Oaxaca – ich finde eine Reisegefährtin

16 – 20 Oktober 2017

Die Region ist bekannt für seine tief verwurzelten Traditionen, seine Vielfältigkeit, gutes Essen und die vielen Möglichkeiten, aktiv zu sein. Als ich am späten Abend durch die Straßen Richtung Hostel laufe, spüre ich direkt den Charme dieser Stadt. Mit meiner Unterkunft habe ich einen guten Griff gelandet: bunt, viel Platz, riesige Dachterrasse, positive Atmosphäre. Ich richte mich ein und treffe auf Chloe, die auch gerade angekommen sein muss. Sie gefällt mir sofort: dreckige Lache, lässig, keine Tussi, aufgeschlossen und aus London: der Akzent ist Musik in meinen Ohren. Danach dauert es keine 24 Stunden, bis wir beide an dem Gedanken, ein Stück weit gemeinsam zu reisen, Gefallen finden.

Iguana Hostel

An meinem ersten Tag hier schlendere ich mit drei Jungs aus dem Hostel über den Markt und dann steuern wir den Berg hinauf, um uns Oaxaca (gesprochen „Oahaka“) von oben anzusehen. Phil aus Wales macht zwei Wochen Urlaub, zweifelt allerdings auch schon lange an dem Lebenskonzept, bis zur Rente zu schuften in einem Beruf, der ihn nicht wirklich erfüllt. Nach einem für mich irritierenden Start, in dem er ein paar aggressive schnippige Kommentare in meine Richtung macht, da er sich wohl von mir als Veganer angegriffen fühlt, bringt er mich doch oft zum Lachen – sein britischer Humor ist köstlich. Zusammen mit ihm, Chloe und drei weiteren Reisenden begeben wir uns am nächsten Tag auf einen gemeinsamen Ausflug: um sieben Uhr morgens nehmen wir den Bus in den Ort Cuajimoloyas, mit einer stolzen Höhe von 3200 Metern. Dort angekommen verlässt uns kurz jeglicher Antrieb, denn es regnet in Strömen, es ist kalt und die dichte Wolkendecke macht wenig Hoffnung. Wir entscheiden, erst einmal frühstücken zu gehen, danach sieht die Welt sicher schon besser aus. 

Frühstück in traditioneller Stube

Gestärkt und da wir nun schon mal hier sind, die Fahrt dauerte immerhin neunzig Minuten, entscheiden wir uns für die fünf-Stunden-Wanderung. An Regenjacken hat natürlich keiner von uns gedacht, aber es nieselt jetzt auch nur noch. Mit unserem persönlichen Guide laufen wir los und nachdem wir uns mit dem Wetter abgefunden haben, freuen wir uns über die Bewegung: es geht auf und ab, anstrengender als angenommen, Wasserfälle, unberührte Wiesen, stille Wälder, Höhlen und eine Bergspitze. Gegen Ende lässt sich sogar die Sonne blicken.

Nach knapp zwölf Stunden kommen wir zurück nach Oaxaca und testen auf Empfehlung des Hostelbesitzers eine Tacobar – megalecker! An Mole kommt man hier übrigens auch nicht vorbei und muss man probiert haben: quasi das mexikanische Curry mit über zwanzig Gewürzen, wobei die Zusammensetzung sehr unterschiedlich sein kann. Abgerundet wird das Ganze dann mit Schokolade.

Tacos, Mole und Früchte mit Chile y Limon

Fast jeden Abend muss ich übrigens dankend ablehnen, wenn mir Alkohol angeboten wird oder kurz fragende Blicke beantworten. Alle zeigen jedoch Verständnis, denn wer reist, dem ist bekannt, dass das tägliche Bier oder Glas Wein zum Reisealltag gehört. In geselliger Runde beim Wasser zu bleiben, ist hart! Beim Mescal Tasting breche ich zum ersten Mal mit meinem abstinenten Monat – Ausnahmen bestätigen die Regel. Zudem gehts hier um Traditionen und Kultur.

Mescal Tasting

Chloe und ich werden nun wirklich gemeinsam weiterreisen und verbringen unseren letzten Tag in Oaxaca entspannt in Museen und Galerien, trinken Chocolate con agua mit Pan de muerte und ich erfahre etwas mehr über sie: ein Bruder, vier Pflegegeschwister, enge Bindung zur Familie, von ihrer Mutter spricht sie sehr respektvoll und wertschätzend, bewundert, was diese geleistet hat. Chloe ist Hebamme mit Leidenschaft; mit achtzehn geht sie nach Bolivien zur Freiwilligenarbeit und reist danach in Südamerika. Immer wieder stutze ich, was sie in ihrem jungen Alter schon alles unternommen hat. Ich bin froh, ihr begegnet zu sein, denn sie ist erfrischend, unterhaltsam und sehr angenehme Gesellschaft.

entspannter Tag mit Chloe

Gefühlswelt: meine Unschlüssigkeit raubt mir Energie: Osten oder Westen? volunteer Job oder nicht? nochmal Abstecher zu Robyn? was kommt nach Weihnachten? Bin von mir selbst genervt, komme nicht so wirklich in den Reiseflow.

What lies before us and what lies behind us are small matters compared to what lies within us. and when you bring what is within out into the world… miracles happen.

Was vor und hinter uns liegt, ist nebensächlich verglichen mit dem, was in uns liegt. Und wenn du dein Inneres hinaus in die Welt bringst… geschehen Wunder.

Mexico City – bereit für die Weiterreise?

09 – 16 Oktober 2017

Eventually all things fall into place. Until then, laugh at the confusion, live for the moments, and know everything happens for a reason.

Früher oder später fügen sich die Dinge. Bis es soweit ist: lache über die Verwirrung, lebe die Momente und sei dir sicher, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert.

Der Flieger hebt ab nach Mexiko City – um meinen Sitznachbarn nicht mit einem Heulanfall in Verlegenheit zu bringen, reflektiere ich über all das Positive, was Robyn in meine Welt gebracht und mich über mich selbst gelehrt hat: ich kann einfach ich sein, sie entspannt mich und hat etwas inspirierendes. Ich muss nicht mehr oder weniger für den anderen zeigen als ich wirklich empfinde. Es geht um den Geist, das Herz, den Austausch, die Inspiration.

Gegen Mittag mexikanischer Zeit landen wir und ich will gerade Richtung Ausgang laufen, als mich Nick auf meine Yogamatte anspricht: längeres blondes Haar, groß, gutaussehend, Hippietouch. Nach ein paar Sätzen drückt er mir die Adresse für das bekannteste Retreatcenter ‚Hridaya‘ hier in Mexico in die Hand. Er spürt wohl, dass ich gerade ziemlich durcheinander bin. Aufgewachsen in Kanada, hält er sich momentan hauptsächlich in Indien auf um sich weiterzubilden, arbeitet aber auch mit dem Yoga- und Meditationsstudio hier in der Stadt; gerade reist sein Vater mit ihm, der frühzeitig in den Ruhestand ging um mehr vom Leben zu haben; beide scheinen sehr spirituell unterwegs. Ich springe mit den beiden ins Taxi und begleite sie zum Yogastudio, wir gehen essen, der Vater lädt ein. Erst gegen Abend mache ich mich letztendlich auf den Weg zu meinem Hostel ‚Massiosare‘, welches zentral, allerdings im vierten obersten Stock liegt – kein Wunder, dass es so günstig ist bei all den Stufen; nettes Personal und Dachterrasse. Da es schon relativ spät ist und dämmert, laufe ich noch schnell zum nächsten Supermarkt und dann auf direktem Weg wieder zurück, denn die Gegend scheint bei Nacht unsicher. Da ich nicht in der Stimmung bin für Austausch mit anderen, schaue ich im Netz nach einer free walking tour für den nächsten Tag – die sind immer gut um einen ersten Überblick zu bekommen. Dann macht sich ein Kopfschmerz breit, der sich ohne Tabletten nicht mehr vertreiben lässt. Tage später wird mir bewusst, dass mein Körper auf die Höhe hier reagiert hat: Mexico City liegt immerhin auf 2250 Metern.


Bellas Artes

Obwohl ich mich nur schwer aufraffen kann, die Stadt alleine zu erkunden, fülle ich meine Tage unter anderem mit Besuchen in interessanten Museen:

  • Frida Kahlo Haus: 25 Jahre lebte sie hier mit ihrem Mann Diego Rivera. Man bekommt einen Einblick in deren tägliches Leben, in Fridas berührende Lebensgeschichte und natürlich in die Kunst.
La Casa Azul de Frida Kahlo y Diego Rivera
  • Museo Soumaya: unter anderem mit Skulpturen von Rodin (einer meiner Schwerpunkte im Kunstleistungskurs damals) und einem ganzen Stockwerk über Venedig. Die Architektur des Gebäudes ist spektakulär.

  • Museum of Modern Art: Fotografie (dafür bin ich immer zu haben) und eine Ausstellung zu hundert Jahre Schweizer Design, welche mich amüsiert, da die Gegenstände so vertraut sind: alte Swatch-Telefone, Designermöbel, Sportausstattung, Taschen, Sonnenbrillen.

Ich schlendere durch Stadtviertel wie Condesa und Roma, die einen vergessen lassen, dass man sich inmitten einer der größten Metropolen der Welt befindet: stilvoll angelegt, überall grün, kleine Cafes, ruhig. Zwischenstopps an veganen Foodtrucks geben den Weg an, was bei dem riesigen Angebot hier kinderleicht ist. Ich besuche Märkte, finde einen besonderen Buchladen und beobachte Menschen, die mir auf der Straße begegnen.

Mein Eindruck von der Megastadt: überall streetfood, die Schärfeauswahl genau nach meinem Geschmack, Tacos für 15Pesos (=0.7€), saubere Straßen, bunte Häuser, hippe Stadtviertel, Plakatwerbung mit weißen Menschen, die komplett am typischen Mexikaner vorbeigeht. Getrennte Abteile in der Metro für Männer und Frauen/ Kinder zum Schutz der Frauen – es gab wohl ein paar Fälle von Übergriffen, Smog, Neugier der Leute. Vom ersten Moment an komme ich mir vor wie ein bunter Vogel: alle starren mich an mit meinen hellen Haaren und größer als die meisten Mexikanerinnen bin ich auch.

Mit Francesco, dem Führer der walking tour gehe ich an einem Abend aus: wir starten in einer kleinen Bar und enden auf einer Dachterrasse gegenüber des Palast Bellas Artes, wo Salsa getanzt wird, er stellt sich als verdammt guter Tänzer heraus und schwingt mich gekonnt über die Tanzfläche. Ich trinke viel zu viel Bier, Francesco begleitet mich zu meinem Hostel, wobei wir auf sein Anraten die verlassenen dunklen Straßen meiden und beim Abschied startet er noch einen Annäherungsversuch.

Am nächsten Morgen wechsel ich das Hostel, denn mit den wackeligen Stockbetten im 13er Zimmer schlafe ich beschissen. In meiner neuen Bleibe Hostel Gael ist die Bettensituation hervorragend: Einstieg am Fußende, wie kleine Kabinen, viel Privatsphäre, gute feste Matratze, Kopfkissen besteht den Test auch – ich schlafe tief und fest in den Tagen hier.

Außerdem entscheide ich, einen alkoholfreien Monat einzulegen: schon seit langem scherze ich, dass ich während meiner Reise zum Alkoholiker geworden bin. Tatsächlich gab es nur selten Tage, ich denen ich nicht mindestens ein Glas vor mir hatte und der Abend mit Carola hat mich nachdenklich gestimmt, ich vertrage zuviel! Zu späterem Zeitpunkt mehr dazu, wie schwer sich dieses Vorhaben als Reisender verwirklichen lässt.

Mein Gemütszustand: hätte ich nicht doch länger in Nova Scotia bleiben sollen? Was hat mich da nur getrieben? Ich fühle mich einsam, hätte gerne einen Freund hier um Mexiko gemeinsam zu erleben; sehne mich nach Intimität, Vertrauen, Freundschaft, Lachen, Liebe und Austausch von Gedanken. Jede Woche neue Bekanntschaften schließen, die immer mit demselben Smalltalk beginnen: wo kommst du her, wie lange reist du schon, wo warst du schon, wie war es da, wo gehst du hin? Unter all diesen Begegnungen finde ich natürlich immer wieder Persönlichkeiten, die ich direkt ins Herz schließe, näher kennen lernen möchte, die mich zum Lachen bringen. Wenn es gut läuft, kann man ein paar Wochen gemeinsam verbringen, meist sind es aber nur ein paar Tage, dann trennen sich die Wege, es heißt Abschied nehmen und das Spiel geht von vorne los. Aber ich bin gerade satt, nicht wirklich aufnahmefähig. Ja, ich bin Abschiede gewohnt, aber einfacher wird es deshalb nicht! Vielmehr weckt es die Sehnsucht wieder tiefere Verbindungen zu erleben.

Kann ich Mexiko überhaupt genießen in diesem Zustand? Ich suche nach Flügen zurück nach Halifax. Da es allerdings nicht in meiner Natur liegt, schnell aufzugeben und ich oft den bekannten harten Weg wähle – alles andere scheint zu einfach – will ich mir ein paar Wochen Zeit geben, in mich hinein hören, sehen wie sich mein Gefühl entwickelt. Dazu brauche ich eine ruhigere Umgebung, weshalb ich Mexico City nach einer Woche verlasse.

Jede Phase unseres Lebens lehrt uns etwas Wertvolles. Ob wir bereit sind zu verstehen oder nicht, liegt an uns.

Nova Scotia – Alles im Wandel

08 September – 09 Oktober 2017

365 Tage – vor genau einem Jahr begann meine Reise in ferne unbekannte Welten und vor allem zu mir selbst. Nicht eine Sekunde habe ich bereut, losgezogen zu sein. Jede Begegnung hat mich bereichert, jedes Hoch mit Freude, Staunen und Liebe erfüllt, jedes Tief weitere Facetten meines Inneren offenbart. „Das wird das Jahr deines Lebens, worauf du immer zurückblicken können wirst.“ meinte vor meiner Abreise eine Freundin. Ein Jahr – ich hab das Gefühl, es geht gerade erst richtig los.

Back in Nova Scotia! Um ein Uhr nachts lande ich in Halifax, Robyn empfängt mich nervös am Ausgang, sichtlich aufgeregt. Bei ihr zuhause angekommen stoßen wir mit einem Glas Wein an und reden ewig.

Auftakt-Wochenende: Robyn hat in Canning an der Bay of Fundy ein romantisches Cottage gebucht, welches wir am frühen Nachmittag erreichen und ich bin begeistert von der Einrichtung: weiß, blumig, luftig, sommerlich. wir legen ab und gehen gleich schwimmen, da gerade Flut ist – die Differenz der Gezeiten ist übrigens nirgendo auf der Welt größer als hier! Danach sonnen im Garten in Adirondack chairs bei Rotwein, ich koche am Abend.

Cottage in Canning
Spaziergang bei Ebbe

Nach einem gemütlichen Samstagvormittag fahren wir zum Weingut Luckett, was mit seinen Weinreben Erinnerungen an die Heimat weckt. Mittendrin befindet sich eine Telefonzelle, von der man kostenlos einen Anruf innerhalb Nordamerikas tätigen kann. Auf dem Weg dorthin halten wir bei einem der beeindruckensten Antikläden, der sich über drei Stockwerke in einem alten Haus erstreckt mit knarzenden Holztreppen, tiefen Zimmerdecken und nachgebenden Dielenböden.

Weingut Luckett

Ganz offensichtlich trifft sich hier die gehobene weiße Schicht. Wir machen eine kurze Weinprobe, wählen zwei Flaschen für den Abend und zurück am Cottage ist das Wasser hoch genug um eine Runde zu schwimmen. Neben dem Haupthaus befindet sich ein alleinstehendes kleines Zimmer mit viel Glas, durchflutet von später Nachmittagssonne und bietet so den perfekten Ort um den Sonnenuntergang zu genießen, denn wenn es draußen abkühlt, ist es hier noch angenehm warm.

waiting for the sunset

Für den Abend sind wir bei Robyn’s Freundinnen Mary und Minti eingeladen, welche nur ein paar Häuser weiter wohnen: sympathisches Paar, sie lernen sich kennen als Mary schon 29 war und erkennt, dass sie eigentlich viel mehr auf Frauen steht.

Auch den Sonntag lassen wir langsam angehen und verbringen den Nachmittag bei einer Spendenveranstaltung für die hiesige Bibliothek mit Häppchen, Wein, Musik, Lesung. Später bekomme ich eine Führung durch das Haus einer befreundeten Architektin, die mich darin bestärkt, Neues zu wagen. Dinner wieder bei Mary und Minti, die sich als Electro DJane outet und ein paar gute alte Platten auflegt. Lis, bei der wir schlafen, kommt zum gemeinsamen Essen. Sie schlägt vor am nächsten Morgen eine Stunde zu wandern, also klingelt uns der Wecker um 5:30 aus den Betten und wir laufen in den Sonnenaufgang – tut gut, entspannt und macht den Kopf frei. Nach dem Frühstück muss Lis los zur Arbeit, wir räumen auf, packen zusammen, ziehen die Tür hinter uns zu und machen uns auf den Heimweg zurück nach Dartmouth – ein wunderschönes Wochenende neigt sich dem Ende.

Wanderung in den Sonnenaufgang

Während Robyn am Montag zurück bei der Arbeit ist, versuche ich zu fühlen, was gerade in mir vorgeht: wie schon in unseren ersten gemeinsamen Tagen fühle ich mich entspannt, spüre wie bedeutend unsere Begegnung ist, sie macht mir keinen Druck und genießt selbst jeden Moment mit mir. Sie zeigt sich einfühlsam und aufmerksam, ich lerne mit ihr neue Seiten an mir kennen. Sie weckt meine kreative Seite, lässt mich die Welt aus neuen Perspektiven betrachten.

Die Anziehung ist unvergänglicher als bisherige Erfahrungen, ich betrete hier Neuland und frage mich, ob ich länger bleiben sollte um mehr Zeit zu haben, zu testen, wohin mich Robyn führt und um meinen Ideen zur Lebensgestaltung nachzugehen – und da wir schon beim Thema sind, hier ein paar Notizen zum Stichwort:

  • zurück nach Deutschland ist momentan so ziemlich die letzte Option – die festen Abläufe, die dort auf mich warten, sind mir zuwider. sehe nicht, wie ich dort zurecht kommen soll nach dem letzten Jahr mit all den Erfahrungen, die meinen Blick verändert haben.
  • gleichzeitig habe ich bisher nicht den Ort gefunden, der mich festhält
  • Der Schuljob in Sao Paulo ist zunächst noch im Gespräch und meine brasilianischen Freunde raten mir, anzunehmen, wozu es letztendlich aber nicht kommt. Also alles wieder offen
  • meine Idee für eine Bar/ veganes Café/ Restaurant/ Hostel wächst und fühlt sich aufregend an.

Zusammenleben mit Robyn: Ich bekomme eine Schublade, welche völlig ausreicht für meine wenigen Habseligkeiten. Den Rest versuche ich so diskret wie möglich zu halten in ihrem kleinen aber feinen Reich. Ohne große Absprachen teilen wir die Aufgaben im Haus. Noch nie habe ich so viel für eine Person gekocht, teste dabei neue Ideen und freue mich jeden Tag, wenn sie mir bestätigende Blicke schenkt und ein „mmmmh“ von sich lässt.

Ich gehe regelmäßig laufen, Robyn erfüllt ihre Stunden im Büro, arbeitet abgesehen davon zuhause und alle übrige Zeit verbringen wir gemeinsam auf verschiedenste Weise: Treffen zum Lunch unter der Woche, Einladung bei ihrer Freundin Olga zum Geburtstag mit anschließendem Spaziergang und Robyn führt mich später zu einem versteckten Aussichtspunkt. Ausgehen für Dessert und Wein, Filmfestival in Halifax, Schwimmen im Hallenbad, Pingpong Match oder einfach gemütliche Abende zuhause.

Lauf um die Seen Banook und Micmac
Olga’s Geburtstag (links). neben mir Robyn, Lynette, Emily
Aussicht von der Terrasse einer Freundin. Haus steht zum Verkauf, falls jemand Interesse hat – Natur pur!

versteckte Aussicht

Alle paar Tage besuchen wir ihre Mutter Janet, die bei Robyn’s Bruder und seiner Familie wohnt, fünfzehn Gehminuten entfernt. Ich genieße diese Momente in ihrer Familie im Schaukelstuhl auf der kleinen Terrasse im Garten. Der offene Umgang und das enge Verhältnis untereinander sind mir vertraut. Fern von meiner Familie sauge ich diese Atmosphäre regelrecht auf. Ich mag Janet mit ihrer unkonventionellen Art, sie hat etwas charmant freches an sich, was mich an Mama und Freundin Helga erinnert. Eines Tages als wir so plaudern, fragt sie mich: „und wann wusstest du, dass du Frauen magst?“ Ich muss lachen und antworte ganz ehrlich, Robyn ist die erste.

Mutter und Tochter

So verstreichen die Tage und ich lebe einfach in den Tag hinein. Immer mal wieder frage ich mich allerdings natürlich, wie ich die nächsten Monate gestalten will. Bevor ich hier ankam, war der Plan danach Mexiko zu bereisen. Ich bekomme Neuigkeiten aus Deutschland: eine meiner besten Freundinnen heiratet kurz vor Weihnachten! Ich weiß, dass ich zu ihren engsten Vertrauten gehöre und spüre, ich sollte dabei sein. Der Gedanke, all meine geliebten Menschen in die Arme nehmen zu können und die tiefen Bindungen zu genießen, erwärmt mein Herz. Außerdem spannend: reality check! Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nach ein paar Wochen wieder los will.

Mit jedem Tag, den ich hier länger verbringe, stellt sich ein Gefühl von zuhause sein ein. Das Wetter hier ist mit Ausnahmen überragend, die Natur überrascht mich mit all ihrer Schönheit und Angeboten: Wandern, Klettern, Schwimmen, Segeln, Kitesurfen, Wellenreiten – Berge und Wälder, endlose Küste mit unzähligen Stränden und Buchten, die Winter scheinen auch nicht so hart zu sein. Das habe ich so nicht erwartet und fühle mich wohl, umgeben vom Meer; auf der Straße begegnet man freundlichen Menschen, die einen grüßen und das Leben entspannter angehen.

Robyn führt mich weiter in ihren Freundeskreis ein, wobei ich gleichzeitig mehr und mehr von Nova Scotia kennenlerne:

  • Übernachtung bei Shannon und Denise am Oyster Pond. Neugierig nehme ich die zwei Persönlichkeiten und deren Zusammenspiel wahr. Denise holt uns in Dartmouth ab: sie trägt schwere Stiefel, tiefsitzende weite Jeans, Bomberjacke und Kappe über Kurzhaarschnitt, wirkt zunächst rau, kühl und unnahbar, was sich später aber entspannt. Shannon empfängt uns in ihrem Haus umgeben von viel Natur in Kleid und Keilabsatz-Schuhen und macht einen extrem weiblichen ersten Eindruck auf mich. Ihre Koch- und vor allem Backqualitäten sind überzeugend und wir verbringen einen Abend mit anregenden Gesprächen bei viel gutem Rotwein. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen begeben wir uns zum Clam Harbour Beach und wagen den Sprung in die kalten Wellen.
Clam Harbour Beach
  • Mit Robyn’s Bruder Willy hören wir uns ein Konzert von Dave’s Band an mit ausschließlich eigenen Songs – gute Musik!
  • Freundin Barbara lädt uns zum Abendessen ein. Vor achtzehn Monaten starb ihr Mann plötzlich an einem Herzinfarkt. Sie erzählt viel von ihm, ihrer Bewältigung des Verlusts und von ihrer adoptierten Tochter, die als problematischer Teenager mit sechzehn auszog und jetzt mit einem Eingeborenen verheiratet ist und im Reservat lebt, was Barbara in eine völlig neue Welt geführt hat und heute ist das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter besser denn je. Hierzu liest sie uns eine berührende Kurzgeschichte vor, welche sie selbst verfasst hat. Barbara kann meine Abneigung, nach Deutschland zurückzukehren nachvollziehen. Sie selbst verließ England vor vielen Jahren und liebt die Vielfalt hier in Nova Scotia – so langsam habe ich eine Ahnung davon, wovon sie spricht.
  • noch eine kurze Anekdote zum Schmunzeln: auf dem Weg zu Barbara halten wir im Weinladen um eine Flasche mitzubringen. Der attraktive Herr, der uns berät, beginnt ganz dezent mit mir zu flirten. Auf die Frage, wie lange ich denn noch bleibe, funkt Robyn dazwischen: „this is my temporary girlfriend!“ Gleich mal klare Grenzen gesetzt. Mit meinem Segen stellt sie mich so bei einigen ihrer Bekannten vor.
  • Ausflug nach Lunenburg: ich schlage vor, Robyn’s Mum Janet mitzunehmen, da sie für mein Empfinden seit ihrem Umzug aus Vancouver hier viele einsame eintönige Tage verbringt. Ich bestehe also darauf, dass sie ihren Hintern schwingt und sieht, in welch schönem Teil der Welt sie jetzt lebt. Wir beginnen mit Lunch und Bier/ Cider im Restaurant Saltshaker mit Blick aufs Wasser. Da Janet etwas wackelig auf den Beinen ist, bestellt sie ihr zweites Bier und Robyn und ich machen uns auf zum Replikat des berühmten Schiff Bluenose (II), welches auch die kanadische 10cent-Münze prägt. Im Museumsshop albern wir ein wenig rum, bummeln durch die Gassen, werfen einen Blick in ein paar interessante Läden und sammeln dann Janet ein. Nach einer Verkostung in der Distillerie Ironworks fahren wir ins Fisherdorf Blue Rocks, wo uns eine traumhafte Küste erwartet.

Lunenburg

Blue Rocks

  • Es folgt ein kurzer Abstecher zum Golfclub, von wo man einen hervorragenden Blick auf Lunenburg mit seinen bunten Häuschen hat.

  • Auf dem Rückweg halten wir für Kaffee in Mahone Bay: anlässlich des jährlichen Scarecrow Festivals ist der Ort übersät mit Vogelscheuchen aller Art: von der Band Kiss über Donald Trump bis Wizard von Oz und Pokemon – nichts was es nicht gibt. Wir setzen Janet zuhause ab, sie bedankt sich mehrmals für den schönen Tag und verabschiedet sich wie immer mit den Worten „Peace and Love!“.


Mahone Bay: Scarecrow Festival

  • Wir begleiten Freundin Lynette zum Crystal Crescent Beach. Dort gibt es eine Felsformation, an der sie ihre bisherigen Kletterfortschritte testen möchte. Sie widmet ihre Freizeit nämlich gerade mit voller Energie dem Klettern und Studieren, Sammeln und Zubereiten von Pilzen, was für ihre Umwelt auch schon mal anstrengend sein kann. Man muss ihr allerdings lassen, dass sie keine halben Sachen macht: wenn sie sich für etwas interessiert, taucht sie voll und ganz in die Materie ein.

Cristal Crescent Beach

  • Freundin Ann kommt zum Abendessen. Ich mag ihre offene Art. Ihre Freundin ist seit über zwei Jahren auf dem Trans Canada Trail unterwegs (seit letztem Jahr unter The Great Trail bekannt), der von der Ost- zur Westküste Kanadas führt und weltweit das längste Netz an Erholungswegen haben soll. Mindestens zwei Dokumentationen sind über ihre Reise in Arbeit.

Und noch ein paar mehr Eindrücke von Halifax und Dartmouth:

        Hört sich so an als gehe ich hier nicht mehr weg? In mir räumt sich die Frage, wie es weitergehen soll, immer mehr Platz ein. Aus zunächst unklaren Beweggründen halte ich an meinem Vorhaben fest, Mexiko zu bereisen bevor der Winter kommt, und buche einen Flug nach Mexico City, den ich unter anderem wegen des Erdbebens dann nochmal um zehn Tage verschiebe. Abgesehen davon fühle ich mich nicht wirklich bereit, Robyn zu verlassen und wieder alleine zu reisen. Sie wächst mir immer mehr ans Herz und wir schenken uns gegenseitig tiefes Vertrauen. Die Aussicht auf einsame Tage, ständig wechselnde Betten, Orte und Menschen weckt gemischte Gefühle und fühlt sich anders an als vor einem Jahr. Ich fühle mich ein wenig zuhause bei ihr, andererseits drängt die Frage, was ich mit meinem Leben anfange, wohin der Weg nun führen soll. Es geht nicht mehr nur darum, zu reisen. Meine Wurzeln habe ich kennengelernt, was bin ich nun bereit zu wagen, wo fühle ich mich gut aufgehoben? Sollte ich nicht einfach hier bleiben, wenn es mich nicht wirklich wegzieht?

        Robyn ist die absolute Selfie-queen, daher hier eine kleine Auswahl:

        Der Tag meiner Abreise rückt unaufhaltbar näher, in der letzten Nacht erinnere ich mich an den Tag als ich weinend Lima verließ und mich danach immer wieder fragte, was ich hier in Canada soll. Jetzt bin ich erfüllt von tiefer Dankbarkeit für meine Begegnung mit Robyn und kann die Tränen nicht zurückhalten. Vor dem Morgengrauen erreichen wir den Flughafen, unsagbar schwer fällt der Abschied.

        Alles ist möglich, wenn man nur seinem Herzen folgt.

        Haymarket, Virginia. Family time

        17 August – 07 September 2017

        Carola kenne ich von meinem ersten Semester an der Uni in Heidelberg und sie steuerte damals direkt auf mich zu, da ich in meinem sportlichen Outfit mit Basecap für sie so aussah als könnte ich auch einen amerikanischen Freund haben wie sie. Leider zog sie nach einem Jahr mit ihm in die Staaten; für ein paar Jahre kamen sie zurück, er arbeitete für die Army. Inzwischen lebt sie mit jetzt Ehemann Tim, drei Kindern und Hund in Haymarket, Virginia. Über all die Jahre haben wir es geschafft, Kontakt zu halten und durchschnittlich besuche ich sie einmal pro Jahr auf dem Weg in eines meiner Reiseländer.

        Als ich am Donnerstag in Washington ankomme, werden die Amis an der Passkontrolle stutzig, da sie nicht damit klarkommen, dass ich weder ein Ausreiseticket noch einen wirklichen Reiseplan habe. Dann noch die Frage „Are you planning on finding work here?“ Genervt antworte ich: „definitely not!“ Fanden die glaube ich nicht so witzig, aber ich konnte einfach nicht an mich halten. Dann muss alles geprüft werden – reine Schikane, wenn ihr mich fragt. Zwei Stunden später fallen Carola und ich uns endlich in die Arme und es fühlt sich an als hätten wir uns gestern erst gesehen. Die große Überraschung zu Hause der neue Pool – wow! Noch am selben Abend springen wir rein.

        fancy Pool mit Nachtbeleuchtung

        Zwei Tage später feiern ihre Jungs Jordan und Taylor ihren neunten Geburtstag, natürlich gibt das eine Poolparty! Wir bereiten den kompletten Vormittag vor und dementsprechend entspannt läuft der Tag – die Kinder haben Spaß im Wasser, was braucht man auch mehr. 

        Happy Birthday!

        Ich lerne Stacy, eine Mutter von Kindern aus der Nachbarschaft kennen und mag sie sofort: ein handfestes Mädel wie ich ohne das ganze oberflächliche Getue. Sie will alles über meine Reise hören und ist begeistert, dass ich meinem Herzen folge. Ich kann mir vorstellen, dass sie eine gute Freundin für Carola wird. Bevor ich abreise, wollen wir zusammen ausgehen.

        Die nächsten Tage verbringe ich mit den Kindern am Pool, helfe im Haus wo ich kann, sobald Carola von der Arbeit kommt, hängen wir zusammen. Ich genieße die Idylle und den Klatsch und Tratsch im Vorort.

        Immer wieder bin ich erstaunt wie Carola das alles meistert: Fulltime-Job in der Schule, Fernstudium, drei Kinder zu Hause, die Aufmerksamkeit brauchen, sobald sie nach Hause kommt, Unterricht vorbereiten, Hausarbeit, Hausaufgaben mit den Kindern, Hund und mehr. Ihre Kochkünste sind ausbaufähig, worüber wir uns beide immer mal wieder amüsieren. Sie ist für mich die absolute Powerfrau!

        Der Pool ist lang genug zum Bahnen schwimmen und so bringe ich Carola mithilfe meines Freundes Felix in Brasilien das Kraulen bei. Schwimmtraining kommt also auch noch in ihren vollen Tagesablauf. Neben anschaulichen Videos, die er mir von sich schickt, ist das Highlight eine Liveschaltung an einem Abend – Carola ist deswegen den ganzen Tag aufgeregt. Wir schicken fleißig Videos von ihren Fortschritten und befolgen Anweisungen. Ihre Entwicklung nach drei Wochen kann sich sehen lassen, mein eigener Stil verbessert sich durch die Auseinandersetzung gleich mit.

        Demnächst muss ich mich entscheiden, wo die Reise als nächstes hingeht. Ich bin zögerlich und sollte mich endlich mal ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigen, welche Alternativen für mich attraktiv sind, da ich mir immer weniger vorstellen kann, in mein vorheriges Leben zurückzukehren. Fühlt sich manchmal fast an, als wäre das eine Erinnerung an einen wunderschönen Abschnitt, der aber nicht mehr zu dem Mensch passt, der ich jetzt bin/ beginne zu werden. Nach vielen Gesprächen meint Carola immer wieder: du gehst nicht mehr ins Klassenzimmer zurück!

        Die Zeit fliegt: jeden Tag schwimmen und laufen, das Wetter hier ist traumhaft, ich verbringe viel Zeit mit den Kindern. Die Bindung zwischen mir und Carola wächst, ich habe zum ersten Mal auch längere Gespräche mit ihrem Mann Tim: intelligent, smart, tolerant und er ist nie um einen Scherz verlegen, ich liebe seinen Humor.
        Ihre Kinder lassen mich die Welt aus deren Augen sehen, kein Gedanke wird an morgen verschwendet. Payti liebt es zu kuscheln, ich spüre bedingungslose Liebe, dass man alles für sie geben würde. Payti rennt auf mich zu, wenn ich nach der Schule auf die drei warte, sie umarmt mich, schönes Gefühl; auch die Jungs entwickeln tieferes Vertrauen in mich, Kuss auf die Stirn zum Abschied morgens.

        way to school/ Nachmittage am Pool
        Payti in action/ wir haben Spaß im Supermarkt

        Kinder sind kleine junge Menschen, die im hier und jetzt leben, rein und ungetrübt von jeglichem Missmut.

        Die Deutsche Schule in Sao Paulo kontaktiert mich. Brasilien – wo mein Herz ein Stück weit hängengeblieben ist. Aber Sao Paulo, die Megastadt? Ich weiß nicht, aber warum eigentlich nicht. Aber will ich wieder in die Schule? Wenn ich das eingehe, liegen alle anderen Ideen erstmal auf Eis. Auf der anderen Seite gut, um zu testen, ob die Arbeit in der Schule noch mein Ding ist, wie Mama mir auf meine Unsicherheit antwortet. In einer Woche fliege ich allerdings erst mal zurück zu Robyn nach Halifax. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, aber wir kommunizieren fast jeden Tag und da ist etwas, dem ich auf den Grund gehen muss, vier Tage waren nicht genug. 

        Ich bestehe darauf, dass Carola und Tim meine Anwesenheit ausnutzen mit einer Datenight, da sie sich dafür sicher viel zu selten Zeit nehmen. Am Wochenende danach sind wir Mädels dran: Stacy, Carola und ich starten den Abend in einer riesigen Bar mit den ersten zwei Drinks und etwas Pizza, dann gehts in eine kleinere Lokalität mit Livemusik, Durchschnittsalter Ende fünfzig, was laut Stacy ungewöhnlich ist. Wir amüsieren uns über die urigen Gestalten hier und trinken weiter kunterbunt. Carola meint irgendwann: du fährst, Sarah! Alles klar! Dass ich mich dazu vollkommen in der Lage fühle, sollte mich vielleicht mal über meinen Alkoholkonsum nachdenken lassen. 

        links Stacy, rechts Carola. zufrieden sind sie mit dem Selfie auch nach drei Versuchen nicht

        Tim scherzt schon lange, dass ich seine Frau zur Alkoholikerin mache. Allerdings ist er sich mittlerweile nicht mehr sicher, ob der Einfluss nicht reziprok ist. Wir setzen Stacy ab, kommen heil zuhause an und während Carola mit der Übelkeit kämpft, schiebe ich mir ein kaltes Stück Pizza rein. 

        Da Kinder von Hangover ihrer Eltern unbeeindruckt bleiben und auch dann Bedürfnisse haben, bewältigt Carola tapfer den nächsten Tag (meine Symptome sind wesentlich milder) und schwören dem Alkohol erst mal ab. Wie lange das anhält, wissen wir alle.

        So gehen drei Wochen mit Carola und ihrer Familie vorüber, die Balsam für die Seele sind, helfen im Moment zu leben und den Blick zu schärfen für die kleinen Wunder der Welt. Am Morgen bringe ich die Kinder ein letztes Mal in die Schule. Auf dem Weg entdeckt Jordi eine Riesenraupe.

        Laufen, schwimmen, packen, Lunch mit Carola. Stacy kommt zum Verabschieden vorbei und hat ganz zuverlässig einen Drink für uns in der Handtasche. Meine Abreise ist spät genug, um die Kinder nach der Schule mit an den Flughafen zu nehmen. Eine letzte Umarmung – Jordan, Taylor und Payton bleiben stark, sind Abschiede gewohnt von ihren jährlichen Besuchen in Deutschland. Zudem beruhigt Carola danach mit Besuch in der Eisdiele. Unser ohnehin festes Band ist gestärkt, ich habe jeden Moment hier genossen.

        Prince Edward Island and Nova Scotia

        02 – 09 August 2017

        Eine Woche Urlaub steht an: ich fliege auf die Insel zu Kirsten und Shawn’s Hochzeit. Danach hab ich vier Tage in und um Halifax – dachte mir, wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Gegend erkunden. Für die erste Nacht auf der Insel ist ein Hostel in Charlottetown reserviert, morgen holt mich Kirsten ab und nach weiteren zwei Nächten will ich irgendwie nach Halifax. Gebucht habe ich nichts, wird sich schon etwas ergeben; über Couchsurfing tut sich allerdings fast gar nichts; die Canadier scheinen viel reservierter und unflexibel, die meisten sind überhaupt nicht aktiv auf der Platform, im Süden war das einfacher.

        Im Flieger von Halifax nach Charlottetown ist gerade mal Platz für achtzehn Personen, freier Blick zum Cockpit – definitiv das kleinste Flugzeug, in dem ich je saß. Angekommen frage ich den erstbesten Menschen, der sich ein Taxi herwinkt, ob wir es uns teilen können; scheint ihm ziemlich egal zu sein, also steige ich mit ein. Gesprächig ist er nicht gerade, daher konzentriere ich mich auf den Taxifahrer: gemütlicher Typ mit Vollbart, der die Insel wahrscheinlich kennt wie seine Westentasche, da er hier geboren und aufgewachsen ist. Als mein Mitfahrer zuerst abgesetzt wird, will ich fragen, was ich schuldig bin, doch er winkt ab und als wir alleine sind, meint er: dir mach ich einen speziellen Preis. Der Herr hier ist Businessman, bekommt es wahrscheinlich eh bezahlt und schläft im Hotel. So bekomme ich meine Fahrt zum halben Preis.

        freier Blick zum Cockpit

        Das Hostel macht einen sehr guten Eindruck, etwas befremdlich finde ich nur die Privatfotos des Besitzers und seiner Frau an den Wänden. Ich lege ab, bekomme einen kurzen Rundgang, Dusche, dann schlendere ich durch den Ort bis ans Ufer. Alles sehr ruhig und idyllisch hier, man fühlt sofort, dass die Uhren etwas langsamer ticken. Den Abend verbringe ich im Hostel, unterhalte mich hier und da mit anderen Gästen, die überwiegend aus Canada und Deutschland sind.

        downtown Charlottetown
        Hostel, waterfront

        Am Donnerstag mittag holt mich Kirsten mit Freundin und Mutter ab und für letzte Erledigungen geht es über die Insel, von hier nach da. An der Hochzeitslocation Centre Goeland treffen wir auf Bräutigam Shawn und ein paar Freunde und Familie. Nach dem Beziehen unserer Zimmer erkunde ich das Gelände: wir sind wirklich direkt am Wasser mitten in der Natur – das wird eine Feier ohne den ganzen überflüssigen Schnick Schnack. Am Abend übernehme ich die Aufgabe, das Gastgeschenk für die Damen fertigzustellen: Lippenbalsam! Kann man schon mal erst am Abend vor der Hochzeit machen. Bei einem Glas Wein schmelze ich Bienenwachs, Kokosöl und Sheabutter und fülle die Minitigel – sieht richtig professionell aus.

        wedding location

        Freitag, 04. August: wedding day! Kein Wölkchen am Himmel, könnte kaum perfekter sein. Die Zeremonie beginnt am Nachmittag, so bleibt vorher sogar Zeit für etwas Sport und einen Sprung ins Wasser. Um meine Weiterreise hab ich mich immer noch nicht gekümmert, spekuliere aber darauf, dass irgendjemand schon in dieselbe Richtung fährt. Hostels sind auch schon fast ausgebucht, aber ich habe irgendwie die Ruhe weg. Nach und nach trudeln Familie und Freunde ein und dann ist es auch schon soweit und alle schlendern Richtung Wiese am Meer. Ich schnappe mir noch schnell ein Bier, das ich leere, bevor ich meinen Platz auf einer der Holzbänke mit Blick aufs Wasser einnehme.

        gleich gehts los – Wetter: überragend!

        Es wird nicht lange um den heißen Brei geredet und so darf Shawn seine Braut nach nicht mal dreißig Minuten küssen.

        Während der Fotograf unendlich viele Fotos schießt, vertreibt sich die Gesellschaft die Zeit mit Austern essen und dem ein oder anderen Getränk.

        Nach drei Gängen Essen, ein paar kurzen Reden und dem Anschneiden des Kuchens tritt die Band auf, was die Tänzer aus ihren Stühlen holt. Ich bin nicht in der Stimmung und habe neben mir Kirstens Mum, der es genauso geht. Gegen elf kommt Greg, ein Freund der Familie und meint, wir müssen uns den Mond anschauen. Also laufen wir an den Strand und der Sternenhimmel bietet im Zusammenspiel mit Mondschein und Wasser einen Anblick wie gemalt. Während wir hier so stehen und uns unterhalten, stellt sich heraus, dass Greg morgen ganz in die Nähe von Halifax muss und bietet an, mich in den Nachbarort Dartmouth mitzunehmen. Ja, ihr lest richtig: elf Uhr abends nach ein paar Gläsern Wein finde ich meine Mitfahrgelegenheit.

        Samstag morgen nach schnellem Frühstück verabschiede ich mich von den frisch Vermählten. Nach einer unterhaltsamen Fahrt setzt Greg mich gegen zwei am Nachmittag in Dartmouth ab. Ich bin müde, habe Hunger und bin unschlüssig, was ich mit dem Rest des Tages machen soll. Mit der Fähre schon rüber nach Halifax oder hier erst mal eine schöne Terrasse in der Sonne suchen? Hostels sind eh ausgebucht, vielleicht lassen die mich eine Nacht auf dem Sofa schlafen. So laufe ich ein paar Straßen mit meinem kleinen geliehenen Rucksack auf und ab und stehe am Ende vor der Bar Battery Park. Sieht hip und einladend aus, im Hinterhof eine Terrasse, das ist es.

        Ich suche mir einen Platz in der Sonne an einem der langen Picknicktische, bestelle Cider und veganen Burger und logge mich ins wifi ein mit der Hoffnung, doch noch jemanden auf Couchsurfing zu finden.

        Battery Park in Dartmouth

        Ich plaudere kurz mit einem Typ, der hier mit Freunden verabredet ist. Als diese eintreffen, nutze ich den Moment um weiter im Netz zu suchen, lange sitze ich jedoch nicht allein: Kyle und Don stehen rechts neben mir und fragen, ob sie sich setzen können. Kyle trägt Kappe, wirkt lässig, jünger als ich, Don definitiv etwas älter, viele Tattoos, seine Gestik wirkt feminin, ein Paar sind die beiden aber glaube ich nicht. Sie sind aus Toronto und machen hier gerade Urlaub – und schon bin ich wieder am quatschen, so wird das nichts. Ein paar Minuten später klingt sich der Typ schräg gegenüber auf meiner linken Seite ein, der wohl auch in Toronto lebt und den ich erst jetzt bemerke. Brian ist mit einer Freundin hier. Robyn. Sie sitzt auf meiner Seite und ich bin etwas perplex, dass ich die beiden nicht kommen gesehen habe, so vertieft war ich in mein Telefon in meiner obdachlosen Situation. Wir rutschen zusammen und man könnte meinen, wir hätten uns hier alle verabredet. Brian ist Filmregisseur und gerade mit seinem Team in der Stadt, sein Skaterstyle lässt ihn sehr jugendlich wirken, beide sind total aufgeschlossen und entspannt. Liegt vielleicht auch daran, dass sie vorher schon in einer anderen Bar getrunken haben, wie ich später erfahre. Ich fühle mich sofort wohl mit den beiden. Robyn geht mit ihrem lässig hochgesteckten lockigen Haar, ihrem sportlich schicken Outfit und ihrer offenherzigen Art locker als Ende dreißig durch. Als ich erwähne, dass ich mich eigentlich um eine Bleibe für die Nacht kümmern muss, schaut sie mich an und meint: „You can sleep at my place!“ Ich tausche einen Blick mit ihr aus – meint sie das ernst? Sie entgegnet, dass sie in einer Familie mit offenen Türen aufgewachsen ist und mich gerne mitnimmt. Das macht sie gleich noch sympathischer, denn diese Offenheit kenne ich von meiner Familie. Wir bestellen das zweite Bier und ich muss innerlich lächeln, da mein tiefes Vertrauen in das Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit mir heute Robyn schenkt und diese Begegnung eine der schönsten seit langem sein wird.

        Don und Kyle müssen los, aber wir verabreden uns für den Abend. Dave, ein Freund von Robyn, der hier arbeitet, setzt sich noch zu uns. Ich erfahre, dass Brian und Robyn sich vor langer Zeit bei der Arbeit kennenlernten und seitdem enge Freunde sind, sie ist Production Designerin, arbeitet seit kurzem Teilzeit in einer Organisation für geistige Gesundheit und verbringt ihre restliche Zeit mit kreativer Arbeit. Dass sie auf Frauen steht, lässt sie mich auch direkt wissen.

        links: Brian und Freund von Robyn, Dave. rechts: Robyn und ich. Typ hinter mir kennen wir nicht: photobomb 🙂

        Als ich ihre Wohnung betrete, die nur ein paar Gehminuten entfernt liegt, fühle ich mich direkt pudelwohl: wir richten auf die gleiche Weise ein und wie bei mir gibt es hier viele kleine Dinge zu entdecken. Die Frau hat Geschmack!

        Nach kurzem Ausruhen und Dusche machen wir uns gleich wieder auf den Weg. Wir genehmigen uns einem Drink zu zweit an einer Hotelbar und stoßen danach in einer Openair Bar am Hafen zu Brian und seiner jungen Assistentin Madison, die er mitgebracht hat. Die Vertrautheit der beiden irritiert mich, da ich am Nachmittag noch Fotos von Partnerin und Kindern gezeigt bekam – aber nicht meine Angelegenheit. Bevor wir weiterziehen in den Seahorse Club kommen wir noch in den Genuss eines Feuerwerks und ich bin ganz angetan von den herzförmigen Lichtern am Himmel.
        Im Club treffen wir Don und Kyle wieder. Brian und Robyn stellen sicher, dass der Alkohol fließt, Brian macht sich an Madison ran, Kyle zeigt auch Interesse und checkt bei mir ab, was zwischen den beiden ist. Durch die Konkurrenz verliert Brian bei dem jungen Hüpfer kurz die Oberhand und kommt mir etwas näher. Robyn macht mir den ganzen Abend charmante Komplimente. Alles entspannt und wir tanzen durch den Abend. Don ist auf einmal irgendwann verschwunden, schreibt mir lange Nachrichten wie ein eifersüchtiger Freund und scheint nicht klarzukommen damit, wie wir uns amüsieren – Dramaqueen! Geht gar nicht!

        Ziemlich müde und gut betrunken kommen wir nach Hause und bevor wir ins Bett fallen, mache ich mich noch über Toastbrot und Oliven her – viel mehr gibt Robyn’s Kühlschrank für mich nicht her.

        Den Sonntag gehen wir gemütlich an, quatschen und lachen den ganzen Tag, kein Thema ist tabu und ich hab das Gefühl über alles mit ihr reden zu können, relativ schnell sind wir uns einig, dass ich die kompletten vier Tage bei und mit ihr verbringe.

        Am Montag besuchen wir Brian bei der Arbeit und werden Teil der TV Show, die sich schnell als ziemlich bescheuert herausstellt, da das Gebäck in der Bäckerei übertrieben gelobt werden soll und eigentlich nur nach viel Zucker schmeckt. Aber wir haben dennoch Spass, denn Robyn’s Mum, Bruder und Nichte sind auch dabei, die Kreativität zieht sich offensichtlich durch die ganze Familie; als professioneller Entertainer und ehemalige Schauspielerin sind Bruder und Mutter die Highlights des Drehtages.

        hinter der Kamera: the Baker Sisters

        Mittags setzen wir Robyn’s Familie zuhause ab, das Sommerwetter ruft nach Strand, also machen wir uns auf zur Terence Bay an eine kleine Bucht, erfrischen uns dort im kühlen Nass, eine Freundin, die in der Nähe wohnt, schaut kurz vorbei. Und weil es so nah ist, bringt Robyn mich gegen Abend noch zu einer der berühmtesten Ausflugsziele hier in Nova Scotia: Peggy’s Cove.

        Unser Gesprächsstoff geht uns nicht aus, die Parallelen zwischen uns sind mir fast schon unheimlich, fühlt sich ein bisschen an wie eine zweite Version von mir in einer anderen Welt. Ihre positive und offenherzige Art emfinde ich als besonders erfrischend, sie ist so herrlich unkompliziert.

        Ihre Geschichte fasziniert mich:

        • im Alter von nur einem Jahr erleidet sie durch einen Unfall mit heißem Wasser schwerste Verbrennungen an einem Bein, geht von da an durch viele Ops und Schmerzen, die Narben heute bringen sie in manchen Situationen nach wie vor in Unsicherheiten
        • sie besucht das Internat, in dem ihr Vater als Lehrer arbeitet, widmet viel Freizeit dem Sport und gehört meist zu den Besten in jeglicher Sportart
        • sie ergreift einen kreativen Beruf und arbeitet im Filmbusiness, gewinnt im Jahr 2003 den Leo Award für Production Design in Vancouver,BC. Ihr Auge fürs Detail zeigt sich in jeder Ecke ihrer Wohnung.
        • Aus meiner Familie bin ich mit geistigen Krankheiten vertraut, daher berührt mich ihre Erkrankung vor vielen Jahren besonders. Wenn man sie heute erlebt, ahnt man nicht das Geringste davon. Ihr liegt viel daran, die damit zusammenhängenden Stigmata zu bekämpfen
        • ihre Kreativität inspiriert mich, ich lerne viel Neues kennen, in manchen Momenten fühlt es sich an als lebt sie das aus, was ich in mir habe und weckt meine Sehnsucht nach mehr
        • wie ich ging sie durch viele ungesunde Beziehungen, ihre Angst nicht geliebt zu werden kenne ich – die profunde Angst von uns allen.
        • sie hat gute Menschen um sich und mag es, mit Fremden zu sprechen, gibt mir das Gefühl, dass ich vom Süden vermisse: dass wir alle verbunden sind, dieselben Gefühle teilen, sie sieht das Gute im Menschen. Ich habe genug von all dem oberflächlichen Denken und Handeln, schnellen Urteilen.
        • sie zeigt mir eine bis dahin unbekannte Welt – ich lasse mich treiben

        zwei meiner Lieblingsbilder von Robyn:

        An meinem letzten Tag will ich nach Lunenburg, doch mit einem Blick aus dem Fenster am frühen Morgen ist klar, dass es heute nicht aufhören wird zu regnen. Daher nehme ich mit Robyn die Fähre nach Halifax, setze mich für den Vormittag in die Bibliothek, erledige ein paar Dinge in der Stadt und besorge Zutaten fürs Abendessen, wobei ich versuche möglichst im Trockenen zu bleiben. Robyn holt mich im Mietwagen ab und ich begleite sie zu einem Treffen mit einer Arbeitskollegin, wo wir unser erstes Bier bestellen.

        Ich koche unser letztes gemeinsames Essen, irgendwann fallen wir müde in die Kissen und ich schlafe zum ersten Mal seit Ewigkeiten tief und fest. Der Wecker klingelt noch vor sechs Uhr, wir kommen nicht aus dem Bett – eine Stunde später sind wir innerhalb von fünf Minuten frisch und auf dem Weg zum Flughafen.

        Wir umarmen uns mehrmals fest, mein Herz wird schwer, Robyn hat mich tief berührt und mir viel Liebe und Vertrauen geschenkt. Ich weine auf dem Weg zurück nach Montreal.

        I am learning to say Yes, to be daring and spontaneous, to hurl myself into people and places and moments without hesitation or second-guessing myself – to challenge my anxieties, to confront my fears, to trust unwaveringly in chance and fate to lead me to where I am supposed to be. – Beau Taplin. The Yes Man

        Ich lerne ja zu sagen, mutig und spontan zu sein, mich in Menschen, Orte und Momente zu werfen ohne zu zögern oder mich zu hinterfragen – mich meinen Ängsten zu stellen, unerschütterlich in Chance und Schicksal zu vertrauen um mich dahin zu führen wo ich sein soll.

        Letzte Wochen in Montreal, Wendepunkte, Abschiede

        08 Juli – 02 August, 09 – 17 August 2017

          Die Arbeit im Restaurant geht mir mittlerweile leicht von der Hand: vier Gäste mit ihren individuellen Wünschen zu bedienen mit Entrée, Hauptgang, Weinempfehlung – behalte ich alles im Kopf, muss nichts notieren. Für ein paar wenige Wochen sind wir ein eingespieltes festes Team, das nicht viele Worte benötigt, wir arbeiten Hand in Hand, unterstützen uns gegenseitig. Doch der Frieden währt nicht lange: extrem verzögerte Bezahlung, die erste Barkeeperin kündigt, der Unmut wächst, Frustration, da wir alle unser Bestes geben; dazu Ausreden, gemischt mit Unehrlichkeit – um es kurz zu machen: ich bin gespalten, was mein Verhältnis zu unserem Chef angeht: spüre auf der einen Seite sein gutes wohlwollendes Herz, auf der anderen scheint er viel Ärger am Hals zu haben und das Vertrauen in ihn schwindet unter seinen Mitarbeitern. Ich kündige an, nach meinem Trip zur Hochzeit relativ schnell Montreal zu verlassen; will er nicht wahrhaben. 

          Ich fühle mich gesegnet ein Leben abseits der Norm führen zu können. Im Restaurant treffe ich viele interessante Menschen, die Gäste strahlen, wenn sie mich sehen, manche wollen mich überzeugen als Barkeeperin zu arbeiten. Ich knüpfe Kontakte, erlebe wie es ist, wenn man wo neu anfängt, Freunde findet, die schönen Ecken einer Stadt für sich entdeckt.

          Für viele Menschen ist Montreal ein Ort, wo sie bleiben möchten. Ich dagegen werde immer unruhiger, verbringe schlaflose Nächte, Insomnia, könnte länger bleiben um mehr Geld zu verdienen, spüre aber, dass mich das nirgends hinführt. Im Hinterkopf arbeitet es pausenlos: 

          Wie will ich mein Leben gestalten? Womit möchte ich mich jeden Tag beschäftigen? Wo gehöre ich hin?

          Es ist definitiv an der Zeit, aufzubrechen – ich habe genug gelernt hier, bin mit Eric im Reinen, blicke neugierig auf die Weiterreise, von Heimweh keine Spur. Endlich buche ich folglich meinen Flug auf Prince Edward Island, wo die Hochzeit stattfindet (dazu mehr im nächsten Beitrag) und außerdem mein Ticket zu Carola nach Virginia. Die letzten Wochen hier in Montreal sind somit gezählt und die Zeit wird knapp, all das noch zu erleben, was und wer mir wichtig ist: 

          • Zwei Wochen vor Kirstens Hochzeit steht die Bachelorette Party an, unser Programm: Nail Salon, Essen bei ihrer Freundin im Hinterhof mit obligatorischem Peniskuchen, Karaoke-Bar, und zum Abschluss Stripclub 281: ich bin ja abgebrüht, aber das sind definitiv zu viele Penisse hier! Diese werden dann auch noch in einer Art präsentiert, als wäre es eine Leistung, die Applaus verdient, das gute Stück zu zeigen. Finde dass plump und vulgär – wo bleibt der Stil, die Vorstellungskraft?
          Bachelorette day
          • An einem Sonntag bin ich zum Lunch mit Luis verabredet: ein älterer Herr, Argentinier, Gast im Restaurant, wir unterhalten uns jedes Mal auf Spanisch, was ich genieße. Er holt mich im Taxi ab, wir spazieren durch die Altstadt, er ist langsam auf den Beinen, dann Essen und Wein im Nelligan Hotel Restaurant. Er erzählt mir seine Lebensgeschichte und was ihn damals nach Canada gebracht hat. Wachsam werde ich, als er mir Komplimente für meine schönen Beine macht. Als wir später an der Straße auf ein Taxi warten, bedankt er sich für den schönen Mittag und würde dies gerne wiederholen – ohne Vorwarnung drückt er mir einen Kuss auf den Mund! Ich bin zu perplex um klarzustellen, dass er hier an der falschen Adresse ist. Zwei weitere Männer, mit denen ich mich hier gut verstehe, geben mir in diesen Wochen eindeutige Zeichen, dass sie mehr Interesse an mir haben – was ist nur los mit den Männern? Kann man nicht auch einfach mal befreundet sein? Ich bin wohl definitiv zu naiv.
          • Mit Many, meiner Bekanntschaft aus dem Club, gibt es keine Missverständnisse: wir verbringen nette Stunden, nicht mehr und nicht weniger. Er verfolgt die Idee für das „zweite Leben“, wie er es nennt, sprich den Ruhestand zu arbeiten – nein, wir zwei kommen nicht auf einen Nenner.
          • Aishah organisiert ein Barbecue für mich, um mich zu verabschieden. Den ganzen Samstag steht sie in der Küche, macht vegane Burger, Salate, Falafel und mehr. Von meiner Seite kommen Housnia und Deepak, die restlichen Gäste sind Aishah’s Freunde und alle auf ihre Art ganz weit weg vom Durchschnittsbürger, was ich total spannend finde. So wie ich beim Reisen nach dem Fremden suche, interessieren mich Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten, anderen Lebensarten und Sichtweisen – das ist genau das, was die Welt so schön bunt macht – und doch teilen wir alle dieselben Emotionen, sind verletzlich und sehnen uns nach Liebe.
            Goodbye Barbecue
          • Benjamin und Brigitte: wir treffen uns in den letzten Wochen noch so oft wie möglich und jedes Mal genieße ich jeden Moment mit den beiden – Wohlfühlfaktor ganz oben! Benjamin’s Blick auf die Welt ist einfach immer wieder inspirierend für mich. Vielleicht reise ich ja gar nicht um etwas zu finden, sondern einfach nur weil es schön ist, because that’s who I am. 
          • An meinem letzten Sonntag besuche ich die beiden zum Lunch und anschließend fahren wir spontan zur momentan angesagtesten Eisdiele Kem Coba im Stadtviertel Mile End. An sonnigen Wochenenden wie heute wartet man da schon mal eine halbe Stunde um dann zu wählen zwischen Sorten wie Himbeer-Lychee mit Rosenwasser, Dulce de leche- Mango oder Coconut-Orange.

            wir stehen Schlange für die beliebteste Eiscreme der Stadt bei Kem Coba

            Danach zeigen mir Benjamin und Brigitte noch die Bäckerei Guillaume um die Ecke. An der Theke liegen aufgeschnittene Teile zum Probieren. Während Brigitte bestellt, machen Benjamin und ich uns über das Tablett her – megalecker! bis Brigitte uns auf die Finger haut – hinter ihrem Rücken schnappen wir uns noch ein letztes Teil und schmunzeln uns verschwörerisch an. Brigitte schüttelt nur noch den Kopf.  

            • Ich lasse mich von den beiden an der Metro absetzen, da Piknic Électronik auf der Insel Jean-Drapeau schon ewig auf meiner Liste steht: eine Elektroparty, die jeden Sonntag Nachmittag stattfindet und Liebhaber der elektronischen Musik finden sich dort zusammen um in den Sonnenuntergang zu tanzen. Quasi wie der Hafenstrand in Mannheim, nur mit wesentlich mehr Platz. 

            Piknic Électronik

            Auch wenn ich jetzt gerne Freunde um mich hätte und der DJ fast einen Tick zu hart für meinen Geschmack auflegt, tanze ich zwei Stunden für mich, schalte ab und als die Sonne schon hinter dem Horizont verschwunden ist, mache ich mich auf den Heimweg.

            • Rubin Goldbaum, mein Zahnarzt hier, den ich mit seiner Frau im Restaurant kennenlernte, lädt mich zum Abendessen ein, was schon länger geplant war. Seine Frau ist leider gerade beruflich unterwegs und kann nicht dabei sein. Rubin ist ein guter Zuhörer und stellt mir wie gewohnt sehr persönliche Fragen, die mich zwingen, laut auszusprechen, was mir in den letzten Wochen durch den Kopf schwirrt: was kommt als nächstes? wo will ich sein? was will ich (nicht) von einem Partner, wenn es dazu kommt? wer interessiert mich? was ist mir wichtig? Er erzählt, dass er jahrelang auch hohe Ansprüche ans Leben hatte, aber irgendwann Frieden gefunden hat und dankbar ist für die Menschen, die ihn umgeben.
            • Eric und ich treffen uns noch ein letztes Mal an einem der letzten Abende auf einer Terrasse – ist mir wichtig, ihn zu sehen, denn trotz all den leidvollen Momenten hat die Erfahrung mit ihm mich geprägt und wachsen lassen. Ich schätze ihn nach wie vor sehr. Er erzählt von seinem neuen Job, den er nächsten Monat beginnt, er blickt positiv in die Zukunft, wirkt geheilt – ich fühle bei dieser Beobachtung einen tiefen Frieden zwischen uns. Als wir dann in dieser lauen Sommernacht an der Straße vor seinem Eingang stehen, umarmen wir uns mehrmals fest. Mit ein paar Tränen in den Augen steige ich auf mein Rad und trete in die Pedale.

            Mein letzter Tag bricht an. Bei der Arbeit haben sich einige von mir abgewendet, weil ich entschieden habe ehrlich zu sein und nicht mitzuspielen bei dem Drama um Heimlichkeiten. Es lohnt nicht wirklich, euch ins Bild zu setzen, denn die Welt hat bedeutendere Themen. Was ich jedoch aus dieser Erfahrung lerne: viele Menschen trauen sich leider nicht, ihre wahren Gefühle zu zeigen, schließen einen aus, wenn man gegen den Strom schwimmt und einfach nur ehrlich ist, verteufeln einzelne Personen, weil es so einfach ist in schwarz und weiß zu denken, sind nicht bereit, die vielen Facetten wahrzunehmen.

            Den Abend verbringe ich mit Aishah bei Wein und indischem Essen, wir drücken beide aus wie dankbar wir für unsere Begegnung sind. 

            Nach wieder einmal tiefsinnigen Gesprächen und einer innigen Umarmung muss ich los zu Benjamin und Brigitte. Meine letzte Nacht in Montreal schlafe ich dort, da Brigitte mir angeboten hat, mich am Morgen zum Flughafen zu bringen. So beginnt und endet meine Zeit in Montreal mit den beiden, was diesem Abschnitt meines Lebens einen schönen Abschluss gibt.

            Fundamentally we all want the same thing: we want to love. we want to be loved and we want to matter. – Hill Harper 

            Im Grunde wollen wir alle dasselbe: lieben und geliebt werden.

            Montreal – Möglichkeiten, persönliche Ziele und Einsamkeit 

            22 Mai – 08 Juli 2017

            Das Einzige, was zählt, ist der Mut in unseren Herzen.

            Die nächsten Wochen sind geprägt von viel Arbeit. Ich lerne meine Kollegen besser kennen mit ihren verschiedensten Lebensläufen, wie das in Restaurants so üblich ist. Gemeinsam bilden wir einen wild gemischten kulturellen Mix aus verschiedensten Ländern:

            Camille, Neli, Mira und Tyrone
            Apo, Mira, Troy und Neli

            Hier ein kleiner Einblick, mit wem ich unter anderem arbeite:

            • Troy, Assistant Manager: arbeitet im Service und an der Bar, aufgewachsen in Toronto, Familie aus Vietnam; sehr sensible Art, zurückhaltend, er liebt gutes Essen, meistens kommt er kauend aus der Küche
            • Apo, Bartender: wirkt bei der Arbeit oft relativ emotionslos, hat aber seine lockeren Momente und wenn er von unternommenen Fahrradtouren erzählt, leuchten seine Augen. Vor ein paar Jahren verließ er Griechenland wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage, vermisst seine Heimat, sieht dort aber gerade keine Optionen für sich und zieht Ende des Jahres weiter nach Australien, hat die Schnauze voll von den langen Wintern hier;
            • Housnia aus Afghanistan, Bedienung: studiert Eventmanagement, finance etc, ehrlich und bestimmend, was in den ersten Tagen zu Spannungen zwischen uns geführt hat, jetzt mag ich sie jedoch umso mehr für ihre Offenheit.
            • Neli, blutjunge Chefköchin mit ihren 23 Jahren: Familie kommt aus Bulgarien, arbeitet passioniert fast rund um die Uhr, ihr Herz hängt in Costa Rica.
            • Mira, Bedienung, ist ihre beste Freundin, ebenfalls aus Bulgarien, Studentin, sehr herzlich, das Küken unter uns, amüsiert mich in unseren geneinsamen Schichten mit ihren erleuchtenden Erfahrungen im Bett mit ihrem Freund
            • Johnny, Sous Chef: Familie aus Kolumbien, wenn er zu ernst wirkt, stimmt was nicht, gibt mir jeden Tag Kosenamen und Komplimente und kann nicht anders als mit kolumbianischen Charme zu flirten
            • Deepak, Dishwasher: kam vor knapp zwei Jahren aus Indien um hier Agrarwissenschaften zu studieren, hat einen klaren Plan für sein Leben und will in spätestens zehn Jahren zurück und Lebensmittel anbauen,
            • Steven und Tyrone, Manager des Restaurants: kommen aus Sri Lanka, leben aber schon ewig hier, beide haben Familie. Tyrone reißt die derbsten Witze, flucht gerne und kocht selbst mit Leidenschaft, seine vier Kinder kommen regelmäßig zum essen und jedes Mal spüre ich seine Liebe zu ihnen. Steven hat selbst noch zwei andere Restaurants und ist daher nur zweimal die Woche da. Er wirkt auf mich emotional, warmherzig und hat manchmal einen Blick wie ein kleiner erstaunter Junge.

            Wenn ich nicht gerade arbeite, fühle ich mich mehr und mehr allein, mir fehlen vertraute Menschen in der Routine. Frage mich, wie lange ich das noch aushalte – ist nicht gut für’s Herz. Sonstige Entwicklungen:

            • Aishah öffnet sich mir gegenüber und erzählt von ihrer Vergangenheit, kann sie jetzt besser verstehen und hab von Anfang an gespürt, wie tiefsinnig sie ist.
            • Eric postet seit über einem Jahr wieder auf Facebook. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, er ist verliebt, aber wahrscheinlich kann er das Leben einfach endlich wieder von der schönen Seite sehen.
            • Ich mache einen Tag Vertretung an der deutschen Schule hier. Nach der ersten Stunde ist direkt klar, verlernt hab ich nichts und besonderer ist das hier auch nicht. Meint man ja manchmal, weil es im Ausland ist. Die tägliche Arbeit bleibt jedoch die gleiche und nach dem Tag bin ich froh, dass es nur ein Tag war: zu klein, zu lahm, eintönig.

            Außerhalb der Arbeit unternehme ich dennoch das ein oder andere:

            • Fahrradtour mit Benjamin entlang des Canal Lachine mit veganem Eis zur Belohnung am Ende. Tut verdammt gut der Tag!
            • Kirsten (auf ihre Hochzeit gehe ich Anfang August) lädt mich auf eine Vernissage ein: interessante Bilder, danach gehen wir spontan mit ein paar Besuchern essen und ich fühle mich in einer falschen Welt: die Dame mir gegenüber erzählt von ihrer Magenverkleinerung und künstlichen Wimpern – ernsthaft?
            • Ben und ich schaffen es endlich ins Kino: der neue Trainspotting Film und ich muss sagen, gut gelungen!
            • Dinner mit Eric: es geht ihm definitiv besser, er lebt wieder mehr.
            • 1.Juli ist Canada Day: ich fahre mit Deepak und zwei seiner Freunde nach Ottawa, da dort die 150 Jahre Jubiläum groß gefeiert werden – ich machs kurz: was für eine Zeitverschwendung! tausende Menschen, viel Warterei, laut, stressig, touristisch. letztendlich entkommen wir den Massen mit einem Spaziergang entlang des Kanals für eine Weile.Meine Stimmung war selten so am Boden wie nach diesem Tag und ich komme mit einem schrecklich traurigen Gefühl zuhause an, bin den Tränen nahe. Aishah geht heute Abend im Le Bleury tanzen, da schließe ich mich ohne lange zu überlegen an, brauche jetzt etwas Positives. Eine gute Stunde tanze ich den Stress aus meinem Körper und liege nach drei Uhr morgens nachdenklich im Bett.
            • Für den Sonntag hatte ich Deepak bereits zugesagt, mit Segeln zu gehen. Er unternimmt einiges, was über ‚meet up‘ organisiert wird. Eine soziale Plattform, die dazu dient, Menschen mit ähnlichen Interessen zu verbinden und gemeinsame Aktivitäten aller Art zu unternehmen. Die Auswahl derartiger Apps und Websites ist mittlerweile unendlich: man kann sich zum gemeinsamen Kochen, essen, Sport treiben oder Sprachen lernen treffen. Ja, nach wie vor auch zum Sex. Zurück zum Segeln: wir fahren am Vormittag auf die Insel Saint Bernard, segeln eine Stunde bei viel Wind, ideale Bedingungen, aber scheißekalt! Danach schlägt Toni, er lebt hier, vor, nach unserem Picknick noch einen Spaziergang über die Insel zu machen. Sicher drei Stunden sind wir unterwegs, der Himmel klart auf, wir kommen an traumhaften Aussichtspunkten vorbei, immer nah am Wasser und lassen uns schließlich auf ein Bier nieder neben Apfelbaumfeldern. Bei dem Anblick kann ich nicht anders als an meine Heimat denken: die Tage mit den Großeltern im Kraichgau in den Bäumen und im Jutesack das reife Obst sammeln, Spaziergänge durch unser Heimatdorf Dühren, Weinfeste in der Pfalz.
              Sonntagsausflug mit Deepak
            kühles Bier nach langem Spaziergang über die Insel

            Jazz-Festival: ganz groß hier! Mit Deepak gehe ich auf die Eröffnungsfeier und genieße die Musik der Band Frantic Electric.

            Jazz-Festival mit Deepak

            Überhaupt ist Montreal voll von Festivals, kulturellen Events, Parties, Ausstellungen, Grand Prix,… man kommt nicht umhin, manches sausen zu lassen, das Angebot ist einfach zu riesig! Dieses Jahr übertrifft die Normalität wegen der 375 Jahre Montreal. Wahnsinnige eine Billionen Dollar gibt das Land hierfür aus – nobel geht die Welt zugrunde. 

            Innerhalb einer Woche machen mir sowohl die Deutsche Schule als auch eine Sprachschule ein Jobangebot: alles, was ich damals mit Eric angegangen bin, ist jetzt greifbar und doch so unattraktiv für mich. Er meint, ich soll mir das gut überlegen: kommt gut im Lebenslauf und ist ja nicht für immer. Sehe zwar keine Motivation für mich, bin aber bereit, das ein paar Tage sacken zu lassen und komme zu folgendem Schluss: die Lebenserfahrung, die ich beim Reisen sammle, ist mehr wert als jeder Job. Arbeit ist im Endeffekt überall gleich – same shit different place – und für meine Arbeit brauche ich keine Erfahrung woanders. Ich begleite Menschen auf ihrem Weg ins echte Leben – was kann es da besseres geben als was ich mache? Reisen ist die wahre Herausforderung, die anerkennenden Blicke, die ich dafür ernte, sprechen Bände. Da meine Einsamkeit und Sehnsucht nach dem Süden sich mittlerweile schwer auf mein Herz gelegt hat, entscheide ich Ende Juli abzureisen. Tyrone bittet mich, doch noch ein paar Wochen länger zu bleiben, dem Restaurant auf die Sprünge zu helfen. „The people really like you, Sarah“ Steven fragt mich an einem ruhigen Montag auf der Arbeit: „Have you experienced a Montreal love so far?“ Ich antworte mit sehnsüchtigem Blick und tiefem Seufzer: „I wish I did.“ Er kann es kaum fassen: „What?? We have to go out, Sarah. You can’t leave Montreal without a Montreal love!“ Zehn Tage später ist es soweit und Steven fordert für Samstagabend zu einer goodbye party für mich auf. Die Mädels sind heiß, Troy und Apo bleiben fern, sind müde; vielleicht wollen sie mir auch nicht die Tour vermasseln. Die Mission heute nacht: find a guy for Sarah. Kaum downtown in der Bar Joverse nahe des alten Hafens angekommen, bestellt Mira für jeden zwei Shots. Keine fünfzehn Minuten später tanzt mich ein großer muskelbepackter Typ an, nachdem ich gerade erst zu Housnia meinte, die Männer wären zu klein hier. Voll von sich überzeugt, geht der Typ schnell zur Sache, knutscht mich ab und packt mich am Hintern – woouu… ist mir definitiv ne Spur zu aggressiv, aber als ich die Mädels und Steven hinter mir jubeln höre, spiele ich mit und muss grinsen, während mir mein Gegenüber seine Zunge in den Hals steckt. Dann entschuldigt er sich kurz auf die Toilette, ich dreh mich um und schau in strahlende beeindruckte Gesichter. Wir lachen uns an, ich zucke mit den Schultern und dann steht auch schon Many neben mir, stellt sich vor, nimmt mich bei den Händen und will mit mir tanzen. Die Mädels bekommen große Augen und ich antworte mit unschuldiger Miene. Ich wage keinen Blick Richtung Bad, Housnia erzählt mir später vom überraschten Gesicht des Draufgängers. In den nächsten zwei Stunden weicht Many nicht von meiner Seite, wir tanzen und unterhalten uns. Er kommt aus Benin, ist seit vier Jahren hier in Montreal und hat zuvor in Paris studiert. Bevor wir uns verabschieden, fragt er nach meinem Facebook Kontakt und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Nach diesem Abend fühle ich mich mit den Mädels verbunden und gar nicht mehr so einsam. Ich spiele mit dem Gedanken, doch ein paar Wochen länger zu bleiben: die Kohle kann ich gut gebrauchen, nachdem ich hier ein paar teure Zahnarztbehandlungen über mich ergehen lassen habe. Zumindest null auf null hier weggehen, ist eine Überlegung wert. Bin hin- und hergerissen und beschließe, das mit Carola, meiner Freundin in der Nähe von Washington DC zu besprechen, da sie mein nächstes Ziel ist. Da ich beginne, mich wohl zu fühlen, kann ich die Stadt vielleicht auch mehr genießen. Mein Französisch ist endlich auch wieder flüssig. Der Ruf nach Lateinamerika ist allerdings nach wie vor präsent und ungebrochen.

            Le Plateau