Good old Germany – Heimatbesuch, Teil 1

06 – 23 Dez 2017

Etwas aufgeregt und in Vorfreude, geliebte Menschen wiederzusehen, lande ich am Mittwoch Mittag in Frankfurt. Ich nehme die S-Bahn in die Innenstadt, Haltestelle Konstablerwache und laufe von dort zu meiner Freundin Franzi, sie wohnt mit Freund und Kind direkt am Dom. In zwei Wochen wird sie den Bund der Ehe eingehen, was für mich erster Anstoß war, einen Besuch in der Heimat in Erwägung zu ziehen. Meine ersten Eindrücke nach fünfzehn Monaten weit weit weg: graues Wetter, was sich in den nächsten Wochen nicht groß ändern wird, im Zug und an den Haltestellen wird nur geschaut, aber nicht miteinander gesprochen. Mit meinem Rucksack gehe ich entlang vertrauter Straßen – wie unverändert doch alles geblieben ist! Ich muss innerlich schmunzeln bei dem Bild, das ich abgebe: abgewetzte Sommerturnschuhe, 3/4 Leggins, zu dünne Jacke, auf dem Rücken mein riesen Backpack und vorne der kleine Rucksack umgeschnallt – was für ein seltsames Gefühl im Reisemodus zuhause unterwegs zu sein.

Meine erste Woche ist durchgetaktet, kaum da, fragen alle, wann sie mich sehen, was mich fast schon in Stress versetzt. In weiser Voraussicht hatte ich außer engster Familie (allein das sind ja schon an die zwanzig) und wenigen Freunden niemandem von meinem Besuch erzählt und will spontan entscheiden, wen ich noch überrasche. Dass nicht genug Zeit bleibt für alle, die mir wichtig sind, ist mir schnell klar und stimmt mich etwas traurig. Bilder schieße ich übrigens kaum welche, daher habe ich hier ein paar alte Erinnerungen rausgekramt!

Nachdem ich also alle zwei Nächte den Schlafplatz wechsle (Frankfurt, Sinsheim, Karlsruhe), schlage ich nach einer Woche meine Basis bei meinen Freunden Vera und Rainer in Ludwigshafen auf. Kennengelernt durchs Volleyball sind die beiden zu sehr engen Freunden geworden und sie hatten mir von Anfang an angeboten, das Gästezimmer zu beziehen, was sich jetzt als sehr praktisch herausstellt: nichts ist weiter als 100km entfernt, meine Kleider lagern hier, was bedeutet, dass ich mich durch mein Zeug wühlen kann (was man alles hat und nicht braucht), mal wieder mehr als meine fünf T-Shirts zur Auswahl habe und für die Weiterreise austauschen kann. Ganz abgesehen davon fühle ich mich bei und mit Vera und Rainer pudelwohl, ich lebe mich schnell ein, das Zusammenleben mit den beiden und Rainers erwachsenem Sohn Paul macht Spaß. Nach einer lustigen Episode im geneinsamen Frankreichurlaub nenne ich (la fille) die beiden auch oft liebevoll Papa et Maman. Ich werde zu hundert Prozent ins Familienleben integriert und dementsprechend stellt sich schnell ein Gefühl von nach Hause kommen ein, wenn ich den Schlüssel im Schloss drehe und ihr Haus betrete.

zufälliges Treffen mit Vera+Rainer im Zug, auf dem Weg in den Urlaub, 2014

Ich treffe Freunde, meine Eltern, Geschwister, spiele auf einem Volleyballturnier mit, Junggesellinnenabschied, Hochzeit. Sogar auf einen Weihnachtsmarkt schaffe ich es einmal. Ein Auto von der Familie habe ich auch zur Verfügung, ginge gar nicht anders. Viele innige emotionale Begegnungen, bedeutungsvolle Umarmungen, nach denen ich mich so gesehnt habe. Ich bin im hier und jetzt, genieße die physische Anwesenheit meines Gegenübers, die Gespräche, den Augenkontakt.

Spaziergang am Mainufer Frankfurt, Freundin Annette + Kollege,Weihnachtsmarkt, Volleyball, JGA, Cafe mit Vera in Mannheim
Franzi und Sebastian geben sich das Jawort. Wir feiern im kleinsten Kreis.

Anstatt im Detail von meinen einzelnen Begegnungen zu berichten, möchte ich eine kleine Liste mit euch teilen, welche Beobachtungen und Gedanken meine ersten zwei Wochen in der Heimat hervorgebracht haben:

  • In ein oder zwei Jahren verändert sich zuhause wirklich nicht viel.
  • Was sind all die Arbeit und Erfolg wert, wenn keine Zeit bleibt für Freunde, Familie, für sich selbst? Lebensqualität bedeutet Zeit zu haben für das, was das Herz bewegt, auf geteilte Erlebnisse zurückblicken zu können, nicht auf Titel oder durchgearbeitete Jahre. Wer hier gesunde Entscheidungen trifft, wirkt auf mich wesentlich energievoller, strahlender und zufriedener.
  • Tiefe Freundschaften bleiben bestehen, man hat zusammen etwas kreiert, das von Zeit und Raum unberührt bleibt – Nähe und Verbundenheit stellt sich ein in dem Moment, in dem man sich wieder in den Armen liegt.
 JGA: für Franzi auf die Schnelle in Frankfurt, für Eva flogen wir 2016 nach Barcelona
Johanna wird 18, Partyboot mit Marina, Hafenstrand Mannheim mit Annette, Weinfest mit Anja
  • Überraschungsbesuche machen Spaß! Ich blicke in gerührte, fassungslose Gesichter. Sie packen den Moment, lassen alles stehen und liegen und sind ganz bei mir. Ich habe Zeit für drei: 
  1. Johanna, meine ehemalige Schülerin: eines Abends stehe ich einfach bei der Familie vor der Tür: sieben Jahre habe ich sie begleitet und währenddessen oft mehr Zeit miteinander verbracht als mit sonst irgendjemandem. Dementsprechend gut lernt man sich kennen, vertraut einander und noch heute wendet sich Johanna an mich, wenn ihr etwas auf dem Herzen liegt, was ich sehr schätze und mich in meiner Arbeit und meinem Wesen bestätigt.
  2. Anja, meine Freundin, Kollegin und Schwester im Geiste. Als sie am Nachmittag heimkommt, stehe ich schon im Haus – ihr Blick ist unbezahlbar!
  3. Besuch meiner ehemaligen Arbeitsstätte: ich stecke den Kopf in Klassenzimmer, wo ich bekannte Schüler vermute und freue mich besonders, sie zu überraschen und ein paar Kollegen zu sehen, die mir nahe stehen. Die Arbeit mit den jungen Menschen hat mir immer Spaß gemacht und fehlt mir zuweilen. Mit ihnen einfach mal kindisch sein, zeigen, dass man nicht immer alles ernst nehmen muss und es wichtigeres gibt als gute Noten.

meine Schüler nähren das Kind in mir

    • Ich mag Mannheim! Vierzehn Jahre habe ich in Mannem gewohnt bis die Reise begann. Meine Wohnung in der Schwetzinger Vorstadt wollte ich nicht aufgeben und wird gehütet von meinem Bruder Balthasar, der hier studiert. In diesen Tagen muss ich einiges hier erledigen und laufe gern durch vertraute Straßen um zu entdecken, ob alles noch so ist wie es war.
    mein geliebtes Mannheim
    • Mein Bruder Minh und seine Frau Diemy bestehen darauf, dass ich am ersten Freitag zum Essen zu ihnen nach Bad Rappenau komme. Minh kocht wie immer hervorragend, heute selbstgemachte Langosch – und schon geht die Weihnachtsschlemmerei los! Wir reden bis spät am Abend und ich kann mich mit einem Lachen verabschieden, da wir uns an Weihnachten spätestens schon wiedersehen. Dann ab durch den Schnee, heute hat es heftig geschneit, zurück zu Mama und Papa, hier schlafe ich übers Wochenende.
    • In meinem neunten Lebensjahr wurde Sinsheim-Dühren zu meinem Heimatdorf und jedes Mal, wenn ich mich der Gegend nähere und in die hügelige Landschaft des Kraichgaus blicke, verspüre ich dieses Gefühl, dass einem wahrscheinlich nur der Ort geben kann, den man Heimat nennt. Unsere Eltern leben nach wie vor in dem riesigen Haus, das unser Vater mit eigenen Händen gebaut hat und in dem ich mit all meinen Geschwistern groß geworden bin.
    mit ein paar Nachbarskindern ca 1994
    Wattenmeer in Norddeutschland, ca Sommer 1991 mit einem Teil meiner Geschwister: David, Baldi, Minh, Veronica und ich
    • Mama sieht gut aus! So klar, positiv, und voll Liebe. Total baff bin ich, wie perfekt sie mittlerweile Oma’s Rezepte nachbackt. Die Wendung, die sie hingelegt hat, ist erstaunlich: sie genießt ihre freie Zeit, ist jeden Tag aktiv, backt, kocht, geht auf Reisen und macht anderen wie gewohnt kleine und große Freuden, wo sie kann. Trotz der Ferne bin ich ihr durch emails und Nachrichten auf andere Weise näher gekommen. Sie bestärkt mich immer wieder in meinem Abenteuer, kennt und versteht mich und meine Sehnsucht.
    mit Mama und Schwestern Ellen und Anne in Barcelona
    Fotofix in Frankfurt

        Alt werden kann etwas Herrliches sein, wenn man nicht vergisst, was anfangen bedeutet.

        • endlich kann ich mal wieder in aller Ruhe meiner Schwester Veronica zuhören wie es ihr wirklich geht, wie sie sich fühlt. Während ich weg war, hatten wir kaum Kontakt, was nicht leicht auszuhalten war, denn sie war vom ersten Moment meine große Schwester, meine Freundin, meine Komplizin.
        Laut Mama waren wir von Tag 1 an unzertrennlich: Veronica, meine Schwester, Freundin, Verbündete
          • Mein Bruder Baldi: die Zeit getrennt voneinander hat uns beiden mit unserer bewegten gemeinsamen Vergangenheit gut getan (im Alter von acht Jahren kam ich mit meinem leiblichen Bruder Balthasar, er war damals drei, in die Familie Holder): keine Verantwortung, kein Druck, kein Schuldgefühl, keine Erwartung. Einfach nur sich selbst nachgehen. Er sieht gut aus und wirkt gefestigt. Ich bin gerührt, welch besonderen Menschen er in seiner Freundin Elena gefunden hat.
          mein Bruder Baldi und ich – tief verbunden durch unsere gemeinsame Geschichte

                You deserve everything there is to give.
                Breakfasts in bed.
                Diamonds on your doorstep.
                Little notes hidden everywhere.
                I want you to have all my secrets
                and all of my demons,
                because you especially deserve
                all the parts of me
                I’m usually too afraid to share.

                Beau Taplin. Demons

                • Ein gefühlvoller Abend mit Schwägerin und Freundin Marina, Bruder David, seiner Schwester Meike und Frau Diana (ja, unser Familienbaum ist etwas ungewöhnlich und verzweigter), bei denen ich immer geherzt und geknuddelt werde. Marina erlebe ich das erste Mal als Mutter. Wir haben eine besondere Verbindung, oft vermisse ich sie und ihre besondere Art. David fragt mich, was ich anders machen würde, wenn ich zurückkomme. Alle blicken mich an und lauschen. Ich fühle mich geborgen, gut aufgehoben, im Kreise von Menschen, die ich liebe und schätze, die mich zum Lachen bringen. Genieße…. 
                Tag am See, Sommer 2016
                Restaurant Mint am Walldorfer See – einer dieser Sommer. von links nach rechts: David, ich, Baldi, Laura (Davids jüngere Schwester), Meike, Diana, Diemy, Minh, Marina und der Hausherr
                • Es ändert sich nicht viel, wenn man fünfzehn Monate weg war… aber man muss zurechtkommen mit der Tatsache, dass man das Leben mit seinen Auf und Abs von nahestehenden Menschen nicht mehr wirklich mitbekommt. Man wird meist vor Ergebnisse gestellt, bekommt eine Zusammenfassung, schafft keine neuen gemeinsamen Erlebnisse.
                • Ich fühle mich noch geerdeter und entspannter.

                So sehr ich doch meine Freunde und Familie vermisse, bin ich nicht bereit heimzukehren. Auch wenn oder gerade weil es der leichteste Weg wäre, mein Leben hier fortzuführen, ist mir der Gedanke zuwider, in bekannte Abläufe und Strukturen zurückzukehren. Alles ist so angenehm vertraut und doch fühle ich in manchen Momenten in mir eine ganz andere Welt, bin ganz weit draußen, hier fehl am Platz. Nach wie vor bin ich auf der Suche und angezogen von allem, was fremd ist. Nur so fühle ich mich wirklich lebendig. Gleichzeitig sehne ich mich nach einer Konstante. Diese innere Unruhe, Zerrissenheit, Getriebenheit – nennt es wie ihr wollt – stimmt mich manchmal traurig, einsam und verloren. Dennoch liebe ich den Weg, den ich gehe, bin zutiefst dankbar und vertraue darauf, dass die Dinge sich fügen. 

                Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann. J.P. Sartre

                Nova Scotia und Haymarket – Sehnsucht nach Vertrautem

                21 November – 05 Dezember 2017

                Nach einem weiteren einsamen Tag und schlechtem Hostel habe ich die Schnauze voll und buche spontan einen Flug zurück nach Halifax. Auch wenn die Sonne und das Meer verlockend sind, sehne ich mich nach vertrauten Menschen, bin müde, immer neue Bekanntschaften zu schließen. Also ab in kältere Gefilde zu Menschen, die das Herz erwärmen!

                Robyn sammelt mich am Flughafen ein und als wir uns Dartmouth nähern, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen, alles so vertraut – in meiner Erschöpfung genau das Richtige. Denn neben der Sehnsucht nach Nähe macht mir seit ein paar Tagen der Magen zu schaffen und die Klimaanlage in einem Hostel hat mir einen Schnupfen verpasst. Ziemlich energieleer verbringe ich somit unter liebevoller Fürsorge zwei Tage mit viel Schlaf, Serien schauen und kurzen Spaziergängen mit Robyn bis die Magenkrämpfe und der Kopfschmerz endlich nachlassen.

                Robyn ist wie immer bemüht mir eine schöne Zeit zu bescheren und mir neue Orte im wunderschönen Nova Scotia zu zeigen. So haben wir übers Wochenende einen Jeep und sie bringt mich zu einem kleinen beliebten Strand, Queensland Beach, in der Nähe von Chester, wo wir etwas verweilen, die Wellen beobachten und die Sonne den Körper angenehm wärmt. In Chester selbst legen wir einen Stop im Kiwi-Cafe ein.

                Queensland Beach

                Am darauffolgenden Tag besuchen wir wieder ihre Freundin Olga in Terence Bay. Sie ist eine dieser Personen, bei denen es sich anfühlt, als würde ich sie schon länger kennen. Mir gefällt ihre angenehm ruhige Art, gelassen und warmherzig geht sie durch die Welt. Gemeinsam mit Emily fahren wir los um zu schauen, was Olga’s Freundin Lynette am Nice View Drive Look-off beim Klettern mit Gleichgesinnten treibt. Zumindest ein wenig interessiert geschaut haben wir und spazieren nach kurzem Verweilen wieder Richtung Auto. Klettern ist aber auch so gar nicht mein Ding. Anschließend lädt Emily uns zu sich nach Prospect ein und wir kochen gemeinsam bei interessanten Gesprächen.

                Nice View Drive Look-off mit Robyn, Olga und Hund Ella. Emily schießt das Foto 

                Sonntag steht Brunch mit Ann und Dianne im veganen Restaurant EnVie auf dem Programm. Diane ist die Dame, die seit über zwei Jahren auf dem Great Trail unterwegs ist. Taffe Frau und wenn auch auf andere Art ist sie genauso abenteuerlustig wie ich.

                Brunch im EnVie: Robyn, Dianne, Ann und ich

                Die beiden raten uns, am Nachmittag noch zur Bucht Rainbow Haven zu fahren, wo wir zu einem langen Spaziergang zwischen Wasser und goldgelben Gräsern kommen.

                Rainbow Haven

                Nova Scotia verwöhnt uns in den zehn Tagen, die ich dort verbringe, mit viel Sonnenschein, nur wird es von Tag zu Tag kälter, doch mit dicker Jacke und warmen Socken von Robyn alles halb so wild.

                Meine Gefühlswelt: die Vertrautheit mit Robyn tut gut, wir sind liebevoll und aufrichtig miteinander, was zu Tiefenentspannung führt. Ich bin hin und hergerissen und denke mal wieder zu viel nach. Ein paar Monate hier zu verbringen, kann ich mir durchaus vorstellen, so wie ich mich und meine Getriebenheit kenne, will ich jedoch eines Tages wieder los.

                Mit Bruder Willi gehen wir ins Kino (Film Ladybird), testen ein neues Restaurant in Dartmouth mit Wein und Snack und an meinem letzten Tag treffen wir Olga und Lynette kurz auf eine Kleinigkeit beim Koreaner, bringen Lynette an den Flughafen, die beruflich nach London fliegt und machen uns anschließend auf zu Dinner und Übernachtung bei Shannon und Denise. Der Spaziergang am Meer nach dem Frühstück am nächsten Morgen macht den Kopf frei und bildet einen schönen Abschluss.

                Clam Harbour

                Am Abend geht es für mich weiter nach Virginia, von wo ich vier Tage später nach Deutschland fliege. Ja, ich komme heim – zumindest für ein paar Wochen. Angestoßen durch die Hochzeit meiner Freundin Franzi kurz vor Weihnachten habe ich entschieden, mich mal wieder in der Heimat blicken zu lassen.

                In den Tagen bei Carola unterstütze ich die Familie wie gewohnt mit Kochen und Backen, bringe die Kinder in die Schule und fühle mich wohl mitten im Familienleben gepaart mit erster echter Weihnachtsstimmung.

                Robyn schreibt mir: sie lässt mich „fliegen“, erwartet nicht, dass ich zurückkomme, um sich selbst zu schützen, wünscht mir, dass ich Entscheidungen treffe, die für mich gut sind. Ihre Nachricht überrascht mich nicht. Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu lesen bin, was es für mein Gegenüber schwer macht, seinen Platz zu finden oder einzuschätzen, wie ich für sie empfinde. Ich brauche Zeit zum Nachfühlen.

                Carola weiht mich in die Geschichte des Weihnachtself ein – was ein Spaß: der Weihnachtself wohnt am Nordpol und kommt nach Thanksgiving bis Weihnachten zu seiner ausgesuchten Familie (es gibt mehrere Elfen, sprich jede Familie kann seinen eigenen Elf haben). Jede Nacht stellt er Unfug an und wird am Tag zur Puppe. Man kann ihm Briefe schreiben, die „er“ natürlich gleich beantwortet und auch Geschenke machen. Payti, Taylor und Jordi stehen vor Aufregung mehrmals in der Nacht am Bett ihrer Eltern und rauben ihnen den Schlaf, wenn sie fragen, ob es schon morgen sei. So… dreimal dürft ihr raten, wer einen heiden Spaß bei der Unfugstifterei hat, so dass Tim irgendwann in seinem sarkastischen Ton meint, nachdem er das Ganze eine Weile mit Sorgenfalten beobachtet hat, der Elf wäre so ganz anders als in den letzten Jahren und etwas extrem. Schade, dass ich nur vier Tage da bin!

                Weihnachtself in Aktion

                Die Kinder sind so fest von der Echtheit dieses Elfs überzeugt, dass Jordi eine gefälschte Unterschrift zwei Wochen später todernst auf den Elf schiebt. Ich schmeiß mich weg!

                Das Wetter ist wie immer überragend hier, ich habe Spaß mit den Kindern, gehe laufen im Waldstück um die Ecke, habe gute Gespräche mit Tim und Carola und Stacy lässt es sich auch nicht nehmen, an einem Abend vorbeizuschauen, von Tim werden wir mit Piña Coladas versorgt.

                Joggen in den Sonnenuntergang

                Und dann ist es soweit: ich steige in den Flieger nach Frankfurt mit Vorfreude auf meine große bunte Familie und geliebte Freunde, gespannt, ob sich Deutschland so anfühlt wie ich vermute.

                Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. – Johann Wolfgang von Goethe

                Mérida –  unverhofft kommt oft

                08 – 14 November 2017

                Seit langem habe ich meine Bleibe mal wieder über Couchsurfing gefunden. Seinem Profil nach zu urteilen scheint mein Gastgeber Pepe sportlich und locker und seine Bewertungen sind alle positiv. Als ich abends bei ihm ankomme, öffnet mir ein Typ, der wohl bei ihm putzt. Zwanzig Minuten später taucht sein Mitbewohner auf, der Smalltalk mit mir macht, bevor er zum Yoga geht. Als Pepe selbst eintrifft, wirkt er total müde und wenn ich es nicht besser wüsste, bekifft. Er fragt, ob ich Lust habe, mich noch mit ein paar Freunden zu treffen – klar, warum nicht, ich bin spontan. Der Freund, zu dem wir fahren, wohnt bei seiner Mutter, das Haus ist riesig, drei weitere Jungs hängen in der Küche rum, alle Anfang zwanzig. Zu sechst zwängen wir uns ins Auto, fahren zum nächsten Supermarkt, um Bier und Whiskey zu besorgen. Ich komme mir vor wie in einer amerikanischen Teenager-Komödie. Zurück zuhause wechseln wir in einen abgetrennten Raum, in dem geraucht werden darf – na toll, ich male mir sofort aus wie alles an mir später stinkt. Die Jungs rauchen, trinken, quatschen und hängen immer wieder am Smartphone. Bei mir klopft der Kopfschmerz an. Der Gastgeber verschwindet kurz im ersten Stock und kommt mit einem Päckchen weißem Pulver zurück – ernsthaft? Jetzt wird also auch noch gekokst. Für ne ordentliche Line wird sich allerdings keine Zeit genommen, sondern reihum mit den Autoschlüssel geschnieft – die Jugend von heute, das kenn ich noch anders. Ich lehne dankend ab und nachdem ich mir das Ganze noch zehn Minuten anschaue, bitte ich Pepe mich heimzufahren, denn das wird hier offensichtlich eine lange Nacht und mein Kopfweh macht sich breit. Mit Bier in der Hand fährt er mich heim. Frustriert über die negative Erfahrung schlafe ich ein mit dem Gedanken: ich bin zu alt für so nen Scheiß!

                Am nächsten Morgen steht für mich fest, hier kann ich nicht bleiben, also suche ich mir online ein Hostel, schreibe mit letzter Hoffnung allerdings noch einem anderen Couchsurfer, Carlos, der direkt antwortet und darauf besteht, dass ich zu ihm komme, obwohl er gerade zwei weitere Gäste hat. Ich kann in der Hängematte schlafen, wenn es mir nichts ausmacht. Einmannzelt zu zweit, Parkbank, Hängematte – kein Problem für mich! Hängematten sind zudem wirklich bequem. Ich hinterlasse eine Notiz für Pepe (und höre nie wieder von ihm), nehme ein Taxi in die Stadt und vertreibe mir den Nachmittag im Restaurant Avocado in der Innenstadt. Was ich bisher von Merida gesehen habe, gefällt mir gut, die Stadt hat mediterranes Flair.

                Carlos Wohnung liegt nur ein paar Gehminuten entfernt und als ich am Abend vor seiner Tür stehe, empfängt er mich mit freundlichem Lächeln und gibt mir gleich das Gefühl, mich ganz zuhause zu fühlen. Ich treffe außerdem auf Miriam und Thomas aus der Schweiz: seit 21 Monaten sind sie unterwegs im umgebauten Mercedes Bus und stecken gerade hier in Merida fest, da ihr Fahrzeug seit Wochen in Reparatur ist und alles ewig dauert. Carlos ist auch für sie eine Art Retter in der Not, da sie sonst für mehrere Wochen im Hostel Geld bezahlen müssten.

                Nachdem ich kurz mein Erlebnis mit Pepe schildere, gehe ich mit Carlos direkt ein Bier trinken, bin aber schon ganz gespannt auf die Erlebnisse von Miriam und Thomas. So ergibt es sich, dass wir die folgenden Tage komplett zusammen verbringen. Ich bin so gar nicht interessiert an den Touristenattraktionen hier sondern genieße einfach nur die angenehme Gesellschaft der beiden. Wir bummelm gemeinsam durch die Stadt, schlendern über den Markt, fahren einen Tag mit Carlos Mitbewohnerin an einen nahegelegenen Strand und suchen an den Nachmittagen interessante Bars auf, die zu jedem Getränk Tapas, hier Botanas genannt, servieren. 

                cerveza, botanas y mercado
                beach day!

                Wir quatschen am laufenden Band, tauschen uns über unsere Reiseerlebnisse aus, stellen Unterschiede mit seinen Vor- und Nachteilen in der Art des Reisens heraus, was hat uns zum Reisen bewegt, was inspiriert uns, wo sehen wir uns in ein paar Jahren. Gesprächsstoff geht uns nie aus, ich fühle mich sehr wohl mit den beiden und finde ihre Geschichten überaus spannend, da ich eines Tages auch mit dem Auto unterwegs sein möchte. Thomas Humor ist erfrischend, Miriam ist eine sanfte Seele, beide sind wie ich unkompliziert und ich fühle mich durch die Begegnung mit ihnen bereichert. 

                Nach einer gemeinsamen Woche ist der Bus endlich repariert und wir verlassen Merida am nächsten Morgen. Miriam und Thomas steuern Oaxaca an, für mich geht es nach Tulum.

                Mein Gemütszustand: allerlei Optionen, wo es nach Mexiko hingehen könnte, springen in meinem Kopf umher.
                Mit Robyn verabrede ich, ein paar Tage nicht zu sprechen um Raum für Fragen zu öffnen, wie es weitergehen soll. Zur Erklärung: da ich nicht vorhabe, in naher Zukunft mein Leben in Deutschland fortzusetzen und mir in ein paar Monaten das Geld ausgeht, brauche ich langsam aber sicher einen Plan, wie wieder etwas Geld reinkommt. Manchmal warte ich nur darauf, dass sie sagt, sie hat keine Lust mehr auf diese Ungewissheit. Aber Hut ab, sie genießt den Moment, versucht nicht an morgen zu denken.
                Ich spüre, dass ich momentan einen stabilen Ort brauche zum Ausruhen, Kräfte sammeln, Erlebnisse verarbeiten, routinierte Abläufe, um wieder Neugier auf unbekannte Welten zu wecken. Dabei mehr Zeit mit Robyn zu haben, ist ein schöner Gedanke. Sollte ich zurückkommen, kann ich ihr nicht versichern, im Sommer zu bleiben und glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich weiter will. Ist sie gewillt das einzugehen? Eine Garantie gibt es ja sowieso nie.

                Stop being afraid of what could go wrong, and start being excited about what could go right.

                Bacalar – der 7-Farben-See

                04 – 08 November 2017

                We all have slow days, off days, days we feel tired or uninspired, but they are nothing to concern yourself with. Like the ocean, the stillness is just another of our natural states. soon, the winds will pick up, the waves will rise, and your imagination will flow again. Beau Taplin. Creative Block

                Mein Nachtbus erreicht um halbdrei Uhr morgens das kleine Dorf Bacalar. Ich laufe durch die stille Nacht Richtung Hostel Yak Lake, welches direkt am See liegt. Im Vorfeld hatte ich angefragt, ob ich mitten in der Nacht aufkreuzen kann, worauf ich die Antwort bekam, vor sechs Uhr eine weitere Nacht buchen zu müssen, was ich gar nicht einsehe. An der Straße am See finde ich ein paar Parkbänke und entscheide kurzerhand, hier zu warten. Der Ort wirkt friedlich und sicher, ich krame meine Stulpen aus Bolivien, Kaputzenpullover, Schal und mp3-Player aus meinem Hab und Gut, bette meinen Kopf auf meinem kleinen Rucksack und blicke in einen klaren Sternenhimmel – mit Musik im Ohr schwebt mein Geist in einen leichten Schlaf. Kurz vor sechs packe ich meine Sachen und laufe die letzten Meter zum Hostel, wo ich als allererstes ein großes einladendes Sofa erblicke, auf dem ich die letzten Stunden genausogut hätte verbringen können, was mir später einer der mexikanischen Angestellten bestätigt, der mich auf der Parkbank liegen sah. Die Lage direkt am See ist ein Traum, mit der Terrasse, dem Steg ins Wasser und der hochwertigen Einrichtung wundert es mich nicht, dass der Preis pro Nacht über dem Durchschnitt liegt.

                mein Schlafplatz in der ersten Nacht

                Abgesehen vom See und ein paar Cenoten gibt es hier nicht viel zu tun. Ich bleibe dennoch ganze vier Tage, denn mein Geist braucht Ruhe und zum Entspannen ist dieser Ort ideal. Somit beginne ich die Tage mit meinen Übungen und Meditation in den Sonnenaufgang am Ende des Stegs und schlage mir danach den Bauch voll mit dem üppigen Frühstück des Hostels: Bananen, Äpfel, Melone, Ananas, Papaya, Granola, Cereals, Toast – von allem ist mehr als genug für alle da, was in vielen Hostels leider nicht selbstverständlich ist. 

                Um mich herum höre ich alle deutsch oder englisch sprechen, was mich ziemlich abturnt. So langsam komme ich auch drauf, was mich genau stört: wer hier einfach ein paar Wochen mit Freunden verbringt, Orte abhakt, Sonne tankt und dann wieder nach Hause fliegt, ist hier genau richtig. Ich dagegen suche nach Austausch mit Kultur und Sprache, Kontakt mit Einheimischen – hier sehe ich eine klare Trennung zwischen den Mexikanern als Dienstleister und den Touristen  – vor meinem Hintergrund und momentanen Bedürfnissen bezweifle ich somit gerade täglich, am passenden Ort zu sein. Mit diesem Gefühl halte ich mich zunächst aus allen Konversationen heraus, letzten Endes finde ich mich aber doch inmitten interessanter Gespräche und neuer Bekanntschaften:

                Sue aus Köln macht ein paar Wochen Urlaub, hat wie ich zuviel vom deutschen Winter und sieht sich irgendwann als digitale Nomadin im Ausland arbeiten. Mit ihr mache ich eine zweistündige Bootstour über den See, die uns zu Cenoten und schwefelhaltigem Schlamm führt, den sich trotz des Geruchs nach verfaulten Eiern jeder auf die Haut schmiert, weil es gutes Peeling sein soll.

                Leo aus Schweden: anfang zwanzig, blond und helle Augen, trockener Humor ganz nach meinem Geschmack, dahinter spüre ich eine feine sensible Art. Ganz unerwartet sitze ich eines Abends mit ihm alleine auf der Terrasse als sich alle anderen schon früh ins Bett verabschiedet haben. Nach einem Monat in Jamaika ist er jetzt seit ein paar Wochen in Mexiko und hat vor, noch mindestens bis Mitte nächsten Jahres unterwegs zu sein, nächstes Ziel Brasilien. Er beginnt, von seiner Arbeit, seinem Leben und seiner Familie zu erzählen und offenbart bewegende und traurige Momente, die in mir den Impuls wecken, ihn einfach zu umarmen. Ganz überrascht von sich selbst, dass er sich mir anvertraut, bedanke ich mich und bestärke ihn darin, seine Geschichte zu teilen, da es ihm mehr Tiefe verleiht und er so auch sein Gegenüber dazu bringen kann sich zu öffnen, was wundervolle Verbindungen ermöglicht.

                Abgesehen von meiner täglichen Routine teste ich mit Sue, Leo und drei weiteren Backpackern an einem Abend das Essen im überaus gelobten veganen Restaurant Mango y Chile, was uns mit dem ersten Biss in Burger und Tacos sofort überzeugt. Ich spiele Karten mit Australiern, die als Freunde zusammen reisen und beneide sie um ihre Gesellschaft miteinander, da mir vertraute Menschen zum zusammen erleben momentan sehr fehlen.

                Der Blick in die Zukunft mit all seinen Optionen und Möglichkeiten überwältigt mich zuweilen: zu spüren, dass alles möglich ist und man seine Welt selbst kreieren kann, es in der Hand hat, wohin der Weg gehen soll, wirkt einerseits aufregend und euphorisierend; andererseits stresst mich die Qual der Wahl und ich frage mich, ob ich auf hohem Niveau jammere. Aber es kann einen bis zur Verzweiflung treiben, den Weg nicht klar vor sich zu sehen. Das Privileg von so viel Freiheit kombiniert damit, aus bequemen Routinen auszubrechen und sich allerlei neuen Ideen und Lebenskonzepten gegenüber zu öffen, kann einem den Atem rauben und man findet sich in einem Zustand von Orientierungslosigkeit. Wichtigster Kompass in all dem Wirrwarr: das Gefühl!

                Weit außerhalb der persönlichen Komfortzone spricht das Herz lauter als gewohnt und ist der zuverlässigste und wichtigste Ratgeber des Lebens.

                San Cristobal und Palenque, Chiapas – Vertiefung einer neuen Freundschaft

                30 Oktober – 03 November 2017

                Nachdem ich einmal mehr eine Nacht im Bus verbringe, komme ich am späten Montag Vormittag in San Cristobal an. Das Hostel La Isla ist mit viel Bedacht eingerichtet und man spürt, dass hier wirklich jemand wohnt. So haben sich ein paar junge Argentinier zusammengetan und diesen Ort kreiert, in dem sie leben und arbeiten. 

                Katzen geben dem Haus eine Seele

                Nach dem Check-in erkunde ich das charmante Städtchen, schlendere zum Markt, kaufe Guabas, eine meiner Lieblingsfrüchte hier im Süden und probiere Streetfood.

                Chloe kam schon gestern aus Oaxaca an und so treffe ich sie am Abend in der gut besuchten Weinbar La Vina de Bacco in der belebtesten Straße Real de Guadelupe: ein gutes Glas Wein bekommt man hier ab 20Pesos und mit jeder Bestellung werden sogar noch ein paar Tapas serviert. Dementsprechend brummt der Laden. Ich freue mich riesig, Chloe wiederzusehen und wir umarmen uns innig. Ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken, was jetzt passiert: ich bin mit Chloe in einer Weinbar – da kann ich nun wirklich nicht nein sagen, wann bekommt man in Mexico schon mal so günstig guten Wein. Chloe amüsiert sich köstlich, dass sie bisher bei all meinen Ausnahmen anwesend war, hier die aktualisierte Liste, wann gebrochen werden darf mit der Abstinenz: tastings, when it’s free, sunset, Weinbar, last night (steht noch aus)

                Am nächsten Tag nehmen wir an der walking tour teil, welche sich nach erster Skepsis als sehr empfehlenswert herausstellt: es gibt viel Essen zum probieren, der Guide führt uns zu interessanten Ecken und ihm liegt viel daran, uns bei Laune zu halten. Zum Abschluss probieren wir Posch, Hochprozentiges gebrannt aus Agave, danach landen wir wieder in der Weinbar.

                Dia de los muertos – Straßenumzug

                Bevor sich unsere Wege entgültig trennen, verbringen Chloe und ich einen letzten gemeinsamen Tag: wir gehen zurück an bestimmte Orte der walking tour, die wir uns nochmal in Ruhe anschauen möchten, blicken in Hinterhöfe, bummeln ein wenig und machen eine Pause bei Kukulpan, eine Bäckerei zum dahinschmelzen.

                Am Nachmittag fahren wir anlässlich des „dia de los muertos“ zum Friedhof: traditionell wird der Totentag hier groß und bunt gefeiert, was für uns aus dem Westen sehr befremdlich sein mag, aber eigentlich von viel mehr Akzeptanz gegenüber dem Kreislauf des Lebens zeugt und mit positiven Gedanken und heiterer Stimmung an die Verstorbenen erinnert wird. Der Friedhof selbst wirkt wie eine kleine Stadt und nicht ganz so bunt aber ähnlich kenne ich das aus Buenos Aires. Wir beobachten Menschen, die beim Essen zusammensitzen, lachen, es gibt Musik und Straßenverkäufer. An die Totenköpfe überall gewöhnt man sich übrigens schnell und sie sind jetzt für mich wesentlich positiver konnotiert als zuvor.

                Wir gönnen uns ein Dinner im traditionell mexikanischen Restaurant La Lupe mit anschließendem Kino in der Bar Kinoki um die Ecke – jeden Abend werden hier Dokus oder mexikanische Filme gezeigt und es gibt sogar kleine Kinoräume, die man privat mieten kann. Vor dem Schlafengehen heißt es Abschied nehmen, denn Chloe’s Bus nach Guatemala geht im Morgengrauen. Zu gerne würde ich sie noch länger an meiner Seite behalten; sie kennenlernen zu dürfen, war die Reise nach Mexiko schon wert.

                letzter Abend mit Chloe

                Für mich selbst geht es erst einen Tag später weiter: Zeit für Organisation, Blog und in mich hören. Mein Gemütszustand: ich empfinde es als anstrengend, dauernd neue Leute kennen zu lernen und sich an fremde Orte zu gewöhnen. Außerdem nerven mich die vielen Touristen hier. Wirklich mit den Mexikanern in Kontakt zu kommen, gestaltet sich schwierig, da die Beziehung zueinander mehr als Serviceleister und Kunde definiert ist. Mir fehlt der Aspekt, selbst zu erkunden, alles ist schon da und vorgegeben. In Südamerika war das so ganz anders, die Interaktion mit den Menschen dort war wesentlich intensiver, was mir einmal mehr bewusst macht, dass mein Herz in Brasilien und Chile hängt. Ich akzeptiere meine momentane Unentschlossenheit und vertraue darauf, dass irgendwann alles klar vor mir liegen wird.

                Wer in Mexiko reist, kommt an Ruinen und Tempeln kaum vorbei und so lege ich auf dem Weg an die Ostküste einen Zwischenstop in Palenque ein: morgens um vier werde ich am Hostel eingesammelt. Die Tour führt über beeindruckende Wasserfälle zu den Ruinen in Palenque. Guide suche ich mir keinen, nehme mir aber Zeit für die Schilder mit Infos auf dem Gelände. Brutal heiß ist es hier! Am selben Abend reise ich im Nachtbus weiter nach Bacalar.

                Ruins of Palenque

                Der Kopf muss lernen loszulassen. So kann die Seele wieder atmen und das Herz wieder zur Ruhe kommen.

                Puerto Escondido – beach time! 

                20 – 29 Oktober 2017

                30 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit und direkt am Meer: da steigt meine Laune ganz automatisch mit Vorfreude auf den Strand. Unser Hostel Casa Losodeli liegt nur zehn Gehminuten entfernt. Wir werden freundlich empfangen und in unser Zimmer geführt, welches direkt hinter dem Pool liegt, dessen Anblick mir ein ‚wow!‘ entlockt. Der ist ja groß genug zum schwimmen – geil!

                Wir legen ab und wollen direkt wieder los, unseren Hunger stillen. An der Bar des Hostels treffen wir auf Andrea: groß, schlank, braun gebrannt, blondes Haar, welches er mit einer Kappe verdeckt und viele viele Tattoos. Seine hellen grünblauen und doch sanften Augen stechen hervor. Wir fragen nach unserem Willkommensdrink, den man uns an der Rezeption angekündigt hat – Meskal. Da haben wir jetzt gar keine Lust drauf, also fragen wir ganz nett, ob wir gegen ein Bier tauschen können. Erst da meint Chloe: oh Sarah, you can’t drink! Hab ich das doch komplett vergessen – mein alkoholfreier Monat! Da wir aber gerade so in Stimmung sind, legen wir grinsend mehr Ausnahmen fest: Tasting und wenn es kostenlos ist – Prost! Wir schlendern die breite ruhige Straße Richtung Meer entlang, die gesäumt ist von Cafes, Bars, Restaurants und ein paar Surferläden. Letztendlich endscheiden wir uns für ein Restaurant mit einer Art Biergarten in sanftem Schein von Lichterketten: Tacotime! wir freuen uns auf ein paar Tage Strand und Pool.

                Ich mag Chloe mit jeder Stunde, die wir uns annähern, mehr: sie ist entzückend, entspannt und für ihre 27 Jahre hat sie viel erlebt. So reiste sie vor vier Jahren nach Vietnam, kaufte sich spontan ein Motorrad und fuhr damit von Norden nach Süden – ich bin beeindruckt! Sie spielt wohl verdammt gut Geige, zu gern würde ich sie mal spielen hören.

                Hostel Losodeli

                Mein Geist kommt langsam aber sicher zur Ruhe: Routine am Morgen auf dem Dach mit Übungen und Meditation in den Sonnenaufgang, eine halbe Stunde schwimmen – so beginnt der Tag doch schon viel energievoller. Die Meditation lässt mich wieder spüren, dass es nur hier und jetzt gibt, alles andere ist Hirngeficke.

                Meditation in den Sonnenaufgang
                Sonnenuntergang – Blick vom rooftop

                Ich habe entschieden, keine Volunteerarbeit zu machen und Chloe nach San Cristobal zu folgen: gute Menschen sollte man um sich behalten und sie tut mir gut, warum also früher trennen als es sein muss.

                Hier im Hostel lerne ich eine weitere coole Chica kennen: Kyra aus der Schweiz: Anästhesistin mit dem Privileg von vier Monaten Urlaub im Jahr, während denen sie durch die Welt surft, den besten Wellen auf der Spur. In ihr Auto hat sie sich ein Bett gebaut und ist an die besten Surfspots in Südeuropa gefahren. Sie ist sehr direkt und aufgeschlossen, was mir gefällt, ihre Stimme hört man schon von weitem. Wie ich ist sie mehr oder weniger ewig Single und will sich nicht einengen lassen, Wassermänner eben – sie inspiriert mich mit der Autogeschichte, früher oder später muss ich das auch machen. Als ich ihr von meiner Lebenssituation berichte, schlägt sie vor, in der Schweiz zu arbeiten. Zeitarbeit mit hohem Verdienst für sechs Monate im Jahr ist da Gang und gebe – ihre Tür ist immer offen für mich. Zu meiner Schwierigkeit mit Entscheidungen sagt sie: kein Stress machen und Zeit festlegen, in der einfach mal nichts entschieden wird – guter Tipp! Gerne hätte ich mehr Tage mit ihr verbracht, doch sie reist wegen gebrochener Rippen zwei Monate früher als geplant wieder nach Hause. An einem Abend schauen wir uns allerdings noch alle gemeinsam den Sonnenuntergang am Meer an – Ausnahme Nummer 3 für Bier.

                von rechts: Kyra, Chloe, ich, Andrea und drei weitere Schweizer
                Sonnenuntergang am Playa Coral

                Chloe geht nach vier Tagen zurück nach Oaxaca, ich bleibe hier und wir werden uns in San Cristobal wieder treffen. Heute morgen läuft Julio Iglesias, was mich gleich in gute Stimmung bringt, ich mag seine Schnulzen, erinnert mich an die Sommer in Frankreich.

                Andrea, der Barkeeper, muss nur abends arbeiten und so verbringen wir die Tage miteinander am Strand oder am Pool und kochen abends gemeinsam. Der kleine versteckte Strand Playa Coral, zu dem man in zehn Minuten radelt, ist ein unberührtes Paradies.

                Playa Coral

                Baby-Schildkröten auf ihrem Weg ins Abenteuer Leben
                Schlendern am Meer mit Andrea

                Andrea ist übrigens auch Schweizer und sein Land war hier zeitweise mit sieben Leuten vertreten, was sogar die deutschen Reiseweltmeister getoppt hat. Ich mag seine ruhige entspannte Art. Tief beeindruckt bin ich von seinem Erfolg dieses Jahr: er lief in dreieinhalb Monaten den Pacific Crest Trail, der im Westen der USA von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze führt und knallhart ist (mein Filmtipp hierzu: „Wild“ mit Reese Witherspoon). Bei einem Abendessen vertraut er mir seine ganze Geschichte an und in dem Moment verstehe ich, weshalb er nun die Stille und Ruhe sucht. Details kann ich ausnahmsweise nicht preisgeben, versprochen ist versprochen. Sein sensibles Wesen habe ich von Anfang an wahrgenommen, jetzt bekommt das Ganze Tiefe! Welch gutes Beispiel, wie vielschichtig wir doch sind – ich bin dankbar für sein Vertrauen.

                Die Ruhe hier ist herrlich, genau das, was ich gerade brauche! Mein Kopf schaltet endlich mal wieder ab, auch wenn irgendwo die Frage herumschwirrt, wie ich denn nach Weihnachten weitermachen will. Eine klare Antwort habe ich noch nicht parat, aber ich spüre: 

                Alles ist möglich, wenn ich den Weg erst einmal klar vor mir habe. Dann werden Energien freigesetzt, welche auch die verrückteste Idee erfolgreich in die Realität umsetzen.

                Oaxaca – ich finde eine Reisegefährtin

                16 – 20 Oktober 2017

                Die Region ist bekannt für seine tief verwurzelten Traditionen, seine Vielfältigkeit, gutes Essen und die vielen Möglichkeiten, aktiv zu sein. Als ich am späten Abend durch die Straßen Richtung Hostel laufe, spüre ich direkt den Charme dieser Stadt. Mit meiner Unterkunft habe ich einen guten Griff gelandet: bunt, viel Platz, riesige Dachterrasse, positive Atmosphäre. Ich richte mich ein und treffe auf Chloe, die auch gerade angekommen sein muss. Sie gefällt mir sofort: dreckige Lache, lässig, keine Tussi, aufgeschlossen und aus London: der Akzent ist Musik in meinen Ohren. Danach dauert es keine 24 Stunden, bis wir beide an dem Gedanken, ein Stück weit gemeinsam zu reisen, Gefallen finden.

                Iguana Hostel

                An meinem ersten Tag hier schlendere ich mit drei Jungs aus dem Hostel über den Markt und dann steuern wir den Berg hinauf, um uns Oaxaca (gesprochen „Oahaka“) von oben anzusehen. Phil aus Wales macht zwei Wochen Urlaub, zweifelt allerdings auch schon lange an dem Lebenskonzept, bis zur Rente zu schuften in einem Beruf, der ihn nicht wirklich erfüllt. Nach einem für mich irritierenden Start, in dem er ein paar aggressive schnippige Kommentare in meine Richtung macht, da er sich wohl von mir als Veganer angegriffen fühlt, bringt er mich doch oft zum Lachen – sein britischer Humor ist köstlich. Zusammen mit ihm, Chloe und drei weiteren Reisenden begeben wir uns am nächsten Tag auf einen gemeinsamen Ausflug: um sieben Uhr morgens nehmen wir den Bus in den Ort Cuajimoloyas, mit einer stolzen Höhe von 3200 Metern. Dort angekommen verlässt uns kurz jeglicher Antrieb, denn es regnet in Strömen, es ist kalt und die dichte Wolkendecke macht wenig Hoffnung. Wir entscheiden, erst einmal frühstücken zu gehen, danach sieht die Welt sicher schon besser aus. 

                Frühstück in traditioneller Stube

                Gestärkt und da wir nun schon mal hier sind, die Fahrt dauerte immerhin neunzig Minuten, entscheiden wir uns für die fünf-Stunden-Wanderung. An Regenjacken hat natürlich keiner von uns gedacht, aber es nieselt jetzt auch nur noch. Mit unserem persönlichen Guide laufen wir los und nachdem wir uns mit dem Wetter abgefunden haben, freuen wir uns über die Bewegung: es geht auf und ab, anstrengender als angenommen, Wasserfälle, unberührte Wiesen, stille Wälder, Höhlen und eine Bergspitze. Gegen Ende lässt sich sogar die Sonne blicken.

                Nach knapp zwölf Stunden kommen wir zurück nach Oaxaca und testen auf Empfehlung des Hostelbesitzers eine Tacobar – megalecker! An Mole kommt man hier übrigens auch nicht vorbei und muss man probiert haben: quasi das mexikanische Curry mit über zwanzig Gewürzen, wobei die Zusammensetzung sehr unterschiedlich sein kann. Abgerundet wird das Ganze dann mit Schokolade.

                Tacos, Mole und Früchte mit Chile y Limon

                Fast jeden Abend muss ich übrigens dankend ablehnen, wenn mir Alkohol angeboten wird oder kurz fragende Blicke beantworten. Alle zeigen jedoch Verständnis, denn wer reist, dem ist bekannt, dass das tägliche Bier oder Glas Wein zum Reisealltag gehört. In geselliger Runde beim Wasser zu bleiben, ist hart! Beim Mescal Tasting breche ich zum ersten Mal mit meinem abstinenten Monat – Ausnahmen bestätigen die Regel. Zudem gehts hier um Traditionen und Kultur.

                Mescal Tasting

                Chloe und ich werden nun wirklich gemeinsam weiterreisen und verbringen unseren letzten Tag in Oaxaca entspannt in Museen und Galerien, trinken Chocolate con agua mit Pan de muerte und ich erfahre etwas mehr über sie: ein Bruder, vier Pflegegeschwister, enge Bindung zur Familie, von ihrer Mutter spricht sie sehr respektvoll und wertschätzend, bewundert, was diese geleistet hat. Chloe ist Hebamme mit Leidenschaft; mit achtzehn geht sie nach Bolivien zur Freiwilligenarbeit und reist danach in Südamerika. Immer wieder stutze ich, was sie in ihrem jungen Alter schon alles unternommen hat. Ich bin froh, ihr begegnet zu sein, denn sie ist erfrischend, unterhaltsam und sehr angenehme Gesellschaft.

                entspannter Tag mit Chloe

                Gefühlswelt: meine Unschlüssigkeit raubt mir Energie: Osten oder Westen? volunteer Job oder nicht? nochmal Abstecher zu Robyn? was kommt nach Weihnachten? Bin von mir selbst genervt, komme nicht so wirklich in den Reiseflow.

                What lies before us and what lies behind us are small matters compared to what lies within us. and when you bring what is within out into the world… miracles happen.

                Was vor und hinter uns liegt, ist nebensächlich verglichen mit dem, was in uns liegt. Und wenn du dein Inneres hinaus in die Welt bringst… geschehen Wunder.

                Mexico City – bereit für die Weiterreise?

                09 – 16 Oktober 2017

                Eventually all things fall into place. Until then, laugh at the confusion, live for the moments, and know everything happens for a reason.

                Früher oder später fügen sich die Dinge. Bis es soweit ist: lache über die Verwirrung, lebe die Momente und sei dir sicher, dass alles aus einem bestimmten Grund passiert.

                Der Flieger hebt ab nach Mexiko City – um meinen Sitznachbarn nicht mit einem Heulanfall in Verlegenheit zu bringen, reflektiere ich über all das Positive, was Robyn in meine Welt gebracht und mich über mich selbst gelehrt hat: ich kann einfach ich sein, sie entspannt mich und hat etwas inspirierendes. Ich muss nicht mehr oder weniger für den anderen zeigen als ich wirklich empfinde. Es geht um den Geist, das Herz, den Austausch, die Inspiration.

                Gegen Mittag mexikanischer Zeit landen wir und ich will gerade Richtung Ausgang laufen, als mich Nick auf meine Yogamatte anspricht: längeres blondes Haar, groß, gutaussehend, Hippietouch. Nach ein paar Sätzen drückt er mir die Adresse für das bekannteste Retreatcenter ‚Hridaya‘ hier in Mexico in die Hand. Er spürt wohl, dass ich gerade ziemlich durcheinander bin. Aufgewachsen in Kanada, hält er sich momentan hauptsächlich in Indien auf um sich weiterzubilden, arbeitet aber auch mit dem Yoga- und Meditationsstudio hier in der Stadt; gerade reist sein Vater mit ihm, der frühzeitig in den Ruhestand ging um mehr vom Leben zu haben; beide scheinen sehr spirituell unterwegs. Ich springe mit den beiden ins Taxi und begleite sie zum Yogastudio, wir gehen essen, der Vater lädt ein. Erst gegen Abend mache ich mich letztendlich auf den Weg zu meinem Hostel ‚Massiosare‘, welches zentral, allerdings im vierten obersten Stock liegt – kein Wunder, dass es so günstig ist bei all den Stufen; nettes Personal und Dachterrasse. Da es schon relativ spät ist und dämmert, laufe ich noch schnell zum nächsten Supermarkt und dann auf direktem Weg wieder zurück, denn die Gegend scheint bei Nacht unsicher. Da ich nicht in der Stimmung bin für Austausch mit anderen, schaue ich im Netz nach einer free walking tour für den nächsten Tag – die sind immer gut um einen ersten Überblick zu bekommen. Dann macht sich ein Kopfschmerz breit, der sich ohne Tabletten nicht mehr vertreiben lässt. Tage später wird mir bewusst, dass mein Körper auf die Höhe hier reagiert hat: Mexico City liegt immerhin auf 2250 Metern.


                Bellas Artes

                Obwohl ich mich nur schwer aufraffen kann, die Stadt alleine zu erkunden, fülle ich meine Tage unter anderem mit Besuchen in interessanten Museen:

                • Frida Kahlo Haus: 25 Jahre lebte sie hier mit ihrem Mann Diego Rivera. Man bekommt einen Einblick in deren tägliches Leben, in Fridas berührende Lebensgeschichte und natürlich in die Kunst.
                La Casa Azul de Frida Kahlo y Diego Rivera
                • Museo Soumaya: unter anderem mit Skulpturen von Rodin (einer meiner Schwerpunkte im Kunstleistungskurs damals) und einem ganzen Stockwerk über Venedig. Die Architektur des Gebäudes ist spektakulär.

                • Museum of Modern Art: Fotografie (dafür bin ich immer zu haben) und eine Ausstellung zu hundert Jahre Schweizer Design, welche mich amüsiert, da die Gegenstände so vertraut sind: alte Swatch-Telefone, Designermöbel, Sportausstattung, Taschen, Sonnenbrillen.

                Ich schlendere durch Stadtviertel wie Condesa und Roma, die einen vergessen lassen, dass man sich inmitten einer der größten Metropolen der Welt befindet: stilvoll angelegt, überall grün, kleine Cafes, ruhig. Zwischenstopps an veganen Foodtrucks geben den Weg an, was bei dem riesigen Angebot hier kinderleicht ist. Ich besuche Märkte, finde einen besonderen Buchladen und beobachte Menschen, die mir auf der Straße begegnen.

                Mein Eindruck von der Megastadt: überall streetfood, die Schärfeauswahl genau nach meinem Geschmack, Tacos für 15Pesos (=0.7€), saubere Straßen, bunte Häuser, hippe Stadtviertel, Plakatwerbung mit weißen Menschen, die komplett am typischen Mexikaner vorbeigeht. Getrennte Abteile in der Metro für Männer und Frauen/ Kinder zum Schutz der Frauen – es gab wohl ein paar Fälle von Übergriffen, Smog, Neugier der Leute. Vom ersten Moment an komme ich mir vor wie ein bunter Vogel: alle starren mich an mit meinen hellen Haaren und größer als die meisten Mexikanerinnen bin ich auch.

                Mit Francesco, dem Führer der walking tour gehe ich an einem Abend aus: wir starten in einer kleinen Bar und enden auf einer Dachterrasse gegenüber des Palast Bellas Artes, wo Salsa getanzt wird, er stellt sich als verdammt guter Tänzer heraus und schwingt mich gekonnt über die Tanzfläche. Ich trinke viel zu viel Bier, Francesco begleitet mich zu meinem Hostel, wobei wir auf sein Anraten die verlassenen dunklen Straßen meiden und beim Abschied startet er noch einen Annäherungsversuch.

                Am nächsten Morgen wechsel ich das Hostel, denn mit den wackeligen Stockbetten im 13er Zimmer schlafe ich beschissen. In meiner neuen Bleibe Hostel Gael ist die Bettensituation hervorragend: Einstieg am Fußende, wie kleine Kabinen, viel Privatsphäre, gute feste Matratze, Kopfkissen besteht den Test auch – ich schlafe tief und fest in den Tagen hier.

                Außerdem entscheide ich, einen alkoholfreien Monat einzulegen: schon seit langem scherze ich, dass ich während meiner Reise zum Alkoholiker geworden bin. Tatsächlich gab es nur selten Tage, ich denen ich nicht mindestens ein Glas vor mir hatte und der Abend mit Carola hat mich nachdenklich gestimmt, ich vertrage zuviel! Zu späterem Zeitpunkt mehr dazu, wie schwer sich dieses Vorhaben als Reisender verwirklichen lässt.

                Mein Gemütszustand: hätte ich nicht doch länger in Nova Scotia bleiben sollen? Was hat mich da nur getrieben? Ich fühle mich einsam, hätte gerne einen Freund hier um Mexiko gemeinsam zu erleben; sehne mich nach Intimität, Vertrauen, Freundschaft, Lachen, Liebe und Austausch von Gedanken. Jede Woche neue Bekanntschaften schließen, die immer mit demselben Smalltalk beginnen: wo kommst du her, wie lange reist du schon, wo warst du schon, wie war es da, wo gehst du hin? Unter all diesen Begegnungen finde ich natürlich immer wieder Persönlichkeiten, die ich direkt ins Herz schließe, näher kennen lernen möchte, die mich zum Lachen bringen. Wenn es gut läuft, kann man ein paar Wochen gemeinsam verbringen, meist sind es aber nur ein paar Tage, dann trennen sich die Wege, es heißt Abschied nehmen und das Spiel geht von vorne los. Aber ich bin gerade satt, nicht wirklich aufnahmefähig. Ja, ich bin Abschiede gewohnt, aber einfacher wird es deshalb nicht! Vielmehr weckt es die Sehnsucht wieder tiefere Verbindungen zu erleben.

                Kann ich Mexiko überhaupt genießen in diesem Zustand? Ich suche nach Flügen zurück nach Halifax. Da es allerdings nicht in meiner Natur liegt, schnell aufzugeben und ich oft den bekannten harten Weg wähle – alles andere scheint zu einfach – will ich mir ein paar Wochen Zeit geben, in mich hinein hören, sehen wie sich mein Gefühl entwickelt. Dazu brauche ich eine ruhigere Umgebung, weshalb ich Mexico City nach einer Woche verlasse.

                Jede Phase unseres Lebens lehrt uns etwas Wertvolles. Ob wir bereit sind zu verstehen oder nicht, liegt an uns.

                Prince Edward Island and Nova Scotia

                02 – 09 August 2017

                Eine Woche Urlaub steht an: ich fliege auf die Insel zu Kirsten und Shawn’s Hochzeit. Danach hab ich vier Tage in und um Halifax – dachte mir, wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Gegend erkunden. Für die erste Nacht auf der Insel ist ein Hostel in Charlottetown reserviert, morgen holt mich Kirsten ab und nach weiteren zwei Nächten will ich irgendwie nach Halifax. Gebucht habe ich nichts, wird sich schon etwas ergeben; über Couchsurfing tut sich allerdings fast gar nichts; die Canadier scheinen viel reservierter und unflexibel, die meisten sind überhaupt nicht aktiv auf der Platform, im Süden war das einfacher.

                Im Flieger von Halifax nach Charlottetown ist gerade mal Platz für achtzehn Personen, freier Blick zum Cockpit – definitiv das kleinste Flugzeug, in dem ich je saß. Angekommen frage ich den erstbesten Menschen, der sich ein Taxi herwinkt, ob wir es uns teilen können; scheint ihm ziemlich egal zu sein, also steige ich mit ein. Gesprächig ist er nicht gerade, daher konzentriere ich mich auf den Taxifahrer: gemütlicher Typ mit Vollbart, der die Insel wahrscheinlich kennt wie seine Westentasche, da er hier geboren und aufgewachsen ist. Als mein Mitfahrer zuerst abgesetzt wird, will ich fragen, was ich schuldig bin, doch er winkt ab und als wir alleine sind, meint er: dir mach ich einen speziellen Preis. Der Herr hier ist Businessman, bekommt es wahrscheinlich eh bezahlt und schläft im Hotel. So bekomme ich meine Fahrt zum halben Preis.

                freier Blick zum Cockpit

                Das Hostel macht einen sehr guten Eindruck, etwas befremdlich finde ich nur die Privatfotos des Besitzers und seiner Frau an den Wänden. Ich lege ab, bekomme einen kurzen Rundgang, Dusche, dann schlendere ich durch den Ort bis ans Ufer. Alles sehr ruhig und idyllisch hier, man fühlt sofort, dass die Uhren etwas langsamer ticken. Den Abend verbringe ich im Hostel, unterhalte mich hier und da mit anderen Gästen, die überwiegend aus Canada und Deutschland sind.

                downtown Charlottetown
                Hostel, waterfront

                Am Donnerstag mittag holt mich Kirsten mit Freundin und Mutter ab und für letzte Erledigungen geht es über die Insel, von hier nach da. An der Hochzeitslocation Centre Goeland treffen wir auf Bräutigam Shawn und ein paar Freunde und Familie. Nach dem Beziehen unserer Zimmer erkunde ich das Gelände: wir sind wirklich direkt am Wasser mitten in der Natur – das wird eine Feier ohne den ganzen überflüssigen Schnick Schnack. Am Abend übernehme ich die Aufgabe, das Gastgeschenk für die Damen fertigzustellen: Lippenbalsam! Kann man schon mal erst am Abend vor der Hochzeit machen. Bei einem Glas Wein schmelze ich Bienenwachs, Kokosöl und Sheabutter und fülle die Minitigel – sieht richtig professionell aus.

                wedding location

                Freitag, 04. August: wedding day! Kein Wölkchen am Himmel, könnte kaum perfekter sein. Die Zeremonie beginnt am Nachmittag, so bleibt vorher sogar Zeit für etwas Sport und einen Sprung ins Wasser. Um meine Weiterreise hab ich mich immer noch nicht gekümmert, spekuliere aber darauf, dass irgendjemand schon in dieselbe Richtung fährt. Hostels sind auch schon fast ausgebucht, aber ich habe irgendwie die Ruhe weg. Nach und nach trudeln Familie und Freunde ein und dann ist es auch schon soweit und alle schlendern Richtung Wiese am Meer. Ich schnappe mir noch schnell ein Bier, das ich leere, bevor ich meinen Platz auf einer der Holzbänke mit Blick aufs Wasser einnehme.

                gleich gehts los – Wetter: überragend!

                Es wird nicht lange um den heißen Brei geredet und so darf Shawn seine Braut nach nicht mal dreißig Minuten küssen.

                Während der Fotograf unendlich viele Fotos schießt, vertreibt sich die Gesellschaft die Zeit mit Austern essen und dem ein oder anderen Getränk.

                Nach drei Gängen Essen, ein paar kurzen Reden und dem Anschneiden des Kuchens tritt die Band auf, was die Tänzer aus ihren Stühlen holt. Ich bin nicht in der Stimmung und habe neben mir Kirstens Mum, der es genauso geht. Gegen elf kommt Greg, ein Freund der Familie und meint, wir müssen uns den Mond anschauen. Also laufen wir an den Strand und der Sternenhimmel bietet im Zusammenspiel mit Mondschein und Wasser einen Anblick wie gemalt. Während wir hier so stehen und uns unterhalten, stellt sich heraus, dass Greg morgen ganz in die Nähe von Halifax muss und bietet an, mich in den Nachbarort Dartmouth mitzunehmen. Ja, ihr lest richtig: elf Uhr abends nach ein paar Gläsern Wein finde ich meine Mitfahrgelegenheit.

                Samstag morgen nach schnellem Frühstück verabschiede ich mich von den frisch Vermählten. Nach einer unterhaltsamen Fahrt setzt Greg mich gegen zwei am Nachmittag in Dartmouth ab. Ich bin müde, habe Hunger und bin unschlüssig, was ich mit dem Rest des Tages machen soll. Mit der Fähre schon rüber nach Halifax oder hier erst mal eine schöne Terrasse in der Sonne suchen? Hostels sind eh ausgebucht, vielleicht lassen die mich eine Nacht auf dem Sofa schlafen. So laufe ich ein paar Straßen mit meinem kleinen geliehenen Rucksack auf und ab und stehe am Ende vor der Bar Battery Park. Sieht hip und einladend aus, im Hinterhof eine Terrasse, das ist es.

                Ich suche mir einen Platz in der Sonne an einem der langen Picknicktische, bestelle Cider und veganen Burger und logge mich ins wifi ein mit der Hoffnung, doch noch jemanden auf Couchsurfing zu finden.

                Battery Park in Dartmouth

                Ich plaudere kurz mit einem Typ, der hier mit Freunden verabredet ist. Als diese eintreffen, nutze ich den Moment um weiter im Netz zu suchen, lange sitze ich jedoch nicht allein: Kyle und Don stehen rechts neben mir und fragen, ob sie sich setzen können. Kyle trägt Kappe, wirkt lässig, jünger als ich, Don definitiv etwas älter, viele Tattoos, seine Gestik wirkt feminin, ein Paar sind die beiden aber glaube ich nicht. Sie sind aus Toronto und machen hier gerade Urlaub – und schon bin ich wieder am quatschen, so wird das nichts. Ein paar Minuten später klingt sich der Typ schräg gegenüber auf meiner linken Seite ein, der wohl auch in Toronto lebt und den ich erst jetzt bemerke. Brian ist mit einer Freundin hier. Robyn. Sie sitzt auf meiner Seite und ich bin etwas perplex, dass ich die beiden nicht kommen gesehen habe, so vertieft war ich in mein Telefon in meiner obdachlosen Situation. Wir rutschen zusammen und man könnte meinen, wir hätten uns hier alle verabredet. Brian ist Filmregisseur und gerade mit seinem Team in der Stadt, sein Skaterstyle lässt ihn sehr jugendlich wirken, beide sind total aufgeschlossen und entspannt. Liegt vielleicht auch daran, dass sie vorher schon in einer anderen Bar getrunken haben, wie ich später erfahre. Ich fühle mich sofort wohl mit den beiden. Robyn geht mit ihrem lässig hochgesteckten lockigen Haar, ihrem sportlich schicken Outfit und ihrer offenherzigen Art locker als Ende dreißig durch. Als ich erwähne, dass ich mich eigentlich um eine Bleibe für die Nacht kümmern muss, schaut sie mich an und meint: „You can sleep at my place!“ Ich tausche einen Blick mit ihr aus – meint sie das ernst? Sie entgegnet, dass sie in einer Familie mit offenen Türen aufgewachsen ist und mich gerne mitnimmt. Das macht sie gleich noch sympathischer, denn diese Offenheit kenne ich von meiner Familie. Wir bestellen das zweite Bier und ich muss innerlich lächeln, da mein tiefes Vertrauen in das Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit mir heute Robyn schenkt und diese Begegnung eine der schönsten seit langem sein wird.

                Don und Kyle müssen los, aber wir verabreden uns für den Abend. Dave, ein Freund von Robyn, der hier arbeitet, setzt sich noch zu uns. Ich erfahre, dass Brian und Robyn sich vor langer Zeit bei der Arbeit kennenlernten und seitdem enge Freunde sind, sie ist Production Designerin, arbeitet seit kurzem Teilzeit in einer Organisation für geistige Gesundheit und verbringt ihre restliche Zeit mit kreativer Arbeit. Dass sie auf Frauen steht, lässt sie mich auch direkt wissen.

                links: Brian und Freund von Robyn, Dave. rechts: Robyn und ich. Typ hinter mir kennen wir nicht: photobomb 🙂

                Als ich ihre Wohnung betrete, die nur ein paar Gehminuten entfernt liegt, fühle ich mich direkt pudelwohl: wir richten auf die gleiche Weise ein und wie bei mir gibt es hier viele kleine Dinge zu entdecken. Die Frau hat Geschmack!

                Nach kurzem Ausruhen und Dusche machen wir uns gleich wieder auf den Weg. Wir genehmigen uns einem Drink zu zweit an einer Hotelbar und stoßen danach in einer Openair Bar am Hafen zu Brian und seiner jungen Assistentin Madison, die er mitgebracht hat. Die Vertrautheit der beiden irritiert mich, da ich am Nachmittag noch Fotos von Partnerin und Kindern gezeigt bekam – aber nicht meine Angelegenheit. Bevor wir weiterziehen in den Seahorse Club kommen wir noch in den Genuss eines Feuerwerks und ich bin ganz angetan von den herzförmigen Lichtern am Himmel.
                Im Club treffen wir Don und Kyle wieder. Brian und Robyn stellen sicher, dass der Alkohol fließt, Brian macht sich an Madison ran, Kyle zeigt auch Interesse und checkt bei mir ab, was zwischen den beiden ist. Durch die Konkurrenz verliert Brian bei dem jungen Hüpfer kurz die Oberhand und kommt mir etwas näher. Robyn macht mir den ganzen Abend charmante Komplimente. Alles entspannt und wir tanzen durch den Abend. Don ist auf einmal irgendwann verschwunden, schreibt mir lange Nachrichten wie ein eifersüchtiger Freund und scheint nicht klarzukommen damit, wie wir uns amüsieren – Dramaqueen! Geht gar nicht!

                Ziemlich müde und gut betrunken kommen wir nach Hause und bevor wir ins Bett fallen, mache ich mich noch über Toastbrot und Oliven her – viel mehr gibt Robyn’s Kühlschrank für mich nicht her.

                Den Sonntag gehen wir gemütlich an, quatschen und lachen den ganzen Tag, kein Thema ist tabu und ich hab das Gefühl über alles mit ihr reden zu können, relativ schnell sind wir uns einig, dass ich die kompletten vier Tage bei und mit ihr verbringe.

                Am Montag besuchen wir Brian bei der Arbeit und werden Teil der TV Show, die sich schnell als ziemlich bescheuert herausstellt, da das Gebäck in der Bäckerei übertrieben gelobt werden soll und eigentlich nur nach viel Zucker schmeckt. Aber wir haben dennoch Spass, denn Robyn’s Mum, Bruder und Nichte sind auch dabei, die Kreativität zieht sich offensichtlich durch die ganze Familie; als professioneller Entertainer und ehemalige Schauspielerin sind Bruder und Mutter die Highlights des Drehtages.

                hinter der Kamera: the Baker Sisters

                Mittags setzen wir Robyn’s Familie zuhause ab, das Sommerwetter ruft nach Strand, also machen wir uns auf zur Terence Bay an eine kleine Bucht, erfrischen uns dort im kühlen Nass, eine Freundin, die in der Nähe wohnt, schaut kurz vorbei. Und weil es so nah ist, bringt Robyn mich gegen Abend noch zu einer der berühmtesten Ausflugsziele hier in Nova Scotia: Peggy’s Cove.

                Unser Gesprächsstoff geht uns nicht aus, die Parallelen zwischen uns sind mir fast schon unheimlich, fühlt sich ein bisschen an wie eine zweite Version von mir in einer anderen Welt. Ihre positive und offenherzige Art emfinde ich als besonders erfrischend, sie ist so herrlich unkompliziert.

                Ihre Geschichte fasziniert mich:

                • im Alter von nur einem Jahr erleidet sie durch einen Unfall mit heißem Wasser schwerste Verbrennungen an einem Bein, geht von da an durch viele Ops und Schmerzen, die Narben heute bringen sie in manchen Situationen nach wie vor in Unsicherheiten
                • sie besucht das Internat, in dem ihr Vater als Lehrer arbeitet, widmet viel Freizeit dem Sport und gehört meist zu den Besten in jeglicher Sportart
                • sie ergreift einen kreativen Beruf und arbeitet im Filmbusiness, gewinnt im Jahr 2003 den Leo Award für Production Design in Vancouver,BC. Ihr Auge fürs Detail zeigt sich in jeder Ecke ihrer Wohnung.
                • Aus meiner Familie bin ich mit geistigen Krankheiten vertraut, daher berührt mich ihre Erkrankung vor vielen Jahren besonders. Wenn man sie heute erlebt, ahnt man nicht das Geringste davon. Ihr liegt viel daran, die damit zusammenhängenden Stigmata zu bekämpfen
                • ihre Kreativität inspiriert mich, ich lerne viel Neues kennen, in manchen Momenten fühlt es sich an als lebt sie das aus, was ich in mir habe und weckt meine Sehnsucht nach mehr
                • wie ich ging sie durch viele ungesunde Beziehungen, ihre Angst nicht geliebt zu werden kenne ich – die profunde Angst von uns allen.
                • sie hat gute Menschen um sich und mag es, mit Fremden zu sprechen, gibt mir das Gefühl, dass ich vom Süden vermisse: dass wir alle verbunden sind, dieselben Gefühle teilen, sie sieht das Gute im Menschen. Ich habe genug von all dem oberflächlichen Denken und Handeln, schnellen Urteilen.
                • sie zeigt mir eine bis dahin unbekannte Welt – ich lasse mich treiben

                zwei meiner Lieblingsbilder von Robyn:

                An meinem letzten Tag will ich nach Lunenburg, doch mit einem Blick aus dem Fenster am frühen Morgen ist klar, dass es heute nicht aufhören wird zu regnen. Daher nehme ich mit Robyn die Fähre nach Halifax, setze mich für den Vormittag in die Bibliothek, erledige ein paar Dinge in der Stadt und besorge Zutaten fürs Abendessen, wobei ich versuche möglichst im Trockenen zu bleiben. Robyn holt mich im Mietwagen ab und ich begleite sie zu einem Treffen mit einer Arbeitskollegin, wo wir unser erstes Bier bestellen.

                Ich koche unser letztes gemeinsames Essen, irgendwann fallen wir müde in die Kissen und ich schlafe zum ersten Mal seit Ewigkeiten tief und fest. Der Wecker klingelt noch vor sechs Uhr, wir kommen nicht aus dem Bett – eine Stunde später sind wir innerhalb von fünf Minuten frisch und auf dem Weg zum Flughafen.

                Wir umarmen uns mehrmals fest, mein Herz wird schwer, Robyn hat mich tief berührt und mir viel Liebe und Vertrauen geschenkt. Ich weine auf dem Weg zurück nach Montreal.

                I am learning to say Yes, to be daring and spontaneous, to hurl myself into people and places and moments without hesitation or second-guessing myself – to challenge my anxieties, to confront my fears, to trust unwaveringly in chance and fate to lead me to where I am supposed to be. – Beau Taplin. The Yes Man

                Ich lerne ja zu sagen, mutig und spontan zu sein, mich in Menschen, Orte und Momente zu werfen ohne zu zögern oder mich zu hinterfragen – mich meinen Ängsten zu stellen, unerschütterlich in Chance und Schicksal zu vertrauen um mich dahin zu führen wo ich sein soll.

                Toronto, Canada

                06 – 17 April 2017

                Veränderung!

                I see change, I embody change. All we do is change. Yeah, I know change. We’re born to change. We sometimes regard it as a metaphor that reflects the way things ought to be. In fact, change takes time, it exceeds all expectations, it requires both now and then. See, although the players change the song remains the same and the truth is you gotta have the balls to change! – Intro Joss Stone album

                Ich sehe Veränderung, ich verkörpere Veränderung. Alles, was wir je tun, ist, uns zu verändern. Ja, ich kenne Veränderung. Wir sind dazu geboren. Manchmal betrachten wir sie als Metapher, die die Dinge darstellt wie sie sein sollten. Tatsächlich braucht Veränderung Zeit, sie übertrifft alle Erwartungen. Sie bedarf sowohl des Jetzt als auch der Zukunft. Auch wenn die Spieler sich verändern, bleibt das Lied doch das gleiche und die Wahrheit ist, du musst die Eier haben, dich zu verändern!

                Mit schwerem Herzen komme ich zum Flughafen und erledige den Check-in wie ferngesteuert. Als der Flieger abhebt, gibt es endgültig kein Zurück mehr. Ich beruhige mich mit den Worten: alles hat seinen Sinn. Eine Stunde vor der Zwischenlandung in Atlanta werden wir informiert, dass das Unwetter dort so heftig ist, dass wir in Florida tanken müssen, bevor es weiter geht – fängt ja gut an. Wir bekommen Landeerlaubnis und selbst mit der Verzögerung sollte alles nach Plan laufen. Diese Rechnung zerschlägt mir der gut gelaunte Grenzbeamte allerdings gleich als er mir mitteilt, dass mein Anschlussflug drei Stunden Verspätung hat. Eine Ahnung, dass das nicht alles ist, bestätigt sich als ich gegen mittag die Wartehalle betrete und nach und nach das Ausmaß des Chaos hier am Flughafen überblicke: später lerne ich, dass Atlanta den größten Flughafen in den USA hat und genau hier macht sich heute ein Unwetter vom Feinsten breit. 

                Konkret bedeutet das: hunderte Flüge werden gecancelt, Menschen stehen Schlange an den Schaltern und wollen alle mit dem nächsten Flieger an ihr Reiseziel. Mein Flug wird mehrmals verschoben, gecancelt und wieder verschoben. Wäre ich mal lieber in Lima geblieben! Für eine Stunde wird zur Sicherheit sogar alles dicht gemacht, da geht nichts rein oder raus.

                Doch es gibt einen Lichtblick: Anthony besucht mich am Flughafen – ihn hatte ich beim Frühstück in Salvador kennengelernt und er hinterließ mir seine email um in Kontakt zu bleiben.

                unerwarteter Besuch am Flughafen 

                Da es noch Stunden dauert bis ich hier wegkomme, nimmt er mich mit, raus aus dem Flughafen, zu einem veganen Imbiss und besteht darauf, mich einzuladen. Wir sind zunächst die einzigen Gäste und ich bin ganz in unser Gespräch vertieft, als Anthony meint, er kennt die Frau neben uns – Angela Bassett! weltbekannte Schauspielerin – hier neben uns in diesem unscheinbaren kleinen Restaurant.

                Anthony mit Angela Basset

                Wir fahren wieder an den Flughafen; nach viel hin und her steht fest: heute komme ich hier nicht mehr weg.  Anthony bietet mir an, mich mit zu sich zu nehmen und morgen früh wieder her zu fahren – da sag ich nicht nein, denn die Nacht auf dem Boden in der Wartehalle zu verbringen, ist nicht wirklich verlockend. Wir fahren noch zum Supermarkt für Snacks, unterbewusst frage ich mich, was Anthony die ganze Zeit am Handy macht und als ich glaube, wir sind auf dem Rückweg zu ihm, hält er auf einmal in der Einfahrt eines Hotels: auf so überraschenden Besuch ist er nicht vorbereitet und hat heimlich ein Hotelzimmer gebucht, anstatt mich in sein angebliches Chaos mitzunehmen. Ich bin gerührt und als ich mich auf mein Bett schmeiße, bedauere ich sofort, dass wir nur so wenige Stunden in diesen verdammt gemütlichen Betten schlafen können. Wer weiß, wann ich sowas wieder bekomme!

                Wir quatschen noch eine Weile bis ich in einen tiefen Schlaf falle und nach vier Stunden klingelt der Wecker, mit dem Sonnenaufgang bin ich zurück am Flughafen.

                Insgesamt vierzig Stunden, nachdem ich in Lima aufgebrochen bin, komme ich in Toronto bei meinem neuen Gastgeber an. Das Wetter – zum kotzen! Grau, kalt und Dauerregen – nicht wirklich hilfreich, meine Stimmung zu heben. Ich fühle mich komplett falsch hier, erlebe einen Kulturschock – was mach ich hier? Dann noch die Frau an der Rezeption des Hochhauses, wo mein Gastgeber Turker lebt, die mit ihrer Unfreundlichkeit nur so um sich schlägt. Ich dusche, schreibe mit Raj, zu dem ich schon morgen umziehe, dort erst mal drei Tage bleiben kann und versuche dann auf dem Sofa zu entspannen bis Turker nach hause kommt. Wir essen im Shoppingcenter gegenüber und unterhalten uns dann bis spät am Abend – netter Typ, kommt aus der Türkei, arbeitet wie die meisten zuviel. Er überlässt mir für die Nacht sein Bett, da er früh am nächsten Morgen los muss, ich nehme am Nachmittag den Bus zu Raj, er wohnt direkt am High Park.

                Raj begrüßt mich mit Handschlag – ich fühle mich zurückgewiesen, das bin ich gar nicht mehr gewohnt, der Kuss auf die Wange fühlt sich für mich natürlicher an. Wie muss es jemandem gehen, der sein ganzes Leben in Süden gelebt hat und dann hierher kommt? Raj ist sympathisch und offen, lustig und positiv, das macht das Kennenlernen leicht, seine Wohnung ist wunderschön, hier fühle ich mich sofort wohl und nach nicht mal zwei Stunden finden wir uns in tiefsinnigen Gesprächen über die Liebe.  Als der Hunger kommt, gehen wir vegane Burger essen. Wenn ich’s nicht besser wüsste, könnte ich schwören, das ist Hühnchen!

                be an adult, be vegan!

                Am nächsten Morgen mein erster Lauf seit langem und ganz zufällig findet heute ein Wettlauf hier im Park statt; ich mische mich unter die Menge.

                Das Wochenende steht vor der Tür, Raj hat Zeit für mich, zeigt mir die Stadt mit ihren vielen Stadtvierteln in seinem BMW. Wir verstehen uns blendend und so werden aus drei Tagen ganz schnell zehn, Raj will mich gar nicht mehr gehen lassen und hat andauernd das Bedürfnis mich zu umarmen, was laut ihm normalerweise gar nicht seine Art ist: what are you doing with me, Sarah?!

                • Sonntag Nachmittag Party in einem riesigen Loft downtown: hier trifft sich schräg, schick and abgefahren, zwei DJs in den zwei größten Zimmern, viele kleine Räume, von denen die ein oder andere Tür zuweilen geschlossen ist – man darf vermuten, was dahinter vorgeht. Später kommt eine Liveband, gute Musik. Ich kämpfe immer noch mit meinem Kulturschock, kann den Abend dann aber doch genießen.
                • Brunch, coole Cafes, hippe Bars

                • ich mache Raj beim Poolspiel fertig; er meint, das wären unfaire Bedingungen, da ich ja sicher andauernd in irgendwelchen Hostels gespielt habe – recht hat er.
                • Tag am Ontario lake: ich entdecke einen schmalen Pfad, Raj will mich zurückhalten: ’stop it Sarah, that’s too dangerous!‘ Mit diesem Satz treibt er mich allerdings erst recht raus, spüre, wie lebendig ich mich hier fühle. Ich brauche Abenteuer, Verrücktheit, ein Stück weit Unvernunft – zuviel Routine, Anpassung und erwachsenes Verhalten machen mich krank! Ein Tourist filmt mich und meint im Scherz, er hat erwartet, dass ich stürze und er das Video auf youtube stellen kann, sehr witzig. Wenn der wüsste, was ich im Süden alles gemacht habe. Ich vermisse Südamerika!

                Sarah stop, you’re crazy!

                abends Livemusik in uriger Bar
                • Spaziergänge durch die verschiedensten Stadtviertel: Roncesvalles, Kensington, Ossington, Chillen im Park und größtes Shoppingcenter der Stadt

                Kensington – das Hipsterviertel. typisch deutsches Essen hier: Döner!

                • ‚Steam Whistle‘ Brauereiführung mit anschließendem Spaziergang entlang des Ufers. Wir essen ‚Beavertail‘ und beobachten dann die Bewegungen des Stadtflughafens mit seiner kurzen Start- und Landebahn.

                Ich bin auf Zimmer- und Jobsuche, besorge mir eine Simkarte – habe beschlossen es einfach mal laufen zu lassen. Wenn’s gar nicht geht, ist schnell ein Flug gebucht. Raj ist mir eine große Hilfe: er kennt sich aus, weiß, wo es schön und günstig ist. 

                Raj sagt, ich habe eine anziehende Ausstrahlung, fühlt sich gut in meiner Nähe, hat das Gefühl mich schon ewig zu kennen. Ich fühle mich auf jeden Fall sehr entspannt mit ihm: er hat Humor, zeigt viel Gefühl, ist ehrlich und offen, seine Routinen und Angewohnheiten sind amüsant: hab selten jemanden erlebt, der so sauber ist, alles hat seinen Platz, ich ziehe ihn auf mit seinen duftenden hochwertigen Cremes – er bringt mich oft zum Lachen. Sein Musikgeschmack ist ausgezeichnet, er hat einen Sinn für schöne Dinge, liebt die Ordnung, kauft geplant ein, fragt sich jetzt nach der Begegnung mit mir aber auch, wofür er soviel Geld spart und hat eine Sehnsucht einfach alles stehen und liegen zu lassen und zu reisen. Raj kommt aus Indien und es ist spannend ihm zuzuhören, aus erster Hand vom Leben dort zu hören, was mich schon immer interessiert hat und das Land seit langem auf meiner Reiseliste steht. Wochen später schreibt er mir, dass ich ihn inspiriert habe und er gerade Schritte in die Wege leitet um eine Weile wie ich zu reisen.

                Die Tage vergehen, ein Zimmer hätte ich schon, aber alles mega teuer hier; eine halbe Nacht liege ich wach und frage mich, was ich hier überhaupt mache: die Leute sind kühl und reserviert, man spürt das Geld an jeder Ecke, das Wetter noch kalt, keine sehr schöne Stadt, natürlich hat es tolle Cafes und Bars, aber keinen Charme, der einen sofort einfängt. Ich habe keinerlei Motivation hier in Toronto zu bleiben. Ich vermisse den Süden!!! Die Hitze, das Chaos, das Spontane, die Nähe zu anderen, die sich über so viele Kleinigkeiten ausdrückt: Umarmungen, Küsse, Lachen, Augenkontakt, die Sprache.

                Am nächsten Morgen steht mein Entschluss fest: ich ziehe weiter nach Montreal: die Miete kostet nur halb so viel, ich kenne die Stadt, alles etwas übersichtlicher und außerdem schöner. etwas mulmig ist mir einzig bei dem Gedanken, dass sicher alte Erinnerungen wach werden. aber ein Flug ist schnell gebucht, nicht wahr?

                Mit einem gemütlichen Tag auf der Couch mit Film, Wein und kochen am Abend schließen Raj und ich unsere gemeinsame Zeit ab. Ein Freund, der bleibt! Allein für ihn war es die Reise hierher schon wert.