Mai – Juli 2020
Nach mehreren Wochen Lockdown sind die Parks endlich wieder offen. Erst kann ich es gar nicht glauben, dann freue ich mich riesig! Das macht diese Situation auf Distanz wesentlich erträglicher. Ich schnappe mir Sundae und wir gehen direkt in den Park um die Ecke. Sie wieder mit anderen Hunden rennen zu sehen, ist schön zu beobachten. Am ersten Sonntag drehen wir im großen Park Point Pleasant eine Runde. Wir sind nicht die einzigen, die es dort hinzieht, aber alle schön auf Abstand.
Das Vorhaben, wesentlich früher nach Deutschland zurück zu gehen, ist erst einmal hinfällig, da keine Flüge gehen und so schnell wird sich daran wohl auch nichts ändern. Erleichternd ist das insofern, als dass es mir eine Entscheidung vorläufig abnimmt. Der Gedanke, Halifax – und damit Sherry zu verlassen, macht mich nach wie vor unglaublich traurig und dreht mir den Magen um.
We get meaning in life from the responsibilities we voluntarily choose to bear.
Innerhalb Nova Scotias ist immernoch einiges möglich und so verbringen wir Anfang Mai ein Wochenende mit Brenda und Simone in einem Cottage direkt am Meer.

Mitte Mai hat Sherry Geburtstag. Sie sagt, ab einem gewissen Alter feiert man den ganzen Monat und nicht mehr nur den einen Tag (ab 40 steht mir laut ihrer Logik eine Woche zu). Dies nutzt sie als Begründung, wenn sie shoppen war, sich etwas gönnt oder etwas von mir möchte: „But it’s my birthday month!“ Gefällt mir und werde ich wohl übernehmen. An ihrem tatsächlichen Geburtstag fahren wir für drei Tage nach Chester. Dort hat ihr Vater ein Haus, wir sind direkt am Wasser und genießen die Idylle.


Im Juni wird es endlich warm und Strandtage stehen an! Voraussichtlich wird das erst mal mein letzter Sommer hier. Zwei bis drei Tage bin ich pro Woche in der Küche, wir arbeiten viel im Garten, wie immer nimmt Sundae viel Zeit in Anspruch. Außerdem nehmen wir uns wieder verschiedene Hausprojekte vor: wir lasieren das komplette Deck neu – was eine Arbeit: putzen, schleifen, streichen. Und es ist heiß! Das Ergebnis kann sich blicken lassen. Während dieser körperlichen Arbeit schweife ich gedanklich mal wieder ab in Richtung Zukunft und spüre meine Unzufriedenheit, vermisse die Lebensart in Deutschland. Ich bin hier nicht voll und ganz ich – oder eine Version, die ihr Potenzial nicht ausschöpft.

Sonntag, 28.Juni: Nach dem Aufstehen (deutsche Zeit am Nachmittag) telefoniere ich mit Vera, die am Schreibtisch beschäftigt ist, sie wundert sich noch, dass Rainer nicht ans Telefon geht. Wir sprechen über die Beerdigung seines Vaters diese Woche, die Belastung mit allem, worum er sich jetzt kümmern muss, einen evtl. gemeinsamen Urlaub in der Bretagne im Oktober….. Wenige Stunden später bekomme ich die Nachricht über WhatsApp und bin vollkommen erschüttert. Rainer ist gestorben und nicht mehr unter uns – das ist schwer vorstellbar. Vor gut einem Jahr hatte er eine Herz-OP und heute hat sein Herz einfach aufgehört zu schlagen.
Sein Lachen, sein Witz, seine neckischen Rufe… Er hat den Austausch und das Gesellige unter Menschen vorangetrieben. Rainer ist für mich immer ein extrem guter Zuhörer mit kritischer Stimme, seiner Meinung und seinen Ansichten habe ich viel Wert beigemessen. Sensibel, Freude an den kleinen Dingen, ein Genießer, viel Herz, Humor, ein sanfter Blick, gute Hausparties. Er und Vera gemeinsam war mir immer eine Freude zu beobachten. Er war Vera’s Fels in der Brandung, sie hat immer wieder formuliert, wie glücklich sie mit ihm ist. Er hinterlässt auf allen Seiten, an allen Fronten eine große Lücke, wird sehr vermisst werden. Ich bin im Schock und fassungslos.

Anfang Juli: ich bin emotional, nah an den Tränen. Der Gedanke, hier abzureisen, bringt mich sofort zum Weinen. Ich genieße unsere Nähe, wie wir uns immer besser kennen lernen, ihren Humor, ihr inneres Kind, unsere Rituale. Sherry hat mein Herz geöffnet, mich gelehrt, was lieben heißt, wie es gehen kann ohne Angst.
Was macht mir Angst? Die „falsche“ Entscheidung zu treffen. Wenn ich in Deutschland bleibe, wird das mit Sherry und mir nicht funktionieren. Wenn ich zurück nach Halifax komme, ist das ein Leben weg von wirklich engen Freunden und der eigenen Familie. Was spüre ich, wenn ich weine? Zerrissenheit und tiefe Traurigkeit: ich habe hier etwas Wunderbares gefunden und komme dennoch nicht zur Ruhe.
Für Sherry hat eine Liebesbeziehung oberste Priorität, darum dreht sich alles. Hauptsächlich geht es um diese eine Person, Freunde sind „Bonus“, wie sie mal sagte. Dieses Konzept lebe ich hier mit ihr, erfahre eine Tiefe mit ihr, die ich vorher nicht kannte und ahne, dass da noch mehr sein kann. Mein Leben zuvor beinhaltete dagegen viele Menschen in meiner Nähe und tiefe Verbindungen. Dennoch scheint ein Zurück dahin von meinem momentanen Standpunkt aus nicht mehr so attraktiv wie es mal war, auch wenn mir die vielen sozialen Kontakte fehlen. Hier bin ich eine andere Version von mir. Wer will ich sein? Kann ich nicht beides haben? Will ich beides wirklich?

17. Juli. Exakt zwei Jahre wohne ich nun schon bei Sherry. Wir machen uns gegenseitig ein besonderes Geschenk, was uns jeweils zu Tränen rührt (sie bekommt von mir einen gravierten Geldbeutel und ich halte einen Ring in den Händen, den sie selbst gestaltet hat: der Baum des Lebens in Herzform und in dessen Hohlraum die Geburtssteine von uns beiden und Sundae. Sie sagt, so sind sie immer bei mir. Da kann man aber auch nur weinen…
Das Wochenende verbringen wir am LaHave River. Direkt am Wasser gelegen, ist es richtig idyllisch und friedlich hier. Nach wie vor geht mir der nahende Abschied sehr nahe und ich könnte jeden Tag heulen.


Bis Anfang September sind wir fast komplett verplant mit Urlauben und Treffen mit Sherry’s Familie und Freunden. Innerhalb der Atlantikregion, der sogenannten „Atlantic Bubble“ ist Reisen relativ unkompliziert, da es hier bisher kaum Covid-Fälle gibt.
Ich bekomme viele schöne Bilder von Rainers Gedenkfeier und es schmerzt mich doch sehr, dass ich nicht dabei sein kann. Die Geselligkeit, die sich aus den Bildern erahnen lässt, fehlt mir extrem.
Kurz nach unserem ‚weekend away‘ wird Sundae krank. Zunächst haben wir keine Ahnung, was los ist. Sie steht vor ihrem Napf und isst nicht, ist sichtlich schwach, kann sich schwer bewegen. Der Tierarzt vermutet erst einen Fremdkörper im Rachen, doch das Fieber geht nicht wirklich runter. Nach zwei Tagen entscheiden wir, in die Tierklinik auf PEI zu fahren, die beste im ganzen Land. Nichtsahnend packen wir für eine Nacht, doch kaum sind wir angekommen, steht schnell fest, dass wir ein paar Tage hier verbringen werden, damit Sundae komplett durchgecheckt werden kann. Dementsprechend machen wir uns nun mehr Sorgen. Uns kommt zugute, dass Sherry’s Cousine Brenda und ihre Frau Simone hier ein Cottage besitzen und wir so zumindest eine angenehme Bleibe haben. Bei dem Stress im Hotelzimmer zu sitzen wäre richtig übel. Die beiden sind zwischendurch bei uns.

Nach mehreren nervenaufreibenden Tagen mit Momenten, in denen wir das Schlimmste befürchten, steht Sundae’s Diagnose endlich: Steroid-responsive Meningitis. Über die Ursache wird uns erst nicht viel gesagt, doch ich recherchiere sofort und bin fest überzeugt, dass ihr Zustand verursacht ist durch Überimpfung, was mir die Ärztin letztendlich auch indirekt bestätigt, als ich nachfrage. Zu einem späteren Zeitpunkt habe ich hierzu auch ein Gespräch mit ihrem Tierarzt, hier hätte manches anders laufen können. Eine ganze Woche bleiben wir insgesamt auf der Insel, da wir Sundae noch zwei Tage Erholung geben, bevor wir uns auf den Heimweg machen. Sie sieht ganz schön mitgenommen aus: zehn Kilo leichter und wie ein gerupftes Huhn mit all den rasierten Stellen.

Das Erlebnis hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Wir müssen einen Trip canceln, verschieben unseren Urlaub nach Neufundland um zwei Wochen und wollen Sundae, anders als ursprünglich geplant, nun mitnehmen.
Woche um Woche, wenn auch sehr schleichend, geht es Sundae ein klein wenig besser. Jeden Tag bekommt sie Medikamente, um ihr Immunsystem zu unterdrücken. Diese dürfen nur mit größter Vorsicht reduziert werden, damit sie keinen Rückfall hat, wir reden hier von mehreren Monaten. Nebenwirkungen sind Hecheln, viel Durst, Mattheit und Durchfall – den bekommen wir irgendwann auch endlich in den Griff.
Der Sommer ist in vollem Gange. Wir unternehmen viel, sind regelmäßig am Strand und verbringen Zeit im Garten, ich laufe konsequent. So eingespielt hier kommen mir Zweifel, ob ich in den Schuldienst zurück will. Der Gedanke, freier zu leben, rückt mehr und mehr in den Vordergrund.




































Vielleicht bin ich gerade auch einfach zu müde und zu dramatisch. Keine Ahnung, was in sechs Monaten sein wird. Sherry will nächsten Sommer quer durch Kanada fahren. Da ist es verlockend noch ein freies Jahr dranzuhängen.

















Ostrich Club: food and wine pairing
Erstes Sonnen Mitte März auf dem Deck


letzte Handgriffe um 4:30 in der Früh vor dem Markt

Kürbis aushölen muss sein. Auch die Nachbarn dekorieren fleißig

















































































