Die Frau hat Geschmack!

Nach kurzem Ausruhen und Dusche machen wir uns gleich wieder auf den Weg. Wir genehmigen uns einem Drink zu zweit an einer Hotelbar und stoßen danach in einer Openair Bar am Hafen zu Brian und seiner jungen Assistentin Madison, die er mitgebracht hat. Die Vertrautheit der beiden irritiert mich, da ich am Nachmittag noch Fotos von Partnerin und Kindern gezeigt bekam – aber nicht meine Angelegenheit. Bevor wir weiterziehen in den Seahorse Club kommen wir noch in den Genuss eines Feuerwerks und ich bin ganz angetan von den herzförmigen Lichtern am Himmel.
Im Club treffen wir Don und Kyle wieder. Brian und Robyn stellen sicher, dass der Alkohol fließt, Brian macht sich an Madison ran, Kyle zeigt auch Interesse und checkt bei mir ab, was zwischen den beiden ist. Durch die Konkurrenz verliert Brian bei dem jungen Hüpfer kurz die Oberhand und kommt mir etwas näher. Robyn macht mir den ganzen Abend charmante Komplimente. Alles entspannt und wir tanzen durch den Abend. Don ist auf einmal irgendwann verschwunden, schreibt mir lange Nachrichten wie ein eifersüchtiger Freund und scheint nicht klarzukommen damit, wie wir uns amüsieren – Dramaqueen! Geht gar nicht!

Ziemlich müde und gut betrunken kommen wir nach Hause und bevor wir ins Bett fallen, mache ich mich noch über Toastbrot und Oliven her – viel mehr gibt Robyn’s Kühlschrank für mich nicht her.

Den Sonntag gehen wir gemütlich an, quatschen und lachen den ganzen Tag, kein Thema ist tabu und ich hab das Gefühl über alles mit ihr reden zu können, relativ schnell sind wir uns einig, dass ich die kompletten vier Tage bei und mit ihr verbringe.

Am Montag besuchen wir Brian bei der Arbeit und werden Teil der TV Show, die sich schnell als ziemlich bescheuert herausstellt, da das Gebäck in der Bäckerei übertrieben gelobt werden soll und eigentlich nur nach viel Zucker schmeckt. Aber wir haben dennoch Spass, denn Robyn’s Mum, Bruder und Nichte sind auch dabei, die Kreativität zieht sich offensichtlich durch die ganze Familie; als professioneller Entertainer und ehemalige Schauspielerin sind Bruder und Mutter die Highlights des Drehtages.

hinter der Kamera: the Baker Sisters

Mittags setzen wir Robyn’s Familie zuhause ab, das Sommerwetter ruft nach Strand, also machen wir uns auf zur Terence Bay an eine kleine Bucht, erfrischen uns dort im kühlen Nass, eine Freundin, die in der Nähe wohnt, schaut kurz vorbei. Und weil es so nah ist, bringt Robyn mich gegen Abend noch zu einer der berühmtesten Ausflugsziele hier in Nova Scotia: Peggy’s Cove.

Unser Gesprächsstoff geht uns nicht aus, die Parallelen zwischen uns sind mir fast schon unheimlich, fühlt sich ein bisschen an wie eine zweite Version von mir in einer anderen Welt. Ihre positive und offenherzige Art emfinde ich als besonders erfrischend, sie ist so herrlich unkompliziert.

Ihre Geschichte fasziniert mich:

  • im Alter von nur einem Jahr erleidet sie durch einen Unfall mit heißem Wasser schwerste Verbrennungen an einem Bein, geht von da an durch viele Ops und Schmerzen, die Narben heute bringen sie in manchen Situationen nach wie vor in Unsicherheiten
  • sie besucht das Internat, in dem ihr Vater als Lehrer arbeitet, widmet viel Freizeit dem Sport und gehört meist zu den Besten in jeglicher Sportart
  • sie ergreift einen kreativen Beruf und arbeitet im Filmbusiness, gewinnt im Jahr 2003 den Leo Award für Production Design in Vancouver,BC. Ihr Auge fürs Detail zeigt sich in jeder Ecke ihrer Wohnung.
  • Aus meiner Familie bin ich mit geistigen Krankheiten vertraut, daher berührt mich ihre Erkrankung vor vielen Jahren besonders. Wenn man sie heute erlebt, ahnt man nicht das Geringste davon. Ihr liegt viel daran, die damit zusammenhängenden Stigmata zu bekämpfen
  • ihre Kreativität inspiriert mich, ich lerne viel Neues kennen, in manchen Momenten fühlt es sich an als lebt sie das aus, was ich in mir habe und weckt meine Sehnsucht nach mehr
  • wie ich ging sie durch viele ungesunde Beziehungen, ihre Angst nicht geliebt zu werden kenne ich – die profunde Angst von uns allen.
  • sie hat gute Menschen um sich und mag es, mit Fremden zu sprechen, gibt mir das Gefühl, dass ich vom Süden vermisse: dass wir alle verbunden sind, dieselben Gefühle teilen, sie sieht das Gute im Menschen. Ich habe genug von all dem oberflächlichen Denken und Handeln, schnellen Urteilen.
  • sie zeigt mir eine bis dahin unbekannte Welt – ich lasse mich treiben

zwei meiner Lieblingsbilder von Robyn:

An meinem letzten Tag will ich nach Lunenburg, doch mit einem Blick aus dem Fenster am frühen Morgen ist klar, dass es heute nicht aufhören wird zu regnen. Daher nehme ich mit Robyn die Fähre nach Halifax, setze mich für den Vormittag in die Bibliothek, erledige ein paar Dinge in der Stadt und besorge Zutaten fürs Abendessen, wobei ich versuche möglichst im Trockenen zu bleiben. Robyn holt mich im Mietwagen ab und ich begleite sie zu einem Treffen mit einer Arbeitskollegin, wo wir unser erstes Bier bestellen.

Ich koche unser letztes gemeinsames Essen, irgendwann fallen wir müde in die Kissen und ich schlafe zum ersten Mal seit Ewigkeiten tief und fest. Der Wecker klingelt noch vor sechs Uhr, wir kommen nicht aus dem Bett – eine Stunde später sind wir innerhalb von fünf Minuten frisch und auf dem Weg zum Flughafen.

Wir umarmen uns mehrmals fest, mein Herz wird schwer, Robyn hat mich tief berührt und mir viel Liebe und Vertrauen geschenkt. Ich weine auf dem Weg zurück nach Montreal.

I am learning to say Yes, to be daring and spontaneous, to hurl myself into people and places and moments without hesitation or second-guessing myself – to challenge my anxieties, to confront my fears, to trust unwaveringly in chance and fate to lead me to where I am supposed to be. – Beau Taplin. The Yes Man

Ich lerne ja zu sagen, mutig und spontan zu sein, mich in Menschen, Orte und Momente zu werfen ohne zu zögern oder mich zu hinterfragen – mich meinen Ängsten zu stellen, unerschütterlich in Chance und Schicksal zu vertrauen um mich dahin zu führen wo ich sein soll.